Ohne sich umzublicken marschierte Chiriel in ihrem üblichen Stechschritt über die Brücke, die die Geheime Universität mit der eigentlichen Stadt verband. Auch wenn sie Celindra, die ihr wie ein Schatten folgte, nicht hörte, so war sie sich ihrer Anwesenheit nur zu bewusst. Die langen Jahre in ihrem Beruf hatten Chiriels Sinne geschärft – na ja, bis auf ihre Augen, deren Sehkraft war eher schlechter geworden. Dafür konnte sie sich umso mehr auf ihr Gespür verlassen und dies liess sie genau merken, wie nahe ihr Celindra gerade auf die Pelle rückte.
Dass das Altmer-Mädel sich nicht hatte abschrecken lassen, wertete Chiriel als Pluspunkt, auch wenn es ihr persönlich lieber gewesen wäre, wenn Celindra bei den anderen geblieben wäre. Aber die Kleine folgte ihr nun und damit war ihre Begleitung zu einer Tatsache geworden, an der jetzt nichts mehr zu ändern war. Also verschwendete Chiriel auch keine weiteren Gedanken mehr an das, was ihr lieber gewesen wäre, sondern nahm es hin.
Im Baumgarten-Bezirk angekommen, beschleunigte Chiriel ihre Schritte, verliess den Pfad und schlüpfte hinter den nächstbesten Busch, bevor ihr Celindra durchs Tor gefolgt war und sehen konnte, wohin sie sich gewandt hatte. Aus ihrem Versteck heraus beobachtete sie dann, wie Celindra den Bezirk betrat und sich hektisch umzusehen begann. Erst wandte sie sich in die eine, dann in die andere Richtung, blieb dann wieder stehen und schaute sich erneut unschlüssig um. In einem günstigen Moment, als Celindra gerade nicht in ihre Richtung schaute, verliess Chiriel ihr Versteck und trat auf die Strasse.
„Bin ich dir zu schnell?“, rief sie dem Altmer-Mädel zu und marschierte auch schon weiter Richtung Arenabezirk. Es amüsierte sie, als sie hinter sich bald einmal leises Schnaufen vernahm. Offenbar musste sich Celindra anstrengen, um mit ihr Schritt halten zu können. Vermutlich würde das Mädel sie bald einmal in die tiefsten Tiefen von Oblivion wünschen. Aber Chiriel sah nicht ein, warum sie weniger hart mit Celindra umspringen sollte, denn das, was in Summerset auf sie zukommen würde, war garantiert kein Zuckerschlecken und es wäre nur von Vorteil, wenn Celindra ihre eigenen Grenzen beizeiten kennen lernen würde.
Vor den Toren der Arena blieb Chiriel bei Hundolin, dem Bosmer, der für die Wetten zuständig war, stehen und fragte: „Ist Cyron hier? Kämpft er heute?“
„Ja, er ist da. Kämpfen tut er heute allerdings nicht. Wäre auch etwas schwierig bei seiner Verfassung.“ Das schmierige Grinsen, welches Hundolin jetzt aufsetzte, liess Chiriel genau wissen, was er mit „Verfassung“ meinte.
„Geh ruhig runter, Kriegerin“, ermunterte der Bosmer sie verschlagen grinsend, „ich wette, Cyron schläft noch tief und fest und freut sich bestimmt, wenn er geweckt wird.“
Als sein Blick an ihr vorbei auf Celindra fiel, lachte er und meinte anzüglich: „Wenn du allerdings sie vorschickst, damit sie ihn weckt, wird er sich vermutlich tatsächlich freuen und sein Glück kaum fassen können!“
„Das sollte ich sie vielleicht wirklich tun lassen!“, konterte Chiriel und konnte sich das Lachen ebenfalls nicht verkneifen.
Vor dem irritiert dreinblickenden Altmer-Mädel betrat Chiriel das Schlachthaus. Da sie schon einmal hier unten gewesen war, musste sie sich nicht erst orientieren, um sich zurechtzufinden. Der Übungsbereich der Bogenschützen lag verlassen da, aber ansonsten waren mehrere Kämpfer dabei, sich warm zu machen. Nur einer stand da und schüttete sich gerade einen Eimer Wasser über Kopf und den nackten, wohl proportionierten und reichlich tätowierten Oberkörper.
„Verdammt ist das kalt!“, schnaufte er, während das Wasser an ihm herab lief und eine Gänsehaut hinterliess.
„Die Kaiserstadt hat dich verweichlicht“, bemerkte Chiriel trocken, „früher warst du nicht so zimperlich.“
Cyron fuhr zu ihr herum und als sich seine Miene bei ihrem Anblick aufhellte, begann auch sie zu lächeln. „Sei gegrüsst, Myrmidon … oder hast du dich schon zum Grossmeister hoch gekämpft?“