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Thema: Schattenblut  (Gelesen 4601 mal)

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Diese Geschichte habe ich für meinen Freund geschrieben. Ich selbst spiele leidenschaftlich gerne Oblivion und habe besonders die Mitglieder der Dunklen Bruderschaft ins Herz geschlossen. Die Handlung dieser kleinen Story umfasst in erster Linie meinen Freund und mich, da wir die Protagonisten sind. Sie spielt sich aber von Anfang an in der Welt von Oblivion ab und obwohl ich ein oder zwei Characktäre hinzugefügt habe und die Geschichte innerhalb der Dunklen Bruderschaft ein paar Wendungen erfährt, hoffe ich dennoch, dass sie euch gefällt.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:12
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KAPITEL EINS
DIE ANKUNFT



„Wir sind nicht in unserer Welt.“
Das war das erste, was Lisa dachte, als sie die Augen öffnete und Jochen neben sich auf dem steinernen Fußboden liegen sah. Es war ihr schleierhaft, warum dieser Satz wieder und wieder ihren Kopf durchlief. Schläfrig starrte sie auf die braunen Locken und hörte das gleichmäßige Atmen ihres Freundes, bevor die Stimme in ihrem Inneren sich erneut meldete.
Sie waren nicht in ihrer Welt.
Verwirrt blinzelte sie und sah sich um. Sie war immer noch etwas müde, so, als ob sie lange geschlafen, hätte, registrierte aber, dass sie sich unterhalb der Erdoberfläche befinden mussten. Die Luft roch anders, als sonst. Sie waren in einem hoch gemauerten Raum, in den durch eine winzige Öffnung in der Decke ein einzelner Sonnenstrahl drang. Das Loch stammte vermutlich von einigen herunterhängenden Wurzeln, die sich von der Oberfläche aus ihren Weg durch eine schwache Stelle im Gebäude gebahnt hatten und bis hinunter zu dessen eigentlichem Boden in die Erde reichten. Sie waren dick, braun und sahen kräftig und gesund aus.
Neben ihr wurde Jochen stöhnend wach, der sich ebenfalls verschlafen die Augen rieb und sich unschlüssig umblickte. Er gähnte, streckte sich ausgiebig und wackelte mit den Füßen, bevor er sich mit den Händen durchs Gesicht rieb. Dann sah er Lisa und blinzelte noch einmal.  
„Wir sind nicht in unserer Welt.“
Seine Worte reichten aus, um Lisa schneller atmen zu lassen.
Sie nickte. Sie wusste es. Er wusste es. Instinktiv. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie sollten nicht hier sein. Sie durften nicht hier sein. Wo genau war eigentlich ‚hier’?
Langsam standen sie auf und guckten sich ihre fremde Umgebung genauer an. Wie es schien, hatten sie auf dem kahlen Fußboden geschlafen, eine Decke, ein Kissen oder eine Matratze war jedenfalls nicht in der Nähe. Der Raum war überschaubar groß, allenfalls ein normales Klassenzimmer hätte von der Fläche her in ihn hineingepasst. Braun schien die einzige Farbe zu sein, die hier unten geduldet wurde, nichts Buntes war auf den ersten Blick zu entdecken. In der Mitte der Kammer stand ein sinnlos anmutendes Stück Mauer, dass an der linken Seite etwas abgebröckelt wirkte und das Zimmer vielleicht einmal in zwei kleinere Räume geteilt hatte. Nun jedoch war es möglich, rechts und links daran vorbeizugehen. Zwei Fackelständer an den Seiten sorgten trotz den Sonnenstrahls, der von oben hinab fiel, für ein gespenstisches Licht und warfen groteske Schatten, die von der riesigen Wurzel stammten, an die Wand. In der linken und rechten Ecke stand jeweils ein Tisch mit einem kleinen Hocker davor und mehrere Truhen waren an den Seiten aufgereiht. Die meisten von ihnen standen offen und ein merkwürdiges Leuchten drang aus einer von ihnen. Es roch nach Erde und Salz, doch auch ein schwacher Biergeruch mischte sich dazwischen. Angeekelt rümpfte Lisa die Nase und trat an eine der offen stehenden Truhen heran, um sich ihren Inhalt genauer anzusehen. Erstaunt keuchte sie auf und deutete wortlos auf die Holzkiste. Sie war randvoll gefüllt mit Edelsteinen und Goldbrocken. Auch Halsketten und kunstvolle Fingerringe befanden sich darunter.
„Ach du Scheiße… ey, Jochen, guck dir das mal an! Wir müssen in so einer Art Schatzhöhle gelandet sein!“
Jochen kam näher heran und guckte in die Truhe.
„Piraten!“, rief er scherzhaft, doch man hörte eindeutig die Nervosität aus seiner Stimme heraus. Auch er fragte sich, wo sie wohl waren und vor allem, wie sie hierher gekommen waren. Lisa stieß ihn lächelnd an und umfasste seine Hand.
„Was das Zeug da drin wert sein muss, Alter…! Ich wette, mit der Truhe muss man sein Leben lang nicht mehr arbeiten gehen.“
Jochen nickte benommen und ging in die Hocke, um sich einen Saphir zu nehmen. Er hatte die Form einer kleinen Katze, die sich gerade über die Pfote leckte.
„Guck mal, ein Katz!“
Lisas Augen weiteten sich, als sie die kleine Figur sah. Erstaunt strich sie mit dem Finger darüber und schüttelte leicht den Kopf.
„Wahnsinn, Alter! Wow, hier ist ein Diamant!“
Sie deutete auf ein durchschimmerndes Juwel, das sie mit beiden Händen greifen musste, so groß und schwer war es.
„Leck mich! Oh Gott, das kann man ja nicht mal richtig festhalten!“
Schnell legte sie den Stein wieder weg und sah aus dem Augenwinkel ein metallisches Aufleuchten. Ihr Blick fiel auf einige von den Wänden herunterhängenden Ketten, die in für Handgelenke geeigneten Verschlüssen endeten. Jochen folgte ihrem Blick bis hinunter auf den Fußboden, wo ein weißes Skelett vor sich hingrinste. Drei große, schwarze Spinnen krabbelten mit schnellen Bewegungen aus den Augenhöhlen heraus und suchten sich ein neues Versteck in dunklen Wandritzen dahinter.
„Lass uns sehen, dass wir hier rauskommen“, sagte Jochen plötzlich angewidert und blickte sehnsüchtig zu dem Sonnenstrahl empor. „Irgendwie gefällt es mir hier unten nicht.“
„Geht mir ganz ähnlich“, antwortete Lisa. Nun erst registrierte sie, dass ihre und Jochens Kampftaschen auf dem Fußboden lagen. Sie standen unauffällig zwischen zwei verschlossenen Truhen und mussten von irgendjemandem dorthin gestellt worden sein. Vermutlich waren sie selbst es gewesen. Merkwürdig nur, dass sie sich an nichts mehr erinnern konnten. Sie hob ihre Kampftasche auf, hängte sie sich über die Schulter und gab ihm seine. Plötzlich kitzelte ihre Nase und sie nieste laut.
„Gesundheit!“, sagte Jochen.
„Danke“, näselte sie leise und wischte sich mit dem Ärmel ihrer Jeansjacke, die sie trug, über das Gesicht. Dann hörten sie es gleichzeitig: In einem Nebenraum waren plötzlich Geräusche zu hören und müde Stimmen drangen an ihre Ohren. Stoff, vielleicht Decken, wurde zurückgeschlagen und schnelle Schritte eilten auf sie zu. Ein unheilvoller Schatten, gefolgt von einem, zweiten bog um die Mauer und rief misstrauisch: „Wer ist da?“
Lisa und Jochen guckten sich warnend an und schwiegen unsicher. Die Stimme klang nicht besonders freundlich und es schien ratsamer, ihrem Besitzer aus dem Weg zu gehen. Doch sie waren hier und wussten nicht einmal, wie sie in das Gebäude hineingelangt waren. Wie sollten sie da unbemerkt wieder rauskommen?
„Wer ist da?!“, wiederholte die Stimme die Frage etwas aggressiver und die Schatten kamen näher. Eine Person trat hinter der Mauer hervor und dann sahen sie in ein so verstörendes Gesicht, dass Jochen vor Schreck die kleine Saphirfigur fallen ließ, welche klirrend auf dem Boden aufschlug. Ein Mensch stand vor ihnen, mit dem seltsamsten Kopf, den sie je in ihren Leben gesehen hatten. Es war das Gesicht einer Katze.
„Zum Teufel, was…?!“
Lisa wich einen Schritt zurück, als von der anderen Seite der Mauer die zweite Person auftauchte. Sie musste den kleinen Wall umrundet haben und starrte sie beide nun feindselig an. Ihr Kopf stand dem der ersten in nichts nach, was die Fremdartigkeit anbelangte. Bei ihr schien es sich um einen Waran zu handeln, der nun drohend einen Schritt auf sie zumachte. Seine Haut war schuppig und glänzte rot im Licht der Fackeln, doch meinte Jochen, auch einen Schimmer grün hier und da ausmachen zu können. Das breite Maul war gefüllt mit dutzenden von messerscharf aussehenden Zähnen und verzog sich zu einem spöttischen und triumphierenden Grinsen, als er an ihren Taillen heruntersah. Sie trugen keine Waffen bei sich.
„Nanu, Bansei, wen haben wir denn da?“, fragte der Echsenmensch und zog einen kunstvoll gefertigten Dolch, der in einer goldenen Scheide an seinem Gürtel steckte, hervor. Seine Kleidung war eng anliegend, schwarz und dennoch reich verziert, überall waren silberne Motive und Muster eingenäht worden, unter anderem Drachen und Schlangenwesen waren zu erkennen. An den Füßen trug er zwei edle Lederstiefel, die seine weite Hose perfekt zur Geltung brachten. Er sah unheilvoll und elegant zugleich aus, selbst, als sie den rötlich schimmernden Schwanz, der hinten aus der Hose herausragte, sahen, konnten sie sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Der Katzenmensch trat neben ihn vor die Mauer und zog ebenfalls seine Waffe, ein – wie es schien – aus Silber gefertigtes Langschwert, welches sich von seiner bronzefarbenen Rüstung stark unterschied. Er richtete die Waffe auf Jochen, den er für die größere Bedrohung hielt und schnitt ihnen den Weg ab.
„Ich weiß nicht genau, Faith… für mich jedoch sieht es ganz nach Opfer Nummer dreiundzwanzig und vierundzwanzig aus, wenn du mich fragst. Wir sollten mit ihnen unser Bild in der Haupthalle zu Ende malen… oder besser gesagt, mit ihren Blut!“ Er lachte abscheulich. „Nur ihre Wertsachen werden von ihnen übrig bleiben, wenn es nach mir geht… hahaha…und dabei sehen sie doch nicht einmal besonders reich aus…“
Feixend machte er einen weiteren Schritt auf sie zu, wobei sein raubtierartiges Gebiss zum Vorschein kam. Lisa hob beschwichtigend die Hände und versuchte zitternd zu sprechen.
„Hören Sie, wir wollen keinen Ärger machen. Wir sind nur zufällig hier und wir wollen auch nichts von Ihren Sachen nehmen. Wenn Sie uns gehen lassen, werden Sie uns nie wieder sehen… in Ordnung?“
Abwartend sah sie von einem zum anderen und schluckte aufgeregt. Es war das erste Mal seit langem, dass sie mit Waffen bedroht wurde. Die beiden fremdartigen Kreaturen blickten sich siegessicher an und nickten einander zu.
„In Ordnung?“, sagte der Echsenmensch bedächtig und fuhr mit dem Finger über die geschliffene Seite seines Dolches. „Ja… in Ordnung. Ihr werdet nie wieder gesehen werden. Von niemandem.“
Sein Grinsen wurde noch breiter. Er sprach so bestimmt und mit einer Endgültigkeit, die auch bei Jochen seine Wirkung zeigte. Lisa sah, wie ihm eine Schweißperle über die Stirn rann. Er machte erst gar keine Anstalten, mit den beiden zu reden.
„Deine letzten Worte, sprich sie jetzt! Ich liebe diesen Satz einfach!“, rief der Waran lachend und schleuderte seinen Dolch in Lisas Richtung. Reflexartig stolperte sie rückwärts an die Wand, spürte jedoch, wie die Waffe sie an der Wange streifte und ihr einen Schnitt verpasste. Keuchend an Wand gelehnt gab diese plötzlich nach und ließ sie ruckartig etwa zwanzig Zentimeter nach hinten sacken. In diesem Moment ertönte von der Decke her ein lautes Klicken und alle Blicke richteten sich zeitgleich nach oben. Ein an beiden Enden an dicken Seilen befestigter Baumstamm sauste von dort hinab und für eine Ewigkeit von zwei Sekunden sahen alle wie in Zeitlupe, wie er unaufhaltsam auf die zwei Angreifer zusteuerte. Einen Augenblick später wurden beide von dem schweren Holzstück frontal an der Stirn getroffen und ein lautes und Schauer über den Rücken auslösendes Knacken war zu hören, als die Schädel brachen und beide gleichzeitig an die Mauer geschleudert wurden.
Geschockt und wie versteinert starrten Lisa und Jochen auf die sich bildenden und schnell anwachsenden Blutlachen, ihre Hälse waren auf einmal ganz trocken und niemand war fähig, ein Wort zu sagen. Das aus den ehemaligen Köpfen austretende Gehirn machte die Situation nicht viel erträglicher. Lisa bemerkte ein hinter sich ein leer stehendes Fass und stürzte zu ihm, um sich zu entleeren. Sie hatte noch nie selbst  erlebt, wie zwei Lebewesen auf so grausame und schnelle Weise umgekommen waren und der Gedanke, sie selbst hätte von dem Baumstamm ebenso gut getroffen werden können, erfüllte sie mit Übelkeit. Jochen legte ihr besorgt die Hand auf die rechte Schulter und streichelte ihr über den Kopf. Dann musste auch er sich übergeben.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich vom ersten Schock erholt hatten. Der zweite war dann umso größer, als sie erneut zu den Leichen blickten. Grauenerfüllt wandten sie sich ab und konzentrierten sich stattdessen auf den jeweils anderen. Lisa trug ihre schwarzen Stiefel und die blaue Jeans mit dem hellen Ledergürtel, sowie ihr ausgeleiertes graues Lieblings-T-Shirt. Darüber hatte sie ihre Jeansjacke angezogen, aus der sie tun zwei Taschentücher zog und eines davon an Jochen weiterreichte. Dieser war wie üblich völlig in schwarz gekleidet, trug ebenfalls Stiefel und hatte das Abi-T-Shirt an, auf dem vorne „Die Schlacht ist gemacht“ draufstand. Der Spruch wurde halb von seiner schwarzen Jacke verdeckt, war aber zu erahnen.
„Komische Schlacht“, murmelte Lisa und richtete sich wieder auf. „Alles klar bei dir?“
„Denk mal schon“, antwortete Jochen und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „So etwas Krankes hab ich noch nie erlebt… ist das gerade wirklich passiert?“
Lisa nickte benommen und sah abwesend auf die kleine Saphirkatze, die nun achtlos auf dem Fußboden lag. Behutsam hob sie sie auf und legte sie in die Truhe zurück. Danach schloss sie entschieden den Deckel, weil sie plötzlich das Gefühl hatte, dass nur diese Truhe an alledem Schuld war. Natürlich wurde ihr einen Moment später klar, dass dies vollkommener Unsinn war. Ihr Blick fiel erneut auf das Skelett, das in Ketten lag, dann erinnerte sie sich, dass die Wand nachgegeben hatte, bevor der Baumstamm niedergesaust war. Verwundert besah sie sich die Mauer, gegen die sie gestolpert war, genauer. Ein merkwürdiges Quadrat war dort eingelassen worden, das man anscheinend  bewegen konnte. Vorsichtig tippte sie dagegen und mit einem kratzenden Geräusch fuhr der steinerne Block wieder nach vorne, sodass er erneut in die Wand hineingedrückt werden konnte. Genau unter ihm, auf dem Fußboden lag der Dolch, den der Echsenmensch nach ihr geschleudert hatte. Etwas Blut klebte daran.
Jochen zog geistesgegenwärtig sein Schnuffeltuch aus der Hosentasche hervor, welches Lisa ihm geschenkt hatte und tupfte damit das herunter laufende Blut von ihrer linken Wange. Der Schnitt war minimal, sie hatte großes Glück gehabt. Mit noch ein bisschen mehr Glück würde es nicht mal eine Narbe geben.
„Komm, wir verschwinden von…“
Weiter kam Jochen nicht, da ein neues Geräusch ihn aufhorchen ließ. Lisa nickte, zum Zeichen, dass auch sie es hörte. Schritte hallten in den Gängen wieder. Durch das Echo war es schwer zu sagen, um wie viele Personen es sich handeln mochte, doch als sie stetig näher kamen, hörte es sich nach einer einzigen an. Zielstrebig steuerte sie auf ihren Raum zu. Lisa legte einen Finger auf die Lippen und hielt instinktiv die Luft an. Jochen tat es ihr gleich. Genau wie die beiden Tiermenschen bog auch dieses Mal ein Schatten um die Mauer und einen Moment später stand ein Mann von ihnen, der in eine schwarze Kutte gekleidet war. Sein Gesicht war von einer ebenso schwarzen Kapuze umhüllt, war aber deutlich zu erkennen und sah um einiges sympathischer, weil nicht tierisch aus. Er hatte keinerlei Waffen bei sich und dennoch ging etwas Schreckliches von ihm aus, das man nicht ohne Weiteres beschreiben konnte. Als er sie erblickte, zeigte sich auf seinem Gesicht Überraschung und Erleichterung zugleich. Dann entdeckte er die beiden niedergestreckten Kreaturen, die noch vor wenigen Augenblicken gelebt hatten und schnaubte. Fasziniert betrachtete er den Baumstamm und das davon heruntertropfende Blut und allmählich formte sich auf seinem Gesicht ein ehrliches und freundlich amüsiertes Lächeln.
„Die Tat ist also getan… Es scheint, die Familie der Mutter der Nacht ist um zwei Mitglieder gewachsen.“
Lisa und Jochen sahen sich an, dann sprach Lisa auf, was Jochen dachte: „Meint der jetzt uns oder die Leichen?“
Jochen zuckte die Schultern und wandte sich dem Mann zu.
„Wer bist du?“, fragte er vorsichtig.
„Mein Name“, sagte die dunkle Gestalt und seine tiefe Stimme ließ sie erschaudern, „lautet Lucien Lachance. Ich bin ein Sprecher der Schwarzen Hand und Diener unseres fürchterlichen Vaters Sithis und der Mutter der Nacht.“
Lisas linke Augenbraue zuckte dreimal, dann fragte sie schüchtern und mit ratloser Stimme: „Was?!“
Lucien Lachance hob beschwichtigend die Hände und lächelte geheimnisvoll, bevor er wieder sprach.
„Wisset dies: Indem ihr diese Männer getötet habt, unterschriebt ihr einen besonderen Vertrag. Die Art der Exekution war eure Unterschrift und das Blut eurer Opfer diente als Tinte. Mir als Sprecher der Schwarzen Hand untersteht eine besondere Gruppe innerhalb der Familie… doch die Mutter der Nacht will euch nicht in meiner eigenen Gruppe sehen, sondern euch in die Zuflucht von Cheydinhal geleiten.“
„Wohin?“, fragte Jochen dazwischen und Lucien holte eine Karte hervor, die er mit geübten Handbewegungen auf dem Fußboden ausbreitete. Um zu verhindern, dass sich die Karte wieder zusammenrollte, holte er aus der Innenseite seiner schwarzen Kutte Knochensplitter hervor, um sie an den Ecken zu beschweren. Lisa und Jochen schluckten beunruhigt, als er seinen Finger in die Blutlache des Katzenmenschen tauchte und ihren Standort mit der roten Farbe auf der Karte markierte.
„Hier… dort befinden wir uns, in Fort Scinia… und Cheydinhal... ist hier. Ihr müsst nach Nordwesten  wandern, um dorthin zu gelangen. Dort steh eine Villa, die dem Dunkelelf Valen Dreth gehört. Ihn müsst ihr aufsuchen und euch den Eingang zur Zuflucht zeigen lassen.“
Lisa fuhr sich mit der Zunge für die Lippen und überlegte, ob sie sich traute, noch mal zu fragen, doch da sie überhaupt nichts von dem verstand, was Lucien von sich gab, fragte sie sogar noch etwas lauter, als vorher: „Was?!“
Lucien Lachance seufzte.
„Ich bin gewarnt worden, dass ihr meine Worte nicht verstehen würdet. Umso wichtiger ist es nun, dass ihr beide mir genau zuhört. Wisset dies: Jeder dunkle Bruder und jede dunkle Schwester ist ein  Kind des Sithis. Er, den wir Sithis nennen, trägt viele andere Namen. Chaos, Zwietracht, Verdammung… Sithis ist die Leere. Wir, von der Dunklen Bruderschaft dienen der Mutter der Nacht, der Braut von Sithis. Die Mutter der Nacht führt ihre Kinder mit einer fürchterlichen Schwarzen Hand.“
„Und der gehörst du an, richtig?“, fragte Jochen, der nun zumindest Teile von dem begriff, was ihr Gegenüber erklärte. Er setzte seine Brille auf, um den Fremden besser sehen zu können, der ihn plötzlich neugierig musterte.
„Was hast du da?“, fragte er interessiert.
„Eine Brille“, antwortete Jochen unsicher und sah kurz zu Lisa herüber, die bloß mit den Schultern zuckte. „Die Gläser sind geschliffen… man benutzt Brillen, um besser sehen zu können… hast du etwa noch nie eine Brille gesehen?!“
„Exakt“, antwortete Lucien schlicht. „Wie dem auch sei…“
Er fuhr mit seinen Ausführungen über die Dunkle Bruderschaft fort. „Die Schwarze Hand ist das leitende Organ unserer Vereinigung. Es besteht aus fünf Mitgliedern, die von vier so genannten Sprechern und einem Zuhörer gebildet werden. Vier Finger und ein Daumen, wenn man so will“
„Du willst anscheinend“, murmelte Lisa leise und schniefte. Wie es schien hatte Lucien diese Unterbrechung nicht bemerkt.
„Ich bin solch ein Finger und mir obliegt die Aufgabe, neue Mitglieder für die Dunkle Bruderschaft zu rekrutieren. Mörder, wie ihr es seid.“
Lisa gab sich einen Ruck und trat einen Schritt auf die Karte zu. Vor ihr befand sich das Bild eines Landes, dass ihr nicht im Mindesten bekannt war. In Europa lag es jedenfalls nicht. Auch nicht in Asien oder Afrika… vielleicht Australien?! Nein… und was waren das für seltsame Namen? Lucien zog eine blutige Linie von ihrem Standort nach Cheydinhal, nachdem er beide Punkte mit einem Kreuz markiert hatte.
„Hier… dies ist eure Route…“
„Aber… aber wir sind keine Mörder!“, wagte Jochen einzuwenden und starrte hilflos auf die Blutlache, die sich unbestreitbar immer weiter ausbreitete. Lucien lächelte wissend.
„So? Seid ihr das nicht? Was ist mit jenen, die dort tot am Boden liegen? Ich sage euch etwas: Ihr seid nicht nur gewöhnliche Mörder, ihr seid bereits jetzt von der Mutter der Nacht gesegnet! Bansei und Faith waren zwei Mitglieder der Schwarzbogen-Banditen, die gefährlichste Verbrecherbande in ganz Cyrodiil. Auf die beiden war ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, da sie ganze Dörfer mit ihren Truppen geplündert haben. Schließlich heuerte man, da man sich keinen anderen Rat mehr wusste, die Dunkle Bruderschaft an, um sich ihrer zu entledigen. Nicht nur das, man schickte mich, einen Sprecher der Schwarzen Hand. Und nicht jeder kann von sich behaupten, einem Finger zuvor gekommen zu sein, dass versichere ich euch!“
Jochen versuchte, etwas zu sagen, doch irgendwie brachte er kein Wort hervor. Es war merkwürdig, doch in gewisser Hinsicht, schien der Mann in der schwarzen Kutte sogar recht zu haben. Und dennoch: Sie wussten nicht einmal, wo sie waren, geschweige denn, wie sie hierher gekommen waren. Davon abgesehen schien es für ihn, als haben sie auf das gerade Geschehene kaum Einfluss gehabt und alles war nur eine Aneinanderreihung von Zufällen. Auch Lisa schüttelte den Kopf.
„Es war ein Unfall“, sagte sie schlicht und starrte weiterhin auf die Karte, die sie von der Form her an den sehr zerbeulten Kopf eines Delphins erinnerte.
„Es gibt keine Unfälle!“, erwiderte Lucien und erhob sich elegant. „Wie auch immer: Ihr seid hier in dieser Welt fremd, so sagt die Mutter der Nacht. Ihr wisst nichts von Tamriel und ihr gehört keiner der zehn Rassen an. Für Kaiserliche seid ihr zu blass, für Nords zu schmal, für Bretonen zu kräftig und für Rhotwardonen zu hellhäutig. Dass ihr keine Elfen, Orks oder Tiermenschen seid, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Ihr tätet besser daran, meinen Anweisungen zu folgen und Mitglieder in unserer Familie zu werden. Wir können euch helfen…“
Er zwinkerte ihnen zu, ging zu einer der Truhen und holte drei prall gefüllte Säckchen hervor, die er Lisa überreichte, sich umdrehte und ging. Als er um die Mauer biegen wollte, rief sie ihm nach: „Moment! Wenn wir in Cheydinhal sind… an wen sollen wir uns wenden?“
Lucien wendete sich zu ihr um und lächelte.
„Das sagte ich doch bereits: Fragt die Stadtwachen nach Valen Dreth. Sein Haus wird euch den Weg in die Zuflucht leiten. Behauptet am besten, dass ihr Freunde von ihm seid und von einer langen Reise wiederkommt.“
Dann war er verschwunden. Lisa und Jochen blickten sich ratlos an und starrten dann fassungslos auf die beiden Leichen, die schlichtweg dort herumlagen und sich nicht rührten. Jochen zog sein Schnuffeltuch aus der Hosentasche und tupfte Lisa damit erneut über die schmale Schnittwunde. Sie blutete nicht sehr stark, doch er konnte es einfach nicht ertragen, sie zu sehen.
„Guck mal!“, sagte Lisa plötzlich und deutete mit dem Zeigefinger auf dem Boden, wo ein merkwürdiger Schlüssel lag.
„Na und? Zwei Menschen sind gerade eben gestorben, was willst du mit dem Schlüssel?!“, fragte Jochen verständnislos und sah sie Stirn runzelnd an.
„Hier herauskommen, natürlich. Wieso sollte hier ein Schlüssel liegen, wenn er nicht die Tür nach draußen öffnet?“
Jochen zuckte ratlos die Schultern, dachte kurz daran, dass auch Lucien ohne Probleme hier hereingekommen war und sah in seine Kampftasche hinein, worin sich eine Flasche Jim Beam und zwei Flaschen Jever befanden. Überrascht zog er die Augenbrauen hoch.
„Ich hab Alkohol gefunden“, murmelte er leise.
„Na, herzlichen Glückwunsch! Dann lass uns die Karte schnappen und hier abhauen, es gefällt mir hier nämlich überhaupt nicht!“
Wortlos folgte er ihr und sie ließen die mit Schätzen gefüllten Truhen achtlos zurück. Der Ort war einfach zu schrecklich, um einen Gedanken an sie zu verschwenden. Lisa steckte die drei Säckchen in ihre Tasche und verschloss diese sorgfältig. Nachdem sie um die Mauer gegangen waren und eine Art Torbogen durchschritten hatten, sahen sie vor sich eine große hölzerne Tür mit einem merkwürdigen Knauf. Lisa zog daran, doch wie erwartet, gab das Schloss nicht nach.
„Wie kann das sein?“, fragte Jochen. „Der Typ war doch gerade hier, er muss die Tür doch aufgeschlossen haben! Hilfe! Wie geht das?!“
„Keine Ahnung, Mann. Tatsache ist aber nun mal, dass sie jetzt wieder zu ist, die Tür!“
 Lisa probierte den Schlüssel aus und drehte ihn einige Male hin und her, woraufhin die Tür plötzlich aufsprang. Zögernd drehte sie sich zu Jochen um.
„Ich glaube, ich habe gerade ein Schloss aufgeknackt.“
„Ehrlich?“
Sie nickte und ging in den nächsten Raum, Jochen eilte ihr hinterher und nahm ihre Hand.
„Hand“, sagte er schlicht und sie musste lächeln und gab ihm einen Kuss. Vor ihnen führte eine Treppe hinauf, die sie emporstiegen und ein Stockwerk erreichten, indem anscheinend vor kurzem anständig gefeiert worden war. Überall lagen Flaschen mit Wein und Bier herum, es stank erbärmlich nach Alkohol und immer wieder waren Essensreste auf dem Fußboden zu finden. Zermatschte Tomaten lagen neben abgenagten Knochen, an denen teilweise noch gebratenes Fleisch hing und die von Fischgräten umgeben waren. Silbernes Geschirr und Besteck sowie verschiedenste Obstsorten waren in der Mitte des Raumes auf einem großen Tisch zu finden und auf den mit feinen Stoffen überzogenen Stühlen klebte hier und da getrocknetes Erbrochenes. Die Wände waren von unzähligen Schmierereien bedeckt, von denen die meisten verdächtig rot und frisch glänzten. Eine der Krakeleien stellte so etwas wie eine Katze mit einem menschlichen Körper dar, vermutlich hatte es der nun tote Katzenmensch für eine Notwendigkeit befunden, sich hier zu verewigen. Die Fackeln, die auch hier an den Wänden angebracht waren, ließen die Blutschrift gespenstisch tanzen und ihnen lief ein Schauer über den Rücken.
„Bah, ist das ekelhaft! Lass uns bloß machen, dass wir weiterkommen!“
Jochen zog Lisa schnell eine weitere steinerne Treppe hinauf und ließ sie eine zweite Tür aufschließen. Sie sah blass aus und er spürte, dass er ebenfalls nicht mehr er selbst war. Er fühlte sich merkwürdig betäubt und neben sich gestellt. Seine Wahrnehmung war unempfindlicher geworden, eine Art Schutz, der ihn davor bewahren sollte, verrückt zu werden. Zumindest vermutete er das. Lisa schüttelte ruckartig den Kopf, wahrscheinlich, um selbigen frei zu kriegen und die Tür schwang auf.
„Ah, frische Luft!“
Sonnenlicht und Vogelgezwitscher drang an ihre Haut und in ihre Ohren, als sie aus dem Gebäude hinaustraten. Vor ihnen breitete sich eine große Wiese aus, auf welcher seltsame Blumen wuchsen und rechts neben der Tür, die Jochen nun hinter ihnen schloss, stand ein verlassenes Holzfass, ähnlich dem, in welchem sie sich unten entleert hatten. Lisa spähte hinein, doch auf dem Boden befanden sich nur ein paar Gräser, die sich durch die Erde und das Holz gekämpft hatten. Prüfend holte sie die Karte hervor und studierte ihren Standort.
„Wir sind bei Fort Scinia“, murmelte sie abwesend und schaute sich um. „Wenn wir von hier aus nach Südwesten gehen, müssten wir eigentlich auf einen Weg stoßen, der uns direkt nach Cheydinhal führt… ja.“
„Ja…“, sagte Jochen. „Und, äh… wo genau ist Südwesten?“
Ratlos schauten sie sich an, dann kam Lisa die Idee, sich an der Sonne zu orientieren. Diese schien gerade erst aufgegangen zu sein, es waren noch überall Tautropfen auf den Halmen zu sehen.
„Also, mal angenommen, dass in dieser Richtung Osten ist, dann müsste dort…“, sie drehte sich um, „Südwesten sein. Ungefähr jedenfalls.“
Jochen zögerte. Es wollte es nicht noch einmal aussprechen, doch Lisa schien ein wichtiges Detail in ihrer Schlussfolgerung übersehen zu haben.
„Aber wir sind nicht in unserer Welt!“, sagte er deshalb nachdenklich und wurde sich klar darüber, welche Ausmaße ihre Situation hatte. „Wir wissen überhaupt nichts von gar nichts…“
Sein Atem wurde etwas schneller und er fuhr in seinen Überlegungen fort.
„Wir haben überhaupt keine Ahnung, in was für einer Welt wir uns befinden oder in wie weit sie sich von unserer unterscheidet. Wir wissen gerade mal, dass es Menschen gibt und dass dieses Land Cyrodiil heißt. Das ist fast nichts!“
Plötzlich wedelte er aufgeregt mit den Händen herum.
„Wir sind sonst wo! In Cyrodiil! Ich meine… Cyrodiil! Was soll das alles?! Wir sind in einer anderen Welt und wir sollten nicht hier sein, weil das alles total bescheuert ist! Himmel!“
Er war etwas lauter geworden und machte ein paar Schritte weg von ihr. Dann drehte er sich um und sah sie unsicher an. „Warum sind wir hier, Lisa?“
Sie schüttelte den Kopf, zum Zeichen, dass sie es auch nicht wusste. Dann entdeckte sie in der oberen linken Ecke der Karte ein Kreuz, an dessen jeweiligen Enden die Worte Norden, Osten, Süden und Westen zu lesen waren.
„Das ist wie in einem schlechten Computerspiel“, dachte sie schmunzelnd und fragte sich einen Augenblick später, warum Lucien Lachance deutsch sprechen konnte. Sie ging zu Jochen herüber und zeigte ihm ihre Entdeckung, woraufhin er sie überrascht ansah und sie kurz darauf kraftvoll umarmte.
„Ich liebe dich, Lisa“, flüsterte er und atmete tief den Duft ihrer Haare ein.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:13
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So, das war das erste Kapitel. Mal sehen, was ihr vom zweiten haltet.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:13
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KAPITEL ZWEI
DIE ZUFLUCHT



„Wer seid ihr?“, knurrte der weißuniformierte Wachmann zwischen zwei strichförmigen Lippen hervor, als Jochen und Lisa vor dem Stadttor von Cheydinhal angekommen waren. Misstrauisch besah er sich ihre Kleider, vor allem die blaue Jeans von Lisa schien ihm nicht zu gefallen und er schüttelte missbilligend den Kopf. Die anderen Wachen hinter ihm deuteten mit den Fingern auf sie und tuschelten. Sie alle sahen wie normale Menschen aus, keine Katze oder Echse, die die Stelle des Kopfes einnahm. Ein wenig beruhigt über diese Tatsache strich Lisa sich einige durchnässte Haarsträhnen aus dem Gesicht – sogar ihre Augenwimpern waren mit Tropfen versehen – und räusperte sich zweimal.
„Wir, äh… wir sind Freunde von Valen Dreth. Wir kommen von einer sehr langen Reise wieder und möchten gerne zu ihm.“
Abwartend sah sie ihn an und spürte, wie das Misstrauen in ihm langsam schwand. Kurz darauf grinste er sogar.
„Valen Dreth? Ist das nicht dieser aufgeblasene Dunkelelf, der sich für einen Schriftsteller hält? Der Kerl ist so eingebildet, dass es zum Himmel stinkt!“
Einer der anderen Wachmänner fasste seinen lachenden Kollegen von hinten auf die Schulter und sagte leise: „Komm, lass sie durch, Mann! Wahrscheinlich haben sie für Dreth recherchiert und liefern ihm nur einige Informationen ab.“
Der erste schüttelte die Hand mit einer Bewegung ab und klopfte sich die Schulter ab, als wäre sie von etwas Unreinem berührt worden.
„Ach ja? Und was ist mit ihrer Kleidung? Eine Frau in gewöhnlichen Hosen? Hat man das schon einmal gehört? Wenn es wenigstens eine Rüstung wäre, aber es ist einfach blauer Stoff! Ihr Jugendlichen werden wohl auch immer dreister, was?! Und was sollen das für Gläser sein, die der Mann da im Gesicht trägt? So etwas habe ich noch nie gesehen!“
„Das ist eine Brille…“, sagte Jochen bedächtig und nahm sie vorsichtig ab.
„Pah! Brille, von wegen!“
Jochen stöhnte leise vor Ungeduld und wrang den Ärmel seiner schwarzen Jacke aus. Es war finsterste Nacht und nicht ein Stern war am Firmament zu erkennen, weil eine dicke Wolkendecke, die bis zum Horizont reiche, darüber hing. Der zweite Wachmann sagte ein paar beschwörende Worte zu seinem Vorgesetzten, der schließlich nickte und mit einer Geste die anderen dazu aufforderte, das Tor zu öffnen. Dankbar nickten sie ihm und den anderen zu und bahnten sich ihren Weg durch die Straßen.
„Was für ein Arschloch“, murmelte Lisa, als sie an einer Taverne vorbeigingen, aus der laute Geräusche drangen. Sie beide hätten nicht übel Lust gehabt, sich für den Rest der Nacht dort hineinzusetzen, doch es schien ihnen klüger, auf direktem Wege zur Zuflucht zu gehen.
„Frauen in gewöhnlichen Hosen, also ehrlich!“
„Reg dich nicht drüber auf“, sagte Jochen und nahm ihre Hand, auf die er leichten Druck ausübte. „Wenigstens wollte er nicht unsere Taschen durchsuchen. Ich glaube, der Neocube hätte ihn ziemlich ins staunen gebracht.“
Sie grinsten sich müde an. Nachdem sie aus Fort Scinia entkommen und auf die Straße, die nach Cheydinhal führte, gestoßen waren, hatten sie sich erst einmal an den mit saftigem Gras bewachsenen Wegrand gesetzt und beschlossen, dass sie sich nach dem Schrecken, der über sie gekommen war, eine kleine Erholungspause verdient hatten, aus der schließlich eine recht ansehnliche Zahl von Stunden geworden war. Mit dem Flachenöffner von Lisas Schlüsselbund hatten sie die zwei Jeverflaschen geöffnet und sie mit einem Zug ausgeleert, obwohl Lisa überhaupt kein Bier mochte. Trotzdem hatte es geschmeckt und der Alkohol hatte gut getan, um lockerer zu werden und den ganzen Vorfall zu verarbeiten. Die leeren Flaschen hatten sie eingesteckt, weil es Lisas Meinung nach sonst Anarchie gewesen wäre und dabei hatte sie ihre gelbe Metalldose mit den 216 Magnetkugeln gefunden, nebst dem Buch, welches sie gerade las und der silberverspiegelten John-Lennon-Sonnenbrille. In Jochens Tasche war nach wie vor die Flasche Jim Beam und, wie sich herausgestellt hatte, eine Chipstüte gewesen, die sie dankbar verputzt und mit Bier heruntergespült hatten. Auch die drei Säckchen hatte er an sich genommen. Als sie diese einige Stunden später geöffnet hatten, sahen sie, dass der Inhalt allein aus Goldmünzen bestand, auf denen der Kopf eines Mannes eingeprägt war. Es waren recht kleine Münzen und Jochen hatte vorgeschlagen, sie spaßeshalber zu zählen, auch, weil er gemerkt hatte, dass er und Lisa dringend eine Ablenkung gebraucht hatten. Als sie damit fertig gewesen waren, hatten sie genau 6000 Goldmünzen gezählt.
Natürlich hatten sie auch über die Dunkle  Bruderschaft gesprochen. Sie waren sich immer noch nicht sicher, um was für eine Art von Organisation es sich handeln mochte. Jochen gab zu bedenken, dass die beiden Tiermenschen Schwerverbrecher gewesen waren und somit die Dunkle Bruderschaft eine gute Organisation sein müsste, wenn sie solche Mächte bekämpfte. Andererseits, hatte Lisa gemeint, war von diesem Mann etwas Boshaftes ausgegangen und all ihre Instinkte verrieten ihr, dass die Dunkle Bruderschaft durch und durch verdorben sein musste. Davon abgesehen hatte das Geschwafel über Blut, Vertrag und Tinte nicht besonders vertrauenswürdig geklungen. Trotzdem hatten sie ein gutes Gefühl bei der Sache. Immerhin schienen er und seine Unterstellten ihnen helfen zu wollen und zu wissen, dass sie nicht hierher gehörten. Woher sie dies wussten, war bedenklich, doch erst einmal nebensächlich, denn die Aussicht, dass sie hier in der Fremde schon bald nicht mehr allein sein würden, beruhigte sie beide ungemein. Am merkwürdigsten fanden sie allerdings, dass hier jedermann Deutsch sprach. Schließlich befanden sie sich in einem fremden Land, das nicht zu ihrer Welt gehörte und weder Jochen noch Lisa hatten von dem deutschsprachigen Kontinent Tamriel je etwas gehört. Davon abgesehen gab es hier lateinische Schrift, Lisa hatte einige Namen auf der Karte, die Lucien Lachance vor ihnen ausgebreitet hatte, entziffert, doch die Art der Buchstaben war ihr erst im nachhinein aufgefallen. Sie hatte mit Jochen über diesen Gedanken geredet und er war der Meinung, dass es vielleicht nicht daran lag, dass alle deutsch sprachen, sondern, dass er und Lisa nur die Sprache verstanden, die hierzulande üblich war. Für die Schrift hatte er allerdings keine Erklärung gehabt und so hatte auch er sich bald zu wundern angefangen, wie es sein konnte, dass ihre Muttersprache in Cyrodiil verbreitet war.
Nun allerdings wanderten sie durch Cheydinhal und überquerten eine schöne, überdachte Brücke, die über einen Fluss führte und die Stadt in zwei Hälften trennte. Sie waren von Westen gekommen, folglich mussten sie nun in der Osthälfte angekommen sein. Links von ihnen ragte ein riesiges steinernes Gebäude auf, das mit Fug und Recht als Kirche hätte bezeichnet werden können, allerdings befand sich auf der Dachspitze weder ein Hahn noch ein Kreuz. Das Gemäuer war grau, sah aber dennoch nicht langweilig aus, da bunte Glasfenster für die nötige Farbe sorgten und chorartige Gesänge aus dem Inneren zu vernehmen waren.
„Gottesdienst?“, fragte Jochen verwundert und deutete auf eine der drei Türen, die hineinführten.
„Ich glaub kaum, dass die hier Christentum kennen“, sagte Lisa und kratzte sich am Nacken. „Von Straßennamen scheinen sie aber auch nicht viel zu halten.“
Ein junger Wachmann vom anderen Tor kam ihnen entgegen, sie setzte ihr freundlichstes Lächeln auf, dass ihr das schlechte Wetter erlaubte und fragte höflich: „Entschuldigen Sie, mein Herr, wissen Sie vielleicht, wo das Haus des Dunkelelfen Valen Dreth zu finden ist?“
Der Wachmann nickte ebenfalls freundlich und deutete auf eine prachtvolle Villa, die direkt gegenüber der Kapelle stand.
„Habt Dank, Herr… äh, wie sagten Sie, war Ihr Name noch gleich?“
Lisa sah, wie sich sein Blick verfinsterte und er sie zornig anstarrte.
„Verzeihung… habe ich Sie beleidigt? Ich wollte nur Ihren Namen wissen, um mich zu bedanken… Sie habt doch einen Namen, oder?“
Der Wachmann kam drohend einen Schritt auf sie zu und hob gewichtig den rechten Zeigefinger.
„Noch ein Wort, Bürger und ich lasse euch beide in den Kerker werfen!“
Wortlos wandte er sich um und ging weiter, während er einige Flüche vor sich in brabbelte. Ratlos sahen Lisa und Jochen sich an und schüttelten die Köpfe, dann aber wandten sie sich der Villa zu und überquerten die Straße. Eine kleine Mauer umgab den Garten, der zu dem Anwesen gehörte, sogar einen eigenen Brunnen schien Valen Dreth zu besitzen. Quietschend schwang das Gartentor auf und fiel mit einem hässlichen Krachen ins Schloss zurück. Einige Schmetterlinge tanzten in der Luft.
„Wie können Schmetterlinge bei dem Wetter überhaupt fliegen?“, fragte Jochen irritiert und auch Lisa wusste darauf keine Antwort zu geben.
„Schon seltsam“, erwiderte sie und wandte sich der Tür zu, in dessen Mitte sich ein prunkvoller Drachenkopf aus Bronze befand. In seinem Maul steckte ein Klopfring, den sie dreimal laut betätigte. Dann trat sie einen Schritt zurück und horchte nervös, ob sich drinnen etwas regte. Eine ganze Weile passierte gar nichts, dann jedoch ertönte ein lautes Fluchen und etwas Zerbrechliches fiel zu Boden.  Ruckartig wurde die Tür aufgerissen und ein Mann mit grauer Haut und weißen Haaren stand vor ihnen. Trotz seiner Haarfarbe wirkte er keinesfalls alt, eher Mitte dreißig und die blaufarbene Kleidung, die er trug, ließ ihn reich und angeberisch wirken. Am auffälligsten aber waren seine roten Augen, mit denen er sie hasserfüllt anblitzte.
„Was wollt ihr?“, schnappte er und beinahe wären sie zurückgewichen. Jochen hustete verlegen, nahm dann seinen Mut zusammen und sagte schüchtern: „Wir… wir sind Freunde von Lucien Lachance. Also, na ja, eher Bekannte, aber er sagte, dass wir uns an dich wenden sollen.“ Es entstand eine kleine Pause, dann fügte er hinzu: „Bitte sieh mich nicht so an.“
Valen Dreth verschränkte die Arme vor die Brust und schaute herablassend.
„Wenn ihr Freunde von Lucien seit… wie lautet dann das Losungswort?“
„Das was?“
Lisa überlegte fieberhaft, konnte sich allerdings nicht erinnern, dass Lucien etwas in der Richtung erwähnt hatte. Fragend sah sie Jochen an, doch auch der schien ratlos und zuckte die Schultern.
„Wir kennen das Losungswort nicht.“
„Natürlich kennt ihr es nicht, ihr Idioten! Es gibt kein Losungswort! Jetzt kommt hinein, ihr Kanalratten, bevor ihr nass werdet!“
Er lachte laut über seinen eigenen Witz und trat bei Seite, sodass sie eintreten konnten. Stirnrunzelnd ging Lisa an ihm vorbei und Jochen machte die Tür hinter sich zu.
„So“, sagte der Dunkelelf. „Nun seid ihr hier. Nicht, dass ich mich sonderlich darüber freuen würde, doch ich schlage vor, dass wir das Beste darauf machen. Nicht wahr, Kaiserschwein?!“, fragte er an Jochen gewandt, der nichts darauf erwiderte, sondern wortlos seine Brille an der Innenseite seiner Jacke abtrocknete.
„Was hast du da?“, fragte Valen Dreth wissbegierig und wollte danach greifen.
„Eine Brille“, rief Jochen gereizt und setzte sie hastig auf.
„Habt wohl pro Tag nur eine begrenzte Anzahl von Wörtern zur Verfügung. Na, dann folgt mir mal in den Keller, ich werde euch zur Zuflucht führen. Hey, ‚zur Zuflucht’… das ist gut…“
„Oh, Mann…“, murmelte Lisa leise und folgte ihren zweifelhaften Gastgeber durch eine weitere Tür, hinter der sich ein Gang, der nach unten führte, befand. Ein rötlicher Schimmer, der keiner gewöhnlichen Lichtquelle entstammte, befand sich auf den Wänden und erinnerte unheilvoll an Blut. Jochen musste kurz an die Haupthalle in Fort Scinia zurückdenken und im selben Moment wusste er, dass es Lisa genauso erging. Tröstend nahm er ihre Hand und sie drückte dankbar ihre Finger um die seinen. Einige zertrümmerte Fässer und Holzkisten standen an den Seiten, dann erreichten sie einen Raum, dessen vordere Wand durchbrochen zu sein schien. Überall lagen Steine herum und Tonkrüge, deren Zwecke einzig darin zu bestehen schien, Spinnweben zu beherbergen.
„Magst es wohl ordentlich, was?!“, fragte Jochen ironisch, stieß damit aber auf keinerlei Reaktion.
 Hinter dem Mauerrest führte ein weiterer Gang nach unten und dann standen sie vor der merkwürdigsten Tür, die sie je gesehen hatten. Sie schien aus rotem Glas gefertigt zu sein, ein merkwürdiges Leuchten ging von ihr aus und überall waren weiße und schwarze Elemente zu finden. In der Mitte war der Abdruck einer großen schwarzen Hand abgebildet, die auf der Stirn eines weißen Totenschädels saß. Darunter befand sich eine seltsame Frau mit einem Dolch in der Hand, die von kleineren Strichmännchen angebetet wurde.
„Ganz schön beeindruckend, was? Der Eingang zur Zuflucht unserer Familie… apropos, warum seid ihr eigentlich nicht nach Anvil beordert worden? Lucien Lachance leitet nämlich deren Zuflucht und nicht die von Cheydinhal. Vor einigen Jahren hat er zwar diese geleitet, doch normalerweise dürftet ihr gar nicht hierher geschickt worden sein.“
Fragend und erwartungsvoll sah er sie an.
„Er sagte, dass die Mutter der Nacht Entsprechendes geflüstert haben soll“, sagte Lisa Schultern zuckend und starrte weiterhin fasziniert auf die Glastür. Als keine weiteren Worte von ihr kamen, resignierte er und berührte die schwarze Hand mit seiner eigenen, woraufhin eine gespenstische Stimme ertönte und die beiden Neulinge zusammenzucken ließ.
„Welche Farbe hat die Nacht?“, hauchte sie und verursachte auf ihren Rücken eine Gänsehaut.
„Sanguine, mein Bruder“, antwortete der Dunkelelf und die Tür öffnete sich in der Mitte, sodass ein breiter Durchgang entstand. Sie kamen in einen großen Raum, eine Art Eingangshalle, die, wie es schien, von der Bauart her der Atmosphäre von Fort Scinia nicht unähnlich war. Auch hier waren Fackeln an den Wänden angebracht worden und in den Ecken standen Tische und Stühle, die mit Obstschüsseln und silbernem Geschirr bedeckt waren. In diesem Fall allerdings war es um einiges sauberer und roch auch besser, zudem waren sogar einige Bücherregale an den Seiten aufgestellt worden, was Lisa den Ort gleich wieder sympathisch machte. Dann allerdings bemerkte sie etwas, dass ihr ganz und gar nicht gefiel.
„Aaaaaaaaahhh!“, schrie sie laut und deutete mit dem Finger starr gerade aus, wo eine fragwürdige Person lang lief. Jochen sah sie fassungslos an, besah sich dann seinerseits die Person und schrie ebenfalls. Es war gar kein Mensch, der dort ging. Es war ein Skelett. Und es hatte ein Schwert in der Hand. Belustigt ging Valen Dreth an ihnen vorbei und wedelte dem Untoten demonstrativ mit der Hand vor dem ehemaligen Gesicht herum. Fassungslos hörten sie auf zu schreien und sahen ihm erstaunt zu, wie er dem hautlosen Gerippe seine Finger vor das klappernde Gebiss hielt.
„Kein Grund zur Sorge, sehr ihr? Dies ist ein Wächter. Er wurde von Sithis selbst heraufbeschworen und bewacht nun diese Zuflucht vor Eindringlingen, die versuchen, diesen Ort zu finden. Bis jetzt ist dies noch niemandem gelungen und selbst wenn… lebend würden sie diesen Ort garantiert nicht verlassen.“
Er grinste ziemlich gemein und deutete dann auf einen der Tische, an denen ein einzelnes Individuum in einer schwarzen Uniform saß. Mit einer Geste wies er sie an, sich dazu zu setzen und spazierte dann in die andere Richtung davon. Unsicher gingen Jochen und Lisa an dem Skelett vorbei, dass sie neugierig zu mustern schien und steuerten auf den Holztisch zu. Es waren noch genau zwei andere Stühle darum aufgestellt, das ganze wirkte ziemlich durchdacht und geplant, doch vielleicht war es auch nur Zufall. Wortlos setzen sie sich und warteten ab, was geschehen würde. Jochens Nackenhaare stellten sich auf, als er sah, dass es sich wieder um einen Tiermenschen handelte, eine Echse genauer gesagt und reflexartig griff er nach der Hand von Lisa, die ebenfalls sichtlich nach Fassung rang. Schnell hatte sie sich allerdings wieder unter Kontrolle und atmete tief durch, bevor sie erneut hinsah.
„Seid willkommen“, sagte die Echse mit angenehm rauer, tiefer Stimme und sah sie freundlich an. „Seid willkommen in der Zuflucht von Cheydinhal. Ich bin Ocheeva, die Leiterin dieser Zuflucht und ein weiterer Finger der schwarzen Hand.“
Sie machte eine Kunstpause und bemerkte dabei, wie durchnässt sie waren, dann lächelte sie.
„Ihr müsst erschöpft sein, von der langen Reise. Am besten, ich zeige euch euer Zimmer und ihr ruht euch aus, bevor ich euch zur Zuhörerin selbst führe…“
Plötzlich blickte sie hinter sie und ein weiterer Echsenmensch, der ebenfalls in eine schwarze Rüstung gekleidet war, trat auf sie zu. Er hatte mehr rote Schuppen, als Ocheeva, die ziemlich grün im Gesicht wirkte. Eleganten Schrittes trat er neben sie und verbeugte sich vornehm.
„Verzeih mir, wenn ich dich unterbreche, Schwester, doch ich konnte nicht umhin, zu bemerken, dass die Geflüsterten endlich in unserer bescheidenen Zuflucht eingetroffen sind.“
Lisa und Jochen sahen ihn fragend an und hörten dann ein grässliches Krachen hinter sich, dass sie ruchartig herumfahren ließ. Das Skelett war anscheinend gegen eine Wand gelaufen.
„Erlaubt mir, mich vorzustellen“, sagte die rote Echse nun. „Mein Name ist Teinaava. Ich bin der Ruhigsteller Ocheevas, die Klaue des Fingers, sozusagen…“, er lachte kurz,  „und ich freue mich sehr, eure Bekanntschaft zu machen. Wie sagtet ihr noch, waren eure Namen?“
Er hatte etwas Liebenswürdiges an sich, die einen dazu bewegte, aufgeschlossen zu sein und die beiden Neulinge entspannten sich.
„Ich bin Lisa“, sagte Lisa und lächelte käferklein. „Und das hier ist mein Freund Jochen.“
Teinaava schlug freudig die Hände zusammen und rief: „Ein Pärchen! Oh, welch ein seltenes Glück wir doch haben, Ocheeva! Es ist lange her, dass ein Pärchen diese Zuflucht bewohnte.“
„Ach?“, machte Lisa und zog die linke Augenbraue hoch. Dann sah sie zu Jochen, der bisher noch gar nichts gesagt hatte. Nun aber bemerkte er ihren Blick und räusperte sich zweimal.
„Ähm, danke. Wir sind wirklich sehr müde…“
Mehr brachte er nicht heraus, doch wie es schien, war dies auch gar nicht nötig.
„Selbstverständlich seid ihr das“, fuhr Teinaava in seiner fröhlichen Art fort und packte Jochen am Arm um ihn hochzuziehen. „Komm, Schwester, wie zeigen ihnen ihr Zimmer. Die nassen Kleider könnt ihr getrost mir überlassen, ich werde dafür sorgen, dass sie wieder wie neu aussehen.“
Erstaunt über soviel Zuvorkommendheit ließ sich Jochen von der Echse davonführen, während Ocheeva sich Lisa zuwandte und sie ebenfalls an der Hand fasste.
„Dein Freund scheint erschöpft zu sein“, bemerkte sie amüsiert und folgte Teinaava einen Gang entlang, der einige Treppenstufen nach unten und dann zur Abwechslung einmal nach oben führte. Lisa sagte nichts darauf, auch, wenn sie befürchtete, unhöflich zu wirken. Eigentlich war diese Situation total paradox: Sie wurden von zwei Wesen durch ein Gangsystem geführt, die sie normalerweise nur aus Computerrollenspielen kannten. Selbstironisch über diesen Gedanken lächelnd murmelte sie leise: „Das ist er immer, wenn wir jemanden umgebracht haben.“
Ocheeva lachte laut und schlug ihr gönnerhaft auf die Schulter, sodass Lisa beinahe gestolpert wäre. Teinnava versuchte währenddessen, mit Jochen zu sprechen und steckte ihm zwei kleine rosa Fläschchen in die Kampftasche. Einen Moment später meinte Lisa das Wort ‚Brille’ aus ihrem leisen und recht einseitig verlaufenden Gespräch herauszuhören. Nachdem sie um mehrere Ecken gebogen waren und zwei kleine Gänge durchquert hatten, waren sie endlich in einem Zimmer angelangt, indem sich zwei einzelne Betten, sowie ein Bücherregal, eine Kommode und ein Spiegel, der direkt darüber angebracht war, befanden.
„Das hier ist euer Raum. Hier könnt ihr euch jederzeit ausruhen und eure Sachen verstauen. Natürlich sind euch auch sämtliche anderen Räumlichkeiten in der Zuflucht frei zugänglich, von den Gemächern der Schwarzen Hand abgesehen“, plapperte Teinaava und half ihnen, ihre Jacken auszuziehen, während Ocheeva ihre Taschen in einer Ecke verstaute. „Die restlichen Sachen könnt ihr mir später geben, wenn ihr möchtet. Ich werde mich in den Wohngemächern aufhalten, also könnt ihr jederzeit zu mir kommen. Frische Kleidung und natürlich eure eingehüllte Rüstung findet ihr in den Schubladen der Kommode. Nun erholt euch gut. Bis nachher.“
Er lächelte verschmitzt und verließ den Raum. Auch Ocheeva schickte sich an, zu gehen und nickte ihnen noch einmal freundlich entgegen, bevor sie die Tür hinter sich schloss.
Seufzend ließen sie sich jeder auf ein Bett fallen und zogen wortlos ihre Stiefel aus. Beide waren froh, keine anderen Schuhe zu tragen, andernfalls wären auch ihre Füße pitschnass geworden. Schnell hatten sie sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen und schoben, nach einem fragenden Blick zum jeweils anderen die zwei kleinen Betten zu einem großen Bett zusammen, in welchem sie sich kurze Zeit später in überraschend weiche Decken gewickelt aneinander kuschelten.
„In was sind wir da bloß hineingeraten, Lisa?“, fragte Jochen, der auf der linken Seite lag und besorgt auf den Schnitt auf Lisas Wange blickte.
„Ich weiß es nicht, Jochen… ich weiß es nicht. Lass uns schlafen, vielleicht wachen wir ja dann wieder aus diesem Alptraum auf.“
Sie schloss müde die Augen und drückte ihn an sich. Wenige Sekunden danach waren sie eingeschlafen.

Ein paar Stunden später wachten sie verschlafen aus und rieben sich die Augen. Jochen stand auf, ging zu seiner Kampftasche und holte die beiden rosa Fläschchen heraus, die Teinaava ihm gegeben hatte. Eine davon reichte er Lisa und öffnete seine eigene, die er mit einem Zug leerte. Danach fühlte er sich schlagartig besser.
„Was ist das?“, fragte Lisa schläfrig und schnupperte misstrauisch daran.
„Teinaava meinte, das sei ein Ausdauertrank und wir sollten ihn zu uns nehmen, wenn wir aufgewacht sind“, antwortete Jochen achselzuckend und stand auf, um zur Kommode zu gehen. Lisa leerte ebenfalls ihre Flasche und verzog überrascht das Gesicht.
„Das schmeckt nach Apfel… und nach Orange… und irgendwie… nach Käse!“
Jetzt, wo sie es sagte, schmeckte Jochen es auch, doch es störte ihn nicht weiter.
Er ging zum Bücherregal und zog wahllos ein Buch heraus, das einen schwarzen Einband besaß, dafür allerdings nur aus zwei Seiten zu bestehen schien. Verwundert klappte er es auf und merkte, wie Lisa ihm über die Schulter spähte. Gemeinsam lasen sie folgende Zeilen:

Gebot 1: Mache niemals der Mutter der Nacht Schande. Sonst beschwoerst du den Zorn von Sithis herauf.

Gebot 2: Verrate niemals die Dunkle Bruderschaft oder ihre Geheimnisse. Sonst beschwoerst du den Zorn von Sithis herauf.

Gebot 3: Verweigere niemals den Gehorsam oder weigere dich, einen Befehl eines hoeher Gestellten der Dunklen Bruderschaft auszuführen. Sonst beschwoerst du den Zorn von Sithis herauf.

Gebot 4: Stiehl niemals die Besitztümer eines Dunklen Bruders oder einer Dunklen Schwester. Sonst beschwoerst du den Zorn von Sithis herauf.

Gebot 5: Toete niemals einen Dunklen Bruder oder eine Dunkle Schwester. Sonst beschwoerst du den Zorn von Sithis herauf.

Stirn runzelnd sahen sie auf das Buch, sahen sich an und starrten dann wieder auf die Zeilen.
„Scheint leicht reizbar zu sein, dieser Sithis“, bemerkte Lisa trocken und verzog die Mundwinkel zu einem Schmunzeln.
„Vorsicht, du erweckst seinen Zorn“, rief Jochen ironisch und wedelte mit dem Buch vor ihrem Gesicht herum. Sie lachte und gab ihm einen Kuss, bevor sie das Buch zurückstellte und ein weiteres herauszog, während Jochen sich dem Spiegel und der darunter stehenden Kommode zuwandte.
„Ob die alle zu wenig Seiten haben?“, fragte Lisa sich selbst laut, da sie nun auf ein Buch gestoßen war, dessen Inhalt aus gerade einmal zehn Seiten bestand. Jochen zuckte abwesend die Schultern. Er war gerade dabei, den Inhalt des Schrankes zu untersuchen, in welchem er zwei ähnliche Rüstungen vorfand, wie sie die Echsenmenschen trugen, sowie normal aussehende Kleidung in braunen Farbtönen. Komischer Weise schien alles in ihrer Größe zu sein, als hätte man sie seit Tagen erwartet. Die Geflüsterten… damit waren sie beide gemeint, soviel stand fest, doch von wem waren sie geflüstert worden? Von der Mutter der Nacht? Sithis? Es war schwer zu sagen.
Lisa hockte sich neben ihn und zog ihre Rüstung heraus. Vorsichtig faltete sie sie auseinander und betrachtete sie prüfend.
„Sieht schon cool aus, irgendwo… oder?“
Jochen nickte, dann tat er es ihr gleich und versuchte, sich die neue Kleidung überzustreifen. Es dauerte eine Weile, bis sie hineingekommen waren, da es nirgendwo einen Reisverschluss gab, sondern alles mit zahllosen Gurten gelöst und wieder festgezogen werden musste. Als sie dann aber nach einigen Minuten fertig waren und sich gemeinsam im Spiegel betrachteten, waren sie mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Lisa hatte irgendwie das Gefühl, dass sie schlanker wirkte, wenn sie die eingehüllte Rüstung trug, sie fühlte sich besser und schneller zugleich. Probehalber machte sie einen Fauststoß und staunte, wie blitzartig ihre Bewegung war. Sie ging ein paar Schritte im Zimmer herum und hörte nicht das kleinste Geräusch, als sie auftrat. Dann sprang sie hoch und berührte mit dem Kopf fast die Decke.
„Alter!“, rief sie aufgeregt aus und grinste wie ein kleines Mädchen. „Diese Rüstungen sind klasse. Versuch mal, hochzuspringen, Jochen!“
Sie sprang noch einmal und jubelte vor Begeisterung. Jochen grinste und tat ihr den Gefallen und im selben Moment machte sich in ihm das Glücksgefühl bemerkbar, das sie ebenfalls durchströmte. Auch er lachte plötzlich ausgelassen und streckte im Sprung die Arme aus. Als sie beide wieder graziös auf dem Boden gelandet waren, klopfte es an der Tür und Teinaava steckte seinen Kopf ins Zimmer.
„Wie ich sehe, seid ihr wach“, sagte er vergnügt und trat ein. „Es freut mich, zu sehen, dass euch eure Ausrüstung zusagt. Ihr werdet noch viel Gefallen daran finden!“ Er grinste wissend, dann fuhr er fort. „Die Zuhörerin wünscht euch umgehend zu sprechen. Ich möchte euch bitten, mir zu folgen, wenn ihr fertig seid.“
Abwartend sah er sie an und lächelte freundlich, als sie seiner Aufforderung zustimmten. Sie folgten ihm den Weg zurück zur Haupthalle und staunten immer wieder, wie leicht ihnen alles fiel. Es schien, als könnten sie alles in diesen Rüstungen tun.
„Sag mal, Teinaava, wie lange bist du eigentlich schon bei der Dunklen Bruderschaft?“, fragte Jochen neugierig und versuchte, Lisa mit dem Zeigefinger in die Seite zu pieken, doch sie wehrte seinen Angriff spielend ab und wartete auf Teinaavas Antwort.
„Oh, das ist eine gute Frage… lass mich nachdenken, dunkler Bruder, lass mich nachdenken…“, murmelte der Echsenmensch in sich hinein und tippte sich mit dem Finger an sein Kinn. „Ich glaube es sind etwa 33 Jahre, in denen ich im Dienste Sithis’ ausgebildet wurde und für die Mutter der Nacht gemordet habe. Ich bin eine Schattenschuppe, müsst ihr wissen.“
Lisa und Jochen sahen sich bei dem Wort ‚gemordet’ beunruhigt an, versuchten aber, sich nichts anmerken zu lassen.
„Was ist eine Schattenschuppe?“, fragte Lisa neugierig und fasste Jochen an der Hand.
Teinaava lächelte, offenbar freute er sich über diese Frage und strich sich mit der Hand über die Stacheln auf seinem Kopf.
„In der argonischen Heimat Schwarzmarsch“, begann er zu erzählen, „werden jene, die unter dem Zeichen des Schattens geboren werden, direkt nach ihrer Geburt zur Dunklen Bruderschaft gebracht. Jeder Schattenschuppen-Jüngling wird in den Künsten der Heimlichkeit und des Meuchelmordes ausgebildet und verbringt sein Leben im Dienst des mächtigen Königreichs Argonien. Jede Schattenschuppe, die die Volljährigkeit erreicht, wird als vollwertiges Mitglied in die Dunkle Bruderschaft aufgenommen. So war es bei mir und bei Ocheeva.“
Lisa nickte anerkennend, obwohl sie die Stelle mit dem ‚unter dem Zeichen des Schattens geboren werden’ nicht verstanden hatte und Jochen sagte etwas, dass ihm schon in den Sinn gekommen war, als er und Lisa von den beiden Echsenmenschen willkommen geheißen worden waren.
„Du kennst Ocheeva bestimmt schon ziemlich lange.“
„Ja, das ist wahr“, antwortete Teinaava und führte sie einige Treppenstufen hinunter. „Ocheeva und ich kennen uns schon aus Kindertagen. Wir wurden damals von Lucien rekrutiert, den auch ihr zwei schon getroffen habt, wenn ich richtig informiert bin.“
Jochen nickte bestätigend und stolperte fast, als er gerade noch verhinderte, auf den großen, roten, geschuppten Schwanz vor ihm zu treten. Teinaava hatte vor einer großen Tür gestoppt, an die er nun dreimal anklopfte.
„Herein“, sagte eine schöne weibliche Stimme und er öffnete die Tür, die geräuschlos aufschwang.
„Seid gegrüßt, verehrte Zuhörerin“, sprach er schmeichelnd und verbeugte sich elegant.
„Ach, Teinaava, mein Bruder… wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du mich nicht so nennen musst? Was führt dich zu mir?“
Der Argonier – denn anscheinend war er einer, wenn Lisa ihn richtig verstanden hatte und demnach musste Ocheeva eine Argonierin sein – breitete den Arm aus und verwies mit dem Finger auf sie beide.
„Ich habe die Geflüsterten hergebracht, die du zu sprechen wünschtest. Wenn du erlaubst, werde ich mich nun zurückziehen.“
„Sehr gern“, antwortete die weibliche Stimme, deren Besitzerin in dem dunklen Zimmer nicht eindeutig auszumachen war. „Kommt herein“, sagte sie dann zu ihnen gewandt. „ Ich erwarte euch schon seit langer Zeit.“
„Das fängt ja gut an“, murmelte Jochen leise und betrat als erster den Raum.
Alles war dunkel, als das Schloss schnappend klickte, doch dann erschien vor ihnen eine merkwürdige Feuerkugel, die sich blitzartig in vier Richtungen, die von den Ecken des Zimmers definiert wurden, aufteilte und Fackeln an den Wänden entzündete.
„Großer Gott!“, rief Lisa laut aus und war für einen Moment lang erstarrt. Sofort wurde es heller im Raum und eine hoch gewachsene Frau mit elegant hochgesteckten braunen Haaren und spitzen Ohren trat auf sie zu. Anscheinend hatte sie die Feuerbälle heraufbeschworen.
„Seid willkommen, ihr, die ihr geflüstert wurdet. Bitte setzt euch an meinen Tisch, ich möchte gern mit euch sprechen.“
„Ich dachte, sie wäre die Zuhörerin, nicht die Sprecherin“, flüsterte Jochen Lisa zu und sie gab ihm einen Stoß, ein Grinsen konnte sie aber trotzdem nicht verbergen. Schüchtern setzten sie sich an einen großen, runden Holztisch, auf dem sich nichts weiter befand, als eine kleine blaue Steinfigur, die eine Katze darstellte, die sich über ihre Pfote leckte. Verwirrt starrte Lisa die Elfe an, schüttelte dann jedoch den Kopf und beschloss, erst einmal abzuwarten, was passieren würde. Jochen sah sich langsam um. In der rechten Ecke des Raumes stand ein prächtiges Bett mit einer rot überzogenen Matratze und einer Unzahl von großen und kleinen seidenen Kissen, die kunstvoll angeordnet waren und ein großer Spiegel war an der Wand gegenüber angebracht. In der linken Ecke stand ein riesiger Schrank und gleich daneben mehrere Truhen, von denen eine offen stand und mehrere Pfeile entblößte, deren Spitzen beunruhigend rot leuchteten. Auf Kniehöhe an der Wand links neben dem Bett war eine dicke, eiserne Kette eingelassen, die einige Meter lang war und in einem dicken, kreisrunden Ring endete. Ihr Verwendungszweck blieb ihnen vorerst noch unklar. Bunte Teppiche bedeckten den Fußboden und sorgten für eine angenehme Wärme.
„So… ihr seid also endlich eingetroffen“, bemerkte die Elfe leise und freundlich und sah sie mit ihren mandelfarbenen Augen durchdringend an. Sie trug eine schwarze Kutte, die der von Lucien Lachance sehr ähnelte, allerdings hatte sie auf die das Gesicht verbergende Kapuze verzichtet. Ihre Finger, die in schwarze Handschuhe gehüllt waren, strichen behutsam und liebevoll über die Steinfigur und sie lächelte wissend. Anscheinend hatte man sie über den Vorfall in Fort Scinia informiert.
„Ja… sind wir.“
Lisa fühlte sich etwas hilflos und wusste nicht, was sie sagen sollte, dann streckte sie kurz entschlossen ihre Hand hervor und sagte: „Ich bin Lisa.“
Belustigt ergriff ihr Gegenüber die Hand und schüttelte sie.
„Ich weiß. Und du bist Jochen. Ich bin Telaendril, die Zuhörerin der Dunklen Bruderschaft.
„Das wiederum wussten wir“, sagte Jochen trocken und starrte beunruhigt auf die dicken Kettenglieder, die, wie er nun bemerkte, auf einer braunen Decke lagen. Telaendril folgte seinem Blick und lächelte amüsiert.
„Oh, das… das ist nur der Schlafplatz meines Sklaven Valen Dreths. Ich glaube, ihr drei habt euch schon kennen gelernt, nicht wahr?“
„So könnte man es nennen“, murmelte Lisa und dachte an die Unhöflichkeit des Dunkelelfen zurück. „Allerdings schien er nicht besonders erpicht darauf, unsere Bekanntschaft zu machen.“
Sie lächelte verlegen, als Telaendril sie erstaunt ansah.
„Heißt das, er war unfreundlich zu euch?“
Sie schien es genau wissen zu wollen.
„Keine Ahnung“, antwortete Jochen unsicher, dann fragte er: „Was genau ist denn ein Kaiserschwein?“
Die Elfe hob die Augenbrauen und blickte sie beide ungläubig an.
„Hat er dich etwa so genannt?“
Jochen nickte.
„Dreth!“, rief Telaendril plötzlich sehr laut aus und sagte dann zu ihnen: „Er darf niemals so mit euch reden, merkt euch das. Er ist kein Mitglied der Dunklen Bruderschaft, nur ein Sklave seiner Bewohner und er steht in jeder Beziehung unter euch. Lasst euch nicht das Geringste  von ihm gefallen, verstanden?“
„Klar“, sagte Lisa lässig, obwohl sie wieder einmal gründlich verwirrt war. Ein Klopfen ertönte und einen Augenblick später trat Valen Dreth in gebückter Haltung ein.
„Ihr habt mich gerufen, Herrin?“, fragte er demütig und kniete vor Telaendril nieder. Er wirkte wie ausgewechselt und nichts von seiner unangenehmen Überheblichkeit war mehr zu erkennen.
„Ja, das habe ich in der Tat, Sklave! Du hast mich unzufrieden gestimmt und dafür werde ich dich bestrafen müssen.“
Sie murmelte ein paar Worte und die schwere Kette erhob sich von selbst. Der kreisrunde Ring schnappte auf, sauste auf Valen Dreths Hals zu und schloss sich unlösbar um seine Kehle. Der Dunkelelf wurde zu Boden gezogen und die Kettenglieder zogen sich bis auf den Ring in die Gemäuer zurück, sodass sein Rücken ganz eng an die Wand gezwungen wurde. Ängstlich blickte er Telaendril an.
„Wie hast du das gemacht?!“, platze es aus Jochen heraus und ungläubig betrachtete er die Stelle, an der gerade noch die Kette gelegen hatte.
„Was denn?“, fragte Telaendril verwundert.
„Na… das sich die Kette bewegt hat! Du hast was gesagt und auf einmal… bumm!“
Die Elfe lächelte herzlich und sagte: „Das war ein einfacher Telekinsesezauber. Er ist ganz leicht zu erlernen. Soll ich ihn dir beibringen?“
Jochen nickte begierig.
„Herrin, was habe ich getan?“, fragte Valen Dreth aufgeregt dazwischen und eine Träne glitzerte in seinem linken Auge.
„Halt den Mund, Sklave!“, donnerte Telaendril und augenblicklich war er still.
„So. Mit ihm werde ich mich später befassen. Nun aber soll meine Aufmerksamkeit euch beiden gelten. Ihr fragt euch sicher, warum ihr hier seid.“
Sie nickten bestätigend.
„Das dachte ich mir. Nun, die Wahrheit ist, dass ich mir nicht sicher bin, was den Grund angelangt.“ Sie sah die Enttäuschung in ihren Gesichtern und fügte deswegen schnell hinzu: „So ist es immer am Anfang. Die Mutter der Nacht enthüllt nie alle Geheimnisse auf einmal. Bisher hat sie folgende Worte über euch gesagt.“
Sie reichte ihnen ein Stück Pergament, auf denen säuberliche Worte mit schwarzer Tinte geschrieben standen. Jochen setzte seine Brille auf und las:

„Es werden Niemande kommen, die vom Netz der Narben gefangen werden. Doch die Maschen sind zu gross. Sorgt dafür, dass sie entkommen und mein Dank wird euch gewiss sein.“

Forschend sah Telaendril ihn an, vor allem das Lesegerät auf seiner Nase schien sie zu interessieren. Höflich wartete sie ab, wie sie reagieren würden. Jochen konnte nicht umhin, Lisas Frage Lucien Lachance gegenüber zu wiederholen und sagte: „Was?!“
„Ich verstehe auch nicht alle Worte dieser Botschaft, doch ich bin sicher, dass sich alles mit der Zeit aufklären wird. So ist es immer gewesen. Mit den Niemanden seit jedenfalls ihr zwei gemeint, da bin ich mit ziemlich sicher.“
„Ich bin ein Niemand?“, fragte Lisa leicht entrüstet und hob ihre linke Augenbraue. Die Zuhörerin lachte.
„Nicht in diesem Sinne, dunkle Schwester. Ihr seid eben nur nicht aus dieser Welt. Wir wissen nicht, wie ihr hierher gekommen seid, doch die Mutter der Nacht wünscht, dass wir euch helfen und wir gehorchen ihr. Mit dem Wort ‚Niemand’ ist vermutlich gemeint, dass ihr keiner der zehn Rassen, die in Tamriel vertreten sind, angehört.“
„Ja, so etwas in der Art hat Lucien schon gesagt, als er uns begegnet ist“, erwiderte Jochen und blickte erneut auf Valen Dreth, der versuchte, den Eisenring um seinen Hals zu lockern. „Aber wieso macht uns dies zu Niemanden?“
„Ihr wurdet hier nicht geboren“, antwortete sie schlicht. „Ihr seid kein Teil dieser Welt. Fremde. Doch die Mutter der Nacht hat Interesse an euch gezeigt und wenn es ihr Wille ist, nehmen wir euch nur zu gerne in unsere Familie auf.“
Lisa kratzte sich am Hinterkopf und hob dann auf Brusthöhe den Finger.
„Okay, kurze Zwischenfrage: Wer genau ist eigentlich die Mutter der Nacht?“
Eine Pause entstand, in der Telaendril die Augen schloss und tief durchatmete. Lisa und Jochen sahen sich beunruhigt an, doch wie sich herausstellen sollte, bestand kein Grund zur Sorge.
„Unsere Fürstin“, begann die Zuhörerin, „war einst eine weise und mächtige Elfe. Als ich meine jetzige Position innerhalb der Dunklen Bruderschaft einnahm, habe ich ihr schönes und unheiliges Äußeres zu Gesicht bekommen, damals, als die Schwarze Hand verraten worden war. Sie ist ein Geist, der unter einer Statue in Bravil seine letzte Ruhestätte gefunden hat.“
Lisa verzog skeptisch den Mund.
„Eure Fürstin ist ein Geist und lebt unter einer Statue?“
Bravil war eine große Stadt, vielleicht sogar etwas größer als Cheydinhal, sie hatte es sich auf der Karte angesehen.
„Ja… was wundert dich daran?“
„Na ja“, sagte Jochen, der genau verstand, was Lisa dachte. „Eine Fürstin sollte doch auf einer Art Schloss wohnen… und nicht unter einem Denkmal!“
Valen Dreth hustete laut und zog panisch an dem Halsring, der ihm ernsthafte Atemprobleme zu bereiten schien. Telaendril drehte sich zu ihm um und sprach den Telekinesezauber erneut, woraufhin zwei der Kettenglieder aus der Wand hervortraten und es dem Dunkelelfen ermöglichten, freier zu atmen.
„Nun, warum sie diesen Ort als ihr Refugium gewählt hat, habe ich nicht zu hinterfragen. Niemand von uns“, fügte sie warnend hinzu, als sich auf Jochens Lippen ein käferkleines Lächeln bildete. Sofort wurde er wieder ernst.
„Wir sind doch Niemande“, tippte Lisa vorsichtig an, merkte aber schnell, dass es anscheinend keine gute Idee war, über dieses Thema zu diskutieren.
„Ja, das seid ihr“, sagte Telaendril kühl. „Aber ihr seid nicht hier, um Dinge zu hinterfragen, die die Dunkle Bruderschaft betreffen.“
„Warum sind wir denn dann hier?“, fragte Jochen plötzlich laut und sah die Zuhörerin herausfordernd an.
„Genau das ist es, was wir herausfinden müssen. Fakt ist, dass ihr hier in Cyrodiil seid. Und Fakt ist auch, dass nicht die Mutter der Nacht euch hierher gebracht hat, sondern Sithis, unser fürchterlicher Vater dafür verantwortlich ist. Sie hat eure Ankunft lediglich voraus gesehen und weiß, dass ihr zu etwas großem bestimmt seid. Ich kann euch nicht sagen, was genau ihre Pläne für euch sind, doch sie hätte euch nicht hierher geleitet, wenn sie euch nicht wohlgesinnt wäre.“
Ihre Worte wirkten beruhigend und beängstigend zugleich. Zumindest wussten sie nun, dass sie in der fremden Welt, in der sie sich befanden, nicht alleine waren, sondern Unterstützung bekamen, fragwürdige zwar, doch immerhin hatten sie einen Platz, wo sie bleiben konnten.
Jochen nahm Lisas Hand und drückte sie tröstend.
Telaendril sagte mit verständnisvoller Stimme: „Ich weiß, wie ihr euch fühlen müsst. Auch ich habe vor langer Zeit mein zu Hause verloren… um ehrlich zu sein, vermisse ich die riesigen Ulmen meiner Heimat Valenwald. Aber ich wurde vor langer Zeit von dort verbannt, aufgrund von Taten, über die ich nicht sprechen möchte. Dies ist jetzt meine Heimat. Ich habe mich damit abgefunden, nicht mehr zurückkehren zu können und wenn ich verhindern kann, dass euch ein ähnliches Schicksal ereilt, dann werde ich alles mir mögliche dafür tun.“
„Danke“, murmelte Lisa leise und eine Frage kam ihr in den Sinn. „Wie bist du eigentlich zur Dunklen Bruderschaft gekommen? Hat man dich rekrutiert, so, wie die Schattenschuppen?“
Telaendril schüttelte den Kopf.
„Eigentlich hat mich Lucien nicht rekrutiert. Zumindest am Anfang nicht. Er wollte mich töten.“
Jochen riss entsetzt den Mund auf und rief: „Was?! Warum das denn?“
„Mein Vater wollte meinen Tod“, antwortete die Zuhörerin. „Er heuerte die Dunkle Bruderschaft dafür an. Ich entkam Lucien und zahlte meinem Vater seinen Verrat heim. In jener Nacht unterbreitete Lucien mit ein Angebot, dass ich einfach nicht ausschlagen konnte.“
„Wie bei der Mafia“, sagte Jochen nickend und fügte, als er Telaendrils verständnislosen Blick sah, hinzu: „Ist nicht so wichtig.“
„Na schön“, erwiderte sie munter und faltete die Hände auf dem Tisch zusammen. „Obwohl ihr etwas Besonderes innerhalb unserer Familie seid, möchte die Mutter der Nacht trotzdem, dass ihr Aufträge annehmt.“
„Was für Aufträge?“
„Sie will sehen, wie ihr mordet. Sie ist ein sehr neugieriger Geist, müsst ihr wissen und ihre Kinder faszinieren sie. Außerdem wird sie mehr Informationen an mich weitergeben, wenn ihr eure Vorgehensweise gefällt.“
Missmutig verzogen Jochen und Lisa ihre Münder.
 „Ihr könnt euch nun zu Bett begeben und ausschlafen, solange ihr wollt. Seht euch ruhig in unseren Hallen hier um und sprecht im Laufe des Tages mit Vicente Valtieri. Teinaava und Ocheeva können euch verraten, wo ihr ihn finden werdet. Ich werde mich nun zu Bett begeben und rate euch, dasselbe zu tun. Morgen habt ihr einen ereignisreichen Tag vor euch.“
„Ach, was?!“
Verwundert  standen sie auf und warfen einen letzten Blick auf Valen Dreth, der panisch zu Telaendril hochsah und vor Angst zitterte. Nun, da sie sich anschickten zu gehen, fürchtete er wohl, dass seine Bestrafung stattfinden würde.
„Ähm… Telaendril?“
Lisa traute sich kaum, zu fragen, überwand sich dann aber doch.
„Äh… könntest du deinen Sklaven vielleicht verschonen? Dieses eine Mal zumindest? Ich meine, sieh ihn dir mal an, ich glaube schon, dass es ihm aufrichtig leid tut und Jochen und ich sind bereit, ihm zu verzeihen. Oder Jochen?“
Jochen nickte eilig und gab Lisa einen Kuss. Die Elfe lächelte.
„Ich werde eine Ausnahme machen, euch zu Liebe. Die Mutter der Nacht hatte Recht, als sie flüsterte, dass ihr ungewöhnlich seid. Ich werde bald wieder zu ihr gehen und vielleicht enthüllt sie dann ja ein weiteres Geheimnis, was eure Anwesenheit angelangt.“
Lisa und Jochen verbeugten sich dankbar und murmelten gleichzeitig: „Gute Nacht.“
„Gute Jagd, meine lieben Geschwister. So sagen wir jedenfalls zueinander.“
„Ja, dann äh… gute Jagd.“
Damit gingen sie und machten die Tür hinter sich zu.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:14
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KAPITEL DREI
VICENTE VALTIERI




„Großartig“, murmelte Lisa, als sie in ihrem Zimmer vor dem Spiegel stand und sich abtrocknete. Sie kam gerade von den Waschräumen, die sich ganz in der Nähe ihres eigenen Zimmers befanden und hatte zu ihrer großen Überraschung und Freude festgestellt, dass es dort so etwas Ähnliches wie Duschen gab. Deren Räumlichkeiten waren mit vielen Mosaikmotiven gefliest worden und wirkten sehr luxuriös. Zwar hatte es dort nur harte Kernseife gegeben, mit denen sie sich sorgfältig die Haare gewaschen hatte, doch ansonsten hatte sie dort alles gefunden, was zu einem normalen Badezimmer gehörte. Es gab große Spiegel, Waschbecken, weiche, weiße Handtücher, Schwämme, Bürsten und sogar Nagelscheren. Auch Zahnbürsten hatte sie in den vielen Schränken, die dort aufgestellt waren, gefunden und auf einer Ablage über einem Waschbecken stand ein großer Tontopf mit einem Deckel, in dem sich eine Art Zahnpasta befand.
„Was ist denn so großartig?“, fragte Jochen, der ebenfalls gerade vom Waschen zurückkam und gähnend die Arme ausstreckte. Das Handtuch hatte er locker um die Hüften gebunden.
„Die Tatsache, dass wir einen Auftrag annehmen sollen“, antwortete sie und kämmte mit einem kleinen, schlichten Knochenkamm ihre Haarsträhnen durch. „Wir sollen morden.“
Er nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Auch ihm missfiel der Gedanke, einen Auftrag zu akzeptieren, doch sie wussten beide, dass ihnen vorläufig keine andere Wahl blieb. Die Dunkle Bruderschaft bot ihnen einen Zufluchtsort und ihr Oberhaupt wollte ihnen helfen, nach Hause zu kommen. Es wäre sicherlich unklug gewesen, sich nicht mit ihnen gut zu stellen.
„Mach dir erstmal keine Gedanken darüber. Warten wir ab, was der Tag uns so bringt, einverstanden?“
Er lächelte und ihre Blicke trafen sich im Spiegel.
„Ich liebe dich, Jochen“, sagte Lisa sanft und drehte sich um, um ihn zu umarmen.
„Ich dich auch“, flüsterte er, drückte sie an sich und sie lösten sich eine ganze Weile nicht voneinander, erst, um sich anzuziehen. Ihre eigene Kleidung hatten sie heute Morgen auf der Kommode vorgefunden, zogen es jedoch vor, innerhalb der Zuflucht die eingehüllte Rüstung zu tragen, weil es angemessener schien. Als sie fertig waren, traten sie auf den Flur und sahen sich, ganz nach Telaendrils Anweisungen in den anderen Räumlichkeiten um. Wie es schien, hatte nicht jedes Mitglied das Glück, nur zu zweit in einem Zimmer zu wohnen. In einem sehr großen Raum standen fünf Betten nebeneinander, zwei Tische und drei Schränke, sowie ein recht vollständig eingeräumtes Weinregal. Ein Katzenmensch mit blauer Kutte saß dort, der sie feindselig anstarrte und drohend fauchte, als sie ihm freundlich zunickten. Lisa fauchte umgehend zurück und Jochen fragte ihn verwundert: „Was ist mit dir denn los?!“
„Oh, nichts, dunkler Bruder!“, zischte er böse und bleckte seine Raubtierzähne. „Mir ist nur zu Ohren, dass es sich beim jüngsten Zugang der Dunklen Bruderschaft und zwei lästige Welpen handelt, die es nicht einmal wert sind, meine Stiefel zu lecken! Gute Geschichte, oder?!“
„Nicht wirklich, nein!“, gab Lisa Stirn runzelnd zurück. „Warum bist du so unfreundlich zu uns?“
„Vermutlich weiß er das selber nicht“, rief eine tiefe, freundliche Stimme hinter ihnen und ein Mann mit grüner Haut und hervorstehenden Zähnen kam auf sie zu. Er hatte gelbe Augen, eine Art Tonsur und trug eine beeindruckende Rüstung, die etwas Dämonisches an sich hatte.
„Hallo, meine Brüder. Ich heiße Gogron gro Bolmok, doch Gogron reicht fürs erste!“
Er lachte laut und schlug Jochen auf die Schulter, sodass dieser fast zu Boden ging. Lisa grinste schadenfroh und streckte ihm die Hand hin, die Gogron sogleich ergriff und sie stürmisch umarmte.
„Ah…!“
Sämtliche Luft wurde aus ihren Lungen gepresst und sie rang verzweifelt nach Atem, als der Druck auf ihren Brustkorb immer größer wurde.
„Gogron!“
Sofort ließ der Druck nach und sie konnte wieder Luft holen. Keuchend half sie Jochen auf und sah sich nach Ocheeva um, deren Stimme sie erkannt hatte.
„Ich hatte dir doch untersagt, andere zu umarmen, hast du das schon vergessen?“
„Nein, Schwester“, sagte Gogron entschuldigend und hob beschwichtigend die Hände. „Ich hatte es nur verdrängt, dass ist alles.“
Die Argonierin lächelte und sagte an Jochen und Lisa gerichtet: „Gogron ist wie alle Orks: Brutal und grobschlächtig. Doch es gibt niemand Besseren, wenn es um das Töten geht, nicht wahr, dunkler Bruder?“
Der Ork lächelte geschmeichelt und scharrte verlegen mit dem Fuß. Jochen fiel die gewaltige Axt auf, die Gogron auf seinem Rücken trug. Sie war im gleichen Stil wie seine Rüstung geschmiedet worden und schimmerte blau, wenn das Licht darauf fiel.
„Wunderbar!“, rief der Katzenmensch wütend und griff zu einem roten Buch, dass auf dem Tisch lag, an dem er saß. „Nun, da wir uns alle kennen gelernt haben, könnt wir bitte wieder gehen?! Es gibt hier Leute, die ihre Ruhe haben wollen!“
„Nun, Mraaj’Dar, es gibt auch Leute, die Sithis’ Zorn auf sich gezogen haben, nur, weil sie ihren Geschwistern gegenüber feindselig waren. Gehörst du ihnen ebenfalls an?“
Abwartend sah Ocheeva ihm direkt ins Gesicht, doch er legte nur drohend die Ohren an und sagte nichts mehr.
„Zum Glück gibt es noch einen anderen Khajiit in diesen Hallen, der mehr bei Vernunft ist, als dieser einfältige Magier. Macht euch nichts draus, wenn er abweisend ist, er war schon immer ein wenig eigenbrötlerisch. Doch er erfüllt seine Aufträge und hat sich als bewährtes Mitglied dieser Zuflucht erwiesen.“
Sie hab ihnen mit einer Handbewegung zu verstehen, ihr zu folgen und Gogron winkte ihnen verabschiedend nach. Lisa bewegte probehalber ihren linken Arm, der bei der Umarmung reichlich eingeklemmt worden war und bog ihre Finger hin und her.
„Ich war auf der Suche nach euch, weil ich dachte, dass es euch interessieren könnte, wie die Mitglieder der Dunklen Bruderschaft sich in ihren Fertigkeiten üben und trainieren.“
„Gerne“, sagte Jochen und auch Lisa nickte neugierig. Sie verließen den Raum und durchquerten die große Eingangshalle. Als sie auf der gegenüberliegenden Seite angekommen waren, sagte Ocheeva: „Das hier sind unsere Trainingsräume. Auch Schattenschuppen werden hier unterrichtet. Kommt, ich zeige euch die einzelnen Übungsgeräte.“
Sie traten ein und wurden sofort von lautem Geklirr und Kampfgeschrei begrüßt. Mehrere Holzfiguren standen an den Wänden, die eifrig von Dolchen und Schwertern bearbeitet wurden. Telaendril war auch zu sehen, sie stand in der Mitte des Raumes und schoss mit ihrem Bogen Pfeile auf eine weit weg stehende Zielscheibe, die immer genau in die Mitte trafen. Oben, an der Decke waren zahlreiche Holzringe befestigt, an denen sich Mitglieder, die die eingehüllte Rüstung trugen, entlang hangelten und Teinaava stand in der rechten Ecke und unterrichtete zwei kleine argonische Kinder. Den Stimmen nach musste es sich um einen Jungen und ein Mädchen handeln, die sich begeistert im Zweikampf miteinander maßen.
„Meisterin!“, rief das Mädchen freudig aus, als es Ocheeva erblickte und eilte auf sie zu.
„Hallo, kleine Chedra“, erwiderte die Argonierin den Gruß und strich ihr liebevoll über die Kopfzacken. „Wie kommst du mit dem Stockkampf voran?“
„Gut, Meisterin“, sagte Chedra laut und machte große Augen, als sie Lisa und Jochen bemerkte. „Seid ihr die Geflüsterten?“, hauchte sie ehrfürchtig und trat einen Schritt zurück.
„So könnte man es sagen“, antwortete Lisa amüsiert, die das Mädchen unheimlich niedlich fand. Auch der Junge kam nun zu ihnen und ließ seine eidechsenartige Zunge hervorschnellen.
„Meisterin, Meisterin, ich habe heute einen Rückwärtssalto geschafft!“, berichtete er stolz und drückte seinen Kopf an Ocheevas Bauch.
„Sehr gut, Lim. Hat Meister Teinaava dir dabei geholfen?“
„Ja, am Anfang… aber dann hab ich es ganz allein hingekriegt!“, erzählte er und seine kleine Brust schwoll an. Jochen musste ein Kichern unterdrücken, als der Junge redete.
„Meisterin, dürfen wir den Geflüsterten zeigen, was wir heute gelernt haben?“, fragte Chedra begierig und neigte den Kopf seitlich.
„Wenn du das möchtest“, entgegnete Ocheeva freundlich und machte eine auffordernde Geste. Chedra und Lim stellten sich gegenüber auf und zogen jeder eine Übungswaffe aus Holz. Teinaava lächelte, als er seine Zöglinge betrachtete und trat zu Jochen und Lisa, um ihnen freundlich zu zunicken.
„Sie sind wunderbar, die beiden, oder?“, fragte er Jochen, der neben ihm stand. Die beiden Schattenschuppen begannen, sich langsam zu umkreisen und wiegten ihre rot geschuppten Schwänze hin und her. Lim machte eine schnelle Bewegung nach vorne und versuchte, Chedra mit dem Holzschwert am Bauch zu treffen, doch das Mädchen war schneller, erahnte seine Bewegungen und wich seitlich aus. Dann schlug sie ihm mit dem Griff aufs Handgelenk, sodass Lim seine Waffe fallen ließ und richtete ihren Dolch auf ihn.
„Du hast verloren“, krähte sie schadenfroh und zischelte fröhlich mit der Zunge.
Lim erhob sich geschmeidig und schüttelte sein Handgelenk, dass sie gewonnen hatte schien ihm nicht besonders viel auszumachen. Auch er lächelte und berührte mit seinem Schwanz den ihren.
„Hee!“, rief sie verlegen und Lisa kam der Gedanke, dass sie bestimmt errötet wäre, wenn ihr Gesicht nicht sowieso schon von roten Schuppen bedeckt wäre. Chedra fragte sie aufgeregt: „Fandest du mich gut?“
„Natürlich“ beeilte sich Lisa zu sagen und sie und Jochen mussten lauthals lachen.
„Oh, dunkle Schwester, mir fällt ein, dass Vicente nach euch gefragt hat“, bemerkte Teinaava plötzlich und blickte sich zur Tür um. „Vorhin war er hier und erzählte mir, dass er mit euch reden müsste.“
„Ja, das stimmt“, sagte Jochen. „Telaendril hatte uns angewiesen, ihn aufzusuchen, doch angeblich haben wir den ganzen Tag Zeit dazu.“
Teinaava blinzelte zweimal und ließ seine Zunge hervorschnellen.
„Es wäre unklug, ihn warten zu lassen. Er ist ein netter Zeitgenosse, doch unheimlich pingelig, was Anweisungen und Regeln angelangt. Ich erinnere mich, dass er früher von Ocheeva verlangt hat, den anderen Mitgliedern zu verbieten, mit Knoblauch zu kochen. Als dies nicht erfüllt wurde, war er tagelang beleidigt.“
„In Ordnung… wo finden wir ihn jetzt?“
„Nun“, sagte Ocheeva, „um diese Tageszeit müsste er sich eigentlich in seinem Schlafgemach aufhalten. Er hat einen sehr geregelten Tagesablauf. Ihr findet sein Zimmer den linken Gang hinunter, wenn ihr den Trainingsraum verlasst. Es ist ganz am Ende, immer die Treppe hinunter.“
„Wir werden umgehend zu ihm gehen“, versprach Jochen und fasste Lisa an der Hand, um Vicente aufzusuchen.
„Darf ich sie begleiten?“, krähte Chedra aufgeregt und wackelte aufgeregt hin und her.
„Nein, Chedra, heute nicht“, sprach Teinaava belehrend und tippte ihr auf die Nase. „Du musst noch weiter trainieren.“
„Na gut“, flüsterte sie und kehrte schlurfend zu Lim zurück.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, sagte Lisa spöttisch zu Jochen: „Wir werden umgehend zu ihm gehen?“
„Was denn?“, fragte er zurück.
„Seit wann redest du so?“
„Keine Ahnung“, antwortete er achselzuckend. „Ich pass mich halt an.“
Sie gingen den Weg, den Ocheeva ihnen gewiesen hatte und kamen an dem wankenden Skelettwächter vorbei, der heute ein Schwert aus grünem Glas in seiner rechten Hand hielt. Geifernd klapperte er mit den Zähnen, als sie den Gang durchquerten, den er patrouillierte und hob die linke Hand, um über die Mauer zu kratzen.
„Uuuäh… ich hasse dieses Geräusch“, wisperte Lisa gequält und rieb sich die Ohren. „Komm schnell weiter.“
Zwei große, hölzerne Torflügel erwarteten sie, als sie das Ende des Ganges erreicht hatten. Jochen bediente den Türklopfer und ein lautes Poltern ertönte.
„Verdammt!“, hörten sie von drinnen jemanden rufen und irritiert sahen sie einander an. Dann ertönte ein Räuspern und wie von Geisterhand gesteuert schwang ein Torflügel quietschend auf.
„Willkommen“, sagte der wohl blasseste Mann zu ihnen, den sie jemals gesehen hatten. Er war genauso groß, wie Jochen, hatte lange, glatte, dunkelbraune Haare, eingefallene Wangenknochen und gelbe Augen. Seine Zähne blitzten auf, als er sprach und für einen kurzen Moment sahen sie, dass seine Schneidezähne doppelt so lang waren, wie sie hätten sein dürfen. Seine Kleidung war ausschließlich schwarz, sogar die Stiefel, die er trug wiesen nicht eine Spur von braun auf. Abgerundet wurde die Erscheinung durch einen weiten, dunklen Umhang, der geschmeidig seinen Körper umschloss.
„Du… du bist ein Vampir“, sagte Lisa behutsam und zwang sich selbst, nicht zurückzuweichen. Plötzlich hätte sie sich um einiges wohler gefühlt, den Skelettwächter in ihrer Nähe zu wissen, doch dieser war in die andere Richtung davon gegangen.
„Habt keine Angst, dunkle Schwester“, erwiderte der Vampir beschwichtigend und hob sacht die Hände, zum Zeichen, dass er ihnen nichts tun würde. „Es ist richtig, ich bin ein Vampir. Doch ich bin nicht Sklave meiner Blutlust, wie so viele meines Schlages. Bitte kommt herein und nehmt an meinem bescheiden gedeckten Tisch platz.“
Er verbeugte sich leicht und verwies mit der Hand auf einen Tisch, an dem vier Stühle standen und der mit einer weißen Tischdecke bedeckt war. Auf ihm standen ein silberner Teller, auf dem ein paar Kekse lagen und daneben standen ein sauberes Glas und eine Flasche, die mit einer roten Flüssigkeit gefüllt war. Jochen schnupperte. Es roch nicht nach Wein in dem Raum. Er gab Lisa einen Stoß und unsicher setzten sie sich auf die mit rotem Polster bezogenen Stühle, die um einiges bequemer waren, als jene in der Eingangshalle.
„Ich freue mich, dass ihr endlich zu mir gefunden habt“, begann Vicente das Gespräch. Und setzte sich neben Lisa, die sofort versucht war, ein Stück wegzurücken. „Sicherlich seid ihr schon ganz erpicht darauf, euren Auftrag zu erfüllen, damit ihr mehr über euer Erscheinen durch der Mutter der Nacht erfahrt.“
Sie nickten schüchtern und sahen dabei zu, wie er eine große Karte von Cyrodiil aus der Innentasche seines Umhangs holte und auf dem Tisch ausbreitete. Dann goss er sich das Glas mit – wie Jochen, der seine Brille trug, vermutete – frischem Blut voll und leckte sich genüsslich über die Lippen, bevor er sprach.
„Was hast du da?“, fragte Vicente neugierig und besah sich die Gläser vor Jochens Augen genauer.
„Eine Brille“, antwortete der Angesprochene verlegen. „Damit kann man besser sehen.“
„Wirklich? Das ist äußerst interessant…! Nun ja, wie dem auch sei… dann lasst mich euch erklären, worum es in dieser Sache geht. Ihr müsst in die Kaiserstadt reisen und einen Kapitän beseitigen, dessen Schiff im Hafenviertel vor Anker liegt. Er ist umgeben von seiner Mannschaft und trotz seines Alters ein erfahrener Kämpfer, der, solltet ihr euch ihm direkt stellen, nicht leicht zu bewältigen sein wird. Sein Name lautet Tussaud und er ist wachsam geworden in den letzten Jahren. Die Schwierigkeit in der Aufgabe besteht darin, euch unbemerkt Zutritt zum Schiff zu verschaffen. Laut meinen Informationen ist es das größte, das im Hafenbecken zu finden ist, ihr dürftet es also nur schwer übersehen. Akzeptiert ihr diesen Auftrag?“
„Haben wir denn eine Wahl?“, fragte Jochen überrascht und fuhr sich mit dem Finger durch den Kinnbart.
„Nein, eigentlich nicht“, erwiderte Vicente verschmitzt und genehmigte sich einen Schluck aus seinem Trinkglas. Lisa verzog angewidert die Lippen und atmete tief durch, doch der Vampir schien davon nichts bemerkt zu haben. „Es ist nur eine reine Formalität innerhalb der Dunklen Bruderschaft, die ich persönlich sehr zu schätzen weiß“, erklärte er sachlich.
„Dann lautet die Antwort ja“, sagte Lisa und beobachtete fasziniert seine Gesichtszüge, wenn er sprach.
„Das habe ich erwartet. Sehr gut. Ich rate euch, umgehend aufzubrechen und euch vorher mit genügend Vorräten einzudecken, insbesondere, was Unsichtbarkeitstränke anbelangt. Mraaj’Dar wird euch welche verkaufen können.“
„Unsichtbarkeits… was? Es gibt Tränke, mit denen man sich unsichtbar machen kann?!“, fragte Lisa ungläubig und begeistert zugleich.
„Oh, natürlich, wie dumm von mir… ihr zwei habt von solchen Sachen wahrscheinlich noch nie gehört, nicht wahr? Ich werde es euch zeigen, wartet…“
Er griff erneut in die Innentasche seines Umhangs und schob Lisa ein Fläschchen zu, das, genau wie die Tränke von Teinaava mit einer rosafarbenen Flüssigkeit gefüllt war.
„Trink!“, forderte Vicente sie auf und zögernd nahm sie einen Schluck. Ein merkwürdiges Gefühl durchströmte sie und es prickelte unter ihrer Haut, so, als wäre ihr gesamter Körper eingeschlafen und das Blut würde nun zurückströmen.
„Lisa?!“
Jochen patschte hilflos nach ihr und traf sie mitten ins Gesicht.
„Aua!“
„Oh, Verzeihung!“
Lisa sah an sich herunter und… sah nichts! Sie war weg. Nicht mehr zu sehen. Unsichtbar.
„Ich werd verrückt…“, flüsterte sie fassungslos und stand auf. „Ich bin unsichtbar. Fuck! Vollkommen durchsichtig. Seht euch das an! Ach, könnt ihr ja gar nicht!“
Sie lachte ausgelassen und drehte sich im Kreis. „Wie lange hält der Trank an, Vicente?“
„Das ist von Trank zu Trank verschieden. Dieser hier reicht für eine halbe Minute. Allerdings dürft ihr eines nie vergessen: Sobald ihr etwas anfasst oder jemanden angreift, verliert der Trank seine Wirkung. Ihr werdet augenblicklich wieder sichtbar und Umstehende werden euren Diebstahl oder was immer ihr tut, bemerken. Mraaj’Dar hat einige von ihnen.“
„Mraaj’Dar mag uns nicht besonders“, sagte Jochen düster und legte einen Arm um Lisa, die den Tisch berührt und somit wieder sichtbar geworden war.
„Der Khajiit mag niemanden“, entgegnete Vicente und lächelte. „Doch wenn man genug Gold im Beutel hat, verkauft er einem alles, was man braucht. Insbesondere, wenn man noch ein bisschen was drauflegt.“
„Gut zu wissen“, meinte Lisa nickend und fragte: „Gibt es sonst noch etwas, das wir beachten sollten?“
„Ja“, sagte der Vampir laut und ließ sie vor Schreck zusammenzucken. „Das ist euer erster Auftrag. Deswegen werden euch dieses Mal von der Dunklen Bruderschaft keine Waffen zur Verfügung gestellt. Ihr müsst andere Wege finden, den Kapitän umzubringen.“
„Großartig“, brummte Jochen. „Was ist das für eine merkwürdige Regel?“
„Tja… das ist eine längere Geschichte… sagen wir einfach, die Dunkle Bruderschaft ist vorsichtig geworden, was neue Mitglieder anbelangt. Wir sind schon einmal verraten worden. Dies wird nicht wieder passieren. Wenn ihr diesen Auftrag meistert, werdet ihr als vollwertige Mitglieder in der Familie willkommen geheißen. Ich wünsche euch viel Glück!“
Geschmeidig stand er auf und wies auf die Tür.
„Verzeiht, dass ich euch scheinbar aus meinen Gemächern scheuchen möchte, doch ich habe mich noch um andere Dinge zu kümmern. Die Mutter der Nacht verlangt von mir, dass ich mich um einen Mann namens Roderick kümmere, der durch seine Raubzüge den Zorn zahlreicher Händler auf sich gezogen hat. Wenn ihr mich also entschuldigen wollt…“
„Selbstverständlich“, sagten sie gleichzeitig und erhoben sich ebenfalls. Lisa kam die Idee, sich einfach einen Keks mitzunehmen, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder, da Teinaava ja gesagt hatte, dass Vicente schnell beleidigt war.
„Eine Frage habe ich noch“, sagte Jochen unvermittelt und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. „Stimmt es eigentlich, dass Vampire keinen Knoblauch mögen?“
Vicente sah ihn erst verwundert an und räusperte sich dann verlegen.
„Nun… ich… also… nein. Eigentlich stimmt es nicht. Vampire reagieren in keinster Weise allergisch auf Knoblauch oder sonstige Gewächse. Allerdings scheine ich eine Ausnahme in dieser Hinsicht zu bilden und das uralte, falsche Gerücht zu bestätigen. Ich kann mich nur leider nicht mehr erinnern, ob es vor oder nach meiner Bissverletzung durch einen mittlerweile verstorbenen Artgenossen zustande kam. Entschuldigt mich nun.“
Er machte eine weitere, unmissverständliche Geste in Richtung Tür und sie gingen durch die vielen Gänge erneut an dem Skelettwächter vorbei, der seinen Kopf um 180 Grad drehte, als sie um die Ecke bogen.
„Ich glaub, der mag uns auch nicht“, murmelte Lisa leise und biss sich auf die Lippen, als er mit dem Schädel wackelte.
„Ist doch egal“, sagte Jochen und zog sie weiter. „Wir haben gerade mit einem Vampir geredet. Ist das nicht cool?!“
„Ja, schon, Jochen… aber genau dieser Vampir hat uns soeben aufgetragen, einen Menschen zu töten. Und ehrlich gesagt… weiß ich nicht, ob ich das kann…“
Sie blinzelte und sagte dann: „Am besten, wir bringen das ganze schnell hinter uns. Vielleicht ist das alles hier auch nicht wirklich, ich meine… wir sind immerhin in einer anderen Welt, oder? Wenn man hier mordet… ach, Scheiße, es ist genauso schlimm!“
„Hey, beruhig dich mal wieder…!“
Sie waren vor ihrer Kammer angekommen und traten ein. Lisa trat vor den Spiegel und sah sich selbst in die Augen, prüfend, so, als wollte sie feststellen, ob sie tatsächlich zu einem Mord fähig war. Jochen umarmte sie von hinten und lächelte.
„Das wird schon, glaub mir. Erst einmal reisen wir jetzt in die Kaiserstadt… du hast doch noch die Karte, oder?“
Sie nickte stumm.
„Na, also! Dann suchen wir jetzt dieses grimmige Miezekätzchen auf, kaufen, was Vicente uns gesagt hat und machen uns auf den Weg. Was hältst du davon?“
„Okay… gut.“
„Okay gut?“
„Okay gut.“
Sie nickte. Dann kam ihr eine Idee.
„Ey, du hast doch noch den Schnaps, oder?“
„Ja…“, sagte er zögernd und sah sie skeptisch an.
„Krieg ich nen Schluck?“, fragte sie müde und holte aus der obersten Schublade der Kommode die Karte hervor, die Lucien ihnen gegeben hatte. Mit einem Fingernagel kratzte sie die Blutmarkierungen weg, die er dort eingezeichnet hatte und betrachtete sich dann konzentriert die Kaiserstadt.
„Na schön“, murmelte sie und griff anwesend nach der Flasche, die Jochen ihr hinhielt. „Dort ist das Hafenviertel und wir sind in Cheydinhal… das wird ein ziemlich langer Fußmarsch, aber in diesen Rüstungen müssten wir das eigentlich schaffen. Ob Mraaj.Dar auch Ausdauertränke verkauft, was meinst du?“
Sie nahm einen Schluck und fühlte sich angenehm betäubt.
„Whoa, das geht unter die Haut…!“
Der Gedanke, jemanden töten zu müssen, erschien ihr zwar immer noch ungeheuerlich, aber nicht mehr unausführbar und zwei Schlucke später fand sie Idee Idee, Kapitän Tussaud umzubringen sogar ziemlich vergnüglich.
„Lisa, geht es dir gut?!“
Jochens Stimme klang besorgt, doch irgendwie fand er sie auch niedlich, wenn sie angetrunken war.
„Na klar!“, rief sie grinsend und fuhr mit dem Zeigefinger eine Straße entlang, die sie beschlossen hatte, zu nehmen. „Jetzt müssen wir nur noch zum Miezekätzchen! Miez-miez-miez-miez!“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:16
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KAPITEL VIER
DER ERSTE MORD





Sie befanden sich am Ufer des Rumare-Sees. Es war bereits dunkel geworden und der Himmel färbte sich im Westen rötlich, doch noch erleuchtete die Sonne das Land. Nachdem sie mit Mraaj’Dar verhandelt und insgesamt zwölf Unsichtbarkeits- drei Unterwasseratmungs- drei Wasserläufer- und sechs Ausdauertränke gekauft und insgesamt mehr als 1000 Goldmünzen bei dem Khajiit gelassen hatten, waren sie sofort in die Kaiserstadt aufgebrochen. Jochen war die Idee gekommen, über ihre eingehüllten Rüstungen schwarze Reisegewänder, die sie in der Kommode vorgefunden hatten, zu ziehen, damit niemand sie verdächtigen würde. Beide hatten sie ihre Kampftasche dabei, Jochen hatte die Tränke an sich genommen und Lisa transportierte in der ihren zwei sehr lange Seile und drei unterschiedlich große Enterhaken, die sie aus dem Gemeinschaftsraum genommen hatten. Den Rest des noch verbliebenen Goldes, das seit ihrem Einkauf beträchtlich geschrumpft war, hatten sie bis auf einige wenige Münzen vorsichtshalber zu Hause gelassen.
Nun steuerten sie auf einen Steg zu, der in den See hineinragte. Lisa hatte ihn entdeckt, zusammen mit einem Argonier und einer Nussschale von Boot, die aber stabil wirkte. Es war ein schöner, sonniger Tag und die umliegenden Wälder, die zu gleichen Teilen aus Laub- und Nadelbäumen bestanden, wurden in ein helles, warmes Licht getaucht. Vogelgezwitscher war zu vernehmen und sogar zwei Rehe galoppierten graziös über den Weg.
„Fehlt nur noch das weiße Hoppelhäschen“, dachte Lisa ironisch und fischte ein paar Münzen aus ihrer Kampftasche.
„Hallo, gute Bürger“, grüßte der Argonier echsenzüngig und verbeugte sich umständlich. Am Leib trug er nur eine kurze braune Hose und sie konnten die türkisenen Schuppen sehen, die an Rücken und Bauch teilweise ins blaue übergingen. „Wünscht ihr Überfahrt? Schnelles-Schwert macht für euch Überfahrt für drei Septime!“
Er lächelte gewinnend und deutete auf sein Boot.
„Was sind Septime?“, fragte Jochen leise.
„Goldmünzen, nehme ich an“, flüstere Lisa zurück und setzte ebenfalls ein Lächeln auf.
„Und warum heißt er ‚Schnelles-Schwert?!“
Sie antwortete mit einem Achselzucken und streckte dem Argonier die Hand aus.
„Sehr gerne. Wenn du dich beeilst, legen wir sogar noch zwei Septime drauf.“
„Schnelles-Schwert macht schnellste Überfahrt von allen, ihr werdet sehen. Viel schneller, als Boot von Sharlyz!“
Er machte eine unmissverständliche Handbewegung. Sie kamen seiner auffordernden Geste nach und stiegen vorsichtig in das kleine Boot, welches Schnelles-Schwert sogleich mit einem zweieinhalb Meter langen Ruder über das Wasser gleiten lies.
„Wer ist Sharlyz?“, fragte Jochen leise.
„Seine Konkurrenz, nehme ich an“
In der Tat schien die Barke zu halten, was ihr Besitzer versprach, denn sie kamen gut voran und obwohl niemand von ihnen ein Wort sprach, wenn man vom fröhlichen Summen des Argoniers absah, wurde ihnen die Zeit nicht lang. Viel zu sehr waren sie damit beschäftigt, das zu bewundern, was sich in der Mitte des Sees befand und was sie von weitem schon hatten erahnen können: Nordwestlich von ihnen waren die wahrscheinlich dicksten Stadtmauern erbaut worden, die sie je gesehen hatten. Auf einer steil nach oben gewachsenen Insel ragten elfenbeinfarbene Wälle mindestens dreißig oder vierzig Meter gen Himmel und bildeten einen runden Kreis, der die Kaiserstadt nach außen hin perfekt abschirmte. Sechs Türme, die in gleichmäßigen Abständen zueinander standen, bildeten die Verteidigungsanlagen und dicke Holztore verhinderten, dass unwillkommene Gäste überhaupt erst hinein gelangten. Lisa und Jochen fühlten sich wie in einem Traum, so unglaublich und herrlich kam ihnen der Anblick der Stadt vor. Am meisten aber beeindruckte sie ein siebter Turm in der Mitte, dessen Spitze Jochen auf mindestens 70 Meter Höhe schätzte. Die Spitze glänzte wie ein Diamant und sie meinten, die Farben des Regenbogens darin zu erkennen.
„Ich fass es nicht“, flüsterte Jochen ehrfürchtig und klappte den Mund auf.
„Ganz schön schön, was?“, fragte Schnelles-Schwert verschmitzt und stieß sein Ruder tiefer ins Wasser. „Familie lebt dort. Im Hafenviertel, da, wo ihr hinwollt. Keine gute Gegend. Längst nicht so gut, wie im Elfengartenbezirk, aber es lässt sich aushalten.“
„Elfengartenbezirk?“, fragte Jochen Lisa, doch er hatte vergessen, zu flüstern und der Argonier antwortete für sie.
„Ein Stadtteil! Einer von sechs. Wie Speichen von Rad, wie Mutter stets sagte. Der Palast ist in Mitte und die anderen Bezirke drum herum. Marktviertel sehr verlockend, viele Diebstähle dort, deswegen Gefängnis ganz in der Nähe. Elfengartenbezirk bester Bezirk von allen, viele reiche Leute und Gasthäuser, wo Schnelles-Schwert nicht einmal Fuß reinsetzen darf. Aber das macht uns Argoniern nichts aus, wir schwimmen in Kanälen und kontrollieren alles, was sich unter der Kaiserstadt bewegt.“
„Interessant… führt die Kanalisation überall hin?“
„Außer auf Schiffe!“, sagte der Echsenmensch grinsend und zischelte mit der Zunge. Lisa errötete ertappt und fragte sich einen Moment lang, ob er etwas ahnte, doch dieser Gedanke war schlichtweg zu abwegig.
„Doch wenn man sich gut mit uns Stadtschwimmern versteht, dann gute Chancen, überall hinzukommen. Ihr seid das erste Mal hier, ja?“
„Ja, das ist richtig“, antwortete Lisa und zog ihr schwarzes Gewand zurecht. Sie wollte ungern riskieren, dass jemand die Rüstung sah, die sie darunter trug.
„Dann ihr müsst unbedingt ins Gasthaus ‚Zum aufgetriebenen Floß’ gehen, falls ihr mehrere Tage bleiben wollt. Es ist guter Anfangsort, für Neue in der Kaiserstadt, gutes Essen und nicht zu teuer. Aber auch viele Diebe, also seid auf der Hut!“, sagte er warnend. Plötzlich schaukelte das Schiff und sie klammerten sich panisch an dessen Rand fest.
„Was war das?“, fragte Jochen, dieses Mal laut und deutlich und sah sich hektisch um.
„Nur Schlachtfisch aus Rumaresee. Sie machen sich Spaß daraus, Boot zu streifen, doch keine Angst, wir können nicht kentern. Noch nie gekentert mit diesem Boot und heute wird nicht sein erstes Mal.“
„Beruhigend“, murmelte Lisa und ließ die Münzen, die sie in der Hand gehalten hatte, zurück in ihre Tasche gleiten. „Gibt es eigentlich irgendjemanden in der Stadt, von dem wir uns fernhalten sollten?“, fügte sie hinzu und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
„Ja, die Stadtwachen, besonders die im Marktviertel!“, rief Schnelles-Schwert lachend und schlug sich auf die Schenkel. Dann wurde er etwas ernster. „Aber wenn ihr echten Ärger vermeiden wollt, bleibt weg von Tussaud und seiner Bande. Tussaud ist übler Kapitän, der mit seiner Mannschaft in Hafenviertel herumlungert. Sind gerade dabei, leere Kisten auf ihr Schiff zu laden, die sie auf See wieder füllen werden. Hoffe, sie hauen bald ab… sind keine guten Leute, diese Piraten…“
Jochen und Lisa sahen sich an und noch im selben Augenblick entzündete sich in Lisas Kopf eine Idee.
„Piraten, sagst du. Wird ihr Schiff denn gut bewacht?“
„Tagsüber ja, aber nachts ist nur Obermaat Malvulis da. Sie steht immer davor und lässt nur ihre Leute durch, verflucht jeden, der auch nur vorbeigeht. Hat Angst, jemand könnte was stehlen.“
Er kicherte.
„Als ob wir das nicht längst getan hätten!“
Sie waren der Insel ein ganzes Stück näher gekommen und konnten das Hafenviertel und die beiden darin vor Anker liegenden Schiffe schon erkennen. Die Abendsonne blendete sie und sie waren froh, dass sie bald ankommen würden.
„Was genau ist eigentlich euer Ziel in Kaiserstadt? Besucht ihr Freund? Geschäfte? Wollt ihr den Tempel des Einen sehen?“
„Wir besuchen einen Freund“, log Jochen schnell und suchte misstrauisch die Wasseroberfläche ab. „Er wohnt im Marktviertel. Wir sollen ein paar Zutaten bei ihm einkaufen, er ist ein Geschäftspartner von unserem Boss.“
Schnelles-Schwert stutzte.
„Er? Ich dachte, das Geschäft ‚Die vergoldete Karaffe’ würde einer Frau gehören…“
„Nein, das andere“, beeilte sich Jochen zu sagen und wurde ein wenig rot. Inständig hoffte er, dass es noch ein zweites Geschäft für Alchemie geben würde.
„Ach, die ‚Hauptzutat’! Guter Laden, nicht so teuer…“
„Ja, genau…“
Erleichtert atmete Jochen aus und war froh, bei seiner Lüge nicht enttarnt worden zu sein. Dann verfielen sie erneut in Schweigen und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie ankamen, doch eine Viertelstunde später waren sie an Land.
„Danke, für die Überfahrt“, sagte Lisa und drückte dem Argonier zehn Münzen in die Hand. Verwundert sah er sie an und sie erklärte: „Unsere Angelegenheiten werden nicht lange dauern. Sei heute Abend um acht Uhr wieder hier und bring uns auf die andere Seite, dann kriegst du noch einmal fünfzehn Septime von uns. Einverstanden?“
Schnelles-Schwet stellte die Kopfstacheln auf und hauchte: „Habt vielen Dank, edle Dame. Möge Arkay Euch segnen.“
Sie winkten ihm zum Abschied und gingen einen sandigen Weg hinauf, der schon bald in Pflastersteine überwechselte.
Jochen fragte leise: „Wer oder was ist Arkay?“
„Eine Gottheit, nehme ich an“, antwortete Lisa und sie gingen an einer Reihe hoch aufragender Häuser vorbei, die halbkreisförmig angelegt waren und einen Bogen um das Hafenviertel bildeten. Mit der Innenseite zeigten sie zur Stadt. ‚Das aufgetriebene Floß’ war das erste Schiff, an dem sie vorbeikamen. Jochen behielt die Worte des Argoniers im Kopf und sah sich misstrauisch nach Dieben um, die ihnen wohlmöglich in die Taschen greifen wollten. Tatsächlich sprang ihm sofort ein Elf ins Auge, der sie aufmerksam beobachtete. Eine steinerne Brücke führte zu einem Leuchtturm und verband diesen Teil der Stadt mit dem Tempelbezirk, wie sie der Karte entnehmen konnten, die Lisa erneut hervorgeholt hatte. An der Außenwand des Leuchtturms war eine große Uhr angebracht, deren Zeiger genau sieben Uhr anzeigten. Eine Glocke ertönte.
Lisa zog Jochen zur Seite und sie gingen unter einer Unterführung hindurch.
„Pass auf“, flüsterte sie zur Abwechslung und sah ihn verschwörerisch an. „Ich hab eine Idee. Wenn sie funktioniert, wird alles ganz einfach und wir sind hier in Nullkommanichts wieder weg. Also…“
Sie holte tief Luft und begann, zu erklären.
„Ich werde mich auf eine dieser Kisten schmuggeln, von denen der Typ erzählt hat. Dazu brauch ich einen Unsichtbarkeitstrank. Am besten, du gibst mir alle, die zu dabei hast und nimmst dafür das Geld. Dann warten wir, bis die Kiste an Bord geladen wird und ich geh raus, um mich auf die Suche nach Tussaud zu machen.“
„Was ist, wenn du erwischt wirst?“, fragte er besorgt und sah sich um, ob auch niemand sie belauschte.
„Ich nehme einfach noch einen Trank zu mir, dann sieht mich ja keiner. Die Kabine des Kapitäns ist immer oben, glaub ich zumindest.“
Verwirrt hob er die Hände, das ganze ging ihm etwas zu schnell.
„Moment mal, Moment mal! Warum gehst du dann nicht direkt unsichtbar an dieser Malvulis vorbei in die Kabine?“, fragte Jochen und zog die Augenbrauen hoch. Lisa setzte zu einem Gegenargument an, merkte dann aber, dass es gar kein Gegenargument gab.
„Keine Ahnung“, sagte sie schließlich, nachdem sie einige Sekunden nachgedacht hatte. „Vorhin, auf dem Boot erschien es mir noch eine gute Idee zu sein…“
Er grinste und sie gab ihm einen Stoß, aber grinsen musste sie auch.
„Hier“, sagte sie und zog das schwarze Gewand aus. Sie war froh, es loszuwerden, da es unglaublich warm darunter wurde. Sie tauschten den Inhalt ihrer Kampftaschen und sie band sich mit einem ihrer zahllosen Haarbänder die Haare zurück.
„Du solltest Malvulis trotzdem irgendwie ablenken. Nur für den Fall, ich hab ein schlechtes Gefühl im Hinterkopf.“
„Klar, mach ich“, versicherte er, dann fiel ihm etwas Wichtiges ein. „Womit willst du Tussaud eigentlich umbringen?“, fragte er neugierig, doch sie zuckte bloß sie Achseln.
„Weiß nicht, mal sehen… werd einfach improvisieren, schätz ich. So, wie immer.“
„Das klingt aber nicht gerade wasserdicht“, gab er Jochen zu  bedenken und verzog skeptisch den Mund.
„Als ich die Geistergänse erfunden habe, habe ich auch improvisiert und du hast dich maßlos überfressen, weil du es so lecker fandest, weißt du noch?“
„Nja…“, antwortete er und kratzte sich am Hinterkopf. „Aber hier geht es um einen Mord, Lisa…“
„Deswegen wirst du ja auch den wichtigen Part übernehmen. Du gehst vor und redest mit diesem Obermaat. Ansprechen, übers Wetter reden, Smalltalk, du weißt schon! Den Rest übernehme ich.“
Er seufzte.
„Ich hoffe nur, dass sich all das hier lohnt“, murmelte er und küsste sie sacht auf die Wange.
„Ach, komm schon… ich hab mich in Hamburg um dich gekümmert, da schaffen wir das hier mit links“, sagte sie grinsend und gab ihm einen Stupser. „Wir kriegen das hin. Okay?“
„Ja… okay, gut.“
Sie küsste ihn zurück und lange sahen sie sich in die Augen, bevor sie sich gegenseitig zunickten. Jochen räusperte sich und lockerte die Schultern. Dann drehte er sich um und bog um die Ecke nach links, direkt auf die riesige Galeone zu. Eine Stadtwache ging vorbei und grüßte ihn wortlos, Jochen bewunderte im Stillen die grauen Rüstungen und den griechisch wirkenden Helm, vor allem aber flößte ihm das silberne Langschwert gehörigen Respekt ein. Er schluckte aufgeregt. Jetzt nur keinen Fehler machen…
Zwei halbnackte Männer standen vor dem Schiff, beide mit einem Piratensäbel bewaffnet und braungebrannt vom Leben auf See. Die weiße Kaimauer war am rechten Rand mit unzähligen Kisten, Truhen und Fässern voll gestellt, von denen eines gerade von den zwei Männern aufs Schiff gerollt wurde. Sie wurden von einer grimmig dreinschauenden Frau bewacht, bei der es sich um eine Dunkelelfe handeln musste, ihre Haut wirkte bläulich und ein roter Schimmer lag in ihren Augen.
Jochen überlegte. Wie sollte er sie in ein Gespräch verwickeln? Vorsorglich überprüfte er, ob seine Brille gut verstaut war, weil er nicht erneut danach gefragt werden wollte.
„Oh, Junge, ich bin fertig!“, keuchte der eine Pirat und stützte sich mit den Händen auf den Knien ab. „Für heute haben wir unseren Sold erfüllt. Ich hau mich in meine Koje, meine Arme fühlen sich an, als könnte man sie als Seil benutzen.“
„Ganz meine Meinung“, antwortete sein Kamerad und beide sahen zu der Frau herüber, die bestätigend nickte. Vermutlich war sie der Obermaat Malvulis, sie schien einen höheren Rang als die beiden Männer einzunehmen und machte einen wachsamen Eindruck.
„Geht unter Deck und ruht euch aus. Wir machen erst morgen früh weiter. Wenn die Stadtwache spitzkriegt, dass wir in einigen dieser Kisten Skooma schmuggeln, wird man uns alle in den Kerker werfen. Besser, wir legen eine Pause ein und fallen dafür nicht auf.“
Sie krempelte sich die Ärmel hoch und zog ein weißes Tuch hervor, mit dem sie ihr Piratensäbel zu polieren begann. Dann bemerkte sie Jochen, der tat, als hätte er nichts von dem Gespräch mitbekommen. Trotzdem fragte er sich insgeheim, was Skooma war.
„Ins Gespräch kommen“, dachte dieser fieberhaft, „ins Gespräch kommen…“
Dann fiel ihm etwas ein, auf das er schon viel früher hätte kommen sollen: Piraten sangen! Egal, bei welcher Gelegenheit er etwas über Piraten erfahren hatte, stets waren irgendwelche Seemannslieder gesungen worden, sei es bei Disney oder bei sonst irgendjemandem. Doch er kannte kein Piratenlied, das hier in Cyrodiil bekannt gewesen wäre… Nach kurzem Nachdenken beschloss er, dass es darauf nicht ankam und fing an, die Melodie von ‚Early in the morning’ zu pfeifen.
Malvulis schaute erneut zu ihm herüber, interessiert dieses Mal und ein Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht. Aufgeregt leckte sich Jochen über die Lippen und begann, die Strophe zu wiederholen. Malvulis steckte ihr Säbel in den Gürtel zurück und faltete das weiße Tuch zusammen. Dann strich sie sich über die Haare und schlenderte zu ihm herüber.
„Hallo, schöner Fremder. Ganz alleine, hier, im Hafenviertel?“
„Zur Zeit schon“, antwortete er und steckte die Hände in die Taschen. Er wollte möglichst gelangweilt klingen, lässig, obwohl er keine Ahnung hatte, ob der Dunkelelfe das gefallen würde. Erst einmal musste er cool bleiben und abwarten, was als nächstes passierte. Er blickte auf das Schiff und hielt nach irgendeinem Zeichen Ausschau, ob Lisa sich schon auf den Weg gemacht hatte.
„Dir gefällt das Schiff, wie? Das ist die Marie-Elena. Ein schnelleres und schöneres als das hier wirst du in ganz Tamriel nicht finden. Nicht einmal in Anvil liegen schönere Kähne vor Anker!“
Sie lachte und blickte liebevoll auf ihren hölzernen Schützling. Dann drehte sie sich wieder zu ihm um und fragte: „Was war das für eine Melodie, die du gerade gepfiffen hast?“
„Nur ein kleines Lied aus meiner Heimat“, antwortete er und verfluchte sich im selben Augenblick für seine Worte, da er keine Ahnung hatte, was er sagen sollte, wenn sie ihn fragte, woher er kam. Malvulis nickte allerdings nur bewundernd und knöpfte den obersten Knopf ihres weißen Hemdes auf.
„Warst du schon einmal auf einem Schiff?“
Erleichtert darüber, dass sie nichts über seine angebliche Herkunft wissen wollte, sagte er: „Na klar, was meinst du, wie ich hierher gekommen bin?“
„Und was genau machst du hier?“
Schultern zuckend schaute er zur Seite und kickte einen vor ihm liegenden Kiesel ins Wasser, der einen Augenblick später mit einem lauten ‚Plopp’ unterging.
„Eigentlich nichts Besonderes. Wollte mich mal umsehen.“
Was bitte laberte er da? Er sollte den Obermaat ablenken, verdammt noch mal! Es wurde höchste Zeit, dass er sich eine gute Geschichte einfallen ließ, warum er hier war. Er musste interessant wirken. Vorsichtig blickte er der Dunkelelfe ins Gesicht, die ihn zu seiner Überraschung fasziniert anstarrte.
„Umsehen, so, so… du hast keinen festen Wohnsitz, oder…? Genau wie ich… Hast du schon einmal darüber nachgedacht, auf einem Schiff anzuheuern und dein Leben auf hoher See zu verbringen?“
Sie kam ihm einen Schritt näher und ergriff seine Hand. Jochen war einen Moment lang versucht, sie weg zu schlagen, begriff dann aber, dass seine Einfallslosigkeit von vorhin genau die richtige Wirkung gehabt hatte: Malvulis war abgelenkt und würde nicht einmal im Traum daran denken, dass jemand Fremdes sich auf das Schiff schleichen und den Kapitän ermorden könnte. Der unangenehme Nebeneffekt war allerdings, dass sich die Dunkelelfe langsam, aber sicher in ihn zu vergucken schien und spätestens, wenn Lisa zurückkehren würde, wäre das ein Problem. Was sie wohl gerade machte…?
„Komm mit!“, rief der Obermaat plötzlich und zog ihn mit sich aufs Schiff. „Ich will dir die Marie-Elena zeigen!“

Sofort, nachdem Lisa gemerkt hatte, dass Malvulis von Jochen abgelenkt war, hatte sie einen Unsichtbarkeitstrank getrunken und ein weiteres Fläschchen in die Hand genommen, um sofort die Wirkung zu erneuern, sobald sie die Tür passiert hatte. Mit aller Vorsicht schlich sie sich an den beiden vorbei und ging über die zwei Holzbretter, die das Schiff mit der Kaimauer verbanden. Mraaj’Dar hatte ihnen Tränke verkauft, die 45 Sekunden lang anhielten, was bedeutete, dass sie zeitlich gesehen etwas mehr Spielraum hatte. Ein schneller, überprüfender Blick verriet ihr, das die Dunkelelfe gerade nicht hersah, deswegen zückte sie rasch den Dietrich, den sie in Ford Scinia gefunden hatte – mittlerweile nahm sie an, dass es ein Dietrich war, da er eine sehr merkwürdige Form besaß– und schloss mit einem Stoßgebet die Tür auf. Gerade rechtzeitig, denn Malvulis packte Jochen an der Hand und drehte sich um. Fluchend ließ Lisa die Tür leise hinter sich ins Schloss fallen und nahm einen weiteren Unsichtbarkeitstrank. Dann machte sie sich auf die Suche nach den Treppenstufen, die nach oben ins Zimmer des Kapitäns führen würden. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie dieser Logik folgte, doch in sämtlichen Filmen, die sie je über Schiffe gesehen hatte, war die Kapitänskajüte immer oben gewesen. Immer. Sogar in ‚Fluch der Karibik’! Schmunzelnd über diesen Gedanken ging sie weiter und wäre fast gegen einen der zwei braun gebrannten Typen von vorhin hineingelaufen, die die Kisten hineingeladen hatten.
„Eines sag ich dir“, sagte er zu einem rot geschuppten Argonier, der gerade dabei war, seinen Schwanz mit einem Verband zu umwickeln. „Wenn mich Malvulis noch einmal bis halb acht schuften lässt, geh ich höchstpersönlich zu Kapitän Tussaud und melde sie!“
„Ach, halt die Klappe, dreckiger Rothwardone“, zischte sein Gegenüber verächtlich und blitzte ihn feindselig an. „Wenn sie nicht gewesen wäre und diesen dämlichen Hieronymus Lex bezirzt hätte, würdest du jetzt im Kerker verrotten, anstatt deinen Sold zu erfüllen.“
Was immer der ‚dreckige Rothwardone’ (sie musste sich unbedingt merken, dass dunkelhäutige Menschen so hießen) auch antwortete, Lisa hörte es nicht mehr, sondern stahl sich durch den Vorraum an den beiden vorbei und stieg eine Treppe hinauf, zu einer Tür, die gottlob offen stand. Ein zweiter Zwischenraum trennte sie von drei weiteren Treppenstufen, die zu einer mit goldenen Ornamenten verzierten Tür führten. Das schrie ja geradezu nach Kapitän! Erneut drehte sie sich um, doch durch den Spalt, durch den sie geschlüpft war, konnten die Männer sie nicht mehr sehen. Langsam drückte sie die Klinke hinunter, doch wie erwartet war auch diese Tür verschlossen. Wieder nahm sie den Dietrich zur Hand genauso wie den dritten Unsichtbarkeitstrank, der sie, nachdem sie auch dieses Hindernis überwunden hatte und das Schloss einrasten ließ, perfekt tarnte. Lisa seufzte. Wenigstens war sie bisher nicht erwischt worden. Ob Jochens Tarnung schon aufgeflogen war?

„Nein, wirklich, ich schwöre es dir! Dieser Idiot hätte uns beinahe an den Klippen zerschellen lassen! Wenn ich nicht gewesen wäre, wären wir in dieser Nacht alle draufgegangen… hat irgendetwas von Möwenmist auf dem Steuerrad gefaselt!“
„Unglaublich“, rief Jochen mit falscher Anteilnahme und stöhnte insgeheim über die nun bereits fünfte langweilige Geschichte, die Malvulis zum Besten gab. Die Dunkelelfe hatte eine Flasche Wein herausgeholt und bereits die Hälfte davon alleine geleert. Jochen hatte sie ein Dunkelbier gegeben, was ihm sehr viel lieber war und auch, wenn das Getränk nicht eben kühl gelagert worden war, lockerte es doch seine Zunge und sorgte dafür, dass der Obermaat ihn immer mehr mochte.
„In der Tat!“, versetzte Malvulis und nahm einen weiteren Schluck. „Aber ich erzähle die ganze Zeit von mir… was hat dich denn zur See getrieben?“
„Mein Vater war Kapitän“, antwortete Jochen kurzerhand und war einen Moment lang sogar stolz, dass dies keine Lüge war. Allerdings musste er das ganze drum herum noch etwas ausschmücken.
„Wirklich? Du musst sehr stolz auf ihn gewesen sein!“
Er schüttelte den Kopf und genehmigte sich ebenfalls einen Zug Dunkelbier, bevor er weiter sprach.
„Nein, ich habe ihn nie kennen gelernt. Bin im Waisenhaus aufgewachsen, aber man hat mir davon erzählt. Schätze, deswegen wollte ich immer zur See, der Gedanke hat mir immer schon gefallen… man sieht die Welt, man ist nirgendwo dran gebunden… man ist einfach frei!“
Die Worte strömten aus ihm heraus, wie aus einem Wasserfall, er redete ganz instinktiv und ließ sich nur von seinen Gefühlen leiten. Am meisten war er erstaunt darüber, wie viel Spaß es ihm machte, dem Obermaat immer dreitere Lügen aufzutischen. Es war ganz einfach, die Dunkelelfe um seinen Finger zu wickeln, mit jedem Wort, was er sagte, war sie faszinierter und beeindruckter von ihm. Mit zitternden Händen fasste sie sich an ihr Hemd und öffnete den zweiten Knopf.
„Genau das ist es, was einen wahren Seemann ausmacht, Junge! Genau das ist es! Diese Tölpel begreifen das einfach nicht, für sie ist es nichts als Arbeit und sobald sie jemanden finden, der ihnen höheren Sold bezahlt, hauen sie ab. Aber Kapitän Tussaud und ich, wir wissen, worum es sich bei der Schifffahrt in Wirklichkeit handelt: Es ist eine Philosophie!“
Sie keuchte aufgeregt und wurde immer lauter beim Sprechen, dann ließ sie plötzlich die Flasche fallen und schloss Jochen in die Arme.
„Du bist in Ordnung, Junge, du bist wirklich in Ordnung!“ lallte sie ihn lachend an und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich sag dir was: Wenn du wirklich daran interessiert bist, auf einem Schiff anzuheuern, dann lege ich ein gutes Wort für dich beim Kapitän ein. Was sagst du dazu?“
Jochen musste sich beherrschen, um nicht von Malvulis wegzurücken, der Kuss und die Umarmung waren etwas viel für ihn gewesen, doch er konnte jetzt nicht riskieren, sie zu verärgern. Nachher stürmte sie noch beleidigt aufs Schiff und überraschte Lisa, die gerade einen Dolch in Tussauds Brust jagte. Er musste sie immer noch beschäftigen und so hielt er die Maskerade weiterhin aufrecht.
„Na klar, sage ich da! Herzlich gerne!“
„Lass dich umarmen!“, rief Malvulis aus und umschlang ihn erneut.

Der Raum, in dem sie sich befand, war ziemlich groß, größer jedenfalls als die anderen Räume, in denen sie gewesen war. Er war recht luxuriös eingerichtet und sogar ein Schreibtisch stand in der Ecke. Gegenüber der Tür, durch die sie eingetreten war, am anderen Ende des Zimmers befand sich ein weiterer Zugang, der nach draußen führen musste. Der perfekte Rückweg, also… Vorsorglich ging sie darauf zu und öffnete ihn gerade soweit, dass sie hindurchpassen würde und nahm einen weiteren Unsichtbarkeitstrank. Dann erkundete sie den Rest der Kajüte. Auf einem mit weißen Decken belegten Tisch stand ein grauer Blumentopf, in dem eine merkwürdig grüne Pflanze mit tropisch aussehenden Blättern wuchs. Auch Schränke und allerlei Truhen waren an den Wänden aufgestellt worden, aus einer lugten einige Goldketten und Edelsteine hervor, die Lisa auf beunruhigende Weise aus Fort Scinia erinnerten. Grauenerfüllt schluckte sie und sah sich den Raum genauer an. Erst jetzt fielen ihr die Bilder auf, die an den Wänden hangen. Bilder auf einem Piratenschiff!!! Selbst in Filmen hatte sie so etwas noch nicht gesehen! Und wo war Tussaud?
Ihre Frage wurde schnell beantwortet, als ein lautes Schnarchen sie herumfahren ließ. Erschrocken erstarrte sie mitten in der Bewegung und hielt aufgeregt den Atem an. Dann sah sie Tussaud. Er befand sich in einem Bett, das mit einem rotgoldenen Stoff überzogen war. Vorsichtig schlich Lisa näher und besah sich den Piratenanführer. Er war stockbesoffen! Drei Bierflaschen lagen auf dem Bett verstreut und eine vierte, deren Inhalt über die gesamte Matratze verteilt war, hielt er mit der rechten Hand fest umklammert. Vor dem Bett lag eine leere Weinflasche, die anscheinend der Hauptgrund des Anblicks war, der sich hier bot. Tussaud schmatzte laut und murmelte etwas Undeutliches. Angeekelt verzog Lisa das Gesicht und stolperte erschrocken rückwärts, als der Kapitän plötzlich hochfuhr und sich hektisch umblickte. Einen Moment lang war sie versucht, sich zu verstecken, aber dann fiel ihr ein, dass sie ja unsichtbar war. Tussaud rappelte sich hoch und stolperte durch den Raum ohne dabei jedoch die Bierflasche loszulassen.
„Muss wach bleiben“, brummelte er und wankte gefährlich hin und her. „Muss wach bleiben… wach bleiben… Wo bist du?!“, brüllte er wütend und stierte panisch in jede Ecke. „Wo bist du, du Riesenratte?!“
„Er weiß, dass ich hier bin!“, durchfuhr es Lisa und ängstlich begann sie zu überlegen, was sie nun machen sollte. Tussaud im Schlaf zu ermorden, wäre eine Sache gewesen, aber nun, da er wach war, fiel es ihr ungleich schwerer.
„Du bist hier… du bist hier… KOMM RAUS!“, brüllte der Kapitän und rutschte jäh auf der vor dem Bett liegenden Weinflasche aus, die unter seinem Gewicht einfach wegrollte.
„Aaaah!“, schrie er überrascht und ruderte mit den Armen, bevor er das Gleichgewicht verlor und mit einem lauten Rumms mit dem Hinterkopf auf den Boden knallte. Übelkeit durchflutete Lisa bei dem Geräusch und sie hielt sich grauenerfüllt die Hand vor den Mund. Eine Blutlache entstand unter Tussauds Kopf und breitete sich langsam aus. Er war tot.
„Ich glaube das einfach nicht“, flüsterte sie und konnte nicht fassen, was gerade geschehen war. War es möglich, dass sie gerade den Auftrag erfüllt hatte ohne einen Mord zu begehen? Sie hatte ihn nicht getötet und doch hatte der Kapitän eindeutig sein Leben ausgehaucht. Behutsam tippte sie ihn mit dem Fuß an, doch er regte sich nicht mehr. Dafür regte es sich im Rest des Schiffes.
„Kapitän Tussaud?“, rief von außen eine Stimme und klopfte dreimal. „Kapitän Tussaud, ist etwas passiert? …  ich komme jetzt rein, wenn Ihr erlaubt…“
Die Zeit schien stillzustehen, als Lisa zu der vorhin geöffneten Tür stürzte und hindurch schlüpfte. Sie war gerade draußen angekommen, als drinnen die Klinke herunter gedrückt wurde und jemand eintrat. Tief durchatmend nahm sie einen der drei Tränke, die ihr ermöglichten, auf dem Wasser zu gehen und holte einen Enterhaken, der an einem Seil befestigt war, heraus. Ersteren machte sie an dem hölzernen Geländer des Schiffbugs fest und stieg dann leise darüber, um sich abzuseilen. Sie hoffte nur, dass der Khajiit sie mit der Trankbeschreibung nicht reingelegt hatte…

Jochen war aufgestanden und wischte sich über die Stirn. Es war eine laue Nacht und doch schwitze er, wie er selten in seinem Leben geschwitzt hatte. Malvulis wurde immer anhänglicher und klammerte sich regelrecht an ihn, als er ein paar Schritte von ihr weg gehen wollte. Er verfluchte Lisa, dass sie so lange brauchte und blickte nervös auf die Uhr des Leuchtturms, die fünfzehn Minuten vor acht aufzeigte. Es wurde höchste Zeit, dass sie zurückkam. Und zwar nicht nur, weil ihre Überfahrt sonst verstrich.
„Wo willsu denn hin, Kleiner?“, kicherte Malvulis und gab ihm einen weiteren Kuss, der sehr nach Wein stank. „Bisu vielleicht müde und möchest ins Bett? Ich hab eine eigene Kajüte, mussu wissen. Sie’s ziemlich groß und geräumig, doch wennu willst…“
Sie hickste benommen.
„… wennu will’s, kannich noch n zweites Bett hineinstell’n lass’n. Was hälste davon?!“
Sie grinste ihn betrunken an und leckte sich über die Lippen.
„Tolle Idee!“, presste Jochen hervor sah angewidert mit an, wie Malvulis auf sein schwarzes Gewand sabberte.
„Find ich ja nicht so!“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen und die Dunkelelfe wurde herumgedreht. Wie aus den nichts erschien Lisa vor ihr und schlug ihr mit der Faust so hart ins Gesicht, dass der Obermaat quer über das Deck flog. Mit aufgerissenen Augen sah Jochen sie an, zögerte einen Augenblick, dann erholte er sich von seinem Schock und umarte Lisa stürmisch.
„Endlich bist du da!“, flüsterte er glücklich und küsste sie heftig auf die Wange und auf den Mund. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht!“
„Ja, ich weiß… komm jetzt.“
Sie fasste ihn an der Hand und zog ihn mit sich über die Holzbretter.
„Warte!“, rief er und reichte ihr die Kutte herüber, die er die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte. Im Laufen zog sie sich das Kleidungsstück über und blickte nun ebenfalls auf die Uhr, deren Zeiger bedrohlich weiter wanderten. Ängstlich  sah sie sich nach Stadtwachen um, doch der Hafen wirkte von ihnen wie leergefegt. Erleichtert atmete sie durch und rannte Hand in Hand mit Jochen weiter, bis sie bei dem kleinen Boot angekommen waren. Schnelles-Schwert wartete bereits auf sie und wirkte überrascht, als er sie erblickte.
„Gab es Ärger?“, fragte er besorgt und wies sie mit einer Geste an, ins Boot zu steigen.
„Allerdings“, murmelte Jochen, der der wortlosen Aufforderung sofort nachkam. Der Argonier schob das Boot ins Wasser und stieß sein Ruder kräftig in die Wellen.
„Seid wohl doch nicht Geschäftsleute. Schnelles-Schwert hat sich so was gedacht… seid ihr Diebe?“
„Nicht direkt“, sagte Lisa und blickte zum Ufer zurück, um eventuelle Verfolger auszumachen, doch niemand war zu sehen. Sie hatten es geschafft… sie hatten es tatsächlich geschafft! Beruhigt lehnte sie sich zurück und schloss die Augen, als die Uhr in der Ferne achtmal schlug.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:17
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KAPITEL FUENF
TELAENDRILS QUEST




Völlig erschöpft hauchte Lisa ein „Sanguine, mein Bruder!“ hervor, als sie zum zweiten Mal vor der gläsernen Tür standen, auf der das Wappen der Dunklen Bruderschaft zu sehen war. Die Pforte schwang auf und sie betraten die Zuflucht. Sämtliche Mitglieder waren bereits zu Bett gegangen oder befanden sich auf einer Mission, nur noch der Skelettwächter streifte allein durch die Eingangshalle und winkte ihnen fröhlich zu, als er sie erblickte. Dieses Mal trug er ein stählernes Langschwert und einen Lederschild in seinen knöchernen Händen und klapperte willkommen heißend mit den Zähnen, als sie müde an ihm vorbeigingen. Jochen hob zum Gruß zumindest noch die Hand, doch Lisa brachte nicht einmal das mehr fertig. Auf dem Weg von der Kaiserstadt nach Cheydinhal hatte sie Jochen haarklein berichtet, was sie auf dem Schiff erlebt hatte, vor allem die Tatsache, wie Tussaud ums Leben gekommen war, hatte sie erörtert. Sie hofften beide, dass die Mutter der Nacht trotz allem Gefallen an der Art und Weise, wie sie den Auftrag erfüllt hatten, gefunden hatte, doch wirklich vorstellen konnten sie es sich nicht. Doch das war in den nächsten Stunden nicht ausschlaggebend für sie. Wichtig schien nur, dass sie endlich in ihr Bett krabbeln und sich ausruhen konnten, denn trotz ihrer neuen Rüstungen und den zwei Ausdauertränken, die sie genommen hatten – und die dieses Mal nach Mais und Kartoffeln geschmeckt hatten – waren sie ziemlich ausgelaugt und kaum noch fähig, etwas von ihrer Umwelt wahrzunehmen. So schnell, wie es ihnen möglich war, durchschritten sie den Korridor und kamen vor ihrem Zimmer an. Als sie es betraten, fanden sie gerade noch die Kraft, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden und sich auf ihre Matratze fallen zu lassen. Innerhalb weniger Sekunden waren sie eingeschlafen.

Am nächsten Tag erwachten sie erst um die Nachmittagszeit, sie hörten von fernher die Kirchenuhr dreimal schlagen. Müde streckten sie ihre Glieder aus und kuschelten sich eng aneinander, bevor sie aufstanden und gemeinsam in die Waschräume gingen. Splitternackt taten sie etwas, dass schon viel zu lange her zu sein schien, seit sie es das letzte Mal gemacht hatten: Sie duschten zusammen. Nach einem so anstrengenden Tag war es unsagbar angenehm, sich gegenseitig einzuseifen und unter fließendem Wasser zu küssen und sie ließen sich ausgesprochen viel Zeit dafür, bis Lisa meinte, die Kirchenuhr vier mal schlagen zu hören. Als sie mit dem Abtrocknen fertig waren und sich mit den Sachen aus ihrer eigenen Welt vollständig eingekleidet hatten, fanden sie einen Zettel auf ihren frisch gemachten Betten, die sie völlig durchwühlt zurückgelassen hatten. Darauf stand, dass sie umgehend Telaendril aufsuchen sollten, was sie sogleich taten, allerdings nicht ohne festzustellen, dass die eingehüllten Rüstungen und schwarzen Gewänder wieder ordentlich in der Kommode verstaut worden waren.
„Wer macht das hier eigentlich?“, fragte Jochen Lisa verwundert, doch dieses Mal  wusste sie keine Antwort zu geben. Verblüfft schüttelte er den Kopf und sagte dann: „Als würden hier Geister herumspuken und…“
„Du meinst Hauswichtel“, unterbrach sie ihn und kämmte sich die Haare. Dann betrachtete sie sich im Spiegel und befand ihr Aussehen für durchaus annehmbar. „Komm, lass uns gehen.“
Auf dem Weg zu Telaendril begegnete ihnen Gogron gro-Bolmok, der Lisa im Vorbeigehen anerkennend auf die Schulter schlug. Als er sie nicht mehr sehen konnte, rieb sie sich stöhnend die schmerzende Stelle und gab Jochen, der ein heimliches Grinsen nicht verbergen konnte, einen Klaps auf den Hintern. Dann waren sie vor der Holztür der Zuhörerin angekommen und klopften dreimal an. Ein wohliges Stöhnen drang aus der Kammer und einen Moment später hörten sie ein vergnügtes „Herein!“, dem sie Folge leisteten. Flugs traten sie ein und sahen Valen Dreth, der wie üblich an seinem Platz am Hals angekettet war und die Hände auf dem Rücken gefesselt hatte. Telaendril saß auf ihrem Bett, bekleidet mit einer braunen Bluse und einem hellen Rock und fütterte den Dunkelelfen mit einer Weintraube, die er genüsslich kaute und dann herunterschluckte. Als der sie bemerkte, stellte er sich hastig auf die Knie und verbeugte sich vor ihnen, indem er mit der Stirn den Boden berührte. Jochen und Lisa hoben unsicher zum Gruß die Hand.
„Ah, da seid ihr da! Wie ihr seht, hat mein Sklave endlich gelernt, euch anständig zu begrüßen.“
Sie lächelte viel sagend und ließ die beiden vermuten, dass es sich nicht eben um eine schmerzfreie Lektion gehandelt hatte. Wortlos setzten sie sich an den Tisch und auch die Waldelfe nahm Platz.
„Wie ist es euch bei eurem Auftrag ergangen?“, fragte sie neugierig und nahm sich aus der silbernen Obstschale, die auf dem Tisch stand, ebenfalls ein paar Weintrauben.
„Gut“, sagte Lisa, die besorgt Valen Dreth beobachtete, denn dieser befand sich noch immer in seiner knienden Haltung. „Ähm… hör mal“, sagte sie zu ihm gewandt, „möchtest du dich nicht wieder aufsetzen?“
Zu ihrer Überraschung gehorchte der Angesprochene sofort und blickte ihr dankbar in die Augen.
„Die Geflüsterte ist zu gütig!“, hauchte er aufrichtig und kuschelte sich tiefer in seine Sitzecke. Telaendril lächelte amüsiert.
„Nun“, sagte sie und zupfte sich ihr Oberteil zu Recht. „Während ihr eure Aufgabe erfüllt habt, war ich in Bravil und habe mit der Mutter der Nacht gesprochen.“
„Bravil?“, fragte Jochen.
„Eine Stadt“, antwortete Lisa, die sich mittlerweile auf der Karte ganz gut auskannte. Zu Telaendril sagte sie: „Was hat die Mutter der Nacht denn gesagt?“
„Sie ist zufrieden mit euch“, erwiderte die Zuhörerin und faltete die Hände. „Eure Vorgehensweise hat sie anscheinend sehr erheitert. Zwar hat sie mir keine Einzelheiten verraten, doch sagte sie, dass sie eure Taktik, zu zweit zu arbeiten, sehr bewundernswert findet. Was genau… nun ja, eigentlich geht mich das nichts an, aber… nein, lassen wir das. Fürs erste gibt es wichtigere Dinge zu besprechen.“
Sie schenkte sich aus einem rosa Fläschchen, das nach Erdbeeren roch, eine Flüssigkeit in ihr silbernes Glas und nippte daran, bevor sie fortfuhr.
„Ich muss euch von etwas berichten, das bereits zehn Jahre zurückliegt und von dem die Schwarze Hand dachte, dass es vollständig vernichtet worden sei. Doch wie es scheint, haben wir uns geirrt…“
„Worum geht es?“, frage Jochen, der auch neugierig darauf war, zu erfahren, was die Mutter der Nacht genau über sie zu sagen hatte.
„Um Verrat!“, rief Telaendril laut und atmete tief durch. „Es geht um Verrat… Verleumdung innerhalb der Dunklen Bruderschaft. Es ist wichtig, dass ihr erfahrt, was damals geschehen ist, um das Übel, dass sich in den Hallen der Zuflucht ausbreitet, vollständig verstehen zu können.“
Sie machte eine Kunstpause, bevor sie weiter sprach.
„Vor zehn Jahren erfuhren wir, dass sich unter den Kindern des Sithis ein Schmarotzer befand, der nicht im Geringsten daran interessiert war, der Mutter der Nacht auf ehrenvolle Art und Weise zu dienen. Er beging einen einfachen Mord, um angeworben zu werden und stieg unter seinen Geschwistern so schnell auf, wie noch nie zuvor ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft es bewerkstelligt hatte. Wie sich herausstellen sollte, hegte er ein dunkles Ziel… er wollte die Braut des Sithis persönlich töten!“
Erneut trank sie aus ihrem Glas und schloss ihre Finger darum.
„Er wollte eine Göttin töten?“, fragte Lisa verwirrt und runzelte die Stirn. „Wie hieß der Kerl denn eigentlich?“
„Matthieu Bellamont“, antwortete Telaendril mit unheilvoller Stimme, so, als bereitete es ihr Bauchschmerzen, den Namen des Verräters auch nur auszusprechen. „Lucien Lachance, der schon damals ein Sprecher der Schwarzen Hand war und zu jedem Zeitpunkt noch die Zuflucht in Cheydinhal leitete, wies mich als seinen Ruhigsteller an, die damaligen Mitglieder der heiligen Hallen zu eliminieren, da er den Verräter unter ihnen vermutete. Doch ich wusste, dass er irrte.“ Sie schauderte und schüttelte traurig den Kopf. „Es war ein Glück, dass ich mich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben weigerte, einen Befehl von einem höher gestellten Mitglied auszuführen. Ich wusste, dass niemand von meinen Geschwistern der Verräter sein konnte und so warnte ich sie, sich zu verstecken und erst dann zurückzukehren, wenn ich sie benachrichtigen würde. Matthieu Bellamont, der inzwischen ebenfalls ein Sprecher war, wies seinen Ruhigsteller an, die anderen Kinder des Sithis und die Finger der Schwarzen Hand zu ermorden. Immer mehr schrumpfte die Dunkle Bruderschaft zusammen und es wäre beinahe gelungen, uns für immer auszulöschen, wenn ich und Lucien es nicht im letzten Moment verhindert hätten. Selbst der damalige Zuhörer, Ungolim, wurde ausgelöscht!“
Jochen und Lisa sahen sich gegenseitig skeptisch an, weil sie nicht begriffen, worauf die Waldelfe hinauswollte.
„Aber… wie genau hat Bellamont es fertig bringen wollen, eine Göttin zu töten?“, fragte Lisa und nahm sich ein paar der Trauben. „Ich dachte immer, die seien unsterblich!“
„Das sind sie auch“, gab Telaendril zurück. Dann langte auch sie in die Obstschale und griff einen Apfel, den sie Valen Dreth übergab. Dieser freute sich sichtlich und schenkte seiner Herrin ein dankbares Lächeln, bevor er das Obst mit beiden Händen umklammerte und wie ein kleines Kind daran zu knabbern begann.
„Allerdings muss er von jemandem Unterstützung bekommen haben. Eine Waffe wie die, die er bei sich trug, habe ich seither nie wieder gesehen! Wie dem auch sei, die Schwarze Hand war nahezu vernichtet und genau dasselbe Schicksal hatte den Großteil von uns ereilt. Es kam zu einem Ritual, das die meisten Mitglieder nicht einmal erleben dürfen, so selten wird es ausgeführt: Unsere finstere Fürstin wurde beschworen, um uns den Weg zu weisen.“
Jochen zog eine Augenbraue hoch, nicht zuletzt deshalb, weil er von draußen das inzwischen vertraute Klappern des Skelettwächters hörte und kurz darauf ein splitterndes Geräusch, das ihn und Lisa zusammenzucken ließ.
„Unser untoter Hüter hat sich vermutlich einmal mehr den Kiefer ausgerenkt“, erklärte Telaendril. Jochen nickte.
„Ihr habt also eine Göttin beschworen?“, fragte er dann und nahm sich auch eine Weintraube. Der Blick der Waldelfe wurde dunkler.
„Ja. Ich kann euch jetzt nicht die Einzelheiten erläutern, da es sehr viel mit Magie zu tun hat und meinen Kenntnissen nach, beherrscht ihr keine Form davon…“ Sie lächelte entschuldigend. „… doch die Mutter der Nacht gestattete uns eine Audienz und wir flehten um ihre Weisung. Die Zusammenkunft fand in ihrer Gruft in Bravil statt und genau dort war auch Bellamont, der noch immer unerkannt unter uns weilte. Er tötete mehrere von uns und ging dann auf unsere Fürstin los, die lediglich durch Lucien, mich und Arquen, eine andere Sprecherin, beschützt werden konnte. So bin ich damals Zuhörerin geworden.“
Lisa verzog anerkennend die Lippen und sagte: „Wow… ganz schön spannende Geschichte… die anderen konnten danach einfach wieder zurückkommen, oder?“
„So war es“, bestätigte die Waldelfe und lächelte. „Nach der Krise sind Gogron und die anderen zurück gekommen und haben ihre alten Plätze eingenommen. Als wir uns von diesem Angriff erholt hatten, wurden neue Mitglieder rekrutiert und die anderen Zufluchten wurden wieder instand gesetzt. Doch sicherlich werdet ihr euch fragen, was all dies mit euch zu tun hat, nicht wahr?“
„Allerdings“, versetzte Jochen und schlug die Beine übereinander.
„Nun, durch meinen kleinen Sklaven hier, der ein angeheirateter Cousin des Verräters war, habe ich erfahren, mit was für Kontakten Bellamont in Verbindung stand. Wie es schien, wollte er Dreth ebenfalls ermorden lassen, der zu dieser Zeit noch im Gefängnis saß. Die prächtige Villa, die den Eingang zur Zuflucht tarnt, war damals noch eine verlassene Ruine, doch ich habe dafür gesorgt, dass sie wieder hergerichtet wurde. Na ja, eigentlich hat Dreth das getan, aber natürlich auf meinen Befehl.“
Sie lachte vergnügt.
„Stellt euch einmal vor: Ich sollte ihn hinter Gittern ermorden! Doch wie sich herausstellte, war der Auftrag von Bellamont selbst eingegangen und somit wurde der Mord hinfällig. Leider hatte sich der kleine Dunmer, als ich vor seiner Zelle stand ziemlich in mich verliebt und nur Lucien, der mich im letzten Moment zurückhielt, ist es zu verdanken, dass er am Leben blieb.“
Der Dunkelelf nickte bestätigend und Lisa beschloss, sich zu merken, dass Dunkelelfen auch ‚Dunmer’ genannt wurden.
„Jedenfalls stellte sich heraus, dass Bellamont nicht nur Rachegelüste zu seinen Plänen getrieben haben, sondern dass er von einer Gruppe unterstützt wurde, die schon seit jeher der Dunklen Bruderschaft feindlich gesinnt ist: den Narben.“
„Die Narben…“, murmelte Jochen und ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. „Sind das ebenfalls Meuchelmörder?“
Telaendril überlegte, bevor sie antwortete. Dann sagte sie schließlich: „Nein, nicht direkt… es sind Vampire. Und wie es scheint, haben sie sich von unserem letzten Angriff bestens erholt. Die Mutter der Nacht hat euch dahingehend eine Aufgabe zugetragen, die ihr umgehend erfüllen müsst. Da ich weiß, wie erschöpft ihr seid, werde ich euch den heutigen und morgigen Tag zur freien Verfügung stellen, doch übermorgen werdet ihr euch auf den Weg machen müssen.“
Einen Moment lang schwieg sie, dann holte sie unter dem Tisch eine Karte von Cyrodiil hervor, auf der auch umliegende Länder genauer beschriftet zu sein schienen. Ihr Finger deutete auf einen Punkt, der am südlichsten Ende des Kaiserreichs liegen musste.
„Hier… dort ist ihr Refugium. Die Mutter der Nacht hat mir befohlen, euch mit dem Auftrag zu betrauen, dort einzudringen und herauszufinden, was genau sie vorhaben. Wir müssen vor ihrem nächsten Schritt gewappnet sein.“
Lisa und Jochen sahen sie sprachlos an und merkten, wie ihnen die Münder aufstanden.
„A… au… Augenblick mal eben… ganz ruhig, jetzt…“, stotterte Lisa und versuchte, die richtigen Worte zu finden. „Du verlangst allen Ernstes von uns, dass wir uns zu einem Ort begeben, der voll mit Blut saugenden Vampiren ist?!“
Telaendril sah sie erstaunt an und fasste mit der Hand eine Haarsträhne, die ihr widerspenstig vor dem Gesicht herumtanzte.
„Was genau ist daran so schwierig?“, fragte sie verwundert und strich sich die Strähne hinters Ohr.
„Alles!“, rief Lisa nach einem kurzen Zögern und zuckte mit dem rechten Auge. „Ich meine… wofür hältst du uns eigentlich? Hilfe!“
Flehend sah sie Jochen an, der nicht minder aufgeregt zu sein schien.
„Also… ich weiß ja nicht, ob du das mitbekommen hast, aber… aber… wir sind Anfänger! Wir sind es nicht eben gewohnt, Leute zu ermorden und schon gar nicht sind wir es gewohnt, uns ermorden zu lassen!“ Sie war lauter geworden, während sie sprach und wischte sich aufgebracht mit dem Handrücken über den Mund. „Wir sind absolute Novizen auf diesem Gebiet und haben mit einer ungeheuren Portion Glück unseren ersten Auftrag erfüllt! Wie kannst du ernsthaft annehmen, dass wir solch einer Aufgabe gewachsen sind?!“
Die Waldelfe sah sie ruhig an, dann stand sie wortlos auf und ging zu einem ihrer Schränke, aus denen sie eine kleine Holzkiste entnahm. Sie stelle sie in der Mitte des Tisches ab und öffnete den Deckel. Dann entnahm sie zwei graue Stoffbündel und zwei Ringe, bevor sie die Kiste auf den Boden stellte. Je eines der Stoffbündel schob sie Jochen und Lisa zu und überreichte ihnen danach die Ringe.
„Ich denke, es wird Zeit, dass ihr diese Dinge hier erhaltet. Es sind magische Gegenstände, die euch bei euren weiteren Aufgaben sehr nützlich sein werden. Legt die Ringe einmal an!“, sagte sie aufmunternd und nickte ihnen freundlich zu. Zögernd griffen sie danach und betrachteten sich die Schmuckstücke genauer: Sie waren aus reinem Silber gefertigt, wie es schien und besaßen feine Gravuren, die nach sorgfältiger Musterung eine Reihe nebeneinander stehender Speere bildeten. Die Spitzen dieser Speere waren jeweils abwechselnd mit einem grünen und einem roten Stein besetzt, dreimal allerdings ließ sich in regelmäßigen Abständen auch ein blauer unter ihnen entdecken. Nachdem sie alle Einzelheiten ausgemacht hatten, streiften sie sich das Geschmeide über einen Finger und sahen dann zu Telaendril. Der abwartende Blick der Zuhörerin ließ sie annehmen, dass nun irgendetwas Bedeutsamen passieren würde, doch nichts dergleichen geschah. Sie spürten keinerlei Veränderung, nichts, das mit dem Gefühl vergleichbar gewesen wäre, das sie durchströmt hatte, als sie die eingehüllten Rüstungen angezogen hatten.
Lisa drehte sich zu Jochen und wollte etwas sagen, doch Jochen war nicht da. Jochen wollte etwas zu Lisa sagen, aber sie war nirgends zu sehen.
„Wo bist du?“, fragten sie beide gleichzeitig und sahen sich suchend um. Einen Augenblick später ertönte von Lisas Stuhl ein leises: „Isolight!“ und Jochen stöhnte.
„Ihr seid unsichtbar!“, sagte Telaendril feierlich und klatschte in die Hände. „Herzlichen Glückwunsch! Ihr zwei seid die ersten, denen wir diese Ringe überreichen, nicht einmal ich habe so einen, doch ihr habt euch durchaus als würdig erwiesen, sie zu tragen.“
„Wodurch das?“, fragte ihr unsichtbares Gegenüber und Lisa nahm den Ring ab, um sich wieder sehen zu können. Jochen tat es ihr einen Augenblick später gleich, allerdings nicht, ohne sie vorher noch in die Seite zu pieken.
„Weil ihr etwas geschafft habt, das bisher noch keinem Mitglied der Dunklen Bruderschaft gelungen ist: Ihr seid ohne Waffen mit einem schwierigen Auftrag betraut worden, den ihr zur vollsten Zufriedenheit unserer Götter ausgeführt habt. Ich weiß nicht, wie ihr es getan habt, doch ihr habt es getan und einzig das ist es, was zählt.“
„Soll das etwa heißen, dass andere Mitglieder normaler Weise eine Waffe bekommen?“, hakte Jochen vorsichtig nach, doch insgeheim kannte der die Antwort schon.
„Ja, das heißt es. Euch wurden absichtlich keine zur Verfügung gestellt, weil ich prüfen musste, ob ihr wirklich die Geflüsterten seid. Bitte versteht.“
Valen Dreth sah sie beide plötzlich wachsam an, so, als befürchtete er, dass sie Telaendril aus Verärgerung etwas antun konnten und einen Moment lang erschien es Lisa, als würde sich um ihn so etwas wie ein Nebelschleier bilden, doch als sie sprach, verschwand dieser wieder.
„Wir verstehen schon, keine Sorge. Also, diese Ringe machen unsichtbar. Das wird uns weiterhelfen, in den Rüstungen ist es kein Problem, zu schleichen. Aber wonach genau sollen wir eigentlich suchen?“
Die Zuhörerin hob die Augenbrauen, als sei ihr etwas Wichtiges eingefallen. Sie hob einen Finger und schwieg einen Moment lang, bevor sie zu sprechen anfing.
„Am besten ist es, wenn ihr mit Vicente darüber redet. Ihr müsst euch sowieso eure Belohnung bei ihm abholen, da ihr die Aufgabe gemeistert habt. Er wird euch alles Nötige erzählen können.“
Jochen kam mit einem Mal etwas in den Sinn und er musste seinen Mut zusammen nehmen, um es auszusprechen.
„Äh… Telaendril? Also, du hast doch gesagt… das diese Gruppe… die Narben… es sind Vampire, richtig?“
Sie nickte freundlich.
„Ja… also… liegt es dann nicht nahe, dass Vicente etwas mit ihnen zu tun haben könnte?!“
„Nein“, antwortete die Waldelfe schlicht und sah ihn ein wenig traurig an. „Vicente hatte nie etwas mit ihnen zu tun. Er ist ein erbitterter Feind der Narben und wird der Bruderschaft immer treu sein.“
Sie sagte dies ganz ohne Zweifel, als sei es eine Art Naturgesetz und leerte den Rest ihres  Glases mit einem Zug.
„Aber wie kannst du denn da so sicher sein? Ich meine, er ist schließlich ein Vampir!“
„Richtig. Er ist ein Vampir. Vor über 300 Jahren ist er von den Narben gebissen worden und seither fristet er sein Dasein als Untoter auf dieser Welt. Niemand hasst unsere Gegner mehr, als er, er würde alles dafür geben, um sie vernichtet zu sehen!“
Etwas Wut klang in ihrer Stimme mit, Verärgerung darüber, dass Jochen es hatte wagen können, an seiner Loyalität zu zweifeln.
„Oh“, sagte er nun kleinlaut und sah betreten auf das graue Stoffbündel, das vor ihm lag. „Entschuldigung.“
Telaendril schüttelte versöhnend den Kopf.
„Nein, Bruder, mir tut es leid. Du konntest es nicht wissen und dein Einwand war berechtigt. Aus deiner Sicht war es nur allzu logisch, etwas Derartiges anzunehmen. Die Narben waren noch nie eine besonders große Gruppe und sie wollten ihn wohl für ihre Zwecke rekrutieren, doch er wandte sich zu ihnen ab und lief zu uns über. Doch nun“, sie breitete zeremoniell ihre Hände aus und deutete auf die Stoffbündel, „möchte ich euch vorschlagen, nachzusehen, was sich in diesen Tüchern befindet.“
Neugierig auf ihre Reaktion beobachtete sie ihre Gesichter genau, als sie langsam nach den kleinen Paketen griffen und sich an die Arbeit machten. Etwas Kupferfarbenes blitzte plötzlich hervor und einen Augenblick später lagen vor ihnen zwei identische Dolche, die, obwohl sie eine gefährliche Aura besaßen, unglaublich schön waren. Beide staunten sie über die Waffen und nahmen sie vorsichtig in die Hand.
„Sind die… sind die echt für uns?“
Lisa betrachtete das Metall von allen Seiten und war kurz versucht, mit dem Finger darüber zu streifen.
„Vorsicht! Ihr solltet diesen Teil der Waffe niemals berühren! Die Klinge ist bekannt als Leidesdorn und sie hat magische Kräfte. Selbst eine kleine Verletzung damit ist tödlich.“
Sie grinste feierlich und sagte: „Ihr seid wahrhaft eine Zierde dieser Zuflucht und ihr habt euch eine Beförderung verdient. Gute Arbeit! Von nun an dürft  ihr euch Eliminatoren nennen. Damit übergebe ich euch auch einen Schlüssel, der es euch ermöglicht, den Weg durch den Brunnen zu benutzen, zu dem nur wenige Mitglieder Zugang haben. Ihr findet ihn in der rechten Ecke der Haupthalle. Wenn ihr hindurchgeht, findet ihr euch direkt in dem Garten der Villa wieder. Er ist recht nützlich, wenn die Stadtwachen hinter euch her sind.“
Sie zwinkerte.
„Also dann… ihr habt alles, was ihr braucht. Ihr kennt das Ziel eurer Reise und euren Auftrag. Sprecht mit Vicente. Besorgt Informationen über die Pläne der Narben und bringt sie hierher. Wenn ihr dies geschafft habt, wird die Mutter der Nacht weitere Hinweise darüber offenbaren, wie wir euch helfen können. Geht nun“, sagte sie abschließend und stand höflich auf, um ihnen die Tür zu öffnen.
„Bis dann“, sagte Jochen.
„Ciao, Valen“, rief Lisa dem Dunmer zu, welcher überrascht aufblickte und unsicher die Hand hob. Danach schloss sich die Tür hinter ihnen und sie waren allein in der Eingangshalle, wenn man von dem Skelettwächter absah, der sich anscheinend seinen Kiefer wieder eingerenkt hatte und mit seiner Knochenhand ein schreckliches Geräusch auf der Steinmauer fabrizierte. Mit den Fingern in den Ohren gingen sie in ihre Kammer und schlossen ab.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:18
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KAPITEL SECHS
FREIZEIT




Die nächsten Stunden waren sie damit beschäftigt, ihre neuen verzauberten Ringe auszuprobieren und damit allerlei Unsinn anzustellen. Abwechselnd setzten sie sie auf und erforschten, welche neuen Möglichkeiten sich ihnen dadurch boten. Besonders Lisa machte es Spaß, Jochen unsichtbar zu überraschen und an den verschiedensten Stellen zu kitzeln. Sie wurde ziemlich schnell sehr gut darin, ihn trotz seiner Unsichtbarkeit aufzuspüren und selbst, als er sich in einer Ecke ganz klein machte, fand sie ihn. Dafür gelang es ihm ein paar Minuten später, sie aufs Bett zu stoßen und ihr den Ring vom Finger zu ziehen, sodass sie wieder vor ihm erschien. Es war ziemlich befremdlich, mit jemanden zu kuscheln, der scheinbar nicht da war und dessen Stimme man trotzdem hörte. Beinahe kam es ihnen vor, als würden sie mit einem Geist reden. Da sie einander nicht sehen konnten, wurden die anderen Sinne automatisch empfindlicher und sie verließen sich auf ihren Tast- Gehör- und Geruchssinn. Als sie ihre Neugier befriedigt hatten, war es bereits kurz nach sechs und sie beschlossen, Abendbrot zu essen. Tatsächlich hatten sie seit fast einem Tag nichts weiter als das bisschen Obst, das sie aus Telaendrils Schale genommen hatten, gegessen, doch vor lauter Aufregung war ihnen das laute Knurren im Magen nicht einmal aufgefallen.
Erst jetzt, da sie einen Augenblick der Ruhe hatten, spürten sie das Brummen in ihren Bäuchen und sie machten sich auf zum Gemeinschaftsraum, wo Teinaava und Gogron bereits an einer reich gedeckten Tafel saßen. Als sie näher kamen, war es, als würde eine Wunschvision in Erfüllung gehen: Es gab mehrere Brotleibe, Hammelbraten, geräuchertes Rindfleisch, Käse, Tomaten, gekochten Reis und in kleinen silbernen Schalen waren sogar gehackte Zwiebeln und Knoblauch zu finden. Hungrig leckten Lisa und Jochen sich die Lippen und setzten sich den beiden Männern gegenüber, die sie schmunzelnd anblickten und ihnen kommentarlos zwei große Becher mit Dunkelbier füllten.
„Es ist schön, euch wieder zu sehen“, rief der Argonier freudig aus. „Ich hoffe, dass euch eure Aufträge viel Freude bereitet haben.“
„Mehr oder weniger“, murmelte Lisa und griff sofort nach dem Becher, welchen sie in einem Zug leerte. „Noch eins, bitte!“
Mit einem lauten Knall setzte sie das Trinkgefäß auf dem Tisch ab und nahm sich eine dicke Brotschreibe, welches sie mit Kräuterkäse bestrich und mit Rauchfleisch und Zwiebelstückchen belegte. Erstaunt kam Teinaava ihrer Bitte nach und schenkte aus einem Tonkrug nach. Dann sah er Gogron an, der ratlos die Achseln zuckte und unverhalten grinste.
„Ich glaube, Bruder“, sagte er vergnügt, „dass dies ein lustiger Abend wird.“
„In der Tat“ kam die zischelnde Antwort zurück und sie beobachteten, wie Jochen den Rinderbraten herunter schlang, den er sich aufgetan hatte. Auch er griff regelmäßig zu seinem Becher und stürzte ein Bier nach dem anderen herunter. Mit immer breiter werdendem Grinsen bewirteten die beiden Lisa und Jochen und sahen zu, wie sie immer röter im Gesicht wurden. Als sie eine Viertelstunde lang wie ausgehungerte Wölfe gegessen und getrunken hatten, lehnten sie sich befriedigt zurück und atmeten tief durch.
„Ah, das tat gut“, seufzte Jochen zufrieden und rieb sich den Bauch. „Danke für das Bier, Teinaava.“ Er wischte sich genüsslich über die Lippen und merkte, dass seine Umgebung leicht wankte. Lisa schien es ähnlich zu gehen. Sie schüttelte den Kopf, so, als habe sie Schwierigkeiten, sich zu orientieren.
„Geht es dir gut, Schwester?“, fragte Gogron belustigt und trank nun selbst einen Schluck Bier. Danach schmatzte er erfreut und schenkte sich noch mehr ein.
„Selbstverständlich“, sagte Lisa lächelnd und nahm sich nach kurzem Überlegen noch etwas Reis. „War nur ziemlich hungrig“, nuschelte sie etwas undeutlich hervor und leckte sich ein Reiskorn von der Oberlippe. Als sie es heruntergeschluckt hatte, rieb sie sich mit einer Servierte über den Mund und seufzte erleichtert.
„Das haben wir gesehen, liebe Schwester“, gab Teinaava freundlich zurück. „Es scheint, dass euer Auftrag sehr an euren Kräften gezerrt hat.“
Neugierig beugte er sich vor und schaute aufmerksam vom einen zur anderen.
„Das kannst du laut sagen“, rief Jochen aus und nahm sich noch ein Fleischstück, welches er allerdings sehr viel langsamer verspeiste. „Wir mussten in die Kaiserstadt und einen Kapitän umbringen.“
Gogron und Teinaava schauten sich gleichzeitig ungläubig an.
„Doch nicht etwa Kapitän Tussaud?“, hakte der Ork nach und rülpste laut. „Man hörte Gerüchte darüber, dass man euch mit dieser Aufgabe betraute, doch ich hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich stimmen.“
Verwundert sahen Lisa und Jochen ihn an, dann fragte erstere: „Warum nicht?“
Gogron lachte.
„Nun ja“, antwortete er und tat sich ebenfalls Rinderbraten auf seinen Teller auf. „Als ich damals nach einem Arenakampf von Lucien Lachance angeworben wurde, wurde mir eine sehr viel einfachere Angelegenheit zugewiesen. Ich musste im Keller eines heruntergekommenen Gasthauses einen alten Mann namens Rufio ausschalten. Ich hatte zunächst angenommen, dass es sich um einen mächtigen Zauberer handeln würde, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass es so leicht sein würde und mich mit allen möglichen Tränken eingedeckt. Wie sich aber dann herausstellte, konnte ich ohne ein Wort der Rechtfertigung sprechen zu müssen, in die Taverne hineinspazieren und Rufio meine damalige Silberaxt durch seinen Schädel jagen. Das war alles. Es ist schon ungewöhnlich, dass man zwei Neulinge auf eine solch gefährliche Reise schickt. Dennoch…“
Er machte eine kurze Pause, um sich etwas in den Mund zu stecken.
„Ihr scheint erfolgreich gewesen zu sein. Das ist höchst beeindruckend! Ihr könnt beide stolz auf euch sein. Man hat euch befördert, nehme ich an?“
Lisa nickte.
„Ja, ich und Jochen sind jetzt Eliminatoren.“
„Wirklich? Das ist mehr als ungewöhnlich. Normalerweise wäret ihr erst einmal vom gewöhnlichen Mörder zum Schlächter aufgestiegen. Doch es ist nur verständlich, dass man euch diesen Bonus zukommen ließ. Wie man hört, hat Lars Olson bei dem Versuch, Tussaud umzubringen, seinen kleinen Finger eingebüßt und er kann heilfroh sein, dass es nicht noch mehr gewesen ist.“
„Wer ist Lars Olson?“, fragte Jochen beunruhigt und vergaß, von seiner Gabel abzubeißen.
„Ein Henker aus der Zuflucht der Kaiserstadt“, antwortete Gogron und blickte andächtig in die Ferne. „Vor einigen Jahren musste ich mit ihn zusammen die Draconis-Familie auslöschen… haha! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gewitzt wir zwei waren! Wir haben sie alle einzeln zur Strecke gebracht und mit der Mutter haben wir angefangen. Praktischer Weise hatte sie eine Liste dabei, die uns zu jedem ihrer Kinder geführt hat.“
Er brüllte vor Lachen und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
„Sind schon in Ordnung, die Nord! Nicht solche humorlosen Blaukreuzler, wie die Kaiserlichen oder die Bretonen. Wir wurden damals beide zum Henker befördert, was mir meine wundervolle Axt einbrachte.“
Er klopfte stolz auf seinen Rücken und ein metallenes Klirren ertönte.
„Jedenfalls, wenn Lars es schon nicht geschafft hat, Tussaud zu töten, dann müsst ihr wahre Meister eures Faches sein!“, schloss er seine Erzählung und nickte ihnen anerkennend zu.
Teinaava goss sich zur Abwechslung ein Glas Wein ein und senkte verschwörerisch die Stimme.
„Man hört, dass der Kapitän gewusst haben soll, dass die Dunkle Bruderschaft hinter ihm her ist. Anscheinend hat der Auftraggeber seinen Hass gegen ihn nicht eben verhehlt, wodurch Tussaud gewarnt wurde und doppelt wachsam war. Wenn ihr weiterer Aufträge gut ausführt, werdet ihr zum Assassinen aufsteigen. Dann habt ihr fast denselben Rang wie ich“, sagte er mit einem gewissen Hochmut, der daher rühren mochte, dass es ihn freute, im Rang noch über den Geflüsterten zu stehen.
„Wahnsinn“, sagte Lisa tonlos und streckte müde die Arme aus. „Also, wenn ihr uns jetzt entschuldigen würdet…?“
 „Oh, ihr könnt noch nicht ins Bett gehen!“, rief Gogron aufgeregt und hob die Hände. „Ich habe noch ein Bier im Keller kühl gestellt. So süß und köstlich, dass könnt ihr euch nicht vorstellen!“
Zwinkernd und inzwischen ebenfalls etwas wankend erhob er sich von seinem Stuhl und eilte hicksend davon.
„Nicht wegrennen!“, röhrte er im Weitergehen. „Der gute Gogron ist gleich wieder da!“
Lisa seufzte.
„Warum willst du gehen?“, fragte Jochen.
„Weil ich schlichtweg nicht trinkfest bin“, sagte sie, als sie etwas angeekelt in ihren Trinkbecher lugte. Sie sah sich hoffnungsvoll nach einem unalkoholischen Getränk auf dem Tisch um. „Wenn ich so weiter mache, habe ich morgen die Kopfschmerzen meines Lebens.
Teinaava lachte und sah sich heimlich um, dann wartete er, bis die Tür ins Schloss gefallen war.
„Sagt einmal, meine Lieben, stimmt es, was die große Zuhörerin mir erzählte? Seid ihr wirklich mit der Angelegenheit der Narben betraut worden?“
Seine dolchartigen Zähle blitzten im Kerzenlicht und er bemerkte nicht einmal die Fliege, die sich zwischen seinen Nasenlöchern abgesetzt hatte.
„Ja… äh… du, da sitzt eine Fliege auf deiner Nase!“
„Oh“.
Verlegen blinzelte der Argonier und verscheute das Insekt mit einer Handbewegung.
„Warum fragst du, Teinaava?“, erkundigte sich Jochen, der noch absolut kein Bedürfnis verspürte, mit dem Trinken aufzuhören. Sogar der Wein schmeckte ihm gut und er schenkte sich eine großzügige Portion davon in seinen Becher ein.
„Nun, meine lieben Freunde… ich habe ein etwas heikles Problem, bei dem ihr mir vielleicht helfen könntet. Es ist etwas Persönliches, dass keinen Einfluss auf euer Ansehen innerhalb der Dunklen Bruderschaft hat… möchtet ihr mehr hören?“
Unsicher sah er sie an und blickte sich dann hastig zur Tür um, um zu überprüfen, ob Gogron sich bereits auf dem Rückweg befand, doch der Ork ließ sich anscheinend Zeit. Lisa nickte und Teinaava räusperte sich.
„Es freut mich, dass ihr euch meiner annehmen wollt. Jetzt zu den Einzelheiten: Weit im Süden, am südlichsten Ende von Cyrodiil befindet sich ein Sumpf namens „Brackwasser“. In diesem Sumpf befindet sich eine argonische Schattenschuppe namens „Narbenschwanz“. Tötet diesen Abtrünnigen und bringt mir zum Beweis eurer Tat… sein Herz!“
Jochen prustete quer über den Tisch seinen Wein, den er gerade im Mund hatte und sah Teinaava fassungslos an.
„WAS?!“, brüllte er nahezu und setzte den Becher so hart ab, dass das Besteck auf dem Tisch klirrte. Lisa rieb ihm beruhigend über die Schulter und machte eine beschwichtigende Handbewegung.
„Komm runter“, flüsterte sie in sein Ohr und wandte sich dem Argonier zu. „Warum genau verlangst du das von uns, Bruder?!
Der Echsenmensch seufzte tief und schlug mit dem geschuppten Schwanz traurig hin und her.
„Das ist eine lange Geschichte, Schwester“, murmelte er langsam und fing an, zu erzählen. „Als Ocheeva und ich als Kinder von der Dunklen Bruderschaft ausgebildet wurden, waren wir mit einem anderen Neuling befreundet. Es war die Schattenschuppe Narbenschwanz. Wir drei waren unzertrennlich, es gab nichts, was uns hätte auseinander bringen können. Selbst bei den Prüfungen haben wir uns gegenseitig heimlich geholfen und nie wurde einer von uns von den anderen im Stich gelassen.“
Teinaava ließ schmerzerfüllt den Kopf hängen und schniefte leise. Jochen bot ihm geistesgegenwärtig eine saubere Servierte an und ein lautes Schnäuzen erklang. Dankend nickte er und fuhr fort.
„…doch jetzt… jetzt ist das Undenkbare geschehen: Narbenschwanz ist aus Argonien geflohen und weigert sich, seine Pflichten als königlicher Meuchelmörder wieder aufzunehmen. Das ist Verrat, das muss bestraft werden!!“
Plötzlich wurde seine Stimme lauter und er machte ein grimmiges Gesicht.
„Aber so, wie es einem Mitglied der Dunklen Bruderschaft verboten ist, ein anderes Familienmitglied zu töten, so darf eine Schattenschuppe auch keine andere Schattenschuppe ermorden… deshalb müsst ihr nach Brackwasser gehen und diese verräterische Schlange beseitigen. Tötet Narbenschwanz, damit Ocheeva und ich diese Angelegenheit endlich hinter uns lassen können!“
„Warum wendest du dich damit ausgerechnet an uns?“, fragte Jochen skeptisch, der sich von dem ersten Schock noch immer nicht richtig erholt hatte.
Teinaava schaute betreten zur Seite, bevor er antwortete und als er sprach, kamen die Worte nur sehr langsam und leise hervor.
„Nun, Bruder… es heißt… es heißt, dass die Geflüsterten Frieden über die Dunkle Bruderschaft bringen… man sagt, dass ihr die Auserwählten von Sithis selbst seid… dass eure Anwesenheit hier zum Wohle aller ist. Ihr habt Kapitän Tussaud getötet… und ihr habt die zwei Anführer der Schwarzbogenbanditen umgebracht. Beides sind Taten, die weder ich noch jemand anders aus der Zuflucht jemals hätten vollbringen können. Ihr seid von der Mutter der Nacht gesegnet worden, unserer Göttin gefällt, was ihr beide tut!“
Er lächelte ihnen aufrichtig entgegen, er glaubte anscheinend an das, was er sagte.
„Telaendril sagte uns, dass wir euch in allem unterstützen müssen, was ihr tut, da ihr diejenigen seid, die die Narben vernichten werden. Und wenn es stimmt, was die Zuhörerin mir über euren nächsten Auftrag erzählt hat, dann wäre es kein Umweg für euch, den Verrat meines ehemaligen Kameraden zu rächen und Narbenschwanz auszulöschen. Es, äh… es wäre schön, wenn ihr über die Sache wenigstens einmal nachdenken könntet“, sagte er schüchtern und sah Jochen und Lisa abwartend an.
„Puh!“, machte Lisa und lehnte sich zurück. Sie hatte, während der Argonier gesprochen hatte, immer weiter beide Augenbrauen hochgezogen, weil es sie mehr und mehr erstaunt hatte, was ihr Dunkler Bruder alles zu erzählen hatte. Wenigstens wussten sie nun, warum sie hier waren oder zumindest, was alle anderen zu glauben schienen. Das war nicht viel, aber immerhin ein guter Anfang, um bei der Affäre nicht den Überblick zu verlieren. Gedankenverloren griff sie zu ihrer Servierte und putzte sich ebenfalls die Nase.
„Wir sollen dir also helfen, einen anderen Argonier zu töten“, fasste Jochen zusammen und faltete die Hände ineinander. „Schön… aber was genau ist denn eigentlich passiert, dass zwischen euch eine so große Kluft herrscht?“
Teinaava fuhr ihn wütend an.
„Narbenschwanz hat Argonien verraten und er bedeutet die Pest für Tamriel! Wenn wir ihn tötet, werden Ocheeva und ich für immer in eurer Schuld stehen“, sagte der Assassine. Plötzlich wurde er unsichtbar und sie sahen sich überrascht um.
„Teinaava?“, fragte Lisa unsicher und suchte die Wände nach seinem Schatten ab, doch dort war nichts zu erkennen. Zu Jochen sagte sie zögernd: „Schätze, er will nicht drüber reden.“
Einen Augenblick später hörten sie erneut die Tür ins Schloss fallen und ihnen kam gleichzeitig der Gedanke, dass ihr dunkler Bruder bereits den Raum verlassen hatte. Jochen drehte sich zu Lisa um.
„Das ging gerade alles viel zu schnell… Ist das eben wirklich passiert?“, fragte er sie ungläubig und erhob sich langsam und misstrauisch zugleich.
„Ich fürchte, ja… komm, lass uns nachsehen, ob wir ihn noch erwischen“, sagte sie und lief zur Tür. Jochen folgte ihr. Als sie in der Eingangshalle angekommen waren, war keine Spur von Teinaava zu sehen, allerdings entdeckten sie den Skelettwächter, der den an einem Fackelhalter angeketteten Valen Dreth auszulachen schien. Der Dunkelelf spähte hoffnungsvoll zu ihnen herüber. In der Tat schien das Skelett ihm in diesem Moment Angst zu machen, da es mit dem Finger auf ihn zeigte und laut mit den Zähnen klapperte. Er saß neben der Tür, die zu Telaendrils Zimmer führte. Davor war ein Bierfass abgestellt worden. Von drinnen hörten sie ein lustvolles Stöhnen.
„Was machst du denn hier draußen, Dreth?“, fragte Lisa besorgt und löste das Schloss der Ketten mit dem Dietrich, den sie mittlerweile an ihrem Schlüsselbund befestigt hatte.
„Ich… b-bin… rausgeflogen…“, antwortete er stotternd und rieb sich dankbar den Hals, der nun nicht mehr von dem breiten Metallring umschlossen wurde.
„Du kannst fliegen?“, fragte Jochen spöttisch und grinste.
„Rausfliegen kann ich ganz gut“, murmelte der Dunmer leise, bevor er sich mit einem Kuss auf Lisas Stiefel erkenntlich zeigte.
„Vielen Dank, Herrin“, flüsterte er ehrfürchtig und blickte zu ihr auf. „Ihr seid zu gütig zu Valen Dreth.“
„Schon in Ordnung, Alter“, sagte sie und ging in die Hocke. „Warum bist du hier?“
Der Dunkelelf wich auf allen Vieren zurück und drückte sich an die Mauer.
„Verzeiht mir, Herrin! Ich habe eure Frage nicht zufrieden stellend beantwortet! Bitte bestraft mich nicht!“
„Was?! Wieso sollte ich dich bestrafen?“
Lisa schüttelte verständnislos den Kopf.
„I-ich b-bi-bin hier draußen, w-weil d-die Zuhörerin sich mit Gogron vergnügt. E-er ist ihr Liebh-haber“, stotterte der Dunkelelf hektisch und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Offenbar stimmte ihn der gerade beschriebene Tatbestand sehr traurig. „Sie hat ihren Sklaven vor die Tür gesetzt… ich bin wie ein Hund für sie…!“
Er schluchzte unglücklich und auch Jochen bekam Mitleid mit ihm.
„Hey, jetzt beruhig dich doch wieder… hast du denn nichts anderes, was du tun kannst, außer hier herumzusitzen?“
„Jochen! Er war bis gerade eben hier gefesselt!“
„Oh… ja… stimmt.“
Der Dunkelelf wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und erhob sich unsicher.
„Doch, doch, er hat schon recht… ich sollte mich wirklich etwas mehr zusammenreißen… am besten, ich gehe nach oben in mein Haus und tue so, als hätte ich ein ganz normales Leben…“
Er sah so traurig und bemitleidenswert aus, dass Lisa ihn am liebsten tröstend in den Arm genommen hätte, doch sie wusste nicht, ob sie das durfte.
„Das heißt… würdet ihr zwei mir das überhaupt erlauben?“
Erwartungsvoll sah er sie an und der Skelettwächter verzog sich wieder, nun, da es nichts mehr zu belachen gab.
„Brauchst du unsere Erlaubnis dafür?“, fragte Jochen ungläubig.
„Natürlich brauche ich die!“, antwortete der Dunmer und kratzte sich am Arm. „Ohne Erlaubnis eines Mitgliedes, das frei über mich verfügen darf, kann ich nirgendwo hingehen.“
„Dann erlauben wir es dir selbstverständlich“, sagte Lisa, die wollte, dass Valen Dreth möglichst schnell hochging, da das Stöhnen aus Telaendrils Zimmer immer lauter und schneller wurde.
„Danke, Herrin!“, rief der Sklave der Zuhörerin aus und fiel erneut auf die Knie, um ihre Stiefel zu küssen.
„Ja, ja, schon gut…! Nun geh, bevor unsere Befugnis verfliegt.“
„Natürlich, Herrin. Danke, Herrin!“
Nach einem kurzen Überlegen verbeugte er sich auch vor Jochen und lief dann, barfuß, wie er war, schleunigst zur gläsernen Tür der Zuflucht. Als er hindurchgeschlüpft war, schienen sich die Insassen von Telaendrils Zimmer auf einem gemeinsamen Höhepunkt zu befinden, denn ein lautes Jubeln drang durch das dicke Holztor. Den Mund verziehend sah Jochen Lisa an und seufzte leise: „Ich habe irgendwie Lust auf Sex.“
„Geht nicht“, entgegnete sie leise und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Ich hab meine Pille nicht dabei…“
Das Schreien, dass daraufhin in der Eingangshalle zu hören war, übertönte das Frohlocken hinter der Holztür bei weitem.

Am nächsten Morgen, nachdem sie geduscht und sich gegenseitig ein wenig verwöhnt hatten, - denn Jochen hatte ziemlich geschmollt, weil Lisa ihre Pille nicht dabei hatte - zogen sie sich ihre eingehüllten Rüstungen an und setzten einen von Lisa geäußerten Vorschlag in die Tat um: Sie gingen mit den Unsichtbarkeitsringen auf Erkundungstour. Ihr erstes Opfer war der Khajiit Mraaj’Dar, der im Gemeinschaftsraum sein Frühstück zu sich nahm. Sie hatten vorher abgemacht, sich ständig mit dem jeweils anderen an der Hand zu halten, da sie sich über ihre Stimmen natürlich nicht verständigen konnten, wenn sie unentdeckt bleiben wollten. Ein fortwährender Körperkontakt war daher unumgänglich. Als sie gemeinsam vor ihm standen, prüften sie zunächst ausgiebig, ob ihr Gegenüber sie wirklich nicht sehen konnte, indem sie ihm mit der Hand vorm Gesicht herumwedelten und dümmliche Fratzen schnitten. Als Mraaj’Dar keinerlei Reaktionen zeigte, wurde Jochen etwas kühner und zog ihm das linke Ohr lang, woraufhin der Khajiit laut fluchte und vor Schreck seine Gabel fallen ließ, mit der er gerade ein Stück gebratenes Rattenfleisch aufgepiekt hatte. Verschreckt sah er sich um und legte die Ohren an, als er sich misstrauisch umschaute. Lisa wartete, bis sich sein Gesicht vollständig von seinem Teller weggedreht hatte, dann nahm sie das Rattenfleisch davon runter, legte es in die Schüssel zurück und platzierte stattdessen einen Apfel auf der Mitte der Platte. Als sich ihr Opfer wieder umdrehte und die Veränderung bemerkte, guckte es so perplex auf sein Silbergeschirr, dass sich Lisa und Jochen ein lautes Prusten verkneifen mussten. Geräuschlos schlichen sie sich nach gegenseitiger Verständigung aus dem Zimmer und gingen in den Trainingsraum, wo Gogron mit seiner blau schimmernden Axt auf eine Holzpuppe eindrosch. Lim und Chedra übten heute selbstständig miteinander, Ocheeva war an einer anderen Holzpuppe beschäftigt war. Vorsichtig näherten sie sich den beiden Schattenschuppenjünglingen und beobachteten sie genau. Die beiden Argonier trainierten anscheinend Faustkampf und bewegten sich tänzelnd hin und her.
„Du kriegst mich nicht!“, rief Chedra schadenfroh und verpasste ihrem Kameraden einen saftigen Hieb in die Magenkuhle, den Lim tapfer wegzustecken versuchte. Einen Moment lang schien es, als würde er in die Knie gehen, doch entschlossen hielt er sich auf den Beinen. Chedra grinste gemein und zischelte leise.
„Siehst du? Ich bin besser als du!“
Sie hopste um ihn herum und klatschte ihm übermütig mit der Hand auf den Hintern, sodass Lim sich wütend umdrehte und versuchte, ihre Deckung zu durchbrechen.
Jochen drückte Lisas Hand und sie erwiderte. Es war niedlich mit anzusehen, wie die beiden miteinander trainierten, auch, wenn Lim etwas schwächer zu sein schien. Sie schienen sehr große Ähnlichkeit mit Teinaava und Ocheeva zu haben.
Jochen zog Lisa weiter und sie bemerkten die verwunderten Blicke der anderen, als die Tür plötzlich von selbst auf und wieder zuging. Schmunzelnd liefen die Geflüsterten weiter und schlichen sich durch die Eingangshalle, wo Lisa es sogar wagte, dem mit einer aus einem merkwürdig rotschwarzen Metall gefertigten Axt bewaffneten Skelettwächter ein Bein zu stellen. Krachend schlug er auf dem Boden auf und erhob sich stumm, so, als wäre nichts gewesen.
Die Tatsache, unsichtbar zu sein, nutzten sie auch ausgiebig, um Teinaava zu seinem gestrigen Auftritt zu befragen. Es war schon alles sehr merkwürdig gewesen, vor allem sein unvermitteltes Verschwinden hatte ihnen zu denken gegeben und sie wollten mit ihm darüber reden. Suchend sahen sie sich in jedem Zimmer um, dass es gab, doch finden konnten sie ihn nirgends. Jochen gefiel der Gedanke nicht, jemanden töten zu müssen, erst recht keinen ausgebildeten Mörder, der höchstwahrscheinlich ihnen mehr schaden konnte, als sie ihm. Als sie in einem Augenblick lang alleine waren, fasste er den Entschluss, sich zu weigern, der Bitte des Argoniers nachzukommen. Wer immer Narbenschwanz auch war, sie würden nicht diejenigen sein, die sein Leben beendeten. Er teilte Lisa sein Vorhaben mit und sie erklärte sich - nicht anders als erwartet – damit einverstanden. Ihnen beiden behagte der Gedanke nicht, Menschen töten zu müssen und sie nahmen sich vor, dies, wann immer es ging, zu vermeiden. Das die beiden Anführer der Banditenbande gestorben waren, war deren eigene Schuld gewesen, immerhin hatten sie die Falle indirekt ausgelöst, indem sie Lisa angegriffen hatten und Tussaud war schlichtweg auf der Weinflasche ausgerutscht und hatte sich dabei den Schädel gebrochen. In gewissen Hinsicht, so Jochen, hatte ihn schlichtweg der Alkohol umgebracht. Sie beide waren heilfroh darüber, dass ihr nächster Auftrag nur das Beschaffen von Informationen beinhaltete.
„Wir müssen noch zu Vicente“, sagte Lisa irgendwann, nachdem sie damit fertig geworden waren, Gogron eine rosa Schleife ins Haar zu binden. Sie hatten sich wieder in ihre Kammer zurück gezogen und waren mit ihrer Beantwortung auf die Frage, was man Dummes mit den Unsichtbarkeitsringen anstellen konnte, recht zufrieden.
„Ja, du hast recht.“
Jochen war gerade dabei, die beiden Bierflaschen, die sie aus ihrer eigenen Welt mitgebracht hatten, zu suchen, doch sie waren verschwunden. Kopfschüttelnd wandte er sich zu ihr um und nahm ihre Hand.
„Komm, lass uns gehen.“
Sie machten sich auf den Weg zum Wohnraum des Vampirs, dessen Tür weit geöffnet war. Mraaj’Dar stand davor, sein linkes Ohr zuckte nervös. Lisa unternahm einen neuerlichen Versuch, ihn freundlich zu grüßen, doch sie erhielt nur ein Fauchen als Antwort und der Khahjiit ging in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Mit grinsenden Gesichtern betraten sie Vicentes Zimmer und setzten sich an den Tisch. Der Vampir schlief.
„Verdammt!“, fluchte Jochen leise und hielt sich die Hand vor den Mund.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:19
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  • Bettler
    • Neuling
„Ich stinke nach Knoblauch. Hier, riech mal!“
Er hauchte Lisa ungewarnt an, woraufhin sie laut husten musste.
„Ja, allerdings“, brachte sie noch hervor und räusperte sich laut. Ein schnarchendes Grunzen ertönte plötzlich vom Bett des Vampirs her und sie blickten gleichzeitig zu ihm. Vicente blinzelte mit den Augen und richtete langsam den Oberkörper auf, es sah aus, als würde sich eine Leiche erheben. Mit einem Schaudern auf dem Rücken beobachteten Lisa und Jochen, wie er von der Matratze zu schweben schien und sich ohne das geringste Geräusch zu verursachen, auf den einzig freien Stuhl begab. Er schien sie nicht wahrzunehmen und leckte sich gierig über die Lippen. Erst jetzt bemerkten sie, dass seine Augen über keinerlei Iris oder Pupille verfügten, sondern komplett weiß waren und lediglich feine Äderchen für etwas Abwechslung sorgten. Vicente kramte in der Tischschublade herum und holte ein Silberglas und eine Weinflasche heraus, welche allerdings ganz und gar nicht nach Wein roch. Mit raschen Bewegungen goss er sich von der roten Flüssigkeit ein und stürzt sie in einem Zug hinunter, wobei er keinen einzigen Tropfen verschüttete. Allmählich füllten sich seine Augenbälle wieder mit Farbe.
„Vicente?“, fragte Lisa vorsichtig und schüchtern, da sie dem Vampir nicht zu nahe treten wollte. „Ist, äh… ist alles in Ordnung?“
„Ja“, antwortete der Angesprochene tonlos und füllte das Glas zum zweiten Mal. „Hab nur zu lange geschlafen… Blutarmut.“
Das zweite Glas leerte er genauso schnell, wie das erste, danach blinzelte er irritiert.
„Oh“, machte Jochen betroffen und rückte vorsichtshalber ein Stückchen weg, damit Vicente nichts von dem Knoblauchgeruch wahrnahm.
„Das ist mir sehr unangenehm“, murmelte der Untote peinlich berührt und fast hätte Lisa geglaubt, dass er errötet wäre, doch das konnte nicht sein. „Es ist sehr lange her, seit mir so etwas das letzte Mal passiert ist… es ist bedauerlich, dass ihr gerade zu solch einem Zeitpunkt in meinem Gemach verweilt.“
„Sollen wir wieder gehen?“, fragte Jochen, doch der Vampir winkte ab.
„Nicht nötig. Mein derzeitiger Zustand wird nicht mehr lange andauern, davon abgesehen ist es mir bestens möglich, mit euch zu kommunizieren.“
Seine Sprache hatte etwas Ulkiges an sich und Lisa musste ein wenig grinsen, als sie ihn erneut reden hörte. Dann kam ihr der Gedanke, dass es vermutlich eine Wortwahl war, die zu Vicentes Zeiten durchaus üblich gewesen sein mochte, immerhin war der Vampir mehrere hundert Jahre alt und somit nicht mehr der Jüngste.
„Also“, sagte er und holte eine Nadel hervor, mit der er sich in den Finger piekte. „Ihr beide seid, wie ich annehmen darf, hier, um Informationen über den Auftrag, den ihr von Telaendril erhalten habt, zu beschaffen. Ist das richtig?“
Sie nickten stumm und sahen, wie aus seiner Fingerspitze Blut hervortrat. Erleichterung breitete sich auf Vicentes Gesicht aus und er steckte die Nadel wieder weg. Dann holte er einen kleinen Lederbeutel hervor, den er Lisa beiläufig zuwarf. Es klirrte leise und sie nahm an, dass es sich um ihre Belohnung handelte, was sich einige Stunden später als richtig herausstellen sollte.
„Gut. Dann hört mir zu. Ich bin bereits in ihrem Versteck, ihrem so genannten Hauptquartier gewesen und habe seinerzeit einen Zugang ausfindig machen können. Dieser befindet sich unter Wasser, ihr müsst euch ein kleines Stück in die Topalbucht hineinbegeben, bevor ihr ihn finden könnt. Ein Unterwasseratmungstrank wäre hier vermutlich sehr hilfreich…“
Er atmete tief durch bevor er weiter sprach und Jochen fragte sich einen Moment lang, warum Vampire atmen mussten, wo sie doch untot waren. Da er sich im Augenblick allerdings nicht traute, ihn zu unterbrechen, fragte er Lisa stattdessen leise: „Topalbucht?“
„Ein Meer im Süden des Kaiserreichs“, gab sie ebenfalls flüsternd zurück.
„Ganz recht“, sagte Vicente, der sie anscheinend gehört hatte. „Es ist ein Meer. Wenn ich euch einen guten Rat geben darf, betretet diesen Ort nur bei Tageslicht, denn zu dieser Zeit schlafen die meisten Mitglieder meines Schlages. Sonnenlicht bekommt unserer Haut zumeist nicht sonderlich und deshalb ruhen wir uns tagsüber aus und suchen ausschließlich des Nachts unsere Opfer auf. Der Eingang befindet sich innerhalb eines Schiffwracks, das vom Land aus ins Meer hineinragt. Von dort aus könnt ihr ihre geheimen Hallen betreten. Die Tiefenhohnspalte ist ziemlich geräumig, ihr werdet euch also eine Weile umschauen müssen, bevor ihr einen Überblick gewonnen habt.“
Jochen kicherte leise und fing sich einen fragenden Blick des Vampirs ein.
„Entschuldigung…“, murmelte der Geflüsterte grinsend und hielt sich die Hand vor den Mund. Vicente begriff.
„Oh, dich amüsiert der Name ihres Refugiums. Nun, ich kann dies nur teilweise nachvollziehen, aber im Gegensatz zu dir, bin ich, wie schon erwähnt, bereits dort gewesen und kann mir den Grund dieser Benennung nur allzu leicht denken. Urteilt jedoch selbst darüber, ich will euch nicht unnötig beeinflussen.“
Er überprüfte mit einer Hand, ob sein Pferdeschwanz noch ordentlich saß und rückte den Haarknoten zurecht.
„Nun jedoch zu dem, was ihr suchen müsst. Es handelt sich dabei um eine Art Tagebuch, ihr werdet es in den Schreinhallen finden. Es ist... nun, sagen wir, es ist ziemlich auffällig... wenn ihr es erst einmal gesehen habt, werdet ihr wissen, dass es das Richtige ist.“
„Wie jetzt?!“, fragte Lisa, doch ihr Gegenüber schien zu weiteren Erklärungen nicht bereit zu sein.
„Ihr werdet es erkennen“, sagte er schlicht und machte eine merkwürdige Mundbewegung, so, als habe er etwas gerochen, was ihm ganz und gar missfiel. Jochen errötete ertappt und hielt einen Moment lang die Luft an. Vicente schüttelte leicht mit dem Kopf.
„In Ordnung“, sagte Lisa. „Wir werden es sehen. Schon klar. Gibt es sonst noch etwas, das wir wissen sollten?“
„Nein. Vielmehr gibt es etwas, das ich von euch wissen will.“
Überrascht hoben sie die Augenbrauen und sahen ihm zu, wie er aufstand und etwas aus seiner Kommode hervorholte. Es war eine der Jeverbierflaschen, die sie in ihrem Zimmer gelagert hatten.
„Valen Dreth hat mir das hier gezeigt, als er in eurer Kammer aufgeräumt hat. Es scheint sich um eine Art Bierflasche zu handeln, nur frage ich mich, warum auf dem Etikett der Name des Meisters von Cyrodiil gedruckt ist.“
Abwartend sah er sie an und legte, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte, die Beine übereinander.
„Was?!“, fragte Jochen verwirrt und sah ihn ratlos an.
„Oh, wie dumm von mir!“, schalt sich Vicente selbst und stellte die Flasche in der Mitte des Tisches ab. „Ich rede vom Obersten der Leibwache der Kaiserin. Oder besser, einem der Obersten, Arma gro Inane hat selbstverständlich denselben Rang inne, wie er. Bei Jever handelt es sich um einen Nord, der eine ganz ähnliche Frisur wie ich trägt und der es als einziger Vampir geschafft hat, sich von den Fesseln der Untoten loszulösen und ein Heilmittel gegen Vampirismus zu erschaffen. Bedauerlicher Weise ist ihm dies bisher nur ein einziges Mal gelungen und es dürfte nicht schwer für euch sein, zu erraten, wem er die Portion verabreicht hat.“
„Sich selbst, vermutlich“, riet Lisa unaufgefordert, was Vicente mit einem Nicken beglich.
„Sehr richtig. Was ich mich jedenfalls frage, ist, was sein Name auf einer Bierflasche, die euch zu gehören scheint, zu suchen hat. Immerhin ist er einer der Anführer der Klingen und die waren noch nie gut auf unsere Organisation zu sprechen gewesen.“
Jochen und Lisa sahen sich ratlos an, vor allem deshalb, weil sie sich fragten, ob ‚die Klingen’ Menschen waren, dann aber mussten sie grinsen.
„Nun ja“, druckste Jochen und verzog die Lippen. „In unserer Welt ist ‚Jever’ der Name einer Stadt, in der ein sehr gutes Bier gebraut wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort jemand schon einmal etwas vom Obersten der Leibwache der Kaiserin gehört hat.“
Vicente sah ihn staunend an und nahm die Bierflasche in die Hand. Er sah ein bisschen enttäuscht aus, vermutlich hatte er mit einer etwas spektakuläreren Antwort gerechnet.
„Wirklich?“, fragte er Stirn runzelnd und sie bejahten.
„Na, so was… Hättet ihr vielleicht etwas dagegen, wenn ich die Flasche behalte?“
„Natürlich nicht!“, antwortete Jochen vergnügt und beobachtete amüsiert, wie sich der Vampir erneut erhob und die Flasche wieder in seiner Kommode verstaute.
„Schön“, sagte er und klatschte in die Hände. „Damit seid ihr entlassen. Ich denke, ihr wisst alles, was ihr wissen müsst. Wenn ihr noch mehr Fragen habt, könnt ihr mich jederzeit aufsuchen, doch bis dahin werde ich mich wieder zu Bett begeben.“
Sie erhoben sich gemeinsam und er verbeugte sich höflich, bevor sie gingen. Als sie die Tür durchschritten hatten, drehte sich Jochen noch einmal um und sagte: „Eine Frage noch: Weißt du zufällig, wo sich Teinaava befindet? Wir konnten ihn heute nirgendwo finden.“
„Soweit ich weiß, befindet er sich im Rahmen eines Auftrages in der Kaiserstadt. Angeblich handelt es sich bei dem Ziel um einen Hochelf namens Faelian, dessen Stiefeltern ihn beseitigt haben wollen. Teinaava wird erst morgen wieder eintreffen.“
Damit schloss sich die Holztür und sie standen alleine im Flur herum. Jochen fluchte innerlich, denn sie würden am nächsten Tag keine Gelegenheit mehr haben, mit dem Argonier zu sprechen. Lisa gab ihm einen Kuss und erriet, was er dachte.
„Ist nicht schlimm“, flüsterte sie leise und rieb ihren Kopf an seinem. „Wir haben doch eh nicht vor, Narbenschwanz zu töten. Wenn wir ihn warnen, reicht das vollkommen aus.“
Jochen nickte.
„Ja… ja, du hast recht.“
Sie gingen in ihre Kammer zurück und kuschelten eine Weile miteinander. Es tat gut, die Gedanken fürs erste baumeln zu lassen, immerhin hatten sie in den letzten Tagen eine ganze Menge durchgemacht. Dennoch waren sie irgendwie froh, hier zu sein. Sie hatten zumindest einen Platz und hier in der Zuflucht war man ihnen wohlgesinnt. Trotzdem machten sie sich Gedanken darüber, wie sie die Erwartungen der anderen erfüllen sollten. Es schien ihnen nicht gerade ein leichter Auftrag eine aus Vampiren bestehende Mördergilde auszulöschen, in ihrer eigenen Welt hätten sie etwas Vergleichbares niemals bewerkstelligen können und sie konnten sich nicht vorstellen, warum es hier in Cyrodiil anders sein sollte.
„Glaubst du, wir schaffen das?“, fragte Jochen, als sie auf dem zusammen geschobenen Bett nebeneinander auf dem Rücken lagen und Lisa sich in seinen Arm kuschelte.
„Nein… aber wir scheinen keine andere Wahl zu haben“, sagte sie nachdenklich und spielte mit ihren Fingerring herum, den sie vor einiger Zeit für zwanzig Cent auf einem Flohmarkt erworben hatte. „Es ist in letzter Zeit alles so merkwürdig… ich bezweifle nicht, dass wir wirklich hier sind, dazu fühlt sich das ganze viel zu real an, aber… es ist schwer zu definieren. Alle hier scheinen an uns zu glauben und zu uns aufzusehen. Ich meine, allein schon Lim und Chedra… Sie waren so beeindruckt von uns! Dabei haben wir überhaupt nichts gemacht!“
Jochen gab ihr einen Kuss und strich gedankenverloren über ihr Haar.
„Ich weiß, was du meinst. Sie halten es einfach für selbstverständlich, dass wir schaffen, was uns aufgetragen wird. Als wären wir Ninjas oder so was. Dabei hätte jeder andere hier schon dreimal geschafft, was wir getan haben. Wir hatten bisher einfach nur unverschämtes Glück!“
Sie seufzten gemeinsam und sahen sich lange Zeit wortlos in die Augen, bevor sie beschlossen, aufzustehen und sich ein bisschen in Cheydinhal umzusehen. Ihre Unsichtbarkeitsringe wollten sie dafür nicht verwenden, sondern sich für einen Stadtbummel geeignete Kleidung anziehen und so legten sie sich erneut ihre schwarzen Gewänder an und gingen durch die gläserne Tür, die nach oben in die Villa führte. Von oben hörten sie ein leises Schluchzen und nach kurzem Überlegen gingen sie weiter, da sie es für das Beste hielten, Valen Dreht fürs Erste in Ruhe zu lassen. Er schien alleine sein zu wollen.
Als sie nach draußen traten, kniffen sie die Augen zusammen, da sie seit mehr als einem Tag kein Sonnenlicht gesehen hatten und sie genossen das vertraute wärmende Gefühl auf der Haut.
„Lass uns in die Kapelle gehen!“, schlug Jochen vor und zog Lisa hinter sich her, die ihm lachend folgte und es freute sie, dass sie die vor ihnen liegende Aufgabe für ein paar Stunden vergessen konnten. Sie überquerten die Straße, die gerade von einer Stadtwache patrouilliert wurde und folgten dem Weg zum hölzernen Tor, das quietschend aufging, als sie an dem daran befestigten Eisenring zogen. Krachend fiel die Tür zurück ins Schloss, dann herrschte Stille und sie befanden sich in dem fremdartigen Gotteshaus. Es waren nicht viele Leute in dem großen Saal, die Atmosphäre war irgendwie kirchlich und bedächtig, sogar Bänke gab es hier, auf denen einige Leute saßen und beteten. Die bunten Glasfenster strahlten vom Sonnenlicht und warfen auf den Boden rote, blaue, gelbe und grüne Lichtflecken, die ein beruhigendes Muster ergaben. An den Seiten des Raumes waren beckenähnliche Schreine aufgestellt, kurze Säulen, in denen oben eine Vertiefung eingelassen war. Vor jedem der Buntglasfenster war solch ein Becken aufgestellt worden und wie es schien, stand jedes von ihnen für einen Heiligen oder einen Gott, denn es war immer eine Abbildung und ein Name zu sehen. Lisa las sie sich nacheinander durch und sie gingen einmal im Kreis durch die Kapelle und bestaunten die fremde Religion. Julianos, Talos, Arkay, Dibella, Mara, Zenithar, Stendarr, Kyraneth und Akatosh, der die Gestalt eines Drachen hatte.
„Wahnsinn, oder?“, flüsterte Jochen ehrfürchtig und strich vorsichtig über den Beckenrand von Akatosh, dessen Erscheinung ihn am meisten faszinierte. Lisa tat es ihm gleich und plötzlich tat sich vor ihnen eine helles Leuchten auf, das sie blendete und ein lauter Knall ertönte. Erschrocken wichen sie zurück und schauten sich alarmiert um, doch keiner der Menschen, die hier beteten, schienen sich gestört zu fühlen. Stattdessen saßen sie weiterhin still auf ihren Bänken, so, als wäre nichts weiter geschehen. Verwundert sahen Lisa und Jochen sich an und gingen dann schleunigst achselzuckend weiter. Beide fühlten, dass sich in ihnen etwas verändert hatte.
Wieder draußen angekommen, folgten sie einem Weg, der über mehrere Brücken und einen Fluss führte, an dessen Ufer Lisa zwei Pflanzen entdeckte, die der in Tussauds Kajüte ziemlich ähnlich sahen. Einen Ork, der in der Nähe stand, fragten sie danach, der ihnen das Gewächs als Nirnwurz vorstellte, welches angeblich nur in sauberen Gegenden und guten Gewässern vorkam. Er erzählte dies mit einem gewissen Stolz und sie vermuteten, dass er ebenfalls zu der Stadtwache von Cheydinhal gehörte.
Als sie weitergingen, kamen sie an verschiedenen Geschäften vorbei, unter anderem einem Bücherladen, den sie kurze Zeit besichtigten und dessen dickstes Druckwerk ein Buch von gerade mal vierzig Seiten war. Offenbar hielt man im Kaiserreich nicht eben viel von der Schriftstellerei.
Danach betraten sie einen Kaufmannsladen, dessen Sortiment aus Waffen, Kleidung, leichten Rüstungen aus Glas und Leder und aus merkwürdigen ovalen Steinen bestand, die einen violetten Farbton hatten und von denen einige auf seltsame und bezaubernde Weise funkelten. Lisa kaufte für sich und Jochen jeweils einen von ihnen und sie steckten sie als Glücksbringer in ihre Hosentaschen.
Später am Abend besuchten sie eine von einer Dunkelelfe geführten Taverne, in der sie eine heiße Mahlzeit einnahmen, die aus einem Hackbraten und frischem Orangensaft bestand und unvorstellbar köstlich schmeckte. In Cyrodiil schien es kein Salz oder Pfeffer zu geben, doch es waren viele fremdartige Gewürze in dem Essen enthalten, die Lisa nicht zuordnen konnte. Nachdem sie fertig gespeist hatten, zahlten sie und schlenderten zurück zur Zuflucht. Ein paar Kinder, bestehend aus einem Ork, einer Dunmer und zwei Rothwardonen liefen ihnen über den Weg und spielten zusammen. Ihr Lachen war laut und ausgelassen und Jochen und Lisa lächelten und umfassten die Hand des jeweils anderen. Die Sonne ging unter und der Himmel färbte sich rot und orange.
„Das sieht schön aus…“, murmelte Lisa verträumt und nahm Jochen in den Arm.
„Ja“, sagte er und kicherte. „Wie halbgares Roastbeef!“
Verblüfft sah sie ihn an, dann prustete sie los und sie gingen guffelnd nach Hause.
Wieder in der Villa angekommen, lauschten sie, ob Valen Dreth immer noch weinte, doch er schien sich entweder beruhigt zu haben oder war nicht da. Sie öffneten die Tür zum Keller und sagten zusammen mit lauter Stimme: „Sanguine, mein Bruder!“, als der Totenschädel sie fragte, welche Farbe die Nacht denn hätte.
„Ich frag mich, wie Sanguine aussieht“, sagte Lisa scherzend.
„Vermutlich rosa“, gab Jochen zurück und sie lachten erneut. In der Eingangshalle waren einige der Fackeln bereits erloschen und es war relativ dunkel. Sie bogen in den Flur, der zu ihrer Kammer führte und krachten auf dem Weg dorthin mit Valen Dreth zusammen, der einen spitzen Schrei ausstieß und hektisch vor ihnen zurückwich. Lisa rieb sich den Kopf, der bei dem Zusammenprall ziemlich hart getroffen worden war. Plötzlich nahm sie aus dem Augenwinkel etwas Silbernes wahr und dann sah sie denselben Nebel, den sie bereits in Telaendrils Kammer zu entdecken geglaubt hatte, als sie und Jochen das letzte Mal bei ihr gewesen waren. Es war zunächst nur ein durchscheinender Dunstschleier, der sich jedoch sehr schnell verdichtete und die Form eines gespenstähnlichen Wesens annahm. Entsetzt wichen sie zurück und schrieen wie am Spieß, was allerdings nur dazu führte, dass die silberweiße Kreatur laut aufkreischte und einen merkwürdig leuchtenden Energieball auf Lisa schleuderte.
„Aaaaaaaah!“, rief sie erschrocken und merkte, dass sich eine seltsame Betäubung über ihren gesamten Körper legte. Jochen, der nun zu ihr blickte und sah, wie sie mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag, rappelte sich auf und schlug Valen Dreth, den er für den Verursacher des Gespenstes hielt, mit der Faust ins Gesicht. Augenblicklich verschwand der Geist und das merkwürdige Gefühl in Lisas Körper ließ nach. Der Dunkelelf kauerte am Boden und zitterte, während Jochen ihr hoch half und sie ihm, nachdem sie wieder einigermaßen klar im Kopf geworden war, dankbar einen Kuss gab. Dann wandten sie sich dem Dunmer zu.
„Sag mal, spinnst du?!“, fragte sie herausfordernd und blickte ihn wütend an. „Was war denn das gerade? Du kannst mich doch nicht einfach so angreifen, verdammt! Was sollte das?!“
Ein ängstliches Piepsen war zu hören und Jochen trat neben sie, um sie zu unterstützen.
„Sie hat dich was gefragt, Valen!“, sagte er gebieterisch und kam sich einen Moment lang wie Telaendril vor. „Antworte!“
„B-b-bitte! Ich h-habe m-mich nur ersch-schrocken!“, stottere ihr Gegenüber und blickte um Vergebung flehend zu ihnen auf. „I-ich w-w-würd-de euch doch n-niemals angreifen! D-das m-üsst ihr mir g-g-glauben. B-bitte! S-sonst glaubt m-mir hier eh niemand, w-wenn ich w-was sage…“
Er schluchzte wie ein kleines Kind und sie bekamen Mitleid mit ihm. Lisa hatte keinen Zweifel daran, dass er die Wahrheit sagte und reichte ihm nach kurzem Überlegen sogar die Hand, um ihm hoch zu helfen.
„Ist schon okay“, flüsterte sie leise und nahm von fernher schnelle Schritte war, die aus der Richtung der Wohngemächer kamen. Flugs packte sie Valens Arm und zog ihn hoch, der Dunkelelf machte ein furchtsames Geräusch, da er anscheinend nicht damit gerechnet hatte, berührt zu werden und stand einen Augenblick später neben ihnen, so, als wäre nichts geschehen und als hätten sie sich nur ganz normal unterhalten. Die schnellen Schritte von  kamen näher.
„Ganz ruhig“, murmelte Jochen ihm zu, der ebenfalls verhindern wollte, dass Telaendrils Sklave Ärger bekam. „Hör auf, zu zittern, sonst verrätst du dich noch! Bleib ganz locker und tu so, als würdest du mit uns reden.“
Wenig später stand eine kurzhaarige Frau vor ihnen, die mit einem elegant geschwungenen Kurzschwert bewaffnet war und genau wie Lisa und Jochen noch vor wenigen Tagen eine eingehüllte Rüstung trug. Das Schwert hielt sie in ihrer rechten Hand, es schimmerte violett in der Dunkelheit und erinnerte Jochen an die Glücksbringer, die sie heute in der Stadt gekauft hatten. Vorsichtig tastete er nach seinem eigenen, der sich nach wie vor in der Tasche seiner schwarzen Kutte befand.
„Wer bist du?“, fragte er sie unverhalten und versuchte, so auszusehen, als ob nichts Ungewöhnliches passiert sei. Überrascht sah sie ihn an und wich einen Schritt zurück, bevor sie sich gerade hinstellte und ihre Waffe zurück in die am Gürtel hängende Schwertscheide steckte. Danach holte sie einen kleinen Stab hervor, der sich kurze Zeit später als Fackel herausstellte und von ihr entzündet wurde. Es wurde urplötzlich heller im Raum und sie konnten erkennen, dass ihre Augen blau und ihre Haare blond waren. Jochen vermutete, dass sie eine so genannte Kaiserliche war, da ihr Äußeres sehr schön war und sie keine Elfe zu sein schien. Sie machte eine kurze Verbeugung, dann stellte sie sich vor.
„Man nennt mich Antoinetta Marie“, sagte sie mit einer hellen, fröhlichen Stimme und lächelte. „Ich bin der Ruhigsteller von Lucien Lachance und ein ehemaliges Mitglied dieser Zuflucht.“
Sie musterte ihn und Lisa, dann schaute sie zu Valen Dreth hinüber, dem eine Schweißperle über die Stirn rollte. Offenbar schien er Antoinetta zu kennen.
„Sagt mir“, fuhr sie fort und trat wieder einen Schritt näher an sie heran, „seid ihr die Geflüsterten? Die Zuhörerin hat mir bereits von euch berichtet, doch…“
Jochen meinte, ein wenig Enttäuschung aus ihrem Gesicht lesen zu können und antwortete: „Ich fürchte ja. Zumindest hat man über uns bisher nichts anderes verbreitet, weshalb wir weiterhin annehmen, die zwei Geflüsterten zu sein. Und genau diese beiden gehen jetzt ins Bett. Gute Nacht.“
Er nahm Lisas Hand und wollte mit ihr weggehen, doch Antoinetta lief ihnen hinterher.
„Wartet! Wartet bitte! Ich habe eine Nachricht für euch…“
Sie wollte noch etwas sagen, doch weitere Schritte aus der Ferne ließen sie aufhorchen. Ocheeva und eine kleine Khajiit, die Lisa auf vielleicht fünfzehn, höchstens sechzehn Jahre schätzte, kamen herbei, um nachzusehen, wo der gerade eben entstandene Lärm herrührte. Das Katzenmädchen hatte weißes Fell, das mit rötlichbraunen Flecken durchsetzt war und ihre Augen waren so orange, wie Lisa und Jochen es noch nie bei einem Lebewesen gesehen hatten. Valen Dreth klapperte ängstlich mit den Zähnen und Jochen warf ihm einen beruhigenden Blick zu, der den Dunmer tief durchatmen ließ und ihn etwas zu ermutigen schien.
„Was ist passiert?“, fragte Ocheeva neugierig und blinzelte mit ihren gelblichen Augen. „Ich hörte einen Knall, der aus der Eingangshalle zu stammen schien…“
Eine Erklärung abwartend sah sie von Lisa zu Jochen und entdeckte dann hinter ihnen den Dunkelelf, der sofort auf den Boden starrte, als sein Blick sich mit dem der Argonierin kreuzte.
„Nun?“
„Eigentlich nichts Besonderes“, gab Lisa möglichst lässig zurück und legte einen Arm um Jochens Schulter. „Wir sind nur von einem Bummel durch die Stadt zurückgekommen und haben dann Valen Dreth getroffen, mit dem wir uns eine Weile unterhalten haben. Dabei sind wir auf das Thema Magie zu sprechen gekommen und er hat uns einen Beschwörungszauber vorgeführt. Wenn er euch dadurch geweckt hat, so liegt die Schuld daran bei Jochen und mir, weil wir ihn gewissermaßen dazu genötigt haben…“
Es war die dümmste Lüge, die sie sich je hatte einfallen lassen, zumindest fühlte es sich in diesem Augenblick so an. Die Khajiit, die Ocheeva begleitet hatte, sah sie feindselig an und blecke die Zähne, dann schaute sie zu Jochen und verbeugte sich vor ihm. Er bemerkte ihren Blick und nickte ihr höflich zu dann begrüßte er die Sprecherin der Schwarzen Hand, die, wie es schien, nicht im Geringsten an Lisas Ausrede zu zweifeln begann. Stattdessen zischelte sie beifällig und gab mit einem Kopfnicken Antoinetta zu verstehen, dass sie sich zurückziehen sollte. Die Ruhigstellerin gehorchte mit einer Verbeugung und eilte dann in die Richtung davon, aus der sie gekommen war.
„Verzeiht mir, Geschwister“, sagte Ocheeva nun und klopfte sich etwas Staub von ihrer schwarzen Robe. „Ich bin, wie die meisten Mitglieder der Zuflucht heute früh zu Bett gegangen und deswegen war ich ein wenig aufgebracht, dass sich hier ein vermeintlicher Tumult zutrug.“
Lisa schüttelte den Kopf und war innerlich erleichtert, mit ihrer dreisten Lüge durchgekommen zu sein.
„Wir müssen uns entschuldigen, Ocheeva. Wir waren rücksichtslos und haben nicht über das nachgedacht, was wir taten. Es tut uns leid, dass wir dich gestört haben. Es scheint das Beste, wenn wir nun ebenfalls zu Bett gehen, um morgen gut ausgeruht zu sein.“
Die Argonierin nickte nachdenklich und sagte dann, wie aus heiterem Himmel: „Oh, darf ich euch Mutapi vorstellen? Sie ist der Ruhigsteller unserer großen Zuhörerin Telaendril und stammt aus der Zuflucht in Elsweyr.“
„Elsweyr?“, fragte Jochen Lisa leise und setzte seine Brille auf, um Mutapi besser zu erkennen. Dadurch, dass Antoinetta nicht mehr da war, war es wieder düster im Raum geworden.
„Eine Provinz südöstlich von Cyrodiil“, antwortete sie flüsternd, nachdem sie sich kurz die Karte von Tamriel ins Gedächtnis gerufen hatte und setzte ein freundliches Lächeln auf. Mutapi sah neugierig auf das in ihrem Augen merkwürdige Gestell, dass Jochen nun auf seiner Nase trug und fragte neugierig: „Was ist das?“
Jochen seufzte innerlich und sagte geduldig: „Eine Brille. Durch die Gläser kann man besser sehen. Na ja, ich zumindest.“
Er grinste verlegen und Mutapi schnurrte zutraulich.
„Sehr schön“, rief Ocheeva und klatsche abschließend in die Hände. „Nachdem wir das hier geklärt haben, schlage ich vor, dass wir uns alle wieder den finsteren Träumen unseres fürchterlichen Vaters Sithis hingeben…“
Sie gähnte mit vorgehaltener Hand und ging davon, Mutapi folgte ihr dicht auf den Fersen, allerdings nicht, ohne sich noch einmal nach Jochen umzublicken und ihm zuzuwinken. Schüchtern winkte er zurück und nahm seine Brille wieder ab, von der er sich schwor, sie nur noch dann aufzusetzen, wenn niemand in der Nähe war, der nicht wusste, was eine Brille war. Als sie wieder alleine in der Eingangshalle waren, trat Valen Drteh auf sie zu und kniete vor ihnen nieder.
„Habt Dank! Habt Tausend Dank, Geflüsterte! I-ihr habt mich nicht verraten, obwohl ihr jedes Recht dazu hattet. Ihr zwei seid viel zu gütig zu mir… Das kann ich niemals wieder gut machen!“
Tränen standen ihm in den Augen und er fing wieder zu zittern an.
„Hey, jetzt komm wieder runter, Mann!“, sagte Lisa geschmeichelt und Jochen fügte entschuldigend hinzu: „Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe, Valen. Ich war nur so aufgebracht darüber, dass du Lisa angegriffen hast und… nein, warte! Ich weiß doch, dass du es nicht absichtlich gemacht hast!!“
Der Dunmer hatte sich bei den letzten Worten die Haare gerauft und laut aufgeschluchzt.
„Geh wieder ins Bett, Valen! Du schuldest uns wirklich nichts!“
Wohlwollend gab er dem Dunkelelf einen freundschaftlichen Stoß auf die Schulter und half ihm erneut auf die Beine. Damit ließen sie ihn allein und gingen endlich in ihre Kammer zurück, um sich dem, wie sie mittlerweile fanden, wohlverdienten Schlaf hinzugeben. Schließlich gab es am nächsten Tag mehr als genug für sie zu tun.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:20
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KAPITEL SIEBEN
DIE ZUFLUCHT DER NARBEN




„Ich hasse Regen!“, sagte Jochen irgendwann laut, als sie aus den Stadttoren von Leyawiin heraustraten. Krachend schlug das Holz gegen den Stein der hohen Mauer und ein lautes Echo entstand. Während ihres gesamten Weges von Cheydinhal bis hierher war ein Schauer dem nächsten gefolgt und wie schon bei ihrer Ankunft in der Zuflucht der Dunklen Bruderschaft waren ihre Klamotten komplett durchnässt. Die schwarzen Gewänder waren triefend nass, allerdings hatten sie zu ihrer Freude festgestellt, dass die eingehüllten Rüstungen das Wasser abzuhalten imstande schienen. Vor allem Lisa war darüber erleichtert, dass so ihre beiden Glücksbringer, die kleinen, violett schimmernden ovalen Steine auf diese Weise keinen Schaden nahmen, denn sie mochte den ihren inzwischen sehr gerne und auch Jochen war froh, den seinen dabei zu haben.  Sie waren gleich morgens um Punkt sieben Uhr aufgebrochen und hatten sich die Unsichtbarkeitsringe um ihre Halsketten gestülpt, sodass diese jetzt fröhlich gegen Jochens Thorhammer und Lisas Silberdrachen klirrten. Durch ein paar Ausdauertränke waren sie gut vorangekommen, es war für beide eine völlig neue Erfahrung gewesen, solange derartig schnell rennen zu können, ohne auch nur im Geringsten zu ermüden. Mittags hatten sie in einem heruntergekommenen Gasthaus halt gemacht, in dem es ein ekelhaftes Kartoffelbrot zu essen gegeben hatte, mit einem undefinierbaren Brotaufstrich, für den das Wort Stinke-Käse noch mehr als schmeichelhaft gewesen war. Dazu hatte man ihnen Tomatensaft angeboten, der Jochen irgendwie an Flugzeugatmosphäre erinnert hatte und der leicht vergoren zu sein schien. Lang waren sie dort jedenfalls nicht geblieben und Trinkgeld hatte es für den orkischen Besitzer auch nicht gegeben. Sowieso hatten sie beide das Gefühl gehabt, dass dessen Kundschaft sehr ausgewählt sein musste, denn es waren ausschließlich Orks in ziemlich einzigartig aussehenden Rüstungen, die extra für ihre Rasse angefertigt zu sein schien, zugegen gewesen. Die ganze Zeit über, in der sie dort geblieben waren, hatten sie feindliche Blicke auf sich gespürt. Lisa hatte sich nicht getraut, zu sprechen und nach kurzem Überlegen mit den reichlichen Brotresten auf ihrem Teller die Worte „Silly Hats Only!“ geschrieben, woraufhin Jochen sich ein gefährlich lautes Prusten hatte verkneifen müssen. Mittlerweile war ihre Stimmung jedoch wieder kräftig gesunken und mit jedem Schritt, den sie machten, wurden sie schlechter gelaunt. Dieses Mal hatten sie ihre Kampftaschen in der Zuflucht gelassen, da sie durch die magischen Kleinodien, die ihnen Unsichtbarkeit verlieh, keine großen Mengen von Tränken mehr mit sich führen mussten. Trotzdem hatten sie jeder zwei winzige rosa Fläschchen in ihren Hosentaschen dabei, von denen Mraaj’Dar, der ein wenig zutraulicher geworden war, geschworen hatte, dass man damit fünf Minuten unter Wasser atmen konnte. Dafür hatten sie zwar mehr als die gesamte Belohnung für den vollzogenen Auftrag in der Kaiserstadt bezahlen müssen, doch hatten sie immer noch weit mehr als die Hälfte des Goldes.
Mittlerweile war es kurz nach fünf, wie sie der Uhr, die außen an der Kapelle von Leyawiin hing, hatten entnehmen können. Sie hatten die Stadt nur durchquert, um sich einen Moment lang auszuruhen und waren in einer Unterkunft namens „Fünf Klauen“ gelandet, wo ein prasselndes Holzfeuer im Kamin gebrannt hatte. Die Leiterin der Herberge schien über ihren Besuch allerdings nicht sonderlich erfreut zu sein, da sie ärgerlich mit der Nase gerümpft hatte, als sie mit ihren nassen Klamotten den gesamten Fußboden voll getropft hatten.
„Ich schätze, wir sind gleich da“, sagte Lisa, die schon kurz nachdem sie Cheydinhal verlassen hatten, die Karte wütend zusammengeknüllt hatte, weil diese völlig vom Regen zerstört worden war. Daher musste sie sich, so gut es ging, ohne dieses Hilfsmittel orientieren.
„Wann ist gleich?“, fragte Jochen gereizt und kickte einen Kieselstein zur Seite, der laut über das Pflaster klackerte. Plötzlich hörten sie ein Pferd wiehern und ein berittener Soldat auf einem braunen Rappen trottete langsam über den Weg. Er trug genau die gleiche Rüstung wie die Wachen in der Kaiserstadt, die sie im Hafenviertel gesehen hatten und grüßte sie routiniert im Vorbeireiten. Lisa sah, wie Jochen ihm heimlich die Zunge rausstreckte und kicherte leise, dann gingen sie wortlos weiter.
Die Straße verlor sich allmählich in immer mehr in Schlamm verfallene Wege, die durch den Regen völlig rutschig geworden waren. Mehr als einmal mussten sie sich gegenseitig auffangen, damit sie nicht der Länge nach hinfielen und ihre schwarzen Gewänder waren schon nach kurzer Zeit bis zum Knie dreckig.
„Verdammt!“, brüllte Jochen laut und wischte sich Wassertropfen aus dem Gesicht. „Das ist ein Kampf, den wir nicht gewinnen können!“
Sie wateten durch kleine Bäche und stiegen einen nicht minder rutschigen Hang hinauf, der allerdings mit dicken Baumwurzeln durchwachsen war, an welchen sie hochklettern konnten. Es war nicht eben einfach, weil sich an dem knorrigen Holz dünne Rinnsaale gebildet hatten, die es schwerer machten, Halt zu finden, doch nach ein paar Minuten hatten sie es geschafft.
„Oh Mann! ... ich bin fertig!“, keuchte Lisa, die trotz ihrer magischen Rüstung etwas aus der Puste geraten war und stützte sich auf ihren Knien ab. Nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, sah sie zu Jochen herüber und sagte: „Lass uns weitergehen.“
„Wo soll’s denn hingehen, wenn ich fragen darf?!“
Erschrocken zuckten sie zusammen und sahen sich alarmiert nach der fremden, herausfordernden Stimme um, die zu ihnen gesprochen hatte. Ein Argonier löste sich aus den Schatten der Nachmittagssonne, welche sich für diesen Tag Urlaub genommen hatte, und trat mit geschmeidigen Schritten auf sie zu. Er trug eine schwarze Lederrüstung, genau wie sie, allerdings hatte er auf die Kapuze verzichtet, sodass seine Kopfstacheln sehr zur Geltung kamen. Mehrere Wundmale kennzeichneten sein Gesicht und einer der Stacheln schien vor kurzem gewaltsam gestutzt worden zu sein, es bildeten sich feine Blutstropfen, die vom Regen sofort weggewaschen wurden. Er war mit zwei langen Krummschwertern aus goldenem Metall bewaffnet, die einander bis ins letzte Detail glichen und seinen grimmigen Blick bedrohlich unterstützten. Sein Schwanz schlug hin und her und sie wussten sofort, dass es sich hier nur um Narbenschwanz handelte, da unzählige verheilte Wunden seine Raute bedeckten.
„Ich habe euch schon erwartet, Assassinen!“, zischelte der Argonier mit rauer Kehle und bleckte seine dolchartigen Zähne. „Versucht nicht zu leugnen, ich kann es in euren Augen sehen…“ Er trat noch näher an sie heran und sie waren für kurze Zeit versucht, einen Schritt nach hinten auszuweichen, doch dann wären sie den Abhang hinuntergefallen und unten war nur ein flaches Flussbett, dass mit faustgroßen Steinen ausgefüllt war.
„Ihr beide gehört durch und durch der Dunklen Bruderschaft an!“, bellte ihr Gegenüber und richtete je ein Schwert auf Lisa und Jochen. Erstere schluckte ängstlich und hob vorsichtig die Hände, zum Zeichen dass sie keine Schwierigkeiten machen würde. Nach kurzem Überlegen tat Jochen es ihr gleich.
„Hör zu“, keuchte er nervös und musste sich zusammenreißen, um nicht zu stottern. Er zwang sich regelrecht, nicht weiter zurückzuweichen. „Wir sind von der Dunklen Bruderschaft, das ist richtig, aber wir sind nicht hergekommen, um dich zu töten.“
Das zeigte Wirkung. Lisa wurde sich der Merkwürdigkeit der Situation bewusst, in der sie sich befanden: Der Echsenmensch hatte sie beide noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen und doch verriet allein ihre Anwesenheit an diesem Ort, wer sie waren und warum sie sich einander als potentielle Feine betrachteten. Das alles ging irgendwie zu schnell. Verwundert verzog die Schattenschuppe das Gesicht und ließ die Waffen ein kleines Stück sinken. Anscheinend hatte er genau das Gegenteil von dem, was Jochen ausgesprochen hatte, vermutet und nicht damit gerechnet, dass man ihn verschonen könnte. Seine Rüstung wies, wie Lisa nun auffiel, eine noch etwas dunklere Tönung auf, als die, die sie selbst trugen, allerdings sah seine um einiges mitgenommener aus. An seinen Händen klebte frisches Blut und Lisa entdeckte eine grün geschuppte Leiche, deren Unterkörper hinter einem Baum sichtbar war. Ihre linke Augenbraue begann zu zittern.
„Ihr… ihr seid nicht den weiten Weg von Cheydinhal hierher gereist, um Narbenschwanz umzubringen? Aber…“
Seine Miene verzog sich plötzlich und er schaute sie zornig an.
„Woher soll ich wissen, dass ich euch vertrauen kann?“, fragte er argwöhnisch und kniff die Augen zusammen. „Ihr könntet genauso gut lügen und nur auf den rechten Moment warten.“
Er hob seine Klingen wieder etwas höher und schwang beeindruckend schnell mit ihnen herum.
„Bitte!“, rief Lisa panisch und versuchte, sich vor Jochen zu stellen. „Sehen so vielleicht zwei Mörder aus, die vorhaben, eine Schattenschuppe zu töten?!“
Sie deutete auf ihre klatschnasse Kleidung, die immer mehr an ihren Körpern klebte und mit der sie reichlich unbeholfen aussahen.
„Nein…“, gab Narbenschwanz zu und sah sie Stirn runzelnd an. Seine Waffen hatte er immer noch erhoben, doch ging er nun ein paar Schritte zurück und verlangte: „Erklärt euch!“
Lisa erwiderte seinen Blick beobachtend und schaute dann zu Jochen, der ihr ermutigend zunickte. Sie räusperte sich ein paar Mal, bevor sie sprach.
„Wir… wir sind Gesandte der Dunklen Bruderschaft. Wir sind nicht offiziell hierher geschickt worden, sondern haben von Teinaava einen Auftrag erhalten, dich zu ermorden. Bevor du jetzt etwas tust, dass du bereuen könntest…“
Sie schluckte, obwohl sich ihr Mund trotz des vielen Regens ganz trocken anfühlte und behielt die Schwertspitzen genau im Auge.
„… hör mir erst zu Ende zu. Wir haben nicht vor, diesem Auftrag nachzukommen. Wir werden dich verschonen. Wenn wir dich hätten töten wollen, hätten wir es schon längst getan!“
Sie sagte die Worte frei heraus, es war ihr egal, dass die letzten davon nicht stimmten, doch das Gesprochene zielte allein auf Wirkung ab, nicht etwa auf Wahrheit. Jochen versuchte, so auszusehen, als wenn ihm Lisas zu kleinen Stücken erfundene Geschichte keineswegs neu wäre. Der grobe Teil stimmte ja auch zumindest. Als der Argonier nichts erwiderte, sondern sie lediglich abwartend anstarrte, fügte sie hinzu: „Du weißt, dass ich recht habe.“
Die Waffen senkten sich erneut, wurden allerdings von forschenden Blicken begleitet. Narbenschwanz schien ihnen glauben zu wollen, allerdings machte er nicht den Eindruck, als würde er dies auch tatsächlich können.
„Nennt mir nur einen Grund, warum ihr mich verschonen solltet!“, sagte er und zischelte leise mit seiner gespaltenen Zunge.
„Ganz einfach“, antwortete Jochen, der Lisas Redeweise sehr schnell verstanden und übernommen hatte. „Wir haben es nicht nötig, dich zu töten. Wir sind die Geflüsterten.“
Wie in einem Märchen schlug in diesem Moment ein gewaltiger Blitz ein, dem ein lauter, grollender Donner folgte. Narbenschwanz sah sie entgeistert an und ließ beide Klingen gleichzeitig fallen. Er selbst sank auf die Knie und schaute beschämt auf den Boden, bevor er sein Gesicht in den Händen vergrub.
„Bei Sithis!“, rief er selbst anklagend und seine Kopfstacheln stellten sich auf. „Ich habe die Vorhergesagten mit Waffen bedroht… ich habe tatsächlich die Vorhergesagten mit Waffen bedroht! Möge die Mutter der Nacht mir verzeihen, ich wusste nicht, was ich tat!“
Seine Stirn berührte den schlammigen Boden und ein lautes, schmatzendes Geräusch entstand, als der Matsch sich an der schuppigen Haut festsaugte. Jochen musste einen Moment lang an Valen Dreth denken, der sich auf dieselbe Weise vor ihnen verneigt hatte, nur, dass es ihm dieses Mal keineswegs unangenehm war, diese Ehrerbietung entgegenzunehmen. Immerhin wollte sie die Schattenschuppe gerade eben noch mit zwei ziemlich gefährlich aussehenden Schwertern umbringen und soweit er sie Situation beurteilen konnte, hatte sich selbige für ihn und Lisa in jeder Beziehung zum Besten gewandelt.
„Ich bin sicher, dass die Mutter der Nacht dir vergeben wird“, sprach Jochen deswegen bedeutungsvoll und kam sich in diesem Moment einfach ungemein cool vor. „Wir beide tun es in jedem Fall!“
Narbenschwanz hob langsam den Kopf und sah ihn ehrfürchtig an, bevor er seinen gesamten Oberkörper aufrichtete und von ihm zu Lisa blickte.
„Wir könnt ihr mir verzeihen, wenn ich euch noch vor einer einzigen Minute töten wollte?! Ich bin es nicht wert, Euch ‚Bruder’ zu nennen, bei Argonien, wirklich nicht! Beinahe hätte ich gegen eines der fünf Gebote verstoßen… Wie ich mich schäme!“
Lisa merkte, wie sie langsam auf dem rutschigen Untergrund in Richtung Abhang glitt und machte deshalb einen Schritt auf den von ihnen zu ermeuchelnden Meuchelmörder zu. Dieser schien ihre Maßnahme falsch zu deuten und wich demütig zurück.
„Bitte, Geflüsterte, nähert Euch mir nicht, ich bringe nur Unheil mit mir. Ich kann nicht zulassen, dass euch beiden wegen mir etwas passiert! Damit hätte ich den Tod wirklich verdient!“
Jochen horchte neugierig auf.
„Wirklich? Was meinst du mit wirklich?“, fragte er skeptisch und versuchte ebenfalls, seinen Halt zu verbessern. „Ist Teinaavas Auftrag etwa unbegründet?“
„Das kann man wohl sagen!“, erwiderte Narbenschwanz schüchtern und erhob sich geduckt. Dann hob er seine Waffen auf, steckte sie in ihre Schwertscheiden zurück und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. „Ich werde euch erzählen, was meinen Bruder dazu bewogen hat, mich töten zu wollen, doch zuerst will ich, dass ihr in mein Zelt kommt und euch aufwärmt. Ich habe es etwas erhöht zwischen einigen feststehenden Felsen aufgebaut, ihr müsst euch also nicht länger mit euren Beinen in diesem Sumpf herumquälen. Ich für meinen Teil bin Argonier, mich stört dieser Umstand wenig, aber… ich könnte mir denken, dass es sich bei den ehrenhaften Geflüsterten anders verhält.“
Bescheiden senkte er den Blick und wartete, was sie tun würden. Nach wenigen Sekunden des Überlegens nickten Jochen und Lisa sich zu und folgten Narbenschwanz zu einigen großen Felsbrocken, welche sie mit ein wenig Mühe erkletterten und es sich ein paar Augenblicke später in einem herrlich warmen Zelt gemütlich machten. So schnell sie konnten, entledigten sie sich dort ihrer schwarzen Gewänder, und schmissen sie nach draußen in den Regen, wo sie nicht die trockene und warme Atmosphäre des Zeltes zerstören konnten. Es handelte sich bei der Behausung der Schattenschuppe um eine Art ehemaligen Wigwam, der nach allein Seiten ausgebaut und erweitert worden war. An zwei Stellen brannten kleine Lagerfeuer, deren Qualm jeweils nach oben, durch ein kleines Loch abziehen konnte. Über einer der Feuerstellen köchelte ein kleiner Kessel mit heißem Wasser und sowohl Boden als auch Wände des Zeltes waren aus einem stark eingefetteten Leder angefertigt, die jeden Regentropfen abperlen ließen.
„Willkommen in meinem bescheidenen Heim“, murmelte Narbenschwanz, der als letzter eingetreten war, respektvoll. „Ich hoffe, das Trommeln des Regens stört euch nicht, aber ich kann es leider nicht verhindern…“
Er lächelte verschmitzt und Lisa sah eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und Teinaava, die genau in dieser Mimik bestand. Mit einer Handbewegung wies er sie an, sich auf eine der zahllosen grauen und braunen Felle, die auf dem Fußboden lagen, zu setzen und kniete sich dann nieder, um nicht mit ihnen auf einer Augenhöhe, sondern stets etwas darunter zu sein.
„Danke, dass wir uns hier ausruhen dürfen“, sagte Lisa und war froh, endlich einen Weg gefunden zu haben, dem schlechten Wetter zu entkommen.
„Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nachdem ich solch ein Verbrechen begangen…“
„Ja, ja, ja, schon gut!“, schaltete sich Jochen schnell dazwischen, der verhindern wollte, dass eine ellenlange Entschuldigungsrede folgte. Um sein Gegenüber besser sehen zu können, holte er seine Brille hervor und setzte sie, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sie trocken war, auf die Nase. Narbenschwanz machte ein verwundertes Gesicht und Jochen sagte, noch bevor der Argonier fragen konnte: „Das ist eine Brille. Damit kann man besser gucken! Das wolltest du doch wissen, oder?!“
Die Schattenschuppe nickte betreten und sank noch ein Stück tiefer in sich zusammen. Lisa verkniff sich ein breites Grinsen und berührte den Echsenmenschen freundschaftlich an der Schulter.
„Hey, ist okay, Mann! Jeder, der das Ding da sieht, stellt ihm diese Frage. Du musst dich dafür nicht schämen. Alles klar?“
Narbenschwanz wippte leicht mit dem Kopf und schlang den schuppigen Schwanz um seine Beine. Es sollte wohl ‚Ja’ bedeuten.
„Großartig“, flüsterte Jochen leise und schniefte mit der Nase. Anscheinend hatte er doch eine Erkältung bekommen. Siedend heiß fiel ihm, als er nach etwas Taschentuchähnlichem suchte, ein, dass er das Schnuffeltuch, das ihm Lisa geschenkt hatte, nicht bei sich trug. Ihr Gastgeber hatte Jochens Bedürfnisse jedoch sehr schnell erkannt und reichte ihm ein weißes Stofftuch, welches er aus einer Holztruhe, die am Rand des Zeltes stand, entnommen hatte. Danach reichte er ihm eine kleine Flasche, deren Inhalt natürlich aus einer rosa Flüssigkeit bestand und sagte: „Das ist ein Trank der Krankheitsheilung. Damit seid Ihr in kürzester Zeit wieder gesund.“
Jochen trank ohne zu überlegen, er hasste Erkältungen und wollte zudem nicht riskieren, in dem Vampirnest, in welches sie eindringen sollten, einen Niesanfall zu erleiden. Merkwürdiger Weise fühlte er sich, nachdem er das winzige Fläschchen in einem Zug geleert hatte, schlagartig besser. Das Zeug, das der Argonier ihm gegeben hatte, schmeckte sogar richtig gut. Erstaunt sah er Narbenschwanz an und reichte ihm den leeren Medizinbehälter zurück.
„Was ist das?“, fragte er neugierig und leckte sich über die Lippen. „Das schmeckte wirklich total lecker!“
Lisa schmunzelte und strich Jochen liebevoll über den Rücken.
„Alraunen… und das Blut eines Mitgliedes meiner Rasse… ich habe das Blut des Mannes verwendet, der dort draußen liegt und mich ermorden wollte. Er war es auch, der mir diesen ganzen Blödsinn mit meinem angeblichen Verrat an Argonien eingebrockt hat.“
Jochen merkte, wie ihm einen Augenblick lang sehr schlecht wurde, doch die Flüssigkeit verhinderte auf wundersame Weise, dass er sich übergeben musste. Stattdessen keuchte er nur kurz und entschied sich dann, dass es keinen Sinn machte, in einem solchen Moment wie diesem darüber zu insistieren, wie schändlich es war, das Blut eines Menschen zu trinken. Immerhin war er in einer Gesellschaft groß geworden, in der so etwas keineswegs Gang und Gebe war!
„Dann warst du deinem Königreich die ganze Zeit über treu?“, fragte Lisa, die die unangenehme Situation zu überbrücken versuchte. Narbenschwanz zischelte beifällig.
„Selbstverständlich war ich das!“, sagte er stolz und überragte sie nun an Kopfhöhe, da sich sein Oberkörper gestreckt hatte. „Ich bin der treueste Diener meines Königs! Nur dieser schleimigen Ausgeburt des Kaiserreiches ist es zuzuschreiben, dass ich all diese Strapazen auf mich nehmen musste! Hier!“
Er deutete mit dem Finger auf seinen linken Oberarm, auf dem drei lange, frische Schnitte zu sehen waren, aus denen immer noch langsam Blut sickerte. Jochen wurde wieder schlecht und auch Lisa konnte sich einer gewissen Übelkeit nicht erwehren, allerdings war sie nicht anfällig genug, um sich zu übergeben.
„Das war der Attentäter, der vor euch da war. Ich habe in dem Kampf nahezu meine gesamte Kraft verloren. Doch ich hab ihn besiegt. Es ist nur Stunden vor eurer Ankunft hier in Brackwasser gewesen.“
Erstaunt blickten sie Narbenschwanz an und pfiffen in Gedanken anerkennend durch die Zähne. Die Wunden auf seinem Arm sahen alles andere als harmlos aus und Lisa hatte das dringende Bedürfnis, die Verletzung mit einem Verband zu umwickeln. Als hätte der Argonier ihre Gedanken gelesen, griff er erneut in die Truhe und holte ein weißes Leinentuch hervor, mit welchem er die Kratzer einbandagierte.
„Wenn du wirklich so treu bist, wie du sagst…“, fragte Jochen und sah den geschickten Handbewegungen fasziniert zu, „warum hat Teinaava dann angenommen, dass du deinen Diensten als königlicher Meuchelmörder nicht mehr nachkommen möchtest?“
„Ganz einfach!“, erwiderte Narbenschwanz und benutzte damit den Spruch, der ihm vorhin noch von Jochen entgegengeschleudert worden war. „Weil man dieses Gerücht gezielt in die Welt gesetzt hatte.“
Er sah sie selbstbewusst an, so, als habe er soeben verkündet, eine Methode dafür entwickelt zu haben, wie man im Dunkeln sieht.
„Warum hätte man das tun sollen?“
Lisa blickte ihn ungläubig an und merkte allmählich, dass sie ein bisschen fror. Ihr Gastgeber reichte ihr geistesgegenwärtig eine Decke, in die sie sich sogleich dankbar hineinkuschelte.
„Weil sich ein Verräter am Hof des Königs eingeschlichen hatte“, fuhr er fort zu erzählen und fuchtelte dabei mit den Händen herum. Jochen meinte für den Bruchteil einer Sekunde, dünne Schwimmhäute zwischen den Fingern zu erkennen.
„Der Herrscher meines Landes wusste von diesem Überläufer aus verschiedenen Quellen, unter anderen auch, weil wir von der großen Zuhörerin Telaendril persönlich gewarnt worden waren. Niemand allerdings wusste wirklich, wer unter den königlichen Assassinen der Verräter sein mochte und so sandte man mich, der ich am längsten an der Seite meines Herren gedient hatte, aus, um es herauszufinden… ich wurde damit beauftragt, den eigentlich Verbrecher zu mimen und meine amtliche Position sollte an denjenigen, der mich umbringen würde, übertragen werden. Natürlich wäre dies für den wahren Mörder und Spion des Kaiserreiches die ideale Gelegenheit gewesen, einen sicheren Platz ganz nah bei seinem Ziel, dem König von Argonien zu bekommen, ein Platz, an dem ihn niemand mehr bei seiner Sabotage stören konnte… doch wie ihr sehen konntet, war er mit seinem Versuch, mich zu beseitigen, nicht sonderlich erfolgreich!“
Er lachte bitter und zog einen Knoten um den Verband fest, woraufhin er kurz schmerzerfüllt das Gesicht verzog.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Lisa besorgt, doch Narbenschwanz nickte mit zusammengekniffenen Augen. Vermutlich war es nicht seine erste Verletzung und würde auch nicht seine letzte bleiben.
„Jedenfalls… so ist es zu Teinaavas Entschluss gekommen, mich von euch, die ihr keine Schattenschuppen seid, töten zu lassen. Der Argonier, der dort draußen liegt, konnte von uns königlichen Meuchelmördern nichts wissen, er ist im Kaiserreich geboren worden und hat sein eigentliches Heimatland nie kennen gelernt. Eine Schande, die uns allerdings sehr hilfreich war. Ich habe ein Pergament mit dem kaiserlichen Siegel bei ihm gefunden. Stellt euch nur vor: Er ist nicht einmal unter dem Zeichen des Schattens geboren worden! Er war ein lausiger Lehrling! Ohne diesen Umstand wäre mein Herr nun vermutlich tot und an seiner Stelle würde ein Kaiserlicher über Argonien herrschen!“
Er spie das Wort ‚Kaiserlicher’ regelrecht aus und verzog angeekelt den Mund. Dann holte er ein weiteres Stofftuch hervor (er schien davon recht viele zu besitzen) und tupfte sich sorgsam den verletzten Kopfstachel ab, wobei er zischend das Gesicht vor Schmerz verzog und die Augen zusammenkniff.
„Verstehe“, murmelte Jochen, der aufmerksam zugehört hatte und sich insgeheim fragte, wie der Spion soweit hatte vordringen können ohne schon vorher enttarnt zu werden, da er doch nichts über sein Ursprungsland wusste. Er gab diese Frage an Narbenschwanz weiter, der erzählte: „Nun, es ist selbst in Argonien den wenigsten bekannt, dass die Diener unseres Oberhauptes offen mit der Dunklen Bruderschaft paktieren und von dieser als vollwertige Mitglieder aufgenommen werden. Das er nicht wusste, um was für einen Posten es sich bei mir in Wahrheit handelte, ist nicht weiter verwunderlich. Er nahm wohl an, dass ich nichts weiter als ein simpler Berater sei.“
Er lachte kurz.
„Aber wie euch mein dunkler Bruder Teinaava sicherlich verraten hat, ist es einer Schattenschuppe ausdrücklich und unter allen Umständen untersagt, eine andere Schattenschuppe zu töten. Daher war der Köder, den wir für den Überläufer gelegt hatten geradezu perfekt, da nur er es hatte wagen können, wirklich zu versuchen, einen königlichen Assassinen umzubringen. Niemand anderes hätte sich dazu herablassen können… doch er hat es getan. Und seine Seele befindet sich nun zu Füßen unseres fürchterlichen Vaters Sithis!“
Er holte eine amtlich aussehende Schriftrolle hervor, die er sorgsam abwickelte, um ihnen zu zeigen, was darauf stand. In winzig kleiner, fein säuberlicher Schrift stand dort geschrieben:


„Ich, Koenig Letais,
Herrscher ueber Argonien
und eingeschworener Gegner der Kaiserin von Cyrodiil
erklaere hiermit
die Schattenschuppe Narbenschwanz fuer unschuldig.
Sie diente allein in meinem Auftrag
und befolgte mit jeder ihrer Handlungen
meine Befehle und Anweisungen.
Wer ihn toetet
und dieses Dokument bei ihm findet,
der moege weit laufen,
um den langen Faengen des Argonischen Koenigreiches zu entkommen.“



Darunter prangte ein rotes, wächsernes Siegel, das ein fremdes, verschlungenes Symbol zeigte. Die Geflüsterten sahen sich unauffällig an und lasen in den Augen des jeweils anderen, dass keiner von ihnen die Geschichte der Schattenschuppe anzweifelte. Vorsichtig rollte Narbenschwanz das Dokument, welches seine Unschuld bezeugte, wieder auf und steckte es unter seine Kleidung.
„Ganz schön beeindruckend, was?“, fragte er hochmütig und seine Brust schwellte an. „König Letais hat mir – von einer immensen Summe Goldes abgesehen - als Belohnung versprochen, dass ich zu Teinaava und Ocheeva zurückkehren darf…“
Sein Gesicht verdüsterte sich und er schlug traurig die Augen nieder.
„Doch wie es scheint, war unser Plan sogar für die Augen meiner hoch geschätzten Geschwister zu undurchschaubar. Man wünscht meinen Tod! Nie im Leben hätte ich für möglich gehalten, dass die Treue zu unserem König die Freundschaftsbande zwischen uns dreien besiegen könnte… und doch ist es geschehen…“
„Aber dieses Schriftstück besagt doch, dass du unschuldig bist! Was hindert dich jetzt noch, nach Cheydinhal zu reisen?“
Narbenschwanz schnaubte.
„Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt noch zu ihnen zurückkehren will!“, sagte er voller Abneigung und sagte ein unverständliches Wort in einer fremden Sprache, die man allenfalls noch als Parsel hätte ausmachen können.
„Ich kann es einfach nicht fassen, dass sie mir diesen Landesverrat zutrauen! Wie oft haben wir uns geschworen, Argonien stets die Treue zu halten? Wie viele Opfer wurden allein durch unsere drei Klingen niedergestreckt? Ich…“
Ihm schienen die Worte zu fehlen, seine Stimme wurde flatterig und es klang, als ob er gleich weinen würde.
„Ich habe sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen und doch jeden Tag an die beiden gedacht! Ich habe ihnen so viele Briefe überbringen lassen, dass ich nicht mehr zählen kann, wie viele es waren. Nie in all den Jahren ist der Kontakt je zwischen uns abgerissen und ständig haben wir uns nacheinander gesehnt…“
Nun standen ihm eindeutig Tränen in die Augen und beschämt wischte er sie fort.
„Und nun hat Teinaava mir den Krieg erklärt, indem er euch beide gesandt hat, um mich zu vernichten!“
Jochen wollte gerade Einspruch erheben und hob die Hand, um zu einem Widerwort anzusetzen, doch Narbenschwanz winkte ab.
„Lasst es, dunkler Bruder, ich weiß, was Ihr sagen wollt: Ihr seid nicht hier, um mich zu töten, sondern, um mich zu verschonen, doch es ändert nichts an den… ‚Wünschen’ meines langjährigen Gefährten.“
Er seufzte nostalgisch und sein Blick glitt in die Ferne, dann schüttelte er wie zu sich selbst leicht den Kopf.
„Ihr könnt euch das einfach nicht vorstellen…“, murmelte er schwärmerisch und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem begeisterten Lächeln. „… wie es ist, gemeinsam zu töten. Wie das prickelnde Gefühl von Mordlust in einem aufsteigt und man einfach alle Sinne verliert… Man hört plötzlich auf zu denken und ist wie in einem Rausch, der einen durch die Taten führt! Es ist… Entspannung.“
„Entspannung?!“, frage Lisa entsetzt und sah ihn ungläubig an.
„Ja“, bekräftigte der Argonier und nickte zufrieden. „Es ist… es ist…“
Er suchte hilflos nach einem Vergleich, schien jedoch keinen Passenden zu finden.
„Es ist, als würde man sein eigenes Ich neu erfahren! Plötzlich umgibt ein dunkler Nebel den eigenen Kopf und man wird eins mit der Finsternis und den Schatten, die das Denken und Handeln einfach übernehmen! Das Gefühl, dass man dabei spürt, ist besser, als Skooma, das versichere ich euch!“
Jochen beugte sich ein wenig nach rechts und fragte Lisa leise: „Was ist Skooma?!“
„Vielleicht eine Droge…“, vermutete sie.
Jochen nickte und wandte sich wieder Narbenschwanz zu.
„Bist du sicher, dass du nicht nach Cheydinhal zurückgehen möchtest? Wenn Teinaava und Ocheeva die Schriftrolle durchlesen, werden sie dich sicher mit offenen Armen empfangen!“
Die Schattenschuppe seufzte schwer, eine große Unentschlossenheit spiegelte sich in ihrer Miene.
„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie ratlos und kratzte gedankenverloren mit der flossenähnlichen Hand über den Zeltboden. „Ich weiß es einfach nicht. Ich gehöre zu der absoluten Elite meines Landes, ich bin darin ausgebildet worden, zwei Waffen gleichzeitig zu führen und meinem obersten Herrscher beschützen zu dürfen. Eine größere Ehre existiert nicht! Und doch… ich habe das Gefühl, alles verloren zu haben!“
„So ein Unsinn!“, rief Lisa aus und machte ein vorwurfsvolles Gesicht. Narbenschwanz sah sie überrascht an und zog die Augenbrauen hoch. Auch Jochens Blicke trafen sie von der Seite.
„Ja, ist doch wahr oder nicht?!“, sagte sie achselzuckend. „Ich meine, denk doch mal nicht nur drüber nach, was du nicht hast! Dadurch verlierst du doch sowieso alles! Wenn du in die Zuflucht zurückkehrst, dann wird das ganze schreckliche Missverständnis, welches allein durch deine Treue entstanden ist, aus der Welt geschaffen werden. Dein Bruder und deine Schwester würden ihren Irrtum sicherlich sofort erkennen und eingestehen und du stündest als der Held des Tages da, der endlich, nach so vielen Jahren zu seinen Freunden heimgehen kann. Was hältst du von der Perspektive?!“
Narbenschwanz schien sprachlos, er öffnete zwar den Mund und seine gespaltene Zunge bewegte sich ein bisschen, doch er brachte kein Wort heraus. Nachdenklich schaute er nach oben zur Zeltdecke und rieb sich mit dem Handrücken über die Nase, bevor er sprach.
„Ihr seid in mancher Hinsicht anders, als erwartet, Vorhergesagte“, murmelte er leise und nickte anerkennend. „Ich denke, Ihr habt recht. Ja… ich sollte Euren Rat befolgen…“
„Geht doch!“, sagte Lisa und lächelte freundlich. Dann räusperte sie sich.
„Sag mal, Jochen, die Sache mit dem Herzen hat sich doch jetzt eigentlich erledigt, oder?“
Der Argonier wurde hellhörig und seine Zunge schnellte hervor. Seine Augen leuchteten gelb auf, was die Geflüsterten verblüfft zurückzucken ließ.
„Hat Teinaava euch gebeten, mir mein Herz heraus zu scheiden?!“
Lisa und Jochen nickten zögernd, da sie sich nicht sicher waren, ob Narbenschwanz auch dieses Detail erfahren sollte. Allerdings war die Reaktion ihres Gastgebers etwas anders, als erwartet. Der Assassine grinste plötzlich und ein rauchiges Lachen entfuhr seiner Kehle. Er schlug sich sogar auf die Schenkel und warf erleichtert den Kopf zurück.
„Wisst ihr, was das bedeutet?“, fragte er lauthals und klatschte fröhlich in die Hände. Sie verneinten wortlos und einen Moment lang fragte sich Jochen, ob Narbenschwanz schizophren war.
„Das bedeutet, dass er mir vergeben hat! Hahaha! Oh, mein Bruder, ich hätte nicht an dir zweifeln dürfen!“
Als er ihre unwissenden Gesichter bemerkte, begann er zu erklären.
„In Argonien ist die Todesstrafe legal. Doch es ist sein Generationen Brauch, dass das Herz von demjenigen aus dessen Körper herausgetrennt und begraben wird, dessen Angehörige ihm seine schlimmen Taten vergeben haben.“
Skeptisch dachte Jochen nach.
„Aber wenn Teinaava dir vergeben hat, wieso wollte er dann, dass wir dich umbringen?“
„Weil er mich für den wahren Verräter hielt, wie alle anderen auch und als solcher hätte ich den Kopf von Letais der Kaiserin von Cyrodiil zu Füßen gelegt, zusammen mit den Häuptern aller weiteren Erben. Haha! Ja, so muss es gewesen sein. Vermutlich wollte er mich an weiteren Schandtaten hindern…“
„Jetzt versteh ich gar nichts mehr“, sagte Lisa eigenbrötlerisch und zog die Augenbrauen zusammen. „Nur, weil Teinaava dein Herz haben will, ist jetzt alles in Ordnung?!“
„Mehr als in Ordnung!“, erwiderte Narbenschwanz und veränderte endlich seine Sitzposition so, dass er mit ihnen wieder auf einer Augenhöhe war. „Es ist besser, als ich je erhoffen durfte!“
„Und… dass er dich töten lassen wollte, stört dich nicht länger, nein?“
„Selbstverständlich nicht. Er hat mir vergeben, das ist alles, was zählt!“
Jochen lächelte verhalten und sagte: „Wir verstehen das vollkommen.“
Im Stillen pflichtete er Lisa bei, dass diese Denkweise schlichtweg bescheuert war.
Ein unerwartetes Zischen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Narbenschwanz sah sich nach dem Kessel um, der über der Feuerstelle an einem Holzgestell hing und hob prüfend den Deckel an. Dann nahm er einen kleinen Löffel, tauchte ihn in die dicke Brühe und probierte einen winzigen Schluck. Kurz darauf verzog er angeekelt das Gesicht und holte ein kleines, braunes Stoffsäckchen hervor, aus dem er eine kleine Prise eines glutroten Pulvers entnahm und in den Kessel streute.
„Es geht doch nichts über ein paar Feuersalze“, flüsterte er leise und wandte sich wieder seinen Gästen zu. „Ich danke euch, dass ihr hierher gereist seid und mich begnadigt habt. Durch euer Kommen hat mein Leben wieder einen Sinn bekommen. Ich weiß nun, dass ich einen Platz in der Dunklen Bruderschaft habe und, was noch viel wichtiger ist, dass ich diesen Platz gar nicht erst verloren hatte. Es gibt keine Worte, um meinen Dank auszusprechen, daher will ich euch ein Angebot machen: Wenn ihr beide jemals die Hilfe von Narbenschwanz, dem Eliteassassinen benötigen solltet, so zögert nicht, sie in Anspruch zu nehmen. Ich werde für immer in eurer Schuld stehen.“
Er beugte sich nach vorne und verneigte sich förmlich. Nach einigen Momenten des Schweigens hob er abwartend den Kopf und blickte von Jochen zu Lisa und wieder zurück.
„Na ja“, sagte Jochen und druckste ein wenig herum. „Wir könnten schon deine Hilfe gebrauchen… wir haben einen ziemlich komplizierten Auftrag von der Zuhörerin Telaendril erhalten… hast du schon einmal etwas von den… ‚Narben’ gehört?“
Narbenschwanz sah ihn entsetzt an und keuchte erschrocken auf. Er ließ sogar seinen Löffel fallen und seine Kopfstacheln stellten sich auf.
„Was sagt Ihr da, Vorhergesagter?!“, fragte er ängstlich und sein vernarbter Schwanz schlug hin und her. Beinahe hätte er den Kessel umgeworfen.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:21
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„Äh… er meint die Vampire!“, sagte Lisa schnell, dann jedoch begriff sie, dass der Argonier sich nicht vor weiteren Wundmahlen fürchtete, sondern tatsächlich wusste, was Jochen mit seiner Frage meinte.
„Ich glaube, er weiß das.“
„Ist mir jetzt auch klar….“
Die linke Hand der Schattenschuppe fing an zu zittern und ihnen fiel ein besonders großer Schnitt auf, der sich vom Handgelenk bis hin zum Ellenbogen hinzog.
„Seid ihr beide euch im Klaren darüber, nach was ihr mich gerade gefragt habt?“, rief er nahezu empört aus und hob seinen Löffel wieder auf. „Die Narben sind die Feinde der Dunklen Bruderschaft seit Urzeiten! Sie waren schon unsere Feinde, bevor…!“
„Ja, ja, schon gut, wir haben den ganzen Klimm-Bimm bereits gehört!“, winkte Lisa ab und verzog gelangweilt den Mund. „Was mich und Jochen jetzt interessiert, ist, wo genau wir den Wohnort dieser ominösen Gestalten finden können. Vicentes Angaben waren da etwas schwammig.“
Großäugig starrte Narbenschwanz sie an und schien einen Augenblick lang wie gelähmt. Kein weiteres Wort kam aus seinem Mund heraus und er musste sich mehrere Male räuspern, bis er weiter sprechen konnte. Seine Stimme klang spröde und trocken, als er es tat.
„Ja, aber… sagt mal, habt ihr denn gar keine Angst?!“, fragte er fassungslos und strich sich nervös mit der Hand über den Kopf.
„Geht so“, murmelte Jochen und ahmte unbewusst die Geste ihres Gastgebers nach. Das Trommeln des Regens auf der Zeltplane wurde leiser, es schien, dass das schlechte Wetter  allmählich nachließ. „Eigentlich nicht. Wir haben von der Zuhörerin ein paar sehr exquisite Zauberringe bekommen, die uns bei unserer Aufgabe recht nützlich sein werden.“
Erleichtert stellte er fest, dass seine sich Haare schon wieder einigermaßen trocken anfühlten, was man von Lisas Frisur nicht eben behaupten konnte. Allerdings tropften die langen, dunkelblonden Haarsträhnen auch nicht mehr, sondern hingen lediglich schwer und träge an ihren Schultern herunter.
„Zauberringe werden euch nichts nützen! Das sind Monster! Es überrascht mich nicht, dass man für diesen Auftrag euch, die Vorhergesagten auserwählt hat. Ihr zwei scheint die einzigen zu sein, die man für fähig genug gehalten hat, die Vorraussetzungen zu erfüllen. Wenn nicht einmal Telaendril selbst sich zutraut, eurer Aufgabe gewachsen zu sein, dann… halte ich sie, ehrlich gesagt, für undurchführbar.“
„Du kennst unsere Aufgabe doch noch gar nicht!“, verteidigte sich Lisa und verschränkte die Arme.
„Das brauche ich nicht, um zu wissen, dass ihr sterben werdet“, erwiderte ihr Gegenüber und schüttelte den Kopf. Dann schlug er traurig die Augen nieder und schniefte laut, bevor er sich die Nase putzte.
„Es gab einen Ork… Grommok mit Namen… er besaß ein Schwert, so mächtig, dass es hieß, dass er damit Tag und Nacht herbeirufen könne. Er ging mit zwanzig seiner Art in die verfluchte Vampirhöhle hinein… und kam als Einziger wieder heraus. All seine Kameraden waren gefallen, obwohl ein jeder von ihnen  Erfahrungen im Kämpfergilde, Stadtwache und Prioreiritter gemacht hatte, sie alle waren ausgezeichnete und erprobte Kämpfer, die, wie man sich erzählte, vor nichts zurückgeschreckt sind. Und doch mussten sie alle für die verheerende Entscheidung ihres Anführers mit dem Leben bezahlen. Seitdem hat man Grommok nie wieder gesehen. Es heißt, dass er durch den Tod seiner Waffengefährten dem Wahnsinn anheim gefallen ist. Gesehen hat man ihn jedenfalls seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr.“
„Vicente war dort!“, warf Jochen ein, der zwar nicht von seinen und Lisas Fähigkeiten als Meuchelmörder überzeugt war, doch dennoch verspürte er plötzlich einen gewissen Stolz über ihre bisherigen Verdienste in sich aufkeimen, den er durch Narbenschwanz’ starken Zweifel angegriffen sah. „Er hat es doch geschafft, lebend dort hinauszukommen, oder nicht?!“
„Sicherlich, Geflüsterter, sicherlich. Aber nur, weil er selbst ein Vampir ist und weiß, wie diese abscheulichen Kreaturen denken. Sie können mit den Schatten verschmelzen. Sie können Rüstungen mit ihren Zähnen durchbeißen. Sie… sie können sich sogar unsichtbar machen!“, rief Narbenschwanz ängstlich und es war schwer vorstellbar, dass er wirklich der Elite der Leibgarde eines Echsenkönigs angehören sollte. Anscheinend waren die Wesen, die Lisa und Jochen austricksen sollten um einiges gefährlicher, als vermutet.
„Können wir auch!“, sagte Jochen lässig und holte seine Kette hervor, an der über dem Thorhammer der Unsichtbarkeitsring hing.
„Also, eigentlich geht es nur darum, dass wir ein Buch stehlen sollen“, versuchte Lisa erneut, zu dem Argonier durchzudringen, der jedoch keinesfalls zutraulicher als zuvor wirkte. „Ich meine… ein Buch! Ein ziemlich auffälliges Buch, um genau zu sein. Das ganze kann doch nicht allzu schwer sein.“
Verwirrt sah Narbenschwanz sie an und sein geschuppter Schwanz wurde auf einmal gerade wie ein Lineal. Lisa vermutete, dass dies ein Zeichen von Anspannung war.
„Warum könnt ihr euch unsichtbar machen?“, fragte der Assassine laut und die Schwimmhäute zwischen seinen Fingern spannten sich.
„Weil wir Zauberringe haben, das sagte ich doch schon“, erwiderte Jochen ein wenig ärgerlich und merkte, wie ihm allmählich die Müdigkeit ins Gesicht kroch. „Mit denen sind wir unauffindbar.“
„Ihr meint Chamäleonringe, nicht wahr?“
Lisa biss sich nachdenklich auf die Lippen, dann sagte sie: „Nein.“
„Wie, nein?“
„Ich meine nein. Verneinung, du weißt schon! Keine Chamäleonringe, was immer das nun auch wieder sein mag. Wir haben andere Ringe. Ringe, die unsichtbar machen.“
Als Narbenschwanz nicht zu kapieren schien, was genau sie meinte, holte auch sie seufzend ihre Kette unter der Rüstung hervor, streifte sie ab und steckte anschließend den Ring auf ihren rechten Zeigefinger. Sofort danach war sie komplett unwahrnehmbar und fuchtelte probehalber der Schattenschuppe vor den Augen herum. Jochen, der ebenfalls seinen Ring aufgesetzt hatte, ging sogar soweit, dem ungläubigen Meuchelmörder in die Nase zu kneifen.
„Aua!“, rief Narbenschwanz erschrocken und hob seine Hände schützend vor den Kopf. Lisa piekte ihn daraufhin in die Seite und kitzelte ihn an den Oberschenkeln, was den Argonier laut auflachen ließ und er wich hilflos zurück.
„Hilfe, hört auf, ich glaube euch!“, rief er keuchend und veranlasste seine Gäste so, ihre Fingerringe wieder abzunehmen und um ihre Ketten zu hängen.
„Bei Sithis… ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Schmuckstücke einmal selbst zu Gesicht bekommen dürfte! Man erzählt sich, dass unser fürchterlicher Vater selbst sie für diejenigen geschmiedet hat, deren Taten die Anhänger der Dunklen Bruderschaft wahrhaft auf seinen finsteren Pfad des Mordes und der Heimlichkeit zurückführen würden.“
„Warum denn ‚zurück?“, fragte Lisa Stirn runzelnd und gähnte mit vorgehaltener Hand. Sie merkte, wie Jochen sie wachsam von der Seite ansah, er kontrollierte, ob sie gegen ein Verbot verstoßen würde und sie streckte ihm die Zunge raus.
„Weil wir in der Vergangenheit oft gegen die Vampirgilde gekämpft und verloren haben. Ihr Bestand hat sich in den letzten Jahren auf bedrohliche Art und Weise vermehrt und noch immer rekrutieren sie Mitglieder, indem sie des Nachts in die Städte eindringen und in Häuser einbrechen, wo sie unschuldige Menschen im Schlaf beißen und dann zu ihrem Hauptquartier verschleppen.“
Eine Mücke sauste Lisa plötzlich um die Ohren und hastig schlug sie danach mit beiden Händen, worauf das Surren jäh endete.
„Was machst du denn da?“, fragte Jochen verwundert.
„Hab nur nen kleinen Blutsauger getötet“, antwortete Lisa und wurde sich noch im selben Moment darüber klar, was sie gerade gesagt hatte.
„Also… eine Mücke, mein ich… keinen Vampir…“
Jochen grinste.
„Na ja, jetzt weißt du jedenfalls, was unser Auftrag ist. Wir sollen nicht gegen sie kämpfen, wie dieser Grommok, von dem zu erzählt hast, sondern nur etwas von ihnen stehlen. Mehr machen wir nicht. Rein, Buch schnappen und wieder raus. Klingt einfach, ist es auch. Alles, was uns fehlt, ist eine gescheite Wegbeschreibung.“
Lisa nickte bestätigend und wischte den Mückenkadaver von ihrem Handschuh am Zeltboden ab. Die Regentropfen waren leiser geworden.
„Wirst du uns helfen?“, fragte sie beinahe rhetorisch, denn immerhin war ihnen Narbenschwanz einiges schuldig, dadurch, dass sie sein Leben verschont hatten. Zumindest glaubte er das, denn ob sie gewollt hätten oder nicht, dass Zeug, ein menschliches Wesen zu töten, hätten sie in beiden Fällen nicht gehabt. Ihrer Meinung jedoch brauchte der erfahrene Assassine von diesem Umstand vorerst nicht zu erfahren.
„Es wäre mir eine Ehre, euch den Weg zu zeigen… doch obwohl ich mir meiner Schuld euch zweien gegenüber stets bewusst sein werde, bitte ich euch hiermit, nicht von mir zu verlangen, mit euch dort hineinzugehen.“
Jochen winkte ab.
„Keine Sorge, wenn wir erst einmal drin sind, ergibt sich alles Weitere schon von alleine. Wir wollen nur, dass du uns hinführst, der Rest erledigt sich wie von selbst.“
Es war ihm klar, dass er sich ziemlich angeberisch anhörte, doch im Grunde hatte er sogar Recht mit dem, was er sagte. Alles, was sie bisher getan hatten, hatte stets ein optimales Ergebnis zur Folge gehabt. Andererseits konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass das Meiste davon purer Zufall gewesen war und sie sich nicht auf ihre Fähigkeiten als Meuchelmörder verlassen konnten.
Dasselbe schien Lisa auch zu denken, denn sie flüsterte ihm leise zu: „Wie stellst du dir das vor? Soll ich etwa wieder rückwärts stolpern, wie in Fort Scinia?“
„Uns bleibt keine andere Wahl, als in ihr Hauptquartier einzudringen. Wir müssen es tun!“, gab Jochen zurück. „Es ist der einzige Weg, um wieder nach Hause zu kommen.“
Sie seufzte wissend und nickte traurig.
Ein lautes Zischen lenkte unerwartet ihre Aufmerksamkeit auf sich und Narbenschwanz drehte sich zu dem Kessel über dem kleinen Feuer um und griff nach dem Henkel des Behälters, der nicht sonderlich heiß geworden zu sein schien. Als er den Deckel abnahm, stob eine riesige Dampfwolke nach oben und verklärte jedem von ihnen für einen Moment die Sicht. Jochens Brille beschlug schlagartig und es sah aus, als trüge er eine weiß gekalkte Sonnenbrille. Lisa prustete laut.
„Nun, Bruder“, sagte der Argonier, langsam und stellte den Kochtopf auf einem steinernen Becher ab, den er hinter seinem Rücken hervorzauberte, „ich kann Euch zumindest versprechen, dass Ihr und die Vorhergesagte dort hin finden werdet, doch mehr auch nicht. Alles, was ich euch mit auf den Weg geben kann, sind diese Tränke, die ich vor einiger Zeit gebraut habe. Bitte sehr!“
Er reichte ihnen je zwei rosa Fläschchen davon und begann zum wiederholten Male in seiner Kiste herumzukramen. Lisa fragte sich insgeheim, warum alle Tränke, die in Cyrodiil hergestellt wurden, eigentlich immer gleich aussahen. Ob es hier so etwas wie Lebensmittelfarbe gab?
Nach einigen Sekunden zog Narbenschwanz schließlich ein Schriftstück hervor, auf dem eine umfangreiche, fein säuberliche Tabelle zu sehen war.
„Was bewirken die Dinger?“, fragte Jochen ratlos und hielt eines der Fläschchen gegen das Licht des allmählich erlöschenden Lagerfeuers, um ein wenig mehr erkennen zu können.
„Es sind Tränke, die dem Trinkenden ermöglichen, im Dunkeln zu sehen“, erklärte Narbenschwanz mit einer Spur von Zufriedenheit in seiner Stimme. „Ich habe sie selbst kreiert, wisst ihr? Sie sind etwas ganz Persönliches von mir.“
Liebevoll sah er die gläsernen Flaschen an und  blickte verträumt in die rosafarbene Flüssigkeit hinein.
Fassungslos patschte sich Lisa mit der Hand auf die Stirn.
„Das darf nicht wahr sein“, murmelte sie zu sich selbst.
„Was denn?“, fragte Jochen.
„Ach, nichts!“, antwortete sie hastig und lächelte käferklein. „Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn wir uns noch einmal schlafen legen, bevor wir zu der Vampir-Zuflucht aufbrechen.“
„Genau dasselbe wollte ich euch auch gerade vorschlagen!“, erklärte Narbenschwanz gewichtig und hob den Zeigefinger, was etwas komisch aussah, da er durch die Schwimmhäute seine restlichen Finger etwas verkrümmen musste. „Ich empfehle euch, mir eure Kleider anzuvertrauen, ich denke, eure Rüstungen werden durch die lange Reise ein wenig beschädigt sein. Ihr bekommt natürlich nächtliche Kleidung von mir gestellt, während ich mich daran machen werde, diese Mängel zu beseitigen.“
Er legte den Kopf schief und lauschte einen Augenblick und im selben Moment stellten sie fest, dass es doch tatsächlich aufgehört hatte, zu regnen.
„Großartig“, sagte Jochen verdrossen, weil er sich nun darüber ärgerte, dass sich das Unwetter nicht bereits vor ihrer Ankunft in dem komfortablen Zelt geändert hatte. „Äh… sag mal, würde es dir etwas ausmachen, kurz raus zu gehen, während wir uns umziehen?“, fragte er dann und errötete etwas, da es ihm peinlich war, sich vor jemand Fremden auszuziehen.
„Oh, selbstverständlich, Vorhergesagter. Ich werde sogleich das Zelt verlassen.“
Er holte einige braunfarbene Kleidungsstücke hervor, erhob sich langsam und machte einen Schritt in Richtung Ausgang.
„Eine Sache noch, Narbenschwanz“, sagte Lisa unerwartet und der Argonier drehte sich zu ihr um.
„Tu uns einen Gefallen und rede uns nicht dauernd mit diesen Betitelungen an, okay? Ist nichts gegen dich, aber das nervt irgendwann einfach. Ich bin Lisa und das da ist Jochen. Alles klar?“
Die Schattenschuppe schluckte nervös und verneigte sich gehorsam, zum Zeichen, dass er es verstanden hatte. So richtig wohl schien er sich bei dem Gedanken, den beiden nicht mit Respektbezeugungen dieser Art begegnen zu dürfen, nicht zu fühlen.
„Gut“, lobte sie ihn. „Dann sag es auch. Wie heiße ich?“
„… Lisa“, entfleuchte es den Lippen der Schattenschuppe zerknirscht, nachdem er einen Augenblick lang geschwiegen hatte.
„Vortrefflich! Und er?“
„… Jochen…“, sagte Narbenschwanz noch zerknirschter und ließ beschämt den Kopf hängen.
„Perfekt! Ich hätte es selbst nicht besser aussprechen können. Wirst du uns von nun an so nennen? In der Zuflucht in Cheydinhal werden wir auch stets nur mit ‚Bruder’, Schwester’ oder ‚Geflüsterter’ angesprochen. Aber wir haben Namen. Und es sollte doch möglich sein uns mit unseren Namen anzusprechen… oder?“
„Ja, Lisa“, erwiderte der Assassine gehorsam und verneigte sich nochmals, bevor er die Plane zurückschlug und das Zelt verließ. Dankbar zogen sie ihre eingehüllten Rüstungen aus, griffen nach den braunfarbenen Kleidern und zogen sie sich gemächlich über. Erst jetzt, nachdem Narbenschwanz den ausgebauten Wigwam verlassen hatte, überkam auch ihre Körper eine bleierne Schwere und Müdigkeit, die sich bisher nur durch Gähnen und Zufallen der Augen bemerkbar gemacht hatte. Als sie fertig eingekleidet waren, warfen sie ihre Klamotten vor die Zelttür und suchten sich einige auf dem Fußboden ausliegende Decken zusammen, in die sie sich sogleich hineinkuschelten. Die Glut des Lagerfeuers knackte noch einige Male laut, dann war nur noch ein rotes Leuchten übrig, das ein beruhigendes Licht verströmte.
„Was sollte das gerade mit unseren Namen?“, flüsterte Jochen leise und schmiegte sich in ihrem Arm.
„Nervt dich das etwa nicht?“, fragte Lisa verwundert und umfasste mit der Hand seine Schulter, die von einem fremdartigen Stoff bedeckt wurde. Die Kleider, die sie trugen, waren weder aus Schaf- noch aus Baumwolle gefertigt, auch Seide konnte es nicht sein, da es dafür nicht stark genug glänzte. Es musste sich um eine Substanz handeln, die es in ihrer eigenen Welt nicht gab.
„Eigentlich find ich es ganz cool“, sagte er scherzend und sie knuffte ihn in die Seite.
„Du bist doof“, kicherte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich weiß…“, antwortete er und küsste sie zurück. „Denkst du, wir schaffen das mit dem Buch?“, fragte er dann und starrte nachdenklich an die Zeltdecke.
„Ich weiß es nicht… ich bin mir nicht sicher. Wir müssen sehr leise sein. Auf keinen Fall dürfen wir miteinander sprechen! Und wir sollten uns beide ein Seil um den Bauch binden, damit wir uns nicht verlieren können. Ich kann dich da nicht einfach suchen gehen, wenn ich dich nicht sehen und hören kann und sichtbar machen geht auch nicht, wenn Vampire in der Nähe sind.“
Jochen nickte.
„Gute Idee.“
„Na klar! Lass uns jetzt schlafen, Jochen, ich bin ziemlich müde…“
„Ja, ich auch. Gute Nacht.“
Sie lächelte.
„Was auch immer!“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:22
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Als sie am nächsten Morgen aufwachten, war Narbenschwanz nicht da. Sie wurden etwa zeitgleich wach und sahen sich verwundert nach dem leichtfüßigen Argonier um, der sich anscheinend auch nachdem sie eingeschlafen hatten, nicht wieder ins Zelt gelegt hatte. Erfreut stellten sie fest, dass durch die dünnen Stoffwände die Sonne drang, was ein helles, warmes Licht verursachte, das angenehm auf ihre Haut schien. Zu ihren Füßen auf dem Boden fanden sie die eingehüllten Rüstungen wieder, die so sauber und trocken waren, wie zu dem Zeitpunkt, als sie sie erhalten hatten. Sie entledigten sich ihrer provisorischen Schlafanzüge und schlüpften wieder in ihre alte Ausrüstung. Ihre Glücksbringer steckten sie dabei gewissenhaft in ihre Hosentaschen und lächelten sich vorher gegenseitig zu, weil die violetten Steine genau gleich aussahen. Ausgeruht und voller neuer Energie standen sie auf und gingen nach draußen, wo sie die Schattenschuppe mitsamt ihren schwarzen Gewändern vorfanden. Narbenschwanz hatte anscheinend eine Schnur von Baum zu Baum gespannt und ihre durchnässten Klamotten darüber gehängt. Er war gerade dabei, über einem kleinen Lagerfeuer, was er neuerlich entzündet haben musste, Eier in einer Pfanne zu braten. Woher er diese genommen hatte, war ihnen schleierhaft, doch Lisa vermutete, dass er einige Vogelnester ausgenommen hatte.
„Guten Morgen, ihr zwei!“, rief er fröhlich, als er sie entdeckt hatte und winkte ihnen mit dem rechten Arm zu. Sie erwiderten seine Geste zaghaft und gingen zu ihm. „Mögt ihr frisch gebratene Eier?“
„Selbstverständlich“, erwiderte Jochen und leckte sich hungrig über die Lippen.
„Dann geduldet euch noch eine kleine Weile, sie sind sofort fertig. Ich habe dort, auf dem Baumstamm zwei Teller für euch bereit gestellt, auch Histsaft gibt es, wenn ihr möchtet.“
Sie nickten dankbar und gingen zu dem Baumstumpf herüber.
„Was ist Histsaft?“, fragte Jochen leise und besah sich misstrauisch den Tonkrug, der zwischen ihren Tellern und zwei Steinbechern stand.
„Wahrscheinlich ist Hist eine Art Frucht“, riet Lisa ins Blaue hinein und blickte ebenfalls in die Kanne, deren Inhalt wie erwartet rosa war. Seufzend goss sie sich einen Becher voll ein und nippte versuchshalber daran.
„Hm! Schmeckt gut! Das kann man trinken.“
Zögernd füllte Jochen auch seinen Becher mit dem Getränk und nahm, einen plötzlichen Durst verspürend, einen großen Schluck. Dann hustete er und verzog angeekelt das Gesicht.
„Uäh! Das Zeug schmeckt ja total beschissen! Wie kannst du das nur mögen?!“, fragte er entgeistert und würgte es nur mit Mühe herunter.
Lisa zuckte gleichgültig mit den Achseln.
„Ich mag es doch gar nicht! Aber ich wollte nicht, dass ich als einzige darauf hereinfalle“, antwortete sie feixend und streckte ihm die Zunge raus.
„Das ist gemein!“, rief er empört, kam allerdings nicht dazu, ihr eine passende Drohung an den Kopf zu werfen, weil Narbenschwanz zu ihnen herübereilte und ihnen die Eier auf den Teller schob.
„Hier, die sind ganz frisch und warm. Sie werden euch schmecken! Ich habe auch Wasser aus dem Fluss, wenn ihr welches haben wollt!“
„Das wäre wunderbar“, erwiderte Jochen und schüttete, nachdem sich der Argonier wieder umgedreht hatte, den Inhalt seines Bechers in die Kanne zurück. Als sich Narbenschwanz außer Hörweite befand, sagte er laut und ermahnend zu Lisa: „Sei lieb!“, aber sie grinste nur und machte sich über ihr Frühstück her.
„Bin ich sowieso“, gab sie kauend zurück und war angenehm überrascht darüber, wie schmackhaft die Eier zubereitet worden waren. Sie sah sich neugierig um und betrachtete ihre Umgebung bei Tageslicht. Die Bäume, die hier wuchsen, waren größer und breiter gebaut, als jene, die im Norden um Cheydinhal herum wuchsen, sie erinnerten stark an Regenwaldlandschaften, die sie aus Bilderatlanten und Postkarten kannte, nur mit dem Unterschied, dass es hier keinerlei Abholzungen gab.  Es schienen weder Nadelbäume noch Sträucher in dieser Gegend zu existieren, allerdings sah sie viele Lavendelpflanzen und auch einige Exemplare des Nirnwurzgewächses, welches anscheinend gut in sumpfigen Gegenden gedieh. Es war ziemlich warm, doch ihre eingehüllten Rüstungen sorgten dafür, dass sie nicht sonderlich zu schwitzen brauchten. Lisa schloss die Augen und lauschte auf die Geräusche, die an ihre Ohren drangen. Sie konzentrierte sich auf das Rauschen des Flusses, das Rascheln der Blätter im schwachen Wind und das Surren der Insekten. Alles in allem hätte es ein schönerer Morgen nicht sein können…
Ein merkwürdiges Klicken sorgte dafür, dass Jochen und Lisa sich gleichzeitig umdrehten und ein Wesen erblickten, das beide laut und erschrocken aufschreien ließ. Einige Meter von ihnen entfernt trat zwischen den Bäumen die merkwürdigste Kreatur hervor, die sie je in ihrem Leben gesehen hatten: Es war mindestens doppelt so groß wie sie, hatte eine orangerote Körperfarbe und sah aus, wie ein überdimensionales Insekt. Vier stelzenartige Beine, die in Krebsscheren endeten, sorgten dafür, dass es sich fortbewegen konnte und der Hinterleib glich dem eines Hummers auf beängstigende Art und Weise. Dort, wo der Kopf hätte sein müssen, ragte ein nahezu menschlich aussehender Oberkörper auf, der aus Chitin zu bestehen schien und vier bewegliche Stacheln wuchsen aus der Mitte des Rückens hervor, die wohl eine Tastfunktion haben mochten, jedoch bedrohlich hin und her zuckten. Am fremdartigsten aber sah der Kopf aus, der einzig aus einer hässlichen, raubtierartigen Fratze bestand und eine Form besaß, die irgendwie an einen Pilz erinnerte. Der Unterleib war weitestgehend farblos, ein bleiches Weiß überzog den wie eine Rüstung gebauten Bauch und bei jedem Schritt, den das Wesen machte, entstand ein neues Klicken.
„Bleibt ruhig!“, rief Narbenschwanz, der durch ihren Schrei zu ihnen zurückgelaufen war und sich nun zwischen sie und die Kreatur stellte. „Das ist nur ein Landdreugh. Die sind harmlos, wenn man sie in Frieden lässt.“
„Ist mir völlig egal, was das für ein Ding ist!“, rief Jochen panisch der aufgesprungen war und sich hinter dem Argonier versteckte. „Mach, dass es weg geht!“
Der Assassine warf ihm einen überraschten Blick zu, offenbar hatte er nicht damit gerechnet, das Jochen soviel Angst vor einem friedliebenden Geschöpf seiner sumpfigen Heimat haben würde. Kurz entschlossen griff seine rechte, mit Schwimmhäuten überzogene Hand nach dem Krug mit dem Histsaft und ging langsam und bedächtig einige Schritte auf den Landdreugh zu, der sich neugierig zu ihm umdrehte und den Kopf schief hielt. Dabei drang ein kehliges Gurren aus seinem Maul und es kam zutraulich näher, so, als würde es sich freuen. Mit beiden Händen, die mit sehr gefährlich aussehenden Krallen ausgestattet waren, ergriff es das Gefäß und stürzte die Flüssigkeit gierig und genüsslich zugleich herunter. Als es den Krug vollständig geleert hatte, wackelte es mit dem Kopf und richtete sich auf seine zwei hinteren Scherenstelzen auf, wobei es weiterhin gurrte und seine ohnehin schon Furcht erregende Grimasse verzog.
„Seht ihr? Die Dinger tun einem nichts, wenn man freundlich zu ihnen ist. Und sie lieben Histsaft! Sie ernähren sich am liebsten von den Früchten des Histbaumes, doch da sie nicht klettern können, kommen sie nur selten in diesen Hochgenuss. Zumindest ist es für sie ein solcher. Ich persönlich mag das Zeug nicht allzu sehr, aber es ist gut, wenn man neue Kräfte braucht.“
Narbenschwanz murmelte einige beruhigende Worte in seiner zischenden Sprache und streichelte dem seltsamen Geschöpf über den Rücken. Der Landdreugh stellte sich mit einem dumpfen Pochen wieder auf alle vier Scheren und drehte sich um, um davon zu springen. Wie es schien, hatte er die dazu befähigte Anatomie, denn er hüpfte mit jedem Sprung mehrere Meter weit und war schon bald wieder zwischen den Bäumen verschwunden. Besorgt sah Lisa Jochen an, der kreidebleich im Gesicht geworden war und strich ihm beruhigend über den Kopf, auch, wenn sie selbst sich mindestens genauso erschrocken hatte, wie er. Außerdem machte sie sich Gedanken darüber, was passierte, wenn man einem Landdreugh begegnete und keinen Histsaft dabei hatte.
„Es ist weg, Jochen!“, flüsterte sie leise und stupste seine Wange mit der Nase an. „Du musst keine Angst mehr haben.“
Er nickte ruckartig und blickte zu der Schattenschuppe, die sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen konnte. Offenbar belustigte sie sein Anblick.
„Danke“, knurrte der Geflüsterte kaum hörbar hervor und setzte sich auf einen Stein. Der Appetit war ihm fürs erste vergangen, obwohl er immer noch Hunger verspürte.
„Gern geschehen, dunkler Bruder!“, erwiderte der Argonier ein wenig spöttisch, dann fiel ihm ein, was er Lisa gegenüber am Vorabend versprochen hatte. „Ich meine natürlich ‚Jochen’. Ich hoffe, das Wesen hat dich nicht allzu sehr erschreckt.“
„Geht schon wieder…“
Fahrig wischte ‚Jochen’ sich den Angstschweiß von der Stirn und nahm einen tiefen Zug Luft. Auf so eine Situation war er nicht vorbereitet gewesen. Angespannt sah er zu Lisa, die ihn mitleidig ansah und seine rechte Hand ergriff.
„Ich bin bei dir“, flüsterte sie leise und gab ihm einen Kuss.
„Ich weiß“, flüsterte er zurück und wandte sich dem Assassinen zu. Er musste sich ein wenig sammeln, bevor er sprechen konnte und spürte, wie er anfangs stotterte, doch dann fand er recht schnell zu seiner alten Redeweise wieder.
„Okay, pass mal auf, Kumpel… gibt es hier in der Gegend vielleicht noch mehr von solchen Dingern? Einhörner vielleicht oder Minotauren?!“
Das war eigentlich scherzhaft gemeint, doch tatsächlich verzog Narbenschwanz nachdenklich den Mund und tippte sich mit dem Finger ans Kinn. Blitzartig durchzuckte Jochen das Bild einer Riesenspinne, die meterhoch vor ihm aufragte und um ihn herumkrabbelte.
„Hier in der Gegend sind Minotauren eher selten anzusehen… aber weiter nördlich und im Westen gibt es viele von ihnen… ein Einhorn gibt es meines Wissens nur am Schrein von Hircine, angeblich soll es das einzige seiner Art sein.“
Lisa starrte ihn ungläubig an, doch an der Miene des Argoniers zeugte davon, dass er es ernst meinte. Es gab solche Wesen in Cyrodiil. Aber es durfte sie nicht geben. Es entbehrte jede Logik.
„Scheiße“, sagte sie langsam und kratzte sich am Hinterkopf. Ihre Stimme war ungewöhnlich hoch und sie fasste sich beunruhigt an den Hals. „Das ist Scheiße! Absolut, dreckige, stinkende Scheiße!“
Sie seufzte hilflos und ließ die Schultern hängen.
„Nicht doch, Schwester!“, rief die Schattenschuppe alarmiert und umfasste mit seinen Schwimmhäuten ihren linken Oberarm. „Ihr tut, als würde… oh, Verzeihung! Du tust, als würde es jedes Wesen in ganz Tamriel auf euch beide abgesehen haben. Die meisten Kreaturen, denen ihr begegnet, sind friedliebende Tiere, Geschöpfe, die euch in Ruhe lassen werden, wenn ihr mit ihnen dasselbe tut. Sei nicht so hoffnungslos, es tut nicht gut, solch einen Anblick ertragen zu müssen. Ihr zwei seid doch die Vorhergesagten…! Es wäre reichlich unpassend, wenn die Geflüsterten nur deshalb versagen, weil sie aufgeben, oder nicht?“
Aufmunternd berührte er auch Jochen am Arm und schenkte ihm ein ehrliches Lächeln, das von diesem jedoch nur kläglich erwidert wurde. Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab.
„Du verstehst das nicht… ich hab eine Viecherphobie. Solche Bestien sind nichts für mich. Das geht einfach zu weit!“
„Nein, geht es nicht“, sagte der Meuchelmörder fest überzeugt und zog sie beide unerwartet und entschlossen mit sich über die vom Regen des Vortages aufgeweichte Wiese, die den von ihnen am Vortag erkletterten Hang bedeckte. „Ich werde euch etwas zeigen. Kommt mit!“
Er ging mit ihnen in Richtung Flussufer, wo große Kieselsteine lagen und einige Felsbrocken hier und da zu sehen waren. Sie stolperten einen Hügel hinab, der ebenfalls mit grünem Gras bewachsen war und der Lavendelduft wurde stärker. Um jeden Baum, an dem sie vorbeikamen, wuchs ein Kreis aus diesen Pflanzen, von dem ein angenehmer Geruch verströmt wurde.
Lisa und Jochen fragten sich in Gedanken, was ihr neuer Freund wohl vorhatte und folgten ihm beunruhigt.
„Dort!“, rief Narbenschwanz, nachdem sie den Fuß des Hügels und somit das Flussufer erreicht hatten und deutete auf eine riesige Krabbe, die so groß wie Lisas Wade war. Sie hatte einen graublauen Panzer und sah alles andere als Vertrauen erweckend aus.
„Oh, Gott!“, rief Jochen erschrocken aus und wollte zurückweichen, doch der Assassine hielt ihn fest. Es klickte unheilschwanger auf den Steinen, als das Krustentier auf sie zusteuerte und angriffslustig seine Scheren hob.
„Lass uns los!“, sagte Lisa wütend und zerrte an der Umklammerung.
„Wartet! Wartet einen Augenblick, ich will, dass ihr seht, was passieren wird! Es ist nur eine kleine Schlammkrabbe, sie ist so ziemlich das Ungefährlichste, was einem hier in der Gegend begegnen kann!“
Die Schlammkrabbe stand nun vor ihren Füßen und klappte mit den Scheren, dann hob sie eines ihrer sechs Beine und berührte Lisas Fuß damit vorsichtig tastend. Danach zog sie sich sofort klackend hinter einen Felsen zurück und kam einen Moment später wieder hervorgehüpft, um neugierig zu ihnen herüberzuspähen.
„Seht ihr?! Seht ihr, was sie tut? Sie erforscht euch nur! Sie greift euch nicht an.“
Narbenschwanz ließ sie endlich los und ging in die Hocke, um den übergroßen Krebs mit einer Geste herzulocken. Bedächtig kam die Krabbe näher und bewegte fröhlich ihr Kauwerkzeug, als der Argonier aus seiner Tasche eine kleine Alge hervorholte. Sie ergriff das grüne, schleimige Blatt mit den Scheren und führte es mit putzigen Bewegungen zum Mund, wo es kleine Stückchen davon abbiss.
„Wow“, staunte Lisa und machte große Augen, da sie damit gerechnet hatte, ihr Bein, anstatt einer Meerespflanze zwischen den riesigen Greifern zu sehen. „Darf ich sie auch mal füttern?“
Sie verspürte eine plötzliche Tierliebe in sich aufsteigen und blickte in die winzigen schwarzen Äuglein, die regelmäßig blinzelten. Narbenschwanz nickte und reichte ihr und Jochen einige Algenblätter, die sie dem kleinen Tier achtsam hinhielten. Es dauerte nicht lange und zwei weitere Schlammkrabben kamen aus dem Fluss hervor, die anscheinend gemerkt hatten, dass es am Ufer etwas Leckeres zu fressen gab. Eine von ihnen war noch ganz klein und schneeweiß, sie zirpte leise, als sie Jochen erblickte und steuerte automatisch auf ihn zu. Auffällig mit den Scheren klickend sprang freudig auf und ab, als er ihr eine Alge hinhielt.
„Mann, sind die süß!“, rief er überrascht und fasziniert aus und ging in die Hocke, um der kleinen Schlammkrabbe über den Panzer zu streicheln.
„Eigentlich schmeckt ihr Fleisch eher salzig“, bemerkte der Assassine und betrachtete sich das dunklere Exemplar, das sich zu Lisa gesellt hatte. Schockiert sahen sie ihn an, doch er lächelte nur augenzwinkernd.
„Keine Sorge, ich könnte niemals auch nur einer von ihnen wehtun, dafür finde ich sie viel zu entzückend. Ich hatte sogar mal eine als Haustier, doch sie ist vor zwei Jahren gestorben. Doch während meiner Ausbildung habe ich sie öfters genossen, weil man uns beigebracht hat, auch in der Natur zu überleben und uns mit einfachen Mitteln nahrhaftes Essen zu beschaffen. Für solch einen Fall habe ich allerdings immer etwas Histsaft dabei.“
Beruhigt drehten sie sich wieder um und verfütterten die letzten Algen an die drei Krabben, die danach eifrig platschend zurück ins Wasser hopsten.
„Boah, ey! Wie geil!“
Jochen erhob sich beeindruckt und schüttelte ungläubig den Kopf. Am liebsten wäre er ins Wasser hineingewatet und hätte den kleinen, weißen Krebs wieder hinausgefischt. Einen Augenblick lang dachte er an SpongeBob und die Tochter von Mr. Krabs, die ‚Perla’ hieß. Unvorstellbar, dass es hier in Cyrodiil je so etwas wie das Fernsehen geben würde, geschweige denn Cartoon-Figuren, die so einfallslose Namen hatten.
„Ob wir sie wieder sehen werden?“, fragte Lisa rhetorisch und sah ihnen sehnsüchtig hinterher.
„Unwahrscheinlich“, antwortete Narbenschwanz und klopfte ihr tröstend auf die Schulter. „Schlammkrabben begegnet man meist nur einmal im Leben. Aber das ist auch besser so, glaubt mir. Sie leben nicht sonderlich lang, höchstens drei Jahre und eine von ihnen sterben zu sehen bricht einem immer wieder das Herz… obwohl wir Meuchelmörder über selbiges ja angeblich nicht verfügen sollen.“
Verschmitzt grinste er ihnen zu und ging zum Zelt zurück. Sie folgten ihm nach einer Weile, doch vorerst blieben sie noch ein wenig am Ufer stehen, weil sie hofften, dass die Krabben zurückkamen. Als dies nicht passierte, wandten sie sich etwas enttäuscht ab und stiegen den Hang hinauf, um ihr radikal unterbrochenes Frühstück zu Ende zu essen. Als sie angekommen waren, hatte Narbenschwanz sich anscheinend ins Zelt zurückgezogen, denn sie hörten ihn laut in seiner Truhe kramen. Ein wenig später kam er mit ein paar Wäscheklammern zurück, mit denen er ihre klammen Gewänder an der Leine befestigte.
„Wir sollten bald zur Tiefenhohnspalte aufbrechen“, bemerkte er und sah zur Sonne herauf, die gemächlich gen Süden wanderte. „Es ist bereits nach elf Uhr. Wenn wir uns beeilen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die meisten von diesen Bestien sich noch im Tiefschlaf befinden, wenn ihr dort eindringt.“
„Das klingt vernünftig“, sagte Jochen nickend und kaute auf seinem Frühstück herum. Ihm fiel das Gewürz von gestern ein, welches Narbenschwanz in den köchelnden Kessel gegeben hatte. ‚Feuersalze’ hatte er das Pulver genannt… ob es auch Frostsalze gab?
„In der Tat“, stimmte Lisa zu und überprüfte, ob der Leidensdorn, den sie von Vicente erhalten hatte noch richtig in seiner Halterung saß. Sie fragte sich insgeheim, warum sie nicht daran gedacht hatte, ihn zu ziehen, als der Landdreugh erschienen war. Vermutlich war sie es einfach nicht gewohnt, Waffen zu besitzen und erst recht nicht, sie zu benutzen. Sie nahm sich vor, ihn das nächste Mal einzusetzen, wenn sie sich in Gefahr befanden, doch dann dachte sie daran, dass es gut war, dass sie ihn vorhin völlig vergessen hatte. Schließlich hätte sie sonst ein unschuldiges Lebewesen verletzt und getötet. Es reichte bereits, was sie bisher angerichtet hatte.
„Wir sollten uns vornehmen, nicht gesehen zu werden“, überlegte der Argonier nachdenklich und holte unter seiner Kleidung die eingehüllte Kapuze hervor. Lisa beobachtete ihn neugierig, weil sie wissen wollte, wie er das Ding über seine Kopfstacheln setzen würde. Dann sah sie, wie die dornartigen Auswüchse einfach ganz flach an die Kopfhaut angelegt wurden und die Kapuze darüber gezogen und am Kragen festgebunden wurde. Einen Augenblick später hörte man ein lautes Fluchen in einer fremden Sprache, von der, wie Lisa und Jochen für sich selbst feststellten, sie froh sein konnten, kein einziges Wort verstehen zu können.
„Verdammt! Das ist schon das dritte Mal diese Woche, das mir das passiert!“
„Was denn?“, fragte Jochen, der erst jetzt den letzten Bissen heruntergeschluckt hatte und sich überrascht umwandte.
„Meine Kopfstacheln haben Löcher in die Kapuze gemacht! Ich sollte ernsthaft darüber nachdenken, mir einen Helm zuzulegen…“
Jochen schmunzelte, als er sah, wie an zwei verschiedenen Stellen Stacheln unter dem schwarzen Stoff hervorsprangen. Er musste sich sogar auf den Finger beißen, um nicht laut zu lachen. Narbenschwanz seufzte und band sich einen silberfarbenen Waffengürtel um, in dem seine beiden goldenen Schwerter steckten.
„Nun gut, lassen wir das. Habt ihr alles? Nichts vergessen?“
Sie schüttelten die Köpfe.
„Dann kann’s ja losgehen. Folgt mir!“
Er ging voran und schulterte einen vor ihm liegenden Lederbeutel, in dem es leise klimperte. Die Sonne schien stärker als vorhin und sorgte dafür, dass die roten Schuppen auf seiner Haut glänzten. Irgendwie war es ein befremdlicher Anblick, einen Menschen zu sehen, der ganz normal vor ihnen herlief, aber aus dessen Hose ein riesiger Eidechsenschwanz herausguckte. Jochen versuchte sich vorzustellen, wie es sich anfühlen musste, ständig mit solch einem Anhängsel leben zu müssen und verzog angeekelt den Mund, als ihm der Gedanke kam, wie unpraktisch es sein musste, als Argonier aufs Klo zu müssen. Flüsternd teilte er Lisa seinen Einfall mit und sie diskutierten leise darüber, ob es in Cyrodiil öffentliche Toiletten gab oder nicht.
Der Boden war noch immer glitschig und sie rutschten mehr darüber, als dass sie gingen. Narbenschwanz schien das gewohnt zu sein, er sprang von Stein zu Stein und umging so die größten Schlammlöcher, während sie sich mühsam ihren Weg durch den Matsch bahnten und sich, wann immer es möglich war, an herunterhängenden Ästen festhielten. Wahrscheinlich waren es höchstens zwanzig Minuten, die sie unterwegs waren, doch es kam ihnen wie zwei Stunden vor. Sie waren mehr als froh darüber, dass ihre Rüstungen verhinderten, dass sie schwitzen mussten.
„Beeilt euch!“, rief Narbenschwanz und wurde immer nervöser, je mehr sie sich dem Refugium der Narben näherten. „Es ist bald zwölf Uhr. Wenn ihr zu dieser Zeit dort hineingelangt, sind eure Chancen, unentdeckt zu bleiben, am größten.“
„Mist!“, fluchte Lisa plötzlich und patschte sich mit der Hand an die Stirn.
„Was ist los?“
Verwundert drehte der Assassine sich zu ihm um und zog seine Augenbrauen hoch.
„Ich hab ein Seil vergessen! Das brauchen wir dort drin, sonst verlieren wir uns!“
„Ach so… wenn es weiter nichts ist…“
Narbenschwanz ging zu einem Baum, ergriff die untersten Äste und hangelte sich am Stamm empor. Nach kurzer Zeit kam er wieder runter, mit einem seilähnlichen irgendwas, dass sich einen Augenblick später als Ranke herausstellte.
„Hier, nehmt das. Es ist genauso gut und vor allem um einiges reißfester.“
Er band es zuerst Lisa, dann Jochen um den Bauch und machte einen merkwürdigen Knoten, der für den nötigen Halt sorgte.
„So…“
Zufrieden betrachtete er sein Werk und nickte. Dann machte er eine auffordernde Geste und sie setzten ihren Weg fort.
„Danke, Narbenschwanz!“, sagte Jochen, der sich ein wenig komisch vorkam, mit einem Seil um den Bauch. Es war nicht unangenehm, aber fremd und doch irgendwie vertraut. Lisa schien das gleiche zu empfinden und nach ein paar Momenten wusste sie auch, warum: Es erinnerte sie an das Gefühl, gefesselt zu sein.
„Nicht der Rede wert. Doch nun kein Wort mehr… wir sind fast da.“
Er deutete mit dem Finger geradeaus, wo sich eine große Wasserfläche befand, bei der es sich, wie Lisa ahnte, um die Topalbucht handeln musste. Als sie zwischen den Bäumen hervortraten und auf das Ufer zusteuerten, konnten die beiden Geflüsterten nicht verhehlen, dass sie ein kleines bisschen Angst verspürten. Immerhin waren sie im Begriff etwas zu tun, was bisher nur Vicente gelungen war… und der hatte daraufhin sein weiteres Dasein als Vampir fristen müssen.
Der kiesige Strand, an dem sie entlang wanderten, war mit Schilfgras bewachsen und auch hier tummelten sich einige Schlammkrabben, die begrüßend mit den Scheren klickten, als sie vorbeigingen. Zwei von ihnen wollten ihnen sogar folgen, doch Narbenschwanz sorgte mit ein paar Zischlauten dafür, dass sie stehen blieben.
Sie steuerten auf ein Schiffswrack zu, das direkt vom Wasser ins Ufer hineinragte und reichlich alt und zerfressen aussah. Es musste schon lange dort gelegen haben, denn viele Seepocken hatten sich an dem Holz angesiedelt und Algenschleier wuchsen daraus bis zur Wasseroberfläche empor. Der Argonier zitterte bei dem Anblick, ging aber tapfer weiter, auch, wenn ihm die Furcht ins Gesicht geschrieben stand.
„Also“, wisperte er, als sie alle davorstanden. „Ich werde dort zwischen den Bäumen auf euch warten. Sobald aber die Sonne untergeht, muss ich verschwinden. Ich würde sonst riskieren, von ihnen entdeckt und gebissen zu werden und das würde zu meiner Verbannung führen. Bitte versteht, dass ich das nicht möchte!“
„Klar verstehen wir das“, wisperte Jochen zurück und holte eines der rosa Fläschchen hervor, damit er gleich unter Wasser atmen konnte.
„Warte, Jochen! Das ist das Falsche“, flüsterte die Schattenschuppe alarmiert und deutete auf die Ausbuchtung unter Jochens Kleidung, wo sich ein zweites Gefäß befand. Der Geflüsterte holte auch dieses hervor und hielt beide Fläschchen nebeneinander.
„Wie kannst du das nur unterscheiden?!“, fragte er fassungslos und schüttelte verständnislos den Kopf. „Die sehen doch total gleich aus!“
Narbenschwanz zuckte nur die Achseln und sah sich ängstlich um, ob auch niemand sie beobachtete.
„Was soll’s!“
Jochen steckte den anderen Trank weg und leerte den Inhalt der richtigen Flasche in einem Zug. Lisa tat es ihm gleich und sie winkten dem Assassinen zum Abschied zu, der ihre Geste verhalten erwiderte. Dann stiegen sie mit gleichmäßigen Schritten in die Fluten und tauchten nach einem letzten instinktiven Luftholen unter.
Kaltes Wasser umgab sie und berührte ihr Gesicht, als sie sich am Schiff entlang tasteten und nach dem Eingang zu dem Hauptquartier suchten. Probehalber versuchten sie, Wasser anstatt Luft einzuatmen und zu ihrer Begeisterung klappte dies tadellos. Mit kräftigen Schwimmzügen bewegten sie sich langsam, aber stetig voran und beide waren froh darüber, nicht alleine zu sein. Die Gegenwart des jeweils anderen war beruhigend und ließ sie Mut fassen, es war wie eine Bestätigung, auch, wenn sie nicht genau sagen konnten, wofür.
Lisa schwamm voran und tauchte noch tiefer in das Wasser hinab, weil ihr weiter unten, am Bauch des Schiffes, eine merkwürdig kantige Form aufgefallen war. Kurze Zeit später stellte sich diese Form als Loch heraus, durch welches sie sich mit einiger Mühe und Neugier hindurchzwängten und sich in das innere des ehemaligen Kahns  begaben. Ein merkwürdig gelber Fisch schwamm an ihnen vorbei, der nicht unerhebliche Ähnlichkeit mit einem Hecht besaß und sie hasserfüllt anblickte. Erschrocken wichen sie ihm aus und sahen, wie er durch das Loch verschwand. Dann blickten sie nach vorne, in die Richtung, aus der der Fisch gekommen war und ein merkwürdiges Blinken zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Als sie näher heran schwammen, erkannten sie einen metallenen Türknauf, an dessen Unterseite sich einige Herzmuscheln angesiedelt hatten und ihr Gehäuse auf und zu klappten, als Lisa nach der Klinke griff. Sie zog kräftig daran, doch die Tür ruckelte bloß und erst, als die Geflüsterte ihren Fuß gegen das Holz stemmte, löste sich das Schloss, sodass sie ihren Weg fortsetzen konnten. Jochen tickte sie an und gab ihr ein Zeichen, dass es jetzt an der Zeit war, die Unsichtbarkeitsringe anzulegen. Sie nickte, damit er sah, dass sie ihn verstanden hatte und gleichzeitig nahmen sie ihre Halsketten ab und wurden unsichtbar. Jochen verspürte ein Ziehen am Seil und folgte Lisa, die weiterhin voran schwamm. Sie nahm seine Hand und zum selben Zeitpunkt stießen sie sich vom Holz an und strampelten nach oben. Einige weitere Exemplare der gelbfarbenen Fischart schwammen ihnen aus dem Weg und bewegten sich in hektischen Zickzackzügen hin und her. Viele Korallen und Tangarten wuchsen aus dem zersetzten Rumpf des Schiffes und auch hier gab es Schlammkrabben, die eifrig die Algen von den Wänden abknabberten.
Nach einer kleinen Ewigkeit, in der sie Hand in Hand und ohne sich einander sehen zu können, aufgetaucht waren, hatten sie endlich die Wasseroberfläche erreicht und stiegen tropfend aus dem kalten Nass. Zu ihrer Erleichterung hatten ihre eingehüllten Rüstungen sich kaum mit Wasser vollgesogen, was zwar rätselhaft war, aber mutmaßlich daran lag, dass der Stoff verzaubert worden war.  Wachsam sahen sie sich um und fanden sich in einer kleinen Höhle wieder, die von einigen Fackeln erhellt wurde. Graues Gestein bildete die Wände und mehrere, natürlich gewachsene Säulen stützten die Decke ab. Sie mussten unter der Erde sein. Fragte sich nur noch, warum man nicht einfach eine Geheimtür oder sonst etwas gebaut, sondern sich den Umstand mit dem Schiff gemacht hatte…
 Lisa drückte Jochens Hand und zog ihn hinter sich her, was wohl bedeutete, dass sie vorangehen wollte. Jochen war dies eigentlich nicht recht, allerdings kam er sehr schnell zu dem Schluss, dass es an einem Ort wie diesen bestenfalls sinnfrei gewesen wäre, über solch eine Kleinigkeit zu diskutieren.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:23
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Die Höhle verjüngte sich, je weiter sie diese durchquerten und bald waren sie in einem Tunnel, dessen Wände langsam, aber stetig in rotes Gemäuer übergingen. Ihre Schritte verursachten ein leises, aber verräterisches Echo und sie spannten ihre Beinmuskeln an, um sich schleichend fortzubewegen. Der Tunnel endete jäh und sie betraten eine Eingangshalle, die aus einem großen, hohen Raum bestand. Auch hier war das graubraune Gestein wiederzufinden, dass mit einem feuchten Dunstschleier überzogen war. Ein großer Baum stand in der Mitte der Halle, dessen Blätter nahezu die Decke berührten und dessen Wurzeln den gesamten Fußboden überzogen. Um ihn herum wuchsen merkwürdige Pflanzen, die anscheinend nur im Dunkel gediehen, jedenfalls verriet der Fackelschein, dass sie sehr große, dünne Blätter hatten und nicht besonders farbenfroh waren. Ein steinerner kreisrunder Rand war um diesen winzigen Garten angelegt worden und ein dünnes Wasserrinnsal floss stetig durch einen kleinen, im Boden eingelassenen Kanal und versorgte die Pflanzen mit Feuchtigkeit. Staunend gingen sie daran vorbei und entdeckten auf der gegenüberliegenden Seite eine weitere Tür, an der ein Messingschild festgeschraubt sah. ‚Halle’ war darauf zu lesen und gerade, als Lisa die Klinke ergreifen wollte, wurde diese von der anderen Seite heruntergedrückt und zwei Vampire standen vor ihnen. Schnell und leise sprangen sie zur Seite, damit die Bewohner dieses Ortes nicht in sie hineinlaufen konnten und hielten die Luft an, damit man sie nicht hörte.
„Ich verstehe den Meisterr nicht!“, sagte der eine von ihnen und wischte sich über den Mund. Er hatte genauso ausgeblichene Gesichtszüge wie Vicente selbst und lange, schwarze Haare, die bis zu seinen Knien herunterhingen. Seine Augen waren quittengelb und er rollte das ‚r’ in jedem Wort, das er sprach. „Err hatte mich angewiesen, die Gefangenen voneinanderr zu trrennen, damit jederr von uns seine eigene Blutquelle hat. Und jetzt ist sein eigenerr gestorrben und er gibt mir die Schuld dafürr! Das ist ungerrecht!“
„Mach dir nichts draus“, antwortete die tiefe, weibliche Stimme des anderen Blutsaugers, bei dem es sich um eine ehemalige Ork handeln musste, die dem langhaarigen Vampir tröstend die Schulter tätschelte. „Meister Hindaril war noch nie besonders nachsichtig, zu keinem von uns. Wenn du mich fragst, wird er seine Position eh nicht lange halten können, wenn wir die Bruderschaft ausgelöscht haben.“
„Meinst du?“
Die Stimme des Langhaarigen war heller, irgendwie melodischer. Er hatte etwas Bezauberndes, trotz seines gruseligen Äußeren.
„Allerdings“, versetzte die Orkfrau naserümpfend und krempelte sich die Ärmel hoch. Sie trug ein rotes Oberteil und schwarze Hosen, während ihre Füße in braunfarbene Stiefel gehüllt waren. Der andere Vampir trug eine helle Robe und von seinen Schultern hing ein weißer Umhang, der stets etwas flatterte, wenn er sich bewegte.
„Hindaril hat einfach zu lang über uns geherrscht. Ich habe von den anderen gehört, dass ‚Die Fünf’…“, sie sagte die Zahl so, dass eine tiefere Bedeutung dahinter stecken musste, „planen, ihn zu stürzen, sobald sie einen Weg durch den Schrein gefunden haben. Keine Ahnung, wie viel man auf diese Gerüchte geben kann, aber es steht fest, dass sich unser sogenannter Meister in letzter Zeit einfach zuviel erlaubt hat. Er geht unnötige Risiken ein. So kann das nicht weiter gehen.“
Es folgte eine kurze Pause, dann sagte der Langhaarige: „Agrronak grro-Malok sagte, dass sein Vaterr ein Auge auf den Herrrscherposten geworrfen hatte. Wenn wirr nicht aufpassen, dann wirrd die gesamte Strrukturr unsererr Orrganisation umgeworrfen und wirr enden in einerr Monarrchie…!“
Jochen hätte gerne noch mehr gehört, vor allem deswegen, weil er die ganze Zeit über an Graf Zahl hatte denken müssen, als sie das Gespräch belauscht hatten, doch Lisa zog ihn weiter und er erinnerte sich daran, warum sie eigentlich hier waren. Vorsichtig folgte er ihr und schlüpfte durch die offene Tür hindurch, sodass die Stimmen der zwei Vampire allmählich leiser wurden. Offenbar hatte Narbenschwanz mit seiner Vermutung, dass um diese Zeit alle Bewohner der Zuflucht schlafen würden, falsch gelegen. Sie betraten die Halle, die im Gegensatz zum Garten lächerlich klein wirkte und aus einem quadratischen Zimmer bestand, von dem links und geradeaus zwei Gänge abzweigten. Der linke Gang schien in einem Wohnraum zu führen, sie konnten das Kopfende eines Bettes entdecken, im dem tatsächlich eine Person lag, deshalb wandten sie sich nach vorne und überquerten die großen, braunen Steinfliesen, mit denen der Boden ausgelegt war. Lisa sah sich um und riskierte, ein paar Worte zu sprechen.
„So weit, so gut“, flüstere sie und drückte Jochens Hand fester. „Willst du vorgehen?“
Jochen nickte, dann aber fiel ihm ein, dass sie ihn ja nicht sehen konnte und hauchte: „Ja.“
Er zog sie mit sich und durchschritt den vor ihnen liegenden Gang, der, nach einem zweiten Messingschild zufolge, in die Bastion führte. Eine weitere Abzweigung, die nach links führte, jedoch unbeschriftet war, blieb von ihnen unbeachtet. Sie öffneten die am Ende des Ganges liegende Tür, an der das Schild „Schrein“ stand, einen Spalt breit und Jochen lugte vorsichtig hindurch. Was er dort sah, ließ ihm das Blut in den Adern stocken.
Stolpernd wich er zurück und konnte gerade noch ein Aufkeuchen verhindern. Lisa tastete besorgt nach ihm, als sie das Ziehen an der Liane spürte und umfasste beruhigend seine Schultern. Jochen schluckte und wollte sich einen Moment lang von ihr losmachen, dann aber empfand er die Berührung als angenehm und ließ sie gewähren. Ein kleiner Seufzer entwich seinem Mund, dann drehte er sich um und zog Lisa am Arm, damit auch sie sah, was er gesehen hatte. Mit gemischten Gefühlen spähte sie durch den Türspalt und merkte wie sich ihre Nackenhaare vor Anspannung aufstellten. Zuerst sah sie nur helles Licht, dann aber erblickte sie dutzende von Personen, die sich aus der Wand herauszuwinden schienen. Sie unterdrückte einen Schrei und stierte ungläubig auf die vielen Gestalten, die bewegungslos und mit grotesk verzogenen Gliedmaßen erstarrt waren. Sie waren selbst ein Teil der Wand, es sah so aus, als wären sie darin eingeschlossen worden und hätten einen fatalen Versuch unternommen, sich aus diesem Gefängnis zu befreien. Bis zum Oberkörper hatten sie sich hervorgekämpft, dann aber machte es den Eindruck, als wenn irgendetwas sie zurückgehalten hatte. Soweit man erkennen konnte, waren es ausschließlich männliche Gestalten, keine von ihnen hatte eine hervorstehende Brust und sonstige Anzeichen, die auf Weiblichkeit hingedeutet hätten.
„Heilige Scheiße…!“, rief Lisa aus und in diesem Moment war es ihr egal, ob man sie hörte oder nicht.
„Sch…“, machte Jochen streng. Es folgte eine kleine Pause, dann meinte er: „Ich glaub nicht, dass sie sich bewegen können.“
Als Lisa nichts sagte, rüttelte er an ihr und sie klopfte ihm zustimmend auf die Schulter. Routiniert sah sie sich vorher noch einmal um, um sicherzustellen, dass ihnen auch niemand folgte, dann öffnete sie schluckend die Tür etwas weiter und ließ erneut Jochen den Vortritt. Sorgsam darauf achtend, den wächsern wirkenden Figuren nicht zu nahe zu kommen, stiegen sie eine Wendeltreppe hinab, die nach unten in den Raum hineinführte. Es war schwieriger, als erwartet, da sie sich selbst nicht sehen und somit auch nicht kontrollieren konnten, wo exakt sie ihre Füße hinsetzten. Ein dunkles Raunen erfüllte den Schrein und es fühlte sich an, als habe jemand ihre Anwesenheit bemerkt. Ertappt schlichen sie weiter und wurden mit jedem Schritt, den sie gingen, nervöser. Jochen meinte nach einer Weile, einzelne Worte in einer fremden Sprache herauszuhören, Silben, die keinen Sinn für ihn ergaben, aber dennoch da waren. Es klang ein wenig wie ‚Morag Tong’, doch er war sich nicht sicher. Dann kam unerwartet ein tiefes Brummen hinzu, welches einem Chorgesang ähnelte und beunruhigt sahen sie sich nach Menschen um, die zu diesen Stimmen gehörten. Als sie niemanden entdeckten, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit automatisch auf die Gesichter der erstarrten Menschen, die plötzlich mit offenen Mündern aus den Wänden ragten und ein gespenstisches Lied sangen. Gelähmt vor Angst blieben sie stehen und waren unfähig, sich zu rühren, nur ihre Hände griffen instinktiv nacheinander und umfassten sich panisch.
„Schnell weg hier!“
Lisa wollte wegrennen, doch Jochen hielt sie gewaltsam fest und zog sie zu sich zurück.
„Wir brauchen das Buch!“, wisperte er und sah dorthin, wo er ihre Augen vermutete. „Wir brauchen es unter allen Umständen!“
„Was?!“, zischte sie hektisch und war einen Moment lang versucht, sich loszureißen. „Was nützt es uns, wenn wir tot sind?! Es regelt sich nicht alles von alleine, Jochen! Du hast dich geirrt!“
„Hab ich nicht!“
„Doch, hast du!“
„NEIN!“
Er hatte es laut gesagt, um sie zum Schweigen zu bringen, da sie ihn mit ihrer Angst ansteckte. Sie verstummte und ihre Furcht wurde noch größer, als sie sah, wie die Augen der Gefangenen gelb aufleuchteten und die Fingerspitzen zu zucken begannen.
„Verdammt!“
Mit einer unvermittelten Entschlossenheit, von der sie nicht sagen konnte, wo sie herstammte, ging Lisa weiter die Treppe hinunter und zog Jochen hinter sich her. Sie wollte keinen Augenblick länger als nötig in diesem Raum mehr verbringen, vor allem nicht, wenn sie damit rechnen musste, jederzeit von den Gefangenen des Gemäuers angegriffen zu werden.
Die Treppe hinunterstolpernd bogen sie um die Ecke und erstarrten erneut, als sie sich einer riesigen Statue gegenüber sahen, die einem gigantischen Menschen glich. Die Figur, die sie darstellen sollte, war in eine lange Robe gehüllt, die – abgemildert gesagt - nachtschwarz aussah und genau wie das monumentale Bildnis bis an die Decke reichte und mindestens zehn Meter hoch vor ihnen aufragte. Nur die knöchernen Hände und ein Totenschädel als Gesicht waren unverhüllt und die Hände umschlossen etwas, das aussah, wie eine menschliche Wirbelsäule, die von einer goldenen Kralle herausgezogen war.
Sithis.
Nun begriffen sie, warum Vicente gesagt hatte, dass sie den Namen dieses Ortes verstehen würden, wenn sie erst einmal dort waren. Dieses Denkmal war die Essenz des Hohns, wenn man es mit den Hallen der Dunklen Bruderschaft in Cheydinhal verglich, nicht einmal ansatzweise gab es etwas Vergleichbares dort, das es hiermit hätte aufnehmen können.
Jochen klapperte mit den Zähnen bei diesem Anblick und nun bemerkte auch er die glühenden Augen. Panisch umfasste er den Glücksbringer in seiner Hosentasche und spürte die Wärme, die von ihm ausging. In diesem Moment kam in ihm dieselbe Entschlossenheit hoch, wie die, die Lisa verspürt hatte und er ging auf die Statue zu, mit klopfenden Herzen und dem Gefühl, seinem eigenen Tod entgegenzublicken.
„Das ist das Verrückteste, was wir je gemacht haben!“, flüsterte er aufgeregt und wanderte eine Treppenstufe nach der anderen herab. Die blassen Figuren bewegten langsam ihre Finger und der Sprechgesang schwoll an. Dicht aneinander gedrängt, um bloß keine der unheimlichen Gestalten zu berühren setzten sie ihren Weg fort und merkten, wie ihre Herzen rhythmisch im Takt der Musik schlugen. Das helle Glühen der aufleuchtenden Augen wurde stärker.
Plötzlich bewegte sich etwas am Fuß des Monuments und sie stoppten abrupt, da sie sich nicht sicher waren, um was es sich handelte. Wenig später stellte es sich als Vampir heraus, der einige fremdartige Laute murmelte und sich langsam, aber elegant aus seiner knienden Position erhob.
Das Brummen endete jäh und ein Klatschen ertönte, das von den Händen des Vampirs verursacht wurde. Betont lässig drehte er sich zu ihnen um und grinste höhnisch, als er ihrem Blick begegnete. Seine Haare waren silberweiß und mindestens so lang, wie die des Vampirs, dem sie in der Eingangshalle begegnet waren. Seine Kleidung bestand aus einer Rüstung, die ähnlich der ihren war, doch er trug keine eingehüllte Kapuze, wodurch seine Frisur sehr gut zur Geltung kam. Er ging schweigend die Treppenstufen zu ihnen herauf, wobei sein Haar sich wallte und hielt dabei etwas in der Hand, das in ein dunkles Stofftuch eingewickelt war.
„Willkommen“, flüsterte er, als er vor ihnen stand und sie seinen Atem auf ihren Gesichtern spürten. „Willkommen in der Tiefenhohnspalte. Ich heiße Hindaril, doch ich denke, das wisst ihr bereits…“
Sein Gesicht veränderte sich seltsam und die langen raubtierhaften Zähne kamen zum Vorschein.
„Meine Untergebenen reden immer zuviel, wisst ihr? Aber sie wissen nicht, dass ich sie hier unten hören kann. Sie wissen nichts von dem, was ich wirklich vorhabe…“
Der Stoff rutsche ein wenig zur Seite und ein Buchrücken kam zum Vorschein, der einen auffälligen Schädel aufgemalt hatte. Auffällig…
„Sein Tagebuch!“, wurde es Lisa schlagartig klar und einen Moment lang wollte sie danach greifen. Dann allerdings überlegte sie es sich anders und räusperte sich einige Male.
„Warum kannst du uns sehen?“, fragte sie verstört und zwang sich dazu, keinen Schritt zurückzuweichen.
„Oh… nun, es wundert mich nicht, dass die Geflüsterten der Dunklen Bruderschaft nicht wissen, welche Fähigkeiten ihre Feinde besitzen. Vielleicht wird Vicente euch darüber Auskunft geben können. Nun ja, er könnte, wenn ihr zwei hier drin nicht sterben würdet.“
Er sagte es ganz ruhig und gelassen, so, als handele es sich dabei um ein simples Naturgesetz, das nun bei einer normalen Konversation zum Thema geworden war und feixte gemein. Jochen fuhr ein Schauer über den Rücken und ihm stockte der Atem, als er dem Vampir in die Augen blickte. Es war, als blicke man in die Pupillen einer Eule, die sich jeden Moment auf das unschuldige weiße Kaninchen stürzen und es zerrupfen konnte. Er wollte etwas sagen, doch er brachte kein Wort heraus. Ein endloser Augenblick der Stille entstand, der immer unangenehmer wurde, je länger er andauerte.
„Na, so was!“, brüllte Lisa unvermittelt und griff mit einer schnellen Bewegung nach dem Stoffbündel, welches sich Hindaril überraschend leicht entreißen ließ. Es war unerwartet schwer und sie musste die gesamte Kraft ihrer Arme einsetzen, damit es ihr nicht herunterfiel. Zeitgleich trat sie ihm mit dem rechten Fuß dermaßen kräftig zwischen die Beine, dass er augenblicklich in sich zusammensank und schmerzerfüllt stöhnte. Seine Augen traten hervor, dann wurden sie plötzlich weiß – noch weißer als vorher - und leer, nichts mehr regte sich in dem ausgemergelten Gesicht. Allein sein Mund zuckte kläglich hin und her und er murmelte etwas, dass die Geflüsterten nicht verstehen konnten. Dann sackte er zur Seite und rollte langsam und leblos die Treppenstufen hinunter, bis sein Körper am Fuße des Schreins angekommen war und Hindaril reglos liegen blieb. Ein paar verdächtige Blutspuren waren an den Stufen kleben geblieben.
„Ich glaube, du hast ihm die Eier zermanscht…!“, murmelte Jochen respektvoll und fand seine Stimme brüchig wieder. Er hustete laut und schaute zu den Gestalten hoch, die nun genauso still standen, wie sie es am Anfang getan hatten, als er und Lisa den Schrein betreten hatten.
„Möglich…“, murmelte sie achselzuckend zurück und schniefte laut.
„War’s das jetzt?“, fragte Jochen ungläubig und blickte auf den vor Schmerz gelähmten Körper des Vampirfürsten. „Ich meine… du hast ihm einfach in die Eier getreten! Das ist witzlos!“
Lisa lächelte kurz, dann sagte sie: „Ich fand’s lustig!“
Jochen musste auch lächeln, dann sah er sich unsicher um.
„Wollen wir gehen?“, fragte er zögernd und wedelte probehalber einer der Figuren mit seiner Hand vorm Gesicht rum. Nichts rührte sich. „Wir müssen doch noch dieses dusselige Buch suchen.“
„Nein“, sagte Lisa kopfschüttelnd und schlug den Stoff des Bündels zurück. „Das haben wir schon.“
Ein schwarzer Buchdeckel kam zum Vorschein, auf dem das aus purem Gold gefertigte Gesicht eines Totenschädels prangte. Aus den Augenhöhlen ragten blutrote Rubine hervor und ein silbernes Schloss befand sich in der Mitte des Gebisses, welches natürlich mit Raubtierfängen versehen war. Zwei goldene Scharniere verhinderten, dass sich das Buch öffnen ließ.
Erstaunt sahen sie sich dieses Wunderwerk von Buch an und versuchten, es aufzukriegen. Als ihnen dies nicht gelang, überwand sich Lisa nach einem Moment des Zauderns und ging die Treppenstufen hinunter, um Hindaril nach einem Schlüssel zu durchsuchen.
„Sei vorsichtig!“, warnte Jochen sie und folgte ihr dicht auf den Fersen. Zögernd stieß sie unten angekommen den Körper des Vampirs mit den Fuß an und als dieser sich noch immer nicht bewegte, befühlte sie, nachdem sie die Haare zur Seite geschoben hatte, den Hals nach einer Kette. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Bild im Kopf, dass er den Schlüssel dort tragen konnte. Wie sich einen Moment später herausstellen sollte, hatte sie mit ihrer Eingebung recht. Sie zog den Leidensdorn aus seiner Halterung und schnitt das dünne Lederband, dass um den Nacken gebunden war, damit durch und steckte die Waffe achtsam in ihre Scheide zurück. Danach zog sie die Kette weg und hielt kurz darauf einen silbernen Schlüssel in der Hand, auf dem seltsamer Weise eine kleine ‚100’ eingeprägt war.  Ohne weiter auf Hindaril zu achten, steckte sie ihn in das kleine Schloss und drehte ihn herum, woraufhin die Scharniere klickten und aufsprangen.
„Heureka!“, rief Lisa aus und betrachtete den roten Einband, auf dem merkwürdige weiße Schriftzeichen zu sehen waren:
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:23
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KAPITEL ACHT
DER ALMANACH DER UNTOTEN

„Was sind das für Buchstaben?“, fragte Jochen ratlos und fuhr mit dem Finger über die erste Seite. Er wollte einen der Lettern berühren, doch da er seinen Finger nicht sehen konnte, ließ er es bleiben und grinste einen Moment lang über sich selbst.
„Keine Ahnung“, antwortete Lisa und blätterte um, doch auf jeder der Seiten, die blutrot und mit weißen Symbolen gedruckt waren, befand sich nicht ein Wort in lateinischen Buchstaben, geschweige denn in einer Sprache, die sie verstanden hätten.
„Hm… meinst du, Telaendril kann sie lesen?“
„Das hoffe ich doch. Zumindest wissen wir jetzt, warum Vicente meinte, dass es auffällig sei.“
Jochen kicherte.
„Stimmt. ‚Ihr werdet es erkennen!’“
Mit verstellter Stimme machte er Vicente nach und sie lachten leise.
„Lass uns zusehen, dass wir hier irgendwie verschwinden. Ich glaube nicht, dass es leicht wird, ein schwebendes Buch unauffällig zwischen all den Vampiren hier durchzuschmuggeln.“
Lisa klappte den Buchdeckel zu und ließ das Schloss wieder einschnappen. Dann nahm sie den Schlüssel vom Lederband und steckte ihn unter ihre Kleidung, damit er nicht verloren ging und seufzte leise.
„Soll ich das Buch tragen?“, fragte Jochen fürsorglich und sie bejahte dankbar, da der Wälzer alles andere als leicht war. Schwankend übergab sie es ihm und auch er holte überrascht Luft, als er merkte, wie viel es wog. Mit langsamen Schritten folgte er Lisa, die nun wieder voranging und den Weg ausspähte, die Treppenstufen hinauf, als ein leises Stöhnen sie herumfahren ließ.
„Ihr… ihr zwei geht nirgendwo hin…!“, ächzte Hindaril und sah zu ihnen auf. Er erhob sich langsam mit mühsamen Bewegungen und hielt sich schützend die Hände vor die verletzte Stelle. „Ihr werdet hier drin sterben und niemand wird dies verhindern können!“
Er flüsterte einige seltsame Laute und ein dunkelgrüner Nebel tauchte plötzlich um ihn herum auf und umgab ihn wie eine schützende Wolke.
„Ich werde euch aussaugen bis auf den letzten Tropfen…! Ihr könnt von hier aus nicht entkommen! Nicht aus der Tiefenhohnspalte!“
Er grinste siegessicher und die Wolke begann, sich zu verdichten, bis sie schließlich die Farbe wechselte und von grün in schwarz überging. Es waberte und loderte, als ein ekelhafter Schwefelgestank den Schrein erfüllte. An verschiedenen Stellen wurde der Nebel besonders dunkel und dann sah es aus, als würden sich einzelne Formen daraus abspalten und vom gasförmigen in den festen Zustand verändern. Jochen und Lisa gingen vorsichtshalber einige Schritte zurück, waren jedoch zu sehr von dem sich ihnen bietenden Anblick gebannt, als dass sie fähig gewesen wären, die Halle der Statue endgültig zu verlassen. Als die Dunkle Wolke ihre endgültige Form erreicht zu haben schien, stand vor ihnen die schrecklichste und Furcht erregendste Kreatur, die sie je in ihrem Leben gesehen hatten. Sogar der Landdreugh wirkte lächerlich gegen das, was sie nun erblickten! Das Wesen, das sich vor ihnen aufrichtete und seine Glieder streckte, sah aus, wie eine blasse, kreidebleiche Frau, deren Oberkörper auf den Bauch einer gigantischen, schwarz-roten Spinne gepflanzt worden war. Sie hatte lange, weiße Haare und eine nicht zu verachtende Oberweite, die von einer merkwürdig schwarzen Haut bedeckt wurde. Acht Beine ragten aus dem Rumpf heraus, jedes so dick wie ein Heizungsrohr und an jedem Ende spitz zulaufend. Das Hinterteil des Geschöpfes war riesig und weder Lisa noch Jochen hätte es gewundert, wenn dort weiße Fäden herausgekommen wären. Wie am Spieß begannen die beiden zu schreien, sodass von der Decke des Raumes einige Staubkörnchen zu ihnen herunterfielen.
„Ja, schreit!“, rief Hindaril triumphierend und deutete mit dem Finger auf sie. „Schreit laut und soviel ihr wollt. Hier, in der Tiefenhohnspalte gibt es nichts, was euch retten kann! Attacke, Spinnendaedra!“
Der Spinnendaedra – sofern dies wirklich der Name der Kreatur war – sah sich ratlos um und machte einige garstige Geräusche, was Jochen veranlasste, noch lauter zu schreien. Lisa schrie ebenfalls weiterhin, begriff allerdings einen Augenblick später, dass die Spinnenfrau sie nicht sehen und deswegen nicht angreifen konnte. Ein paar kleinere Steinchen lösten sich und prasselten den in den Wänden gefangenen Menschen auf die Köpfe.
„Jochen, sei leise! Es kann uns nicht sehen! Aber wenn du weiter brüllst, wird es uns hören!“
Jochen ließ sich durch ihre Worte allerdings nicht sehr beeindrucken, sondern lärmte weiter munter vor sich hin und stolperte rückwärts die Treppe hinauf, wodurch Lisa ebenfalls mitgezogen wurde. Das Wesen ging ihnen zögernd nach, das Dröhnen aus Jochens Kehlkopf schien es zu verwirren.
„Worauf wartest du, Daedrabrut?! Töte sie! Töte sie beide!“
Hindaril bemerkte nun auch, dass etwas mit seiner wie auch immer herbeigerufenen Bestie nicht stimmte. Verärgert verzog er die Augenbrauen und schubste sie von hinten an. Daraufhin zischte das grotesk wirkende Tier noch lauter, als vorher und hob bedrohlich die Arme, worauf sich erneut dunkler Nebel bildete. Kurz danach erschien ein kleineres Abbild der Spinnenfrau, welches mit einem hellen Knurren hundegleich durch die Gegend sprang und auf Hindaril zueilte. Es machte merkwürdige Gestikulationen – Jochen schrie noch immer, was beachtlich war, da er zwischendurch keine Luft geholt hatte – worauf ein heller Strahl aus den Fingerspitzen des kleinen Spinnenmenschen fuhr, der den Vampir exakt zwischen den Augen traf. Genau wie gerade eben, als ihm Lisa zwischen die Beine getreten hatte, sank der Anführer der Narben kraftlos zusammen und fiel stöhnend in Ohnmacht. Verblüffender Weise löste sich die Miniatur des Monsters sofort danach wieder auf und die Geflüsterten waren mit dem eigentlichen achtbeinigen Problem plötzlich alleine. Lisa versuchte, Jochens Kopf zu ertasten und ihm den Mund zuzuhalten, doch dafür war es zu spät, da die Spinnenfrau das von ihm festgehaltene und somit scheinbar schwebende Buch endlich entdeckt hatte. Mit langsamen Schritten ging sie darauf zu, da es ihre augenscheinliche Angst bereitete, sich in der Luft hin und her schaukelnden Wälzern zu nähern.
„Jochen, jetzt hör gefälligst auf, zu brüllen!“, rief Lisa laut und möglichst dominant, doch durch ihre Stimme wurde die Lautstärke nur gesteigert. Ein Echo entstand, das zwischen den Wänden hin und her geworfen wurde und verzerrte Wortfetzen an ihre Ohren dringen ließ. Das hässliche Geschöpf verzog wütend den Mund und fuchtelte mit den Händen herum. Jochen hörte für einen Moment auf, zu schreien, damit er endlich einatmen konnte, danach führte er die Prozedur weiter. Ein Gesteinsbrocken löste sich von der Decke und krachte auf den Hinterleib des Spinnenkörpers. Empört kreischte die Kreatur auf und wurde einen Augenblick später am Schädel von einem zu Boden fallenden Stalaktiten getroffen. Sofort danach war der menschliche Kopf zerschmettert und die Spitze bohrte sich tief durch die Knochen. Weitere Steine lösten sich und der so entstandene Widerhall sorgte dafür, dass noch mehr Lärm erzeugt und noch mehr Felsen von oben nach unten fielen. Jochen, der sich von seiner Spinnenphobie noch immer nicht ganz erholt hatte, aber nun soweit klar denken konnte, als das er erkannte, dass er und Lisa sich in großer Gefahr befanden, ertastete geistesgegenwärtig ihre Hand und eilte mit ihr die restlichen Stufen hinauf. Dabei hielt er weiterhin das Buch fest umklammert und keuchte dabei wie ein Leistungssportler.
„Wir müssen raus hier!“, rief er panisch und merkte, wie ihm der Hals wehtat. Nachdem er Lisa ein paar Schritte gezogen hatte, lief sie von selber wieder mit und sie trugen das Buch zu zweit nach oben. Jochen wusste nur nicht, wie sie mit dem schweren Ding tauchen und es durch das Wasser ans Ufer transportieren sollten. Die Tür, die zum Schrein führte flog krachend auf, als sie sie dagegen stießen, da sie sich beeilen mussten: Hinter ihnen krachten immer mehr Steine von der Decke und auch die Gefangenen der Mauer wurden von ihnen nicht verschont. Bei einigen waren bereits Köpfe und Arme abgebrochen, andere waren vollkommen zerstört und nicht einmal der Rumpf steckte mehr in der Wand fest. Die Treppenstufe genau hinter ihnen zerbarst plötzlich, als ein besonders großer Stalaktit in sie hineindonnerte. Sie durchquerten die Bastion und sahen sich unvermittelt dutzenden von Vampiren gegenüber, die alle panisch in den Seitengang drängten, der zuvor von Jochen und Lisa missachtet worden war. Auch hier in der Bastion hatte das Echo seine Auswirkungen gehabt und viele der Möbel, an denen sie noch vor wenigen Minuten vorbei gegangen waren, waren entweder umgeworfen oder von herab gefallenen Ziegeln und Gesteinsbrocken zerstört. Die Bewohner der Tiefenhohnspalte waren alle viel zu beschäftigt damit, zu fliehen, als dass ihnen ein schwebendes Buch aufgefallen wäre, denn auch im Gang lösten sich Felsen von der Höhle und forderten ihre Opfer. Mindestens fünf oder sechs der Narben lagen erschlagen auf dem Boden, mit durchbohrten Herzen oder deformierten Köpfen. Zudem war alles mit Wasser überflutet, irgendwo musste sich durch die herunterfallenden Gesteinsbrocken ein Loch gebildet haben, wodurch salzige Fluten in das Refugium dringen konnten.
„Was machen wir jetzt?“, flüsterte Jochen ratlos und bekam auf einmal Angst, dass die Wirkung ihrer Unsichtbarkeitsringe nachlassen könnte.
„Wir folgen ihnen einfach“, flüsterte Lisa zurück und wartete ab, bis die letzten Vampire sich in dem Gang befanden. „Sie wollen nach draußen und werden uns den kürzesten Weg dorthin  zeigen.“
„Ist gut!“
Langsam setzten sie sich durch das Wasser watend in Bewegung und folgten dem letzten Vampir, der in den Gang eilte, bei dem es sich erneut um den schwarzen, Langhaarigen halten musste. Wieder hatten sie Treppenstufen hinaufzusteigen, die allerdings nun mit einigen Hindernissen versehen waren und es deshalb sehr viel länger dauerte, sie zu überwinden. Aufgeregte Rufe hallten zwischen den Wänden wieder und immer größer wurde das Risiko, von einem der Steinbrocken getroffen zu werden. Auch hier lagen inzwischen einige Tote am Boden, deren Körper regelrecht zerschmettert worden waren. Tief durchatmend setzten die Geflüsterten ihren Weg fort und sahen, wie sich weit vor ihnen eine Tür öffnete, durch welche die Vampire nach draußen schlüpften.
„Ah…! Sonnenlicht!“
Aufschreiend vor Schmerz drängten die Narben, die in die Außenwelt gelangt waren, wieder zurück, doch gegen den Strom, der aus dem Hauptquartier in die andere Richtung arbeitete, konnten sie nicht ankämpfen. Als fast alle von ihnen es geschafft hatten, die Zuflucht zu verlassen, konnten auch endlich Lisa und Jochen diesen grauenhaften Ort verlassen, gerade, als hinter ihnen die gesamte Decke zusammenstürzte und Vampire, die sie inzwischen überholt und die sich hinter ihnen befunden hatten, mit einem gewaltigen Krachen unter den Steinen begraben wurden. Der Weg zurück war versperrt.

„Nein! Ah! Ich muss zurück!“

Kreischend stolperten die Überlebenden der Narben durch die Gegend und wälzten sich hysterisch auf dem Boden, so, als würden sie unsägliche Schmerzen erleiden.
Der Ausgang, durch den sie entkommen waren, war durch einen großen, hohlen Baumstamm getarnt, der mindestens zwanzig Meter hoch gewachsen war, bevor man ihn zu seiner jetzigen Funktion umgeformt hatte. Lisa und Jochen beobachteten von dort aus, was mit den Vampiren geschah und keuchten vor Schreck auf, als sie sahen, warum diese Wesen der Finsternis das Tageslicht um jeden Preis meiden mussten: Sie verbrannten!
Ihre gesamte Haut war plötzlich mit weißen, blauen und roten Flammen überzogen, die hungrig an ihnen leckten, wie gierige Zungen, die nach langer Zeit wieder fette Beute kosten durften. Es waren keine menschlichen Laute, die aus den Kehlen der Vampire drangen, eher klang es nach Motten, die mit einem letzten panischen Quietschen ins Feuer und somit auch in den Tod flogen.

„Sithis! Sithis!“

„Großer Vater, erhöre unsere Qualen!“

„Errette uns! Errette uns!“

„Aaaaaaaaaaaaaah!“

Die Schreie, die durch die Luft hallten, waren entweder Gebetsrufe, die um Gnade und Linderung flehten, oder Schreie des Leidens, die besonders dadurch bemerkenswert wurden, dass die Vampire sogar dann noch weiterbrüllten, als ihr Schädel und ihre Knochenhände bereits zum Vorschein gekommen waren und eindrucksvoll glühten, kurz, bevor die Narben endgültig ihr untotes Leben aushauchten. Auch das Langhaar sahen Lisa und Jochen wieder, welches die größte Feuerpracht von allen Artgenossen bildete. Er bot ein Bild gleich einer einzigen Teerflamme, die meterhoch in den Himmel schoss und dann schlagartig erlosch, weil nur noch ein Skelett übrig geblieben war.  
„Die sehen aus, wie Brathähnchen!“, flüsterte Lisa entgeistert und blickte auf die lodernden Gestalten, die einer nach der anderen zu Asche wurde. Jochen klammerte sich aufgelöst an dem Buch fest, er war viel zu verdattert, um etwas sagen zu können. Zudem drangen ihre Worte nur sehr langsam zu ihm durch.
„Wie Brathähnchen…“
Dann wurde es still um sie herum… totenstill. Eine merkwürdige Kälte umgab sie, obwohl die Sonne schien und blieb einen Moment lang auf ihnen haften, bevor sie wie von selbst wieder verflog. Mit Gänsehaut auf den Gliedern lauschten sie in die Geräuschlosigkeit hinein und genossen den Augenblick der Ruhe.
Plötzlich überkam Jochen der Drang, das Buch loszulassen und dafür Lisa zu umarmen, was er auch prompt tat (nachdem er sie ertastet hatte) und sie mit aller Kraft an sich zog. Sie erwiderte seine Umarmung stürmisch und sog intensiv seinen Geruch ein, auf den sie viel zu lange hatte verzichten müssen. Sie mussten nicht länger als Assassinen arbeiten, zumindest, was den heutigen Tag anbelangte und dafür waren sie unbeschreiblich dankbar. Die Erfahrung, die sie beide in der Tiefenhohnspalte gemacht hatten, hatte sie verändert – und sie viel enger zusammengeschweißt, als sie es sich jemals hätten vorstellen können. Mit zittrigen Fingern nahmen sie ihre Unsichtbarkeitsringe ab und hängten sie wieder um ihre Halsketten.
„Wir haben es geschafft“, krächzte Lisa mit trockenem Hals und spürte, wie ein jäher Durst in ihr aufstieg. „Wir haben tatsächlich das Buch bekommen!“
„Viel mehr, als das!“, sagte Jochen, der seine Stimme wiedergefunden hatte und nun erst erkannte, was ihr ‚Besuch’ bei den Feinden der Dunklen Bruderschaft tatsächlich bewirkt hatte. „Wir haben das Hauptquartier der Narben vernichtet! Und somit vermutlich die meisten ihrer Mitglieder...“
Ein Klicken hinter ihnen ertönte und als sie sich suchend umschauten, erblickten sie sieben oder acht Schlammkrabben, die neugierig näher gekommen waren und nun die zu Asche gewordenen Kadaver der Vampire untersuchten. Eine von ihnen schlug übermütig mit ihrer Schere in einen der weißen Pulverhaufen hinein, woraufhin eine helle Staubfontäne aufstob und die anderen Schlammkrabben mit den letzten Überresten der Narben bedeckte. Fröhlich sprangen die Krebse herum und warfen sich gegenseitig mit Asche ab, dabei zirpten sie heiter mit ihren hellen Stimmen und klickten mit ihren Scheren gegeneinander.
„Das ist makaber“, murmelte Jochen bitter und sah dem aufgeregten Treiben zu.  
„Stimmt“, sagte Lisa dumpf und sank in dem Baumstamm zu Boden. Sie seufzte schwer und schloss die Augen, es war schwer zu glauben, dass das alles gerade wirklich passiert war. Dann blickte sie wieder zu den Schlammkrabben hinüber und musste plötzlich lachen. Verwundert sah Jochen sie an und begriff nicht, doch nach einer Weile war ihr Lachen einfach ansteckend und es war egal, welchen Grund es dafür gab. Sie lachten zusammen, obwohl es keinerlei Sinn machte, es war unglaublich befreiend, über das zu triumphieren, was sie soeben erlebt hatten. Sie lachten und prusteten solange, bis ihnen die Bäuche wehtaten und sie sich schäkernd die Hände davor hielten.
„Oh Mann, tut das gut!“, japste Jochen nach einer Weile und grinste betäubt vor sich hin. Die eben gesehenen, aber noch nicht verarbeiteten Bilder trübten seine Wahrnehmung und er hatte das Gefühl, dass bestimmte Aspekte aus seiner Umgebung ausgeblendet wurden, um ihn vor dem Wahnsinn zu bewahren. Lisa lächelte ebenfalls milde und fühlte sich an den Moment zurückerinnert, als sie das erste und letzte Mal in ihrem Leben gekifft hatte.
„Ich sag’s dir, Alter!“
Mit kraftlosen Bewegungen versuchte sie, den Knoten der Liane, die Narbenschwanz ihnen um den Bauch gebunden hatte, zu lösen, aber sie brauchte länger als zwei Minuten, bis sie ihn endlich aufbekam. Jochen tat es ihr gleich und gemeinsam schmissen sie die Ranke ins Gras, wo sie vorerst liegen blieb. Dann klaubte Lisa das Buch auf, welches sich irgendwie etwas leichter als vorher anfühlte und klemmte es unter den Arm. Wankend standen sie auf und traten aus dem Baumstamm heraus. Eine Brise kam auf, die die herumliegende Asche erfasste und sie in einem großen Wirbel davontrug. Enttäuscht sahen die Schlammkrabben der Windböe nach, dann klickten sie verhalten mit den Scheren und klopften sich gegenseitig tröstend auf den Panzer, bevor sie mit flinken Beinen wieder ins Wasser krabbelten. Nur einige Grashalme waren noch mit weißem Staub überzogen, doch auch diese Spuren würden vom nächsten Regenschauer weggewaschen werden. Mit einer gewissen Genugtuung nahmen sie ihre eingehüllten Kapuzen ab und schüttelten die Köpfe, damit ihre Haare nicht länger eingeengt waren. Hand in Hand gingen sie über die ufernahe Wiese und schlenderten an die Stelle zurück, wo sie den Argonier vermuteten.
„Entschuldige, was ich vorhin zu dir gesagt habe“, sagte Lisa nach einer Weile und drückte seine Hand.
„Was hast du denn gesagt?“, fragte Jochen verblüfft, der sich an keine Beleidigung aus ihrem Mund erinnern konnte.
„Na, dass du dich geirrt hast. Das es dieses Mal nicht vol alleine geht. Aber es scheint, dass du doch recht hattest! Wir haben mal wieder überhaupt nichts gemacht und… und dann stürzt einfach ihr gesamten Refugium ein, nur, weil wir Angst vor Spinnen haben!“
Jochen nickte.
„Ja, seltsam, nicht wahr?“
Er verzog nachdenklich die Lippen, zuckte dann aber die Schultern, da es ihm im Nachhinein ziemlich egal war, warum alles so gut geklappt hatte. Hauptsache war, dass sie überlebt hatten und zusammen waren, der Rest konnte ihnen eigentlich gleichgültig sein.
Sie hatten die Bäume erreicht und lugten nun in die blattreichen Kronen hinein. Nebenbei bemerkten sie, als sie aufs Wasser blickten, dass das Schiffswrack nicht mehr zu sehen war. Es musste mitsamt der Zuflucht der Narben endgültig untergegangen sein und war vermutlich vollständig mit Wasser vollgelaufen.
„Da seid ihr ja!“, rief eine unerwartete Stimme von oben und sie fuhren erschrocken zusammen.
„Narbenschwanz?!“
„Goldrichtig!“, antwortete die raue Stimme und sie hörten, wie genau über ihnen etwas durch die Luft sauste. Einen Augenblick später stand die Schattenschuppe vor ihnen und verbeugte sich förmlich.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, euch noch einmal zu begegnen. Ihr habt das Buch, wie ich sehe… ist alles gut gegangen?“, fragte er besorgt und Lisa musste sich eine bissige Antwort verkneifen.
„Vollkommen“, murmelte sie leise, allerdings so, dass der Assassine sie nicht hören konnte.
Jochen nickte.
„Ich denke schon… uns ist nichts passiert, soweit. Oder, Lisa?“
Er sah sie forschend an, doch ihr fehlte nichts. Grinsend gab sie ihm einen Kuss und hielt sich den dicken Wälzer vor die Brust, sodass Narbenschwanz den Buchdeckel sehen konnte.
„Bei Sithis!“, rief er ungläubig aus und wich ehrfürchtig einen Schritt zurück. „Das ist ja unglaublich!“
Fassungslos sah er sie an und hielt sich staunend die Hände vor den Mund.
„So unglaublich ist das gar nicht“, erwiderte Lisa achselzuckend und betrachtete sich das Buch von neuem. „Ist eigentlich nur ein goldener Totenschädel mit Vampirgebiss und zwei Rubinen in den Augenhöhlen.“
Die Schattenschuppe schlug ungeduldig mit dem Schwanz hin und her und starrte wie gebannt auf das silberne Schloss, im Inneren des Schädelmundes.
„Ja, aber wisst ihr denn nicht, was das bedeutet?! Wir haben endlich das absolute Machtinstrument, um gegen die Narben vorzugehen! In diesem Buch sind sämtliche ihrer Geheimnisse und Pläne verzeichnet, niemand, der der Dunklen Bruderschaft angehört, hat es bisher zu Gesicht bekommen. Manche von uns haben sogar schon daran gezweifelt, dass es überhaupt existiert! Und ihr beide…!“
Er schüttelte den Kopf, so als sei gerade eben ein Engel erschienen.
„… ihr beide tragt es mit euch, als wäre es nichts!“
„Jetzt beruhig dich mal wieder!“, sagte Jochen ungehalten, der sich müde fühlte und ins Bett wollte. „Wir haben das ganz toll gemacht, ich weiß, ich weiß… aber ehrlich gesagt würden wir jetzt gerne schlafen. Lass uns einfach zum Zelt zurückgehen und dort ein kleines Nickerchen machen. Einverstanden?“
„Vortreffliche Idee“, stimmte Lisa zu, die zwar nicht das Gefühl hatte, nach dem, was sie erlebt hatte, einschlafen zu können, aber dennoch merkte, dass sie sich dringend ausruhen musste.
Verblüfft blickte Narbenschwanz von Jochen zu Lisa und dann auf das Buch, welches in der frühen Nachmittagssonne besonders prächtig glänzte.
„Ja, aber…“
„Später, okay?“, sagte Lisa und ging in die Richtung, in der sie das Zelt vermutete. Jochen folgte ihr. Das Lederband, an dem der silberne Schlüssel hing, holte sie beim Weitergehen hervor und machte einen neuen Knoten hinein, damit sie es sich um den Hals hängen konnte und der Schlüssel nicht verloren ging. Eine bleierne Schwere legte sich plötzlich auf ihre Glieder und sie empfanden es als anstrengend, die Beine zu bewegen. Mit großen Schritten stiefelten sie die leicht ansteigende Wiese hinauf und waren wenig später wieder bei den Felsen angelangt, auf denen das Zelt errichtet war. Lisa drückte Jochen wortlos das Buch in die Hand, streckte übermütig die Arme aus und lief mit den verbliebenen Kraftreserven auf den Eingang zu, der schon einladend im Wind flatterte.
„Bett, Bett, Bett, Bett, Bett!“, rief sie kindlich und hüpfte über das grüne Gras, bis sie den steinernen Hügel erreicht hatte und selbiger von ihr erklettert worden war. Jochen musste lachen und auch er beschleunigte seinen Gang, um sich neben sie zu legen und der Ruhe zu pflegen. Er schaute sich noch einmal zu Narbenschwanz um, doch der Argonier war nachdenklich stehen geblieben und starrte grübelnd auf ein kleines Landdreugh-baby, welches über das feuchte Gras marschierte und fröhliche, kehlige Laute von sich gab. Anscheinend brauchte er noch die eine oder andere Weile, um sich an seine merkwürdigen Gäste zu gewöhnen, jedenfalls sah er nicht so aus, als ob ihm dies bereits gelungen wäre. Jochen kletterte Lisa hinterher und war schon wenige Momente später im Zelt angelangt, wo er dankbar das Buch ablegte, sich aus seiner Rüstung schälte und sich tief zufrieden seufzend neben Lisa legte, die unter einer der vielen Decken bereits eingeschlafen war…
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:24
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KAPITEL NEUN
VERSOEHNUNG UND SKOOMA




„Also… alles wie besprochen?“
Sie standen zu dritt vor der gläsernen Tür, die zur Zuflucht führte und sahen einander fragend an. Nachdem Jochen und Lisa sich in dem geräumigen Zelt ausgeruht und laut den Worten des Argoniers einen ganzen Tag lang geschlafen hatten, waren sie in ihre erneut reparierten eingehüllten Rüstungen geschlüpft, hatten ihre mittlerweile wieder trockenen und glatten schwarzen Gewänder angezogen und dann ein paar merkwürdige rosafarbene Tränke verabreicht bekommen, von denen ihre Stärke angeblich anwachsen sollte. In der Tat hatten sie die Wirkung der Flüssigkeit schon kurze Zeit darauf gespürt und Narbenschwanz dabei geholfen, seine Truhe mit den wichtigsten Sachen zu packen und den ganzen Weg nach Cheydinhal zurückzutragen. Unterwegs hatten sie erneut in dem orkischen Gasthaus Halt gemacht und dabei auf angenehme Art und Weise erfahren, was für Vorteile es mit sich brachte, einen Eliteassassinen als Reisebegleiter zu haben: Sämtliche Orks, die sich in der Herberge befunden hatten, waren plötzlich vor ihnen zurückgewichen, hatten Ehrerbietungen gemurmelt und sich umständlich verbeugt. Sogar das nun auf einmal sehr viel schmackhaftere Essen hatten sie umsonst bekommen und man gab ihnen noch Proviant mit für den weiteren Weg. Das Wetter hatte sich ebenfalls zum Guten gewendet und nicht ein Regentropfen war ihnen ins Gesicht gefallen.
Zwei Tage später hatten sie tief in der Nacht das Stadttor von Cheydinhal erreicht und wieder hatte der launische Wachmann davor gestanden, der Lisa und Jochen bereits beim ersten Mal, als sie in die Stadt hatten eintreten wollen, schikaniert hatte. Dieses Mal allerdings hatte er hastig seinen Helm abgenommen, ihn sich vor die Brust gehalten und sich so tief verneigt, dass seine Nasenspitze beinahe den Boden berührt hätte. Danach waren sie dem Weg durch das Tor gefolgt und hatten die Villa betreten, in deren Keller sie sich nun befanden und ihren Plan noch einmal durchsprachen.
„Ja, genau wie geplant.“
Narbenschwanz wirkte sichtlich nervös, obwohl er sich alle Mühe gab, selbiges zu verbergen und leckte sich über die Lippen. Auch er trug seine eingehüllte Rüstung und hatte es sogar fertig gebracht, seine geflickte Kapuze so überzuziehen, dass nicht einer seiner Kopfstacheln darunter hervorguckte oder durch den Stoff hindurchragte. Sie nickten sich zu und die Geflüsterten zogen ihre schwarzen Gewänder aus, um mehr Bewegungsfreiheit und einen wirkungsvolleren Auftritt für das zu haben, was sie zu tun beabsichtigten.
„Gut… wir gehen vor. Sanguine, mein Bruder!“
Jochen sprach die magischen Worte und die gläserne Tür öffnete sich. Er und Lisa schritten hindurch, sie mit der schweren Holztruhe, die sie neben der nächstbesten Säule mit einem Seufzen abstellte, er mit einem verdächtig roten Stoffbündel in der Hand. Die Eingangshalle war, soweit sie es erkennen konnten, leer, lediglich der Skelettwächter bildete mal wieder eine Ausnahme und winkte ihnen vergnügt zu. Er trug dieses Mal einen grünen und einen braunen Schuh, hatte sich graufarbene Armschienen angelegt und trug einen Legionshelm, der auf seinem knöchernen Schädel stets ein wenig hin und her wackelte. Dazu hatte er ein Lederschild in der linken und ein lila schimmerndes Kurzschwert in der rechten Hand, welches beim Winken gefährlich durch die Luft wirbelte. Als sie seine Geste erwiderten, drehte er sich um und verschwand in einem der Gänge.
„Manchmal frag ich mich, ob er wirklich tot ist“, gestand Jochen Lisa flüsternd und sah ihm nachdenklich hinterher.
„Sprich ihn doch mal darauf an!“, sagte sie scherzend und blickte sich suchend im Saal um. Wie erwartet fanden sie in einer dunklen Ecke Teinaava vor, der vom Eingang aus nicht sichtbar gewesen war. Er saß an einem der kleineren Tische und las ein Buch, sogar eines, das aus mehr als zwanzig Seiten bestand.  Mit langsamen Schritten gingen sie auf ihn zu und als er sie bemerkte, erhob er sich geschmeidig und grüßte sie mit einem Kopfnicken.
„Bruder! Schwester! Endlich seid ihr von eurer Mission zurück!“
Teinaava trug ebenfalls seine eingehüllte Rüstung – allerdings ohne die dazu gehörende Kapuze -   und bewegte hektisch die Finger. Sie trommelten gegeneinander und zeugten davon, dass ihr dunkler Bruder ihre Ankunft heiß ersehnt hatte. Er schien noch etwas sagen zu wollen, hielt sich aber nach kurzem Zögern zurück und verstummte. Stattdessen sah er sie abwartend an und blinzelte mit seinen gelben Augen.
„Ja… das sind wir…“
Lisa hustete leise und hielt sich die Hand vor den Mund. Trotz der magischen Tränke waren sie und Jochen ziemlich erschöpft und wollten möglichst schnell in ihre Kammer verschwinden, doch dies hier war zu wichtig, um aufgeschoben zu werden. Teinaavas Schwanz schlug ungeduldig hin und her, dann konnte er seine Wissbegier nicht länger bremsen.
„Und? Ist er…? Habt ihr Narbenschwanz getötet?!“
Jochen starrte ihn wortlos an und zog seine Kapuze zurück. Er warf das Stoffbündel vor Teinaava auf den Boden, welches über die Steinfliesen kullerte und sich nach und nach von selbst abwickelte. Als der Stoff vollständig ausgerollt war, kam etwas fleischigrot Glänzendes zum Vorschein, das sich nach genauerem Betrachten als ein menschliches Herz herausstellte.
„Ha!“, machte Teinaava erschrocken und stockte mitten in der Bewegung. Sein ganzer Körper schien wie erstarrt zu sein und es dauerte einen Moment, bis er sich aus dieser Lähmung befreien konnte.
„Hier ist, was du begehrt hast!“, sagte Lisa mit dunkler Stimme und senkte traurig den Blick auf das Organ.
„Ja…“, sagte ihr Gegenüber langsam und fuhr sich mit der Hand über die Kehle. „Das ist zweifellos das Herz eines Argoniers! Ihr habt Narbenschwanz erschlagen…!“
Ungläubig sah er von Jochen zu Lisa und dann auf das Herz, welches vor ihm auf dem Fußboden lag. Mit offensichtlicher Ehrfurcht beugte er sich herunter und hob es mit beiden Händen auf. Dann hielt er es vor sich auf Kopfhöhe und betrachtete es sich von allen Seiten. Die Geflüsterten sahen sich unauffällig an, sie befürchteten, dass er ihren Schwindel bemerken würde, denn natürlich war es nicht Narbenschwanz’ Herz, das der Meuchelmörder in seinen Händen hielt. Vielmehr hatte der königliche Eliteassassine der Leiche, die in der Nähe des Zeltes gelegen und zuvor einen Anschlag auf ihn verübt hatte, das Herz herausgetrennt und selbiges den ganzen Weg von Leyawiin bis Cheydinhal transportiert.
„Es ist wirklich sein Herz…“
Lisa nickte und holte unter ihrer Kleidung die Schriftrolle mit dem königlichen argonischen Wachssiegel hervor, die Narbenschwanz ihr im Erdgeschoss von Valen Dreths Villa übergeben hatte. Nun reichte sie sie Teinaava, der das Herz wieder auf dem Boden ablegte, sich mit dem blutbenetzten Stoff die Hände säuberte und das Pergament verwundert entgegennahm.
„Das solltest du lesen“, sagte Lisa trocken und nahm ebenfalls ihre Kapuze ab, worauf ihre langen Haare zum Vorschein kamen. „Wir fanden es, als wir die Leiche untersuchten. Es dürfte dich interessieren, was darauf zu lesen ist…“
Sie versuchte, einen möglichst betroffenen und dennoch gleichgültigen Gesichtsausdruck aufzusetzen und beobachtete, wie Teinaava reagieren würde.
Dieser begann mit größter Sorgfalt, das Manuskript abzurollen und las langsam und mit rauer Stimme vor: „Ich, König Letais, Herrscher über Argonien und eingeschworener Gegner der Kaiserin von Cyrodiil erkläre hiermit die Schattenschuppe Narbenschwanz für unschuldig.“
Überrascht sah er sie an, doch als sie nichts sagten, wandte er sich wieder dem Dokument zu und las weiter.
„Sie diente allein in meinem Auftrag und befolgte mit jeder ihrer Handlungen meine Befehle und Anweisungen… das kann nicht sein! Er war ein Verräter! Er… das Siegel!“
Erst jetzt schien Teinaava zu begreifen, welches Ausmaß der von ihm gestellte Auftrag tatsächlich haben musste. Seine Stimme war mit jedem Wort leiser geworden und hörte sich nun ganz heiser und ausgetrocknet an.
„Wer ihn tötet und dieses Dokument bei ihm findet, …der möge weit laufen, um den langen Fängen des Argonischen Königreiches… zu entkommen…“
Fassungslos sah er sie an und ließ vor Schreck die Schriftrolle fallen, so, als habe er sich daran verbrannt. Sie fiel neben das Herz, wo sie ausgebreitet und bedeutungsschwanger liegen blieb.
„Ich kann es nicht glauben!“, flüsterte die Schattenschuppe wie versteinert und sein Blick glitt ins Leere. „Ich kann nicht glauben, was ich da getan habe…! Dann war… dann war Narbenschwanz unschuldig? Die ganze Zeit über?! Oh, ich unsäglicher Narr!“
Teinaava sank auf die Knie und zitterte am ganzen Leib. Er schlug die Hände über seinem Kopf zusammen und legte die Kopfstacheln an. Sein Mund öffnete sich, er schluchzte und ihm traten Tränen in die Augen. Er schrie vor Kummer und schlug sich mit den Fäusten immer wieder gegen den Schädel.
„Bei Sithis, das darf nicht wahr sein! Ich kann nicht fassen, dass ich mich so sehr getäuscht haben soll! Oh, Mutter der Nacht! Bitte nimm mich zu dir, ich habe es nicht länger verdient, in deinem Dienst zu handeln…! Ich hätte meinem Bruder vertrauen sollen, anstatt mein Herz mit Zweifel zu füllen…! Das… das werde ich mir niemals verzeihen können!“
Ein langer Schatten trat plötzlich aus der Dunkelheit hervor und dann stand Narbenschwanz neben ihnen, der sich zu dem weinenden Teinaava herunterbeugte.
„Ich kann es verzeihen, Bruder.“
Ruckartig blickte Teinaava auf und sah in das Gesicht des Assassinen. Die Stimme, die er gehört hatte, war ihm anscheinend bekannt vorgekommen, doch er schien nicht glauben zu können, dass sie wirklich zu ihm sprach. Auf Knien rutschte er nach hinten zurück und fragte dann wispernd: „Bist du ein Geist?“
Narbenschwanz schüttelte den Kopf.
„Ich bin aus Fleisch und Blut und ich stehe wahrhaftig vor dir. So wirklich und greifbar, wie nur eine Schattenschuppe es tun kann.“
Er ging auf den knienden Argonier zu und reichte ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. Teinaava zitterte noch mehr, ergriff die mit Schwimmhäuten verbundenen Finger und hielt sich bestürzt die andere Hand vor den Mund.
„Das ist ein Traum… Es kann nur ein Traum sein! Narbenschwanz… bist du es wirklich?“
Er betastete das Gesicht des Assassinen und musterte ihn dann eingehend, bevor ihm unverhüllt klar wurde, dass er keineswegs einen Traum vor sich hatte. Schluchzend fiel er seinem Bruder um den Hals und umarmte ihn stürmisch.
„Oh, Narbenschwanz! Es gibt keine Worte, die meine Freunde zum Ausdruck bringen könnten! Du bist hier! Endlich bist du zu mir und Ocheeva zurückgekehrt! All die Jahre…“
Narbenschwanz erwiderte die Umarmung mindestens ebenso intensiv und es war ein sehr majestätischer Anblick, wie die beiden Schattenschuppen einander in dem dunklen Licht umklammerten und dabei ihre vollständig identischen Uniformen trugen. Jochen und Lisa sahen sich lächelnd an und fassten sich an den Händen. Sie freuten sich, dass ihr Plan, den sie zuvor mit Narbenschwanz erarbeitet hatten, so gut funktionierte und gähnten zufrieden. Jochen störte es nicht einmal, dass Lisa dabei die Hand nicht vor den Mund hielt.
„Quest erfüllt“, murmelte sie leise und sie kicherten, als sich die Argonier wieder voneinander lösten.
„Ich kann es kaum glauben… du bist es wirklich! Und du bist unschuldig! Wie ist das nur möglich?! Ocheeva und ich hörten, dass du den König verraten und die Gilde der Schattenschuppen entehrt hättest. Und nun diese Schriftrolle…“
Narbenschwanz hob beschwichtigend die Hände und lächelte. Sie konnten sehen, dass es ihn mit Erleichterung erfüllte, dass er auf solche Weise von Teinaava empfangen wurde.
„Keine Sorge, dunkler Bruder, für alles gibt es eine Erklärung. Aber lass mich zuerst meine Schwester begrüßen, es verlangt mich sehr danach, sie zu sehen.“
„Sie ist schon da!“, sagte plötzlich eine raue Stimme, die sie alle herumfahren ließ. Ocheeva stand plötzlich hinter ihnen, wo sie vermutlich schon eine ganze Weile gewartet hatte und trat nun auf Narbenschwanz zu, um ihn in ihre Arme zu schließen. Ihre dunkle Kutte, die sie als einen Finger der schwarzen Hand aufwies, flatterte leise, als sie sich bewegte. Auch ihr liefen Tränen über die grün geschuppten Wangen und sie schnaubte leise, als sie den Eliteassassinen an sich drückte.
„Wo warst du so lange?“, fragte sie mit verschwommenen Augen und blickte ihn schmerzlich an, so, als habe man sie im Innersten ihres Herzens stark verletzt. „Wie kann es sein, dass…?“
Ihr versagte die Stimme und sie umarmte ihn erneut.
„Beruhige dich, Ocheeva!“, flüsterte Narbenschwanz leise und streichelte ihr über den Rücken. „Nun ist alles wieder gut. Ich bin zurückgekehrt!“
Lisa und Jochen beobachteten die Szene noch ein wenig und kamen dann wortlos zu dem Schluss, dass es wohl besser für alle Beteiligten war, wenn sie sich nun zurückziehen und ausruhen würden. Mit leisen Schritten stahlen sie sich davon und bogen um die Ecke, um sich kurze Zeit später in ihre Kammer zu schleichen und ungewaschen, wie sie waren, in die weichen, sauberen Kissen zu kuscheln.

Am nächsten Morgen wurde Jochen als erster wach und streckte sich ausgiebig, bevor er sich selbst in dem Spiegel, der an der anderen Seite des Raumes über der Kommode hing, erblickte und feststellen musste, dass seine Haare einer dringenden Reinigung bedurften. Sogleich machte er sich daran, sämtliche Gurte und Schlaufen seiner eingehüllten Rüstung, die er noch immer trug, zu lösen und sich seiner muffeligen Kleidung zu entledigen. Auf ihrer Reise hatten er und Lisa sich die ganze Zeit über darüber gefreut und gewundert, dass sie in der schwarzen, verzauberten Lederuniform nicht hatten schwitzen müssen, doch tatsächlich stank der Harnisch ganz erbärmlich. Vermutlich, so überlegte er, hielt sie lediglich den eigenen Körpergeruch zurück, indem sie diesen absorbierte, um den Auftragsmörder, der gerade in ihr steckte, auch auf dieser Ebene zu verbergen. Mit angeekeltem Gesicht weckte er Lisa, die mit ein paar brummenden Lauten ihren Oberkörper träge aufrichtete und ebenfalls einen Schrecken bekam, als sie ihre durcheinander gewirbelten Haare im Spiegel betrachtete.
„Ich muss duschen!“, sagte sie sofort und schlüpfte aus dem Bett, um sich auszuziehen.
„Falsch“, entgegnete Jochen und half ihr aus den Klamotten heraus. „Wir müssen duschen. Los, komm!“
Sie rafften die Sachen, die sie noch in ihrer eigenen Welt getragen hatten, zusammen und riskierten einen Blick durch den Türspalt. Auf dem Gang war niemand zu sehen und hastig liefen sie splitterfasernackt ins Badezimmer, um sich dem längsten Duschvorgang ihres Lebens hinzugeben. Schätzungsweise eine Stunde lang ließen sie das warme Wasser auf sich hinunterprasseln und verbrauchten jeder ein ganzes Seifenstück, welches ihnen ganz am Ende nur noch durch die Finger flutschte, weil es hoffnungslos zu klein geworden war. Danach trockneten sie sich ab und kämmten ihre Haare durch, die sichtlich dankbar für die neuerlich vorgenommene Hygiene waren. Als Jochen und Lisa fertig angezogen waren, hatten sie sich wieder in ihr Zimmer begeben, wo sie gemachte Betten und weggeräumte Rüstungen vorfanden. Am Fußende des Bettes lagen ihre zwei Seelensteine.
„Großartig!“, rief Jochen euphorisch, doch seine Stimmung erhielt einen kleinen Dämpfer, als er den Briefumschlag auf der Kommode entdeckte. Lisa nahm und öffnete ihn seufzend, holte einen kleinen Zettel hervor und begann, laut zu lesen.

„Verehrte Geschwister! Man erwartet eure Anwesenheit um acht Uhr abends im Versammlungsraum der schwarzen Hand. Kleidet euch entsprechend und sucht zuvor Valen Dreth auf. Er hält eine Kleinigkeit für euch bereit.“

„Kleinigkeit?“, fragte Jochen skeptisch, der den Rest des Tages eigentlich lieber in seiner normalen Garderobe verbracht hätte. ‚Entsprechend kleiden’ hieß bestimmt, dass sie ihre eingehüllten Rüstungen anziehen sollten.
„Keine Ahnung“, sagte Lisa schulterzuckend. „Möglicherweise verleiht man uns ja nen Orden oder so was.“
„Hm… nach dem, was wir zwei durchgemacht haben, wäre das gar nicht mal schlecht. Kriegen wir eigentlich eine Belohnung für den Auftrag?“
„Bestimmt! Allerdings sollten wir Narbenschwanz noch mal darum bitten, dass er uns das Buch wiedergibt. Immerhin müssen wir es bei Vicente abliefern.“
Jochen nickte und umarmte sie unvermittelt.
„Ich brauch dich!“, sagte er wie ein kleines Kind und drückte seine Nase gegen ihren Hals.
„Kann ich verstehen!“, erwiderte sie sanft und grinste ihn an, als er ihr in die Augen blickte. Er lächelte zurück und drückte ihr einen Kuss auf den Mund, dann umklammerte er ihren rechten Arm.
„Bäh!“, machte er und streckte ihr die Zunge raus. „Lass uns gehen. Ich hab Hunger.“
Sie machten sich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum und begegneten dabei Gogron gro Bolmok, der sie, als sie an ihm vorbeikamen, nicht im Geringsten wahrzunehmen schien. Er sah ziemlich verkatert aus und seine Augen waren zugeschwollen.
„Auweia… hey, genauso hast du ausgesehen, als du an deinem Geburtstag nen Absturz hattest!“, sagte Jochen, als sie um die Ecke gebogen waren und feixte schadenfroh.
„Wie oft muss ich mir diese Bemerkungen eigentlich noch von dir bieten lassen?“, fragte Lisa scheinbar beleidigt und steuerte auf die Tür zu Telaendrils Raum zu, da dort auch Valen Dreth anzutreffen sein musste.
„Wer sagt, dass sie jemals aufhören werden?“, fragte Jochen zurück.
„Ich!“, antworte sie entschieden gab ihm einen Stoß. Dann standen sie vor der hölzernen Tür und klopften dreimal, bevor sie eintraten. Telaendril war nicht da, doch der Dunmer befand sich auf seinem Schlafplatz und strich in Gedanken versunken über ein großes, in braunen Stoff gewickeltes Paket, welches sich neben ihm auf den Fußboden befand. Als er sie bemerkte, erhob er sich hastig und eilte auf sie zu. Zur Abwechslung war er mal nicht angekettet, sondern trug im Gegenteil sogar einen prächtigen Anzug, der in braunen Farben gehalten war. Sein Haar war nach hinten zu einem ordentlichen Zopf geflochten und er wirkte von Grund auf verändert.
„Geflüsterte!“, rief er aufgeregt und verneigte sich elegant vor ihnen. „Endlich seid ihr zurückgekehrt! Setzt euch, setzt euch, es gibt viel zu erzählen!“
Er zog zwei Stühle vom Tisch zurück und machte einladende Bewegungen, die sie aufforderten, Platz zu nehmen. Schnell hatte er zwei silberne Gläser vor ihnen aufgestellt und schenkte ihnen nun aus einer ebenfalls silbernen Karaffe Traubensaft ein.
„So…“, sagte er beginnend und setzte sich ebenfalls zu ihnen. Er schien sichtlich froh darüber zu sein, dass sie hier waren, denn er grinste wie ein Honigkuchenpferd und konnte sich gar nicht entscheiden, wem von ihnen er in die Augen blickte.
„Ja?!“, fragte Jochen nach einer Weile, als keine weiteren Worte folgten.
Valen Dreth lächelte entschuldigend und sagte: „Verzeiht, ich… ich weiß nur nicht wo ich anfangen soll. Es ist soviel passiert, während eurer Abwesenheit, da ist es schwer, einen Einstieg zu finden.“
Er nahm sein Glas und umschloss es mit den Fingern. Lisa bewunderte sein neues Erscheinungsbild erneut und fragte sich, was zu diesem radikalen, aber ansehnlichen Wechsel geführt haben mochte.
„Fang am besten vorne an“, riet sie leichthin und stützte die Ellenbogen an der Tischkante auf. Valen Dreth nickte gewichtig und räusperte sich dezent.
„Ja, Geflüsterte. Zunächst einmal hätte ich hier ein Geschenk für Euch und euren Gefährten…“
Er stand auf und holte das Paket, das neben seinem Schlafplatz auf dem Fußboden gestanden hatte. Mit größter Vorsicht setzte er es nun auf dem Tisch ab und schlug andächtig den Stoff zur Seite. Neugierig beugten sich Jochen und Lisa darüber, um zu sehen, was sich darin befinden könnte: Zum Vorschein kamen zwei schwarze Roben, die genauso aussahen wie jene, die die Mitglieder der Schwarzen Hand trugen. Erstaunt öffneten sie die Münder und sahen sich ungläubig an. Der Dunkelelf nahm eines der Gewänder in die Hand und faltete es auseinander, sodass sie es in seiner vollen Pracht betrachten konnten. Die Kapuze war um einiges weiter und komfortabler als die, die sie von ihren eingehüllten Rüstungen her kannten und erinnerte Lisa an den schwarzen Pullover, den Jochen ihr geschenkt hatte. Mit faszinierten Gesichtern betrachteten sie die edlen Roben, die, wie sich herausstellte, einen silbernen Totenschädel auf dem Rücken aufgenäht hatten.
„Wahnsinn“, sagte Jochen begeistert und stand auf, um Valen den Ornat aus der Hand zu nehmen und sich an den Körper zu halten. Auch Lisa hatte sich erhoben und griff nun nach der schwarzen Tracht, die noch in dem aufgeschlagenen Stoffpaket lag.
„Sind die wirklich für uns?“, fragte sie misstrauisch und betrachtete den schweren, weichen Stoff von allen Seiten, der ihr schon jetzt bis ins letzte Detail gefiel und den sie am liebsten sofort anprobiert hätte. Der Dunmer nickte.
„Sie sind auf die persönliche Anordnung von Telaendril für euch angefertigt worden. Die Zuhörerin hat weder einen Augenblick lang an eurer Rückkehr gezweifelt, noch daran, dass ihr auf eurer Mission Erfolg haben werdet.“
„Ach?“, sagte Lisa verhalten und hob die linke Augenbraue. „Da ging es manchen von uns aber gänzlich anders!“
Valen seufzte.
„Ja, das ist richtig. Hier in der Zuflucht waren viele empört darüber, euch allein mit einem derartig riskanten Auftrag zu betrauen. Besonders Mutapi, Telaendrils Ruhigstellerin war aufgebracht über diesen Umstand drängte immer wieder darauf, euch begleiten zu dürfen.“
„Wirklich?“, fragte Jochen nachdenklich und blickte dabei auf seine Robe, an welcher er sich einfach nicht satt sehen konnte. Ihm kam der Gedanke, sich zu setzen und mit den Füßen zu wackeln, verwarf diese Idee jedoch schnell wieder. In Anwesenheit eines Fremden wollte er sich diese Blöße nicht geben.
„Wirklich“, antwortete Valen und trank sein Glas aus. „Die Khajiit ging sogar soweit, dass sie sich heimlich davonstehlen sollte. Glücklicher Weise lief sie damit geradewegs Lucien Lachance in die Arme, der gerade aus Anvil in Cheydinhal angekommen und sie flugs zu uns zurückbrachte.“
Er kicherte schadenfroh und schenkte sich noch mehr Traubensaft ein.
„Aber du sagtest vorhin, dass ‚eine ganze Menge’ geschehen ist, während wir weg waren. Das kann nicht alles gewesen sein.“
Der Dunmer schüttelte den Kopf und besah sich den Totenschädel ebenfalls.
„Nein, es ist noch mehr passiert. Am ersten Tag eurer Abwesenheit sind einige niedere Mörder dieser Zuflucht von einem Auftrag aus Chorrol wiedergekommen und haben sich am Weinvorrat der Schwarzen Hand vergriffen. Trauriger Weise schafften es einige von ihnen, auch in euer Gemach einzudringen und entwendeten von dort eine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit, die sie zur Hälfte leerten. Gogron gro Bolmok setzte dem Treiben schließlich ein Ende und sperrte sie allesamt ins Badezimmer. Zuvor allerdings nahm er die Flasche, welche die Meuchler gestohlen hatten und vergriff sich selbst an ihrem Inhalt. Später muss noch Mraaj’ Dar dazugekommen sein und ihm bei dieser Tätigkeit Gesellschaft geleistet haben. Das zumindest vermuten hier alle, denn am Morgen darauf fand man Gogron und Mraaj’ Dar, wie sie es sich hier, in Telaendrils Bett zusammen gemütlich gemacht hatten und die leere Flasche zwischen ihnen lag. Natürlich war die Zuhörerin sehr aufgebracht über diesen Umstand und veranlasste, dass beide Mitglieder für drei Tage aus der Zuflucht gesperrt wurden. Diejenigen, die noch immer im Badezimmer eingeschlossen waren, ließ sie ihr Bett reinigen und von Grund auf erneuern. Sie war so zornig, dass sie verkündete, Gogron nie wieder in ihrem Gemächern zu empfangen.“
Sein Grinsen war gefährlich groß geworden und reichte nun nahezu von einem Ohr zum anderen, sodass Lisa Angst hatte, seine Lippe könnte einreißen. Als nichts dergleichen geschah, setzte sie einen erstaunten Blick auf pfiff anerkennend über soviel Dreistigkeit durch die Zähne.
„Schade, eigentlich. Na ja… jetzt kann man zumindest nicht mehr behaupten, das Alkohol gleichgültig machen würde“, sagte sie zu Jochen, der eine Grimasse zog und sein Gewand zusammenfaltete
„Ja, was für eine Erleichterung“, gab er trocken zurück und setzte sich wieder. „Wann sind die drei Tage denn eigentlich um?“, fragte er dann, da er nicht mehr genau im Kopf hatte, wie lange sie nun genau weg gewesen waren.
„Gestern“, verkündete Valen froh und lehnte sich zufrieden zurück. Er trug, wie ihnen nun auffiel, einen glänzenden breiten Ring am rechten Zeigefinger, mit welchem er nebenbei herumspielte.  „Um Mitternacht durften sie die Zuflucht wieder betreten. Beide sind um einen Rang innerhalb der Dunklen Bruderschaft degradiert worden und von nun an nur noch schlichte Mörder. Mraaj’ Dar nimmt dies, wie man hört, relativ gelassen, doch der Ork leidet sehr unter diesem Umstand. Er war kurz davor, in den Rang eines Assassinen aufzusteigen, daher ist es für ihn doppelt so ärgerlich, wie für Mraaj’ Dar…“
Wieder machte er eine Pause und strich sich über den Ärmel.
„Jedenfalls wollte ich euch dafür danken, dass ihr euer Versprechen mir gegenüber eingelöst habt.“
„Welches Versprechen?“, fragte Lisa verwundert, da sie sich an ein solches nicht im Geringsten erinnern konnte.
„Wisst ihr das denn nicht mehr?“, fragte der Dunkelelf etwas enttäuscht und verzog leicht den Mund. „Ihr habt mir versichert, dafür zu sorgen, dass die Liebesaffäre zwischen Gogron und Telaendril ein Ende finden würde und das habt ihr indirekt mit eurer Flasche getan. Ich dachte, dass dies euer Plan war…“
„War es auch!“, sagte Jochen schnell, weil er fürchtete, den Dunmer sonst zu beleidigen. „Aber wenn man soviel um die Ohren hat, wie wir…!“
„Oh, verzeiht… natürlich… trotzdem danke ich euch, dass ihr mich nicht vergessen habt. Zu der Zeit, als die Geschehnisse vonstatten gingen, befand ich mich gerade in meinen eigenen Gemächern, oben, in der Villa und habe zum Glück nichts von diesen schrecklichen Taten mitbekommen. Dennoch bin ich in der Gunst meiner Herrin seitdem gestiegen und sie hat mir erstmals wieder erlaubt, mich so zu kleiden, wie ich es möchte.“
„Das ist doch toll!“, rief Lisa und freute sich, dass Valen seit kurzem besser behandelt wurde. Es war für sie und Jochen immer ziemlich befremdlich gewesen, dass er an die Wand gefesselt war, während sie sich mit einer Telaendril ganz normal unterhalten sollten, insbesondere deshalb, weil sie sich mit dem Dunkelelf stets gut verstanden hatten. Zumindest dann, wenn man von der Nacht, in der sie erstmals die Zuflucht betreten hatten, absah.
„Ja, das ist es in der Tat! Natürlich kettet sie mich noch immer an und ich bin ihr Sklave, aber sie stellt mich nicht mehr den anderen Mitgliedern zur Verfügung und ich kann mich wieder mehr aufs Schreiben konzentrieren. Außerdem darf ich nun selbst über mein Aussehen bestimmen, was mir zu meinem derzeitigen Erscheinungsbild verholfen hat.“
Er deutete auf seine Frisur und seine neue Kleidung, die ihm ausgezeichnet zu Gesicht stand.
„Und das alles verdanke ich einzig und allein euch! Euer Plan mit der Flasche hat bestens funktioniert! Was immer darin gewesen ist, es muss ein Höllenzeug gewesen sein. Wenn ihr nicht erschienen wäret, hätte sich meine Situation wohl nie gebessert… doch das hat sie und zwar nicht nur für mich!“
Die Geflüsterten lächelten geschmeichelt und sahen verlegen nach unten. Trotzdem hatten sie nicht den Eindruck, das Valen mit seinen Worten übertrieb. Es war ein komisches Gefühl, doch insgeheim dachten sie es beide: Niemals hätten sie in ihrer eigenen Welt derartig große Taten vollbringen können, erst recht nicht in einem so kleinen Zeitraum.
„Dankeschön!“, sagten sie gleichzeitig und zur Abwechslung wurde dieses Mal Lisa geisolighted.
„Dankt nicht mir, sondern Telaendril, denn eure Geschenke stammen von ihr. Die Roben, die ihr nun habt, sind natürlich ebenfalls verzaubert, allerdings in einem höheren Grad, als die eingehüllten Rüstungen, die ihr bisher getragen habt. Von mir werdet ihr beide auch noch ein Präsent erhalten, aber das wird noch etwas dauern. Bis dahin schlage ich vor, dass ihr eure restliche Freizeit geniest und euch auf heute Abend vorbereitet. Euretwegen wird die gesamte Schwarze Hand mitsamt allen Ruhigsteller anwesend sein, sogar aus der Kaiserstadt und aus Skingrad sind sie gekommen! Es ist eine große Ehre für die Zuflucht von Cheydinhal, solch hohen Besuch zu beherbergen.“
„Verstehe“, sagte Lisa und nickte langsam. Sie hatte keine Ahnung, was für zusätzliche Manieren man von ihr und Jochen erwartete, doch dies schien nebensächlich in Anbetracht dessen, was sie bisher geleistet hatten.
„Das freut mich!“, sagte Valen ehrlich. „Dann empfehle ich euch nun, Narbenschwanz aufzusuchen. Er hat nach euch gefragt und befindet sich in Ocheevas Zimmer. Am besten ist es, wenn ihr gleich zu ihm geht.“
Sie nickten und erhoben sich.
„Was machst du jetzt eigentlich den ganzen Tag über?“, fragte Jochen ihn, weil er sich nicht vorstellen konnte, was man mit soviel hinzugewonnener Freizeit einstellen konnte, vor allem deshalb, weil es hier keine Computerspiele gab. „Schreibst du wirklich die ganze Zeit?“
„Ja!“, antwortete der Dunmer strahlend und öffnete ihnen die Tür. „Erst gestern habe ich ein Buch von ganzen 24 Seiten veröffentlicht!“
„Wow…“, machte Lisa ironisch, doch Valen schien ihren mehr als deutlichen Unterton nicht zu bemerken. „Dein wievieltes Buch ist es denn schon?“
„Das siebte!“, verkündete er selbstbewusst und sie gingen wieder in die Eingangshalle. „Es wurden bereits 500 Exemplare gedruckt!“
„Wirklich…? Ist ja toll…!“
„Ja… also,  bis später dann!“
Er lächelte zum Abschied glücklich und schloss die Tür hinter ihnen. Als sie eilig durch die Eingangshalle an den Säulen vorbeigingen, grummelte Lisa noch immer vor sich hin.
„So was Beklopptes!“, schimpfte verdrossen.
„Was denn?“, fragte Jochen überrascht, weil er auf ihre letzten Worte nicht geachtet hatte. Sein neuestes Kleidungsstück nahm ihn in jeder Hinsicht in Anspruch.
„Na, das mit den 24 Seiten! Ist dir eigentlich klar, dass ich hier in Cyrodiil eine Bestsellerautorin werden könnte? 24 Seiten, also ehrlich, so was Blödes!“
Plötzlich tippte sie jemand von hinten an und sie drehten sich um. Der Skelettwächter hatte Lisa am Arm gepackt und blickte sie hilfesuchend an. Es dauerte einen Moment lang, bis sie sahen, was ihm fehlte: Er hatte sich die andere Hand zwischen den Rippen eingeklemmt und diese stecke nun fest, sodass er die ganze Zeit einarmig und unbewaffnet durch die Gegend hatte rennen müssen. Wo seine Waffe geblieben war, war ihnen schleierhaft.
„What the fuck! Wie hast du das denn gemacht?!“, fragte Jochen erschrocken und staunte darüber, dass keine der Rippen gebrochen war. Nach kurzem Überlegen gab er Lisa seine Robe und machte sich daran, die Knochenhand aus dem Brustkorb zu befreien, indem er kräftig daran zog und immer wieder rüttelte. Der Skelettwächter klapperte aufgeregt mit den Zähnen, offensichtlich war ihm so etwas bisher nur sehr selten passiert. Kurz darauf hatte der Geflüsterte es geschafft und die Hand war wieder draußen. Es entstand ein hässliches Geräusch, als Knochen an Knochen schabte und sie bekamen beide eine Gänsehaut, die ihnen einen Schauer über den Rücken jagte. Begeistert hüpfte der Wächter von einem Bein aufs andere, als er sich wieder uneingeschränkt bewegen konnte und umarmte Jochen aus Dankbarkeit. Angeekelt und hilfesuchend sah dieser zu Lisa herüber und gab ihr mit Lippenbewegungen zu verstehen, ihm dort rauszuhelfen, doch die Umklammerung hielt nicht lange an. Nach wenigen Momenten schon ließ der knöcherne Wachposten ihn wieder los und ging seines Weges.
Als er um die Ecke in einen Gang gebogen war, sagte Jochen zu Lisa empört: „Ich wurde gerade von einem Skelett umarmt!“
„Was du nicht sagst! Vielleicht kann das hier deine Laune wieder aufheitern!“
Sie hielt ihm seine Robe hin, um ihn wieder auf andere Gedanken zu bringen, was auch sofort funktionierte. Schlagartig änderte sich sein Gesichtsausdruck und er hob sogar ein Bein, um mit dem Fuß hin und hier zu wackeln.
Innerlich mit dem Kopf schüttelnd ging Lisa mit Jochen so schnell sie konnte in ihre Kammer zurück und faltete hastig den schwarzen Stoff auseinander, um die neue Robe anzuprobieren. Nachdem Jochen die Zimmertür hinter sich verschlossen hatte, tat er mit seinem Gewand dasselbe und besah sich, bevor er hineinschlüpfte, noch einmal den silbernen Totenschädel, der auf dem Rücken aufgestickt war. Selbstverliebt drehten sie sich um sich selbst und beobachteten sich gegenseitig im Spiegel. Beide hatten ihre schwarzen Stiefel an, welche unheimlich gut zu ihrer neuen Uniform passten und sogar die Kapuze war dieses Mal bequem. Selbst Narbenschwanz hätte mit ihr keine Probleme gehabt.
„Geil!“, rief Jochen begeistert aus und zog dann die Kommodenschublade auf, aus welcher er seinen Leidensdorn hervorholte. Um die Hüfte war ein breiter Ledergürtel mit vielen Halterungen angebracht, an denen sich auch ohne Probleme Waffen befestigen ließen. Jochen betrachtete sich erneut im Spiegel.
„Geil!“, rief er ein weiteres Mal und hüpfte von einem Bein auf das andere. „Geil, geil, geil, geil! Mit dem Outfit wäre ich der Held auf jedem Festival! Gnihihihihihihi!“
Lisa schmunzelte über seine Freude und umarmte ihn spöttisch, was Jochen sich jedoch nur allzu gerne gefallen ließ. Dann holte er aus seiner Hose, welche er unter der Robe trug, den violett glänzenden Glücksbringer heraus und steckte ihn sich in die Tasche, die wie bei einer Jacke außen angebracht waren.
„G!“, machte er glücklich und nahm sich die Kapuze wieder ab.
„Du bist doof!“, lachte sie fröhlich und küsste ihn auf den Kopf. „Du trägst gerade eine Tracht der Schwarzen Hand…! Wie kannst du da so süß drin sein?!“
„G, G, G, G!“, erwiderte er auf ihre Frage und tanzte dabei mit den Fingern. „Ich G jetzt zu Narbenschwanz!“
„Gst du gar nicht! Warte, ich komm mit!“
Lisa befestigte ebenfalls ihre Waffe an der Halterung und steckte ihren Glücksbringer in die linke Tasche des Gewandes. Dann lief sie hinter Jochen her und nahm seine Hand in die ihre. Als sie dem Korridor zu Ocheevas Zimmer folgten, sahen sie Mutapi, die es sich auf einem der Teppiche, die in Abständen auf dem Fußboden ausgelegt waren, bequem gemacht hatte und mit einigen Puppen, die vor ihr lagen, spielte. Lisa blickte nur im Vorbeigehen darauf, stockte dann aber mitten in der Bewegung, weil sie nicht glauben konnte, was sie dort sah: Eine der Puppen sah aus, wie sie selbst. In ihr steckten Nadeln und winzige Dolche, die sowohl in Kopf, Brust und Bauch angebracht waren. Eine weitere Puppe sah aus, wie Jochen, Mutapi hielt sie in der Hand und rieb sie zärtlich an ihr Gesicht. Dann nahm sie aus der Hosentasche – sie trug eine Art Pelzrüstung – ein weiteres winziges Messer, welches sie der Lisapuppe in die linke Schulter rammte und schnurrte der Jochenminiatur zu.
„Was machst du da?!“, fragte Lisa entgeistert und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.
„Spielen…“, entgegnete das Khajiitmädchen abwesend und holte weitere Puppen hervor, von denen einige wie die Mitglieder der Dunklen Bruderschaft aussahen. Eine davon ähnelte Vicente Valtieri und sie nahm die Figur in die Hand und machte schlürfende Geräusche, als der Vampirzwerg sich Lisas Abbild näherte.
„Ach, was?!“
Jochen, der sich durch Lisas Zögern ebenfalls Mutapis Spielzeug näher besehen hatte, erkannte nun, was es damit wirklich auf sich hatte und schluckte nervös, als er beobachtete, wie seine eigene Figur von Telaendrils Ruhigstellerin abgeleckt wurde.
„Ich glaube, es wäre unklug von uns beiden, in nächster Zeit an Voodoo zu glauben…“, sagte Lisa langsam und zwang sich, weiterzugehen. „Ich glaub nämlich nicht, dass ich das überleben würde.“
„Ja…“, stimmte Jochen ihr zu und dann, nach einer Denkpause flüsterte er: „Wenn ich bedenke, dass ich gegen Katzenhaare allergisch bin…“
Sie gingen stockend weiter, keiner von ihnen wusste, wie er mit der eben erlebten Szene umzugehen hatte. Fest stand für sie beide jedoch, dass Mutapi verrückt sein musste, denn die Ähnlichkeit der Puppen mit ihnen war einfach zu groß gewesen.
Als sie in der Mitte des Flures angekommen waren, wandten sie sich nach links, wo eine große hölzerne Doppeltür war. Förmlich klopften sie dagegen und sahen sich an.
„Vielleicht hat sie ja auch wirklich nur gespielt“, versuchte Jochen sich selbst und Lisa zu beruhigen. „Immerhin ist sie noch sehr viel kleiner als die meisten anderen Mitglieder und…“
Die Tür öffnete sich und er verstummte. Ocheeva hatte ihnen aufgemacht und verbeugte sich nun galant vor ihnen.
„Geflüsterte! Tretet ein! Mein Bruder Narbenschwanz erwartet euch bereits.“
Sie nickten ihr zu und traten an das Bett heran, welches in der Mitte des Raumes stand. Der Eliteassassine lag mit erschöpften Gesichtsausdruck auf der Matratze, sein Körper war bis auf eine kurze braune Hose, die nicht viel mehr als eine Boxershorts darstellte, unbekleidet. Er war an sieben Stellen mit Verbänden umwickelt worden,  zwei trug er am linken Bein, drei am rechten Arm, einen um den Bauch herum und den letzten um seinen verwundeten Kopfstachel, was etwas albern aussah. Bei ihm befand sich Teinaava, der in seine eingehüllte Rüstung gekleidet die Hand seines Bruders hielt und eine anmutige Dunkelelfe, die eine ähnliche Robe wie Lisa und Jochen trug. Auch sie musste ein Mitglied der schwarzen Hand sein und winkte ihnen freundlich zu.
Als Narbenschwanz sie bemerkte, hob er erleichtert den Kopf, wurde von Teinaava und der Dunkelelfe allerdings sofort wieder zurückgehalten. Offensichtlich wollte man verhindern, dass er sich allzu sehr bewegte.
„Hallo!“, flüsterte er heiser und ließ es zu, dass man ihm etwas Wasser in den Rachen flößte. Anscheinend waren seine Wunden doch schlimmer, als er ihnen hatte zeigen wollen.
„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Lisa bestürzt und setzte sich auf die schmale Bettkante. Narbenschwanz lachte.
„Was passiert ist? Teinaava ist überbesorgt, dass ist alles! Ich habe erzählt, dass ich einige kleinere Wunden davongetragen habe und er geht los und besorgt mir einen Lähmungstrank, damit ich mich nicht mal mehr rühren kann! Ich sehe aus, wie eine Mumie und das nur, weil mir niemand glauben will, dass mir nichts weiter fehlt!“
„Nichts weiter fehlt?!“, rief Teinaava aufgebracht und schlug verärgert mit dem Schwanz hin und her. „Und ob dir was fehlt! Du hast viel zu viel Blut verloren in den letzten Tagen! Wenn Falanu nicht gewesen wäre…!“
„Wer?“, fragte Jochen und sah sich suchend um. Dann begriff er, dass die Dunkelelfe damit gemeint sein musste. Diese schenkte ihm nun ein nachsichtiges Lächeln und trat auf ihn und Lisa, die sich wieder von der Bettkante erhoben hatte, zu, um sich vorzustellen.
„Er meint mich. Falanu Hlaalu aus der Zuflucht in Skingrad. Ich bin ebenfalls ein Finger der schwarzen Hand und freue mich sehr, eure Bekanntschaft zu machen. Soweit ich informiert bin, werden wir uns heute Abend jedoch wieder begegnen, oder?“
Jochen nickte.
„Entschuldigung“, sagte er leise, doch sie schien es nicht zu stören, dass er nicht gewusst hatte, wer sie war.
„Nicht doch, Geflüsterter. Nach allem, was Ihr und eure Gefährtin bereits für die Bruderschaft getan habt, ist es ein Leichtes, über solcherlei Nichtigkeiten hinwegzusehen.“
„In der Tat“, sagte Ocheeva zustimmend und bot ihnen ein paar Kekse an, die sie jedoch wohlweißlich ablehnten. „Ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass ihr meinen Bruder gerettet habt. Er hat das meiste unbeschadet überstanden, was beachtlich ist, wenn man bedenkt, welche Strapazen er auf sich genommen hat… aber dennoch ist es allein euer Verdienst, dass er hierher kommen und zu mir und Teinaava zurückkehren konnte. Für diese Tat werde ich für immer in eurer Schuld stehen.“
Geschmeichelt und betreten zugleich sahen Jochen und Lisa sich an und lächelten käferklein. Es war schön zu hören, dass all die Mühe, die sie sich gemacht hatten, anerkannt wurde. Sie konnten nur hoffen, dass die ominöse Mutter der Nacht dies ebenfalls tat und bald preisgab, wie sie wieder in ihre eigene Welt gelangen konnten.
„Ja… danke… aber was ist jetzt mit Narbenschwanz? Wird er wieder gesund werden?“
Falanu lachte laut.
„Er ist ein Argonier. Natürlich wird er wieder gesund werden! Vollständig sogar, wenn ich mich nicht irre, aber das kommt zum Glück selten vor. Im Moment muss er lediglich viel essen und trinken, dann wird es ihm bald wieder besser gehen.“
„Seht ihr? Seht ihr?! Es geht mir gut!“
„Nun, das habe ich nicht gesagt… aber es wird dir bald wieder besser gehen. Zumindest dann, wenn du dich in nächster Zeit nicht überanstrengst und dich nicht ausschließlich von Tränken ernährst.“
Narbenschwanz machte ein schmollendes Gesicht und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Blödsinn“, murmelte er leise und nun mussten auch Jochen und Lisa schmunzeln. „Hört nicht auf das, was diese Experten daherschwafeln! Jedenfalls hab ich euch zu mir gerufen, weil ich noch immer das Buch habe, das ihr aus der Tiefenhohnspalte entwendet habt. Es liegt dort, in meiner Truhe.“
Er nickte mit dem Kopf zur gegenüberliegenden Wand, an der die schwere Holzkiste stand. Lisa fiel ein, dass sie sich seinerzeit das Lederband mit dem silbernen Schlüssel um den Hals gehängt hatte und tastete nun hastig danach, um zu überprüfen, ob er noch da war. Erleichtert stellte sie fest, dass er noch genau dort hing, wo er sollte und öffnete den Deckel der Truhe. Darin befand sich wie beschrieben das Buch, welches bei Ocheeva, Teinaava und Falanu Hlaalu ein erstauntes Raunen verursachte.
„Unglaublich!“, hauchte die Dunkelelfe entgeistert und trat einen Schritt näher auf sie zu, vermutlich, weil sie das Buch anfassen wollte. Nach kurzem Zögern hielt Lisa es ihr hin und Falanu strich ehrfürchtig darüber und besah es sich von allen Seiten. „Es ist unsagbar alt“, sagte sie langsam und strich mit den Fingern über den Totenkopf. Die Rubine leuchteten im Fackelschimmer und kleine Flammenspiegelbilder tanzten in ihnen, was sie irgendwie lebendig wirken ließ.
„Es ist unsagbar schwer!“, entgegnete Jochen, der bisher nur von dieser Eigenschaft des Buches gewusst hatte. Zwar hatten die Ausdauertränke ihm jeglichen Muskelkater erspart, aber dennoch war ihm das kräftezehrende Gewicht gut in Erinnerung geblieben.
„Das ist nicht weiter verwunderlich“, sagte die Dunkelelfe. „Schließlich ist es ein daedrisches Buch. Dort auf dem Buchrücken sind daedrische Schriftzeichen, wie sie auch in Morrowind verwendet werden.“
„Morrowind?“, fragten Lisa und Jochen gleichzeitig und erstere war froh darüber, schon geisolightet worden zu sein.
„Oh, Verzeihung, das könnt ihr nicht wissen! Morrowind ist eine Provinz östlich von Cyrodiil. Die meisten der Dunmer leben dort und viele beten die Daedra in Tempeln an.“
„Es sind Götter“, fügte Teinaava ergänzend hinzu, als sich bei den Geflüsterten kein ‚Aha!’ einstellen wollte. „Die Dunmer verehren sie und bieten ihnen Opfer da. Das ist auch der Grund, warum so viele von ihnen hier im Kaiserreich leben.“
Er lächelte verschmitzt und zwinkerte Falanu zu, die bestätigend nickte und sich daran versuchte, die verwischten Schriftzeichen zu entziffern. Ocheeva währenddessen zwang Narbenschwanz die Kekse, die sie vorhin wortlos den Geflüsterten angeboten hatte, in seinen Mund hinein und sagte: „Wenn Telaendril heute Abend wiederkommt, solltet ihr, die ihr das Buch gestohlen habt, diejenigen sein, die es ihr überreichen. Ihr seid doch über das heutige Treffen informiert worden, oder?“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:25
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Lisa und Jochen nickten bestätigend.
„Gut“, sagte die Argonierin. „Das ist so üblich, wenn man in den Reihen der Schwarzen Hand aufgenommen wird. Unsere Ruhigsteller werden ebenfalls an der Versammlung teilnehmen und…“
Es klopfte von draußen an der Tür und Ocheeva stand auf, um sie zu öffnen. Zwei weibliche Zwillinge standen draußen, beide in eingehüllte Rüstungen gekleidet und mit strohblonden langen Haaren. Ihre Augen waren azurblau und ihr Gang war leicht und geschmeidig. Sie waren etwas kleiner als die Geflüsterten, doch von unbeschreiblicher Anmut und sowohl mit Pfeil und Bogen, als auch mit einem eleganten Kurzschwert bewaffnet, welches von der Form her an die Klingen der Elben aus den Herr-der-Ringe-Filmen erinnerte. Ihre Haut war von edler Blässe und nicht eine Spur rot war auf ihren Wangen zu finden. In manchen ihrer Haarsträhnen waren abwechselnd bunte und schwarze Perlen eingeflochten worden, die erste von ihnen trug grüne, die zweite blaue Kugeln.
„Ah, meine Ruhigstellter!“, rief Falanu freudig und gab Jochen das Buch zurück, der es stöhnend auf dem Boden absetzte. „Wir haben gerade von euch gesprochen.“
„Ich hoffe, nur Gutes“, sagte die erste der beiden und verbeugte sich leicht. Sie und ihre Schwester waren ungefähr in Jochens und Lisas Alter, etwas jünger vielleicht, aber auf jeden Fall achtzehn. Sie trugen beide ihr Haar offen und jede ihrer Bewegungen schien der der anderen bis ins letzte Detail zu gleichen.
„Eigentlich ging es nur darum, dass ihr heute Abend in den Gemächern der Schwarzen Hand zugegen sein werdet“, antwortete die Sprecherin und stellte sich in die Mitte zwischen Lisa, Jochen und den Zwillingen, um sie einander vorzustellen.
„Dies hier sind Dinahria und Danahla Othram. Von den meisten werden sie ‚Dinah’ und ‚Danah’ genannt, doch das bleibt euch überlassen. Und das hier sind…“
„Die Geflüsterten!“, beendeten die Zwillinge wie aus einem Mund den Satz und Jochen fragte sich, ob sie das Isolight-Spiel kannten.
„Sehr angenehm“, sagte er und streckte ihnen die Hand aus, doch anstatt diese zu ergreifen, verbeugten sich Dinah und Danah vor ihm und Lisa. Verblüfft und ratlos, wie sie darauf reagieren sollten, warteten sie ab und als nichts geschah, schlug Lisa unschlüssig vor: „Also, wenn wir wollt, könnt ihr auch wieder hochkommen…“
„Ja, Geflüsterte!“, antworteten sie schon wieder gleichzeitig und stellten sich aufrecht vor ihnen hin.
„Wie kommt es, dass du zwei Ruhigsteller hast?“, fragte Lisa neugierig, denn soweit sie es richtig verstanden hatte, hatte jeder Finger lediglich einen persönlichen Diener, über den er frei verfügen konnte.
„Eine Ausnahme“, antwortete Falanu stolz und musterte die Zwillinge wohlwollend. „Beide kamen für diese ehrenwerte Aufgabe in Frage und als ich mich nicht zwischen ihnen entscheiden konnte, habe ich Telaendril gebeten, die Mutter der Nacht um Rat zu fragen. Diese wollte genauso wenig wie ich, dass die beiden getrennt werden und befahl schließlich, dass ich sie beide zu meinen Ruhigstellern machen sollte.“
„Wir sind der Mutter der Nacht sehr dankbar“, sagte Dinah, welche sich von ihrer Schwester nur anhand der grünen Perlen in ihrem Haar unterschied.
„Ja“, sagte Danah und nickte gewichtig. „Sie hat dafür gesorgt, dass wir zusammenbleiben können.“
Dabei sah sie Lisa vielsagend an, während Dinah Jochen genauer beobachtete.
„Hey, klasse…! Herzlichen Glückwunsch“, murmelte Lisa verlegen, weil es ihr unangenehm wurde, so von Danah angestarrt zu werden. „Also, wenn das alles war… dann können wir doch jetzt eigentlich auch wieder gehen… oder?“
„Ja“, sagte Ocheeva schmunzelnd und gab Narbenschwanz, der laut fluchte, einen weiteren Keks. „Wenn ihr möchtet, dürft ihr unseren Patienten nachher noch einmal besuchen, jetzt aber ist es besser, wenn er sich erst einmal ausruht.“
Sie sah lächelnd zu ihren Bruder herüber, der ihr die Zunge rausstreckte, aber man konnte dennoch erkennen, dass er insgeheim sehr froh war, bei ihr und Teinaava zu sein.
„Wir sollten auch gehen“, stellte Falanu fest und klatschte abschließend in die Hände. „Wenn noch etwas benötigt wird, ich befinde mich in den Gemächern der Schwarzen Hand. Allerdings dürfte Narbenschwanz mit dem, was ich bisher für ihn bereitgestellt habe, fürs erste zurechtkommen. Trotzdem, man kann ja nie wissen.“
Sie stellte eine kleine Phiole mit – wie konnte es anders sein? – einer rosafarbenen Substanz auf den Tisch und bedeutete den Zwillingen mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen. Dinah und Danah liefen ihr im Gänsemarsch hinterher und blickten Jochen und Lisa zum Abschied schwärmerisch entgegen. Offenbar hatten sie soeben zwei neue Bewunderer gewonnen.
„Auf Wiedersehen, Narbenschwanz! Wir schauen nachher noch mal vorbei!“
„Und wir bringen dir Bier mit!“, rief Jochen und winkte der im Bett liegenden Schattenschuppe zum Abschied zu. Er hatte das Buch unter seinen Arm geklemmt und hievte es hin und wieder hoch, da es ständig drohte, herunterzurutschen.
Als sie die drei Argonier alleine gelassen hatten und draußen auf dem Flur standen, waren sie zunächst unschlüssig, was sie als nächstes tun sollten, da sie es bisher gewohnt waren, von einer Person zur anderen geschickt zu werden. Falanu und die Zwillinge, welche dem Gang nach links folgten, betraten den Bereich, der ausschließlich Mitgliedern und Ruhigstellern der Schwarzen Hand zugänglich war. Ein rotes Handsymbol war neben der Tür, welche zu diesen besonderen Gemächern führte, in die Wand eingelassen und leuchtete rot, als die Sprecherin ihre eigene Hand dagegen drückte. Sofort schnappte das Schloss auf und sie erhielten Zugang. Danach fiel der hölzerne Türflügel mit einem lauten Krachen wieder zu und sie standen allein auf dem Korridor.
„Reizend, die drei“, murmelte Lisa zynisch und überlegte, ob sie und Jochen ebenfalls Zutritt zu den Gemächern der Schwarzen Hand erhalten hatten.
„Ich find sie eigentlich ganz nett“, erwiderte Jochen und meinte damit die Dunkelelfe. „Allerdings finde ich die Zwillinge etwas gruselig. Hast du gesehen, wie die mich angestarrt haben? Zum Glück hatte ich meine Brille nicht auf!“
Lisa grinste bei dem Gedanken daran, wie Dinah und Danah danach fragten.
„Stimmt.“
Sie lächelten.
„Was wollen wir jetzt eigentlich bis zum Abend tun?“, fragte Jochen ein wenig ratlos, da sie sich im Moment um keinen besonderen Auftrag kümmern mussten.
„Keine Ahnung“, antwortete Lisa und zuckte die Schultern. „Wir könnten eigentlich mal frühstücken gehen.“
„Wohl eher Mittagessen“, sagte Jochen und sah auf seine Uhr, die er nach den Zeigern der großen Kapelle von Cheydinhal gestellt hatte. Zu seiner großen Erleichterung war die Zeit hier ebenfalls in genau zwölf, beziehungsweise vierundzwanzig Stunden eingeteilt, sodass er auch hier stets wusste, wie spät es war. „Es ist bereits kurz vor zwei. Vielleicht gibt es ja in den Wohngemächern etwas zu schnabulieren.“
„Dimm-dü-düpp-düpp!“, machte Lisa theatralisch und prustete einen Augenblick später los. Jochen tat es ihr gleich, weil ihre Äußerung so unerwartet gekommen war und gemeinsam gingen sie lachend nach rechts zur Eingangshalle zurück und mit einer gewissen Vorfreude in den Wohnraum, wo es bereits köstlich duftete.
„Hm“, seufzte Jochen und sog den Geruch tief ein. „Das riecht nach Auflauf! Gnihihi! Los, komm, bevor alles weg ist!“
Sie erwarteten bereits eine große Gruppe von Mitgliedern der Dunklen Bruderschaft, die sich heißhungrig um einen großen Topf gestellt hatten und diesen nun bis zum Boden ausleerten. Doch als sie die Treppenstufen, die zum eigentlichen Wohnraum führten, hinuntergeeilt waren, fanden sie nur Antoinetta Marie vor, die gerade eine große Tonform aus dem Backofen holte. Mit prüfendem Blick besah sie sich ihr Werk und nickte dann zufrieden. Als sie sie bemerkte, winkte sie fröhlich und rief: „Kommt ruhig näher! Es ist gerade fertig geworden!“
Verwundert taten sie, wie geheißen und setzten sich staunend an den Tisch, der bereits fertig mit Silbergeschirr gedeckt worden war, welches bis ins letzte Detail glänzte. Jochen legte das schwere Buch neben sich auf der Bank ab und achtete sorgsam darauf, dass es nicht herunterfallen konnte. Dann bemerkte er auf seinem Teller einen kleinen Schokoladenbonbon. Auf Lisas war ein ähnlicher zu finden.
„Hast du uns erwartet?“, fragte Jochen ein wenig misstrauisch und beobachtete, wie die blonde Frau aus einer der Schubladen des Küchenschrankes eine große Kelle hervorholte.
„Nicht wirklich, nein“, antwortete sie und griff nach zwei Topflappen, mit denen sie die Auflaufform umfasste und auf einem auf dem Tisch liegenden hölzernen Untersetzer abstellte. „Aber ich decke immer ein paar Gedecke mehr auf, weil ich es nicht mag, alleine zu essen.“
„Warum isst du denn dann nicht mit den anderen zusammen?“, fragte Lisa erstaunt und wurde von dem Geruch des Essens stark an den Zucchiniauflauf erinnert, den sie einmal für Jochen gemacht hatte. „Ich dachte, es gibt hier so etwas wie feste Essenszeiten.“
Antoinetta kicherte.
„Ja, das stimmt, die gibt es auch. Aber ich bin nun einmal die einzige hier, die sich traut, mit Knoblauch zu kochen.“
„Sich traut?“
Jochens Augen weiteten sich vor Freude, als ihm der Teller mit dem Auflauf gefüllt wurde.
„Ja. Sich traut. Die meisten der Mitglieder wagen es nicht einmal, das Wort Knoblauch in den Mund zu nehmen, wenn Vicente auch nur in der Nähe ist. Aber dann auch noch damit zu kochen… als ich noch nicht Luciens Ruhigsteller, sonders ein Assassine dieser Zuflucht war, hat er sogar einmal damit gedroht, mich zu einem Vampir zu machen, wenn ich nicht damit aufhören würde, Speisen mit Knoblauch zuzubereiten. Seitdem wird damit nur noch gehandhabt, wenn Vicente sich gerade auf einem Auftrag befindet.“
Jochen dachte etwas peinlich berührt daran, wie er und Lisa vor wenigen Tagen noch mit dem Vampir gesprochen hatten und er am Abend davor Unmengen von Knoblauch in sich hineingeschaufelt hatte. Dann allerdings blickte er auf das Essen auf seinem Teller und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Verstehe“, sagte Lisa langsam, die den gleichen Gedanken wie Jochen gehabt hatte. „Und das hat dir keine Angst gemacht?“
Antoinette schüttelte den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht. Vicente ist zwar ein Vampir, aber er ist nicht stärker als ich. Davon abgesehen wäre seine Tat einem Angriff gleichgekommen und das hätte den Zorn von Sithis erweckt.“
Sie tat Lisa ebenfalls eine Portion auf den Teller, danach sich selbst und setzte sich dann zu ihnen.
„Echt? Aber ich dachte, es sei lediglich verboten, ein Mitglied zu töten.“
„Korrekt. Das dritte Gebot der Dunklen Bruderschaft besagt jedoch, dass man Mitgliedern höheren Ranges niemals den Gehorsam verweigern darf und da ich damals recht schnell in den Rang eines Assassinen aufgestiegen bin und Vicente nur ein Schlächter war, hatte er keinerlei Recht mehr, mir Befehle zu erteilen. Die Tatsache, dass ich nun auch noch Ruhigsteller geworden bin, hat ihn mir gegenüber noch feindseliger werden lassen, obwohl er mittlerweile den Platz eines Henkers ausfüllt.“
Lisa sah sie verwirrt hat und vergaß völlig, ihre gefüllte Gabel zum Mund zu führen. Als es ihr wieder einfiel, steckte sie sich den Bissen hastig zwischen die Zähne und fragte, nachdem sie sorgsam gekaut hatte: „Äh… diese Rangabfolge… wie war die doch gleich noch mal?“
Antoinette schmunzelte und tupfte sich geziert mit einer Servierte die Lippen ab.
„Das ist ganz einfach“, sagte sie leichthin und goss sich in ihr Silberglas Rotwein ein. ‚Tamika’ war auf dem Etikett der braunen Flasche zu lesen. „Es gibt insgesamt acht Stufen innerhalb der Familie. Die erste hat man bereits erreicht, wenn man den Probemord ausgeführt hat.“
„Den Probemord?!“, fragte Jochen entgeistert und verschluckte sich beinahe an seinem Essen. „Was für ein Probemord?“
„Davon hat Gogron uns doch mal erzählt, weißt du noch?“, antwortete Lisa und entsann sich der Geschichte des Orks. „Er musste damals einen Mann namens Rufio töten und unser Probemord war Kapitän Tussaud.“
„Der, den wir als erstes umbringen mussten…“, sagte Jochen nachdenklich und kaute ein wenig langsamer.
„Richtig!“, sagte Antoinetta zustimmend und freute sich offenbar, dass Lisa und Jochen sie verstanden hatten. „Diese erste Stufe, die man damit erreicht hat, ist die Stufe des Mörders. Folglich sind die meisten Mitglieder der Dunklen Bruderschaft Mörder, denn es ist nicht immer leicht, in den nächsten Rang aufzusteigen. Je mehr man sich in der Ordnung hocharbeitet, desto schwieriger und riskanter werden die Aufträge, die man erhält. Als Mörder ist es ein Kinderspiel, jemanden zu ermorden, weil die Ziele meistens allein und in leicht zugänglichen Gebäuden oder gar in der freien Wildnis zu finden sind. Als Schlächter ist es da schon ein wenig schwieriger. Das ist die zweite Stufe, die man erreichen kann.“
Interessiert hörten die Geflüsterten ihr zu und erfuhren in den folgenden zwei Stunden, das nach dem Schlächter der Eliminator, dann der Assassine, als fünftes der Henker und danach der Ruhigsteller kam. Die schwarze Hand, bestehend aus den vier Fingern und einem Zuhörer bildete die Oberschicht und der Zuhörer hatte das absolute Kommando und musste nur von der Mutter der Nacht persönlich Befehle entgegen nehmen.
„Das ist eigentlich schon alles“, sagte sie abschließend und füllte Jochens Teller ein zweites Mal, der sich sofort über seine neue Mahlzeit hermachte. „Viel mehr gibt es nicht zu erzählen, außer natürlich, dass mit dem Rang auch die Belohnungen steigen. Mein Schwert hier zum Beispiel“, sie tippte an die Scheide der Klinge, „war Teil meines Soldes, als ich Luciens Ruhigsteller wurde. Es ist mit einem Seelenfallenzauber behaftet und deswegen schimmert es so violett, wenn man es auf einen Gegner richtet.“
„Was ist ein Seelenfallenzauber?“, fragte Jochen neugierig, bevor er mit dem Messer noch mehr Auflauf auf seine Gabel schob.
„Das wisst ihr nicht?!“, frage Antoinette verwundert und sie schüttelten die Köpfe. „Seltsam… so etwas weiß eigentlich jeder… nun ja, wie auch immer. Seelenfallen sind dazu da, um die Seele eines Lebewesens, das man tötet, einzufangen. Sie sind extrem nützlich, wenn man verzauberte Waffen benutzt.“
„Wie jetzt?“, fragte Lisa, die nicht richtig durchschaute, wovon Antoinetta sprach. „Wie kann man denn eine Seele ‚einfangen’? Ist das jetzt symbolisch gemeint?“
Die Ruhigstellerin bedachte sie mit einem skeptischen Blick.
„Nein, wie kommst du darauf? Seelenfallen gibt es wirklich, es sind Zaubersprüche oder verzauberte Waffen, die man auf Tiere und Monster anwenden kann. Man braucht dazu nur den Zauber und einen Seelenstein, in dem die Seele aufbewahrt wird.“
Jochen und Lisa sahen sich staunend an und versuchten sich vorzustellen, wie so ein Seelenstein aussehen mochte. Beide hatten das Bild eines gläsernen Kiesels vor sich, in welchem ein kleines Männchen saß und wütend von innen mit der Faust gegen die durchsichtige Wand hämmerte. Als Antoinetta bemerkte, dass sie sich auch unter diesem Begriff nichts vorzustellen vermochten, holte sie aus ihrer Hosentasche einen kleinen, violetten Stein hervor, der zu Jochens und Lisas Verwunderung genauso aussah, wie ihre beiden Glücksbringer, die sich in ihren Roben befanden.
„Hier, so sehen sie für gewöhnlich aus. Es gibt viele verschiedene Sorten von ihnen, je nachdem, wie groß die Seele ist, die man einfangen will. Man zerschlägt den Stein mit der Waffe und die magische Energie wird von der Klinge aufgesogen. Ich hatte einmal das Vergnügen, mit Mraaj’ Dar zusammenzuarbeiten. Damals trug ich noch ein Feuerschwert und der Khajiit hat es dann wieder und wieder mit seinen Seelensteinen aufgeladen, während ich die Gegner, die sich uns in den Weg stellen, beseitigt hab. Das waren noch Zeiten…!“
Sie leerte ihr Glas in einem Zug und zog ihr Schwert aus seiner Scheide heraus. Dann warf sie den Seelenstein hoch, zerteilte ihn mit der Klinge in der Luft, worauf er zerbarst und in tausenden von Lichtfunken zerstäubte. Kurz darauf nahm ihre Waffe einen verdächtig violetten Farbton an und glänzte in Licht der Fackeln, die an den Wänden brannten.
„Seht ihr? So geht das. Die Seele ist im Seelenstein solange gefangen, bis man ihn zerschlägt und die Seele in die Waffe übergeht. Danach wird sie mit jedem Hieb, den man ausführt, verbraucht, bis sie schließlich ganz verschwindet und man eine neue Seele fangen muss. Ziemlich grausam, nicht wahr?!“
Sie grinste feixend und steckte ihr Schwert in die Halterung zurück.
„Allerdings“, versetzte Lisa bestürzt und malte sich aus, wie es wäre, wenn ihre Seele ‚verbraucht’ würde. Sonderlich angenehm stellte sie es sich nicht vor.
„Nun ja, so ist Tamriel eben. Schön und doch grausam. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zum Ruhigsteller aufgestiegen bin: Ich sollte in Skingrad an einer inszenierten Feier teilnehmen und alle fünf Teilnehmer nacheinander ermorden, sodass niemand mitbekommt, wie der andere stirbt. Meine eingehüllte Rüstung konnte ich da natürlich nicht tragen, sonst hätte ich mich sofort verraten. Also musste ich mich verkleiden und ein wenig Schminke auflegen, wenn ihr versteht, was ich meine. Das ist oft so in unserem Handwerk: Wir sind nicht nur Mörder, sondern auch Schauspieler und Betrüger, die ihre Opfer umschmeicheln müssen, um sie hervorzulocken. Das Lustige an der ganzen Sache damals war, dass Lucien mich im letzten Moment davon abhielt, die Dunmer Dovesi Dran, die ich mir bis zum Schluss aufgespart habe, zu töten. Stattdessen hat er sie rekrutiert und sie zu einem Mitglied der Dunklen Bruderschaft gemacht. Wie sie später herausstellte, war sie eine gesuchte Banditin, die dem Organisator der Feier schon so manches Mal ein Dorn im Auge war.“ Antoinetta kicherte erneut. „Und nun ist sie ein Henker in Anvil und obendrein Hüter von Haus Benirus, der dortigen Zuflucht unserer Familie.“
„Wow“, sagte Lisa und nickte anerkennend. Das, was Antoinetta ihnen berichtet hatte, war unerwartet interessant, doch zugleich war es auch befremdlich, mit einer Frau am Tisch zu sitzen, die auf so undenkbar kaltblütige Weise morden konnte. Dennoch wirkte Luciens Ruhigstellerin unbeschwert, nahezu unschuldig, besonders dann, wenn man sie kichern hörte und Lisa fragte sich, ob sie verrückt war.
Jochen war mit seiner zweiten Portion fertig geworden und lehnte sich nun zufrieden in seinem Stuhl zurück. Er hatte dem Gespräch halbherzig gelauscht und griff nach einer Servierte, um sich – was dringend nötig war – den Mund abzuwischen.
„Ich hab Lust auf ne Zigarette“, murmelte er leichthin und wurde sofort von Lisa in die Seite gepiekst.
„Hast du nicht!“, sagte sie entschieden und sah ihn finster an.
„Hab ich wohl!“, antwortete er herausfordernd.
„Wovon redet ihr?“, fragte Antoinetta neugierig und sah sie erwartungsvoll an. Jochen und Lisa erwiderten ungläubig ihren Blick.
„Zigaretten“, sagte Jochen langsam und zögerlich. „Tabak…! Filter.“
Als Antoinetta ihn immer noch fragend anstarrte, begriff er plötzlich, dass es in Cyrodiil keine Zigaretten gab und er sich vergeblich wünschen würde, auch nur eine von ihnen genießen zu können.
„Das darf nicht wahr sein!“, sagte er resigniert und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. „Das darf einfach nicht wahr sein. Keine Zigaretten.“
„Kein Unterschied zu sonst, möchte ich meinen“, hänselte ihn Lisa, die nun schadenfroh grinste und der Ruhigstellerin erklärte: „Zigaretten sind Drogen, die die Lunge verpesten.“
„Das stimmt überhaupt nicht!“, unterbrach Jochen sie und knuffte sie an der Schulter. „Zumindest nicht, wenn man nur eine am Tag raucht!“
Antoinetta runzelte die Stirn und fragte zweifelnd: „Man… man raucht sie…? Wie geht denn das?“
Jochen ließ die Arme sinken, mit denen er gerade noch Lisas Haare durcheinander wuscheln wollte und überlegte.
„Man… äh… man atmet Qualm ein… nein, äh, Rauch, mein ich… den Rauch des Tabaks.“
„Igitt!“, machte Antoinetta und verzog bei dem Gedanken angeekelt das Gesicht.
„Allerdings!“, versetzte Lisa triumphierend und sah Jochen dabei überlegen grinsend an. „Und ungesund ist es obendrein, davon abgesehen, dass es stinkt und süchtig macht!“
Die Augenbrauen der Ruhigstellerin zuckten nach oben.
„Süchtig, sagst du?! Nun, dann muss es sich um eine Droge handeln.“
Lisa nickte und ignorierte Jochens protestierendes „Gar nicht wahr!“
„Wir haben in Cyrodiil ebenfalls Drogen, falls ihr mehr darüber wissen wollt. Das Zeug nennt sich ‚Skooma’ und ist im gesamten Kaiserreich verboten worden. Teinaava hat von seinem letzten Auftrag Unmengen von dem Zeug mitgebracht, weil er in der Kaiserstadt einen Hochelfen namens Faelian umbringen sollte, der von Skooma anhängig war.“
„Abhängig?“
Lisa verzog ungehalten den Mund, die Worte ‚Drogen’ und ‚abhängig’ klangen nicht gut in ihren Ohren. Antoinetta zog ein kleines Fläschchen, welches wie erwartet eine rosafarbene Flüssigkeit enthielt, aus ihrer Hosentasche und stellte es vor sich auf den Tisch. Ihren Teller schob sie beiseite und Jochen und Lisa stapelten ihre eigenen darauf, um eine freie Fläche zur Verfügung zu haben.
„Das ist Skooma!“, sagte ihr Gegenüber feierlich und verrückte die Auflaufform ebenfalls ein wenig. „Das Zeug ist berüchtigt bei den Stadtwachen. Seine Auswirkungen sind wirklich immens und sogar ein Tropfen zuviel kann tödlich sein! Wer sich auf diese Droge einlässt, der ist entweder mutig oder wahnsinnig… oder schlichtweg beides.“
Sie entkorkte das Fläschchen und ein süßlicher, irgendwie nach Vanille riechender Duft entströmte der Phiole.
„Das riecht wie Vanilleextrakt“, sagte Lisa, die ungläubig schnupperte und schon befürchtete, dass Antoinetta sie auf den Arm nehmen wollte. „Was soll daran so gefährlich sein?“
„Das wirst du schon sehen!“, antwortete die Ruhigstellerin prompt und grinste schadenfroh, als hätte sie der Geflüsterten soeben einen gelungenen Streich gespielt. „Die Wirkung dieses Stoffes ist enorm. Es verdoppelt Stärke, Schnelligkeit und Ausdauer um das Doppelte. Wisst ihr, was das heißt?“
Jochen setzte zu einer Erwiderung an, zögerte und ließ den Finger, den er zuvor gehoben hatte, wieder sinken. Dann gab er sich schließlich doch einen Ruck und sagte: „Dass man doppelt so schnell, stark und ausdauernd ist, wie vorher?“
Antoinetta sah ihn verblüfft an und blinzelte. Nach einer Weile nickte sie und murmelte leise: „Ja… genau das heißt es.“
„Na, Wahnsinn!“, rief Lisa verdrossen, weil sie mit einer etwas spektakuläreren Antwort gerechnet hatte, vor allem mit einer, die nicht so offensichtlich war.
„Ist es wirklich!“, versicherte die blonde Frau und hielt sich das rosa Fläschchen dicht unter die Nase. „Allein schon der Geruch verstärkt die Körperfähigkeiten.“
„Ach was?!“, machte Lisa und verzog die Mundwinkel. „Aber wenn das Zeug abhängig macht, warum nimmst du es dann?“
Antoinetta zuckte die Schultern und setzte dann eine verträumte Miene auf, als sie sich das Fläschchen erneut unter die Nase hielt. „Vermutlich aus Nostalgie“, sagte sie dann und lächelte selig. „Ich habe es während meiner Zeit, als ich noch mittellos auf der Straße lebte, des Öfteren genossen. Meine Eltern waren beide Schwerverbrecher, die bis vor einigen Jahren im Kaiserlichen Gefängnis saßen und als ich dreizehn war, ließen sie mich ohne eine Goldmünze zurück. Da der Hunger sich irgendwann bemerkbar machte, musste ich anfangen zu stehlen und immer neue Wege finden, um an den Stadtwachen vorbeizukommen. So entdeckte ich irgendwann die Kanalisation für mich.“
Jochen erinnerte sich, dass er und Lisa von dem Argonier, der sie über den See in die Kaiserstadt transportiert hatte, Ähnliches erfahren hatten und viele Diebe in der Hauptstadt von Cyrodiil die Kanalisationssysteme nutzten, um sich an den wohlhabenden Leuten zu bereichern.
„Als ich einige Wochen dort unten gelebt hatte und nachts in die Läden einstieg, um mir etwas zu essen zu nehmen, fand ich hinter einer unauffälligen Trennwand ein paar Holzkisten, die bis obenhin mit Skooma gefüllt waren. Was folgte, war eine dreijährige Abhängigkeit, bis mich Lucien fand und für die Dunkle Bruderschaft rekrutierte. Er war es auch, der mich von meiner Sucht befreite. Doch manchmal…“
Sie seufzte schwer.
„… manchmal gedenke ich einfach der alten Zeit, in der ich eine Straßendiebin war und nicht, wie jetzt, ein angesehenes Mitglied unserer Familie.“
Antoinetta steckte die Finger ineinander und knackte laut hörbar mit ihnen. Ihre Stimme war etwas leiser geworden, als sie fortfuhr.
„Ich werde Lucien Lachance immer als meinen Retter in Erinnerung behaalten. Als er mich fand, lebte ich in der Gosse, nur einen Schritt vom Tod entfernt. Ich verdanke ihm alles.“
„Interessant“, murmelte Lisa langsam und sah plötzlich einen schwarzen Fleck vor ihrem Auge, der stetig wachsend immer größer wurde und schließlich ihr gesamtes Sichtfeld ausfüllte. Ihr wurde schwindelig und sie stützte hastig ihre Ellenbogen auf der Holztafel auf.
„Was ist?“, fragte Jochen sofort besorgt, allerdings sauste ihm einen Augenblick später ebenfalls ein schwarzer Fleck über die Netzhaut, der einfach nicht verschwinden wollte und sich hartnäckig immer weiter ausbreitete. Vorsichtig tastete er nach einem Wasserkrug oder etwas Ähnlichem, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen, doch stellte sich dieses Unterfangen als ungleich schwieriger heraus, wenn man von einem Moment auf den anderen nichts mehr sehen konnte. Nach einer Weile ließ er die Arme sinken, denn in ihnen herrschte eine bleierne Schwere.
„Was ist los…?“, fragte er hilflos und drehte seinen Kopf so, dass er hoffte, Antoinetta anzusehen.
„Was soll los sein?“, fragte ihre Stimme unschuldig zurück. Dann schien sie zu begreifen, was in ihm und Lisa vorging. „Oh, ihr habt nur etwas Skooma genommen. Ich habe es unter den Auflauf gemischt, weil ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet hatte, dass noch jemand kommen und mir Gesellschaft leisten würde…“
„WAS?!“, rief Lisa entsetzt und versuchte wütend, aufzustehen. „Das sagst du uns jetzt?! Wir wollen keine Drogen nehmen!“
Sie stolperte rückwärts an eine Säule und stützte sich an ihr ab, um nicht völlig die Orientierung zu verlieren. Jochen hörte ihre Stimme etwas weiter entfernt und erhob sich schwerfällig, um zu ihr zu gehen. Dann erinnerte er sich an das Buch, drehte sich noch einmal um, um es mit größter Mühe aufzuklauben und hustete laut. Durch seine Blindheit fühlte er sich wehrlos ausgeliefert und bewegte sich instinktiv schutzsuchend auf Lisa zu, um nach ihren Händen zu greifen.
„Beruhige dich, Schwester!“, sagte Antoinetta beschwichtigend und sie hörten, wie sie ebenfalls aufstand und ihnen folgte. „Es wird nichts Schlimmes passieren, nur ein Rausch wird einsetzen und das war alles. Es dauert ein bisschen, bis man wirklich von Skooma süchtig wird.“
Jochen hatte Lisa mittlerweile erreicht und hielt sich an ihr fest, während sie bei ihm das gleiche tat. Wankend tasteten sie sich mit ihren Füßen voran und gingen zaghaft in Richtung Tür, da sie beide nur noch aus diesem Zimmer und in ihre Kammer wollten, wo sie sich vor den anderen Mitgliedern erst einmal verschanzen konnten. Mit ausgebreiteten Armen suchten sie nach etwaigen Hindernissen und erreichten die ersten Treppenstufen nach einer Weile.
„Wartet, Geflüsterte!“, rief die Ruhigstellerin aufgeregt und träge zugleich, da vermutlich auch bei ihr die Droge langsam Wirkung zeigte. „Ihr solltet hier bei mir bleiben! Es ist besser, jemanden mit Erfahrung zu haben, der…“
Weitere Worte hörten sie nicht, nur ein krachendes Poltern und das Klirren von Silberbesteck. Anscheinend hatte Antoinetta das Gleichgewicht verloren und war gegen den Tisch gefallen. Jochen und Lisa kümmerten sich nicht weiter drum, sie bemühten sich lieber, aus dem Wohnraum hinauszukommen und hatten nach einer gefühlten Ewigkeit endlich die Tür erreicht. Beide sprachen kein Wort zueinander, zu schwer lagen die Zungen in ihren Mündern und sie spürten, dass sie nicht mehr fähig waren, sich zu artikulieren. Mit einem Ruck riss Jochen den Holzflügel auf und trat in die Eingangshalle, die unsichtbaren Gewichte, die an seinen Gliedmaßen hingen, wurden immer lästiger. Auch Lisa schien es ähnlich zu gehen, sie wankte träge hin und her und bemühte sich verzweifelt, auf den Beinen zu bleiben.
„Ficken…!“, hörte Jochen sie laut fluchen, bevor er selbst merkte, wie seine Beine einknickten und er hilflos in eine rauschende Ohnmacht fiel…

Es dauerte eine Weile, bis er wieder dazu fähig war, etwas wahrzunehmen. Als er die Augen öffnete, befand er sich nicht länger in der Zuflucht, sondern in seinem alten Klassenraum der 11.1, in welchem gerade Frieder Sommer die Worte „carpe diem“ an die Tafel schrieb. Lisa saß am anderen Ende des Zimmers auf ihrem Platz, außer ihnen und dem Lateinlehrer war niemand da. Jochen starrte perplex auf den College-Block, der vor ihm auf dem Tisch lag und stutzte einen für ziemlich langen Moment. Dann blickte er wieder zu Lisa, riss von einem DinA4-Papier ein Stückchen ab und schrieb mit seinem Kugelschreiber, den er plötzlich in der Hand hielt: „Ist das hier die Wirklichkeit?“
Dann faltete er den Zettel so klein wie möglich und schnippte ihn zu ihr herüber. Sie fing ihn geschickt auf und faltete ihn auseinander. Frieder Sommer blickte weiterhin auf die Tafel und beachtete seine Schüler nicht. Den Worten, die er angeschrieben hatte, schien er jedenfalls nicht nachkommen zu wollen. Lisa schnippte den Zettel zurück, auf dessen Rückseite nun zu lesen war: „Nein, ich glaub nicht. Sonst würde diese komische Zitronenkaktusbaumfrucht nicht dort stehen.“
Jochen sah sich verwirrt um und schaute suchend auf das Lehrerpult, auf dem mit einem Mal ein brauner Blumentopf stand, aus welchem wiederum tatsächlich ein Kaktus mit Blättern und Zitronen an den einzelnen Ästen emporwuchs. Kopfschüttelnd über diese Entdeckung riss Jochen einen weiteren Zettel ab.
„Was machen wir hier?“
„Wir sind auf einem Drogentrip. Nur die Ruhe, das hatte ich schon mal.“
„Mit Nico, Sina und Tamara?“
„Eben drum.“
„Das ist scheiße! Lass uns abhauen!“
„Hab’s schon versucht. Wir können nicht aufstehen. Auch nicht reden. Das gehört mit zu der Vision.“
Jochen stutzte. Er und nicht reden können? Das wollte er nicht glauben. Mit größter Zuversicht formte er das Wort ‚Hitler’ in seinem Mund und war kurz davor, es auszusprechen, als irgendetwas in seinem Hals stockte und er nur ein Röcheln herausbrachte. Erstaunt beobachtete er, wie eine Seifenblase seinen Rachen verließ und quer durch den Raum schwebte, bevor sie denselben schließlich durch das offene Fenster verließ. Auch seine Beine versagten ihm den Dienst und er konnte nicht einmal seine Zehen bewegen, geschweige denn mit den Füßen wackeln oder gar aufstehen.
„Verdammt, du hast Recht!“, schrieb er auf den nächsten Zettel.
„Na, watt ne Erkenntnis!“
„Was machen wir jetzt?“
„Warten, bis diese Vision vorübergeht und die nächste kommt, schätze ich.“
„Wie, die nächste…?“
Kaum hatte Jochen diese Worte ausgeschrieben, veränderte sich der Raum und wurde zu dem kleinen Wald, in dem er mit Lisa, Anna, Jakob, Wulf und Sophie den Zombiefilm gedreht hatte. Er sah Lisa in die Augen, sie hatte ihre schwarzen Kontaktlinsen drin und schaute sich staunend um.  Wulf war gerade dabei, seine Axt zu begutachten und Sophie schwang mit der Kamera herum.
„Warum eigentlich immer Hitler?“, fragte Lisa leise und blickte zu Anna hinüber, die schreiend vor Jakob wegrannte.
„Ich weiß nicht… mir war einfach danach. Was passiert jetzt?“
„Keine Ahnung.“
„Du warst doch schon mal bekifft!“, rief Jochen vorwurfsvoll und schaute sie von der Seite an. „Du müsstest das doch wissen!“
„Was soll das denn heißen?“, fragte sie beleidigt und verschränkte die Arme. „Als ich das letzte Mal bekifft war, war ich es jedenfalls alleine!“
„Großartig“, murmelte Jochen resigniert und guckte Sophie dabei zu, wie sie die Kamera erneut drehte. Als das Objektiv auf ihn und Lisa zeigte, wechselte die Szene wieder und sie hatten das Gefühl, einen unendlichen Abgrund herunterzufallen. Zuerst war alles schwarz, doch dann nahm ihre flüchtige Umgebung langsam Farben und Formen an. Eine steile, rotfarbene Felswand ragte neben ihnen auf und führte auf eine spärlich mit Gräsern bewachsene Steppe zu, die sehr schnell näher kam. Hart schlugen sie auf dem staubigen Boden auf und rieben sich die schmerzenden Köpfe.
„Autsch…!“
Jochen erhob sich langsam und erforschte mit den Augen ihre neue Umgebung. Sie waren in einem weiten Tal, welches von kleinen Lebewesen bewohnt war. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass es winzige Wölfe und Tiger waren, die ziellos in der Gegend umherstreiften. Jochen sah sich routiniert nach Lisa um, doch Lisa war nicht da. Stattdessen stand ihm ein mächtiger Taure gegenüber, der mit einer großen Axt bewaffnet verblüfft an sich heruntersah.
„Urbaine?!“, fragte Jochen unsicher und wich einen Schritt zurück. Lisa schien ihn erst jetzt zu bemerken und stolperte rückwärts, als sie ihn erblickte.
„Stampfi? Ich meine… Jochen?“
Jochen nickte. Dann fielen sie sich gegenseitig in die Arme. Die Hörner störten etwas dabei und sie mussten sich erst ein wenig daran gewöhnen, doch trotzdem tat die Berührung des anderen gut. Mit zitternden Gliedern lösten sie sich einen Moment später wieder voneinander und sahen sich mit wässrigen Augen an.
„Oh, Gott…! Das darf doch alles… bist das wirklich du?“
Urbaine nickte zaghaft, durch das ungewohnte Gewicht der Hörner auf seinem Kopf fiel die Bewegung etwas beherzter aus, als sonst.
„Kaum zu glauben, was…?“
„Nicht so wirklich, nee. Aber wir sind zusammen. Das ist das Wichtigste!“
Stampfi umschloss fest Urbaines Pranke und entlockte dem Tauren einen leisen Schmerzenslaut, den er nicht unterdrücken konnte.
„Tschuldigung!“
„Macht ja nichts“, murmelte Urbaine nachsichtig und beäugte sich seine Waffe, die er in der anderen, nicht zerdrückten Hand hielt. Offenbar schien Tauren Schmerz nicht besonders lange etwas auszumachen.
„Sind wir tatsächlich in Mulgore?“, fragte Stampfi skeptisch und beschattete mit der Hand, in der er seinen Stab hielt, die Augen, um besser sehen zu können.
„Nein“, erwiderte Urbaine nach einer Weile und beobachtete, wie zwei Wölfe sich über einen merkwürdig stolzierenden Vogel hermachten. „Das ist immer noch die Wirkung des Skooma.“
„Ach ja…“
Aus den Augenwinkeln sahen sie, wie zwei große Gestalten auf sie zu gerannt kamen, welche sich kurz darauf ebenfalls als Tauren herausstellten und mit ähnlicher Ausrüstung wie sie bewaffnet waren.
„Hallo, ihr beiden!“, rief der eine von ihnen fröhlich. „Erinnert ihr euch noch an uns? Ich bin Fisti und das hier ist Zaubergerd…!“
Seine Stimme verklang auf seltsame Weise und ihre Umgebung löste sich in einer durchsichtigen Spirale auf, die sich wie ein Strudel zusammenzog und die gesamte Steppe samt ihrer Bewohner aufsaugte. Es fühlte sich an, als würde das Blut in ihrem Inneren zu Quecksilber werden und sie kamen sich merkwürdig gefaltet und zweidimensional vor. Ihre Umgebung war verschwommen und nur in Schlieren wahrzunehmen. Mit größter Konzentration gelang es Lisa und Jochen, sich an den Händen zu fassen und sich aus dem Strudel zu befreien, indem sie mit den Beinen kräftige Schwimmbewegungen machten. Plötzlich wurden sie aus dem Sog hinaus gestoßen und landeten auf einer weißen Oberfläche, die mit grauen Linien durchzogen war.
„Okay... ganz ruhig... wo sind wir jetzt?“
Es schien, als würde sich der neue Ort, an dem sie waren, erst nach und nach bilden oder dargestellt werden, wie bei einem Computerprogramm, dass Schritt für Schritt hochgeladen wird.
„Bloß nicht bewegen!“, sagte Lisa alarmiert und guckte starr nach vorne. Jochen folgte ihrem Blick und sah einen riesigen Bleistift auf sie zu rasen, der in Windeseile einen Elefanten neben sie zeichnete. Er sah genauso aus, wie jener, den Lisa oft in ihr Tagebuch hineingemalt hatte. Zuerst die Augen, dann der Rüssel, danach Kopf und Ohren, Beine, Körper und Schwanz. Es war beängstigend. Mit einer gewissen Beunruhigung bemerkten sie, dass der Bleistift über ein Radiergummi am Ende verfügte. Sie befanden sich auf einem Papier... sie befanden sich in Lisas Tagebuch!!!
„Hoffentlich sind wir gut gelungen“, dachte Jochen insgeheim und schluckte nervös. „Sonst werden wir noch ausradiert...“
Sobald der Bleistift sich entfernt hatte und der Elefant fertig war, erwachte er zum Leben und trompetete fröhlich vor sich hin. Als wäre dies ein Lochruf gewesen, gesellten sich unerwartet die kleine schwarze Seeschlange und die Fledermaus zu ihm hinzu und die drei begrüßten sich freundlich, bevor sie sich Lisa und Jochen zuwandten.
„Was machen die hier?“, fragte die Seeschlange verwundert und schlängelte sich zu ihnen herüber, um Jochen genauer zu inspizieren. Die Fledermaus landete bei Lisa auf der Schulter und klammerte sich mit ihren kleinen Krallen fest.
„Sie sind auf einer Reise“, stellte der Elefant fest und schwenkte den Rüssel hin und her. „Sie müssen weiter. Hier können sie nicht bleiben! Sie müssen in ihre Welt zurück und uns weiterzeichnen.“
„Schade“, sagte die Seeschlange kichernd und leckte Jochen über die Wange. „Ich mag den hier!“
„Der gehört aber mir!“, mischte sich Lisa in das Gespräch ein und zog Jochen an sich heran.
„Genau!“, sagte er und verstärkte seinen Griff um Lisas Hand. Neben sich bemerkte er plötzlich blaue Schrift und erkannte sie als Lisas wieder.
Auf einmal verschwand wieder alles und sie hatten das Gefühl, als ob das Papier zusammengefaltet wurde und ihre Umgebung verlor sich wieder in Dunkelheit. Irgendwie hatten sie den Eindruck, als würden sie seitlich aus dem Papier hinausfallen. Sie fielen in die Finsternis und ein Geräusch umgab sie, das sich genauso anhörte, als würde man auf dem Computer den Papierkorb ausleeren. Alles verging...
Nur Jochen und Lisa, die plötzlich wieder ihre normalen und nicht ihre gezeichneten Körper wiedererlangt hatten, blieben zurück, in einer Leere, die komplett aus der Farbe schwarz bestand. Es war schwer zu sagen, ob sie auf einem Boden standen, oder ob sie schwebten. So etwas wie Schwerkraft schien es jedenfalls nicht zu geben.
„Was ist nun wieder passiert?!“
„Ihr seid in meinem Reich!“, sagte eine markerschütternde Stimme, die ein wenig nach Mühlsteinen klang, die gerade dabei waren, Knochen zu zermahlen.
„Ach, was?!“, rief Lisa herausfordernd und blickte forschend in die Unweiten der Finsternis. „Und wer genau bist du?“
Ein blechernes Lachen erklang und dann sprach die Stimme spöttisch: „Das weißt du nicht?! Wo du doch ein Kind meiner Familie bist?! Das ist bedauerlich…“
Das Echo der Stimme schien sich auf wundersame Weise verstärkt zu haben, denn die einzelnen Worte hallten wieder und wieder durch den unendlichen Raum.
„Sithis?“, fragte Jochen unsicher und bekam auf einmal Angst, erneut einer schaurigen Figur gegenüberzustehen, wie er und Lisa ihr in dem Schrein der Narbenzuflucht begegnet waren.
„Exakt!“, flüsterte die Stimme zufrieden und das nunmehr heisere Lachen ertönte erneut.
„Aha… angenehm“, sagte Lisa betreten und räusperte sich leise. „Was läuft?“
„Wie kannst du es wagen, einer Gottheit wie mir eine derart banale Frage zu stellen?!“, fragte Sithis herausfordernd und sie hatten das Gefühl, dass der Raum ein wenig enger geworden war, was bedenklich war, wenn man bedachte, dass er kein Ende zu haben schien.
„Ist eigentlich ganz einfach!“, gab Lisa gelassen zurück. „Ich spreche erst das ‚was’ und dann das ‚läuft’ aus. Der Rest geht automatisch.“
Ein lautes Schnauben ließ ihnen scharfen Wind um die Ohren wehen.
„Eine gute Antwort, möchte ich meinen!“, sagte Sithis lachend und klang etwas versöhnlicher. „Wisst ihr denn auch, warum ihr hierher gekommen seid?“
„Wir sind bekifft!“, antwortete Jochen frei heraus und sah zu Lisa herüber, die ihm bestätigend zunickte.
„Falsch!“, korrigierte ihn die Gottheit vernichtend und zischte wütend. „Ihr seid hier, weil ich es geboten habe. Aus diesem und keinem anderen Grund!“
Erst jetzt bemerkte Lisa, dass sie und Jochen wieder ihre schwarzen Roben trugen und steckte ihre linke Hand in die Seitentasche, um ihren Seelenstein – denn mittlerweile wusste sie ja, dass es einer war – zu umfassen.
„Und warum genau hast du es geboten?“
„Um euch zu verkünden, dass ich euch aus meinem Dienst entlassen werde. Ihr seid ab sofort nicht mehr die Gefluesterten, sondern diejenigen, die ihr ward, bevor ihr in diese Welt gekommen seid. Freut euch darueber!“
Das wütende Zischen wurde lauter und böser und dann wurde der schwarze Raum plötzlich weiß und sie fühlten sich flach auf den Boden gepresst, was, wie sie einen Augenblick später feststellten, der Realität sogar recht nahe kam. Mit aufgerissenen Augen schnellten sie blitzartig in ihre Körper und in das hier und jetzt zurück und sahen sich Lim und Chedra gegenüber, von denen der erste sich auf Jochen gesetzt hatte, während Chedra auf Lisa thronte.
„Hallo“, sagte diese nun verwundert und war sehr erleichtert darüber, dass die junge Schattenschuppe augenblicklich von ihr herunterging. Sofort setzte sie sich auf und sah, dass sie und Jochen sich in ihrer Kammer befanden, genauer gesagt auf ihrem Bett. Ob sie aus eigener Kraft oder mithilfe der Argonier dorthin gekommen waren, blieb ihnen schleierhaft, doch diese Frage war vorerst nebensächlich.
„Hallo!“, gab Chedra etwas empört zurück, so, als habe man ihr soeben großes Unrecht getan. „Ihr habt einen sehr wilden Schlaf, Geflüsterte!“
Lim stimmte ihr wortlos zu, indem er seine Zunge herausschnellen ließ und stieg von Jochen hinunter, um auch ihm aufzuhelfen.
„Was macht ihr hier?“, fragte dieser neugierig und befürchtete, sich während seiner geistigen Abstinenz gehörig blamiert zu haben.
„Wir haben auf Euch aufgepasst!“, rief Chedra gewichtig und hob den Finger, um ihre Bedeutsamkeit hervorzuheben. Lisa musste an den Seestern Patrick denken, der Spongebob einmal den Tipp gegeben hatte: ‚Ist der Finger oben, wird man dich loben!’ Chedra sah genauso aus.
„Ihr ward irgendwie merkwürdig… wir haben euch in der Eingangshalle gefunden und geglaubt, dass ihr in Ohnmacht gefallen seid. Aber eure Augen waren auf und total rot… na ja, eigentlich sind sie das immer noch“, fügte sie nach einer kurzen Denkpause hinzu und deutete auf den Spiegel. Lisa und Jochen standen langsam auf und gingen mit unsicheren Schritten zu der Kommode herüber, um sich selbst in Augenschein zu nehmen. Das Echsenmädchen hatte recht. Ihre Augen sahen aus, als hätten sie vorher dem bekifften Handtuch Towelie aus Southpark gehört. Jochen kicherte verhalten und merkte, wie noch immer einige Reste der Droge ihn durchströmten.
„Ich sehe genauso aus, wie an Nicos Geburtstag“, murmelte Lisa leise und schüttelte leicht den Kopf. „Genauso…“
Dann drehte sie sich zu den Schattenschuppen um und sagte: „Danke, dass ihr uns hierher gebracht habt. War sicher nicht leicht, stimmt’s?“
„Sicherlich nicht“, antwortete Lim schlicht und verzog keine Miene.
„Richtig… wie spät ist das eigentlich?“
Jochen schaute auf die Uhr.
„Zwanzig vor acht“, sagte er erschrocken darüber, dass ihnen bis zu dem Treffen mit der Schwarzen Hand nur noch so wenig Zeit blieb. „Verdammt. Und wir sind immer noch vollkommen breit!“
Lim holte zwei Flaschen aus seiner Hosentasche hervor und gab ihnen je eine.
„Hier… das wird euch helfen, von eurer Reise wieder zurückzukommen. Es ist eigentlich ein Giftheilungstrank, aber für diese Zwecke ist er auch verwendbar. Ihr solltet ihn rasch nehmen. Es dauert zehn bis zwölf Minuten, bis er wirkt.“
Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und spülten den gesamten Inhalt mit einem Zug hinunter. Es fühlte sich an, als hätten sie flüssiges Eis geschluckt, das sich erst in ihrem Inneren dazu entschlossen hatte, zu gefrieren. Mit einem Schaudern bedankten sie sich bei den Schattenschuppen, welche sich mit einer eleganten Neigung verabschiedeten und sie alleine ließen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, drehte sich Lisa zu Jochen um.
„Ganz schön peinlich, was?“, murmelte er leise.
„Ja… ziemlich…!“
Jochen nickte.
„Hattest du auch diese Vision?“
„Ich glaub schon.“
Lisa atmete tief durch und betrachtete sich erneut im Spiegel. Sie sah das große daedrische Buch auf der Kommode liegen und stellte sich vor, wie Lim es mit einem lauten Stöhnen dort abgesetzt hatte.  
„Vom Lateinunterricht, dem Wald, der Horde und von Sithis?“, fragte Jochen weiter.
„Und dem Tagebuch. Ganz genau.“
„Oh…“
Sie schlang die Arme um den Bauch und bibberte ein wenig.
„Mir ist kalt.“
„Mir auch…“
Dann sahen sie sich an und mussten lächeln. Zuerst war es nur ein leichtes Verziehen der Lippen, aber je mehr Sekunden verstrichen, desto stärker entwickelte es sich zu einem Schmunzeln. Sie genossen es, den jeweils anderen vor sich zu sehen und zu wissen, dass sie trotz all dem Chaos um sie herum nicht alleine waren, sondern jemanden hatten, der mit ihnen in dieser verqueren Situation steckte. Wortlos fassten sie sich an den Händen und gingen nach draußen in die Eingangshalle.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:25
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KAPITEL ZEHN
UEBERRASCHUNG




Tatsächlich bestätigten sich die Worte der jungen Schattenschuppe auf wunderbare Weise, als sie um fünf vor acht die Gemächer der Schwarzen Hand betraten und sich so ‚clean’ wie ein Vakuum fühlten. Die neuen, ihnen unbekannten Räumlichkeiten waren sehr beeindruckend und vor allem um einiges komfortabler eingerichtet, als die Zimmer der gewöhnlichen Mörder, Assassinen und Henker. Zahlreiche Bilder verzierten die Wände, welche Abbildungen der Mutter der Nacht zeigten und aufwendige Holzschnitzereien waren bei jeder Gelegenheit an Tür- und Bilderrahmen, sowie an Tischen, Stühlen und Schränken angebracht worden. Offenbar gab es innerhalb der Dunklen Bruderschaft eine gesonderte Abteilung für Schreiner. Waren im Gemeinschaftsraum Kelche und Teller aus Silber zu finden, so war das hier aufgestellte Geschirr aus purem Gold und einige der Trinkgefäße waren sogar mit Edelsteinen verziert. Als sie die Küche betraten, sahen sie zwei Skelettwächter, von denen der eine am Herd stand und ein Stück Fleisch in der Pfanne herum wendete - er war doch tatsächlich mit einer Schürze bekleidet! - und der andere Kartoffeln schälte und sie in eine Auflaufform legte.
„Dagegen ist unser Skelett ja richtig lahm!“, stellte Jochen etwas empört fest und beobachtete, wie ein dritter Skelettwächter dazukam und Wasser in einen Topf füllte.
„Er ist bestimmt noch in der Ausbildung“, sagte Lisa und versuchte vergeblich, ernst zu bleiben.
„Quatsch!“, sagte Jochen. Er hatte erneut die Aufgabe des Buchträgers übernommen und umklammerte den Almanach mit beiden Armen.
„Vielleicht liegt ihm das Kochen ja einfach nicht!“, scherzte sie.
„Er sollte mal ein Praktikum machen“, gab Jochen grinsend zurück und sie gingen weiter, einen langen Flur entlang, dessen Wände mit einer langen Reihe von Totenschädeln gesäumt wurden. Sie waren auf einer langen Borte aufgestellt und merkwürdige Runen waren auf ihrer Stirn eingraviert worden. In einigen von ihnen brannten kleine rote Kerzen, die unheilvoll flackerten, wenn man daran vorbeiging. Unter den Schädeln waren hauptsächlich in roten und dunklen Farbtönen gehaltene Malereien zu finden, die die Geschichte der Schwarzen Hand zu erzählen schienen. Unter anderem ging es um eine merkwürdige Schlacht, ein paar große Schwerter und eine schlanke Frau, deren Oberweite nicht verkannt werden durfte.  Ein rotäugiger Drache kam auch darauf vor, der ihnen merkwürdig bekannt vorkam, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie darauf kamen, dass die Flugechse wie das Pokémon Glurak aussah.
„Unglaublich, oder?!“, fragte Jochen fasziniert und strich mit dem Finger darüber.
Lisa nickte.
„Sieht echt genial aus. Ob es hier auch ein Garados gibt?“
Jochen schaute auf seine Uhr.
„Oh... zwei Minuten vor acht! Lass uns weitergehen.“
Sie beschleunigten ihre Schritte bis zum Ende des Korridors und öffneten eine schwere alte Holztür, welche mit knarrenden Scharnieren nach innen aufschwang. Sie schlossen sie hinter sich und fanden sich jäh in einem großen Halle wieder, von deren Eingang eine lange, breite, weiße Treppe nach unten führte. Die einzelnen Stufen, welche aus Marmor zu bestehen schienen, waren mit Wellenmustern verziert und das Geländer bestand aus schwarzem Obsidian. Große Schlangen waren darauf abgebildet, aus poliertem Kupfer, Gold und Silber gefertigt. Offenbar hatte diese spezielle Art ein besonderes Verhaltensmuster in Evolutionsprozess entwickelt, denn entweder umschlangen sie mit ihren Leibern Baumäste oder waren gerade dabei, allerlei Menschen und Monster zu erwürgen, eine Tätigkeit, die in der Tat den meisten von ihnen zuzusagen schien. Während sie hinunter gingen, bemerkten sie an den hohen Wänden, deren unterem Ende sie sich immer mehr näherten, prachtvolle rote Teppiche, auf denen entweder die Mutter der Nacht oder aber ein Totenschädel abgebildet war. Was Bilder anbelangte, konnte man der Schwarzen Hand nach allem, was die Geflüsterten bisher gesehen hatten, jedenfalls keinen Hang zur Abwechslung nachsagen. Als Jochen und Lisa unten angekommen waren und den ebenfalls schwarzen, steinernen Fußboden betraten, erblickten sie einen großen, runden, hölzernen Tisch, bei dem fraglich blieb, wie man ihn durch solch eine verhältnismäßig dazu kleine Tür hier hineintransportiert hatte. An ihm saßen bereits die meisten Mitglieder, die an der Versammlung teilnehmen sollten. Telaendril war gerade in einer angeregten Diskussion mit Ocheeva und Antoinetta-Marie vertieft, in der es darum zu gehen schien, wie man seine Opfer am besten aufschlitzte: („Also, wenn man das Messer nimmt und dort hinein schneidet, nehmen ihre Gesichter immer die amüsantesten Ausdrücke an!“ „Aber liebe Schwester! Es ist so eine schmale Öffnung. Wie bringst du es zustande, dort hineinzugelangen, ohne die Arterie zu früh zu durchtrennen?“)
Vicente Valtieri, der gerade dabei war, die Halle zu verlassen, kam ihnen entgegen, verwies mit einer unauffälligen Geste auf die plaudernden Damen und tippte sich mit dem Finger an die Stirn, bevor er die Treppenstufen hinaufeilte. Lisa und Jochen grinsten sich verhalten an und entdeckten Valen Dreth, der auch anwesend war und ihnen mit schüchtern erhobener Hand zuwinkte. Falanu Hlaalu unterhielt sich mit einer kleinen Frau, die ihnen offenbar noch nicht vorgestellt worden war, über das Zubereiten von Tränken. Die Zwillinge Dinah und Danah standen in der Nähe bei einem mysteriös aussehenden Mann, der Lisa stark an Tarabas erinnerte, eine Figur aus einer sehr schlechten Fantany-Serie. Er war muskulös, hatte lange, glatte, braune Haare, grüne Augen und ein fein geschnittenes Gesicht, dessen Mund mit einem kleinen Bart umrandet wurde. Auffällig war, dass er im Gegensatz zu den anderen Ruhigstellern keine eingehüllte Rüstung, sondern lederne Kleidung, die in braunen Farbtönen gehalten war, trug und mit Pfeil und Langbogen bewaffnet war. Er, Dinah und Danah tauschten fortwährend Blicke aus, als würde sie jemand dafür bezahlen und einen Moment lang sah es so aus, als würden sie sich unheimlich hassen. Sie schienen zunächst nichts weiter zu tun, als zu schweigen, doch nach einer Weile sah man, wie sich um ihre Finger ein rötlicher Rauch bildete und kurz danach hielten alle drei jeweils einen Apfel in der Hand, in den sie gleichzeitig hinein bissen.  Lucien Lachance redete mit Teinaava über die beste Schleifweise von Wurfmessern und Mutapi stand daneben und betrachtete gelangweilt ihren langen Katzenschwanz, der regelmäßig hin und her schlug.
Schließlich wurde Lucien auf sie aufmerksam, als sie unsicher auf den großen Tisch zugingen und machte einen großen Schritt auf sie zu, um sie zu begrüßen.
„Willkommen!“, rief er feierlich und breitete dabei die Arme aus, um ihnen mit seinen in Handschuhen steckenden Händen auf die Schultern zu schlagen. Jochen hatte Mühe, das Buch festzuhalten, beinahe wäre es ihm aus den Fingern gerutscht.
„Ganz schön beeindruckend hier, was?!“, flüsterte Lucien leise und grinste schelmisch, bevor er sie wieder losließ und auch die anderen Mitglieder der Schwarzen Hand sich ihnen zuwandten.
Telaendril erhob sich elegant und näherte sich ihnen mit gemäßigter Geschwindigkeit. Antoinetta und Ocheeva taten es ihr gleich und wurden von den anderen mit aufmerksamen Blicken verfolgt.
„Seid gegrüßt!“, sagte die Zuhörerin würdevoll und verneigte leicht den Kopf. Das Tarabas-Dublikat wandte sich von den Zwillingen ab und stellte sich zu der kleinen Frau, bei der es sich um eine weitere Sprecherin handeln musste, um ihr etwas zu zuflüstern.
Jochen und Lisa verneigten sich instinktiv, weil es ihnen irgendwie angemessen erschien und beobachteten, wie die anderen reagieren würden. Mittlerweile hatten alle so etwas wie einen Halbkreis um sie gebildet und erwiderten die Verbeugung gleichzeitig, als hätten sie es vorher einstudiert.
„Lasst uns Platz nehmen“, sagte Telaendril so leise, dass man sie fast nicht hörte und jedes der Mitglieder huschte still zu seinem Stuhl, ausgenommen Valen Dreth, der, wie sie an dem Tablett, dass er in der rechten Hand hielt, erkannten, an diesem Abend so etwas wie einen Kellner mimte. Er umrundete den Tisch einmal und deckte goldene Trinkbecher auf, welche mit Rubinen und Saphiren besetzt worden waren. Dazu hab es Wein, der in gläserne braune Flaschen gefüllt war und die Aufschrift „Schattenbannwein“ trug. Er roch säuerlich und sowohl Jochen als auch Lisa wussten, dass sie das folgende Gespräch mit so wenig Flüssigkeit wie möglich verbringen würden. Keiner von ihnen mochte Wein.
Als alle Anwesenden sich gesetzt hatten, ergriffen sie ihr Trinkgefäß mit der rechten Hand, standen wieder auf und hoben es hoch über ihre Köpfe. Lisa und Jochen beeilten sich, es ihnen gleich zu tun und versuchten, so auszusehen, als sei ihnen diese Prozedur keineswegs neu.
„Heil Sithis! Ehre der Mutter der Nacht!“
Der gemeinsame Ruf von elf dunklen Stimmen hallte durch den großen Saal und verursachte ein leises Echo, das schon nach wenigen Augenblicken verklungen war. Alle setzen sich und taten, als ob nichts geschehen wäre. Jochen hob unschlüssig das Buch, das er immer noch festhielt, auf den Tisch und platzierte es so, dass es genau zwischen ihm und Lisa lag.
„Wir haben uns heute hier versammelt“, begann Telaendril zu sprechen, „um die Wahrheit über unsere Feinde, die Narben zu erfahren. Wir alle wissen, was diese Nacht für uns bedeutet, denn vielleicht finden wir durch den Willen des Sithis und durch die Gabe der Vorhergesagten aus der Prophezeiung, welche die Mutter der Nacht schon vor so langer Zeit verkündete, heraus, welche Pfade wir einschlagen müssen, um sie endgültig zu vernichten.“
Lisa fand, dass dieser Einleitungssatz etwas zu lang war, hütete sich allerdings, etwas zu sagen. Sie saß rechts von Jochen und links von Teinaava, der ihr unter dem Tisch einen kleinen Zettel zuschob auf dem ‚Narbenschwanz geht es besser!’ draufstand. Der Argonier lächelte ihr augenzwinkernd zu und blickte dann zur Zuhörerin, um seine Aufmerksamkeit auf ihre Worte zu lenken. Links von Jochen saß Mutapi, die entschieden zu auffällig zu ihm herüber sah und leise vor sich hin schnurrte. Jochen, dem dies ein wenig unangenehm war, wurde rot im Gesicht und sah von der Seite zu Lisa, die seine Hand umfasste und sanft zudrückte.
„Meins!“, flüsterte sie so leise, dass nur er es hören konnte und verstärkte dabei ihren Druck. Jochen nickte.
„Geflüsterte!“, rief die Zuhörerin plötzlich so laut, dass dieselben überrascht mit ihren Köpfen herumfuhren und sich ein wenig ertappt fühlten. „Darf ich euch, denen wir das Buch der Untoten verdanken, darum bitten, es an Falanu Hlaalu zu übergeben? Sie wird dazu fähig sein, die Runen, die darin verzeichnet sind, zu lesen und uns in die finsteren Geheimnisse einweihen, die die Narben gegen uns schmiedeten.“
Jochen verdrehte theatralisch die  Augen, wartete aber gehorsam, bis Lisa den silbernen Schlüssel, den sie immer noch um ihren Hals trug, hervorgeholt hatte und in die metallene Öffnung in der Mitte des Schädelmundes steckte. Das laute Klicken, das beim Herumdrehen ertönte, ließ die Schwarze Hand aufatmen und als die schweren Scharniere des Buchumschlags aufsprangen, ging ein Raunen durch die Reihe. Jochen stand auf und übergab das Buch der Dunkelelfe, die es furchtsam und respektvoll aufschlug und sich in die ersten Seiten vertiefte.
Als Jochen sich wieder neben Lisa gesetzt hatte, stand die kleine Frau, die neben dem Tarabas-Double saß, auf und deutete eine erneute Verbeugung an.
„Erlaubt mir, ehrenwerte Geflüsterte, mich vorzustellen. Ich heiße Arquen und bin eine Sprecherin der Schwarzen Hand. Ich leite die Zuflucht in der Kaiserstadt und bin mit meinem Ruhigsteller hierher gekommen, um euch meinen Dank und meine Ehrfurcht euch gegenüber auszusprechen. Darüber hinaus...“
Sie machte eine kleine Pause, in welcher ihr Ruhigsteller sich regte und unter seiner Kleidung eine kleine Schatulle hervorzog.
„... möchten ich und die mir Unterstellten euch dieses Geschenk überreichen, als Zeichen unserer Ehrerbietung und unserer Wertschätzung, die wir für euch empfinden. Ihr habt mehr für die Dunkle Bruderschaft getan, als wir je zu hoffen wagen konnten.“
Arquen räusperte sich verlegen, wohlmöglich hatte sie den soeben verkündeten Text auswendig gelernt und war nun froh, ihn endlich hinter sich gebracht zu haben. Der Pseudo-Tarabas stand auf (er saß gleich neben Telaendril) und ging zu ihnen herüber, um das kleine Schmuckkästchen zwischen Lisa und Jochen zu stellen. Sie warteten ab, bis er sich wieder hingesetzt hatte und Lisa öffnete vorsichtig den Verschluss der Schatulle. Als sie sie aufklappte, kamen zwei in rotes Samt gebettete Silberringe zum Vorschein, die grünlich funkelten, als sie sie in die Hand nahmen.
„Dies“, sagte Arquen erläuternd, „sind weltliche Ringe. Wenn ihr sie tragt, wird aller Schaden, den eure Feinde auf euch lenken mögen, von euch abgewendet. Bitte tragt sie bei euch, solange ihr noch in unserer Sphäre weilt.“
Sie lächelte und sah zu ihrem Ruhigsteller herüber, bevor sie die Geflüsterten wieder anblickte.
„Innerhalb unserer Zuflucht wurden sie stets nur an den Sprecher und seinen Ruhigsteller weitergereicht. Es wäre eine Ehre für uns, wenn die Prophezeiten von ihnen Gebrauch machen würden.“
Sie machte eine auffordernde Miene. Nach kurzem Zögern griffen Jochen und Lisa nach ihnen und steckten sie auf ihren jeweils rechten Zeigefinger. Plötzlich spürten sie, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten und ein grünliches Licht flutete über ihre Körper. Es war genauso schnell verschwunden, wie es erschienen war, doch im ersten Moment waren sie so überrascht, dass es ihnen die Sprache verschlug. Jochen fragte sich kurz, warum der andere verzauberte Ring, den sie erhalten hatten, nicht einen ähnlichen Effekt heraufbeschwor, dann aber fiel ihm ein, dass eine solche Eigenschaft ziemlich sinnlos sein würde, wenn man bedachte, dass es ein Ring war, der unsichtbar machen sollte.
„Vielen Dank!“, sagte Lisa verlegen und betrachtete ihre neustes Schmuckstück fasziniert. „Seid versichert, dass wir uns sehr geehrt fühlen, eine äh... derartige Gabe zu erhalten.“
„Ihr seid zu bescheiden, Geflüsterte!“, erwiderte Arquens Ruhigsteller. „Unser Geschenk an die Gesegneten der Mutter der Nacht ist viel zu armselig, um das auszudrücken, was wir für euch empfinden. Euer Mut, in die Zuflucht der Narben einzudringen übersteigt die Taten der meisten bei Weitem!“
Lisa hätte ihn gerne nach seinem Namen gefragt, doch in diesem Augenblick kam Mutapis Schnurren zu einen unerwarteten Höhepunkt, woraufhin alle, die mit ihr am Tisch saßen, sie vorwurfsvoll anstarrten. Sie schaute weiterhin in Jochens Richtung und selbiger hatte alle Mühe, sie zu ignorieren. Erst, als Telandril sie strafend beim Namen rief, verstummte die Khajiit und das Gespräch konnte ungestört fortgesetzt werden.
„Er hat Recht.“, bestätigte Ocheeva und ruckte anerkennend mit dem Kopf. „Nicht alle Mitglieder der Schwarzen Hand hätten es zusammen geschafft, sich in das Refugium unserer Feinde zu schleichen und unbeschadet wieder herauszukommen. Ihr habt wahre Wunder vollbracht und noch dazu...“
Lisa und Jochen kannten ihre Worte schon, noch bevor sie sie ausgesprochen hatte.
„...habt ihr Narbenschwanz zu uns gebracht. Unsere dunkle Mutter hat nicht mit leeren Worten zu der verehrten Zuhörerin gesprochen, als sie eure Ankunft vorhersah. Wir alle schulden ihr und euch große Dankbarkeit. Selbst, wenn ihr eines Tages in eure Welt zurückkehren werdet: Man wird sich stets an euch erinnern.“
Die Zwillinge Dinah und Danah nickten gleichzeitig und falteten mit genau den gleichen Bewegungen ihre Hände auf dem Tisch zusammen. Ihre Herrin war noch immer in den daedrischen Runen vertieft.
„Wo du gerade davon sprichst“, nahm Telaendril ihre letzten Worte auf und holte eine Schriftrolle aus ihrer Kutte hervor. Sie rollte sie langsam auseinander und hielt sie mit beiden Händen fest. „Die Mutter der Nacht hat während der Abwesenheit der Geflüsterten erneut zu mir gesprochen.“
Sie machte ihre übliche Kunstpause bevor sie fortfuhr.
„Sie hat zu meiner großen Überraschung verkündet, dass es einen Weg gibt, der euch in eure Welt zurückgeleiten wird.“
Jochen und Lisa horchten auf und sahen gespannt zu ihr herüber. Telaendril genoss es, ein derartiges Interesse in ihnen zu wecken und nippte geziert an ihrem goldenen Kelch.
„Uns wurde verkündet, dass der Schlüssel zu eurer Rückkehr in den Artefakten zweier daedrischer Götter liegt, welche euch unbekannt sein dürften. Die Fürsten Nocturnal und Azura verleihen derartige Gaben an ihre Diener, die es vermögen, Tore zwischen den Welten zu öffnen. Lucien, Ocheeva und ich haben uns bereits um eines dieser Details gekümmert und es geschafft, Azuras Stern, wie der größte aller Seelensteine heißt, in unseren Besitz zu bringen.“
Sie gab Valen Dreth ein Zeichen und er ging zu einer an der Wand stehenden Truhe, um ein großes Stoffbündel herauszuholen, welches er auf den Tisch legte. Ein angespanntes Einatmen hallte durch den Raum und Telaendril machte sich daran, die Ecken des Stoffes zurückzuschlagen. Ihre Bewegungen waren dabei langsam und bedächtig, eine angemessene Langsamkeit, um die Bedeutung des Augenblicks zu unterstreichen. Alle waren gespannt, was darunter sein würde und man hörte ein deutliches Einatmen, als die Zuhörerin den Blick darauf freigab:
Eine braunfarbene, steinerne Sonne kam zum Vorschein. Acht gebogene Strahlen gingen von der runden Mitte ab, welche mit zahlreichen Spiralmustern verziert waren.  Etwas schien darin zu pulsieren und Lisa und Jochen vermuteten beide, dass zahlreiche Seelen sich darin befinden. Der Tarabas-Klon schien kurz davor zu sein, seine Hand danach auszustrecken und auch Falanu Hlaalu blickte von ihrer Lektüre auf und betrachtete staunend Azuras Stern, der, was immer er auch zu tun vermochte, in der Tat eindrucksvoll war.
„Er ist wunderschön, nicht wahr?“, fragte Telaendril verträumt und strich mit ihrer behandschuhten Hand darüber. „Es hat uns Tage gekostet, ihn in unseren Besitz zu bringen, aber letztendlich waren wir erfolgreich. Was jedoch das andere Artefakt anbelangt...“
Sie  seufzte schwer und sah traurig zu ihnen herüber.
„... so fürchte ich, euch mitteilen zu müssen, dass wir es nicht finden können. Obwohl wir überall danach gesucht haben und zahlreiche Mitglieder der Dunklen Bruderschaft auf dieses Problem angesetzt wurden, ist es uns bisher nicht gelungen, auch nur seine Spur aufzunehmen. Ohne dieses Artefakt jedoch wird es schwierig sein, Wege zu finden, die euch in eure Welt zurückführen werden.“
Schweigen trat ein und betretende Blicke wurden ausgetauscht. Teinaava atmete leise und tief durch und schaute mitleidig zu ihnen herüber, um still sein Bedauern auszudrücken. Falanu Hlaalu war plötzlich trotz des Seelensteins wieder unheimlich an ihrer daedrischen Lektüre interessiert und die Zwillinge starrten verstockt zu Boden.
Lisa räusperte sich nach einer viel zu langen Pause gezwungen und fragte dann: „Was ist es denn für ein Artefakt?“
„Ein Dietrich“, antwortete das Tarabas-Double nachdenklich. Anscheinend war er an der Suche maßgeblich beteiligt gewesen, denn seine Miene hatte sich stark verfinstert. „Der Dietrich der Dietriche. Jedes Schloss ist damit aufzuknacken. Absolut jedes. Wer ihn besitzt, ist ein reicher Mann, selbst die besten Schlösser sind vor ihm nicht sicher. Er...“
„Hab verstanden!“, sagte Lisa schnell. „Ein Dietrich. Ist vernapst. Aber wenn er so besonders ist, dann muss es doch irgendeine Spur von ihm geben. Ein Indiz... ein Hinweis!“
Telaendril schüttelte den Kopf und langte dann in die Tasche ihrer Kutte, aus welcher sie ein kleines Stück Stoff zog. Jochen hielt es zunächst für ein Taschentuch, sah dann aber, dass eine Zeichnung darauf abgebildet war, die die Form eines Schlüssels zeigte.
„Das ist alles, was wir haben. Wenn wir einen Weg in eure Welt erschaffen wollen, müssen wir es finden.“
Sie schob die Zeichnung zu Jochen herüber, der sie ein wenig ratlos betrachtete.
„Du willst, dass ich das hier finde?“, fragte er ungläubig und beugte sich darüber. Auch Lisa besah sich die Abbildung genauer und zog verwundert eine Augenbraue hoch. Ihr kam die Zeichnung merkwürdig bekannt vor...
„Moment mal...“, murmelte sie grübelnd und legte ihre Stirn in Falten. Nach kurzem Zögern griff sie sich unter verlegen zur Seite schauenden Blicken unter die Kutte und zog ihren Schlüsselbund hervor, an dem sie seinerzeit den Dietrich aus Fort Scinia befestigt hatte. Nun nahm sie ihn ab und reichte ihn Telaendril herüber.
„Könnte dies das gesuchte Artefakt sein?“, fragte sie neugierig und schniefte mit der Nase. Die Waldelfe schlug die Hand vor den Mund und vergaß einen Moment lang, Luft zu holen. Sie schob ihren Stuhl zurück und rückte vom Tisch weg, so, als sei ihr plötzlich schlecht geworden. Der Tarabas-Klon, sowie Mutapi, die Zwillinge und Antoinetta Marie reagierten ähnlich. Lisa blickte beunruhigt zu Jochen und spürte irgendwie, dass sie etwas falsch gemacht haben musste. Hilfe suchend blickte sie zu Teinaava und Ocheeva, die nach wie vor auf ihren Plätzen saßen und ihnen unauffällig anerkennend zunickten. Falanu Hlaalu blätterte ohne hinzusehen, die nächste Seite um und fuhr mit dem Finger die Zeichen entlang. Lucien Lachance lächelte unverhohlen.
„Ihr... ihr hattet ihn die ganze Zeit bei euch?! Die... die ganze Zeit über?!?“
Die Stimme der Zuhörerin war ungewöhnlich hoch und Valen Dreth eilte vorsichtshalber zu ihr, um ihr noch etwas Wein einzugießen.
„Äh... ja... also... ließ sich nicht verhindern… irgendwie.“, stammelte Jochen und erinnerte sich, wie Lisa den Schlüssel aufgehoben und ihnen damit den Weg in die Außenwelt ermöglicht hatte. Wohlmöglich hätten sie sich sonst an den Wurzeln empor hangeln müssen.
„Aber...!“
Telaendril griff nach ihrem Kelch, stürzte dessen Inhalt hinunter und befahl dem Dunmer mit einer unwirschen Handbewegung, ihn erneut aufzufüllen. Sie wankte leicht, als er ihr zum dritten Mal nachschenken musste und hustete vernehmlich. Dann räusperte sie sich gezwungen und atmete tief durch, um sich zu sammeln.
„N...nun gut... ich... muss zugeben, dass ich mit Derartigem nicht gerechnet hatte. Das ist... das ist... bei Sithis!“
Sie nahm den Skelettschlüssel in ihre Hand und besah ihn sich genauer. Danach legte sie ihn auf die Abbildung, welche bis ins letzte Detail mit ihm übereinstimmte. Kopfschüttelnd wischte sie sich mit der Hand über die Lippen und versetzte sich hiernach in einen Zustand leichter Angetrunkenheit. Auf eine Geste Luciens stellte Valen den Weinkrug ab und stützte Telaendril, indem er aufstand, ihren Arm ergriff und sie mit sanfter Gewalt zu ihrem Stuhl zurückführte.
„Ähm... Verzeihung, wenn ich frage...“, begann Lisa zaghaft, „... aber ist das jetzt schlecht? Ich meine... wir haben, was wir wollen, oder? ...Oder?“
„Ja“, antwortete die Zuhörerin. Wie es schien, musste sie sich zunächst selbst von dieser Tatsache überzeugen, doch nach wenigen Augenblicken nahm ihr Gesicht wieder einen einigermaßen beherrschten Ausdruck an.
„Ja. Es ist, was wir wollen. Ich hatte nur nicht angenommen... nun, sagen wir einfach, dass ich dadurch, dass ich durch unsere erfolglose Suchaktion völlig unnötiger Weise etwas missgewirtschaftet habe. Etwas sehr...“
Sie strich sich über die Stirn und man konnte deutlich erkennen, dass ihr irgendetwas tierische Sorgen bereitete.
„In der Tat“, bemerkte Teinaava und umfasste den Schlüssel vorsichtig. „Uns sind wichtige Gelder durch unsere Suche verloren gegangen. Doch dies soll unsere Laune nicht trüben. Immerhin haben wir nun die Mittel und Wege gefunden, um euch zurück in eure Welt zu führen. Wir sollten lieber daran denken, als uns mit solch weltlichen Sorgen zu plagen.“
Jochen dachte an das verbliebene Gold, das sich noch immer in ihrer Kammer befand.
„In der Tat“, sagte Falanu langsam und schloss den Buchdeckel.
Jochen sah sie skeptisch an und fragte dann misstrauisch: „Hast du das Buch etwa schon durchgelesen?!“
„Selbstverständlich“, antwortete die Dunkelelfe und rümpfte stolz ihre kleine Nase. „Es hatte ja nur fünfundzwanzig Seiten.“
„Oh... sind wohl ziemlich dicke Seiten, was?“
„Natürlich. Es ist da auch ein daedrisches Buch.“
„Natürlich.“
Ocheeva kicherte leise und fragte dann mit weitaus ernsterer Stimme: „Und, Schwester? Welche Pläne sind darin verborgen?“
Falanu faltete die Hände auf dem Tisch und seufzte leise.
„Nun, es... es scheint etwas unüblich zu sein... aber wenn ich es richtig verstanden habe, dann haben die Narben nach genau dem gesucht, was hier vor uns auf dem Tisch liegt. Azuras Stern. Hier steht, dass sie damit ein Tor öffnen wollen... genau, wie wir... allerdings ist mir nicht klar, was sie als Schlüssel hätten verwenden wollen...“
„Wie merkwürdig“, sagte Lucien nach einer Weile, als allgemeine Stille eingekehrt war. „Als wir den Seelenstein in unseren Besitz brachten, stellten sich uns einige Vampire in den Weg. Wir schafften es zwar, sie zu beseitigen, aber... es blieb fragwürdig für uns, warum sie ebenfalls an dem Stern interessiert waren. Es war nahe der Höhle von Azuras Schrein.“
Ein schwaches Bild regte sich unerwartet in Jochen und vor seinem inneren Auge sah er die Szene, in der er und Lisa unsichtbar das Gespräch zwischen den beiden Vampiren belauscht hatten.
„Waren es Fünf?“, fragte er neugierig. „Waren es fünf Vampire, die ihr getötet habt?“
„Ja“, bestätigte Ocheeva erstaunt und nickte zögernd. „Ja, es waren fünf. Woher wisst Ihr das, Geflüsterter?“
„Wir haben es gehört“, sagte Lisa nun, die sich ebenfalls der Worte zwischen dem Langhaarvampir und der Orkfrau entsann. „Wir haben gehört, wie sich zwei Vampire in der Tiefenhohnspalte darüber unterhalten haben. Es ging um ‚Die Fünf’, vielleicht eine besondere Gruppe innerhalb der Narben... ich weiß es nicht.“
„Tja!“, rief Antoinetta fröhlich und nahm einen Schluck Wein aus ihrem Kelch. „Dann bedeutet das wohl, dass unsere Feinde tot sind. Wenn ‚Die Fünf’ vernichtet wurden und Hindaril selbst mitsamt seinen Mördern von den Vorhergesagten getötet worden ist, dann hat sich unser Problem erledigt. Wir haben gewonnen.“
Diese überraschende Erkenntnis hatte eine gewisse Wirkung innerhalb der Schwarzen Hand. Die nachdenklichen Augen hellten sich plötzlich auf und Unglauben und Freude zeichneten sich auf den Gesichtern ab.
Jochen und Lisa fragten sich insgeheim, woher Antoinetta Marie wusste, dass die Zuflucht der Narben zerstört worden war, allerdings lag die Vermutung nahe, dass Narbenschwanz es ihr und den anderen erzählt hatte.
„Bei der Mutter der Nacht!“, rief Arquen erschrocken und biss sich auf die Lippen. „Dann ist der ewige Kampf also endlich vorbei? Der Krieg zwischen den Narben und der Dunklen Bruderschaft soll einfach so beendet sein?“
„Na ja“, murmelte Lisa achselzuckend. „Wir haben ihre Zuflucht ziemlich geschrottet. Vollständig, quasi. Die Vampire sind alle im Sonnenlicht verbrannt, bis auf Hindaril, der ist erschlagen worden.“
„Gut, das Vicente nicht hier ist“, scherzte Teinaava und zwinkerte. Ocheeva bewegte leicht ihre Kopfstacheln.
„Es ist getan.“
Telaendrils Hand zitterte leicht, doch sie hatte sich von ihrem Schock weitestgehend erholt und strich sich einige widerspenstige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Dann seufzte sie schwer und sagte: „Dann ist also der Moment gekommen…“
Ihr schienen die nächsten Worte nur schwer über die Lippen zu kommen, denn sie räusperte sich und hustete einige Male, bevor sie sprechen konnte.
„Ich schlage vor, dass wir unsere Schuld den Geflüsterten gegenüber begleichen und mit den Artefakten zum Eiszackenturm aufbrechen.“
„Eine vortreffliche Idee!“, stimme Teinaava zu und blinzelte. „Und angemessener Abschluss dazu, wenn man bedenkt, was ihr bisher von den Reichtümern der Dunklen Bruderschaft gesehen habt.“
Er grinste Jochen zu und spülte den restlichen Wein in seinem Kelch die Kehle hinab.
„Wohin?“, fragte Lisa verwundert. Von einem solchen Bauwerk hatte sie bisher nichts gewusst.
„Der Eiszackenturm!“, sagte Lucien gewichtig, so als würde sich das Wort von selbst erklären. „Die Hochburg der Schwarzen Hand.  Er liegt weit im Norden und ist in unsere Hände gefallen, als wir den Auftrag erhielten, seinen eigentlichen Besitzer zu töten. Ein gewisser Lot, wenn ich mich nicht irre...“
Er rieb sich nachdenklich mit Daumen und Zeigefinger am Kinn. Das Tarabas-Dublikat und Antoinetta nickten beifällig.
„Wir müssen dorthin, um ein Tor zwischen den Dimensionen öffnen zu können. Diesem Turm wohnen magische Kräfte inne.“
„Sehr richtig.“
Telaendril mochte es ganz offensichtlich nicht, wenn man ihr das Wort abschnitt. Ermahnend spähte sie zu Lucien hinüber und fuhr in ihrer Erklärung fort.
„Er wurde einst von einem mächtigen Zauberer erbaut und ist nun Tempel der Hohepriester unseres fürchterlichen Vaters Sithis. Wenn es uns gelingen sollte, ein Tor zwischen den Welten zu öffnen, dann dort.“
„Aha... und wann werden wir aufbrechen?“
Jochens Stimme klang etwas ungeduldig und auch Lisa wollte endlich erfahren, wann sie wieder nach Hause kommen würden.
„Sobald ihr bereit seid“, gab die Zuhörerin zurück. „Wir werden sofort sämtliche Vorkehrungen treffen, die wir benötigen, um unser Vorhaben durchzuführen. Euch steht die Unterstützung der gesamten Schwarzen Hand zur Verfügung. Macht euch bereit!“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:26
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KAPITEL ELF
DER EISZACKENTURM




„Was ist das?“
Jochen beugte sich über den Abgrund und sah einen kleinen, gelben, wuscheligen Fleck, der sich verdächtig steif hin und her bewegte – mitten im Schnee. Sie waren von einigen Stunden aus der Zuflucht in Cheydinhal aufgebrochen und hatten sich, um Aufsehen zu vermeiden, in verschiedene Gruppen aufgespalten. Telaendril war mit Mutapi, Arquen und dem Tarabas-Dublikat (sie wussten noch immer nicht seinen Namen!) über die Stadtmauer geklettert und hatte sich mit Leinen und Enterhaken auf der anderen Seite abgeseilt. Falanu hatte mit ihren Ruhigstellerinnen, Lucien und Antoinetta Marie einen Geheimgang innerhalb der Zuflucht genommen, der in eine Festung nördlich von Cheydinhal führte. Ocheeva und Teinaava waren in den Fluss gestiegen und schlichtweg unter den Wachen hindurchgetaucht. Valen Dreth schließlich, der sie ebenfalls begleiten sollte, hatte die Geflüsterten einfach durch das Stadttor geschleust und dabei zu Jochens und Lisas großer Zufriedenheit dem Wachhauptmann einen belehrenden Blick zugeworfen. Jochen hatte sogar ganz demonstrativ seine Brille aufgesetzt.  Danach hatten sie alle einen ‚Trank der Schnelligkeit’ (rosa...) zu sich  genommen und waren nach Norden gewandert. Oder vielmehr gerannt. Ein weiteres Mal hatten die Geflüsterten darüber staunen können, was man mit einem raffinierten Alchemie-Talent alles anstellen konnte. Nach gefühlten zwei und tatsächlichen zweiunddreißig Kilometern waren sie an ihrem Ziel, dem Eiszackenturm angekommen und standen nun wiedervereint an dessen untersten Treppenstufen, welche knapp an einer Kluft vorbei führten.
Teinaava beugte sich auf Jochens Frage hin ebenfalls etwas vor und sagte dann nach einer Weile: „Ein Bewunderer.“
Als er sah, dass Jochen seine Antwort nicht verstand, erklärte er: „Vor einigen Jahren, als die Dunkle Bruderschaft dringend Geld benötigte, wies man mich an, mich als Kämpfer in der Arena der Kaiserstadt zu verdingen. Durch meine Ausbildung stieg ich natürlich relativ schnell auf und wurde Meister und später sogar Großmeister der Arena. Ich verdiente eine Menge Gold für die Mutter der Nacht und erfüllte den Auftrag zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Leider trat nach meinem letzten Kampf dieser kleine, nervige Waldelf auf mich zu, den du dort unten siehst. Er sagte mir, wie sehr er mich bewunderte und dass er mir überall hin folgen wollte...“
Er grinste schlangenhaft.
„Eine Weile war das sogar ganz lustig, vor allem, als ich herausfand, dass er Angst vor Ratten hatte... aber nach einiger Zeit ging er mir ziemlich auf die Nerven. Ich hatte die Nase voll von seinen ständigen Lobeshymnen über mich und dachte mir, wenn er mir wirklich überall hin folgen wollte, dann tauche ich eben ein paar Stunden im Rumare-See. Ich konnte natürlich nicht wissen, dass er einen verzauberten Ring am Finger trug, der ihm das Atmen unter Wasser ermöglichte. Dann kam mir irgendwann die Idee, ihn einfach erfrieren zu lassen und wanderte zu unserer Hochburg. Haha! Irgendwann war ihm so kalt, dass er einfach erstarrt und den Berg heruntergekullert ist. Seine Reste sind von den eisigen Winden noch immer nicht ganz zerfressen worden. Erstaunlich, nicht wahr?“
Jochen nickte betreten.
„Warum hast du ihn nicht einfach getötet?“, fragte Lisa neugierig und kickte einen Stein weg, der nahe bei der tiefgekühlten Leiche landete.
„Ich weiß nicht“, sagte Teinaava achselzuckend. „Irgendwie wollte ich es einfach nicht. Er hatte so eine merkwürdige Unschuldigkeit, wisst ihr? Und er konnte wirklich gut kochen.“
„Nur, weil er gut kochen konnte?!“
Lisa sah ihn Stirn runzelnd an.
Der Argonier lachte.
„Warum nicht, Auserwählte? Wenn man sich auf einer Mission befindet, ist gutes Essen nun einmal rar. Das habt ihr sicherlich auch schon festgestellt.“
„Allerdings!“, murmelte Jochen und verzog missmutig den Mund. Wenn er an die Leckereien dachte, die sie in auf ihrem Weg nach Brachwasser genossen hatten, wurde ihm mulmig in der Magengegend. Mehr um sich abzulenken, als aus wirklichem Interesse sah er zu dem Turm empor und zog beeindruckt die Augenbrauen hoch. Vor ihnen ragte ein Gebäude in den Himmel, das mehr an einen Entwurf erinnerte, als an ein tatsächliches Bauwerk, so fantastisch und irrsinnig wirkte es auf den ersten Blick. Mindestens zwanzig oder dreißig Meter wuchs er zwischen verschneiten Felsen und eisigen Winden aus dem gefrorenen Boden himmelwärts und gab seltsame Geräusche von sich. Es klang nach Zahnrädern und Metall, welches irgendeine merkwürdige Maschine anzutreiben schien. Zudem ging ein gespenstisches Leuchten von ihm aus, das aber keiner bestimmten Farbe zuzuordnen war. Das Zentrum der Hochburg sah aus, wie ein normaler Burgfried, der jedoch an einigen Stellen den einen oder anderen Anbau genoss. Ein großer, brauner, vielleicht hölzerner Ring umrundete den Turm am Ende des unteren Drittels und wurde von sechs schmalen Säulen gestützt, die ausnahmsweise einmal nicht verziert waren. Darüber war eine graue Balustrade errichtet worden, die ein violettes Licht an manche Stellen der Außenwand warfen. Gekrönt wurde das ganze von einem etwa zehn Meter hohen, goldenen Dreieck, dessen Linien leicht nach innen gewölbt und mit zwei seltsamen Zacken versehen waren. Eine große runde Kugel ruhte auf seiner Spitze.
An der rechten Seite des Turmes befand sich eine ungefähr halb so große Miniaturausgabe desselben, der aus mehreren gürtelartigen Steinringen gefertigt worden war, die nach oben hin immer schmaler wurden. Seine Überdachung war kreisrund und sah ein wenig nach einer Zipfelmütze aus. Irgendetwas in ihm drehte und bewegte sich, doch aus einer so weiten Entfernung war es relativ schwierig, zu erkennen, was es war, zumal der Schnee sich verstärkt hatte.
„Sieht schon verdammt toll aus, oder?“, fragte Lucien Lachance neben ihnen und schlug das erste Mal, seit sie ihn kennen gelernt hatten, seine Kapuze zurück, sodass seine Haare sichtbar wurden. Er hatte einen braunen Pferdeschwanz, den er mit einem schwarzen Lederband zusammengebunden hatte und trug einen Ohrring im linken Ohr. Tief einatmend schaute er zu der Spitze des Eiszackenturms und lächelte zufrieden. „Ist nicht das erste Mal, dass ich hier bin und doch ist dieser Anblick jedes Mal wieder erhebend.“
„Wie wahr!“, erwiderte Telaendril und ging an ihm vorbei, dicht gefolgt von Valen Dreth und Mutapi.
„Wer hat das Teil eigentlich gebaut?“, fragte Lisa interessehalber und schniefte. Durch ihre Kälte hatte ihre Nase angefangen zu laufen.
„Ein Magier“, antwortete Lucien und folgte der Zuhörerin die Stufen hinauf. Die anderen taten es ihm gleich. „Allerdings war er ein ziemlich langlebiger Zeitgenosse und seine Erben wollten nicht abwarten, bis er eines natürlichen Todes starb. Anschließend haben sie sich alle gegenseitig umgebracht, was ziemlich bald dazu geführt hat, dass die gesamte Familie ausgestorben ist. So fiel der Turm an die Schwarze Hand.“
Der Schnee knirschte unter ihren Füßen und die frisch entstandenen Fußspuren wurden zu einem Großteil sofort wieder zugeweht.
„Dusselig!“, murmelte Lisa leise und griff mit ihren behandschuhten Fingern nach denen von Jochen. Valen schmunzelte und zwinkerte ihr zu. Er hatte eine lederne Tasche um den Bauch gebunden und strich ab und zu prüfend darüber, so, als wollte er nachsehen, ob sich der Inhalt noch darin befand. Die Geräusche des Turms wurden lauter und sie konnten deutlich das Klicken der Zahnräder hören.
„Eigentlich ist es schade, dass wir zurück müssen!“, sagte Jochen scherzhaft und nahm zwei Stufen auf einmal. „Wir werden nie wieder einen Job finden, bei dem wir so gefragt sein werden.“
„Stimmt!“, sagte Lisa und grinste. „Allerdings gibt es in unserer Welt auch keine Vampire.“
„Und Schlammkrabben.“
„Und Skelettwächter.“
„Und Landdreughs!“
„Ja...“
Leise lachten sie und kamen dem Eingang des Eiszackenturms immer näher. Die Pforte leuchtete hell vor ihnen auf, als sie hinaufschauten. Der Schnee davor war geschmolzen, denn eine absonderliche Wärme ging davon aus. Die Tür hatte die Form eines Halbkreises, in dessen Mitte eine riesige Perle steckte. Sie glänzte farbenfroh in der Kälte und ein schemenhafter Nebel schien sich in ihrem Inneren zu bewegen. Telaendril trat vor und machte mit ihrer rechten Hand eine komplizierte Geste, woraufhin die Perle rot erleuchtete und mit einem Ruck nach innen zurückrastete.
„Wir sind da“, stellte die Zuhörerin richtig fest und wies Valen mit einem Blick an, die Tür aufzuziehen. Er tat wie geheißen und wenig später befand sich die Schwarze Hand in einer kleinen Halle wieder. Pochend schloss sich der Eingang hinter ihnen und das Echo verweilte einige Sekunden lang im Raum.
„Und jetzt?“, fragte Lisa nach einer Weile, als nichts geschah und alle bis auf sie und Jochen auf einen kleinen, violetten Kreis starrten, der das Zentrum des Bereiches bildete.
„Jetzt ist es Zeit, dem Turm zu öffnen“, sprach der Tarabas-Klon bedeutungsvoll und alle vier Sprecher stellten sich in gleichmäßigen Abständen um den Kreis auf. Die Ruhigsteller traten einige Schritte zurück, um den Fingern selbst Platz zu machen und warteten dann erwartungsvoll ab, was nun passieren würde. Die Geflüsterten taten es ihnen gleich und blickten von einem zum anderen. Die Sprecher strecken ihren jeweils rechten Arm aus und sprachen eine seltsame Silbenabfolge, die nur deshalb nicht willkürlich wirkte, weil sie alle exakt das gleiche sagten.
„Was genau machen die da?“, fragte Jochen Teinaava leise und der Argonier flüsterte zurück: „Sie enthüllen die wahre Größe der Hochburg. Seht gut hin, Bruder!“
Jochen konzentrierte sich und versuchte, unter den merkwürdigen Lauten irgendetwas herauszuhören, was verständlich für ihn gewesen wäre, doch nicht ein einziges Wort der Zauberformel ergab Sinn.
„OEFFNE DICH HOCHBURG DES SITHIS UND LASS SEINE DIENER IN DEIN INNERES EINDRINGEN““
„Versteh ich nicht“, sagte er verhalten zu Lisa.
„Ich auch nicht“, sagte sie genauso verhalten zurück und verstummte plötzlich, als die Zahnräder jäh verstummten und ein lautes Dröhnen zwischen den Wänden widerhallte. Es ruckte heftig unter ihren Füßen, Mutapi legte erschrocken die Ohren an. Einige Sekunden lang passierte gar nichts und alle warteten gespannt, was als nächstes geschehen würde. Das Tarabas-Double atmete tief ein und schloss friedlich lächelnd die Augen, während die Zwillinge Dinah und Danah sich die Kapuzen abnahmen. Langsam und schwerfällig setzte die Maschinerie wieder ein.
„Was zum...?!“
Die Wände gegenüber dem Eingang begannen, sich zu bewegen und sich wie bei einer Schiebewand ineinander zu verschachteln. Das violette Licht, welches vom Kreis im Boden ausging, flutete nun in die eigentliche Haupthalle des Turms und gab ein Bild frei, welches nur wenige Lebewesen in Cyrodiil je erblickt hatten:
Der Raum, der vor ihnen lag, glich von seinen Ausmaßen her der Halle, die sich in den Gemächern der Schwarzen Hand befand. Seine Ränder waren mit Regalen gesäumt in denen unzählige von Büchern standen (und welche, soweit Lisas kritischer Blick es zu erkennen mochte, keinesfalls mehr als zwanzig Seiten besaßen!) und wunderschöne Malereien von Pflanzen und magischen Runen bedeckten den schwarzen Boden, der aus Ebenholz zu bestehen schien. Das Licht kam von unzähligen Kerzen, die auf Tischen standen, welche wiederum vor den Regalen aufgestellt worden waren. Am anderen Ende des Saals war ein kleines Podest, von welchem aus zur linken und rechten Seite schmale Treppenstufen führten. Zierliche Buchständer, an denen ebenfalls Kerzen brannten, waren darauf aufgestellt worden und tauchten ihre unmittelbare Umgebung in einen goldenen Schein.
„Wahnsinn!“, sagte Lisa laut und gaffte regelrecht die magischen Räumlichkeiten an. „Absoluter, geiler Wahnsinn!“
„Scheiße...!“, stimmte Jochen ihr zu und pfiff anerkennend durch die Zähne.
Ein merkwürdiges Wesen stand vor dem Podest, bei dem es sich ganz offenkundig um keinen Menschen handelte. Es hatte blaue Haut, jedoch gelbe Haare – denen des Bewunderers nicht unähnlich – und auch an Armen und Beinen trug es gelbe Schienen. Mit einer leichten Verbeugung begrüßte es sie und blinzelte überrascht, als es Jochen und Lisa bemerkte. Ein weiblicher Laut entfuhr seiner Kehle.
„Was ist das?“, fragte Jochen erschrocken.
„Ein Feuerastronarch“, antwortete Falanu Hlaalu. „Eine Dienerin aus Oblivion. Sie wurde heraufbeschworen, um diesen Turm zu bewachen und seinen Bewohnern zu dienen.“
„Aha!“, machte Lisa resigniert. „Ein Feuerastronarch. Natürlich.“
Mit Schritten, die bei jeder Bewegung von Flammen umgeben waren, Schritt das Geschöpf langsam auf sie zu und lächelte schüchtern, mit seinen Fingern sendete es Funken zur Decke, die höher und höher schwebten und schließlich erloschen. Als sie den glühenden Punkten mit ihren Blicken folgten, entdeckten sie ein hoch in der Luft schwebendes Schwert, welches sich nun, da es von den Funken berührt worden war, langsam von der oberen Wand des Turmes loslöste und zu ihnen hinunter schwebte. Es drehte sich schnell um seine eigene Achse und glitt durch die Luft, als würde es unsichtbare Flügel besitzen. Der Feuerastronarch ergriff es mit beiden Händen, als es sich auf seiner Höhe befand und bot es mit einer fließenden Bewegung der Zuhörerin dar.
Ein merkwürdiger Schädel war auf dem Griff der Waffe zu erkennen, der für einen menschlichen viel zu lang gezogen und verzerrt aussah. Er hatte zwei Steinbockhörner, die von der Stirn ausgingen und gebogene Zacken, die wie Widerhaken wirkten. Der obere Bereich der Klinge war gezackt und mit blauen Zeichen, möglicherweise Runen versehen, die Spitze schärfer und tödlicher als jedes Schwert die die Geflüsterten bis dahin gesehen hatten.
Telaendril ergriff es und hob es mit erstaunlicher Leichtigkeit in die Höhe, obwohl es auf Lisa und Jochen ungemein schwer wirkte. Der Feuerastronarch rieb sich die Hände, welche kurz darauf von Flammen umgeben waren und gab ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich.
„Frostgram...“, murmelte die Waldelfe gedankenverloren und wirkte trotzdem im höchsten Maße konzentriert. „Das Schwert des Sithis. Es gibt kein anderes seiner Art. Nicht eine einzige Schneide auf dieser Welt kann sich an seiner Kälte und Grausamkeit messen. Es ist in der Tat würdig, von unseren fürchterlichen Vater getragen zu werden.“
Sie lächelte zufrieden und blickte dann nacheinander Jochen und Lisa direkt in die Augen.
„Es ist nun an der Zeit, uns von euch zu verabschieden“, sagte sie leise und Lisa hatte den Eindruck, kurz eine Träne in ihrem linken Auge aufblitzen zu sehen.
„Wie...?“, fragte Jochen verwirrt, der nicht ganz begriff, was los war.
„Uns ist es verboten, dem Herrn der Dunklen Bruderschaft selbst entgegen zu treten“, erklärte Ocheeva. „Diesen letzten Schritt müsst ihr alleine, ohne unsere Unterstützung machen. Aber wir sind zuversichtlich, dass ihr dies schaffen werdet.“
„Hier!“, sagte Falanu und ließ den Tarabas-Klon eine kleine Holztruhe vor ihnen abstellen. „Darin sind Azuras Stern und der Skelettschlüssel enthalten.“
„Auch das Schwert müsst ihr mitnehmen und es Sithis übergeben“, fügte Telaendril hinzu und übergab Jochen Frostgram. Ein trance-ähnliches Lächeln umspielte dessen Lippen und er strich mit der linken Hand über den gehörnten Schädel, während er mit der rechten den Griff festhielt.
„Genial!“, flüsterte er fast unhörbar, doch Lisa verstand ihn.
Valen Dreth trat ebenfalls hervor und endlich erfuhren sie, was er in seinem Wams vor ihnen verbarg. Mit schüchternem Blick holte er ein in schwarzes Tuch gewickeltes Rechteck hervor und reichte es Lisa, die ihre Hände noch frei hatte.
„Was ist das?“, fragte sie neugierig.
„Sieh selbst!“, forderte der Dunmer sie auf und sie schlug das Tuch zurück, um darunter ein Buch freizulegen, das wie eine Miniaturausgabe des Almanachs der Untoten aussah. Valen räusperte sich verlegen.
„Ähm... na ja... ich hab mir gedacht, da ich ein Schriftstellter bin und wir euch vermutlich nie wieder sehen werden, äh... also, dass hier ist eure Geschichte, die ihr hier bei uns erlebt habt. Es ist alles darin enthalten, zumindest soweit ich über die einzelnen Details informiert bin. Ich hoffe, es wird euch gefallen. Wenn ihr es gelesen habt, dann, äh... werdet ihr mich und die Dunkle Bruderschaft in guter Erinnerung behalten.“
Er grinste bescheiden und beobachtete, wie eine sprachlose Lisa und ein ebenso sprachloser Jochen fassungslos auf das Buch starrten und langsam verstanden, was für ein Geschenk sie da gerade erhalten hatten. Bis ins letzte Detail stimmten die Proportionen des Schädels mit denen auf dem Buch, welches sie für die Schwarze Hand gestohlen hatten, überein, und weit mehr als 100 Seiten – ein richtiges Buch also! – füllten dessen Rahmen. Auch ein kleines Lederband, an dem ein dem Original ähnelnder Schlüssel hing, war als Lesezeichen zwischen die Seiten gelegt worden und bei genauem Hinsehen konnte man sogar eine kleine 100 auf dem Metall erkennen. Dankbar umarmte Lisa Valen Dreth, sodass dieser noch verlegender als vorhin schon errötete, auch, wenn man dies auf seiner grauen Haut nicht so gut sehen konnte. Jochen tat es ihr gleich und strich ehrfürchtig über den Buchrücken, so, als hätte man ihm soeben den Heiligen Gral selbst geschenkt.
„Das ist wunderbar!“, flüsterte er und umarmte Valen ein zweites Mal.
„Es ist mein Meisterwerk“, gab der Dunkelelf zu und schniefte glücklich. Er schien sehr froh darüber zu sein, ihnen sein Geschenk endlich überreicht zu haben und trat zurück, damit auch die anderen Abschied von ihnen nehmen konnten. Arquen machte den ersten Schritt, begleitet vom Tarabas-Double und verbeugte sich vor ihnen.
„Von uns habt ihr bereits ein sehr kostbares Geschenk erhalten!“, sagte die hellhäutige Sprecherin und schaute auf Jochens Ring, den er am Finger trug. „Ich wiederhole mich nur, wenn ich euch sage, dass sie euch nicht gerecht werden. Ich wünschte, ich hätte euch ein Besseres machen können.“
„Na ja...“, druckste Lisa und schmunzelte leicht. „Da wäre tatsächlich etwas.“
Sie wandte sich Arquens Ruhigsteller zu und fragte: „Wie heißt du?“
Der junge Mann schien überrascht von dieser Frage und sah seine Herrin unsicher von der Seite an. Diese aber nickte ihm aufmunternd zu und er räusperte sich leise.
„Ich... also... ich habe keinen Namen. Ich will keinen!“, fügte er schnell hinzu und man konnte sehen, dass ihm dieses Thema offensichtlich unangenehm war. Die Zwillinge kicherten.
„Oh... hast du mal für die Stadtwache gearbeitet?“
Als der Namenlose sie nur verwirrt anstarrte, winkte sie ab.
„Na ja, egal, ich wollte es nur wissen. Ich hatte schon die ganze Zeit darüber nachgedacht.“
Sie gaben sich förmlich die Hände, dann traten der Finger und seine Kralle zu den anderen zurück und Falanu kam in Begleitung von Dinah und Danah zu ihnen.
„Leider habe ich nichts für euch, was euch in eurer Welt wirklich von Nutzen wäre. Aber ich denke, dass euch dieses hier gefallen könnte.“
Sie reichte Lisa eine Schriftrolle, der sie verwundert entgegen nahm und nicht wusste, ob sie sie ausrollen sollte oder nicht.
„Es ist eine Übersetzung des daedrischen Alphabets. Ich habe es oftmals benutzen müssen, ehe ich es auswendig kannte. Die Schriftrolle ist schon ziemlich alt und daher sehr kostbar, aber ich brauche sie nicht mehr. Bitte nehmt sie und tut damit, was ihr wollt.“
Sie verbeugte sich und zog sich zu den anderen zurück. Die Zwillinge zwinkerten Jochen neckisch zu und taten es Falanu danach gleich.
„Danke!“, sagte Jochen ein bisschen zu spät und rollte einen kleinen Teil der Schriftrolle aus, um sich einige der fremdartigen Runen zu betrachten. Sie sahen ziemlich interessant aus.
Lucien räusperte sich und zog aus der Tasche seiner Robe die kleine Saphirkatze heraus, die Jochen und Lisa in Fort Scinia bereits kennen gelernt hatten. Er überreichte sie Lisa, welche gerührt über die Pfote strich, welche die kleine Edelsteinfigur mit ihrer blauen Zunge ableckte.
„Ich denke nicht, dass es noch sehr viel mehr zu sagen gibt. Kehrt mit diesem Erinnerungsstück in eure Heimat zurück. Unerheblich, welchen Rang ihr in eurer eigenen Welt bekleidet, ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort Schwierigkeiten gibt, die euch ins Wanken bringen könnten. Ihr  habt so viel für uns getan. Lebt wohl!“
Sein Gesicht blieb ernst und nur die dunkelfarbenen Augen verrieten, wie sehr er diesen Augenblick genoss. Antoinetta Marie hielt sich im Hintergrund. Anscheinend traute sie sich nicht so recht etwas Bedeutendes zu ihnen zu sagen, vielleicht, weil sie befürchtete, dass sie immer noch sauer wegen des Skooma-Vorfalls waren. Ein bisschen stimmte das sogar.
Als die blondfarbene Frau ihren Blick bemerkte, hob sie stumm eine Hand und nickte ihnen schüchtern zu, eine Geste, die sie gerne erwiderten.
Danach waren es die beiden Argonier, die von ihnen Abschied nehmen wollten. Teinaava grinste wie immer schelmisch und verneigte sich kaum merklich. Er nahm sogar seine Kapuze ab, um seinen Respekt ihnen gegenüber zu bekunden und ließ seine Eidechsenzunge hervorschnellen. Seine Kopfstacheln tanzten wie lebendige Wesen.
„Es gibt kein Geschenk, welches wir euch machen könnten, um uns für die Rückkehr unseres Bruders Narbenschwanz angemessen zu bedanken. Da wir nicht wissen, ob die Ringe, die ihr von Telaendril erhalten habt, ihre Zauberkraft in eurer Welt beibehalten werden, haben wir deshalb einige Unsichtbarkeitstränke gebraut, die euch vielleicht in der einen oder anderen Situation nützlich sein mögen.“
Er überreichte ihnen eine kleine lederne Tasche, in der es verdächtig klimperte und sich nach kleinen Glasflaschen anhörte. Ocheeva blinzelte freundlich und schlug mit dem Schwanz hin und her.
„Ich kann Teinaava nur zustimmen“, bestätigte sie mit ihrer rauchigen Stimme. „Die Taten, die ihr vollbracht habt, können niemals vergolten werden. Dennoch sollt ihr nicht denken, dass wir undankbar wären. Möget ihr alle Hindernisse, die es in eurem Leben geben mag, überwinden.“
Sie machten kehrt und gesellten sich mit eleganten Schritten wieder zu den anderen. Jochen und Lisa warteten ab, was nun, da alle anderen bei ihnen gewesen waren, Telaendril und Mutapi ihnen zu sagen hatten.
Die Zuhörerin zögerte zunächst, ihnen entgegenzutreten, doch nach einer angemessenen Pause rang sie sich doch dazu durch. Die kleine Khajiit hielt sich dicht hinter ihr. Ein geheimnisvolles Lächeln umspielte die Lippen der Waldelfe.
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was es noch zu bereden gäbe“, begann sie ihre Rede und fuhr sich mit der Hand durchs hochgesteckte Haar. „Ich kann mich den Worten der anderen nur anschließen. Eure Taten waren herausragend und großartig zugleich. Wäret ihr in unserer Welt geboren, dann wäret ihr schneller in unseren Reihen aufgestiegen als ich selbst. Vermutlich wäre der eine von euch ein Sprecher und der andere hätte das Amt des Zuhörers bekleidet... doch Tatsache ist, dass ihr nicht von hier seid und wir es niemals erfahren werden. Ich hoffe dennoch... nun, ich weiß nicht so recht, wie ich es ausdrücken soll. Ich hoffe, ihr habt die Zeit, die ihr in Cyrodiil verbracht habt, genossen. Immerhin hat man euch ohne euer Einverständnis hierher geholt.“
„Aber hallo!“, gab Lisa zurück und alle lachten amüsiert. Die Geflüsterten steckten die Schriftrolle, die Flaschen und die Steinkatze in ihre Kampftaschen und verneigten sich dankbar. Sie beide hatten das Gefühl irgendetwas sagen zu müssen und Lisa machte nach kurzem Überlegen den Anfang.
„Wir danken euch für eure Geschenke und eure Wünsche für unsere Zukunft. Die Zeit, die wir bei euch verbringen durften, werden wir niemals vergessen.“
Jochen nickte bestätigend.
„Es ist schade, dass wir nicht in Kontakt bleiben können!“, sagte er mit ehrlichem Bedauern. „Vermutlich ist es unwahrscheinlich, dass wir uns je wieder sehen.“
Mutapi wischte sich mit der Pfote über das rechte Auge und er sah, wie sich in dem anderen eine Träne bildete. Peinlich berührt sah er weg.
„Nein“, bestätigte Telaendril und faltete die Hände ineinander. „Vermutlich nicht. Ihr habt immerhin dafür gesorgt, dass wir uns wegen unserer Erzfeinde nie wieder Sorgen zu machen brauchen. Höchstens wegen des Geldes, dass bei der Jagd auf die Artefakte verloren gegangen ist.“
Sie zwinkerte.
Jochen fiel etwas ein und er holte das verbliebene Gold aus seiner Kampftasche hervor, um es der Zuhörerin zu reichen. Zuvor allerdings fischte er einige der Septime heraus und steckte es sich in die Kutte.
„Hier!“, sagte er und reichte es ihr großzügig. „Wir haben in unserer Welt zwar nicht gerade Reichtümer angehäuft, aber trotzdem glaube ich, dass ihr hierfür eine bessere Verwendung habt, als wir.“
Als Telaendril ihn ungläubig anstarrte, fügte er hastig hinzu: „Es sind mehrere tausend Septime... das müsste eure Kosten eigentlich decken.“
Lisa verzog ein wenig missmutig die Lippen, als sie sah, wie die Waldelfe nach dem mit Münzen gefüllten Leder griff, doch insgeheim war sie unheimlich stolz auf Jochen, weil er ihren Gastgebern gegenüber so großzügig war. Sie berührte ihn sanft am Arm und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ist... ist das wirklich...?“
Telaendril sah ihn misstrauisch an, so, als ob sie denken würde, dass er nur einen schlechten Scherz mit ihr trieb. Als Jochen aufmunternd nickte, fragte sie leise: „Sicher?“
„Nein... deswegen solltest du es schnell nehmen, bevor wir es uns anders überlegen!“, antwortete er grinsend und atmete tief durch, weil er insgeheim wusste, wie ungemein dämlich er sich gerade verhielt. Trotzdem wusste er, dass es vermutlich gar nicht mal unvernünftig war, dafür zu sorgen, dass sie das Gold los wurden. In ihrer Heimat hätte man nur unangenehme Fragen gestellt, wo sie die vielen Münzen herhätten und es wäre wohl kaum angebracht gewesen, zu sagen, dass sie in einer alten Schlossruine, die noch dazu in einer anderen Welt lag, einen Meuchelmörder getroffen hatten, der ihnen ganz spontan einige Tausend dieser Exemplare in die Hand gedrückt hatte.
„Auch eure Großzügigkeit übersteigt die der Mitglieder unserer Familie bei Weitem. Seid versichert, wir werden gute Verwendung für eure Gabe finden. Macht euch nun auf zu Sithis, der euch in wenigen Augenblicken empfangen und in eure eigene Welt zurücksenden wird.“
Jochen packte das Schwert Frostgram fester mit den Händen und er spürte dessen Kälte durch die schwarzen Handschuhe hindurch.
Lisa wollte etwas erwidern, doch ihr fiel nichts ein und sie zögerte, sich in Bewegung zu setzen. Telaendril bemerkte dies und schüttelte den Kopf.
„Lasst euch nicht aufhalten. Es wird Zeit, dass ihr nach Hause kommt!“
Die Zuhörerin lächelte und ihre Wangen röteten sich etwas, als sie die klimpernden Münzen Valen Dreth übergab, welcher sie sorgsam in der Innenseite seines Wamses verstaute. Teinaava deutete unauffällig mit dem Zeigefinger auf einen mit dünnen Linien gekennzeichneten Kreis, der die genaue Mitte des Saales bildete und sie folgten dankbar seinem Wink. Lisa nahm die Holztruhe in beide Hände und sie stellten sich innerhalb der Markierung auf. Dann blickten sie ein letztes Mal auf die Mitglieder der Dunklen Bruderschaft, die sie bis hierher begleitet hatten und verbannten krampfhaft ihre Tränen, die ihnen unwillkürlich in die Augen zu steigen drohten.
Dann war es einen Moment lang still. Allerdings bemerkten sie, dass rötliche Schlieren von den dünnen Linien auf dem Fußboden ausgingen und nach oben stiegen, um ihre Beine mit wellenartigen Bewegungen zu umschmeicheln. Eine helle Energiewelle umfasste sie und ohne zu wissen, was als nächstes geschehen würde, waren sie den Gesetzen der Schwerkraft nicht mehr unterworfen. Mit einem Ruck wurden sie nach oben gesogen und in die Höhe transportiert, nicht besonders schnell, aber doch so, dass sie einige Mühe hatten, dass Schwert und die Holztruhe festzuhalten.
„Na, zum Glück hab ich keine Höhenangst!“, murmelte Jochen sarkastisch und blickte auf die immer kleiner werdenden Gestalten hinab, als sie sich etwa zwanzig Meter in der Luft befanden.
Lisa klemmte die Truhe unter den Arm und nahm fürsorglich mit ihrer linken Hand seine rechte, damit er sich besser fühlte. Ein quietschendes Knarren über der Decke verriet ihnen, dass sich soeben eine Luke für sie geöffnet hatte, durch die sie anscheinend gleich gelangen würden. Mit gespannten Mienen warteten sie ab, was passieren würde und pressten die Lippen aufeinander.
„Was passiert eigentlich, wenn wir nicht zurückkommen?“, fragte Jochen plötzlich ein bisschen ängstlich und versuchte verzweifelt, nicht nach unten zu sehen.
„Wie meinst du das?“, fragte Lisa verwundert zurück und verfestigte ihren Griff um die Kiste.
„Wenn irgendwas schief geht. Wie in diesem Teleporter bei Half Life 2! Kannst du dich noch an diese Katze erinnern?“
„Blablabla, Mr. Freeman!“, sagte Lisa kichernd und hätte sich garantiert einen Stoß in die Seite eingefangen, wenn sie Jochens Hand nicht festgehalten hätte.
Endlich hatten sie die Luke erreicht und schwebten hindurch, als wäre es das Natürlichste der Welt. Die Öffnung schloss sich sofort unter ihnen mit einem lauten Knall und sie befanden sich in einem dunklen kleinen Raum, der lediglich durch zwei Kerzen erhellt wurde. Sie waren direkt auf dem Boden aufgestellt und große, getrocknete Wachslachen hatten sich daneben ausgebreitet.
Forschend sahen sie sich um und stellten fest, dass sich außer einem pompösen Ehebett, dessen Farben lediglich aus schwarzen und roten Tönen zu bestehen schien, keinerlei Möbelstücke dort befanden. Die Vorhänge des Bettes waren zugezogen und ein leises Schnarchen drang daraus hervor.
Jochen und Lisa verzogen skeptisch die Augenbrauen und blickten einander fragend an. Nach einer Weile räusperte sich Jochen laut, allerdings ohne auf eine Gegenreaktion zu treffen. Lisa versuchte, irgendein Anzeichen dafür zu entdecken, dass außer ihnen und der schnarchenden Person noch jemand anderes im Zimmer sein, doch als sie nichts derartiges ausfindig machen konnte, wandte sie sich wieder dem Bett zu.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Götter schnarchen...“, murmelte sie nachdenklich und blinzelte.
„Doch!“, sagte Jochen und dachte an den Disney-Film Herkules. „Klar tun sie das. Guckst du keine Cartoons?“
„Guckst du keine Pornos?!“, fragte sie zurück und versuchte ebenfalls, durch ein lautes Räuspern den Schlafenden zu wecken.
Als nichts weiter geschah, rief Lisa unsicher: „Hallo?!“
Einen Augenblick lang schien es, als würde pures Schweigen ihre Antwort sein, doch dann erklang die Furcht erregende Stimme, die sie bereits aus ihrem Skooma-Traum kannten.
„WER IST DA?!“, fragte sie nun misstrauisch und sie hörten, wie Bettdecken zurückgeschlagen wurden.
„Ähm... ich... Lisa... und Jochen. Wir sind gekommen, um in unsere Welt zurückzukehren.“
„ACH JA, RICHTIG! ICH ERINNERE MICH. HATTEN WIR NICHT BEREITS DAS VERGNueGEN, EINANDER KENNENZULERNEN?“
„Kann man so sagen“, gab Jochen zu und wartete, bis sich einer der Vorhänge öffnete und Sithis daraus hervor trat. Als es soweit war, hielten sie einen Moment lang die Luft an, um sich auf die Erscheinung des Gottes gefasst zu machen.
Er war von imposanter Gestalt und mindestens doppelt so groß wie die kleine Frau Arquen. Sein gesamter Leib – der übrigens unbekleidet war! – war von durchdringendem Schwarz, dass sogar noch in dem wenigen Licht des kleinen Raumes gut erkennbar war. Der Körperbau ähnelte dem eines Menschen, allerdings waren die Hände um ein Vielfaches größer und hatten eher die Form von Tierpfoten, deren Krallen auffällig zur Schau gestellt wurden. Lisa wunderte sich insgeheim, wie er es geschafft hatte, die Vorhänge nicht zu zerreißen. Sein Kopf hatte etwas von dem Schädel, der auf dem Schwert Frostgram abgebildet war und beinahe hätten die langen Hörner die Decke berührt. Augen, Mund und Nasenlöcher jedoch waren von einem strahlenden weiß. Wie bei einem Balrok, dessen Feuer aus seinem Inneren herausschießt, flutete ein helles Licht aus Sithis und ließ die Wände in ihren wahren Farben erstrahlen. Er sah der Statue, die sie in der Zuflucht der Narben erblickt hatten, nicht im Geringsten ähnlich.
Mit einem herzhaften Gähnen streckte der Gott der Dunklen Bruderschaft sich aus und schmatzte verhalten, bevor er sich ihnen zuwandte und ihnen seine volle Aufmerksamkeit widmete.
„SO... IHR SEID ALSO DOCH NOCH ZU MIR GEKOMMEN. HAT JA LANGE GENUG GEDAUERT. ICH HATTE EUCH EIGENTLICH SCHON VOR TAGEN ERWARTET!“
Lisa räusperte sich kaum hörbar.
„Na ja, es gab noch das eine oder andere in der Zuflucht zu erledigen.“
„WIE WAHR, WIE WAHR!“, stimmte Sithis ihr zu und nickte bedächtig mit dem Kopf, was gefährlich aussah, wenn man seine Auswüchse bedachte. „DIE TATSACHE, DASS DIE NARBEN NUN ENDLICH BESIEGT SEIN SOLLEN, DRANG AUCH BIS ZU MEINEN OHREN. ICH NEHME AN, DASS IHR DIES AUSLASSEND GEFEIERT HABT!“
Seine knisternde Stimme klang etwas gekrängt, so, als habe er tatsächlich etwas darunter gelitten, dass man ihn hatte warten lassen.
„Also, eigentlich sind wir relativ zügig aufgebrochen“, widersprach Jochen ihm behutsam. „Nachdem wir die Tiefenhohnspalte versänkt hatten, sind wir mit Narbenschwanz nach Cheydinhal zurückgekehrt und haben dort alles besprochen, was nötig war, um unsere Rückkehr zu arrangieren. Da wir gerade davon sprechen...“
Er machte ein paar Schritte auf dem schwarzen Gott zu und überreichte ihm Frostgram. Sithis nahm das Schwert verwundert entgegen und ließ es, als Jochen wieder bei Lisa stand, andächtig durch die Luft kreisen.
„Mein SCHWERT!“, flüsterte er ungläubig und kurz darauf grinste er wie ein kleines Kind, dem man sein verloren geglaubtes Kuscheltier zurückgebracht hatte.
„ES IST LANGE HER, DASS ICH ES IN MEINEN HAENDEN GEHALTEN HABE. SEHR LANGE. WIE DEM AUCH SEI...“
Er deutete mit dem Finger auf die Truhe, die Lisa noch immer unter dem Arm geklemmt hielt. Sie verstand und setzte sie vor ihm auf dem Boden ab. Dann öffnete sie den Holzdeckel und trat einen Schritt zurück.
„ES IST ALSO WAHR...“, murmelte er gedankenverloren und strich mit der freien Hand über seine Klinge. „DIE HEILIGEN ARTEFAKTE VON AZURA UND NOCTURNAL... EIN MERKWueRDIGES GESCHICK, WELCHES DIESE BEIDEN HEILIGEN GEGENSTAENDE ZU MIR FueHRT, IST HIER AM WERK.“
Er grinste freudig und bewerkstelligte, dass durch eine einzige Handbewegung seiner klauenbesetzten Pranke sowohl der Stern, als auch der Schlüssel in die Luft sausten und vor ihm auf Brusthöhe (auf seiner eigenen, versteht sich!) schweben blieben. Lisa und Jochen schluckten beunruhigt.
„Eigentlich waren ja wir es, die diese Sachen zu dir gebracht haben“, wagte Lisa einzuwenden und sah, wie Frostgram ein immer intensiver werdendes blau annahm. Die Seelen, die in Azuras Stern gefangen waren, pulsierten lebhaft in ihrem Gefängnis und schienen von der kräftigen Farbe angezogen zu werden.
„NAtUERLICH... WIE UNHOEFLICH VON MIR. UND GENAU DESHALB SEID IHR ZWEI JA AUCH HIER, NICHT WAHR? DAMIT ICH EUCH AUS DIESEN ARTEFAKTEN EINEN WEG NACH HAUSE ERSCHAFFE.“
Jochen und Lisa antworteten nicht. Sithis besah sie sich einige Momente forschend, dann seufzte er und packte den Stern, um ihn mit einem einzigen Schlag seines Schwertes in der Mitte zu zertrümmern.
„Nein!“
Ein entsetztes Keuchen drang aus den Mündern der Geflüsterten. Sie konnten nicht glauben, was der Gott der Dunklen Bruderschaft gerade getan hatte. Erschrocken wichen sie vor ihm zurück und wähnten ihre Rückkehr schon für unmöglich, nun, da das Artefakt zerstört war, doch nur Sekunden später zeigte sich, warum die Zerstörung des Sterns von Azura nötig gewesen war.
Mit merkwürdigen Lauten schossen die bisher in ihm gefangenen Seelen daraus hervor und flogen mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit durch das Zimmer, ohne darauf zu achten, welche Richtung sie eigentlich ansteuerten. Sie zerzausten Jochen und Lisa die Haare, verschwanden hinter den Vorhängen des Ehebettes und schwirrten um die Kerzen herum, solange, bis die Flammen erloschen. Sithis sagte ein merkwürdiges Wort, welches sie nicht verstanden und gebot dem Treiben sofortigen Einhalt. Er sagte ein paar weitere Worte, die sich wie das Bersten von Holz in einem Lagerfeuer anhörten und die kleinen violetten Punkte ordneten sich zu einer torbogenähnlichen Form an, die zwischen Sithis und den Geflüsterten stand.
„KOMMT ZU MIR, MEINE KINDER!“, rief er und winkte sie zu sich heran. „IHR MUESST AUF DER RICHTIGEN SEITE STEHEN, SONST WIRD SICH DAS PORTAL NICHT FUER EUCH oEFFNEN.“
Nervös schluckend gingen sie an den Seelen vorbei und traten neben den fürchterlichen Gott, der nun nach dem Skelletschlüssel griff. Die Seelen sonderten einen seltsamen Nebel ab, der den gesamten Torbogen erfüllte und es nicht mehr möglich machte, auf die andere Seite zu blicken. Es machte rauschende Geräusche und sie hatten den Eindruck, als befände sich hinter dem Torbogen weit mehr Platz, als das Zimmer selbst bot. Die Gesetze der Physik schienen nicht länger zu gelten.
„KOMM!“, sagte Sithis fordernd und machte eine lockende Handbewegung. Weder Jochen noch Lisa schienen damit gemeint zu sein und blickten deshalb wie gebannt auf das Seelenportal.
Plötzlich blitzte etwas aus den dichten Nebelschwaden hervor und als sie genauer hinsahen, erkannten sie, dass es sich um eine Art Schloss handelte, das immer näher kam und exakt in der Mitte des Tores verharrte.
„AH, DA IST ES JA. ES IST LANGE HER, SEITDEM ICH DAS LETZTE MAL EINE DERARTIGE MAGIE GEWIRKT HABE, WISST IHR? NORMALERWEISE MueSSEN DAFueR DUTZENDE UND VERSCHIEDENSTE VON SEELENSTEINEN HERANGESCHAFFT WERDEN. ES IST WIRKLICH GROSSES GLUECK, DASS DIE SCHWARZE HAND AZURAS STERN ERBEUTET HAT... ansonsten waere euer vorhaben von anfang an zum scheitern verurteilt gewesen. NUR SEELEN ALLEIN SIND DAZU IN DER LAGE, ZWISCHEN DEN WELTEN ZU WANDERN.“
Er hüstelte gekünstelt.
„Nun, ja… HOFFEN WIR, DASS SIE EUCH WOHLGESINNT SIND UND EUCH AUF DIREKTEM WEGE ZU EURER HEIMAT GELEITEN MoEGEN.“
„Ja“, sagte Lisa. „Hoffen wir das.“
Er steckte den Dietrich in das Schloss und drehte ihn dann zweimal nach links, sodass ein laut hörbares Klicken entstand und das Schlüsselloch sich in weißes Licht verwandelte, welches den Nebel verschlang. Der Skelettschlüssel gab ein zischendes Geräusch von sich und löste sich mit einem kleinen Knall auf. Nach einer Weile wurde der Blick auf einen Teich frei, der ihnen merkwürdig vertraut vorkam und von einigen Bäumen gesäumt war.
„SO, MEINE GEFLUESTERTEN. DAS DA IST EURE WELT. ICH WEISS NICHT, AN WELCHEM PUNKT IHR HERAUSKOMMEN ODER OB IHR uEBERHAUPT ANKOMMEN WERDET... ABER NUN IST ES AN DER ZEIT, ES AUSZUPROBIEREN.“
Er breitete feierlich die Arme aus und sagte mit eisiger Stimme: „ICH HOFFE, IHR VERZEIHT MIR ALL DIE UNANNEHMLICHKEITEN, DIE IHR WAEHREND EURES AUFENTHALTES IN TAMRIEL ERLEBT HABT.“
„Schon gut!“, sagte Lisa abwesend und blickte auf den Teich, der nur auf sie zu warten schien. Sie fasste Jochens Hand so fest sie konnte und atmete tief, tief durch.
„Na ja... dann war’s das wohl. Schätze, es ist an der Zeit, zurückzukehren.“
„Gut erkannt!“, pflichtete Sithis ihr spöttisch bei und verschränkte die Arme vor dem Brustkorb. Jochen hatte ebenfalls ein mulmiges Gefühl im Magen und legte seine Stirn in Falten, als er das sich im Wind kräuselnde Wasser betrachtete.
„Okay... versuchen wir’s!“
Mit einem ziemlichen Kloß im Hals traten sie beide einen Schritt vor und merkten, wie der jeweils andere vor Aufregung zitterte. Lisa gab Jochen einen Kuss auf die Wange, um sich selbst und ihn zu beruhigen, doch es kam ihr wie ein Abschiedskuss vor, weil sie befürchtete, dass irgendetwas schief gehen konnte.
„worauf wartet ihr noch?“, fragte Sithis höflich und beugte seinen Kopf etwas nach vorne. „Der Durchgang ist frei. Ihr solltet rasch gehen, denn ewig bleibt er nicht bestehen.“
Lisa spürte, wie die Aufregung ihr die Kehle zuschnürte und sie wusste, dass es immer schlimmer werden würde, je länger sie wartete. Sie schaute zu Jochen, der ihren Blick erwiderte und dann zustimmend nickte. Gemeinsam traten sie direkt an den Rand des Seelentors und sprangen dann mit einem ebenso ängstlichen wie entschlossenen Schrei über die Grenze.
„Lebt wohl!“ rief Sithis ihnen hinterher und das Tor hinter ihnen verschwand.
Ihre Reise in die Heimat hatte begonnen… und war das Schrecklichste, was sie je erlebt hatten. Sie fühlten sich, als hätten sie die achtzehnte Runde einer irrwitzigen Achterbahn angetreten und würden sich nur deswegen nicht übergeben, weil sie in den Runden davor schon alles von sich gegeben hatten. Panisch umklammerten sie sich gegenseitig und zogen die Köpfe ein. Sie wurden durch die Luft gewirbelt, um die eigene Achse gedreht und überschlugen sich mehrere Male pro Sekunde. Es war, als würden sie sich mitten in einem Wirbelsturm befinden.

IHR WOLLT WEG UND DAS IST GUT
DOCH WIR VERLANGEN TRIBUT
GEHT IN EURE EIGNE WELT
BEVOR SIE ZUSAMMENFAELLT

Sie wussten nicht, woher die Worte kamen, noch, was sie bedeuten mochten. Nach einer Weile hatten sie das Gefühl, überhaupt nichts mehr zu wissen, nur noch, dass sie durch die Luft flogen und dass ihr Magen empört dagegen protestierte. Mit Entsetzen sahen sie, wie die Goldmünzen aus Jochens Tasche heraus gesogen wurden und in der Unendlichkeit verschwanden, genauso, wie ihre Seelensteine und ihre Dolche, die Leidensdornen, deren Halterungen sich einfach lösten und wie bei einem Wirbelsturm schlicht weggeweht wurden. Auch die Ringe an ihren Händen und die kleine Saphirkatze wurden ihnen entrissen. Selbst die Unsichtbarkeitsringe an ihren Halsketten sprangen entzwei und lösten sich in lodernden Rauch auf.  Die Unsichtbarkeitstränke zerplatzen und die Scherben suchten sich aus der Kampftasche wie von selbst einen Weg nach draußen. Mit rudernden Armen versank die Welt in Dunkelheit und sie verloren dass Bewusstsein.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:27
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KAPITEL ZWOELF
WIEDER ZU HAUSE




Mit einem dumpfen ‚Klong’ schlugen sie auf dem harten Boden auf und waren einen Moment lang unfähig, sich zu rühren. Jochens Brille saß ihm schief im Gesicht und er hustete, als er wach wurde und der Schmerz des Aufpralls langsam zu ihm durchdrang. Lisa saß direkt neben ihm. Irgendwie hatte sie es geschafft, auf ihrem Hintern zu landen und rieb sich nun denselben mit einem leisen Fluchen. Jochen hielt sich die Hand vor den Mund und hustete erneut, dann sah er sich um, um herauszufinden, wo sie waren.
Ihre Umgebung sah ganz genau so aus, wie jenes Bild, dass sie durch das Seelentor erblickt hatten. Der kleine Teich, halb umsäumt von Bäumen, wurde von einer leichten Brise berührt und winzige Wellen breiteten sich auf der Wasseroberfläche aus. Die Blätter rauschten im Wind und die Luft war warm und angenehm. Ein schmaler Weg führte am Teich entlang, in dessen Mitte ein kleines Holzhäuschen stand oder schwamm, das wohl für Vögel gedacht war. Nahe am Ufer standen zwei Bänke in geringem Abstand zueinander Ein paar Enten watschelten an ihnen vorbei und betrachteten sie mit geringschätzigen Blicken. Am Himmel blinkten bereits einige Sterne und ein runder Vollmond leuchtete auf sie herab. In der Ferne hörten sie eine Kirchenglocke, die neun Mal schlug.
„Haben... haben wir es geschafft?“, fragte Jochen unsicher und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.
Lisa nickte benommen und deutete mit dem Daumen hinter sich.
„Ich glaub, wir sind auf dem Friedhof. Sieht aus, wie Grabsteine, da hinten.“
Mit einem lauten Stöhnen kam sie auf die Beine und bewegte diese einige Male hin und her. Dann half sie Jochen hoch und sie sahen, wie eine Fledermaus einem in der Dunkelheit nicht näher erkennbaren Insekt nachjagte. Mit strahlenden Gesichtern begriffen sie, dass sie wieder zu Hause waren und umarmten sich stürmisch.
„Oh Gott, Jochen! Wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft!“
„Ja, verdammt! Haben wir! Haha!“
Er lachte triumphierend und küsste sie mehrere Male auf Wangen, Mund und Stirn. Mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht hob er seine Hände und ließ beide Zeigefinger vor sich her tanzen.
„G-G-G-G!“, machte er vergnügt und Lisa küsste ihn prompt zurück. Dann wurde ihnen gleichzeitig schwindelig und sie mussten sich wieder hinsetzen, um nicht umzufallen. Die Enten hatten inzwischen den Teich erreicht und paddelten auf das kleine Häuschen zu. Lisa und Jochen betrachteten sich gegenseitig und ließen den Blick auf der Robe des jeweils anderen ruhen.
„Wahnsinn... wir sind wieder zu Hause.“
Lisa schüttelte nachdenklich den Kopf und schniefte. Sie konnte nicht fassen, dass sie nicht nur in ihrer Welt, sondern zusätzlich auch noch mitten in ihrer Heimatstadt gelandet waren. Und dann auch noch an einem Ort wie diesem.
„Ja... wir sind zu Hause. Voll gut...!“
Jochen griff in seine Tasche, um die Goldmünzen hervorzuholen, doch zu seinem Entsetzen fand er sie nicht. Als Lisa seinem Blick folgte, sagte sie: „Wir haben sie verloren, weißt du nicht mehr? Als wir so umhergewirbelt worden sind.“
Jochen blinzelte einen Moment lang verwirrt, dann schien es, als würde er sich wieder erinnern.
„Scheiße, stimmt! Verflucht! Von dem Gold hätten wir uns bestimmt eine ganze Menge netter Sachen kaufen können!“
Lisa zuckte mit den Schultern und sagte: „Was soll’s?! Wenigstens haben wir noch das Buch und die Schriftrolle.“
„Und unsere Roben!“, fügte Jochen hinzu und strich liebevoll über den schwarzen Stoff.
„Und unsere Roben“, bestätigte sie und öffnete ihre Kampftasche, um das Manuskript und das Buch von Valen Dreth hervorzuholen.
„Sag mal“, fragte Jochen beiläufig und versuchte, einen neutralen Gesichtausdruck aufzusetzen. „Ist deine Tasche eigentlich aus Todesstoff?“
Sie sah ihn tadelnd an, musste dann aber grinsen und strich ihm mit der Hand über die Haare.
„Doof!“, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf ihn, bevor sie das Gesuchte fand. Nach einem kurzen prüfenden Blick auf beides stellte sie zu ihrer Freude fest, dass weder Schriftrolle noch Buch in irgendeiner Art und Weise beschädigt zu sein schienen.
„Kann ich das Buch mal sehen?“, fragte Jochen und sie reichte es ihm. Neugierig zog er das Lederband mit dem silbernen Schlüssel heraus und blätterte die erste Seite auf. Daedrische Schriftzeichen wurden sichtbar und eine Kapitelübersicht kam zum Vorschein, deren Titel ebenfalls in den merkwürdigen Runen geschrieben worden war.
„Wir sind nicht in unserer Welt... hey, das hab ich tatsächlich gedacht!“, rief Jochen aufgeregt, der zum ersten Kapitel geblättert und die oberste Zeile laut vorgelesen hatte. „Woher wusste Valen das? Hatten wir mit ihm darüber gesprochen?“
„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Lisa abwesend und richtete sich ein zweites Mal langsam auf, um sich vermeintlichen Staub von der Kleidung zu klopfen. Angespannt bewegte sie die Beine hin und her und ging dann in die Hocke, um ihre von Muskelkater befallenen Gliedmaßen zu dehnen.
„Wow... er hat sogar beschrieben, wie ich mit Malvulis auf dem Schiff...!“
Jochen blickte hastig zu Lisa und biss sich auf die Lippen, als würde er sich darüber ärgern, was er gerade gesagt hatte. Etwas zu auffällig versuchte er, weiterzublättern.
„Wie du mit Malvulis was?!“, fragte Lisa neugierig und schnappte ihm das Buch weg, um selbst darin zu lesen. Einen Moment später grinste sie ungläubig und verkniff sich ein Lachen. „Du hast tatsächlich ‚What shall we do with a drunken sailor’ gepfiffen?“
Beschämt stand Jochen ebenfalls auf und steckte die Schriftrolle in seine Kampftasche hinein.
„Na und? Mir ist halt nichts Besseres eingefallen. Lenk du doch mal einen Piraten ab!“
„Eine Piratin!“, verbesserte Lisa ihn.
„Ich wünschte, dieses Verbot würde noch immer gelten!“, murmelte Jochen und steckte ihr die Zunge raus. Dann gingen sie zu der rechten der zwei Bänke und ließen sich erleichtert auf die Sitzfläche sinken.
„Ah... das tut gut. Wir haben schon lange nicht mehr hier gesessen.“
„Ja, stimmt“, sagte Lisa leise und hielt das Buch fest umklammert in ihren Händen. Nach einer Weile schlug sie es wieder auf und blätterte an die Stelle, wo sie gerade das Stadttor von Leyawiin verlassen hatten.
„Ich hasse Regen... genau, daran erinnere ich mich noch! Das hast du gesagt, als wir Narbenschwanz umlegen sollten und es auf dem ganzen Weg dorthin wie aus Eimern geschüttet hat.“
„Ja... das war vielleicht bescheuert! Wenigstens regnet es jetzt nicht“, antwortete Jochen und blickte erneut zum sternenklaren Himmel empor. „War schon ne irre Zeit, was?“, fragte er dann und legte den Kopf in den Nacken. „Das es einfach so vorbei sein soll...“
„Ich weiß, was du meinst. Aber ich bin froh, dass es vorbei ist. So hat es wenigstens ein gutes Ende genommen.“
Die Fledermaus hatte ihr Insektenopfer endlich mitten im Flug erwischt und flatterte nun zum nächstgelegenen Baum, um ihre Mahlzeit zu verspeisen.
„In der Tat... ey, lass uns mal bis ans Ende blättern!“, schlug Jochen auf einmal neugierig vor und blickte aufgeregt auf die Buchseiten.
„Von mir aus!“, sagte Lisa schmunzelnd blätterte zum letzen Kapitel, welches wieder in daedrischen Runen gehalten war.
Lisa begann, vorzulesen:

„Mit einem dumpfen ‚Klong’ schlugen sie auf dem harten Boden auf und waren einen Moment lang unfähig, sich zu rühren. Jochens Brille saß ihm schief im Gesicht und er hustete, als er wach wurde und der Schmerz des Aufpralls langsam zu ihm durchdrang.“

Verwundert sahen sie sich an und lasen weiter.

„Haben... haben wir es geschafft?’
Lisa nickte benommen und deutete mit dem Daumen hinter sich.
‚Ich glaub, wir sind auf dem Friedhof. Sieht aus, wie Grabsteine, da hinten.“

Jochen wich mit dem Kopf zurück und verzog einen Moment lang ängstlich die Augenbrauen.
„Das haben wir gerade eben erst gesagt!“, rief er empört und deutete anklagend auf die entsprechende Zeile. „Wie kann es dann da drin stehen? Woher hat Valen das gewusst?“
Er sah auf die nächste Zeile und las laut „Er sah auf die nächste Zeile...“ vor.
„Oh...“, machte Lisa erschrocken und schaute nach, wie viele Seiten noch übrig waren, doch es waren zu ihrer Erleichterung nur zwei oder drei. Dann sagte sie: „Ach komm, was soll’s das Buch ist gleich vorbei. Ich finde es auch merkwürdig, aber wen kümmert das schon? Wir sind zu Hause, dass ist alles, was zählt.“
Sie tastete unter ihrer Robe nach ihrem Schlüsselbund und zog einige Münzen aus ihrem Notfallgeld hervor.
„Es ist trotzdem gruselig!“, beharrte Jochen und sah zu, wie Lisa das Buch zuklappte und in ihre Tasche zurücksteckte. Danach machte sie die Schnallen zu und stand auf.
„Das erinnert mich an eine Stelle aus ‚Die unendliche Geschichte’.“
„Die unendliche Geschichte? Was hat das damit zu tun?“
Lisa zuckte mit den Schultern.
„Na ja, da ist eine Figur in dem Buch, die in ihr Buch des Lebens schaut. Sie liest, was da steht und in dem Moment steht dort: ‚Sie las, was da stand’ oder so ähnlich.“
„Verstehe“, murmelte Jochen und machte ebenfalls die Schnallen seiner Kampftasche zu. „Hieß der Figur in dem Buch Jochen?“
„Ist doch egal!“, erwiderte sie und zählte die Münzen in ihrer Hand. „Ich hab Hunger und acht Euro. Lass uns zur Tankstelle gehen.“
Seufzend standen sie auf und fassten einander bei den Händen, während sie dem Weg des Friedhofs in Richtung Hauptstraße folgten. Die kleinen, rot leuchtenden Grablichter schickten ihren Schein durch die dicht gewachsenen Hecken und es herrschte eine angenehme Stille, die nur auf Grabstätten zu finden ist.
„Denkst du, dass uns irgendjemand die Geschichte glauben wird?“, fragte Jochen nach einer Weile.
„Nö!“, sagte Lisa prompt und sie grinsten.
„Aber wir könnten das Buch vermarkten!“, sagte er nachdenklich und schaute einer Elster zu, wie sie geschwind über einen Grabstein hüpfte.
„Wir haben das Buch noch nicht mal gelesen, Jochen! Wie sollen wir es da vermarkten?“
„Ich mein, nachdem wir es gelesen haben.“
„Und wie soll das Buch dann heißen? Die Abenteuer von Lisa und Jochen?!“
Jochen drückte tadelnd ihre Hand und rückte seine Kampftasche zurecht.
„Ja, keine Ahnung... ‚Schattenblut’ vielleicht... oder ‚Tamriel’... oder ‚Die Dunkle Bruderschaft’... ne, wadde, jetzt hab ich’s! Wie hieß noch mal dieses Reich, wo das Feuerwesen in dem Turm herkam?“
„Welches Feuerwesen?“
„Na, diese Frau.“
„Der Feuerastronarch...?“
Jochen nickte aufgeregt.
„Falanu hat irgendetwas darüber erzählt, wo sie herkommen.“
Sie überlegten eine Weile, dann fiel es ihnen wieder ein.
„Du meinst ‚Oblivion’!“
„Ja... genau...!“
Lisa hob die linke Augenbraue.
„Das ist bescheuert... das könnte der Name eines Computerspiels sein!“
Jochen lächelte und sagte dann: „Wenn es eins gibt, dass so heißt, dann spielen wir’s gemeinsam!“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  31.07.2009, 13:27
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Wow :D so viel auf einmal. Der Anfang höhrt sich schonmal nicht schlecht an. Wenn ich mal mehr Zeit habe wrde ich alle 12 Kapitel lesen und dann meine Kritik für alle abgeben :D
--> http://www.nirn.de/forums/oblivion/thread.php?postid=493301#post493301 <--
Hier kann  jeder sein Rezept reinstellen lassen ;) . Aber vorher erst alles durchlesen bitte.
  31.07.2009, 20:54
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