Vor 7 Wintern
Wasser plätscherte. Nein. Es tropfte vielmehr von der Decke herab. Durch ein kleines Loch, wohl ein Fenster, drang wenig Licht in das modrige Gewölbe. Es stank nach Exkrementen, Schimmel und Tod. Höhlenratten huschten in den Ecken umher. Das Wesen, eingekerkert, rührte sich. Zischend erhob es sich und ging auf die Jagd. Das Rattenfleisch war wenigstens etwas essbares. Manchmal vergingen Monde, bis ein kleines Schälchen durch das winzige Loch in der alten, aber massiven Eisentür gereicht wurde.
Das Wesen murmelte mit der Dunkelheit. Der einzige Freund der noch geblieben war. Neben den Ratten. Aber die waren ja auch Nahrung. Konnte Nahrung ein Freund sein?
Von Ferne erklangen Schreie. Folter. Blut. Tod. Grausame Erinnerungen kamen beinahe zurück. Das Wesen hatte seinen Namen, sein Gedächtnis, schon sehr, sehr lange nicht mehr gebraucht. Brauchte es auch nicht. Die Dunkelheit schützte es. Schritte erklangen. Ungewöhnlich. Das Wesen schmiegte sich an die Wand, direkt rechts neben der Tür. Der Kampf mit den Höhlenratten hatte es zu einem perfekten Jäger der Nacht gemacht. Leise und schnell. Immerhin. Das Essen durch die Tür kam normalerweise lautlos. Die Lautstärke der Schritte nahm zu. Stoppten. Noch einmal würde es niemand foltern. Schlüssel klirrten. Die Tür donnerte auf, und eine Fackel flog in das Verlies. Erhellte es. Der Wächter sah das Wesen nicht. Hörte es nicht. Er trat ein. Gekleidet in einer rubinroten Robe. Panzer war keiner sichtbar, aber der Kopf wurde durch einen ebenso roten Helm versteckt. Das Wesen sprang und griff an. Es hatte keine Chance, ein Faustschlag streckte es bewusstlos zu Boden. Der Wächter nickte nur, und 2 weitere betraten den Raum, ebenso gekleidet, aber mit Stäben bewaffnet. „Bringt in nach oben. Wascht ihn. Gebt ihm zu Essen, aber achtet darauf, dass er sich nicht übernimmt.“ Als Antwort erklang nur ein knappes „Jawohl.“ Sie warfen sich das Wesen, einem Bündel gleich, über die Schultern und verließen das Verließ, und die Unterwelt.
Der dritte wandte sich an der Türschwelle noch einmal um, und ließ seinen Blick über das Verließ schweifen. Er streckte seine Hand aus, der Raum wurde in gleißendes Licht gehüllt und explodierte. Trotz der offensichtlichen Mächtigkeit des Zaubers drang nichts der zerstörerischen Kraft über die Türschwelle. Auch blieben die Wände unversehrt. Die Tür schlug zu und der Rotgewandete eilte wieder ans Tageslicht zu gelangen.
Als er wieder in den Hof der Burg trat bot sich ihm dasselbe Bild der Verwüstung, das jede eroberte und geschleifte Burg bot. Die Burg selber lag auf einer kleinen Insel vor der Küste des großen Kontinents. Nebelschwaden umgaben sie. Ein Ort der Macht, stark genug einen der Drei gefangen zu halten. Ein unheimlicher Dämon, Diener des Orakan hielt ihn hier gefangen. Lord Ardor, Hoher Magier der Anor. Vielleicht der mächtigste Magier den die Welt je sah.
Der Wächter fröstelte. In der Nacht nach der Eroberung hatte es Neuschnee gegeben. Die Geschichte der Gefangennahme war bekannt. Der Anorelf hatte sich auf einer gefahrvollen Mission für seine Gefährten geopfert und war seiner Macht mittels eines unheimlichen dunklen Rituals beraubt worden. Nach einer Weissagung deren Bedeutung außer wenigen Mitgliedern des Hohen Rates niemand zu deuten wagte, zogen die Anor aus um die Robe, den Mantel und den alten Knorrenstab des Hochmagiers zu bergen. Mantel und Robe wurden gefunden. Der Stab blieb verschollen.
Vor 2 Wintern
Eine kleine Gruppe Elfen bestiegen den Alten Berg, um eine Beschwörung durchzuführen. Mit ihnen ging ein besonderer Elf. Es stürmte und schneite, aber zügig erklomm die Gruppe den Berg. Auf seiner Spitze umringten sie den einen Elfen. Er war nackt. Wusste seinen Namen nicht. Hatte keine Macht. Die Elfen, der Hohe Rat der Anor, begann zu singen von einem Lied der Macht. Blitze durchzuckten den mit einem Male pechschwarzen Himmel. Bald erhoben sie die Hände und sammelten die elektrischen Entladungen. Es ward still. Mit einem hellen Glockenton entluden sie die Blitze in den nackten Elfen. Er war gereinigt. Er war zurück. Des größten Teiles seiner Macht beraubt, aber bei klarem Verstand. Er hob die Hand und grüßte den Hohen Rat. Ihm wurde ein kleines Bündel gereicht. Es enthielt seine Robe, seinen Mantel. Er erinnerte sich. Sein Stab war der einzige Gegenstand, der groß genug war seinen Kräften als Gefängnis zu dienen. Eine schmerzliche Entdeckung. Von nun an würde er, bis er seinen Stab gefunden hatte, zu Fuß gehen müssen.
Vor 1 Winter
Er hatte geübt. Er trug einen Ring an seinem Finger. Ein Geschenk des Rates. Er ermöglichte es ihm im begrenztem Maße zu zaubern. Immerhin. Es war Zeit auszuziehen und seinen Stab zu finden, und so machte er sich auf den Weg durch die Lande.
Jetzt
Ardor war in Garoshk – nahe Gilom – angekommen. Er hoffte in diesem Kaff einen Hinweis zu finden. Zunächst aber suchte er das örtliche Gasthaus auf.