Also erst einmal: Ich finde es toll, dass wir uns in diesem Forum auch mit solchen Themen auseinandersetzen und darüber diskutieren. Natürlich ist es ganz klar, dass wir, auch wenn wir alle betroffen vom Leid und Schicksal der Menschen in Japan sind, auch nicht alle die gleiche Meinung zu bestimmten Themen haben, die eher politischer Natur sind. Umso wichtiger, dass möglichst viele möglichst unterschiedliche Meinungen zu dem Thema "gehört" werden.
Viele hier sind ja noch "relativ" jung und haben damals Tschernobyl nicht bewusst miterlebt. Ich war damals so um die 15 und in der 9. oder 10. Klasse. Ich müsste jetzt länger nachrechnen, um es genauer zu bestimmen. Ist auch nicht wichtig. Worum es mir geht, ist mal zu beschreiben, wie ich - und viele meiner Klassenkameraden - sich damals so gefühlt haben.
Ich erinnere mich, dass ich sogar kurz zuvor in Physik noch ein Referat zum Thema Kernkraft gemacht hatte und der Klasse vorgetragen hatte. Damals war die uneingeschränkte Meinung sowohl bei Lehrern, als auch in der breiten Öffentlichkeit, dass Kernenergie die ideale Alternative zu Kohlekraftwerken und ähnlichem war. Sie wurde als "sauber, sicher, und billig" angesehen und würde anders als andere Alternativen keine fossilen Brennstoffe verbrauchen. Natürlich wusste man auch damals schon, dass es ein "Restrisiko" gab, aber glaubte, dass es wahrscheinlicher war, dass ein Meteor in einer Kleinstadt einschlug, als dass es in einem AKW zu einem ernsten Zwischenfall käme. Man war stolz auf die Redundanz aller wichtigen Schutzsysteme (das mehrfache Vorhandensein dieser Systeme für den Fall, dass eines oder zwei davon ausfallen).
Was damals - genau wie heute auch noch - möglichst ausgeblendet wurde, war die gesamte Diskussion über den Atommüll. Denn dass diese Kraftwerke Abfallprodukte produzieren, die noch für hunderttausende von Jahren gefährlich hohe Strahlungsdosen abgeben und man eigentlich gar keinen rechten Plan hatte, wohin mit diesen Brennstäben, warf halt kein gutes Licht auf die neue "saubere, sichere, billige" Stromquelle. Auch heute weiß man das übrigens nicht. Darum werden die Dinger einfach irgendwo verbuddelt, aber natürlich möglichst nicht hier bei uns im schönen Deutschland, sondern möglichst anderswo auf der Welt. Darum werden die Brennstäbe ja auch so gern ins Ausland verfrachtet. Dann ist man auch die Verantwortung für eine korrekte Entsorgung los.
Der einzige Grund, warum Atomstrom so günstig ist / war, ist der, dass man schon seit je her nicht die verheerenden Kosten für die Entsorgung und Umweltschäden mit einrechnet. Denn die irgendwann entstehenden Schäden an der Umwelt / Natur / Menschen lassen sich ja noch überhaupt nicht absehen, und daher nicht berechnen. Kernkraftwerke gibt es ja erst seit den 50er Jahren. Das ist gemessen an der Halbwertszeit der Brennstäbe nicht einmal ein Wimpernschlag. Darum haben wir auch noch keine Ahnung, wie sich das alles langfristig auswirken wird.
Zwar gab es auch damals schon kritische Stimmen, wie zum Beispiel die Grünen und von Organisationen wie Greenpeace. Die wurden damals aber noch viel mehr als heute als "Ökopunks" angesehen und nicht wirklich von vielen Ernst genommen.
Egal, ich wollte ja erzählen, wie das damals so war. Wir erfuhren von Tschernobyl erst ein paar Wochen, nachdem der Reaktor hochgegangen war. Damals war die Wolke mit dem radioaktiven Material schon über Deutschland. Wir saßen im Klassenzimmer und redeten darüber. Und jeder von uns wusste, dass um uns herum eine unsichtbare Wolke aus erhöhter Strahlung war, der man nicht entgehen konnte. Uns wurde im Radio gesagt, wir sollten vor allem wenn es regnet drinnen bleiben und die Fenster geschlossen halten, da der Niederschlag erhöhte radioaktive Werte aufwies. Und das in der Hochzeit des kalten Kriegs, wo die unterschwellige Angst vor einem Atomkrieg ohnehin schon bei jedem im Hinterkopf schwelte. Das war eine Stimmung, die durchaus geeignet ist, einen zu traumatisieren und die ich niemandem wünsche. Das wahre Ausmaß der Katastrophe, das man heute überall im Web nachlesen kann, zum Beispiel bei Wikipedia, wurde uns in leicht verdaulichen Informationshäppchen serviert. Dass nicht nur ein bisschen Uran ausgetreten war, sondern der ganze Reaktor hochgegangen ist, wurde erst viele Wochen nach dem Unglück klar.
Man kann sich glaube ich schwer Vorstellen, wie sich so etwas anfühlt, wenn man nicht selbst davon betroffen ist. Mir wurden damals jedenfalls auf sehr eindrucksvolle Weise mehrere Dinge klar.
Erstens: Keine Technologie, die wir Menschen bauen oder erfinden könnten ist für Jahrhunderte / Jahrtausende sicher. Es ist wie das jonglieren mit Fackeln auf einem Pulverfass. Irgendwann wird etwas passieren, und wenn das geschieht, sind die Konsequenzen furchtbar. Auch die Atommülldeponien werden eines Tages zerfallen und das immer noch strahlende Material wird ins Grundwasser gelangen. Oder durch Erdverschiebungen, Grabungen, etc. werden zukünftige Zivilisationen irgendwann mit unserem strahlenden Vermächtnis konfrontiert.
Und Zweitens: Berichterstattung in den Medien wird *immer* heruntergespielt, wenn wirklich etwas schlimmes passiert ist. Das bedeutet übrigens im Gegenschluss, das keine wirkliche Gefahr herrscht, wenn die Medien ein Thema aufbauschen, wie z.B. Vogel- / Schweine- / Hund und Katzengrippe.
In dem Zusammenhang fand ich die ersten Reaktionen in diesem Thread sehr bezeichnend und werfen für mich eine interessante Frage auf (die aber nichts mit dem Thema hier zu tun hat). Sind wir sind durch die Sensationsberichterstattung der Medien inzwischen so abgestumpft, dass wir, wenn wirklich mal die Kacke am dampfen ist, nur noch denken "Ja sicher. So schlimm wird es schon nicht sein..."?
- Hanrok