Lisa und Jochen nickten bestätigend.
„Gut“, sagte die Argonierin. „Das ist so üblich, wenn man in den Reihen der Schwarzen Hand aufgenommen wird. Unsere Ruhigsteller werden ebenfalls an der Versammlung teilnehmen und…“
Es klopfte von draußen an der Tür und Ocheeva stand auf, um sie zu öffnen. Zwei weibliche Zwillinge standen draußen, beide in eingehüllte Rüstungen gekleidet und mit strohblonden langen Haaren. Ihre Augen waren azurblau und ihr Gang war leicht und geschmeidig. Sie waren etwas kleiner als die Geflüsterten, doch von unbeschreiblicher Anmut und sowohl mit Pfeil und Bogen, als auch mit einem eleganten Kurzschwert bewaffnet, welches von der Form her an die Klingen der Elben aus den Herr-der-Ringe-Filmen erinnerte. Ihre Haut war von edler Blässe und nicht eine Spur rot war auf ihren Wangen zu finden. In manchen ihrer Haarsträhnen waren abwechselnd bunte und schwarze Perlen eingeflochten worden, die erste von ihnen trug grüne, die zweite blaue Kugeln.
„Ah, meine Ruhigstellter!“, rief Falanu freudig und gab Jochen das Buch zurück, der es stöhnend auf dem Boden absetzte. „Wir haben gerade von euch gesprochen.“
„Ich hoffe, nur Gutes“, sagte die erste der beiden und verbeugte sich leicht. Sie und ihre Schwester waren ungefähr in Jochens und Lisas Alter, etwas jünger vielleicht, aber auf jeden Fall achtzehn. Sie trugen beide ihr Haar offen und jede ihrer Bewegungen schien der der anderen bis ins letzte Detail zu gleichen.
„Eigentlich ging es nur darum, dass ihr heute Abend in den Gemächern der Schwarzen Hand zugegen sein werdet“, antwortete die Sprecherin und stellte sich in die Mitte zwischen Lisa, Jochen und den Zwillingen, um sie einander vorzustellen.
„Dies hier sind Dinahria und Danahla Othram. Von den meisten werden sie ‚Dinah’ und ‚Danah’ genannt, doch das bleibt euch überlassen. Und das hier sind…“
„Die Geflüsterten!“, beendeten die Zwillinge wie aus einem Mund den Satz und Jochen fragte sich, ob sie das Isolight-Spiel kannten.
„Sehr angenehm“, sagte er und streckte ihnen die Hand aus, doch anstatt diese zu ergreifen, verbeugten sich Dinah und Danah vor ihm und Lisa. Verblüfft und ratlos, wie sie darauf reagieren sollten, warteten sie ab und als nichts geschah, schlug Lisa unschlüssig vor: „Also, wenn wir wollt, könnt ihr auch wieder hochkommen…“
„Ja, Geflüsterte!“, antworteten sie schon wieder gleichzeitig und stellten sich aufrecht vor ihnen hin.
„Wie kommt es, dass du zwei Ruhigsteller hast?“, fragte Lisa neugierig, denn soweit sie es richtig verstanden hatte, hatte jeder Finger lediglich einen persönlichen Diener, über den er frei verfügen konnte.
„Eine Ausnahme“, antwortete Falanu stolz und musterte die Zwillinge wohlwollend. „Beide kamen für diese ehrenwerte Aufgabe in Frage und als ich mich nicht zwischen ihnen entscheiden konnte, habe ich Telaendril gebeten, die Mutter der Nacht um Rat zu fragen. Diese wollte genauso wenig wie ich, dass die beiden getrennt werden und befahl schließlich, dass ich sie beide zu meinen Ruhigstellern machen sollte.“
„Wir sind der Mutter der Nacht sehr dankbar“, sagte Dinah, welche sich von ihrer Schwester nur anhand der grünen Perlen in ihrem Haar unterschied.
„Ja“, sagte Danah und nickte gewichtig. „Sie hat dafür gesorgt, dass wir zusammenbleiben können.“
Dabei sah sie Lisa vielsagend an, während Dinah Jochen genauer beobachtete.
„Hey, klasse…! Herzlichen Glückwunsch“, murmelte Lisa verlegen, weil es ihr unangenehm wurde, so von Danah angestarrt zu werden. „Also, wenn das alles war… dann können wir doch jetzt eigentlich auch wieder gehen… oder?“
„Ja“, sagte Ocheeva schmunzelnd und gab Narbenschwanz, der laut fluchte, einen weiteren Keks. „Wenn ihr möchtet, dürft ihr unseren Patienten nachher noch einmal besuchen, jetzt aber ist es besser, wenn er sich erst einmal ausruht.“
Sie sah lächelnd zu ihren Bruder herüber, der ihr die Zunge rausstreckte, aber man konnte dennoch erkennen, dass er insgeheim sehr froh war, bei ihr und Teinaava zu sein.
„Wir sollten auch gehen“, stellte Falanu fest und klatschte abschließend in die Hände. „Wenn noch etwas benötigt wird, ich befinde mich in den Gemächern der Schwarzen Hand. Allerdings dürfte Narbenschwanz mit dem, was ich bisher für ihn bereitgestellt habe, fürs erste zurechtkommen. Trotzdem, man kann ja nie wissen.“
Sie stellte eine kleine Phiole mit – wie konnte es anders sein? – einer rosafarbenen Substanz auf den Tisch und bedeutete den Zwillingen mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen. Dinah und Danah liefen ihr im Gänsemarsch hinterher und blickten Jochen und Lisa zum Abschied schwärmerisch entgegen. Offenbar hatten sie soeben zwei neue Bewunderer gewonnen.
„Auf Wiedersehen, Narbenschwanz! Wir schauen nachher noch mal vorbei!“
„Und wir bringen dir Bier mit!“, rief Jochen und winkte der im Bett liegenden Schattenschuppe zum Abschied zu. Er hatte das Buch unter seinen Arm geklemmt und hievte es hin und wieder hoch, da es ständig drohte, herunterzurutschen.
Als sie die drei Argonier alleine gelassen hatten und draußen auf dem Flur standen, waren sie zunächst unschlüssig, was sie als nächstes tun sollten, da sie es bisher gewohnt waren, von einer Person zur anderen geschickt zu werden. Falanu und die Zwillinge, welche dem Gang nach links folgten, betraten den Bereich, der ausschließlich Mitgliedern und Ruhigstellern der Schwarzen Hand zugänglich war. Ein rotes Handsymbol war neben der Tür, welche zu diesen besonderen Gemächern führte, in die Wand eingelassen und leuchtete rot, als die Sprecherin ihre eigene Hand dagegen drückte. Sofort schnappte das Schloss auf und sie erhielten Zugang. Danach fiel der hölzerne Türflügel mit einem lauten Krachen wieder zu und sie standen allein auf dem Korridor.
„Reizend, die drei“, murmelte Lisa zynisch und überlegte, ob sie und Jochen ebenfalls Zutritt zu den Gemächern der Schwarzen Hand erhalten hatten.
„Ich find sie eigentlich ganz nett“, erwiderte Jochen und meinte damit die Dunkelelfe. „Allerdings finde ich die Zwillinge etwas gruselig. Hast du gesehen, wie die mich angestarrt haben? Zum Glück hatte ich meine Brille nicht auf!“
Lisa grinste bei dem Gedanken daran, wie Dinah und Danah danach fragten.
„Stimmt.“
Sie lächelten.
„Was wollen wir jetzt eigentlich bis zum Abend tun?“, fragte Jochen ein wenig ratlos, da sie sich im Moment um keinen besonderen Auftrag kümmern mussten.
„Keine Ahnung“, antwortete Lisa und zuckte die Schultern. „Wir könnten eigentlich mal frühstücken gehen.“
„Wohl eher Mittagessen“, sagte Jochen und sah auf seine Uhr, die er nach den Zeigern der großen Kapelle von Cheydinhal gestellt hatte. Zu seiner großen Erleichterung war die Zeit hier ebenfalls in genau zwölf, beziehungsweise vierundzwanzig Stunden eingeteilt, sodass er auch hier stets wusste, wie spät es war. „Es ist bereits kurz vor zwei. Vielleicht gibt es ja in den Wohngemächern etwas zu schnabulieren.“
„Dimm-dü-düpp-düpp!“, machte Lisa theatralisch und prustete einen Augenblick später los. Jochen tat es ihr gleich, weil ihre Äußerung so unerwartet gekommen war und gemeinsam gingen sie lachend nach rechts zur Eingangshalle zurück und mit einer gewissen Vorfreude in den Wohnraum, wo es bereits köstlich duftete.
„Hm“, seufzte Jochen und sog den Geruch tief ein. „Das riecht nach Auflauf! Gnihihi! Los, komm, bevor alles weg ist!“
Sie erwarteten bereits eine große Gruppe von Mitgliedern der Dunklen Bruderschaft, die sich heißhungrig um einen großen Topf gestellt hatten und diesen nun bis zum Boden ausleerten. Doch als sie die Treppenstufen, die zum eigentlichen Wohnraum führten, hinuntergeeilt waren, fanden sie nur Antoinetta Marie vor, die gerade eine große Tonform aus dem Backofen holte. Mit prüfendem Blick besah sie sich ihr Werk und nickte dann zufrieden. Als sie sie bemerkte, winkte sie fröhlich und rief: „Kommt ruhig näher! Es ist gerade fertig geworden!“
Verwundert taten sie, wie geheißen und setzten sich staunend an den Tisch, der bereits fertig mit Silbergeschirr gedeckt worden war, welches bis ins letzte Detail glänzte. Jochen legte das schwere Buch neben sich auf der Bank ab und achtete sorgsam darauf, dass es nicht herunterfallen konnte. Dann bemerkte er auf seinem Teller einen kleinen Schokoladenbonbon. Auf Lisas war ein ähnlicher zu finden.
„Hast du uns erwartet?“, fragte Jochen ein wenig misstrauisch und beobachtete, wie die blonde Frau aus einer der Schubladen des Küchenschrankes eine große Kelle hervorholte.
„Nicht wirklich, nein“, antwortete sie und griff nach zwei Topflappen, mit denen sie die Auflaufform umfasste und auf einem auf dem Tisch liegenden hölzernen Untersetzer abstellte. „Aber ich decke immer ein paar Gedecke mehr auf, weil ich es nicht mag, alleine zu essen.“
„Warum isst du denn dann nicht mit den anderen zusammen?“, fragte Lisa erstaunt und wurde von dem Geruch des Essens stark an den Zucchiniauflauf erinnert, den sie einmal für Jochen gemacht hatte. „Ich dachte, es gibt hier so etwas wie feste Essenszeiten.“
Antoinetta kicherte.
„Ja, das stimmt, die gibt es auch. Aber ich bin nun einmal die einzige hier, die sich traut, mit Knoblauch zu kochen.“
„Sich traut?“
Jochens Augen weiteten sich vor Freude, als ihm der Teller mit dem Auflauf gefüllt wurde.
„Ja. Sich traut. Die meisten der Mitglieder wagen es nicht einmal, das Wort Knoblauch in den Mund zu nehmen, wenn Vicente auch nur in der Nähe ist. Aber dann auch noch damit zu kochen… als ich noch nicht Luciens Ruhigsteller, sonders ein Assassine dieser Zuflucht war, hat er sogar einmal damit gedroht, mich zu einem Vampir zu machen, wenn ich nicht damit aufhören würde, Speisen mit Knoblauch zuzubereiten. Seitdem wird damit nur noch gehandhabt, wenn Vicente sich gerade auf einem Auftrag befindet.“
Jochen dachte etwas peinlich berührt daran, wie er und Lisa vor wenigen Tagen noch mit dem Vampir gesprochen hatten und er am Abend davor Unmengen von Knoblauch in sich hineingeschaufelt hatte. Dann allerdings blickte er auf das Essen auf seinem Teller und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Verstehe“, sagte Lisa langsam, die den gleichen Gedanken wie Jochen gehabt hatte. „Und das hat dir keine Angst gemacht?“
Antoinette schüttelte den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht. Vicente ist zwar ein Vampir, aber er ist nicht stärker als ich. Davon abgesehen wäre seine Tat einem Angriff gleichgekommen und das hätte den Zorn von Sithis erweckt.“
Sie tat Lisa ebenfalls eine Portion auf den Teller, danach sich selbst und setzte sich dann zu ihnen.
„Echt? Aber ich dachte, es sei lediglich verboten, ein Mitglied zu töten.“
„Korrekt. Das dritte Gebot der Dunklen Bruderschaft besagt jedoch, dass man Mitgliedern höheren Ranges niemals den Gehorsam verweigern darf und da ich damals recht schnell in den Rang eines Assassinen aufgestiegen bin und Vicente nur ein Schlächter war, hatte er keinerlei Recht mehr, mir Befehle zu erteilen. Die Tatsache, dass ich nun auch noch Ruhigsteller geworden bin, hat ihn mir gegenüber noch feindseliger werden lassen, obwohl er mittlerweile den Platz eines Henkers ausfüllt.“
Lisa sah sie verwirrt hat und vergaß völlig, ihre gefüllte Gabel zum Mund zu führen. Als es ihr wieder einfiel, steckte sie sich den Bissen hastig zwischen die Zähne und fragte, nachdem sie sorgsam gekaut hatte: „Äh… diese Rangabfolge… wie war die doch gleich noch mal?“
Antoinette schmunzelte und tupfte sich geziert mit einer Servierte die Lippen ab.
„Das ist ganz einfach“, sagte sie leichthin und goss sich in ihr Silberglas Rotwein ein. ‚Tamika’ war auf dem Etikett der braunen Flasche zu lesen. „Es gibt insgesamt acht Stufen innerhalb der Familie. Die erste hat man bereits erreicht, wenn man den Probemord ausgeführt hat.“
„Den Probemord?!“, fragte Jochen entgeistert und verschluckte sich beinahe an seinem Essen. „Was für ein Probemord?“
„Davon hat Gogron uns doch mal erzählt, weißt du noch?“, antwortete Lisa und entsann sich der Geschichte des Orks. „Er musste damals einen Mann namens Rufio töten und unser Probemord war Kapitän Tussaud.“
„Der, den wir als erstes umbringen mussten…“, sagte Jochen nachdenklich und kaute ein wenig langsamer.
„Richtig!“, sagte Antoinetta zustimmend und freute sich offenbar, dass Lisa und Jochen sie verstanden hatten. „Diese erste Stufe, die man damit erreicht hat, ist die Stufe des Mörders. Folglich sind die meisten Mitglieder der Dunklen Bruderschaft Mörder, denn es ist nicht immer leicht, in den nächsten Rang aufzusteigen. Je mehr man sich in der Ordnung hocharbeitet, desto schwieriger und riskanter werden die Aufträge, die man erhält. Als Mörder ist es ein Kinderspiel, jemanden zu ermorden, weil die Ziele meistens allein und in leicht zugänglichen Gebäuden oder gar in der freien Wildnis zu finden sind. Als Schlächter ist es da schon ein wenig schwieriger. Das ist die zweite Stufe, die man erreichen kann.“
Interessiert hörten die Geflüsterten ihr zu und erfuhren in den folgenden zwei Stunden, das nach dem Schlächter der Eliminator, dann der Assassine, als fünftes der Henker und danach der Ruhigsteller kam. Die schwarze Hand, bestehend aus den vier Fingern und einem Zuhörer bildete die Oberschicht und der Zuhörer hatte das absolute Kommando und musste nur von der Mutter der Nacht persönlich Befehle entgegen nehmen.
„Das ist eigentlich schon alles“, sagte sie abschließend und füllte Jochens Teller ein zweites Mal, der sich sofort über seine neue Mahlzeit hermachte. „Viel mehr gibt es nicht zu erzählen, außer natürlich, dass mit dem Rang auch die Belohnungen steigen. Mein Schwert hier zum Beispiel“, sie tippte an die Scheide der Klinge, „war Teil meines Soldes, als ich Luciens Ruhigsteller wurde. Es ist mit einem Seelenfallenzauber behaftet und deswegen schimmert es so violett, wenn man es auf einen Gegner richtet.“
„Was ist ein Seelenfallenzauber?“, fragte Jochen neugierig, bevor er mit dem Messer noch mehr Auflauf auf seine Gabel schob.
„Das wisst ihr nicht?!“, frage Antoinette verwundert und sie schüttelten die Köpfe. „Seltsam… so etwas weiß eigentlich jeder… nun ja, wie auch immer. Seelenfallen sind dazu da, um die Seele eines Lebewesens, das man tötet, einzufangen. Sie sind extrem nützlich, wenn man verzauberte Waffen benutzt.“
„Wie jetzt?“, fragte Lisa, die nicht richtig durchschaute, wovon Antoinetta sprach. „Wie kann man denn eine Seele ‚einfangen’? Ist das jetzt symbolisch gemeint?“
Die Ruhigstellerin bedachte sie mit einem skeptischen Blick.
„Nein, wie kommst du darauf? Seelenfallen gibt es wirklich, es sind Zaubersprüche oder verzauberte Waffen, die man auf Tiere und Monster anwenden kann. Man braucht dazu nur den Zauber und einen Seelenstein, in dem die Seele aufbewahrt wird.“
Jochen und Lisa sahen sich staunend an und versuchten sich vorzustellen, wie so ein Seelenstein aussehen mochte. Beide hatten das Bild eines gläsernen Kiesels vor sich, in welchem ein kleines Männchen saß und wütend von innen mit der Faust gegen die durchsichtige Wand hämmerte. Als Antoinetta bemerkte, dass sie sich auch unter diesem Begriff nichts vorzustellen vermochten, holte sie aus ihrer Hosentasche einen kleinen, violetten Stein hervor, der zu Jochens und Lisas Verwunderung genauso aussah, wie ihre beiden Glücksbringer, die sich in ihren Roben befanden.
„Hier, so sehen sie für gewöhnlich aus. Es gibt viele verschiedene Sorten von ihnen, je nachdem, wie groß die Seele ist, die man einfangen will. Man zerschlägt den Stein mit der Waffe und die magische Energie wird von der Klinge aufgesogen. Ich hatte einmal das Vergnügen, mit Mraaj’ Dar zusammenzuarbeiten. Damals trug ich noch ein Feuerschwert und der Khajiit hat es dann wieder und wieder mit seinen Seelensteinen aufgeladen, während ich die Gegner, die sich uns in den Weg stellen, beseitigt hab. Das waren noch Zeiten…!“
Sie leerte ihr Glas in einem Zug und zog ihr Schwert aus seiner Scheide heraus. Dann warf sie den Seelenstein hoch, zerteilte ihn mit der Klinge in der Luft, worauf er zerbarst und in tausenden von Lichtfunken zerstäubte. Kurz darauf nahm ihre Waffe einen verdächtig violetten Farbton an und glänzte in Licht der Fackeln, die an den Wänden brannten.
„Seht ihr? So geht das. Die Seele ist im Seelenstein solange gefangen, bis man ihn zerschlägt und die Seele in die Waffe übergeht. Danach wird sie mit jedem Hieb, den man ausführt, verbraucht, bis sie schließlich ganz verschwindet und man eine neue Seele fangen muss. Ziemlich grausam, nicht wahr?!“
Sie grinste feixend und steckte ihr Schwert in die Halterung zurück.
„Allerdings“, versetzte Lisa bestürzt und malte sich aus, wie es wäre, wenn ihre Seele ‚verbraucht’ würde. Sonderlich angenehm stellte sie es sich nicht vor.
„Nun ja, so ist Tamriel eben. Schön und doch grausam. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zum Ruhigsteller aufgestiegen bin: Ich sollte in Skingrad an einer inszenierten Feier teilnehmen und alle fünf Teilnehmer nacheinander ermorden, sodass niemand mitbekommt, wie der andere stirbt. Meine eingehüllte Rüstung konnte ich da natürlich nicht tragen, sonst hätte ich mich sofort verraten. Also musste ich mich verkleiden und ein wenig Schminke auflegen, wenn ihr versteht, was ich meine. Das ist oft so in unserem Handwerk: Wir sind nicht nur Mörder, sondern auch Schauspieler und Betrüger, die ihre Opfer umschmeicheln müssen, um sie hervorzulocken. Das Lustige an der ganzen Sache damals war, dass Lucien mich im letzten Moment davon abhielt, die Dunmer Dovesi Dran, die ich mir bis zum Schluss aufgespart habe, zu töten. Stattdessen hat er sie rekrutiert und sie zu einem Mitglied der Dunklen Bruderschaft gemacht. Wie sie später herausstellte, war sie eine gesuchte Banditin, die dem Organisator der Feier schon so manches Mal ein Dorn im Auge war.“ Antoinetta kicherte erneut. „Und nun ist sie ein Henker in Anvil und obendrein Hüter von Haus Benirus, der dortigen Zuflucht unserer Familie.“
„Wow“, sagte Lisa und nickte anerkennend. Das, was Antoinetta ihnen berichtet hatte, war unerwartet interessant, doch zugleich war es auch befremdlich, mit einer Frau am Tisch zu sitzen, die auf so undenkbar kaltblütige Weise morden konnte. Dennoch wirkte Luciens Ruhigstellerin unbeschwert, nahezu unschuldig, besonders dann, wenn man sie kichern hörte und Lisa fragte sich, ob sie verrückt war.
Jochen war mit seiner zweiten Portion fertig geworden und lehnte sich nun zufrieden in seinem Stuhl zurück. Er hatte dem Gespräch halbherzig gelauscht und griff nach einer Servierte, um sich – was dringend nötig war – den Mund abzuwischen.
„Ich hab Lust auf ne Zigarette“, murmelte er leichthin und wurde sofort von Lisa in die Seite gepiekst.
„Hast du nicht!“, sagte sie entschieden und sah ihn finster an.
„Hab ich wohl!“, antwortete er herausfordernd.
„Wovon redet ihr?“, fragte Antoinetta neugierig und sah sie erwartungsvoll an. Jochen und Lisa erwiderten ungläubig ihren Blick.
„Zigaretten“, sagte Jochen langsam und zögerlich. „Tabak…! Filter.“
Als Antoinetta ihn immer noch fragend anstarrte, begriff er plötzlich, dass es in Cyrodiil keine Zigaretten gab und er sich vergeblich wünschen würde, auch nur eine von ihnen genießen zu können.
„Das darf nicht wahr sein!“, sagte er resigniert und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. „Das darf einfach nicht wahr sein. Keine Zigaretten.“
„Kein Unterschied zu sonst, möchte ich meinen“, hänselte ihn Lisa, die nun schadenfroh grinste und der Ruhigstellerin erklärte: „Zigaretten sind Drogen, die die Lunge verpesten.“
„Das stimmt überhaupt nicht!“, unterbrach Jochen sie und knuffte sie an der Schulter. „Zumindest nicht, wenn man nur eine am Tag raucht!“
Antoinetta runzelte die Stirn und fragte zweifelnd: „Man… man raucht sie…? Wie geht denn das?“
Jochen ließ die Arme sinken, mit denen er gerade noch Lisas Haare durcheinander wuscheln wollte und überlegte.
„Man… äh… man atmet Qualm ein… nein, äh, Rauch, mein ich… den Rauch des Tabaks.“
„Igitt!“, machte Antoinetta und verzog bei dem Gedanken angeekelt das Gesicht.
„Allerdings!“, versetzte Lisa triumphierend und sah Jochen dabei überlegen grinsend an. „Und ungesund ist es obendrein, davon abgesehen, dass es stinkt und süchtig macht!“
Die Augenbrauen der Ruhigstellerin zuckten nach oben.
„Süchtig, sagst du?! Nun, dann muss es sich um eine Droge handeln.“
Lisa nickte und ignorierte Jochens protestierendes „Gar nicht wahr!“
„Wir haben in Cyrodiil ebenfalls Drogen, falls ihr mehr darüber wissen wollt. Das Zeug nennt sich ‚Skooma’ und ist im gesamten Kaiserreich verboten worden. Teinaava hat von seinem letzten Auftrag Unmengen von dem Zeug mitgebracht, weil er in der Kaiserstadt einen Hochelfen namens Faelian umbringen sollte, der von Skooma anhängig war.“
„Abhängig?“
Lisa verzog ungehalten den Mund, die Worte ‚Drogen’ und ‚abhängig’ klangen nicht gut in ihren Ohren. Antoinetta zog ein kleines Fläschchen, welches wie erwartet eine rosafarbene Flüssigkeit enthielt, aus ihrer Hosentasche und stellte es vor sich auf den Tisch. Ihren Teller schob sie beiseite und Jochen und Lisa stapelten ihre eigenen darauf, um eine freie Fläche zur Verfügung zu haben.
„Das ist Skooma!“, sagte ihr Gegenüber feierlich und verrückte die Auflaufform ebenfalls ein wenig. „Das Zeug ist berüchtigt bei den Stadtwachen. Seine Auswirkungen sind wirklich immens und sogar ein Tropfen zuviel kann tödlich sein! Wer sich auf diese Droge einlässt, der ist entweder mutig oder wahnsinnig… oder schlichtweg beides.“
Sie entkorkte das Fläschchen und ein süßlicher, irgendwie nach Vanille riechender Duft entströmte der Phiole.
„Das riecht wie Vanilleextrakt“, sagte Lisa, die ungläubig schnupperte und schon befürchtete, dass Antoinetta sie auf den Arm nehmen wollte. „Was soll daran so gefährlich sein?“
„Das wirst du schon sehen!“, antwortete die Ruhigstellerin prompt und grinste schadenfroh, als hätte sie der Geflüsterten soeben einen gelungenen Streich gespielt. „Die Wirkung dieses Stoffes ist enorm. Es verdoppelt Stärke, Schnelligkeit und Ausdauer um das Doppelte. Wisst ihr, was das heißt?“
Jochen setzte zu einer Erwiderung an, zögerte und ließ den Finger, den er zuvor gehoben hatte, wieder sinken. Dann gab er sich schließlich doch einen Ruck und sagte: „Dass man doppelt so schnell, stark und ausdauernd ist, wie vorher?“
Antoinetta sah ihn verblüfft an und blinzelte. Nach einer Weile nickte sie und murmelte leise: „Ja… genau das heißt es.“
„Na, Wahnsinn!“, rief Lisa verdrossen, weil sie mit einer etwas spektakuläreren Antwort gerechnet hatte, vor allem mit einer, die nicht so offensichtlich war.
„Ist es wirklich!“, versicherte die blonde Frau und hielt sich das rosa Fläschchen dicht unter die Nase. „Allein schon der Geruch verstärkt die Körperfähigkeiten.“
„Ach was?!“, machte Lisa und verzog die Mundwinkel. „Aber wenn das Zeug abhängig macht, warum nimmst du es dann?“
Antoinetta zuckte die Schultern und setzte dann eine verträumte Miene auf, als sie sich das Fläschchen erneut unter die Nase hielt. „Vermutlich aus Nostalgie“, sagte sie dann und lächelte selig. „Ich habe es während meiner Zeit, als ich noch mittellos auf der Straße lebte, des Öfteren genossen. Meine Eltern waren beide Schwerverbrecher, die bis vor einigen Jahren im Kaiserlichen Gefängnis saßen und als ich dreizehn war, ließen sie mich ohne eine Goldmünze zurück. Da der Hunger sich irgendwann bemerkbar machte, musste ich anfangen zu stehlen und immer neue Wege finden, um an den Stadtwachen vorbeizukommen. So entdeckte ich irgendwann die Kanalisation für mich.“
Jochen erinnerte sich, dass er und Lisa von dem Argonier, der sie über den See in die Kaiserstadt transportiert hatte, Ähnliches erfahren hatten und viele Diebe in der Hauptstadt von Cyrodiil die Kanalisationssysteme nutzten, um sich an den wohlhabenden Leuten zu bereichern.
„Als ich einige Wochen dort unten gelebt hatte und nachts in die Läden einstieg, um mir etwas zu essen zu nehmen, fand ich hinter einer unauffälligen Trennwand ein paar Holzkisten, die bis obenhin mit Skooma gefüllt waren. Was folgte, war eine dreijährige Abhängigkeit, bis mich Lucien fand und für die Dunkle Bruderschaft rekrutierte. Er war es auch, der mich von meiner Sucht befreite. Doch manchmal…“
Sie seufzte schwer.
„… manchmal gedenke ich einfach der alten Zeit, in der ich eine Straßendiebin war und nicht, wie jetzt, ein angesehenes Mitglied unserer Familie.“
Antoinetta steckte die Finger ineinander und knackte laut hörbar mit ihnen. Ihre Stimme war etwas leiser geworden, als sie fortfuhr.
„Ich werde Lucien Lachance immer als meinen Retter in Erinnerung behaalten. Als er mich fand, lebte ich in der Gosse, nur einen Schritt vom Tod entfernt. Ich verdanke ihm alles.“
„Interessant“, murmelte Lisa langsam und sah plötzlich einen schwarzen Fleck vor ihrem Auge, der stetig wachsend immer größer wurde und schließlich ihr gesamtes Sichtfeld ausfüllte. Ihr wurde schwindelig und sie stützte hastig ihre Ellenbogen auf der Holztafel auf.
„Was ist?“, fragte Jochen sofort besorgt, allerdings sauste ihm einen Augenblick später ebenfalls ein schwarzer Fleck über die Netzhaut, der einfach nicht verschwinden wollte und sich hartnäckig immer weiter ausbreitete. Vorsichtig tastete er nach einem Wasserkrug oder etwas Ähnlichem, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen, doch stellte sich dieses Unterfangen als ungleich schwieriger heraus, wenn man von einem Moment auf den anderen nichts mehr sehen konnte. Nach einer Weile ließ er die Arme sinken, denn in ihnen herrschte eine bleierne Schwere.
„Was ist los…?“, fragte er hilflos und drehte seinen Kopf so, dass er hoffte, Antoinetta anzusehen.
„Was soll los sein?“, fragte ihre Stimme unschuldig zurück. Dann schien sie zu begreifen, was in ihm und Lisa vorging. „Oh, ihr habt nur etwas Skooma genommen. Ich habe es unter den Auflauf gemischt, weil ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet hatte, dass noch jemand kommen und mir Gesellschaft leisten würde…“
„WAS?!“, rief Lisa entsetzt und versuchte wütend, aufzustehen. „Das sagst du uns jetzt?! Wir wollen keine Drogen nehmen!“
Sie stolperte rückwärts an eine Säule und stützte sich an ihr ab, um nicht völlig die Orientierung zu verlieren. Jochen hörte ihre Stimme etwas weiter entfernt und erhob sich schwerfällig, um zu ihr zu gehen. Dann erinnerte er sich an das Buch, drehte sich noch einmal um, um es mit größter Mühe aufzuklauben und hustete laut. Durch seine Blindheit fühlte er sich wehrlos ausgeliefert und bewegte sich instinktiv schutzsuchend auf Lisa zu, um nach ihren Händen zu greifen.
„Beruhige dich, Schwester!“, sagte Antoinetta beschwichtigend und sie hörten, wie sie ebenfalls aufstand und ihnen folgte. „Es wird nichts Schlimmes passieren, nur ein Rausch wird einsetzen und das war alles. Es dauert ein bisschen, bis man wirklich von Skooma süchtig wird.“
Jochen hatte Lisa mittlerweile erreicht und hielt sich an ihr fest, während sie bei ihm das gleiche tat. Wankend tasteten sie sich mit ihren Füßen voran und gingen zaghaft in Richtung Tür, da sie beide nur noch aus diesem Zimmer und in ihre Kammer wollten, wo sie sich vor den anderen Mitgliedern erst einmal verschanzen konnten. Mit ausgebreiteten Armen suchten sie nach etwaigen Hindernissen und erreichten die ersten Treppenstufen nach einer Weile.
„Wartet, Geflüsterte!“, rief die Ruhigstellerin aufgeregt und träge zugleich, da vermutlich auch bei ihr die Droge langsam Wirkung zeigte. „Ihr solltet hier bei mir bleiben! Es ist besser, jemanden mit Erfahrung zu haben, der…“
Weitere Worte hörten sie nicht, nur ein krachendes Poltern und das Klirren von Silberbesteck. Anscheinend hatte Antoinetta das Gleichgewicht verloren und war gegen den Tisch gefallen. Jochen und Lisa kümmerten sich nicht weiter drum, sie bemühten sich lieber, aus dem Wohnraum hinauszukommen und hatten nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die Tür erreicht. Beide sprachen kein Wort zueinander, zu schwer lagen die Zungen in ihren Mündern und sie spürten, dass sie nicht mehr fähig waren, sich zu artikulieren. Mit einem Ruck riss Jochen den Holzflügel auf und trat in die Eingangshalle, die unsichtbaren Gewichte, die an seinen Gliedmaßen hingen, wurden immer lästiger. Auch Lisa schien es ähnlich zu gehen, sie wankte träge hin und her und bemühte sich verzweifelt, auf den Beinen zu bleiben.
„Ficken…!“, hörte Jochen sie laut fluchen, bevor er selbst merkte, wie seine Beine einknickten und er hilflos in eine rauschende Ohnmacht fiel…
Es dauerte eine Weile, bis er wieder dazu fähig war, etwas wahrzunehmen. Als er die Augen öffnete, befand er sich nicht länger in der Zuflucht, sondern in seinem alten Klassenraum der 11.1, in welchem gerade Frieder Sommer die Worte „carpe diem“ an die Tafel schrieb. Lisa saß am anderen Ende des Zimmers auf ihrem Platz, außer ihnen und dem Lateinlehrer war niemand da. Jochen starrte perplex auf den College-Block, der vor ihm auf dem Tisch lag und stutzte einen für ziemlich langen Moment. Dann blickte er wieder zu Lisa, riss von einem DinA4-Papier ein Stückchen ab und schrieb mit seinem Kugelschreiber, den er plötzlich in der Hand hielt: „Ist das hier die Wirklichkeit?“
Dann faltete er den Zettel so klein wie möglich und schnippte ihn zu ihr herüber. Sie fing ihn geschickt auf und faltete ihn auseinander. Frieder Sommer blickte weiterhin auf die Tafel und beachtete seine Schüler nicht. Den Worten, die er angeschrieben hatte, schien er jedenfalls nicht nachkommen zu wollen. Lisa schnippte den Zettel zurück, auf dessen Rückseite nun zu lesen war: „Nein, ich glaub nicht. Sonst würde diese komische Zitronenkaktusbaumfrucht nicht dort stehen.“
Jochen sah sich verwirrt um und schaute suchend auf das Lehrerpult, auf dem mit einem Mal ein brauner Blumentopf stand, aus welchem wiederum tatsächlich ein Kaktus mit Blättern und Zitronen an den einzelnen Ästen emporwuchs. Kopfschüttelnd über diese Entdeckung riss Jochen einen weiteren Zettel ab.
„Was machen wir hier?“
„Wir sind auf einem Drogentrip. Nur die Ruhe, das hatte ich schon mal.“
„Mit Nico, Sina und Tamara?“
„Eben drum.“
„Das ist scheiße! Lass uns abhauen!“
„Hab’s schon versucht. Wir können nicht aufstehen. Auch nicht reden. Das gehört mit zu der Vision.“
Jochen stutzte. Er und nicht reden können? Das wollte er nicht glauben. Mit größter Zuversicht formte er das Wort ‚Hitler’ in seinem Mund und war kurz davor, es auszusprechen, als irgendetwas in seinem Hals stockte und er nur ein Röcheln herausbrachte. Erstaunt beobachtete er, wie eine Seifenblase seinen Rachen verließ und quer durch den Raum schwebte, bevor sie denselben schließlich durch das offene Fenster verließ. Auch seine Beine versagten ihm den Dienst und er konnte nicht einmal seine Zehen bewegen, geschweige denn mit den Füßen wackeln oder gar aufstehen.
„Verdammt, du hast Recht!“, schrieb er auf den nächsten Zettel.
„Na, watt ne Erkenntnis!“
„Was machen wir jetzt?“
„Warten, bis diese Vision vorübergeht und die nächste kommt, schätze ich.“
„Wie, die nächste…?“
Kaum hatte Jochen diese Worte ausgeschrieben, veränderte sich der Raum und wurde zu dem kleinen Wald, in dem er mit Lisa, Anna, Jakob, Wulf und Sophie den Zombiefilm gedreht hatte. Er sah Lisa in die Augen, sie hatte ihre schwarzen Kontaktlinsen drin und schaute sich staunend um. Wulf war gerade dabei, seine Axt zu begutachten und Sophie schwang mit der Kamera herum.
„Warum eigentlich immer Hitler?“, fragte Lisa leise und blickte zu Anna hinüber, die schreiend vor Jakob wegrannte.
„Ich weiß nicht… mir war einfach danach. Was passiert jetzt?“
„Keine Ahnung.“
„Du warst doch schon mal bekifft!“, rief Jochen vorwurfsvoll und schaute sie von der Seite an. „Du müsstest das doch wissen!“
„Was soll das denn heißen?“, fragte sie beleidigt und verschränkte die Arme. „Als ich das letzte Mal bekifft war, war ich es jedenfalls alleine!“
„Großartig“, murmelte Jochen resigniert und guckte Sophie dabei zu, wie sie die Kamera erneut drehte. Als das Objektiv auf ihn und Lisa zeigte, wechselte die Szene wieder und sie hatten das Gefühl, einen unendlichen Abgrund herunterzufallen. Zuerst war alles schwarz, doch dann nahm ihre flüchtige Umgebung langsam Farben und Formen an. Eine steile, rotfarbene Felswand ragte neben ihnen auf und führte auf eine spärlich mit Gräsern bewachsene Steppe zu, die sehr schnell näher kam. Hart schlugen sie auf dem staubigen Boden auf und rieben sich die schmerzenden Köpfe.
„Autsch…!“
Jochen erhob sich langsam und erforschte mit den Augen ihre neue Umgebung. Sie waren in einem weiten Tal, welches von kleinen Lebewesen bewohnt war. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass es winzige Wölfe und Tiger waren, die ziellos in der Gegend umherstreiften. Jochen sah sich routiniert nach Lisa um, doch Lisa war nicht da. Stattdessen stand ihm ein mächtiger Taure gegenüber, der mit einer großen Axt bewaffnet verblüfft an sich heruntersah.
„Urbaine?!“, fragte Jochen unsicher und wich einen Schritt zurück. Lisa schien ihn erst jetzt zu bemerken und stolperte rückwärts, als sie ihn erblickte.
„Stampfi? Ich meine… Jochen?“
Jochen nickte. Dann fielen sie sich gegenseitig in die Arme. Die Hörner störten etwas dabei und sie mussten sich erst ein wenig daran gewöhnen, doch trotzdem tat die Berührung des anderen gut. Mit zitternden Gliedern lösten sie sich einen Moment später wieder voneinander und sahen sich mit wässrigen Augen an.
„Oh, Gott…! Das darf doch alles… bist das wirklich du?“
Urbaine nickte zaghaft, durch das ungewohnte Gewicht der Hörner auf seinem Kopf fiel die Bewegung etwas beherzter aus, als sonst.
„Kaum zu glauben, was…?“
„Nicht so wirklich, nee. Aber wir sind zusammen. Das ist das Wichtigste!“
Stampfi umschloss fest Urbaines Pranke und entlockte dem Tauren einen leisen Schmerzenslaut, den er nicht unterdrücken konnte.
„Tschuldigung!“
„Macht ja nichts“, murmelte Urbaine nachsichtig und beäugte sich seine Waffe, die er in der anderen, nicht zerdrückten Hand hielt. Offenbar schien Tauren Schmerz nicht besonders lange etwas auszumachen.
„Sind wir tatsächlich in Mulgore?“, fragte Stampfi skeptisch und beschattete mit der Hand, in der er seinen Stab hielt, die Augen, um besser sehen zu können.
„Nein“, erwiderte Urbaine nach einer Weile und beobachtete, wie zwei Wölfe sich über einen merkwürdig stolzierenden Vogel hermachten. „Das ist immer noch die Wirkung des Skooma.“
„Ach ja…“
Aus den Augenwinkeln sahen sie, wie zwei große Gestalten auf sie zu gerannt kamen, welche sich kurz darauf ebenfalls als Tauren herausstellten und mit ähnlicher Ausrüstung wie sie bewaffnet waren.
„Hallo, ihr beiden!“, rief der eine von ihnen fröhlich. „Erinnert ihr euch noch an uns? Ich bin Fisti und das hier ist Zaubergerd…!“
Seine Stimme verklang auf seltsame Weise und ihre Umgebung löste sich in einer durchsichtigen Spirale auf, die sich wie ein Strudel zusammenzog und die gesamte Steppe samt ihrer Bewohner aufsaugte. Es fühlte sich an, als würde das Blut in ihrem Inneren zu Quecksilber werden und sie kamen sich merkwürdig gefaltet und zweidimensional vor. Ihre Umgebung war verschwommen und nur in Schlieren wahrzunehmen. Mit größter Konzentration gelang es Lisa und Jochen, sich an den Händen zu fassen und sich aus dem Strudel zu befreien, indem sie mit den Beinen kräftige Schwimmbewegungen machten. Plötzlich wurden sie aus dem Sog hinaus gestoßen und landeten auf einer weißen Oberfläche, die mit grauen Linien durchzogen war.
„Okay... ganz ruhig... wo sind wir jetzt?“
Es schien, als würde sich der neue Ort, an dem sie waren, erst nach und nach bilden oder dargestellt werden, wie bei einem Computerprogramm, dass Schritt für Schritt hochgeladen wird.
„Bloß nicht bewegen!“, sagte Lisa alarmiert und guckte starr nach vorne. Jochen folgte ihrem Blick und sah einen riesigen Bleistift auf sie zu rasen, der in Windeseile einen Elefanten neben sie zeichnete. Er sah genauso aus, wie jener, den Lisa oft in ihr Tagebuch hineingemalt hatte. Zuerst die Augen, dann der Rüssel, danach Kopf und Ohren, Beine, Körper und Schwanz. Es war beängstigend. Mit einer gewissen Beunruhigung bemerkten sie, dass der Bleistift über ein Radiergummi am Ende verfügte. Sie befanden sich auf einem Papier... sie befanden sich in Lisas Tagebuch!!!
„Hoffentlich sind wir gut gelungen“, dachte Jochen insgeheim und schluckte nervös. „Sonst werden wir noch ausradiert...“
Sobald der Bleistift sich entfernt hatte und der Elefant fertig war, erwachte er zum Leben und trompetete fröhlich vor sich hin. Als wäre dies ein Lochruf gewesen, gesellten sich unerwartet die kleine schwarze Seeschlange und die Fledermaus zu ihm hinzu und die drei begrüßten sich freundlich, bevor sie sich Lisa und Jochen zuwandten.
„Was machen die hier?“, fragte die Seeschlange verwundert und schlängelte sich zu ihnen herüber, um Jochen genauer zu inspizieren. Die Fledermaus landete bei Lisa auf der Schulter und klammerte sich mit ihren kleinen Krallen fest.
„Sie sind auf einer Reise“, stellte der Elefant fest und schwenkte den Rüssel hin und her. „Sie müssen weiter. Hier können sie nicht bleiben! Sie müssen in ihre Welt zurück und uns weiterzeichnen.“
„Schade“, sagte die Seeschlange kichernd und leckte Jochen über die Wange. „Ich mag den hier!“
„Der gehört aber mir!“, mischte sich Lisa in das Gespräch ein und zog Jochen an sich heran.
„Genau!“, sagte er und verstärkte seinen Griff um Lisas Hand. Neben sich bemerkte er plötzlich blaue Schrift und erkannte sie als Lisas wieder.
Auf einmal verschwand wieder alles und sie hatten das Gefühl, als ob das Papier zusammengefaltet wurde und ihre Umgebung verlor sich wieder in Dunkelheit. Irgendwie hatten sie den Eindruck, als würden sie seitlich aus dem Papier hinausfallen. Sie fielen in die Finsternis und ein Geräusch umgab sie, das sich genauso anhörte, als würde man auf dem Computer den Papierkorb ausleeren. Alles verging...
Nur Jochen und Lisa, die plötzlich wieder ihre normalen und nicht ihre gezeichneten Körper wiedererlangt hatten, blieben zurück, in einer Leere, die komplett aus der Farbe schwarz bestand. Es war schwer zu sagen, ob sie auf einem Boden standen, oder ob sie schwebten. So etwas wie Schwerkraft schien es jedenfalls nicht zu geben.
„Was ist nun wieder passiert?!“
„Ihr seid in meinem Reich!“, sagte eine markerschütternde Stimme, die ein wenig nach Mühlsteinen klang, die gerade dabei waren, Knochen zu zermahlen.
„Ach, was?!“, rief Lisa herausfordernd und blickte forschend in die Unweiten der Finsternis. „Und wer genau bist du?“
Ein blechernes Lachen erklang und dann sprach die Stimme spöttisch: „Das weißt du nicht?! Wo du doch ein Kind meiner Familie bist?! Das ist bedauerlich…“
Das Echo der Stimme schien sich auf wundersame Weise verstärkt zu haben, denn die einzelnen Worte hallten wieder und wieder durch den unendlichen Raum.
„Sithis?“, fragte Jochen unsicher und bekam auf einmal Angst, erneut einer schaurigen Figur gegenüberzustehen, wie er und Lisa ihr in dem Schrein der Narbenzuflucht begegnet waren.
„Exakt!“, flüsterte die Stimme zufrieden und das nunmehr heisere Lachen ertönte erneut.
„Aha… angenehm“, sagte Lisa betreten und räusperte sich leise. „Was läuft?“
„Wie kannst du es wagen, einer Gottheit wie mir eine derart banale Frage zu stellen?!“, fragte Sithis herausfordernd und sie hatten das Gefühl, dass der Raum ein wenig enger geworden war, was bedenklich war, wenn man bedachte, dass er kein Ende zu haben schien.
„Ist eigentlich ganz einfach!“, gab Lisa gelassen zurück. „Ich spreche erst das ‚was’ und dann das ‚läuft’ aus. Der Rest geht automatisch.“
Ein lautes Schnauben ließ ihnen scharfen Wind um die Ohren wehen.
„Eine gute Antwort, möchte ich meinen!“, sagte Sithis lachend und klang etwas versöhnlicher. „Wisst ihr denn auch, warum ihr hierher gekommen seid?“
„Wir sind bekifft!“, antwortete Jochen frei heraus und sah zu Lisa herüber, die ihm bestätigend zunickte.
„Falsch!“, korrigierte ihn die Gottheit vernichtend und zischte wütend. „Ihr seid hier, weil ich es geboten habe. Aus diesem und keinem anderen Grund!“
Erst jetzt bemerkte Lisa, dass sie und Jochen wieder ihre schwarzen Roben trugen und steckte ihre linke Hand in die Seitentasche, um ihren Seelenstein – denn mittlerweile wusste sie ja, dass es einer war – zu umfassen.
„Und warum genau hast du es geboten?“
„Um euch zu verkünden, dass ich euch aus meinem Dienst entlassen werde. Ihr seid ab sofort nicht mehr die Gefluesterten, sondern diejenigen, die ihr ward, bevor ihr in diese Welt gekommen seid. Freut euch darueber!“
Das wütende Zischen wurde lauter und böser und dann wurde der schwarze Raum plötzlich weiß und sie fühlten sich flach auf den Boden gepresst, was, wie sie einen Augenblick später feststellten, der Realität sogar recht nahe kam. Mit aufgerissenen Augen schnellten sie blitzartig in ihre Körper und in das hier und jetzt zurück und sahen sich Lim und Chedra gegenüber, von denen der erste sich auf Jochen gesetzt hatte, während Chedra auf Lisa thronte.
„Hallo“, sagte diese nun verwundert und war sehr erleichtert darüber, dass die junge Schattenschuppe augenblicklich von ihr herunterging. Sofort setzte sie sich auf und sah, dass sie und Jochen sich in ihrer Kammer befanden, genauer gesagt auf ihrem Bett. Ob sie aus eigener Kraft oder mithilfe der Argonier dorthin gekommen waren, blieb ihnen schleierhaft, doch diese Frage war vorerst nebensächlich.
„Hallo!“, gab Chedra etwas empört zurück, so, als habe man ihr soeben großes Unrecht getan. „Ihr habt einen sehr wilden Schlaf, Geflüsterte!“
Lim stimmte ihr wortlos zu, indem er seine Zunge herausschnellen ließ und stieg von Jochen hinunter, um auch ihm aufzuhelfen.
„Was macht ihr hier?“, fragte dieser neugierig und befürchtete, sich während seiner geistigen Abstinenz gehörig blamiert zu haben.
„Wir haben auf Euch aufgepasst!“, rief Chedra gewichtig und hob den Finger, um ihre Bedeutsamkeit hervorzuheben. Lisa musste an den Seestern Patrick denken, der Spongebob einmal den Tipp gegeben hatte: ‚Ist der Finger oben, wird man dich loben!’ Chedra sah genauso aus.
„Ihr ward irgendwie merkwürdig… wir haben euch in der Eingangshalle gefunden und geglaubt, dass ihr in Ohnmacht gefallen seid. Aber eure Augen waren auf und total rot… na ja, eigentlich sind sie das immer noch“, fügte sie nach einer kurzen Denkpause hinzu und deutete auf den Spiegel. Lisa und Jochen standen langsam auf und gingen mit unsicheren Schritten zu der Kommode herüber, um sich selbst in Augenschein zu nehmen. Das Echsenmädchen hatte recht. Ihre Augen sahen aus, als hätten sie vorher dem bekifften Handtuch Towelie aus Southpark gehört. Jochen kicherte verhalten und merkte, wie noch immer einige Reste der Droge ihn durchströmten.
„Ich sehe genauso aus, wie an Nicos Geburtstag“, murmelte Lisa leise und schüttelte leicht den Kopf. „Genauso…“
Dann drehte sie sich zu den Schattenschuppen um und sagte: „Danke, dass ihr uns hierher gebracht habt. War sicher nicht leicht, stimmt’s?“
„Sicherlich nicht“, antwortete Lim schlicht und verzog keine Miene.
„Richtig… wie spät ist das eigentlich?“
Jochen schaute auf die Uhr.
„Zwanzig vor acht“, sagte er erschrocken darüber, dass ihnen bis zu dem Treffen mit der Schwarzen Hand nur noch so wenig Zeit blieb. „Verdammt. Und wir sind immer noch vollkommen breit!“
Lim holte zwei Flaschen aus seiner Hosentasche hervor und gab ihnen je eine.
„Hier… das wird euch helfen, von eurer Reise wieder zurückzukommen. Es ist eigentlich ein Giftheilungstrank, aber für diese Zwecke ist er auch verwendbar. Ihr solltet ihn rasch nehmen. Es dauert zehn bis zwölf Minuten, bis er wirkt.“
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und spülten den gesamten Inhalt mit einem Zug hinunter. Es fühlte sich an, als hätten sie flüssiges Eis geschluckt, das sich erst in ihrem Inneren dazu entschlossen hatte, zu gefrieren. Mit einem Schaudern bedankten sie sich bei den Schattenschuppen, welche sich mit einer eleganten Neigung verabschiedeten und sie alleine ließen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, drehte sich Lisa zu Jochen um.
„Ganz schön peinlich, was?“, murmelte er leise.
„Ja… ziemlich…!“
Jochen nickte.
„Hattest du auch diese Vision?“
„Ich glaub schon.“
Lisa atmete tief durch und betrachtete sich erneut im Spiegel. Sie sah das große daedrische Buch auf der Kommode liegen und stellte sich vor, wie Lim es mit einem lauten Stöhnen dort abgesetzt hatte.
„Vom Lateinunterricht, dem Wald, der Horde und von Sithis?“, fragte Jochen weiter.
„Und dem Tagebuch. Ganz genau.“
„Oh…“
Sie schlang die Arme um den Bauch und bibberte ein wenig.
„Mir ist kalt.“
„Mir auch…“
Dann sahen sie sich an und mussten lächeln. Zuerst war es nur ein leichtes Verziehen der Lippen, aber je mehr Sekunden verstrichen, desto stärker entwickelte es sich zu einem Schmunzeln. Sie genossen es, den jeweils anderen vor sich zu sehen und zu wissen, dass sie trotz all dem Chaos um sie herum nicht alleine waren, sondern jemanden hatten, der mit ihnen in dieser verqueren Situation steckte. Wortlos fassten sie sich an den Händen und gingen nach draußen in die Eingangshalle.