Chiriel hatte zwar schon davon gehört, dass Gespenster unempfindlich gegenüber „normalen“ Waffen wären, aber bisher hatte sie das nicht so richtig glauben wollen. Warum sollten Silberwaffen besser funktionieren als blankes Eisen oder Stahl? Was war an Silber anders, ausser dass es pflegeintensiver war, weil es rasch einmal schwarz anlief?
Dass Leif dieses „Gerücht“ bestätigte, schmeckte Chiriel nicht besonders, denn das hiess, dass ihr Schwert nutzlos war. Cyron kam zu demselben Ergebnis und erklärte sofort, dass er für diesen Kampf nicht richtig ausgerüstet war und man auf ihn verzichten müsse. – Klang Enttäuschung aus seinen Worten? Die Söldnerin meinte zwar ja, war sich aber nicht sicher, da Cyron seine übliche Burschikosität zeigte.
Noch während die Halbmer darüber nachsann, wie hilfreich sie mit Dolch und ihren wenigen Magiekenntnissen sein könnte, witzelte Umaril völlig unpassend: „Dann hoffe ich, dass wir den Priester auch vor dem Geist finden.“
Seinen Worten zum Trotz zeigte er jedoch nicht die geringste Neigung dazu, das Tempo zu erhöhen. Gemächlich wie zuvor watschelte er hinter ihnen her und schien sich nicht die geringsten Sorgen zu machen.
Warum auch? Vermutlich würde er sich weiträumig aus der Schusslinie halten und die Drecksarbeit ihnen überlassen …
Seine achtlos hingeworfenen Worte bewirkten jedoch, dass sich Schweigen ausbreitete.
Zum Glück war es jedoch nicht mehr weit, denn ein paar Gassen weiter – wo war nur diese Bognermarkt? – war plötzlich der Tempel zu sehen. Ein hässlich grauer, kompakter Rundbau, tatsächlich dem Tempel ähnlich, der in der Kaiserstadt stand, und ganz entschieden nicht hierher passte in seiner schlichten Fremdartigkeit. Das einzige Zugeständnis der verspielten Elfenbauweise waren die eingravierten „wachsamen Augen der Neun“, die rundherum auf den Mauern die Besucher von oben herab beobachteten.
‚Den Architekten, der dieses Schandmal verbrochen hat, hätte man auspeitschen lassen sollen’, dachte Chiriel spontan, während Celindra zur gleichen Zeit sagte: „Also, wenn das nicht der Tempel ist.“
„… dann hat noch jemand anderer einen grottenschlechten Geschmack“, ergänzte die Halbmer und starrte angewidert auf das in seiner Schlichtheit protzige Gebilde, welches den Unterschied zwischen menschlicher und elfischer Kunst nicht eindrücklicher hätte aufzeigen können.
„Wenn man mich hier begraben täte, würde ich aus Frust auch herumspuken“, murmelte sie halb zu sich selber und hatte plötzlich Verständnis für jedes Gespenst, dass sich innerhalb dieser Mauern nicht zur Ruhe legen wollte.
„Wie auch immer …“, sagte sie lauter. „Lasst uns hineingehen und den Priester suchen.“