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Thema: Die Sternenschmiede - Kurzgeschichte  (Gelesen 1428 mal)

  • Novize
    • Magiergilde
Gibt's nicht viel dazu zu sagen. Gerade in knapp einer Stunde als Ergebnis der Wette mit einem Kumpel geschrieben. Liest sich so schnell, wie's geschrieben wurde. Viel Spaß.



Die Sternenschmiede

Arvid lächelte, zufrieden mit seinem Werk. Mit der Stärke von tausend Feuern loderte in der Dunkelheit des Nichts eine goldene Kugel. Gierige Zungen aus geschmolzenem Metall schossen in für den Verstand nur schwer vorstellbare Höhen, um wieder in sich zusammenzufallen und in einer Fontäne aus Licht sich mit ihrem Ursprung wiederzuvereinen. Umgeben von einem Gitter aus smaragdgrünen Leitstrahlen, die sich um die Kreation schlossen wie ein Käfig um ein wildes Tier, erhellte der neugeborene Stern die Nacht des eiskalten Weltraums. Glitzernde Ströme und wirbelnde Wolken aus puren Gasen strudelten dem Zentrum des Lichts zu, vereinten sich mit der jungen Sonne und ließen sie so rasch wachsen, dass die Gitterstrahlen ängstlich zurückwichen. Arvid lockerte seine Schultern, genoss das warme Gefühl der Sonnenstrahlen auf seiner Haut, den kühlenden Schweiß, der aus den Poren seiner Stirn aus über sein Nasenbein zu seinen trockenen Lippen rollte. Er meinte zu fühlen, wie seine Sorgen von ihm abfielen, als ob das gleißende Licht, dass ihm verbot, seiner Schöpfung ins Auge zu sehen, wie eine Dusche den ganzen Dreck aus seinem Geiste wusch. Das Licht ließ nach, seine Augenlider brannten nicht mehr, und auch der Fluss aus Schweiß versiegte. Er wagte einen Blick, und mit einer Mischung aus Stolz und Unbehagen erkannte er, dass sein Stern erwachsen geworden war, viel schneller, als er es gewollt hatte. Die Ströme aus Gas hatten sich verstreut oder waren eins mit der geschmolzen Oberfläche geworden. Das Licht war schwächer geworden und die Sonne wuchs nicht mehr.
Stolz, dass sein Werk ein weiteres Meisterstück war, makellos, vollendet, nichts zu verändern oder zu verbessern. Unbehagen, weil wie die Schönheit des ersten Lichtes der goldenen Kugel, auch ihre Existenz nur von kurzer Zeit sein sollte. In Arvid machte sich die Erkenntnis breit, dass die smaragdgrünen Gitter nicht nur dazu dienten, die Anziehungskraft und die eigenwilligen Feuerzungen des Sterns einzudämmen und abzuschwächen, sondern sie auch direkte Verbindungen aus purem Licht zu kleinen, grauen Plattformen waren, nicht anders als die, in deren Beobachtungskanzel er stand, und die so weit entfernt waren, dass er sie trotz ihrer immensen Größe nicht mit den bloßen Auge wahrnehmen konnte. In ihm regte sich die Frage, ob andere wie er die Geburt seines kleinen Kindes, seiner neuen Lieblingsschöpfung, beobachtet hatte. Ob sie die Schönheit dieses kurzen Momentes so wie er wahrgenommen hatten? Oder sahen sie in der Vollkommenheit eines Sterns nichts weiteres als eine wieder verwendbare Energiequelle, nichts als Futter für die riesigen Solarzellenfelder auf den kleinen, grauen Plattformen, die das kalte und einsame Weltall durchstreiften und dabei die Sonnenschöpfungen von Arvid und Seinesgleichen in ein Gefängnis aus Licht sperrten?
Ein Piepsen riss Arvid aus seinen Gedanken. Er spürte eine Last, die seinen Rücken herunterdrückte. War es schon wieder so weit? Eine weitere Myriade vergangen? Er seufzte, wendete sich vom Fensterglas ab und betrat den Gang, der vom Observatorium wegführte. Weiße Zylinder, zwei Mal so groß wie er, bedeckten die Gangwände. Der Gang selbst schien sich ins Unendliche zu strecken, zumindest soweit, wie Arvids Augen sehen konnten. Seine Sehkraft wurde von Sekunde auf Sekunde schlechter, und ihm war klar, was geschah. Mit einem weiteren Seufzer klappte er die Vorderseite eines der Glaszylinder auf. Er schritt herein. Eine freundliche Stimme verkündete, dass sein neurales biochemisches Profil lediglich aktualisiert werden müsse, dann sei der Prozess schon so gut wie abgeschlossen. Er schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, war die Last von seinen Schultern gewichen. Seine Augen sahen wieder mit einer brillierenden Schärfe. Er drückte die Wand des weißen Zylinders auf, doch seine Arme fühlten sich noch etwas schwach an und er brauchte mehrere Anläufe, bis er aus dem Gefäß hinausstolpern konnte. Er befand sich auf der anderen Seite des Ganges. Dampf und Gas wurden aus dem Behälter auf der anderen Seite ins Weltall gestoßen, was Arvid von hier aus nicht sehen konnte, doch wenn er sich beeilte, konnte er von der Beobachtungskapsel aus vielleicht sehen, wie feiner Staub im smaragdgrünen Lichtgitter verglühte. Seine neuen, jungen Beine juckten aber noch, und er fühlte sich nicht danach, zu rennen. Er schliff zurück zum Observatorium. Sein Stern tat sich prächtig, schien mit einer Stärke und Schönheit, wie sie nur dem unaufmerksamen Auge entgehen konnte. Doch etwas fehlte.
Durch einen Gedanken rief der Schöpfer ein kleines, durchsichtiges Feld auf die Glaswand. Schwer leserliche Schriften, unterschiedlich farbige Tasten, fremd klingende Worte bedeckten, was einst durchsichtig war. Arvid ließ die Finger fliegen. Steine von der Größe dieser kleinen, grauen Plattform durchbrachen ungehindert das smaragdgrüne Lichtgitter, näherten sich erst der Sonne, doch fanden zueinander und schlugen zusammen. Einige von ihnen brachen in kleinere Stücke, andere verschmolzen wie einst die Gaswolken mit dem geschmolzenen Metallkern Arvids’ Erstschöpfung und wurden größer. Immer mehr von ihnen fanden einander, formten sich langsam, aber mit immer deutlicherer Zielstrebigkeit, zu einem kleinen Ball, der neben der goldenen Kugel aus gleißendem Feuerschein zu verschwinden drohte. Im Vorbeiziehen eines Augenblicks war der Ball eine perfekte runde kleine Schöpfung, ein Satellit für die Sonne, sie ständig umkreisend. Aus den kleineren Brocken formten sich weitere Bälle, die wiederum von noch kleineren Bruchstücken der Felsgeschosse umkreist wurden. Die verflüchtigten Gase, als ob sie von den Steinen inspiriert worden waren, versammelten sich ebenfalls zu wirbelnden runden Blasen, einige von ihnen fingen vereinsamte Bruchstücke ein, zerschlugen sie weiter, formten Ringe, trugen sie wie Gürtel. Arvid erkannte, dass seine Schöpfung nun dem Zufall überlassen war. Während die Kugel, die zuerst entstanden war, die nun an dritter Stelle die goldene Sonne umkreiste, sich langsam blau färbte, fragte er sich erneut, ob dort draußen noch irgendwer sein Meisterwerk betrachtete. Doch die anderen kleinen, grauen Plattformen hatten schon lange keine Meldung mehr abgegeben. Freya, Rhodrick, Jette, Tjark, keiner seiner einstigen Freunde hatte ihn in den letzten fünfzig Zyklen besucht. Er hatte fünfzig Leben alleine verbracht, Sonne um Sonne geschaffen. Als er bemerkt hatte, dass niemand mehr beobachtete, ob die Sterne nur zur Energiegewinnung für die Heimatwelt verwendet wurden, hatte er angefangen, mit seinen Schöpfungen zu spielen, Sterne blau, grün, rot gefärbt, doch sich in die Goldtöne verliebt. Steine zusammengeworfen, Welten geschaffen und zerstört. Er fragte sich, was passieren würde, wenn er einfach verweigern würde, alle Myriaden in den Glaszylinder zu steigen, ob die Beobachter vielleicht wiederkommen würden, ob Rhodrick, Jette, Tjark, Freya wiederkommen würden, ihn besuchen, seine Einsamkeit lindern und mit ihm die Schönheit seiner Schöpfung genießen.
Ein Piepsen riss Arvid aus seinen Gedanken. Nein, es war nicht bereits der nächste Zyklus um. So schnell verlor auch er die Zeit nicht aus den Augen. Das durchsichtige Bild, projiziert an die Glaswände seiner kleinen, grauen Plattform hatte sich in ein undurchsichtiges, wütendes Rot gefärbt. Etwas war nicht so, wie es sein sollte. Ein weiteres Bild öffnete sich, größer, ebenfalls undurchsichtig, nahm die ganze Glaswand ein. Es war nichts anderes als das Ebenbild der kleinen, von der Sonne aus dritten Kugel, ein runder Ball, der sich inzwischen in ein helles Blau gefärbt hatte, mit grünen Tupfern hier und da. Das Bild wurde größer und größer, die Aufnahme des kleinen Bällchens ebenfalls. Arvid stellte sich interessiert davor. Das war etwas Unerwartetes, etwas Neues und Aufregendes. Auf dem Bild, dass nun so nahe an einen der grünen Tupfen herangekommen war, dass Arvid einen jeden Grashalm, eine jede weiße Wolke am hellblauen Himmel wahrnehmen konnte, regte sich etwas. Es waren keine Blätter oder Grashalme im Wind, es war etwas komisches, ein langer, unförmiger Körper, aus dem vier Stäbe ragten. Eine Kugel saß auf dem Körper, mit zwei kleineren Bällen in ihr eingelassen, die in den Himmel gerichtet waren, nein, mehr noch, direkt in Arvids Richtung. Und Arvid starrte zurück, erinnerte sich, wie er selbst aussah, erkannte, was gerade geschah und während er so den ersten Menschen betrachtete, besann er sich der Zeit, als die solchen nicht unsterblich, mächtig und hochnäsig gewesen waren.
Der Schöpfer wandte sich ab. Hinter ihm vergingen Jahrmillionen. Er weigerte sich mit jedem weiteren Piepsen, eine der Glaszylinder zu betreten. Und als seine kleine, graue Plattform endlich in der Kälte des Alls verglühte, seiner Einsamkeit ein Ende bereitete und den letzten seiner Art in die lodernden Flammen der Sonne aufnahmen, da betrat Neil Armstrong den Mond. Die Menschheit hatte den ersten Schritt ins All gewagt. Die Geschichte beginnt von Neuem.
  30.09.2012, 23:02
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