Also ich kann beide Seiten verstehen. Auf der einen Seite das Entsetzen der Öffentlichkeit (die aufbauschenden Medien jetzt mal aussen vor), die zu Demonstrationen und Rücktrittsforderungen greift, weil es einfach nicht sein kann, dass sich unsere Politiker nicht an ihre eigenen Gesetze halten. Wie soll denn eine (zum Tatzeitpunkt) 16 Jährige Helene Hegemann verstehen, dass Copy & Paste von fremden Quellen in das eigene Buch-Projekt ein absolutes NO NO ist, wenn sogar die, die es eigentlich besser wissen müssten, sich nicht darum scheren, die entsprechenden Nachweise und Fußnoten zu setzen, frei nach dem Motto: "Merkt doch eh keiner."
Auf der anderen Seite wird das natürlich alles vollkommen überproportional bewertet. Ich wette, wenn man sich jetzt spontan 1000 Doktorarbeiten oder Diplomarbeiten schnappen und auf korrekte und vollständige Quellennachweise untersuchen würde, käme man zu einem haarsträubenden Ergebnis. Nur: Bei "normalen" Leuten macht das eben keiner. Jeder, der schonmal einen Artikel oder ähnliches verfaßt hat weiß, was für eine Sisyphusarbeit das Setzen von Fußnoten und Links zu Quellennachweisen sein kann. Damit kann man je nach Arbeit und Anzahl der Quellen, länger beschäftigt sein, als mit dem eigentlich Thema.
Trotzdem ist das Copy/Paste Problem und das mangelnde Unrechtsbewußtsein in der breiten Öffentlichkeit ein ernstes Thema für jeden kreativen Schreiber. Schade eigentlich, dass darüber so unseriös berichtet wird. Anstatt einen Polit-Skandal daraus zu stricken, hätten die Journalisten m. E. besser daran getan, eine offene Debatte über Sinn und Unsinn des Begriffs "geistiges Eigentum" zu führen.