Nirn.de

Gast

Thema: Ich - Lu'ah Al-Skaven  (Gelesen 1268 mal)

  • Mitwisser
    • Dunkle Bruderschaft
Heute schreiben wir den 23. der Sonnenhöhe im 200sten Jahr der 4.Ära.
Es ist ein besonderer Tag, in zweierlei Hinsicht.
Heute vor 30 Jahren stand ich vor dem Priester und gelobte dir, Saeel, Treue über den Tod hinaus. Doch dazu später. Schon jetzt kämpfe ich wieder mit den Tränen. Eine alte Frau, die heult wie ein junges Mädchen …
Aber ich muss es aufschreiben.
Ich fühle, mir bleibt nicht mehr viel Zeit.
Wer immer das liest soll das Zittern meiner Finger entschuldigen. Oder nein. Es ist gleichgültig. Wer weiß schon, ob diese Zeilen jemals gefunden werden. Und die Toten können nicht lesen.
Es ist ein besonderer Tag, denn heute erzähle ich die Geschichte meines Lebens.

Ich wurde im Jahre 148 geboren, am 16.Morgenstern, dem heiligen Tag des Lichts. Lu’ah nannten sie mich, Fürstentochter von Skaven in Hammerfell.
In den Jahren meiner Kindheit war Skaven der Nabel der Welt. Jedenfalls für mich. In Wirklichkeit war die Stadt nur ein kleines Provinznest, vergessen im Nirgendwo. Doch diese Abgeschiedenheit bescherte mir eine glückliche unbeschwerte Kindheit. Ich wusste nichts von den Sorgen des Reiches oder von den dunklen Schatten, die langsam von Süden heraufzogen. Fröhlich lebte ich in den Tag hinein, lernte kaum mehr als ein Bauernmädchen, das stolz darauf ist zu wissen, wann die Früchte des Feldes reif sind oder welche Zutaten man für die nächste Mahlzeit benötigt. Ach, ich war so dumm … bis Saara nach Skaven kam.

Saara war anders. Das merkte man sofort. Wir waren gleich alt, doch im Gegensatz zu mir war Saara in Hochfels aufgewachsen, an einer Magierschule. Ich höre heute noch ihr Lachen, als sie es mir erzählte. Bei den Göttern, muss ich sie dabei angestarrt haben, mit offenem Mund, so als käme sie aus einer Sphäre Oblivions.
Wir zwei wurden unzertrennlich. Saara brachte die Magie in mein Leben, brachte mir bei, was sie bei den Hexenmeistern in Hochfels gelernt hatte, und wir stellten fest, dass auch ich über ein erstaunliches Potential verfügte. Wie groß es wirklich war, sollte ich erst viel später erfahren.
So verging die Zeit. Wir zauberten oft zum Spaß ... und um andere zu ärgern. Dabei taten wir nichts Gefährliches. Das dachten wir jedenfalls. Was sollte an Illusion schon gefährlich sein? Ein wenig Licht, abends in den Zelten, ein harmloser Stillezauber, wenn Mira mal wieder mit uns schimpfen wollte ... gut, das tat sie nach dem Abklingen um so kräftiger. Oder habt Ihr schon einmal versucht, einen wilden Kampfstier mit Bezaubern in ein zahmes „Kätzchen“ zu verwandeln? Lasst es lieber.
Zugegeben, als wir Ramir und Jaleen eines Nachts überraschten und das Zelt mit den Monden um die Wette leuchtete, gab es zum ersten Mal richtigen Ärger. Ramir war verheiratet, aber nicht mit Jaleen und ... na ja, Vater verbot mir danach den Umgang mit Saara. Nicht dass mich das gestört hätte ...

Dann wurden die Tage dunkler.
Immer wieder erreichten uns Gerüchte aus dem Westen, vor allem aus Sentinel, wo die Altvorderen zu Macht und Einfluss gelangt waren. Damals hatte ich noch keine Ahnung von Politik. Und, ich muss zugeben, bis heute hat sich nicht sehr viel daran geändert. Wir verstanden es so, dass die Altvorderen hier in Hammerfell ein zweites Yokuda errichten wollten, eine Auferstehung unserer verlorenen Heimat, die selbst die Ältesten nur aus uralten Überlieferungen kennen. Ich weiß nicht, ob es möglich gewesen wäre oder nur der utopische Wunsch eines zweiten Goldenen Zeitalters. Die Geschichte verlief anders.
Ich war 20, als Titus Mede II. den Thron in der fernen Kaiserstadt bestieg, unser König sich nach Hegathe absetzte und sich von dort aus unzählige Scharmützel mit den Altvorderen lieferte. Die Straßen wurden unsicher. Selbst hier bei Skaven kam es immer öfter zu Übergriffen auf Reisende. Und ich hatte Angst um Saara. Habe ich schon erwähnt, wie sie Hasan kennenlernte? Nein? Er gehörte zu Vaters Leibgarde, genau wie Saeel. Wer Saeel ist? Ja, wie soll ich das erklären? Saeel war einfach der großartigste Mensch, der mir jemals im Leben begegnet ist. Wenn es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt, dann ist genau das zwischen uns geschehen ...
Aber ich schweife ab. Ich wollte doch schreiben, warum ich mich um Saara sorgte.
Nun, Hasans Familie stammte aus Hegathe, und eben dorthin hatte ihn Saara begleitet. Es sollte nur für ein paar Wochen sein. Doch inzwischen war fast ein Jahr vergangen, seit ich meine Freundin zuletzt gesehen hatte. Die Kämpfe im Westen ließen es nicht zu. Doch wenigstens erreichte mich ein Brief. Saara erwartete ein Kind. Ach, ich freute mich so für sie ...

23.Sonnenhöhe 4.Ära 170.
Ich könnte tausend Seiten über diesen Tag schreiben. Aber ich werde es nicht tun. Diese Erinnerungen gehören mir allein. Es war der Tag, an dem Saeel und ich uns ewige Treue gelobten, bis über den Tod hinaus.
Und es war der hellste Tag in meinem Leben. Alles stimmte. Das Wetter, die fröhliche Stimmung in der Stadt, selbst Saara und Hasan waren aus Hegathe gekommen und hatte ihren kleinen Sohn Karim mitgebracht. Ich war so glücklich. Am liebsten hätte ich auch sofort ein Kind gehabt. Ein Sohn, der Saeel glich.

Aber das Leben hält immer wieder grausame Wendungen bereit.
Saaras Karawane geriet auf dem Rückweg in einen Hinterhalt. Nein, es waren nicht die Altvorderen. Rothwardonen tun so etwas nicht. Sie schlachten keine Babys ab! Es waren diese verfluchten Elfen, die sich immer öfter im Süden und Westen herumtrieben.
Ich konnte Saara in ihrem Schmerz nicht einmal beistehen. Ich erfuhr es viel zu spät. Erst im Herbst des Jahres 171, kurz bevor der Krieg begann. Und dann konnte ich nicht mehr zu ihr.

Lady Arannelya! Ich hasse diese Fran – nein, dieses Untier! Sie und ihre Thalmor-Armeen haben mir in den nächsten Jahren alles genommen, woran mein Herz hing. Ich hasste sie und ich verfluchte sie mit allen Flüchen, die ich in Erfahrung bringen konnte. Ja ich ging selbst heimlich zu den Hexen, um weitere Flüche zu kaufen. Vielleicht war es dort, wo ich zuerst die dunkle Seite meiner magischen Begabung erweckte.

Wie die Pest brachen die Elfen über meine Heimat herein, mordeten und branntschatzten wo sie nur konnten. Schnell gehörte der Süden ihnen, und Hegathe war abgeschnitten. Nichts hielt sie auf. Schlimmer noch. Sie trieben selbst die einst so glorreiche kaiserliche Legion vor sich her.
Wir dachten an Flucht, wollten nach Hochfels gehen oder nach Himmelsrand, oder ...
Wir, das waren meine Freundinnen und ich. Nicht Saeel, nicht die anderen Männer. Natürlich nicht. Ich bewunderte Saeels Mut, sich der geschlagenen Legion anzuschließen, als diese halb verdurstet bei uns ankamen. Und ich hielt es für Dummheit, gegen diesen Gegner kämpfen zu wollen. Beides gleichzeitig. Ja, ich gestehe, dass ich sogar etwas von meiner Illusionsmagie einsetzte, um ihn umzustimmen.
Ich scheiterte. Wie immer bei Saeel. Vielleicht waren sich unsere Seelen zu ähnlich, um einander auf diese plumpe Art beeinflussen zu können? Ich weiß es nicht.

Zu Beginn des Jahren 173 wendete sich das Blatt zu unseren Gunsten. Hochfels war uns zu Hilfe geeilt und die Altvorderen zerschlugen gemeinsam mit uns den Belagerungsring um Hegathe. Endlich war Hammerfell wieder eine Macht, noch schwach zwar und auf Hilfe angewiesen, aber einig. Und von Tag zu Tag wurden wir stärker.
Dann, nach vielen Monaten der Ungewissheit hörte ich auch wieder von Saara. Es ging ihr gut, soweit es die Umstände in einer belagerten Stadt zuließen. Hasan hatte in der Schlacht ein Auge verloren, doch er bekleidete nun eine wichtige Position in der Garde des Königs. Die Nachrichten stimmten mich etwas traurig, weil es bedeutete, dass Saara wohl für immer in Hegathe bleiben, oder höchstens nach Sentinel gehen würde. Und ich?
Mein Platz war hier.
Diese Schlange Arannelya hatte sich ausgerechnet Skaven als neues Ziel ausgesucht.
Sie kamen durch die Wüste, erschöpft und angeschlagen. Doch ihre schiere Anzahl war erdrückend.
Habt Ihr je über die blutige Schlacht von Skaven gelesen? Ich versichere Euch, alles ist wahr ... oder sogar noch grausamer. Als sich die Armeen nach Tagen trennten, ohne dass ein klarer Sieger feststand, war nichts mehr wie früher. Viele meiner Freunde waren gefallen. Auch Vater. Und so erbte ich mit gerade einmal 26 Jahren ein Reich, das keines mehr war. Die Hälfte der Stadt lag in Trümmern. Die Felder waren verwüstet, das Vieh geschlachtet oder verschleppt. Ich öffnete die Schatzkammer, oder was davon noch übrig war, um das größte Elend zu lindern. Oh, wir hätten so viel mehr Hilfe gebraucht. Doch niemand war da, der uns hörte.
Dabei will ich nicht schlecht über Hochfels reden. Sie hatten uns immerhin Soldaten geschickt. Aber wo blieb die Hilfe aus Himmelsrand? Jarl Ulfric, unter dessen Kommando früher einige unserer besten Kämpfer gedient hatte, stellte sich taub.
Dann, als ob unsere Prüfung noch nicht hart genug wäre, kam der Befehl des Kaisers. General Decianus wurde zurückgerufen.
Ich verstand es nicht. Warum tat der Kaiser das? Warum ließ er uns im Stich? Hatte er jemals Grund gehabt, an unserer Loyalität zu zweifeln? Nein!
Damals war ich nur traurig. Traurig, enttäuscht und zutiefst verzweifelt. Viele sagen, dass das Kaiserreich uns erst mit dem Weißgoldkonkordat verraten hat. Ich sage, es war schon früher. Hier in Skaven begann der Verrat! Nur sahen es die meisten noch nicht.
Auch General Decianus versuchte, noch alles was in seiner Macht stand für Hammerfell zu tun. Er war ein Ehrenmann. Kein Wunder, dass Saeel ihm die Treue hielt. „Wenn die Kaiserstadt erst gerettet ist,“ so versuchte er damals mich zu trösten, „kommen wir zurück und befreien Skaven und dann ganz Hammerfell.“
Eine schöne Vorstellung – nur leider wurde sie nie wahr.

Saaras Brief – es war der letzte, den ich von ihr bekommen sollte – erreichte mich nur wenige Tage nach Saeels Aufbruch. Sie klang besorgt, wollte wissen, wie es uns hier ergangen war und versprach, den König zu bitten, uns schnellstens Truppen zu schicken. Ich weiß nicht, ob es ihr gelungen war, und wenn, dann kam die Hilfe zu spät. Die Elfen kehrten zurück, um Skaven fast kampflos einzunehmen.

Damit endete das Leben von Lu’ah der Fürstin, und das Leben von Lu’ah der Heimatlosen begann.

Ich flüchtete erst nach Felsburg, später, als auch dort Thalmor-Spione auftauchten, nach Belkarth. Im Gepäck hatte ich nur, was ich selbst tragen konnte. Und das war nicht viel. Aber ich hatte Saaras Brief dabei, eigentlich nur die letzte Seite, auf der sie mir schrieb, dass sie wieder eine Tochter bekommen hatten. Iman. Wie es ihr heute wohl geht?

Dann versuchte ich, Saeels Einheit zu erreichen. Es hieß, sie sei in Elinhir, ganz im Osten stationiert. Dorthin ging ich. Doch ich traf ihn nicht an. Decianus hatte die Hälfte seiner Armee „entlassen“. Das war die offizielle Version. Weil der Kaiser ihm verbot, weiter in Hammerfell zu verbleiben, kämpften nun die „Veteranen“ unter Saeels Führung für uns. Es war die Ironie des Schicksals, dass ich meinem Gatten nach Elinhir folgte, während er bei Skaven erneut gegen Arannelya kämpfte – und gewann!
Leider erfuhr er nicht, dass ich hier auf ihn wartete, und so nahm er einen anderen Weg, weiter nach Süden, um zu Decianus, der inzwischen nach Cyrodiil aufgebrochen war, zurückzukehren.

Was sollte ich jetzt tun? Wäre es besser gewesen, wieder nach Skaven zu gehen? Heute denke ich, ich hätte genau das tun sollen, auch wenn es bedeutete, dass uns noch mehr zusätzliche Meilen trennten.
Ich blieb in Elinhir und hoffte, der Krieg wäre bald vorbei.

So begann das schicksalhafte Jahr 175.
Entschuldigt die Flecken auf der letzten Seite, aber diese verfluchten Tränen ...

So viele Nachrichten kamen aus dem Osten ... und so wenige. Die Rotringschlacht wurde geschlagen, die Kaiserstadt zurückerobert. Selbst die trägen Nord hatten sich zur Mithilfe aufgerafft. Aber an vielen Stellen im Reich gingen die Kämpfe weiter. Bravil, Cheydinhal, ... nur langsam kamen die Erfolge, und oft siegten auch die elfen noch. Was nicht kam, war eine Nachricht von Saeel.
Dann ... dieser Brief:

4.Ära 175
Kaiserliche Bürgerin Lu'ah Al-Skaven,

mit tiefer Betroffenheit muss ich Euch vom Tod Eures Gatten Saeel in Kenntnis setzen.

Er verlor sein Leben in der Schlacht, als er half, die Kaiserstadt von der Aldmeri zurückzuerobern. Er bewies in seiner letzten Stunde große Tapferkeit, und sein Opfer wird nicht umsonst sein. Allen galt er als Mann von hoher Moral und als leuchtendes Beispiel für das Beste, was das Kaiserreich zu bieten hat.

Bitte tröstet euch in dieser Stunde Eurer Trauer mit dem Gedanken, dass er sein Leben gab, um das Kaiserreich zu schützen, das er so sehr liebte.


...
Saeel war bei Weye gefallen!

...
Dann überschlugen sich die Ereignisse.
So schnell ich konnte, reiste ich zur Kaiserstadt. Es war mir egal, wie gefährlich die Wege waren. Ich konnte nicht klar denken. Nur eines zählte. Ich wollte ihn noch einmal sehen, meinen geliebten Gatten, noch einmal seine Hand halten, mochte sie noch so kalt und starr sein, noch einmal seine Seele berühren ...
Ich kam zu spät. Wieder einmal.
Die Helden des Krieges hatte man verbrannt.
Nichts war mir geblieben, kein letzter Blick, kein ...
Hätte ich in diesem Moment eine Waffe bei mir gehabt, ich glaube, ich hätte sie gegen mich gerichtet.
So versank die „Kaiserliche Bürgerin Lu’ah Al-Skaven“ in ihrer Trauer ...

... und der Verrat ging weiter.
Nach meinem Gemahl nahm mir der Kaiser auch meine Heimat. Weil mein Volk zu stolz war, vor den Elfen in den Staub zu fallen, verstieß er uns. Hammerfell gehörte nicht länger dem Reich an.
Diese Ungeheuerlichkeit raubte mir die Kraft, zurückzukehren.

In den langen kalten Nächten die folgten, wenn die Einsamkeit besonders unerträglich war, glaubte ich manchmal, Saeels Geist spüren zu können. Er war immer noch da, tröstete mich und gab mir den Mut, weiterzuleben. Und dann, im nächsten Frühjahr, hatte ich einen Entschluss gefasst.

Ich brach nach Chorrol auf. Dunkle Quellen, auf die ich lieber nicht eingehen möchte, hatten mir von Jaleek erzählt. Jaleek war Argonier, ein Abkömmling von Teekeeus, dem einst angesehenen Leiter der dortigen Magiergilde. Er hauste in einer feuchten Ruine außerhalb der Stadt.
Seit die Magiergilde den Bach runter gegangen war und sich die Synode hier breit gemacht hatte, war es schwer, geeignete Lehrer zu finden. Ich aber wollte lernen. Die Ruine war ein Dreckloch. Wir hatten selten genug zu essen und versteckten uns oft genug vor bewaffneten Streifen, die sich bis in die tiefsten Kammern wagten. Das alles war es wert. Jaleek war ein Meister seines Faches und ich seine begierige Schülerin. Von ihm erfuhr ich in den nächsten vier Jahren die Grundzüge, um meinen Plan in die Tat umzusetzen. Jaleek unterrichtete mich in Beschwörung.

4.Ära 180 kam die Nachricht vom Sieg. Hammerfell hatte die verhassten Elfen endlich davongejagt. Allein! Meine Heimat war frei!
Doch war es noch meine Heimat? Ich war 32 Jahre, Witwe und hatte nichts getan, um meine Ansprüche zu rechtfertigen. Wenn ich gegangen wäre, was hätte mich dort erwartet? Die Herrschaft über ein stolzes Volk, dem ich fremd geworden war? Ein kalter Thron, umgeben von Verachtung? Eine neue Vermählung mit einem Mann, den ich nicht liebte? Galt ich gar selbst als Verräterin, die weit weg in Sicherheit ausharrte, während sich andere opferten?
Nein, mein Platz war weder hier bei Chorrol noch in Skaven. Ich würde abermals fortgehen. Diesmal nach Norden, einfach weil mir nichts besseres einfiel.
Als kurz darauf Jaleek bei einem Experiment tödlich verunglückte, nahm ich meine Sachen und kehrte der Zivilisation den Rücken.

Gut, einen kleinen Zwischenstop legte ich noch ein. Bei den Überresten von Sancre Tor trainierte ich eine Zeit lang meine neu erworbenen Fähigkeiten. Man sollte erstaunt sein, wie lange die Geister Verstorbener an einem Ort verweilen können. Manchmal sind es Jahrhunderte.

Die folgenden zwanzig Monde verbrachte ich in der Wildnis. Ich könnte sagen, dass das geplant war, um meine Überlebensfähigkeiten zu schulen. So habe ich es auch später erzählt. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Ich hatte mich schlichtweg verlaufen.
Von Sancre Tor aus folgte ich zuerst den alten Pfaden ins Gebirge. Viele nehmen sie nicht mehr, und so sehen sie auch aus. Moos und Unkraut wuchert zwischen den ausgetretenen Steinen. Bergrutsche haben ganze Strecken des Pfades verschüttet und an einer stelle ist er völlig weggebrochen und in die nächste Schlucht gestürzt. Dazu kommen die Bewohner der Berge. Harte, grausame Menschen und Mer, die meist wegen ihrer Verbrechen in dieses Exil getrieben wurden, oder Bestien, jede von ihnen größer und stärker als die Exemplare in den befriedeten Ländern. Manchmal kämpfte ich mir den Weg frei. Ja, ich hatte gelernt, mit einem Kurzschwert umzugehen. Auch Illusion kann eine mächtige Waffe sein, wenn sie Euch Feinde vorgaukelt, die es gar nicht gibt, oder Furcht in Eure Herzen pflanzt. Manchmal bediente ich mich auch der Toten, erweckte sie, um sie an meiner Seite kämpfen zu lassen. Ich glaube, damals wurde ich was ich heute bin.
Oft genug aber half mir nur die Flucht.
Besonders hart war der Winter mit seinen Stürmen und der entsetzlichen Kälte. Wenigstens hungern brauchte ich nicht, nachdem es mir gelungen war, zwei große Wölfe wiederzuerwecken. Sie begleiteten mich und jagten für mich. Nur trockenes Holz konnten auch sie nicht beschaffen. Bald lebte ich selbst wie ein wildes Tier, verkroch mich nachts in einem Erdloch und schlang das Wild roh hinunter.
Es hätte so enden können, doch eines Nachts erschien mir Saeel im Traum. Er war ganz dünn geworden, faserig und verwaschen. Nur seine Augen hatten ihre Farbe behalten. Sie sahen mich an. Traurig. Anklagend. Bittend. Dann drängte sich das Bild eines Wolfes zwischen uns. Saeel begann, sich aufzulösen.
Da wusste ich, dass ich ihn verlieren würde, wenn sich mein Leben nicht änderte. Er würde gehen und ich würde das Tier werden, dass von mir unweigerlich Besitz ergriff. Doch das durfte nicht geschehen. Niemals!

Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelang, aber am 27. der Ersten Saat des Jahres 182, ich war nun 34 Jahre alt, sah ich in der Ferne die Dächer einer Stadt. Erst spät in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit, traute ich mich jedoch heran.
Es war merkwürdig. Das erste, worauf ich stieß, war ein Friedhof, der in seiner Größe zu einer Metropole zu gehören schien. Doch ich hatte die Stadt beobachtet. Mehr als zwei oder drei Handvoll Häuser waren es nicht. Wo kamen dann die ganzen Toten her, welche hier begraben lagen?
Die Zusammenhänge erfuhr ich erst später, sie interessierten mich auch nicht wirklich. Viel wichtiger war, eine Unterkunft zu finden.
Ich war nicht wählerisch. Die Hütte des Friedhofswärters kam mir wie gerufen. Etwas außerhalb der Stadt und damit verborgen vor den neugierigsten Blicken, versuchte ich hier zuerst mein Glück.
„Tritt ein, mein Kind.“
Könnt Ihr Euch vorstellen, was diese simplen Worte bewirkten? Alles hätte ich erwartet, nur keinen freundlichen Empfang. Nicht so, wie ich auf der Schwelle stand. Verdreckt und stinkend, mit hungrigen Augen und einem gezogenen Schwert. Nur meine Wölfe fehlten. Ich hatte ihre Seelen schon draußen im Wald erlöst.
„Tritt ein, mein Kind.“ Das sagte ausgerechnet ein Altmer zu mir.
Und dann bot er mit Brot an. BROT! Seit einem Jahr hatte ich diesen Geschmack vergessen. Ich ließ mein Schwert fallen und stürzte mich auf das Geschenk, schlang es in großen gierigen Bissen hinunter. Ich merkte kaum, wie interessiert mich der Elf dabei beobachtete.

Ich blieb bei Runil. Fast vier Jahre lang ging ich ihm zur Hand. Obwohl er dem Volk angehörte, dass ich von allen am meisten hasste, war er gut zu mir. Noch besser, er lehrte mich. Auch Runil war Beschwörer, wie Jaleek. Nur beschränkte er sich strikt auf Wesen und Gegenstände aus den jenseitigen Reichen. Obwohl er von Toten umgeben war, lehnte es Runil kategorisch ab, diese in ihrer Ruhe zu stören. Ich fand es dumm, hätten sie uns doch bei der täglichen schweren Arbeit gute Dienste leisten können. Doch ich hielt mich zurück, lange Zeit jedenfalls.

Manchmal kam ich in Kontakt mit den Bewohnern von Falkenring. Die meisten mochten mich nicht, und ich sah auch keinen Grund, warum ich sie mögen sollte. Nur eine machte eine Ausnahme. Sie hieß Zaria, war Rothwardone wie ich und besaß einen kleinen Kräuterladen im Ort. Zaria erinnerte mich an Saara. Sie hätte gut und gern deren jüngere Schwester sein können, obwohl das natürlich Unsinn war.
Unsere erste Begegnung stand unter keinem guten Stern. Umso erstaunlicher scheint es, dass sie später meine einzige wirkliche Freundin in diesem kalten Land wurde.
Zaria sammelte dort Kräuter vor der Stadt und ich .. na ja, ich hatte manchmal einfach das Bedürfnis, der Enge der Friedhofshütte zu entfliehen. Eine kleine, versteckte Höhle etwas abseits der Straße, an einem Weiher gelegen, zog mich magisch an. Immer wieder kam ich hier vorbei, versuchte, die mit einem Totenschädel verzierte Tür zu öffnen ... und scheiterte dabei. Dort in der Nähe traf ich Zaria. Es war schon recht spät, und sie bekam einen Heidenschreck, als ich so plötzlich vor ihr stand. Den Weg zurück war sie dann gerannt, wie nie in ihrem Leben. So erzählte sie es mir später.
Wir lachten dann heimlich darüber, wenn uns niemand hörte, denn die anderen Bewohner Falkenrings schwiegen die Existenz der Höhle tot. Die Dunkle Bruderschaft, so sagte Zaria, sollte dort eine Zuflucht haben. Vielleicht stimmte es, vielleicht auch nicht. Während meiner Zeit bemerkten wir niemanden dort, so dass ich schließlich auch das Interesse daran verlor.

Eine Sache ist muss ich hier aber unbedingt noch schreiben.
Kennt Ihr die Geschichte von Fjori und Holgeir? Nein? Sie ist nur kurz. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die selbst der Tod nicht zu trennen vermochte.
Ich fand das Buch bei Zaria und las es so oft, dass ich jedes Wort im Schlaf dahersagen konnte. Fjori und Holgeir ... Fjori und Holgeir ... Fjori und Holgeir ... Lu’ah und Saeel.
In diesen Tagen fing ich an, mir die Frage zu stellen, wie ich seiner Seele einen neuen Körper geben könnte. Wieder richtete ich meine Studien auf die Totenbeschwörung.

Es sollte nicht lange dauern, da bekam Runil Wind davon. Ich hatte bis dahin immer geglaubt, er wäre anders. Doch er war ein Altmer. Durch und durch. Ausgerechnet an meinem 15.Hochzeitstag denunzierte er mich beim Jarl. Ach, hätte ich doch die Chance gehabt, ihn vorher umzubringen!
Ich floh, froh darüber, wenigstens die nackte Haut retten zu können. Wieder begann mein Leben in der Wildnis – diesmal für immer.

 Die nächsten Jahre sind schnell erzählt.
Weiter und weiter wanderte ich nach Osten, immer am Fuße der Gebirge entlang. Wieder begleiteten mich zwei Wölfe, jagten für mich und hielten mir neugierige Wanderer fern. In den Sommern lebte ich in den Wäldern, schlich mich nachts an Gehöfte heran und durchstöberte sie, während ihre Bewohner schliefen.
Oh, ich war gut als Einbrecherin. Meine Magie half mir dabei, tarnte mich und verschleierte die Geräusche meiner Schritte. Doch selten betrat ich ein Haus, in dem viel zu holen war. Wozu auch? Mit weltlichen Besitztümern hatte ich abgeschlossen. Was ich brauchte, waren Nahrungsmittel, etwas Kleidung oder Salz, alles das, was mir die Wölfe nicht zu geben vermochten.
Die langen Winter verbrachte ich meist in den Grabbauten der alten Nord. Mit den Draugr dort arrangierte ich mich. Oder besser gesagt, sie arrangierten sich mit mir. Zwangsweise, denn meine Macht über die Untoten wuchs von Tag zu Tag.

Im Frühjahr 187 wurde ich endlich fündig. Es war bei Rifton, das Haus einer wohlhabenden Familie, welches allein in den Bergen stand. Ja, es war gut bewacht, aber nicht gut genug für mich. Der Zufall kam mir zu Hilfe in Gestalt einer Feier, so dass ich nichts weiter tun brauchte, als das große Metfass zu vergiften. Ich denke, es wird niemandem dauerhaft geschadet haben. So stark war das Gift nicht und gegen einen erholsamen Tiefschlaf wird keine der Wachen etwas gehabt haben.
Jedenfalls fand ich im Obergeschoss eine Sammlung von Schriftrollen und darin den entscheidenden Hinweis auf Fjoris und Holgeirs Grab.
Anvilsund.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 200 der 4.Ära, und ich schreibe die letzten Seiten dieses Tagebuchs.
25 Jahre lang habe ich um meinen Mann getrauert und auf Rache am Kaiserreich gesonnen, das ihn mir genommen hat. Ich habe die Magie erforscht, mit deren Hilfe ich seinem Geist wieder einen Körper geben kann, und etwas an der Geschichte von Fjori und Holgeir hat mich hierher geführt ...

Holgeir würde ein perfektes Gefäß abgeben, um meinen Saeel wiederauferstehen zu lassen.

Es ist mir gelungen, die Toten hier zu erwecken und sie als Arbeitskräfte einzusetzen, um den Weg zur Hauptkammer der Gruft freizuräumen. Es muss wohl an den Methoden liegen, derer sich die alten Nord bedienten ... sie sind unglaublich gut erhalten. Wenn diese Sturmmäntel doch bloß halb so viel Verstand hätten! Wir hätten sie benutzen können, um die Elfen vom Kontinent zu fegen, und hätten einen neuen Staat gründen können, um das Kaiserreich zu bekämpfen.

Und gerade jetzt, wo ich so kurz vor dem Ziel stehe, bricht ein Krieg aus. Der schlafende Bär von Himmelsrand, der uns in Hammerfell nicht zu Hilfe eilen wollte, wacht ausgerechnet jetzt auf, wo das Kaiserreich sie auch im Stich gelassen hat. Sie glauben wohl, sie wüssten, was es heißt, durch das Kaiserreich Qualen zu erleiden? Sie wissen gar nichts. Ich würde sowohl das Kaiserreich als auch diese Söhne von Himmelsrand ins Reich des Vergessens schicken.


Und Fadomai sagte: „Wenn Nirni ihre Kinder trägt, dann nimm eines davon und verwandle es.
Mach die schnellsten, klügsten und schönsten menschenähnlichen Wesen aus ihm und nenne sie Khajiit.“
  16.05.2012, 12:34
  • Offline