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Thema: Schattenblut 2  (Gelesen 2481 mal)

  • Bettler
    • Neuling
Nach meiner lange zurückliegenden ersten Fan-Fiction über Oblivion kommt hier nun das erste Kapitel, das im rauen Himmelsrand spielt. Ich hoffe, mein Schreibstil hat sich seit damals verbessert. Sagt ihr es mir!  ;) Und viel Spaß bei meiner Geschichte. Kritik ist erwünscht!



Kapitel 1

Mit zitternden Händen stopfte Merowe sich ihre langstielige Pfeife und entzündete mit einem an der Laterne entflammten Span den Tabak. Blaugraue Schwaden stiegen aus dem polierten Mahagoniholz auf. Mit zusammengekniffenen Augen zog sie den aromatisierten Rauch in ihre Lungen, die kurzzeitige Wärme und den Geschmack auf ihrer Zunge genießend. Es war lange her, dass sie diese spezielle Mischung aus Hochfels gekostet hatte. Wehmütig betrachtete sie ihren Pfeifenkopf – ein Hauch von Heimat… Nachdenklich starrte sie auf die hügeligen Berge im Süden, von deren höchstem Punkt aus Rauch aufstieg. Drachen, wie Hadring, der Wirt, zu sagen pflegte. Das Drachenblut mochte zwar erwacht sein, doch die Drachen waren es auch. Merowe lächelte bei der Vorstellung. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie einen Drachen zu Gesicht bekommen und der majestätische Anblick dieser gigantischen Kreaturen hatte sie Ehrfurcht statt Angst gelehrt. Ein weiterer Zug an der Pfeife ließ sie nach Westen blicken. Im Tal rückten zwei Mammuts näher zusammen und drückten sich aneinander. Der Schnee wurde dichter. Der Winter kam.
Ihre Kapuze tiefer ins Gesicht ziehend spielte Merowe mit dem Holzspan herum und versuchte eine Stelle hinter der Holzsäule zu finden, an welcher er ungestört herunterbrennen konnte. Doch der Wind wehte zu stark und bald gab sie es auf. Ein letzter Zug an ihrer Pfeife vernichtete die einzigen Tabakreste, die sie zuvor in ihrem Rucksack noch hatte finden können. Es würde dauern, bis sie neuen beschafften konnte. Seufzend klopfte sie den Pfeifenkopf aus, steckte ihn in die Innentasche ihres pelzbesetzten Ledermantels und zog die Tür zur Herberge auf.
Drinnen war es dunkel und warm. Die steinernen Wände waren mit mottenzerfressenen Fellen behängt, ebenso der Boden, sodass ein Großteil der Kälte draußen gehalten wurde. Ein steinernes Becken, angefüllt mit rot leuchtender Glut, befand sich in der Mitte des Raumes und lockte die anderen Gäste zu sich: zwei zufrieden dreinblickende Soldaten, die ihrer Uniform nach dem Penitus Oculatus Orden angehörten und eine junge Frau namens Lis, die sich nach eigenen Angaben auf der Durchreise nach Weißlauf befand. Sie lächelte Merowe freundlich zu, als sie eintrat und hielt eine aufgespießte Hasenkeule über die Glut, welche einen angenehmen Duft verströmte. Merowe lächelte zurück und trat an den Tresen heran, um den Schlüssel zu ihrem Zimmer von Hadring zu fordern. Der Wirt schaute sie mürrisch an und schob das bronzene Exemplar schniefend über das Holz, verärgert darüber, dass man ihn bei seiner hochheiligen Ausübung des Tellerpolierens unterbrochen hatte. Merowe zog sich die Kapuze zurück und stieg die Stufen in den Keller hinab. Sie war bereits seit zwei Tagen hier und es würden noch etliche hinzukommen, wenn nicht endlich ihre Kontaktperson kommen und ihr das Gold überreichen würde, das sie so dringend brauchte, um weiterzureisen. Sie vermutete, dass man Torbas schicken würde, doch sicher war sie sich nicht. Es war schwierig genug gewesen, ihre Position preiszugeben, ohne dabei die restlichen Königshäuser von ganz Hochfels zu alarmieren. Es gab einige Personen, die für Merowe ein hübsches Kopfgeld bezahlen würden – ein Grund mehr, Lis nicht zu trauen und ihr Angebot, mit ihr zu reisen, auszuschlagen, so verführerisch es auch klingen mochte.
Merowe steckte den Schlüssel in das rostige Türschloss, welches erst beim dritten Versuch aufsprang und zog die Tür hinter sich zu. Die Laterne war ausgegangen. Suchend tastete Merowe nach dem winzigen Tisch, auf dem sie zwei Feuersteine und ein Säckchen mit Schwefelkies wähnte und machte sich daran, das Feuer im Kamin erneut zu entfachen. Das Feuerholz dafür hatte sie selbst geschlagen, nachdem Hadring sich auf den Handel eingelassen hatte, dass sie ihm genug Feuerholz für die nächsten drei Tage schlagen würde. Auf diese Weise konnte sie für drei Goldmünzen pro Tag in der Herberge wohnen und für zwei weitere bekam sie Zutaten für ein Essen, welches sie sich selbst zubereiten konnte. Merowe fürchtete einen Giftmischer unter den Gästen und lediglich ihr Geruchssinn hatte ihr vor einer Woche verraten, dass es durchaus ein Bemühen in diese Richtung gab. Sobald das Feuer brannte und sie zwei dünne Holzscheite auf die kleinen Flämmchen gelegt hatte, zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn über den Stuhl. Ihre Handschuhe, an zwei Fingern löchrig, legte sie daneben. Dann trat sie zum Spiegel, dem einzig sauberen Gegenstand, der sich in ihrem Zimmer befand. Stirnrunzelnd wischte sie sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Ihre hohen Wangenknochen und der breite Kiefer verliehen ihr zusammen mit dem Schmutz der letzten Tage ein grimmiges Aussehen. Dunkle Ringe hatten sich unter ihren blauen Augen gebildet, die den Schlafmangel seit der Flucht aus Hochfels bezeugten. Der Schnitt an ihrer Wange war mittlerweise verschorft, doch es schmerzte noch immer, wenn sie lächelte oder lachte. Weitere Kratzer an Stirn und Nase wiesen auf die Strapazen hin, die Mühen, die es sie gekostet hatte, bis in diesen Teil des Landes vorzudringen. Himmelsrand war kein freundlicher Ort. Erst recht nicht, wenn man es als Fremder besuchte.
Merowe griff nach einem kupfernden Töpfchen, in dem sich eiskaltes Wasser befand und fing an, sich das Gesicht und den Hals damit abzureiben. Die Kälte war wunderbar gegen die Schmerzen, die die verheilenden Wunden verursachten. Wenigstens eiterten sie nicht. Die wenigen Heilkräuter, die sie noch besaß, hatten ihren Dienst nicht versagt.
Ein Schatten hinter ihrem Spiegelbild ließ Merowe herumfahren. Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen, unmöglich, dass es sich dabei um das Flammenspiel des Kamins gehandelt hatte. Unauffällig griff sie hinter sich in den Sack mit Schwefelkies, während sie jede einzelne Ecke ihres Zimmers mit den Augen absuchte. Sie brauchte mehr Licht… Mit einer blitzschnellen Bewegung warf sie die Handvoll Schwefelkies in die Flammen, die weiß und grell aufstiegen und einen unangenehmen Geruch verursachten. Geblendet von dem plötzlichen Licht zog Merowe die einzige Waffe, die sie bei sich trug: einen Glasdolch, dessen Blitzverzauberung angenehm in ihrer Hand prickelte. Doch er sollte ihr nichts nützen. Das letzte, was sie sah, bevor sie das Bewusstsein verlor, war das lächelnde Gesicht eines Mannes, der ihr spöttisch eine Nadel an den Hals setzte…

Es dauerte nicht lange, bis Merowe wieder zu sich kam. Sie befand sich in einem anderen Raum, einem größeren, doch die Geräusche von oben waren dieselben. Sie war noch immer in der Herberge. Ein Knebel steckte in ihrem Mund, ihre Hände waren auf die Rückseite eines Stuhls gefesselt. Ein benebelndes Gefühl machte sich in ihrem ganzen Körper breit. Vermutlich Gift, in welches die Nadel zuvor getaucht worden war. Sie spürte die schmerzende Stelle an ihrem Hals noch immer. Warmes Licht flutete über Boden und Wände, zwei Öllaternen waren in eisernen Haltern befestigt. Merowe gegenüber stand ein großes Himmelbett mit grünen Bezügen und weißen, zusammengebundenen Vorhängen, auf dem eine schlanke Dunmer Platz genommen hatte. Ihr fein geschnittenes Gesicht strahlte Dominanz und Perfektion aus, ihre roten, schräggestellten Augen fixierten Merowe zufrieden. Weiße Strähnen umrahmten ihre Wangen, ihr langes Haar war zu einem eleganten Zopf zusammengebunden. Sie trug ein rotes Kleid, welches mit schwarzem Stoff durchsetzt war und einen schwarzen, ovalen Stein in der Mitte hatte. Eine kalte Aura ging von ihm aus, der rote Abdruck einer rechten Hand prangte glühend darauf. Merowe kannte ihn nur zu gut. Mehrere kostbare Ringe mit prachtvollen Edelsteinen saßen blütengleich an ihren Fingern, die zahlreichen Reife um ihren rechten Arm klimperten leise aneinander, wenn sie sich bewegte. Neben der Dunkelelfe stand ein Mann um die 40, seinem Erscheinungsbild nach ein Kaiserlicher aus dem Norden, der mit blitzschnellen Bewegungen eine lange Nadel durch seine Finger gleiten ließ. Sein Gesicht… es war das gleiche, das Merowe in ihrem Zimmer aufgelauert hatte. Er hatte ungewöhnlich helle Haut, was auf einen längeren Aufenthalt in Himmelsrand schließen ließ, einen schattigen Dreitagebart und langsam zurückgehendes Haar, das jedoch noch immer recht voll wirkte. Seine Füße steckten in schwarzen Narrenschuhen und er trug eine enge Lederkluft, ihrer eigenen nicht unähnlich, nur das unter seiner erheblich mehr Muskeln steckten. Auch auf ihr fand sich das Wappen der Schwarzen Hand und er schmunzelte hinterlistig, als sich ihre Augen trafen. Hinter Merowe atmete jemand, leise und kaum hörbar, doch eindeutig.
„Guten Abend“, sagte die Dunmer und setzte ein freundliches Lächeln auf. „Ich darf mich vorstellen: Morgana, Sprecherin der Dunklen Bruderschaft. Ich nehme an, mein Name ist ein Begriff.“
Merowes Augen weiteten sich und sie schluckte aufgeregt, was durch den Knebel sichtlich erschwert wurde. Nicht die Tatsache, dass sie von Meuchelmördern gefasst worden war, überraschte sie so sehr, als der Rang, den diese Dunkelelfe innezuhaben behauptete. Merowe hatte genügend Dokumente im Archiv des Hofes von Camlorn gewälzt, um zu wissen, wie die Hierarchie dieser Sekte von Assassinen aufgebaut war. Ein Sprecher – und ihre Kleidung wurde einem solchen durchaus gerecht – war eine Maßnahme, die sie nicht erwartet hatte. Die Dunmer grinste süffisant und rieb sich nachdenklich über das Kinn, der Person hinter Merowe zunickend. Eine Klinge, kalt wie Eis, wurde ihr an die Kehle gedrückt und presste sich unangenehm auf ihre Halsschlagader. Merowe spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte.
„Gut, das wäre also geklärt“, sagte Morgana spöttisch und faltete ihre Hände ineinander. „Merowe, nehme ich an? Es wäre mir sehr unangenehm, von falschen Tatsachen auszugehen.“
Merowe nickte zögernd, darauf bedacht, die Klinge so wenig wie möglich zu berühren. Instinktiv suchten ihre Finger den Knoten des Seils nach einem Schwachpunkt ab und fanden einen kleinen Hubbel, den sie unauffällig aufzuknüpfen versuchten.
„Sehr Ihr, Herrin“, sagte der Mann neben Morgana und feixte triumphierend. Seine Stimme klang belustigt und hoch, obwohl Merowe sicher war, dass er sie verstellte. „Euer bescheidener Diener hat Euch nicht enttäuscht.“
„In der Tat, mein lieber Trickler“, hauchte Morgana leise und streichelte ihm über den Arm, bevor sie sich wieder Merowe zuwandte. Vermutlich handelte es sich bei Trickler um ihren persönlichen Ruhigsteller. „Da du vorgibst, diejenige zu sein, für die wir dich halten, lass mich dir eine Frage stellen.“
Sie machte eine Kunstpause und wartete ab, wie Merowe reagierte, welche beunruhigt zurückstarrte und sich weiterhin auf den Hubbel konzentrierte. Wenn sie ihren Daumen etwas nach hinten bog und sich…
Morgana unterbrach ihre Überlegung. „Weißt du, warum wir hier sind?“
Merowe nickte erneut und bog ihren Daumen soweit nach hinten, wie sie konnte. Wer auch immer ihre Hände gefesselt hatte, hatte sich nicht sonderlich schlau dabei angestellt. Ihre Daumen in einzelne Schlaufen zu legen hätte vollkommen ausgereicht, um sie handlungsunfähig zu machen. Auch ihre Beine hätte man fixieren können, doch sie vermutete, dass das Gift, das sie betäubt hatte, nicht von langer Dauer gewesen war. Morgana gab der Person hinter ihr erneut ein Zeichen, diese legte ihre Hand auf Merowes Schulter und übte sanften, aber bestimmten Druck aus.
„Sehr gut. Lass mich dir also deine Optionen offenbaren: Du kannst dich weigern, zu kooperieren und wir schneiden dir die Kehle durch. Tust du es doch, führen wir eine kleine Unterhaltung, in welcher sich herausstellen wird, ob du dieses Zimmer lebend oder tot verlässt. Solltest du um Hilfe rufen oder versuchen zu fliehen, wird Trickler dich mit einem Gift paralysieren und wir fangen von vorn an. Hast du verstanden?“
Merowe blickte zu Trickler, welcher eine spielerische Bewegung mit seiner Nadel in ihre Richtung machte. Seine braunen Augen brannten darauf, sein Spielzeug an ihr auszuprobieren und Merowe hatte nicht vor, ihm einen Grund dafür zu geben. Zumindest vorerst. Die Fesseln zu lockern war an sich noch kein Fluchtversuch. Lediglich eine Vorbereitung zu einem solchen…
Ein drittes Mal nickte Merowe und spürte, wie die Klinge vom Hals zu ihren Knebel wanderte, welcher mit einem sirrenden Geräusch, dass ihr die Haare zu Berge stehen ließ, durchgeschnitten wurde. Angeekelt würgte sie einen zusammengeknüllten Leinenfetzen hervor, bis die Klinge wieder zurück an ihren Hals gewandert war.
„Etwas zu trinken?“ Morgana hielt einen silbernen Kelch hoch, der angenehm nach Wein roch und grinste, als sie Merowes misstrauischen Blick sah. „Er ist nicht vergiftet. Hier…“ Sie nahm einen Schluck und reichte den Kelch Trickler, welcher ihn nahm und Merowe herablassend darbot. Sie neigte ihren Kopf und nahm einen kräftigen Zug, der den unangenehmen Geschmack des Leinenstoffs schnell vertrieb und den Schmerz in ihrem durchgebogenen Daumen etwas erträglicher machte.
„Schön“, fing Morgana an, nachdem Trickler sich entfernt hatte und setzte eine geschäftssinnige Miene auf. „Da du nun weißt, wer wir sind und wir wissen, dass du mit uns zusammenarbeiten wirst, kommen wir gleich zu Wesentlichen: Weißt du, wo sich Galen aufhält?“
Eine Welle der Erleichterung bahnte sich ihren Weg durch Merowes Glieder. Wenn sie fragte, wo sich der Prinz befand, bedeutete das, dass sie ihn noch nicht gefunden hatte. Noch nicht. Merowe hatte zwar eine ungefähre Vermutung, dass Galen sich unter die Verschworenen begeben hatte und als einer der ihren getarnt den Westen von Himmelsrand unsicher machte, doch genauso gut konnte er sich nach Osten aufgemacht haben, um Schutz bei dem Magiern einzufordern.
„Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es euch nicht sagen“, sagte sie langsam, der Klang ihrer vom Pfeifenqualm rauchig gewordenen Stimme zog eine kleine Pause nach sich, in der Trickler und Morgana einen Blick austauschten. Die Hand auf Merowes Schulter verfestigte sich schmerzlich.
„Woher sollen wir wissen, dass du die Wahrheit sagst?“, fragte Trickler amüsiert und balancierte seine Nadel auf einem Finger. „Bretonen sind nicht eben für ihre Ehrlichkeit bekannt.“
„Jag mir doch einen Pfeil ins Knie!“, schlug Merowe sarkastisch vor und warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
Morgana sah sie prüfend an. „Ich glaube dir“, sagte sie schließlich. „Einen Prinzen zu verraten wäre etwas, was den meisten Bretonen leicht fallen sollte. Doch nicht der Archivarin des Hofes, nicht wahr? Nicht derjenigen, die so verzweifelt seine Spuren aus diesem Land geführt hat.“
„Was wollt ihr von mir?“, fragte Merowe heiser und wünschte sich sehnlich den Weinkelch zurück. Die erste Schlaufe des Seils war beinahe gelöst.
Trickler kicherte und ließ seine Nadel über die Knöchel wandern. „Oh! Wie überraschend! Sie tut und spielt, als wüsst‘ sie’s nicht!“ Er verzog die Lippen zu einem gemeinen Grinsen, dass Merowe Lust bekam, ihn zu treten.
„Ich weiß nicht, wo Galen ist!“, wiederholte Merowe wütend und schluckte nervös. „Eine derartige Information ist nicht notwendig für meine Aufgabe gewesen. Ich sollte lediglich…“
„Oh, wir kennen deine Aufgabe, Merowe, wir kennen sie nur zu gut“, sagte Morgana freundlich. „Schließlich ist es unsere Aufgabe, ihn zu töten. Sein Bruder hat eine hohe Belohnung für seinen Kopf offeriert und die Dunkle Bruderschaft ist dafür bekannt, dass sie… nun, sagen wir, ein zuverlässiger Partner in inoffiziellen Staatsgeschäften ist.“
„Kein Zweifel“, antwortete Merowe schwer atmend, hatte sie doch in etlichen Dokumenten des königlichen Hofes Hinweise darauf gefunden, dass die bretonischen Clans sich der Hilfe der Meuchelmörder bedient hatten. Allen voran die Mutter Galens hatte den Stamm ihrer kinderreichen Schwester ausgelöscht und so ihrem ältesten Sohn eine wertvolle Lektion in Sachen Politik erteilt. „Doch ich kann euch nicht helfen. Und nun, da ich eure Gesichter gesehen habe, gibt es wohl keinen Grund, mich am Leben zu lassen. Wenn ich also um ein wenig Eile bitten dürfte…“
Morgana schüttelte lachend den Kopf und schnalzte gespielt missbilligend mit der Zunge. Ihre Finger wanderten zu ihrer Brust. „So tapfer. So eingebildet. Nun, es ist naheliegend, das gebe ich zu. Doch töten ist etwas, was wir an diesem Abend vermeiden wollen. Wenigstens, was uns betrifft.“
„Was soll das heißen?“, fragte Merowe heiser und löste die erste Schlaufe, was ihr erlaubte, den Knoten weiter zu lockern.
„Es heißt“, sagte Morgana und strich sich nachdenklich über das Kinn, „wir wollen dich lebend.“
Perplex starrte Merowe sie an und biss die Zähne aufeinander. „Schwachsinn!“, rief sie verärgert und rutschte mit ihrem Daumen ab. Die Klinge drückte sich stärker an ihre Haut. Sie musste vorsichtig sein.
„Ganz im Gegenteil“, schmunzelte Morgana und stand auf. Ihre Armreifen funkelten. „Die Dunkle Bruderschaft hat Interesse an dir. Genauer gesagt, an deinen Fähigkeiten. Wir wissen alles über dich.“
„Zum Beispiel?“, knurrte Merowe und hustete kurz darauf, als die Hand auf ihrer Schulter plötzlich ihren Hals packte. Erst nach einigen Sekunden zog sie sich zurück.
„Wir wissen, dass du es in der Disziplin der Veränderung zu einer wahren Meisterin gebracht hast. Eine nützliche Voraussetzung, wenn man mit königlichen Dokumenten umgeben ist und diese nach Belieben zu fälschen vermag. Meinst du nicht auch?“ Morgana grinste und betrachtete einen ihrer Fingerringe, ein silbernes Exemplar mit einem langgezogenen Rubin. „Welch vielseitige Dinge man sich beschaffen könnte… von den Identitäten ganz zu schweigen. Davon einmal abgesehen sind deine Kenntnisse um einen der fünf bretonischen Königshöfe für besonderen Wert von uns. Deine Quellen…“
„Sind allesamt tot oder dem Feuer preisgegeben!“, unterbrach Merowe sie und spürte, wie sich ein kleiner Schweißtropfen von ihrer Stirn herab löste und die Schläfe hinunter rann. „Je nachdem, ob es sich dabei um einen Menschen oder ein Stück Pergament gehandelt hat.“
„Und dennoch befindet sich das Wissen um sie in deinem Kopf. Mit deiner Hilfe könnte es uns gelingen, ganze Fürstentümer der Bretonen zu stürzen. Von Orks und Nords ganz zu schweigen. Sofern du am Leben bleiben möchtest, natürlich.“
Die Dunmer lächelte zufrieden und beobachtete, wie in Merowes Kopf die Gedanken rasten. Die Bretonin schwieg einen Augenblick, dann räusperte sie sich. „Mir war nicht klar“, sagte sie langsam, „dass die Dunkle Bruderschaft ihre Mitglieder auf diese Weise rekrutiert. Das ist es doch, was du mir anbietest, nicht wahr?“
„Ganz recht“, gab Morgana gönnerhaft zurück. „Und ich rate dir dringend dazu, deine Anrede mir gegenüber zu verbessern, wenn du dich unseren Reihen anschließen möchtest. Ansonsten müsste ich Trickler damit beauftragen, seine übrigen Nadeln hervorzuholen. Er hat Gifte für jede Gelegenheit, musst du wissen.“
Merowe lachte krächzend.
„Was denn? Soll ich dich Schwester nennen? Oder Herrin? Erwartest du von mir, dass ich dich behandele, wie dein speichelleckender Freund?“
Trickler kicherte und machte einen Knicks in seinen Narrenschuhen, was Merowes Verachtung für ihn nur steigerte.
„Nein. Wohl nicht“, murmelte Morgana. „Doch Trickler hier hatte schon sehr lange keinen Spaß mehr. Und die übrigen Gäste dieser knorrigen Behausung sind ein Leckerbissen, den wir uns für später aufheben wollen.“ Sie zwinkerte und nickte Trickler zu, der seine derzeitige Nadel wegsteckte und eine kürzere, breitere hervorholte. „Zeige ihr, was ich meine, mein Liebster.“
„Mit dem größten Vergnügen, Herrin“, sagte Trickler euphorisch und verbeugte sich unterwürfig. Langsam und spielerisch näherte er sich Merowe, seine tänzelnden Schritte ließen auf eine langjährige Ausbildung als Hofnarr schließen. Er summte die Melodie eines alten Kinderliedes, absurd und kindisch und so der Situation, in der sie sich befand, durchaus angemessen. Merowe kannte Ihresgleichen nur zu gut und sie hasste Hofnarren. Nicht selten waren sie es, die Dummheit vorschützten und mit Verrätern zusammenarbeiteten. Die breite Nadel war aus Eisen… und ihre Spitze würde mit Leichtigkeit eines der Kissen durchbohren, welche hinter Morgana auf dem Bett lagen. Doch warum so umständlich sein? Die Person hinter Merowe – wer auch immer sie war – gab ein ebenso gutes Ziel ab. Sie musste nur den richtigen Abstand abschätzen…
„Das Gift, das sich an dieser Nadel befindet, ist eines meiner persönlichen Favoriten. Eine Mischung aus Jasbaytrauben und Riesenflechte. Trickler hier hat sie selbst entwickelt. Nicht tödlich…“, sie grinste, „… aber wenn du wüsstest, wie nahe es dich an die Grenze bringt…“
Trickler setzte an. Die Nadelspitze hatte fast den Stoff von Merowes Hose erreicht. Mit einer plötzlichen Bewegung entglitt ihm die Nadel, welche wie von einem Geist besessen auf Merowes Schädel zuraste. Hastig warf sie ihren Kopf nach links, sodass die Nadel sie verfehlte und im Bauch der Person hinter ihr stecken blieb. Keuchend richtete Merowe sich auf und schaute in das Gesicht des überraschten Trickler, bevor sie spürte, wie die Klinge an ihrem Hals hinunter glitt und scheppernd zu Boden fiel. Ihre magische Kraft war verbraucht. Ein weiteres Kunststück dieser Art würde ihr nicht noch einmal gelingen. Vermutlich ein Nebeneffekt des Giftes, mit dem Trickler sie zuvor versehen hatte. Die Person hinter ihr sackte auf den Boden – eine maskierte Frau um die 20, deren blaue Augen sich vor Schreck geweitet hatten.
„Lis“, dachte Merowe bedauernd und schüttelte missmutig den Kopf. „Falls das überhaupt ihr richtiger Name ist.“ Es war nicht immer einfach, mit seinen Vermutungen Recht zu behalten. An Morgana gewandt sagte sie laut: „Deinen Spaß kannst du mit den Eierköpfen da oben haben, die euch vor zwanzig Jahren fast den Garaus gemacht hätten.“ Mit einem Fußtritt stieß sie Trickler von sich, der verwundert auf dem Hintern landete und sich stumm erhob. „Meine Antwort lautet nein. Ich denke nicht daran, mich euch anzuschließen. Meine Loyalität gilt Galen und ihn zu verraten würde mir nicht einmal im Traum einfallen.“
Die Dunmer blinzelte verwirrt, bevor sie begriff. „Der Wein… natürlich… ich nehme an, du hast ihn verwendet, um… ja. Ich verstehe. Ich hätte daran denken müssen.“
Morgana sah sie nachdenklich an, amüsiert und doch unschlüssig, was sie als nächstes machen sollte.
„Herrin, mit Verlaub“, meldete sich Trickler zu Wort, „ich könnte sie erneut betäuben und…“
„Nein“, sagte Morgana ablehnend und nickte zu einer Kommode links an der Wand. „Verabreiche Lis ein Gegengift. Wir werden zu anderen Methoden greifen.“
Ein unheilvolles Grinsen huschte über Tricklers Gesicht, bevor er den Anweisungen seiner Herrin nachkam. Beunruhigt rutsche Merowe auf ihrem Stuhl nach hinten und verfolgte jede von Morganas Bewegungen, die sich erneut aufs Bett setzte und den Silberkelch an ihre Lippen setzte. Lis, die ein krampfendes, würgendes Geräusch von sich gab – vermutlich zwang Trickler gerade eine äußerst überriechende Substanz in sie hinein – wurde aufgerichtet und zu einem weiteren Stuhl geführt, der sich neben der Kommode an der Wand befand. Mit zitternden Händen wischte sie sich über den Mund und warf ihrer Übeltäterin einen feindseligen Blick zu.
Trickler trat zum Schrank neben dem Bett und zog einen Schlüssel aus der Innenseite seiner Lederkluft. Es klickte laut, als das Schloss einrastete und zu Merowes Überraschung tönte ein Stöhnen durch die dunkle Holztür. Was dann passierte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Trickler zog eine Person aus dem Schrank, die Merowe als Emily erkannte. Die Prinzessin und Schwester Galens war in ein weißes Kleid gehüllt, die Arme auf den Rücken gefesselt, die Beine mit mehreren Seilen aneinander gebunden. Ein Knebel hinderte sie daran, zu schreien, was sie mit Sicherheit getan hätte, hätte man ihr den Stofffetzen abgenommen. Emilys Gesicht war totenblass, ihre Nase mit altem Blut verklebt. Aus ihrem dunklen Zopf hatten sich einzelne Strähnen gelöst, die ungewaschen in alle Richtungen abstanden. Ihr flehender Blick richtete sich an Merowe, welche sofort begriff, dass Emily ihre Kontaktperson war. Wahrscheinlich hatte sie sich freiwillig gemeldet, ihr das Gold und die notwendigen Papiere zu überbringen. Als versprochene Braut eines fremdhöfischen Prinzen war sie schließlich keinerlei Konkurrenz für Galens Bruder Marcus und stand somit nicht im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Die Dunkle Bruderschaft kannte seine Verschwörer… was hieß, dass sie Emily entweder töten oder an Marcus verraten würden. Und der würde schweres Gold dafür bezahlen.
„Es… tut mir leid“, stotterte Merowe reuevoll und merkte, wie ihr Hals noch trockener wurde. „Wenn ich gewusst hätte, dass man dich schicken würde…“
Emily stöhnte ängstlich, als Trickler ihre Arme nach unten zog und sie so auf die Knie zwang. Er kicherte, als sie sich wehrte und genoss es, immer mehr und mehr Kraft anzuwenden, um ihr Schmerzen zuzufügen. Eine weitere seiner Nadeln tanzte in seinen Händen und schwebte drohend über Emilys Kopf. Mit grausamer Genugtuung setzte er seinen Fuß auf Emilys Hände, was ihr einen weiteren gequälten, durch den Knebel gedämpften Schrei entlockte und ihr Tränen in die Augen trieb.
„Nun“, sagte Morgana geziert und lächelte so selbstsicher wie zuvor. „Ich nehme an, die Lage hat sich ein wenig verändert.“
„In der Tat“, sagte Merowe langsam und bedeutete Emily, sich zu beruhigen. Tapfere, kleine Emily, die ihren jüngeren Bruder liebte und so dankbar, so unendlich dankbar gewesen war, als Merowe sich bereit erklärt hatte, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und so erpicht darauf, diesen Dienst zu erwidern.
„Sehr gut. Da ich davon ausgehe, dass du die bisherige Lage verkannt hast“, sie schnippte mit den Fingern, woraufhin ein gleißendes Licht das Zimmer erhellte, „möchte ich dir eine zweite Chance geben.“
Ein Feueratronach schwebte über dem Boden, elegant, rot, von Flammen umgeben. Auf einen Fingerzeig Morganas hin glitt er herüber zu Emily, die mit schreckgeweiteten Augen versuchte, zurückzuweichen, doch Trickler, der freudig kicherte, hatte sie fest im Griff. „Ich, an Eurer Stelle, Prinzessin, würde mich jetzt nicht rühren. Besonders, da zwei Leben von Euch anhängen.“
„Sch-schön“, stotterte Merowe und leckte sich über die Lippen. „Ich… ich kooperiere. Was immer es ist.“
„Wundervoll!“, freute sich Morgana herablassend und ließ ihren Feueratronachen im Kreis wirbeln. „Ich hoffe also, dass dir meine jetzigen Bedingungen eher zusagen. Die Dunkle Bruderschaft hat, um es in aller Deutlichkeit zu sagen, die ehrenvolle Aufgabe bekommen, Prinz Galen zu töten. Der Zuhörer selbst hat sich dieses Auftrages angenommen und sei versichert, dass er Erfolg haben wird. Doch mit deiner Hilfe, Merowe Fraymont, kann in dieser Nacht nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Schwester gerettet werden. Und nebenbei bemerkt dein Eigenes. Solltest du dich meinen Bedingungen unterwerfen, wird die Dunkle Bruderschaft einen falschen Leichnam beschaffen, den Auftrag als erfüllt ansehen und Galen und Emily können ihre Tage fröhlich munter im Exil verbringen. Oder an der Seite eines Trunkenboldes, zu dumm, um seinen eigenen Hintern zu finden. Im Gegenzug kommst du mit uns – und stellst uns dein Wissen und deine Fähigkeiten ohne Widerrede zur Verfügung. Weigerst du dich, sterbt ihr alle drei und deine hochgeschätzte Prinzessin“, sie machte eine spielerische Geste, „geht in Flammen auf.“
Emily gab ein panisches Quieken von sich, Merowe mit ihren Augen anbettelnd, sie zu retten, was immer es kosten möge. Die Archivarin schaute zur Seite, wissend, dass sie keine Wahl hatte. Sie musste sie retten. Sie musste Galen retten. Und aus Gründen, die nur sie selbst kannte, hatte sie überhaupt keine Lust, an diesem Abend ans Sterben zu denken. Sie blickte zum Feueratronachen, dessen sich windende Flammen gierig nach Emily leckten. Merowe nickte schließlich und atmete schwer.
„Ich unterwerfe mich.“
„Was denn, so schnell?“, fragte die Dunmer überrascht und konnte den Triumph in ihren Augen nicht verbergen. Morgana lachte zufrieden und ließ mit einer Geste den Atronach verschwinden. „Eine gute Wahl“, sagte sie gefällig und gab Trickler ein Zeichen, der die verängstigte Emily zurück in den Schrank sperrte. „Du wirst sehen, dass die Dunkle Bruderschaft ihre Schwüre hält. Ganz im Gegensatz zu den Gepflogenheiten deines Volkes.“
Sie grinste und erhob sich elegant. Aus dem Schrank hörte Merowe Emily aufschreien.
„Oh, keine Sorge“, sagte Morgana freundlich und strich Merowe scheinbar beruhigend über das Gesicht. „Wir werden sie freilassen. Es fehlt nur noch eine letzte… Maßnahme, um das zu tun. Schließlich können wir in unsere Reihen niemanden aufnehmen, der keinen Mord begangen hat. Das verstehst du doch sicher.“
Merowe rührte sich nicht, verzog keine Miene, während sie die zweite Schlaufe löste und ihre Finger auf einen weiteren Knoten stießen.
„Was soll das heißen?“, fragte sie heiser und hustete erneut. „Ich… ich soll morden?“ Eine Pause entstand, in der niemand etwas sagte und die Stille bestätigte Merowes Befürchtung. „Wen? Wo? Ich… ich kann unmöglich…“
Trickler warf ihr einen schadenfrohen Blick zu und verzog seine Lippen zu einem erniedrigenden Grinsen.
„Ohohohoho!“ Sein künstliches Lachen ekelte Merowe. „Darf ich ihr zusehen, Herrin? Darf ich mit ansehen, wie die Beute scheitert? Nein, wie herrlich allein die Vorstellung!“ Er lachte laut auf und klatschte in die Hände, seine Augen betrachteten sie, wie eine Katze eine Ratte beäugt.
„Nein, Trickler“, lehnte Morgana seinen Wunsch nach noch mehr Häme ab. „Der erste Mord ist eine heilige Zeremonie und wir wollen sie in keinem Fall dabei unterbrechen. Du wirst sie lediglich überwachen.“ An Merowe gewandt fügte sie hinzu: „Es ist kein Zufall, dass die Soldaten des Penitus Oculatus heute Nacht hier sind. Sie bereiten ein Treffen der kaiserlichen Erben in Riften vor.“
„Das kann nicht euer Ernst sein“, rief Merowe krächzend aus. „Ich bin kein Mörder. Das könnt ihr nicht verlangen!“
„Aber genau das tun wir“, erwiderte Morgana schlicht und ließ sich von Trickler ein kleines Fläschchen mit einer blauen Flüssigkeit zeigen, welches sie bestätigend abnickte. „Um zwei Leben zu retten musst du zwei Leben nehmen… und dein eigenes in den Dienst der Dunklen Bruderschaft stellen. Nur so werde ich den Pakt, der zwischen dir und uns entsteht, als erfüllt ansehen.“
Merowe schwieg, ihre Finger waren erschlafft und rührten den zweiten Knoten nicht mehr an. Sie wünschte sich, ihre Hände wären besser gefesselt worden und man hätte ihr längst die Kehle durchgeschnitten. Doch Emily war noch immer in Gefahr. Und es stand außer Frage, dass Morgana sie töten würde, würde Merowe sich weigern, mitzuspielen.
„Was… was ist mit dem Wirt?“, fragte sie schwach und musste sich bei jedem Wort Mühe geben, nicht zu stottern. „Mit Hadring. Er wird nicht einfach tatenlos dabei zusehen, wie ich…“
Morgana lachte vergnügt. „Noch immer so edelmütig? Wie unterhaltsam. Nun, lass  es mir dir einfach machen, meine kleine Elevin: Hadring wird in dieser Sache deine kleinste Sorge sein. Der Wirt weiß, dass es Angelegenheiten gibt, aus der er seine erstaunlich große Nase besser raushalten sollte. Er wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Es ist nicht das erste Mal, dass die Dunkle Bruderschaft seine Herberge für derartige Zwecke nutzt. Und bisher hat sich sein Schweigen immer für ihn gelohnt.“
Ihre verschmitzten Lippen gaben Trickler ein wortloses Zeichen. Er hob das zuvor herunter geglittene Messer auf und durchtrennte mit einem sauberen Schnitt die Fesseln. Mit schmerzenden Schultern zog Merowe ihre Arme nach vorne und nahm nach einer Weile das ihr dargebotene Fläschchen von Trickler entgegen.
„Du hast einen Versuch“, sagte Morgana sachlich und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Trickler wird dich nach oben begleiten und in der Haupthalle warten, während du die Soldaten tötest. Wie du das tust, ist dir überlassen. Danach wirst du Trickler nach unten folgen und dein Prinzesschen ist frei. Du kommst mit uns und wir vergessen, dass es jemals einen Auftrag, Galen umzubringen, gegeben hat. Das ist der Deal.“
Merowe strich über die gläserne Fläche. „Und wenn ich versage?“
„Falls du versagen solltest, und ich rate dir dazu, es nicht zu tun, wird das süße Prinzesschen sterben und Trickler wird sich den Soldaten annehmen.“
Schnaubend erhob sich Merowe und schloss ihren Griff fester um das Fläschchen. Ihr gefiel der Handel nicht. Doch sie konnte Emily nicht ihrem Schicksal überlassen. So viel Weiteres hing davon ab, dass sie am Leben blieb… nach allem, was geschehen war, konnte und wollte Merowe nicht diejenige sein, an der es scheiterte. Und dennoch gab es nicht das Geringste, das es  rechtfertigte, die Leben der beiden Soldaten auszulöschen.
Wortlos drehte sie sich um und ging zur Tür. Zu ihrer Überraschung war sie unverschlossen. Trickler folgte ihr dichtauf, seine braunen Augen glitzerten raubtierhaft im Fackellicht, das den Keller erhellte. Merowes Beine fühlten sich schwer an, das Bild des Schrankes, in dem Emily gefangen war, war wie in ihre Gedanken gemeißelt. Ihr Herz schlug schneller, als je zuvor. Die Falltür zum Keller schien mit jedem Schritt, den sie zurücklegte, weiter wegzurücken, das Knarren der hölzernen Stufen quietsche ungewöhnlich laut. Tricklers Stimme summte eine leise Melodie, die vorfreudig und gefährlich klang. Merowe verlangsamte ihren Schritt und blieb stehen. Sie musste nur noch die Hand nach der Falltür ausstrecken und sie aufdrücken, doch ihr Gewissen hinderte sie daran. Sie konnte nicht tun, was man von ihr verlangte und sie wusste es. Emily hatte es nicht verdient zu sterben und genauso wenig hatten es die Soldaten.
„Worauf wartest du, meine Teure?“, kicherte Trickler hinter ihr und ließ einer seiner Nadeln durch die Finger wirbeln. Seine gespielte Verwunderung ließ Übelkeit in Merowe aufsteigen und sie musste würgen. Sie suchte nach Worten, um sich zu erklären, doch als sie keine fand, schüttelte sie den Kopf und drückte die Tür nach oben. Wärme legte sich auf ihr Gesicht, die Glut des Steinbeckens war noch nicht erloschen. Hadring war vom Tresen verschwunden, alles, was Merowe von ihm sah, war eine Tür, die hastig zugezogen wurde, als sie die Halle betrat. Mit zitternden Händen zog sie den Kolben aus der gläsernen Flasche und legte ihn auf dem Tresen ab, an welchem sich Trickler lässig gegenlehnte.
„Nur zu“, sagte er auffordernd und nahm sich einen Apfel aus einer auf dem Tresen befindlichen Schale. „Die Bühne gehört dir.“
Mit einer lässigen Bewegung ließ er den Apfel durch die Luft wirbeln und spießte ihn geschickt mit seiner Nadel auf, als er wieder zur Erde fiel. Mit klopfendem Herzen hob Merowe den Flaschenhals zu ihrem Mund, setzte an, zögerte und gab sich schließlich einen Ruck. Sie leerte die Flüssigkeit mit einem Zug und wischte sich grimmig über den Mund. Dann ließ sie die Flasche fallen, welche klirrend in dutzende von Scherben zerbarst und blickte auf den Zweitschlüssel, der die Tür zum Zimmer der Penitus Oculatus Soldaten öffnen würde. Sie streckte die Hand danach aus und ließ den Schlüssel in das Schloss schweben. Er drehte sich, einmal, zweimal, bevor ein Klicken die Tür nach innen aufschwingen ließ. Mit schleppenden Schritten und zusammengebissenen Zähnen rief Merowe sich Emilys Angst ins Gedächtnis, ihr Gesicht und die Hoffnung, die sie in sie setzte. Dann hob sie ihre andere Hand und die Glasscherben der zerborstenen Flasche erhoben sich langsam. Sie schwebten an Merowe vorbei, klirrten leise durch die Halle und schließlich durch die geöffnete Tür. Ein lautes Schnarchen drang hindurch und sie dankte den Göttern, dass die Soldaten schliefen. Sie hätte es nicht ertragen, ihnen auch noch in die Augen blicken zu müssen. Alles, worauf sie hoffen konnte, war, dass sie zu jung waren, um verheiratet zu sein, zu jung, um Kinder zu haben, die daheim auf sie warteten. Die Scherben schwebten weiter, teilten sich in zwei gleichgroße Gruppen und pendelten abwartend über den Köpfen ihrer unschuldigen Opfer.
Sie konnte es nicht tun, sie konnte es nicht, das war nicht sie, das war nicht diejenige, die sie sein wollte, sein musste…
Doch Emily, verzweifelt und verlassen, wartete auf ihre Rettung und Galen, noch in Sicherheit, wo immer er war, würde bald das Opfer des Zuhörers werden…
Die Stille… oh, diese Stille, sie zerriss Merowe mehr, als alles andere es vermochte. Ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch, während ihre Augen sich weigerten, Zeuge einer solchen Untat zu werden.
„Ich kann das nicht“, flüsterte sie leise und ließ die Hand weiterhin ausgestreckt. „Ich kann nicht…“
Dann zerriss ein Röcheln die Stille und die Scherben bohrten sich durch Hals und Kehlkopf. Grauenerfüllt wandte Merowe das Gesicht ab und spürte, wie ihre zitternden Beine nachgaben. Ihre Übelkeit verstärkte sich und sie übergab sich, als rotes Blut aus den krampfenden Gliedern der erstickenden Soldaten drang. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann war es vorüber. Merowe fühlte sich seltsam ausgehöhlt.
Trickler stieß sich vom Tresen ab und ging wortlos an ihr vorbei, die beiden Soldaten fachmännisch begutachtend.
„Beeindruckend“, sagte er schließlich und inspizierte einen der Leichname näher. „Ich persönlich hatte niemals einen Hang zur Magie. Doch die Vielseitigkeit der Telekinese ist in der Tat bemerkenswert.“
Er durchsuchte beide Soldaten und fand schließlich am Hals des einen eine Kette, an der ein silberner Schlüssel zu einer Truhe hing, an der er sich nun zu schaffen machte. Klickend sprang der Deckel auf und gab sein Innerstes preis, einen Stapel Papiere, zusammen mit drei kleineren Ledersäckchen, deren Inhalt vermutlich Gold war. Trickler nahm die Sachen an sich und verschloss die Tür von außen. Dann wandte er sich Merowe zu.
„Na na, nicht so trübselig! Du hast den deinen einen großen Dienst erwiesen. Das ist ein Grund zum Feiern und Fröhlich sein, nicht zum Kummern und Trauern. Du solltest stolz auf dich sein.“
„Halt’s Maul, du Scheusal!“, fauchte Merowe und wischte sich über den Mund. Sie hatte die dringende Befürchtung, sich erneut übergeben zu müssen. Trickler kicherte grausam und packte sie am Arm, um sie hochzuziehen. Wie betäubt ließ Merowe sich von ihm die Treppenstufen hinunter und zurück ins Zimmer von Morgana führen, das einzige, was sie spürte, war ein abgrundtiefer Selbsthass.
Wie durch einen Schleier nahm sie wahr, wie Emily aus dem Schrank geholt wurde, ihre Fesseln durchtrennt, ihr Knebel gelöst. Sie brachte es nicht über sich, sie anzusehen. Morgana lächelte erstaunt und erleichtert zugleich und wies Lis an, sich um Emily zu kümmern. Die blonde Frau stand auf und packte Emily bei den Schultern, nicht ohne Merowe mit einem verächtlichen Blick zu bedenken.
Als sie das Zimmer verlassen hatten, sackte Merowe auf ihrem Stuhl zusammen und sah schweigend zu Boden.
„Alles verlief nach Plan, nehme ich an?“, fragte Morgana Trickler, der bestätigend nickte und seiner Herrin demütig die Hand küsste.
„Ja, Herrin. Alles verlief zu unserer höchsten Zufriedenheit.“
Er überreichte ihr die Papiere und nahm seinen alten Platz neben ihrem Bett ein.
„Wundervoll“, sagte Morgana leise und trat vor Merowe, ihre Hand mit dem großen Rubinring ausgestreckt. „Nun, Merowe Fraymont, es scheint, als hättest du deinen Teil der Abmachung erfüllt. Lass mich nun also den meinen einlösen. Cathrin – oder Lis, als die du sie kennengelernt hast – wird deine Prinzessin nach Falkenring bringen. Von dort kann sie zurück in ihre Heimat reisen. Und der Auftrag für Prinz Galens Ermordung…“, sie hielt ein Pergament hoch, das mit fein säuberlicher Tinte beschriftet war, „… ist vergessen.“
Sie warf das Dokument ins Feuer und alle drei sahen zu, wie die Flammen es langsam aufzehrten. Merowe nickte dumpf, es war nicht leicht, sich auf Morganas Worte zu konzentrieren.
„Was geschieht nun mit mir?“
„Wir werden Morgen früh zu dritt nach Dämmerstern reisen. Du wirst die Nacht in deinem Zimmer verbringen. Trickler wird deine Tür bewachen, also denk nicht einmal daran, zu fliehen.“ Sie lächelte freundlich und strafte ihre Reden Lügen. „Willkommen in der Dunklen Bruderschaft, Merowe. Du hast dir deinen Platz redlich verdient.“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  10.05.2014, 15:54
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  • Schwertkämpfer
    • Kriegergilde
Hab das erste Drittel gelesen. Es liest sich irgendwie mühsam. Manche Momente hast du zu sehr im Detail erläutert und über die Hauptperson weis man sogut wie gar nichts (sollte man diese aus früheren Texten kennen?).
  13.05.2014, 16:58
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  • Bettler
    • Neuling
Hallo, Smuke!

Wie wäre es, wenn du alle drei Drittel liest?  ;)
Aber mal im Ernst: Du hast einen Punkt. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, die Umgebung der Hauptperson zu beschreiben. Wenn du weiter liest, erfährst du mehr. Und es gibt ja auch noch weitere Kapitel!  :ugly:

Liebe Grüße,

Scrima
Der frühe Vogel kann mich mal!
  14.05.2014, 18:44
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  • Bettler
    • Neuling
Es dauerte lange, bis Merowe Schlaf fand. Die halbe Nacht saß sie auf ihrem mottenzerfressenen, wurmdurchsetzten Bett und starrte in die Dunkelheit, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte gemordet.
Sie war ein Monster.
Immer wieder schlug Merowe sich die Hände vor die Augen und weinte bitterlich, still und ohne Schluchzen. Ihre Wangen brannten und die Verzweiflung über ihre eigene Tat ließ sie ihre Fingernägel in sämtliche schorfige Stellen graben, die sie an ihrem Gesicht finden konnte. Die aufgekommene Übelkeit wollte nicht abklingen, auch als sie schon alles von sich gegeben hatte, war ihr Hals noch immer wie zugeschnürt. Es kostete sie Mühe, zu atmen, nur der Wunsch, ihre Schwäche nicht vor Trickler und Morgana zu zeigen, verhinderte, dass sie laut aufschrie. Der Selbsthass zerfraß sie von innen nach außen und ihr Glasdolch schimmerte verführerisch in den Schatten. Doch sie durfte sich nicht das Leben nehmen, zu groß war die Gewissheit, dass auch Emily und Galen das ihre verlieren würden…
Erst in den frühen Morgenstunden dämmerte Merowe weg, eher dösend als schlafend. Verächtlich betrachtete sie die Innenfläche ihrer rechten Hand und verzog missmutig die Lippen. Sie war schmutzig, so als hätte sie Kohlen damit angefasst und der Schmutz löste sich auch nicht, als sie mit Wasser darüber rieb. Sie stelle sicher, dass niemand durchs Türschloss spähte und wirkte einen Verhärtungszauber, der den Schmutz aufrechterhalten würde, so, wie sie es jeden Morgen tat.

Als Trickler an ihre Tür klopfte, saß sie bereits fertig angezogen auf ihrem Stuhl, ihre Sachen gepackt, ihre Haare geflochten. Wortlos erhob sie sich und folgte dem Ruhigsteller die Kellertreppe hinauf. Ihr schwerer Mantel war wie ein Schild, das sie von allem beschützte, das nicht sie selbst war. Mit einer beiläufigen Bewegung ließ sie ein kleines Säckchen mit 15 Goldmünzen darin auf den Tresen gleiten, Hadring würdigte sie keines Blickes, sondern starrte ängstlich auf einen blitzenden Teller, den er auffällig hastig polierte. Merowe spähte zu dem Raum hinüber, in dem die Soldaten genächtigt hatten. Er war sauber und leer.
Armer Hadring… vermutlich war er es, der die Leichen entsorgt hatte.
Morgana wartete bereits auf sie. Sie hatte einen schwarzen Ledermantel über ihr rotes Kleid gezogen, der ihr bis zu den Knöcheln reichte. Prüfend sah sie Merowe an und lächelte dann zu Trickler hinüber, bevor sie das Wort ergriff.
„Wir werden nach Dämmerstern reisen“, murmelte sie leise, damit Hadring nichts hören konnte. „Vor Sonnenuntergang sollten wir dort sein. Wir werden zu Pferd reisen und…“
„Ich habe kein Pferd“, gab Merowe müde zurück. Ihr Blick fiel auf eine Ebenholzklinge, die drohend in einer Lederscheide an Morganas Gürtel hing.
„Wir haben eines für dich“, sagte Morgana ungeduldig und wandte sich zum Gehen. „Kommt. Wir haben einen langen Weg vor uns.“
Sie öffnete die Tür nach draußen, Merowe folgte ihr dumpf. Sie schauderte, als sie an dem Raum vorbeiging. Dunkel dachte sie an die Dokumente zurück, die Trickler aus der Truhe entnommen hatte. Was hatte Morgana gesagt? Ein Treffen der kaiserlichen Erben in Riften? Merowe schüttelte angewidert den Kopf. Sie empfand keine Sympathie für das Kaiserhaus in Cyrodiil, doch war sie es gewesen, die der Dunklen Bruderschaft Zugang zu diesen Informationen verschafft hatte. Indem sie gemordet hatte, um ihr Leben zu retten. Sie wollte nicht verantwortlich für einen weiteren Mord sein. Die Stimme der Vernunft sagte ihr, dass Trickler die Soldaten des Penitus Oculatus Ordens vermutlich auch ohne ihre Hilfe hätte töten können und genau das getan hätte, hätte sie sich geweigert. Doch das machte ihre Schuld nicht weniger gewiss.

Der Schnee hatte nachgelassen. Eine weiße Schicht befand sich auf allem, was das Auge erblickte. Die Mammuts, die sich im Tal befunden hatten, waren weitergezogen und nur ihre riesigen Spuren zeugten noch davon, dass sie da gewesen waren. Die Pferde befanden sich in einem behelfsmäßig zusammengenagelten Unterstand; hochgewachsene Exemplare, dunkelbraunes Fell und tiefschwarze Augen, die neugierig an Merowe schnupperten, als sie sich ihnen näherte. Trickler und Morgana sattelten und zäumten ihre Tiere, Merowe tat mit dem ihren zögernd dasselbe.
„Er heißt Leto“, sagte Trickler beiläufig und warf Merowe ein Stück Zucker zu, welches sie automatisch auffing. „Ein gutes Pferd. Du wirst viel Freude an ihm haben.“

„Leto“, flüsterte Merowe tonlos und hielt dem Hengst das Zuckerstück hin. „Ist er so eine Art Werbegeschenk?“
Sanft umschlossen seine Lippen die seltene Leckerei und berührten sie dankbar am Bauch. Mit bedächtigen Bewegungen zurrte Merowe die Gurte zu Recht, darauf achtend, dass sie weder zu stramm noch zu locker saßen. Leto war kräftig und jung, seine Mähne dicht und seine Beine muskulös. Er tänzelte spielerisch, als sie ihn nach draußen führte und aufsaß. Es war lange her, dass sie das Vergnügen hatte, auf einem Pferd zu sitzen. Der Beruf der Archivarin war nicht eben dafür bekannt, dass man viel in der Welt herumkam. Der warme Rücken des Pferdes schmiegte sich angenehm gegen ihre Beine. Merowe spürte jede seiner Bewegungen und strich ihm vorsichtig über den Hals. Leto schien erpicht darauf zu sein, aufzubrechen, ganz im Gegenteil zu seiner Reiterin. Was mochte sie in der Zuflucht in Dämmerstern erwarten? Wie würden die anderen Mitglieder der Dunklen Bruderschaft sie behandeln? Würde sie gleichrangig neben den anderen Mördern sein? Würden andere sie für ihre Untat bewundern, wie es Trickler getan hatte? Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken…
Morgana gab ihrem Pferd die Sporen und ritt in sanftem Trab voraus. Merowe sah zu Trickler hinüber, abwartend, ob er hinter seiner Herrin bleiben wollte, doch er bedeutete ihr, der Dunmer zu folgen. Offensichtlich fürchteten sie noch immer, dass sie fliehen könnte. Merowe konnte es ihnen nur mäßig verübeln. Seufzend setzte sie ihr Pferd in Bewegung, das fröhlich schnaubend den Kopf schüttelte und mit klappernden Hufen das mit Gräsern durchwachsene Straßenpflaster betrat.
Die Straße führte zunächst nach Westen und südlich an der Bergkette vorbei. Spärliche Wäldchen durchsetzten die Blumenwiesen, über die sich die letzten Schmetterlinge des Jahres tummelten. Die blauen Bergblumen gingen langsam zurück, ebenso wie der Lavendel. Lediglich Distelzweige schienen sich dem Frost widersetzen zu können und standen aufrecht und dornig wie eh und je. Merowe betrachtete die schwarzfelsigen Ruinen, deren uralte Gänge und Mauerreste verschüttet und zugewachsen aus der Landschaft hervorstachen. Nicht wenige Abenteurer kamen nach Himmelsrand, auf der Suche nach Schätzen und verborgenen Mythen. Nicht selten, so sagte man, fanden sie den Tod, denn Untote und Bestien suchten die alten Hallen heim und verbargen ungehobene Schätze und Geheimnisse in der Tiefe.

Sie ritten schweigend hintereinander. Die Gegend blieb eintönig verschneit. Nur gelegentlich kamen sie an Tümpeln vorbei, in denen sich der weiße Himmel spiegelte. Zwischen den kleinen Steinen, die sich am Rand des Ufers befanden, stiegen verräterische Luftbläschen auf, Anzeichen dafür, dass Schlammkrabben sich dazwischen tarnten. Merowe war dankbar für die Stille. Die Kälte zerrte an ihrem Mantel und fraß und biss sich in ihre Glieder, bis alles andere stumpf und taub war. Einer der wenigen Vorzüge von Himmelsrand war es, dass die raue Landschaft und der unerbittliche Schnee vergessen ließen, wovor man floh. Die Herberge ‚Zum Nachttor‘ war nicht die erste Unterkunft, die Merowe seit ihrer Flucht aufgesucht hatte. Abgestumpfte Gesichter, vom Met trübe Augen und lallende Stimmen waren ein Anblick, an den sie sich schnell gewöhnt hatte.

Sie begegneten fast niemandem auf ihrem Weg nach Dämmerstern. Ein paar Bauern waren mit ihrer ochsenbespannten Kutsche nach Süden unterwegs, eine kaiserliche Patrouille kontrollierte die Straße nach Osten. Als sich das Pflaster schließlich gen Norden wandte, sahen sie eine kleine Khajiit-Karawane, die ihnen von ihrer schwer beladenen Kutsche aus freundlich zu winkte.

Der Schnee wurde wieder dichter. Der Wind blies nach Süden und trieb ihnen die kalten Flocken direkt in die Augen. Merowe verließ sich auf Letos Sicht und zog sich Schal und Kapuze tiefer ins Gesicht. Es wurde Mittag, dann Nachmittag, doch obwohl das Blau des Himmels die weiße Wolkendecke an einigen Stellen durchbrach, war die Sonne nicht zu sehen. Die Löcher an Merowes Handschuhen machten sich schmerzlich bemerkbar. Zitternd verbarg sie ihre Finger unter den Achseln, doch diese Methode half nur mäßig gegen die Kälte.

„Auch einen Schluck?“

Trickler war plötzlich neben ihr und ließ Merowe vor Schreck zusammenzucken. Der Hofnarr kicherte belustigt und hielt ihr eine grüne, bauchige Flasche mit Wein hin, die sie kopfschüttelnd ablehnte.

„Warum nicht, Schwester? Ich sehe, dass du frierst.“ Seine gespielte Fürsorglichkeit ließ Wut in ihr aufsteigen.
„Ich bin nicht deine Schwester“, krächzte Merowe heiser und drückte ihre Fersen sanft in Letos Seiten. Auch Trickler beschleunigte den Gang seines Pferdes und holte sie mit Leichtigkeit ein.

„Aber natürlich bist du das. Wir alle sind Brüder und Schwestern. Die Kinder Sithis‘ und der Mutter der Nacht. Als neuestes Mitglied der Dunklen Bruderschaft solltest du dich bald daran gewöhnen.“

Merowe seufzte genervt und verfiel wieder in Schweigen. Als Trickler ihr nach mehreren Minuten noch immer die Weinflasche hinhielt, nahm sie sie stöhnend und setzte sie an den Mund. Es war Rotwein. Merowe hasste kalten Rotwein. Dennoch nahm sie mehrere kräftige Schlucke und schüttelte sich wohlig, als der Alkohol seine Wirkung zeigte. Eine milde Wärme wanderte durch ihre Glieder und auch, wenn sie wusste, dass sie nur umso mehr frieren würde, wenn seine Wirkung abgeklungen war, genoss sie den kurzweiligen Luxus. Mit zitternden Händen reichte sie Trickler die Flasche zurück, der sie mit einer angedeuteten Verbeugung entgegennahm.

„Verrate mir eines, Merowe“, sagte er leise, als sie eine Weile still nebeneinander geritten waren. „Was war es für ein Gefühl, die beiden Soldaten zu töten?“

Merowe sah ihn angewidert an, schnaubte ungläubig und murmelte etwas Unverständliches.

„Ich kann mich noch an meinen ersten Mord erinnern“, plauderte Trickler weiter und begutachtete die Mähne seines Pferdes. „Ich war damals dreizehn Jahre alt. Ich lebte in Chorrol, als ein Bastard des Stadtherrn, der seine Frau mit einer Hure betrogen hatte. Mit vielen Huren, um genau zu sein.“

Merowes Gesicht versteinerte sich, während sie angestrengt versuchte, nicht zuzuhören.

„Er besuchte meine Mutter oft und machte ihr manchmal kleine Geschenke. Kleider, Schuhe, Perlenketten… meine Mutter war eine der einträglichsten Huren des ganzen Hauses, musst du wissen.“

„Muss ich das also?“, fragte Merowe gereizt und konzentrierte sich auf den eisernen Knauf ihres Sattels. Sie kannte eine Methode, das Metall zu Silber zu verändern und rief sich die einzelnen Gesten ins Gedächtnis, die dazu nötig waren.

„In der Tat…“, drang Tricklers Stimme zu ihr durch. „…das ist ein wichtiges Detail für die Geschichte“, sagte er vergnügt und kicherte. „Nun, eines Tages kam der Stadtherr – ein fetter Schnösel mit Schnurrbart und albernem Hut – erneut in das Etablissement, um meine Mutter aufzusuchen. Ich hatte mich im Schrank versteckt, da sie mich stets hinausgeschickt hatte, wenn er zu Besuch kam und wollte unbedingt wissen, was die beiden miteinander taten. Als der fette, kleinschwänzige Wichser seinen Gürtel auszog und plötzlich wie besessen damit auf sie eindrosch…“

„Wohl ein Extraservice“, vermutete Merowe zynisch, um ihn zum Schweigen zu bringen, doch Trickler nahm es ihr nicht übel.

„Zweifelsohne. Ich begriff damals nicht, dass es zum Programm gehörte, doch unter Freiern ist das nichts Ungewöhnliches. Meine Mutter bewahrte damals ihre Haarnadeln im Schrank auf…“

„Oh, Mann!“, seufzte Merowe, die sich das Ende der Geschichte denken konnte.

„… und das nächste, was ich wusste, war, dass drei von den Dingern bis zum Anschlag in seinem…“

„Genug!“, zischte Merowe verärgert, Morgana sah sich verwundert zu ihnen um. „Ich… ich kann es mir lebhaft vorstellen, danke, Trickler, vielen Dank!“

Sie ließ Leto in Trab verfallen und spürte Tricklers grinsenden Blick auf sich, den seine Herrin amüsiert erwiderte. Beiläufig ließ sie sich zu Merowe zurückfallen, während Trickler wieder zu ihr aufschloss und die beiden sie in ihre Mitte nahmen.

„Wie geht es dir?“, fragte Morgana höflich. Es klang beinahe ehrlich und einen Augenblick lang war Merowe versucht, ehrlich zu antworten.

„Fantastisch“, knurrte sie missmutig und steckte die Hände wieder unter ihre Achseln.

„Es ist nicht mehr weit“, sagte Morgana tröstend, die ihr Frieren bemerkte. „Noch haben wir Sonnenlicht.“
Merowe wusste, worauf sie anspielte. Der kommende Winter sorgte für späte Sonnenauf- und frühe Sonnenuntergänge. Es würde nicht lange dauern und sie würden sich in der Dunkelheit orientieren müssen. Bei Nacht wäre die Straße nur noch schwer zu erkennen.

Während Trickler und Morgana sich vergnügt unterhielten – Merowe nahm an, dass sie der Grund für diese Fröhlichkeit war – sah sie am Ende der Straße eine Gruppe von Männern, die auf irgendetwas zu warten schienen. Sie räusperte sich unauffällig und nickte, als ihre Begleiter sie ansahen, in ihre Richtung.

„Ja, ich habe sie auch schon bemerkt“, sagte Morgana nachdenklich, ein grausames Lächeln umspielte ihre Lippen. „Was meinst du, Trickler? Ein wenig Unterhaltung, bevor wir heimkehren?“

Trickler lachte dunkel und holte aus seiner Lederkluft ein Blasrohr hervor, in welches er eine kurze, dünne Nadel steckte.

„Mit dem größten Vergnügen, liebste Herrin.“

Merowe nahm die Männer näher in Augenschein. Sie waren zu sechst, große, muskulöse Kerle, deren Kleidung eher zusammengewürfelt wirkte. Mit Gürteln zusammengehaltene Felle bedeckten ihre Beine und Brust, Helme aus Eisen und Leder verdeckten ihre Köpfe und zwei von ihnen waren mit Bögen bewaffnet. Die meisten von ihnen waren Nords, doch Merowe entdeckte auch einen Kaiserlichen unter ihnen. Gut möglich, dass er während des Krieges desertiert war und sich nun auf diese Weise seinen Lebensunterhalt verdiente. Der größte von ihnen, der Anführer, wie sie vermutete, trug einen stählernen Hammer und einen dazu passenden Hörnerhelm, sein vierschrötiges Gesicht hatte einen geflochtenen Vollbart.

„Wir sollten fliehen“, sagte Merowe alarmiert und zog beunruhigt die Zügel an. „Zu Pferd sind wir schneller als sie und…“

Trickler schnalzte missbilligend mit der Zunge.

„Fliehen? Nicht doch, Schwester. Wo bleibt dein Stolz?“

Mit einem entschlossenen Ruck spornte er sein Pferd an, Morgana tat es ihm nach und zog ihr Ebenholzschwert aus der ledernen Scheide. Merowe folgte ihnen zögernd. Was blieb ihr anderes übrig?
Der erste der sechs Banditen stürmte vor und versperrte ihnen den Weg. Ihm folgten zwei seiner Kumpane, alle drei waren mit Schild und Schwert bewaffnet. Hinter sie trat der Anführer, siegessicher und selbstherrlich. Die beiden Bogenschützen hatten ihre Pfeile auf Morgana  gerichtet.

„Halt“, rief der Hornhelmige und zog seinen Stahlhammer. „Wer diese Straße passieren will, muss einen Wegzoll entrichten.“
Er sprach stolpernd, ohne richtige Satzmelodie und Merowe vermutete, dass er den Satz auswendig gelernt hatte.

„Einen Wegzoll?“, erwiderte Morgana spöttisch und ließ ihr Pferd bis auf ein paar Schritte vor die gezogenen Waffen traben. „Und wer seid ihr? Die Straßenpatrouille?“
Der Anführer sah sie dumm glotzend an, dann nickte er langsam.

„Die Straßenpa… ja, genau!“, rief er entschlossen und nickte bestätigend.

„So ein Zufall. Vorhin erst kam uns eine weitere entgegen. Seit wann wurden die Straßenpatrouillen verdoppelt?“
Der Anführer der Banditenbande glotzte noch blöder, unschlüssig, was er antworten sollte. Seine Männer wirkten angespannt.

„Nun zahl schon, du Fotze!“, schnarrte einer der Bogenschützen und verzog seine Lippe. Seine schmutzig blonden Haare stachen ungekämmt unter seinem löchrigen Helm hervor und ihm fehlten drei seiner Zähne. Plötzlich schrie er auf, als eine fingerlange Nadel sein Auge durchbohrte. Der Pfeil sirrte unkontrolliert los, traf seinen Vordermann in den Rücken, der laut aufschrie und seine Waffen fallen ließ. Erschrocken wich der Anführer zurück, seine übrigen Männer scharrten sich um ihn.

„Niemand beleidigt meine Herrin“, verkündete Trickler ernst und steckte eine weitere Nadel in sein Blasrohr. Er setzte erneut an und schaltete den zweiten Bogenschützen aus, dessen Pfeil nutzlos zu Boden sirrte und zersplitterte. Morgana schloss wie in Trance die Augen, murmelte einige kurze Silben und ließ einen Feueratronachen erscheinen. Geduckt wie ein Tier, die Arme wie Klauen ausgebreitet wartete das Wesen aus Oblivion auf einen Befehl seiner Beschwörerin und stürzte sich auf die zwei übrige gebliebenen Schwertkämpfer, die schreiend in Flammen aufgingen. Ihre Waffen fielen klirrend zu Boden. Mit schreckgeweiteter Miene stolperte der Anführer zurück, seinen Hammer hatte er längst vergessen. Morgana wollte gerade zum Schlag ausholen, als Merowe sich entschlossen dazwischen stellte.

„Halt! Das genügt!“
Überrascht sah die Dunkelelfe sie an und ließ das Schwert sinken. Ihr Pferd bäumte sich erwartungsvoll auf. Merowe wandte sich dem Banditen zu.
„Lauf. Jetzt. Oder wir werden dich töten.“
Der Anführer sah sie einen Moment lang sprachlos an, dann nickte er dumpf und verschwand eilig in Richtung der Berge. Abwartend sahen sie ihm nach.

„Was sollte das?“, fragte Morgana wütend. „Warum hast du das getan?“

Schnaubend sah Merowe sie an. „Weil es nicht nötig war, ihn zu töten. Sie alle. Du hast fünf Leichen. Reicht dir das nicht?“
Der Feueratronach, in dessen Händen eine kopfgroße Feuerkugel schwebte, wartete unschlüssig, ob er sie abfeuern sollte.

„Du hast dich einer Sprecherin der Dunklen Bruderschaft nicht in den Weg zu stellen!“, rief die Dunmer heftig, ihre roten Augen glühten vor Zorn.

„Was hätte es für einen Sinn gemacht, ihn zu töten? Verrate mir das!“
Fordernd hielt Merowe Morganas Blick stand, die zögernd nach einer Antwort suchte.

„Sie hätten uns getötet, hätten wir sie nicht bezahlen können“, gab Trickler zu bedenken. „Er wird vermutlich anderen Reisenden auflauern.“
„Schwachsinn!“, rief Merowe, ohne den Blick von Morgana abzuwenden. „Fünf ihrer Leute sind tot. Glaubst du wirklich, dass sie nur zu sechst waren? Sie haben ein Lager. Der große Klotz, der sie angeführt hat, war nie und nimmer ihr Befehlshaber. Er wird berichten, was hier passiert ist und so für Angst in ihren eigenen Reihen sorgen. Es ist schwer genug, einen Haufen von Wegelagerern zu kontrollieren, glaubst du wirklich, dass es etwas bringt, wenn niemand erzählt, was hier passiert ist?“
Sie war laut geworden und hielt kurz inne, um Morganas Reaktion abzuwarten, doch die Dunmer schwieg. „Eine derartige Nachricht wird sie vollkommen demoralisieren. Wahrscheinlich wird ihr Befehlshaber abtreten müssen und es wird dauern, bis sie sich wieder neu organisiert haben. Sie werden die Straße künftig in Ruhe lassen. Gut möglich, dass sie weiterziehen.“ Als Morgana noch immer nicht überzeugt schien, fuhr Merowe fort. „Außerdem kennen wir nun die Richtung, in der ihr Lager liegt. Diese Berge sind durchsetzt von alten Höhlen. Es wäre ein Leichtes, sie dort ausfindig zu machen.“

Trickler blinzelte und schaute auf die fünf Leichname, die erschlafft auf der Straße lagen. Merowe murmelte einige wohlgewählte Worte und ließ die Leichen an den Straßenrand schweben. Das wenigste, was sie tun konnte, war, sie in eine würdigere Position zu rücken.
„Mir gefällt, wie du denkst, Merowe“, gab Morgana zu und steckte ihr Schwert in die Scheide zurück. „Doch solltest du dich mir erneut in den Weg stellen, hat das Konsequenzen.“

Würdevoll ritt sie an Merowe vorbei, die stumm nickte und mithilfe der Telekinese die Nadeln aus dem Auge des Bogenschützen und dem Hals seines Kameraden löste.

„Hier“, sagte sie, als sie danach griff und sie Trickler überreichte.
Der Hofnarr schien unsicher, ob er dankbar sein sollte.

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, jeder einzelne in seine eigenen Gedanken vertieft. Dämmerstern war bereits am Horizont zu erkennen, als der Himmel kaum merklich dunkler wurde und als sie es erreicht hatten, war die Luft von einer eigentümlichen, hellblauen Farbe durchwirkt.

Merowe war noch nie in diesem Teil des Landes gewesen. Sie staunte über die imposante Haupthalle des Jarls, die nahezu dörfliche Ansammlung von Häusern und den winzigen Hafen, an dessen einzigen Steg ein Boot fest vertäut war. Es roch nach Fisch und Schmiederauch, vermutlich Güter, mit denen die Stadt Handel trieb. Auf den Straßen war fast niemand, die Kälte hatte die Menschen in ihre Häuser getrieben und nur ein einsamer Bettler machte es sich zusammen  mit einem verwahrlosten Hund unter dem vorstehenden Dach eines Hauses bequem.

Doch ihr Ziel war nicht die Stadt. Sie folgten dem Wasser und kamen zu einer kleinen Bucht, die von einer Anhäufung von Felsen umrahmt wurde. Im Schatten derselben sprang Trickler von seinem Pferd ab und schien nach etwas zu suchen. Merowe hörte ein zischendes Flüstern und dann eine Antwort.

„Unschuld, mein Bruder.“

Ein Reiben von Felsen, wie von Mahlsteinen einer Kornmühle erklang. Zwei Findlinge versanken im Boden und gaben den Blick auf eine tiefschwarze Tür frei, auf der blutrot leuchtend das Wappen der Dunklen Bruderschaft prangte. Ein Schädel, weiß wie Schnee, sah sie aus leeren Höhlen an und seine Kiefer bewegten sich kaum merklich, als eine gläserne Stimme verlauten ließ:
„Willkommen zu Hause.“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  14.05.2014, 22:50
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Staunend sah Merowe die Tür an, die geräuschlos aufschwang und ein klaffendes Loch in der Finsternis offenbarte. Morgana stieg von ihrem Pferd und führte es an den Zügeln hinein. Es folgte ihr ohne zu Zögern. Trickler wartete, dass Merowe dasselbe tun würde, doch die Bretonin konnte den Blick nicht von der Tür ablassen.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte der Hofnarr halb besorgt, halb neugierig und deutete auf die Öffnung. „Es ist völlig ungefährlich, das versichere ich dir.“

„Die Tür hat gesprochen“, sagte Merowe verdattert und deutete auf den Schädel. „Wie ist das möglich?“
Trickler blinzelte verwirrt und zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt habe ich nie darüber nachgedacht. Jede Zuflucht hat solch eine Tür. Sie stellt eine Frage, auf die man die richtige Losung sagen muss. Erst dann wird man eingelassen.“


„Oh“, antwortete Merowe und dann, nach einer Pause: „Was war die Frage?“

„Was ist die größte Illusion des Lebens? Nun, zumindest heute. Sie ändert die Frage hin und wieder. Auf diese Weise erkennt sie, wer würdig ist, einzutreten und wer nicht.“ Nachdenklich betrachtete Trickler die Tür, bevor er sich wieder Merowe zuwandte. „Kommst du? Die anderen warten bereits.“

„Unschuld“, murmelte Merowe und stieg von Letos Rücken herunter. Die größte Illusion des Lebens ist Unschuld. Sie schnaubte fassungslos und führte ihr Pferd durch den rot glühenden Eingang in einen kurzen steinernen Flur, der von einer Laterne schwach beleuchtet wurde. Bereits nach wenigen Schritten machte er einen Knick nach rechts und die Tür schloss sich mit einem schabenden Geräusch.

Erst jetzt, nachdem sie in die Wärme zurückgekehrt war, spürte Merowe, wie kalt und durchgefroren ihre Glieder waren. Es würde dauern, bis sie sich wieder vollkommen warm fühlte. Sie folgte Trickler, der sein Pferd den Gang hinab führte und dann eine Treppe hinunter, an deren Ende eine schwere, offen stehende Holztür auf sie wartete. Es roch nach Stroh und Pferdemist.

„Ihr habt einen Stall in eurer Zuflucht?“

„Selbstverständlich haben wir das“, sagte Trickler ein wenig stolz und führte sein Pferd durch die Tür hindurch. „Der Anbau ist erst vor ein paar Jahren fertig geworden. Unsere Position hier in Dämmerstern ist niemandem bekannt und da wäre es ein wenig zu auffällig, die Stallungen des Jarls zu benutzen. Und draußen stehen lassen können wir die Tiere auch nicht. Die würden schließlich erfrieren!“

„Klingt logisch“, gab Merowe leise zurück und führte Leto vor eine freie, saubere Box, um ihm Sattel und Zaumzeug abzunehmen.

„Was machst du da?“, fragte Trickler verwundert, als Merowe sich mit den Schnallen befasste. „Für so etwas haben wir Personal.“

Er schnippte mit den Fingern und winkte vom anderen Ende der Treppe einen jungen Argonier heran, der sich sogleich vor ihm verbeugte und sich ihrer Pferde annahm. Erstaunt sah Merowe ihm nach und folgte Trickler die Treppe hinauf. Morgana wartete ungeduldig.

„Gut“, sagte sie und musterte Merowe prüfend. „Der Zuhörer will dich umgehend kennenlernen. Es ist zwar schon zu spät, um dich noch etwas herzurichten, aber…“ Sie strich einige Strähnen zurück, die sich aus Merowes Zopf gelöst hatten und griff in ihre Gürteltasche, „für ein paar letzte Maßnahmen haben wir noch Zeit.“

Ihre Finger hatten ein gläsernes Fläschchen umschlossen, aus dem, als sie es öffnete, ein schwerer, intensiver Geruch aufstieg.

„Parfum?“, fragte Merowe skeptisch und ließ es geschehen, dass die Dunmer ihr ein paar Tropfen davon auf dem Hals verstrich. „Wozu ist das notwendig?“

„Sei still“, sagte Morgana ungeduldig und zupfte Merowes Kleider zu Recht. Dann trat sie einen Schritt und betrachtete sie kritisch. „Zieh den Mantel aus“, verlangte sie kopfschüttelnd und steckte das Fläschchen in ihre Gürteltasche zurück.

Merowe tat wie geheißen und knöpfte die einzelnen Verschlüsse auf. Ihren Rucksack stellte sie auf den Boden. Trickler nahm ihr das Kleidungsstück ab und besah sie sich von oben bis unten, während Morgana die widerspenstigen Strähnen mit Spangen in den Griff zu kriegen versuchte.

„Was ist?“, fragte Merowe genervt und sah an sich herab.

„Das ist keine sehr festliche Garderobe“, stellte Trickler fest und zupfte an ihrer schwarzen Lederkluft.

„Oh. Entschuldige!“, gab sie zynisch zurück und schulterte ihren Rucksack erneut. „Wie nachlässig von mir! Ich hätte natürlich damit rechnen müssen, dass ich dem Oberboss einer Meuchelmörderbande vorgestellt werde, als ich nach Himmelsrand geflohen bin. Warum habe ich Schussel nicht auch mein bestes Kleid und meine feinsten Schuhe eingepackt? Oh ja, richtig: Weil ich, verdammt nochmal, auf der Flucht war! Aber nächstes Mal, Trickler, nächstes Mal denke ich dran! Schließlich ist hier ja jedem bekannt, dass der Zuhörer der Dunklen Bruderschaft Wert auf feine Kleidung legt!“

„Allerdings!“, rief eine tiefe Stimme hinter ihnen und ließ sie herumfahren. An einem weiteren Treppenaufgang, der tiefer in die Zuflucht hineinführte, stand ein Rothwardone. Er trug eine rote Tunika und sein Gesicht wurde von einem weinroten Tuch umhüllt, das sich zu einem sorgfältig gewickelten Turban auftürmte. An seinem Gürtel hing ein silbrig glänzendes Scimitar, das bei jedem Schritt, den er ging, rhythmisch mitschwang.

„Nazir!“, rief Morgana aus und eilte ihm entgegen, um ihn zu umarmen. Tricklers Blick wirkte plötzlich merkwürdig entrückt. „Wie geht es dir, mein Bruder?“

Der Rothwardone breitete lachend die Arme aus und küsste Morgana auf die Wangen. „Wundervoll. Es ist schön, euch beide wiederzusehen. Ra‘ Zadir wartet bereits auf euch.“ Sein Blick fiel wohlwollend auf Merowe, deren lederbewährte Hand er ergriff und ihr galant einen Kuss darauf platzierte. „Erlaube mir, mich vorzustellen, liebe Schwester. Ich bin Nazir, ein weiterer Sprecher der Dunklen Bruderschaft. Lass mich der erste sein, der dich in unseren heiligen Hallen willkommen heißt.“

Er lächelte charmant und fuhr sich mit der anderen Hand durch seinen ergrauten, kräuselnden Ziegenbart.
„Danke“, sagte Merowe zögernd, unschlüssig, ob sie die Hand zurückziehen sollte oder nicht. Mit einem verunsicherten Blick über die Schulter fragte sie Morgana stillschweigend, was sie machen sollte, doch die Dunmer nickte bestätigend und so ließ sie sich von Nazir durch die Räumlichkeiten der Zuflucht führen.

„Der Zeitpunkt eurer Ankunft hätte nicht besser gewählt sein können“, sagte der Rothwardone schmeichelnd und Merowe war nicht sicher, ob er es ernst meinte. „Ra‘ Zadir ist soeben aus dem Heiligtum zurückgekehrt und nun bereit, euch zu empfangen.“

„Dem Heiligtum?“, fragte Merowe, die versuchte, sich den Weg einzuprägen. Sie gingen durch eine verlassene Halle, in der ein warmes, prasselndes Feuer brannte und mit Silber und Zinn gedeckte Tafeln nur darauf zu warten schienen, dass man sich an sie setzte.

„Der Raum, in dem die Mutter der Nacht wohnt“, sinnierte Nazir geheimnisvoll und machte eine unbestimmte Geste in die Ferne. „Der Raum, den nur der Zuhörer selbst betreten darf… abgesehen von den Bewahrern natürlich.“
Nazir führte sie durch weitere felsgraue Gänge, die von blau-grün leuchtenden Steinen erhellt wurden. Merowe hatte sie schon einmal gesehen. Es waren Welkyndsteine, äußerst selten und alt, ursprünglich stammend aus den alten Ruinen und Bauten der Ayleiden. Es war erstaunlich, dass die Dunkle Bruderschaft derartige Artefakte besaß und nur mit Mühe widerstand Merowe der Versuchung, einen von ihnen zu berühren.

Zwischen den Welkyndsteinen waren hölzerne Leisten angebracht, an deren eisernen Halterungen Waffen aller Art hingen: Dolche aus Stahl, Bögen aus Ebenholz, Äxte aus Bronze, Kolben aus Glas und hölzerne Armbrüste waren nur eine kleine Auswahl von dem, was sie zu Gesicht bekam. Merowe hätte schwören können, dass einige der Waffen verzaubert waren, der rote Glanz, der von manchen ausging, war zu auffällig, um natürlichen Ursprungs zu sein. Sie kamen in eine runde Halle, kleiner als die, die sie vorhin passiert hatten. Hier waren Holzpuppen und Zielscheiben aufgebaut, zwei weitere Mitglieder der Dunklen Bruderschaft, deren Gesichter verdeckt waren, übten sich miteinander im Schwerkampf. Drei weitere Gänge führten in verschiedene Richtungen, Nazir wählte den linken und lotste sie durch eine weitere Halle und über eine Holzbrücke.

„Das hier sind die Wohnquartiere der Zuflucht“, erklärte Nazir ohne dabei Merowes Hand loszulassen. „Wir haben zurzeit ein paar freie Zimmer, du wirst dir also nach deiner Unterredung mit dem Zuhörer eines davon aussuchen dürfen.“

„Äh, danke“, sagte Merowe abwesend, die einen raschen Blick auf ein paar schlummernde Gestalten erhaschte. Trickler kicherte.

Plötzlich hörten sie einen panischen Schrei und aus einem der Seitengänge stürzte ein kleines Mädchen hervor. Sie trug einen weißen Rock und eine ausgewaschene rote Bluse, die von einem zu langen Ledergürtel zusammengehalten wurde. Panisch keuchend sah sie sich um, bis sie Merowe entdeckte und auf sie zustürmte.

„Bitte, Fremde! Ihr müsst mir helfen! Ich werde hier gefangen gehalten!“ Ihre Augen waren tränenüberströmt und ihre Haut bleich wie Pergament. Sie klammerte sich hilfesuchend an Merowe fest, die Sehnen ihrer Finger traten deutlich unter der Haut empor. „Bitte, könnt Ihr mir helfen? Ihr kennt den Weg hinaus, nicht wahr?“

Hoffnungsvoll blickte das Mädchen zu ihr auf und erst jetzt erkannte Merowe, dass etwas mit ihren Augen nicht stimmte. Sie waren zu dunkel, fast schwarz, so als wäre Tinte in die Augäpfel gelaufen und die gelben, raubtierhaften Pupillen verengten sich bedrohlich, wenn das Licht der Welkyndsteine auf sie fiel.

„Ich… ich glaube nicht, dass ein Vampir dabei meine Hilfe benötigt“, sagte sie langsam und sah, wie sich Enttäuschung auf ihrem Gesicht ausbreitete.

„Woran hast du es erkannt?“, wollte das Vampirmädchen wissen. „War es die Stimme? Die Haare? Nicht genug Tränen?“ Sie wischte sich die salzigen Tropfen mit dem Handrücken fort.

Unschlüssig überlegte Merowe, was sie sagen sollte. Vermutlich spielte die Kleine jedem Neuankömmling diesen Streich.

„Die Augen“, sagte sie schließlich. „Sie reflektieren das Licht anders…“

Nazir räusperte sich förmlich. „Darf ich vorstellen? Meine persönliche Ruhigstellerin Babette. Babette, mein Mädchen, sag hallo!“

Babette verbeugte sich höflich und grinste, wobei ihre spitzen Zähne zum Vorschein kamen. „Es freut mich, dich kennenzulernen…“

„Merowe“, stellte sich die Bretonin trocken vor und nutzte die Gelegenheit, Nazirs Hand loszulassen und die ihre zu ergreifen. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“

Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unmissverständlich.
„Merowe?“, fragte Babette verwundert. „Die Archivarin aus Hochfels?“

„Eben jene“, sagte Morgana zufrieden und verschränkte die Arme stolz vor der Brust. Babette nickte anerkennend.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr so schnell wieder zurücksein würdet. Ra‘ Zadir wird erfreut sein.“

„Wir sind gerade auf dem Weg zu ihm“, gab Nazir zu Protokoll und winkte die Gruppe weiter voran. „Wenn du möchtest, kannst du mitkommen.“

„Vielen Dank, lieber Bruder!“, rief Babette freudig aus und lief im Pferdegalopp voran.
Es war nicht mehr weit bis zu den Gemächern des Zuhörers. Nazir führte sie durch eine letzte Halle, in der in hohen, steinernen Regalen Sarkophage übereinander getürmt waren. Nur ein paar Fackeln brannten an den Seiten und sorgten für ein unheilvolles, gespenstisches Licht.

„Die verstorbenen Meuchelmörder“, sagte Nazir leise. Erstaunt sah Merowe sich um. Obwohl sie noch nie darüber nachgedacht hatte, schien es einleuchtend, dass die Dunkle Bruderschaft ihre verstorbenen Mitglieder nicht einfach auf normalen Friedhöfen bestatten konnte. Die Assassinen waren keiner Ortschaft bekannt und jeder Friedhofswärter würde sich weigern, jemanden in geweihter Erde zu bestatten, der sich dem Leben der Gesellschaft so sehr abgewandt hatte. Merowe nahm an, dass die Leichen einbalsamiert worden waren, bevor man sie hier unten bestattet hatte. Leichengestank war etwas, das das schönste Schloss unbewohnbar machen konnte.
Dann hatten sie die fragliche Tür erreicht. Nazir klopfte leise und wartete ab. Eine schnurrende Stimme mit rollender Zunge rief: „Herein!“

Nazir öffnete die Tür und winkte die anderen hinter sich her. Merowe betrat ein helles, luxuriös eingerichtetes Zimmer, das dem eines Königs würdig gewesen wäre. Der Fußboden war mit dunklen Eichendielen ausgekleidet. Die felsigen Wände waren durch aufwendig geknüpfte Wandteppiche aus fernen Ländern und Einmeißelungen verziert, die kniende Personen vor einer großen Frau zeigten. Die Mutter der Nacht, wie Merowe vermutete. Daneben hingen Gemälde in aufwendig gearbeiteten Holzrahmen, die verschiedene Personen in der Kluft der Dunklen Bruderschaft zeigten. Verstorbene Zuhörer, zweifelsohne. Drei Treppenstufen führten zu einem mit roten Seidenkissen bestückten Himmelbett, neben dem sich Bücherregale befanden. Ein mit herrlich nach Essen duftenden Schüsseln gedeckter Tisch befand sich links von ihnen, dahinter weitere Waffen- und Rüstungsständer, die zwischen verschiedenen Kommoden und Schränken die Prunkstücke der Garderobe preisgaben. Zwei goldene Kronleuchter, in denen weiße Kerzen brannten, hingen von der Decke herab und verbreiteten ein warmes, angenehmes Licht, das vom Kamin wohnlich ergänzt wurde.

Ein ausgesprochen gut gekleideter Khajiit mittleren Alters wartete bereits auf sie. Er hatte graues Fell, welches mit schwarzen Streifen durchsetzt war und freundlich schauende, gelbe Augen. Seine Mähne war zu mehreren Zöpfen geflochten, in denen zahlreiche silberne und bunte Perlen steckten. Ra‘ Zadir, der Zuhörer der Dunklen Bruderschaft, trug ein dunkelblaues Seidenhemd, dass mit einem äußerst dünnen Blumenmuster bestickt war und eine dazu passende schwarze Hose, aus welcher sein katzenartiger, mit grünen Bändern geschmückter Schwanz hervor lugte. Alles an ihm war muskulös und seine Sehnen traten deutlich bei jedem Schritt hervor, den er machte. Dennoch wirkten seine Bewegungen weich und mühelos, jede einzelne Faser strahlte Kraft und Würde aus. Merowe schluckte nervös, als der Khajiit sich ihr näherte, sie hatte keinen Zweifel daran, dass ein Hieb seiner stählernen Tatzen genügte, um sie zu töten, an seine eingezogenen Krallen wollte sie gar nicht erst denken.

„Willkommen“, sagte er ruhig, seine rauchige Stimme hatte einen liebenswürdigen Akzent. „Willkommen in der Dunklen Bruderschaft.“

Er blickte Merowe fest in die Augen, die sich unsicher vor ihm verbeugte und zu Boden sah. Sie hatte keine  höfliche Begrüßung erwartet und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, überraschte es sie sogar, dass man sie frei in der Zuflucht herumlaufen ließ. Verstohlen riskierte sie einen Blick auf seine Beine. Er legte tatsächlich Wert auf schöne Kleidung. Dies war also der Mann, dem sie ihre unerwartete Aufnahme in die Reihen der Meuchelmörder verdankte. Der Mann, der Galen getötet hätte, hätte sie sich Morgana und Trickler verweigert. Es fiel ihr schwer, diese Gedanken zu verbannen, hatte sie seiner Organisation doch Treue geschworen. Ra‘ Zadir lachte.

„Nicht doch, liebe Schwester. Es besteht kein Grund für derartige Förmlichkeiten. Ich darf mich vorstellen: Ra‘ Zadir, Zuhörer und oberstes Mitglied der Dunklen Bruderschaft. Und du…“ Er machte einen weiteren Schritt auf Merowe zu, seine Schnurrhaare zuckten, als er sprach. „… du bist Merowe… Ich habe lange darauf gewartet, dich endlich kennenzulernen.“

Merowe schluckte eine bissige Bemerkung hinunter und nickte stumm. Es war nicht seine Schuld, dass Galen gestürzt worden war. Marcus war derjenige gewesen, der die Dienste der Dunklen Bruderschaft in Anspruch genommen hatte. Hätte Ra‘ Zadir diesen Auftrag nicht angenommen, hätte es irgendein Söldner getan. Und doch konnte Merowe nicht anders als auch für ihn eine tiefe Abneigung zu empfinden, wie sie es allen gegenüber empfand, die den Kindern Sithis‘ angehörten.

Ra‘ Zadir schien zu spüren, das sein Gast nicht für derartige Schmeicheleien empfänglich war und wandte sich galant Morgana und Trickler zu.

„Wie ist die Reise verlaufen?“, fragte er höflich und nahm der Dunmer ihren Mantel ab. „Ihr hattet hoffentlich keine Schwierigkeiten.“

„Keine nennenswerten“, antwortete die Sprecherin und lächelte charismatisch. „Nur ein paar Banditen, die nicht wussten, wen sie vor sich hatten.“

Nazir lachte, Babette stimmte mit ein. Offensichtlich war das Abschlachten von Gesetzlosen ein allgemein anerkannter Zeitvertreib unter Meuchelmördern.

„Und… der Auftrag?“, fragte Ra‘ Zadir weiter, einen Seitenblick auf Merowe werfend, die verärgert die Finger zu Fäusten ballte.

„Es verlief alles nach Plan“, lobte Morgana das neueste Mitglied der Dunklen Bruderschaft. „Einen Mord wie diesen habe ich noch nicht gesehen. Ein äußerst präziser Einsatz von höherer Magie.“

„Tatsächlich?“ Der Khajiit schien neugierig. „Bitte, setzt euch doch. Ich möchte alles darüber erfahren. Nazir, mein Lieber?“ Der Rothwardone horchte auf. „Sei so nett und lasse für unser jüngstes Kind ein heißes Bad und saubere Kleidung vorbereiten.“

Nazir verbeugte sich und wandte sich zum Gehen. „Sehr wohl, Bruder. Komm, Babette.“

Er nahm das Mädchen an die Hand und ging mit ihr nach draußen, Merowe und den anderen zum Abschied zunickend. Ra‘ Zadir geleitete sie zum Tisch.
„Ihr seid sicherlich hungrig. Kommt. Wir haben viel zu bereden.“

Er wartete, bis sich Merowe bewegte und erschöpft auf einen der Stühle fallen ließ. Der Zuhörer setzte sich neben sie, Trickler ihr gegenüber. Ihr Hunger war inzwischen größer, als ihr Stolz und mit innerlicher Begeisterung nahm sie die vielen Speisen wahr, die vor ihr auf dem Tisch standen: in Nüssen und Honig gebackene Hähnchenkeulen, in Sahne gedünstete Karotten, mit Rosinen und Mandeln gegarter Reis, Lammeintopf, Zuckernüsse und Krapfengebäck, zusammen mit Wein, Met und Melonensaft. Merowes Magen knurrte unüberhörbar. Es wurde ein kurzes Gebet an die Mutter der Nacht und den Vater, Sithis, gerichtet, dann tat sich jeder von ihnen eine kräftige Portion auf seinen silbernen Teller auf. Morgana und Ra‘ Zadir begannen, sich zu unterhalten.

„Ich hoffe, Hadring hat euch keine Schwierigkeiten bereitet. Seit wir damals den Ork in seinem Keller haben verschwinden lassen, ist er ein wenig… pikiert.“

„Nicht im Geringsten“, tat Morgana seine Sorgen ab und steckte sich eine Gabel mit Reis in den Mund. „Im Gegenteil, er war sehr hilfreich bei der Entsorgung der Leichen.“
Also doch!

„Das freut mich“, gab der Khajiit zufrieden zurück und tat sich am Lamm gütlich, welches er elegant zwischen seinen Zähnen platzierte. „Es waren damals andere Zeiten für die Dunkle Bruderschaft. Doch die Ermordung eines Kaisers will wohl geplant sein.“

„Ich fasse es noch immer nicht, dass sie dir den Gourmet abgenommen haben!“, lachte Morgana und kaute auf einer Rosine herum.

Ra‘ Zadir lächelte. „Tatsächlich hatte die Köchin, mit der ich zusammenarbeiten musste, Angst, dass meine Haare in das Essen gelangen könnten.“

Ein ernster Ausdruck überschattete plötzlich seine heitere Miene, so als hätte eine dunkle Erinnerung seine Gedanken gestreift, doch im nächsten Moment war er wieder so freundlich, wie zuvor.
Merowe stopfte sich währenddessen mit Hühnchen voll und machte großzügigen Gebrauch von der aufwendig bestickten Serviette, die neben ihrem Teller lag. Es schmeckte köstlich und stillte ihren Hunger, sodass sie von dem Gespräch zunächst nicht sonderlich viel mitbekam. Morgana erzählte von ihrer Scherbenmethode und rief damit die Entzückung des Zuhörers hervor. Merowe war nicht sonderlich erpicht darauf, an diese Meisterleistung, wie Morgana sie nannte, erinnert zu werden. Auch Trickler lobte sie in vollen Zügen und berichtete, wie Merowe ihm die Nadel entwendet und Lis, beziehungsweise Cathrin in den Bauch gejagt hatte. Gerade hatte sie den dritten Knochen weggelegt, als sich der Zuhörer ihr direkt zuwandte.

„Ich nehme an, du hast viele Fragen, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Warum du hier bist. Weshalb wir dich brauchen.“

Merowe kaute sorgfältig zu Ende und wischte sich den Mund ab, bevor sie antwortete. Sie rechnete noch immer damit, eingesperrt oder misshandelt zu werden: „Ich bin hier, damit Galen und Emily am Leben bleiben“, sagte sie vorsichtig und sah Ra‘ Zadir ernst an. Der Zuhörer schien verblüfft über so viel Ehrlichkeit. „Morgana sagte mir, dass meine Tätigkeit als Archivarin und mein Wissen über die bretonischen Königshöfe nützlich für euch sein könnten. Außerdem erwähnte sie, dass meine… Fähigkeit, Dinge zu fälschen, den Zwecken der Dunklen Bruderschaft entgegen kämen. Ich nehme an, das meine Arbeit darin bestehen wird.“

„Unter anderem, ja“, bestätigte Ra‘ Zadir ihre Vermutung. „Doch das ist nicht alles.“ Er schwieg einen Augenblick, bevor er fortfuhr. „Die Dunkle Bruderschaft war lange Zeit auf einem absteigenden Ast und erst seit meiner Ernennung als Zuhörer haben sich die Dinge zum Besseren gewandelt. Wir haben die Zuflucht nahe Falkenring verloren und es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten die Mutter der Nacht den Flammen unserer Feinde preisgeben müssen.“ Merowe nahm an, dass er auf den Vorfall des Penitus Oculatus Orden anspielte, dem es durch einen Verrat innerhalb der Dunklen Bruderschaft gelungen war, ihr Versteck ausfindig zu machen und die einzelnen Mitglieder nacheinander abzuschlachten. „Nur vier von uns haben damals diese Katastrophe überlebt. In den letzten zwanzig Jahren haben uns Krieg und Rachegelüste in Himmelsrand wieder den nötigen Aufschwung gegeben, den wir brauchten, um uns hier zu etablieren. Doch der alte Glanz, den unsere Organisation einst besessen hat, hat auch das Attentat auf den Kaiser nicht völlig wiederherstellen können.“

„Und wie passe ich in das Bild?“, fragte Merowe abweisend und leerte ihr mit Met gefülltes Trinkhorn in einem Zug. „Ich habe noch nie jemandem zu Glanz verholfen. Das einzige, was ich tun könnte, ist, Silberlöffel zu polieren.“
Ra‘ Zadir verzog amüsiert die Lippen. „Du wirst nichts Derartiges für uns tun müssen, das versichere ich dir. Wir… ah, die Abendunterhaltung. Cicero, komm herein!“

Merowe drehte ihren Kopf zur Seite und sah, wie ein Mann den Raum betrat. Er war älter, vielleicht um die fünfzig und trug ein rotes Narrenkostüm, in welchem er schelmisch lächelnd auf sie zu tanzte. Seine Kappe war mit Glöckchen versehen, die bei jedem seiner Schritte ein nervtötendes Klingeln von sich gaben. Merowe sträubten sich die Nackenhaare. Cicero… sie erinnerte sich an eine Korrespondenz mit dem Archivaren von Weißlauf, der ihr vor über zehn Jahren von einem Tagebuch berichtet hatte, welches in eben jener aufgegebenen Zuflucht gefunden worden war. In seinen Briefen hatte er des Öfteren aus ihm zitiert und der Wahnsinn, der sich in den Zeilen widerspiegelte, hatte seine Wirkung auch auf Merowe nicht verfehlt. Konnte es sein, dass der Cicero, der vor zwanzig Jahren jenes Tagebuch verfasst hatte, derselbe Cicero war, der nun den Raum betrat?

Mit skeptischer Miene beobachtete Merowe den Narren, der sich höflich vor ihnen verbeugte, eine Flöte in den Händen haltend, die er nun galant zum Mund führte. Lange, rote Haare, die an den Scheiteln bereits ergrauten, lugten unter seiner Kappe hervor und seine großen, glasig blauen Augen schlossen sich, als seine Lippen das Instrument berührten. Er spielte eine zarte Melodie, die Merowe erst vor ein paar Wochen in einer der vielen Herbergen gehört hatte und entsann sich nach und nach an den Text.

„Nun, wie ich gerade schon sagen wollte“, setzte Ra‘ Zadir wieder an und nahm sich noch ein Stück Lamm, „besteht deine Aufgabe darin, uns Zugang zu einigen Schriftstücken zu verschaffen, zu denen uns der Zutritt bisher verwehrt geblieben ist.“

„Schriftstücke? Zum Beispiel?“

Ra‘ Zadir machte eine unbestimmte Geste, seine Tatze knackte laut dabei.
„Karten, größtenteils.“

„Karten…“, wiederholte Merowe langsam und zählte eins und eins zusammen. „Karten… von Zufluchten?“

„In der Tat“, erwiderte Ra‘ Zadir mit einem Anflug von Erstaunen. „Die Dunkle Bruderschaft umfasst zurzeit 24 Mitglieder, zählt man dich dazu, sind es 25. Zehn bilden allein die Schwarze Hand, deren Aufgabe darin besteht, diejenigen, die zur Mutter der Nacht beten, aufzusuchen und einen Vertrag abzuschließen.“
Merowe nickte langsam und entsann sich an die Bibliothek zurück, die nur ein paar Häuser von ihrem Archiv entfernt lag.

„Das schwarze Sakrament. Ich habe davon gelesen.“

„Tatsächlich?“, fragte Trickler erstaunt, der seit dem Essen auffällig wenig gesagt hatte.
„Ja… Nachtschatten, Knochen, ein menschliches Herz… Wie soll ein normaler Mensch, der einen Mord in Auftrag gibt, eigentlich an ein menschliches Herz kommen?“

„Grabschändung“, gab Morgana achselzuckend zurück. Merowe verzog angewidert die Lippen.

„Bleiben also noch 15 weitere Mitglieder, die die Aufträge ausführen und die Kassen der Dunklen Bruderschaft mit Gold füllen können. Dennoch möchtet ihr expandieren?“, fragte Merowe an Ra‘ Zadir gewandt.
Der Khajiit nickte anerkennend.

„Einst gab es in jeder Stadt in Cyrodiil eine Zuflucht, so erzählt man sich. Es ist schwer zu sagen, ob es wirklich stimmt, doch seit der Oblivion-Krise vor 200 Jahren, so viel steht fest, haben wir immer mehr Boden im Kaiserreich verloren. Der Plan, den ich hege – den wir alle hegen –“, verbesserte er sich mit einem Blick auf Morgana, „sieht vor, dass wir die alten Zufluchten wieder in Betrieb nehmen und die Zahl unserer Mitglieder vergrößern.“
„Warum fragt ihr nicht einfach eure hochgeschätzte Mutter der Nacht, wo die Karten sich befinden?“, fragte Merowe, halb aus Ironie, halb aus Neugier. „Nach allem, was man über sie weiß, dürfte es ein Leichtes für sie sein, so etwas herauszufinden. Vermutlich weiß sie sogar, wo die ehemaligen Zufluchten sind. Immerhin wird sie in einigen davon selbst gewesen sein.“

Ra‘ Zadir sah schweigend zu Boden und schüttelte betrübt den Kopf.
„Die Mutter der Nacht belohnt ihre Kinder nicht für Inkompetenz“, sagte er langsam und man sah ihm an, dass ihm die Worte schwer fielen. „Ich habe versucht, sie danach zu fragen, doch vergeblich. Sie beschützt uns, leitet uns an, verrät mir diejenigen, die zu ihr gebetet haben. Doch sie weigert sich, etwas preiszugeben, das wir auch aus eigenem Vermögen erlangen könnten.“

Merowe biss in ein Krapfengebäck, welches mit einer dicken Schicht aus Puderzucker bestäubt war und hörte kauend zu.

„Es ist nicht so, als ob wir es nicht versucht hätten“, fuhr Morgana fort und faltete die Hände. „Wir wissen, dass sich an der Akademie in Winterfeste einige Exemplare befinden müssten, ebenso in Riften und Markath. Doch es ist unmöglich, uns Zugang zu diesen Orten zu verschaffen ohne die örtlichen Behörden zu alarmieren und solange wir so wenige sind, wollen wir keine unnötigen Risiken eingehen.“

Merowe wischte sich den Mund ab und lauschte einen Augenblick lang entspannt der Flöte, bevor sie etwas zu dem gerade Erfahrenen sagte.

„Dann wollt ihr, dass ich sie hole? Diese Karten? Sie sind der Grund für meine Anwesenheit?“
„In der Tat, liebe Schwester.“

„Nenn mich nicht so!“, sagte Merowe an Trickler gewandt. Der  Kaiserliche grinste zufrieden.

„Sei nicht so ungnädig zu mir, liebe Schwester. Die Dunkle Bruderschaft hat selbst mit ansehen dürfen, wie deine Fähigkeiten andere in die Irre führen. Uns mit inbegriffen. Es gibt niemanden in unseren Reihen, der über ähnliche Begabungen verfügt. Unsere Familie hat Freunde an vielen Stellen, Wachen, Diebe, Händler… doch nicht einer von ihnen ist auch nur ein halb so talentierter Fälscher, wie du es bist.“

Wie auf ein geheimes Stichwort zog Ra‘ Zadir eine kleine Pergamentrolle hervor, die mit einer blauen Schleife umwickelt war. Merowe schnaubte, als sie sie sah. Es war ihre Eintrittskarte nach Himmelsrand gewesen: eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung, die gegen hohe Geldzahlungen jedem Ausländer ausgehändigt wurde, der keine triftige Erklärung für seine Anwesenheit in Himmelsrand hatte. Händler, Soldaten, Leute, die Blutlinien oder Hochzeitsbesuche nachweisen konnten, Käufer von Land oder ähnliche waren von solchen Regelungen natürlich ausgenommen, von Priestern und Gelehrten ganz zu schweigen. Doch wer sich nicht durch Geschäft oder Institution rechtfertigen konnte, musste dies mit Geld tun. Und dieses Geld hatte Merowe nie besessen.
Wohl aber Pergament und Feder.

„Woher hast du das?“, fragte sie leise.

„Ich habe es bei einem der Grenzhäuser gefunden“, antwortete Ra‘ Zadir. „Beeindruckende Arbeit.“
Merowe biss die Zähne zusammen. Der Zucker schmeckte plötzlich reichlich bitter und sie schätzte es nicht, dass man ihr kleines Werk betrachtete, als wäre es etwas, was sie von Kommando wiederholen würde.

Es hatte einiges an Mühe und Recherche erfordert, um das richtige Pergament, die richtige Tinte, die richtigen Siegel zu bekommen. Ja, es stimmte, Merowe war eine begnadete Fälscherin. Wie sonst hätte sie Galen außer Landes schaffen können? Doch sträubte sie sich gegen den Gedanken, nicht mehr selbst bestimmen zu können, was sie mit ihrem Talent anstellte.

„Werdet ihr mich gehen lassen? Wenn ich euch helfe, werdet ihr mich dann gehen lassen?“

Ra‘ Zadir sah sie  erstarrt an. Einen Moment lang fürchtete sie, dass er sie angreifen, wütend werden, sie verletzen würde, da sie es gewagt hatte, etwas Derartiges zu fragen. Doch er saß nur still da und regte sich nicht.
„Ich kann euch die Karten besorgen. Was immer ihr sucht, ich kann es finden. Oder fälschen. Genau deshalb habt ihr mich hergebracht und ich akzeptiere das. Doch wenn ich es getan, wenn ich euch sämtliche der existierenden Zufluchten in Tamriel aufgezeigt habe… kann ich dann gehen?“

Es entstand eine lange Pause, in der nur Cicero zu hören war. Ra‘ Zadir regte sich noch immer nicht, doch sein Mund stand ein Stück weit auf und offenbarte seine scharfen Raubtierzähne, die von schwarzen Lefzen umrandet waren.
„Nein“, sagte Morgana an seiner Stelle. „Das kannst du nicht. Du bist nun ein Teil unserer Familie und wir haben dich aufgenommen. Ich hatte gehofft, es nicht in aller Deutlichkeit sagen zu müssen, liebe Schwester, aber es gibt kein Zurück mehr. Du hast mit dem Blut der Soldaten einen Vertrag unterschrieben. Solltest du vor uns fliehen und somit wortbrüchig werden, so habe keinen Zweifel daran, dass auch wir es tun können. Du kannst Galen nicht länger verstecken und wirst du auch nur den Versuch unternehmen, die Dunkle Bruderschaft zu verlassen, so sind die Konsequenzen sein Tod.“

Ihre roten Augen drangen in Merowes Augen, die stumm nickte und auf ihren Teller blickte. Sie hätte lügen müssen, hätte sie behauptet, dass sie mit dieser Antwort nicht gerechnet hätte.

„Riften und Markath…“, sagte sie stattdessen und tat, als hätte der soeben geführte Dialog nicht stattgefunden.  „Sas sind keine sonderlich genauen Angaben.“

„Zugegeben“, sagte Ra‘ Zadir bedauernd. „Die Mutter der Nacht gibt mir nur Hinweise. Wir wissen, dass sich die Unterlagen dort befinden, doch nicht, wo genau oder wer sie hat. Den Rest müssen wir selbst herausfinden.“
„Weshalb du hier bist“, fügte Morgana hinzu.

„Hm…“
Merowe kniff nachdenklich die Augen zusammen und dachte sehnsüchtig an ihre Pfeife, die ihr in solchen Situationen oft weiterhalf.

„Markath… das Museum dürfte ein geeigneter Ort sein, um derartige Dokumente aufzubewahren. Allerdings ist mir schleierhaft, warum sich ausgerechnet dort… nun, das gilt es zu überprüfen, nicht wahr?“ Sie redete eher mit sich selbst, als mit den anderen. „Und Riften… man sagt, die Diebe hätten die Stadt fest in ihrer Gewalt. Gab es bisher irgendwelche Bemühungen, mit ihnen in Kontakt zu treten?“

„Ja“, sagte Morgana. „Ich war selbst dort und habe mit ihnen gesprochen. Sie haben die ganze Stadt abgesucht, bis auf das kleinste Haus und nichts gefunden. Brynjolf würde mich nicht belügen.“

„Hm“, machte Merowe wieder und legte die Zeigefinger an die Lippen. „Riften bedarf also gründlicherer Nachforschung. Die Winterfeste sollte allerdings keinerlei Problem darstellen… und Markath steht, soweit ich weiß, unter der Kontrolle des Silberblut-Clans. Auch das sollte uns keine Schwierigkeiten bereiten.“

Sie nickte nachdenklich.

„Wie das?“, fragte Trickler neugierig und piekte eine Rosine auf.

„Nun, ganz einfach“, erklärte Merowe und suchte den Tisch vergeblich nach einem Zahnstocher ab. „Nords sind nicht gerade für ihr magisches Talent berühmt. Die Akademie sucht ständig nach neuen Studenten, selbst in Hochfels ist dies nicht unbekannt. Sich als ein solcher auszugeben und nachts die Schreibkammern zu durchwühlen sollte ohne weiteres durchführbar sein… es spielt normalerweise keine Rolle, welche Disziplin man studieren möchte. Und was Markath anbelangt, so liegt der Schlüssel im Silber. Wir besorgen uns also eine Kutsche und beladen sie mit Eisenerz. Die Klumpen in Silber zu verwandeln ist etwas, dass mit genügend Ressourcen leicht durchführbar ist… in Weißlauf soll es einige Vorkommen geben. Wir geben uns also als Händler aus und schlagen dem Jarl einen Kaufvertrag vor. Die Papiere dafür sind leicht zu fälschen und wählt man die richtigen Leute aus, wird niemand das Siegel, das ich anfertigen werde, überprüfen können. Vermutlich wird man uns an den Stadtvogt verweisen, aber sei es drum. So kommen wir ins Schloss hinein. Und von dort aus zum Museum. Ich muss lediglich einen guten Blick auf ihn erhaschen…“

„Auf wen, liebste Schwester?“, fragte Trickler verwirrt und auch Morgana und Ra‘ Zadir schienen Merowe nicht mehr folgen zu können.

„Auf Calcemo natürlich!“, sagte Merowe ungeduldig und sah zu Cicero herüber, der die Flöte beiseitegelegt und angefangen hatte, mit fünf Bällen gleichzeitig zu jonglieren. „Und nenn mich nicht Schwester!“, fügte sie verärgert hinzu. „Falls Calcemo überhaupt noch lebt... Seine Forschungen über die Dwemer sind berühmt! Er dürfte es sein, der Zugang zu dem Museum hat. Karten sind schließlich keine religiösen Schriftstücke, die man in irgendwelchen Tempeln aufbewahrt. Es könnte sein, das…“

„Warte!“, sagte Morgana und hob ihre ringbesetzte Hand. „Wie bringt dich ein Blick auf Calcemo in das Museum?“
Merowes Lippen kräuselten sich und zum ersten Mal an diesem Abend lächelte sie. „Das, Morgana, lass meine Sorge sein. Wichtig ist nur, dass ich dabei bin. Ich werde mich also ebenfalls… ja. Aber das ist machbar. Alles in allem… wenn man auch Weißlauf bedenkt…“, Sie überlegte kurz lehnte sich zurück. „Gibt es hier ein Alchemielabor? Einen arkanen Verzauberer?“

„Selbstverständlich“, sagte Ra‘ Zadir freundlich. „Doch ich verstehe noch immer nicht, wie…“
„Gut“, unterbrach ihn Merowe. „Ich werde ein paar Dinge brauchen. Und Personal. Welche Befugnis gewährt man mir?“
„Jede, die du willst“, sagte der Zuhörer verwundert und warf einen verblüfften Blick zu Morgana herüber.
„Hervorragend.“ Merowe zählte im Stillen und bewegte stumm die Lippen. „Ich brauche… 7000 Septime und sechs Leute. Gebt mir 30 Tage Zeit und ich besorge euch sämtliche Karten der Zufluchten, die man Himmelsrand finden kann. Ich will aus allen Mitgliedern der Dunklen Bruderschaft eine Gruppe zusammenstellen können, das schließt den Zuhörer mit ein.“

Ra‘ Zadir schaute sie sprachlos an und blinzelte, Trickler stand der Mund offen und Morgana hatte vergessen, dass sie ein Glas in der Hand hielt. Selbst Cicero hatte mit dem Jonglieren aufgehört. Dann lachte der Khajiit und sein Lachen war so laut und herzlich, dass es den ganzen Raum erfüllte.

„Liebe Güte, Morgana. Ich habe mit einer Idee gerechnet, doch du lieferst mir einen gesamten Schlachtplan!“ Er wischte sich mit der Pfote über die Lippen und sah Merowe anerkennend an. „Das ist erstaunlich… ganz erstaunlich. Du sollst bekommen, was du verlangst. Es sind zwar nicht alle Mitglieder hier, aber…“ Er stand auf, ging zu seinen Schränken und kam mit drei vollen Säckchen Gold zurück, die er feierlich auf seinem Stuhl platzierte. „Hier. 7000 Septime. Wann kannst du anfangen?“



An diesem Abend konnte Merowe es jedenfalls nicht. Nach dem gemeinsamen Abendessen mit Ra‘ Zadir, Trickler und Morgana verabschiedete sie sich knapp und ließ sich von Trickler in eines der freien Gemächer führen, das schönste, wie der Ruhigsteller mehrmals versicherte. In der Tat wies ihr Zimmer ein geschmackvolles Mobiliar auf, auch, wenn es sich an Größe und Pracht nicht mit dem von Ra‘ Zadir messen konnte. Das Bett und die Kommode waren für eine Person ausgelegt, doch es gab einen Spiegel und ein leeres Bücherregal, das Merowe im Laufe der Zeit zu füllen beschloss. Auch hier war der Fußboden mit dunklem Eichenholz ausgelegt worden und ein schwarz-weißes Kuhfell diente als Teppich. Merowe legte ihren Rucksack ab und ließ sich anschließend von Trickler den Weg in die Bäder beschreiben, die, nach seinen Abgaben, einfach den Gang nach rechts und eine lange Wendeltreppe hinunter gelegen waren. Mit einem freundlichen „Gute Nacht, liebste Schwester!“, verabschiedete er sich spöttisch, Merowe verbot ihm ein weiteres Mal, sie so zu nennen.

Nachdem sie ihr Zimmer genügend inspiziert hatte – die Wände waren ohne jedwede Verzierung und Bilder gab es auch keine – räumte sie die wenigen Habseligkeiten aus, die ihr Rucksack beinhaltete: ihr gläserner Dolch, ein halber Brotlaib, eine Flasche Wasser, zwei schrumpelige alte Äpfel, ein Holzlöffel, drei Septime, drei leere Ledersäckchen, in denen sich entweder Heilkräuter oder Tabak befunden hatten, ein großes Stück Seife und eine Ledermappe mit Schreibzeug. Nicht viel, stellte sie ernüchtert fest, wenn man es mit dem verglich, was sie einmal besessen hatte. Sie hängte ihren Mantel in den Schrank, schnappte sich die Seife und begab sich in die Bäder.

Der Weg, den Trickler beschrieben hatte, stimmte genau. Erleichtert nahm Merowe den Geruch von warmem Wasser wahr, als sie den Fuß der Wendeltreppe erreicht hatte. Erstaunt betrat sie ein höhlenartiges Gewölbe, welches man offensichtlich im Nachhinein in die Zuflucht integriert und nach und nach immer weiter bebaut hatte. Ein großes Hallenbad, knietief, wurde von weiteren Welkyndsteinen beleuchtet, deren blaues Licht eine angenehme Atmosphäre verursachte. Die Decke war ein blau leuchtendes Mosaik, das aus tausenden kleinen Steinen gefertigt das Bild eines Fisches zeigte, der aus den blauen Wellen eines Sees emporsprang. Der untere Teil der Wände war begradigt worden und Fächer hineingearbeitet, in denen, hinter kunstvoll geschnitzten Holztüren verborgen, Handtücher, Morgenmäntel und herrlich duftende Seifen einsortiert waren. Begeistert nahm Merowe zwei der großen Handtücher heraus und schälte sich aus ihrer abgetragenen, schwarzen Lederkluft. Dann löste sie die Spangen, die Morgana ihr vor einer gefühlten Ewigkeit ins Haar gesteckt hatte und pfriemelte ihr Zopfband heraus. Ihr dunkles Haar fiel ihr über beide Schulterblätter und darüber hinaus. Zum Schluss entledigte sie sich ihrer Unterwäsche und ließ sich dann, mit einem wohligen Seufzen in das künstlich beheizte Wasser gleiten.

„Ah…!“
Herrliche Wärme und Entspannung machten sich in ihrem Körper breit. Merowe ließ sich viel Zeit und wartete, bis sie vollständig aufgewärmt war. Zufrieden stellte sie fest, dass sie sich beim Abendbrot überfressen hatte und leckte sich genüsslich mit der Zunge über die Lippen. Ihr Seifenstück – billige Kernseife, die sie bei einem Trödler erstanden hatte – roch nicht halb so gut, wie die, die sie in den Schränken gefunden hatte. Doch irgendetwas hinderte sie daran, nach den edleren Varianten zu greifen und es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass es Angst war.
Angst.

Es war eigentlich lächerlich. Sie hatte ein Pferd geschenkt bekommen. Nicht nur irgendeinen abgehalfterten Klappergaul, sondern einen stolzen, jungen Hengst, dessen Temperament und Rasse sich durchaus in ritterlichen Ställen zeigen ließe. Sie wurde mit neuer Kleidung und vorzüglichem Essen versehen, außerdem hatte man ihr ein eigenes Zimmer gegeben, was offenkundig nicht allen Mitgliedern der Dunklen Bruderschaft zustand. Wie sonst ließe sich der Schlafsaal erklären, an dem Nazir sie vorbeigeführt hatte?

Und dann diese Freundlichkeit… Merowe musste zugeben, dass Trickler und Morgana grausam ihr gegenüber gewesen waren, erbarmungslos geradezu und die Dunkle Bruderschaft sie genau genommen noch immer erpresste. Aber sobald sie sich ihnen angeschlossen hatte, waren sie ihr zugetan, taktvoll, besorgt. Zumindest, wenn man von Tricklers Ausführungen über seinen allerersten Mord absah. Die Dunkle Bruderschaft war darum bemüht, ihr die Aufgaben, die bevorstanden, so angenehm wie möglich zu machen. Wie es schien, war Merowe schon seit längerer Zeit von ihnen ins Visier genommen worden und sie fragte sich, warum ausgerechnet sie für den Plan des Zuhörers geeignet erschien. Sie kannte einige, ob Menschen oder Elfen, die sie um einiges intelligenter einschätze, als sich selbst und auch die Kunst der Veränderungsmagie war etwas, das man notfalls bei anderen finden konnte.

Und dann – Merowe hatte damit begonnen, sich die Beine einzuseifen – dann war da Ra‘ Zadir. Nie hatte sie einen derartig muskulösen, bedrohlichen und zugleich so freundlichen Khajiit wie ihn gesehen. Allein seine Gegenwart hatte sie schaudern lassen, sein gesamtes Erscheinungsbild, so wohlgekleidet und gepflegt es auch war, strahlte den Tod aus. Merowe hatte beim Abendessen die persönliche Anrede an ihn umgangen, hatte die Bruderschaft als Ganzes angeredet oder das unpersönliche ‚man‘ benutzt. Die Furcht, den Zuhörer zu verärgern war groß, denn schlussendlich war er derjenige, mit dem sie einen Vertrag hatte. Sein Wort reichte aus und sämtliche Abmachungen, die sie mit Morgana getroffen hatte, waren nichtig. Oh ja, sie war in ihrem Element gewesen, vorhin, als sie gemeinsam gespeist und über das weitere Vorgehen zur Beschaffung der Karten sinniert hatten. Sie wusste nur zu gut, wie man mit amtlichen Behörden umzuspringen hatte und wie die Mühlen von Justiz und Handel mahlten. Merowe würde Ra‘ Zadir alles besorgen, was er wollte, sie würde sich den Arsch aufreißen, wenn es sein musste. Alles, um Galen zu beschützen.

Und Emily… Merowe hatte seit dem Morgen nichtmehr an sie gedacht. Welchen Beweis hatte sie schon, dass sich die Dunkle Bruderschaft an das hielt, was sie versprach? Theoretisch könnten sie Galen töten und sie, Merowe, würde niemals davon erfahren. Immerhin würde sie Emily nach wenigen Wochen einen Brief schreiben können – falls solche Dinge bei Assassinen erlaubt waren. Doch Schriften ließen sich fälschen… und was, wenn man ihre Briefe abfangen und sie hinterher zur Rede stellen würde?

Merowe seufzte missmutig und schäumte sich den Oberkörper ein. Die Wahrheit war, dass sie Angst hatte. Die Wahrheit war, dass sie deshalb keine Seife aus dem Regal nahm, weil sie selbst welche hatte und weil sie nicht mehr als man ihr direkt anbot, zu nehmen wagte. Sie war keine Mörderin, nicht so, wie Trickler oder Morgana es waren. Es bereitete ihr nicht das geringste Vergnügen, einer wehrlosen Kreatur den Tod zu bringen, ganz gleich, ob es sich dabei um einen Soldaten handelte oder ein Kind!

Ruckartig tauchte Merowe unter und rieb sich den Schaum von der Haut, ein kindlicher Versuch, sich von dem reinzuwaschen, was sie getan hatte. Sie blieb länger unter der Wasseroberfläche, als dazu nötig gewesen wäre und wendete einen einfachen Zauber an, der es ihr erlaubte, unter Wasser zu atmen. Es war ein wundervolles Gefühl, das Wasser um sich herum zu spüren, einen Augenblick nur in ihrer eigenen, abgeschirmten Welt zu sein. Sie schloss die Augen, sog das Wasser mit der Nase ein und konzentrierte sich auf die Geräusche, die sie umgaben.

Stille. Stille und ihr eigener Atem. Und niemand, niemand, der sie dabei störte oder beobachtete… mit ein paar simplen Gesten beschwor Merowe Magie herauf und erneuerte die Schutzschicht um ihre rechte Hand. Der vermeintliche Schmutz hatte begonnen, sich zu lösen und es dauerte nicht lange, bis sie ihn erneuert hatte. Mit wenigen geformten Gesten war der vorgetäuschte Schmutz darauf wieder so dick wie vorher. Merowe lächelte erleichtert. Niemand wusste es.

Es dauerte lange, bis Merowe wieder auftauchte. Auf ihrem Gesicht hatten sich bereits Bläschen gebildet, die nun geräuschlos zerplatzten. Mit geschlossenen Augen tastete sie nach ihrer Seife und schäumte sich langsam und gemächlich die Haare ein, als plötzlich…

„Liebste Schwester! So eine Überraschung!“
Erschrocken schrie Merowe auf und öffnete ihre Augen.
Trickler.
Wer sonst?!

Der spöttisch grinsende Ruhigsteller hockte direkt vor ihr im Wasser, nackt, wie sie selbst und fuhr sich langsam mit der Hand über das sauber rasierte Kinn. Er zwinkerte, als Merowe ihn ansah, was die Bretonin zur Weißglut trieb.
„Trickler, zum Teufel, was…?!“, rief sie verärgert und bedeckte mit den Armen ihren Oberkörper. „Was tust du hier? W-w-wie hast du es geschafft, hier hereinzukommen, ohne auch nur das geringste Geräusch zu verursachen?! Hast du noch nie etwas von Privatsphäre gehört?! Und hör auf, mich so zu nennen!“

Trickler schwenkte mahnend seinen Zeigefinger und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Aber, aber, liebste Schwester, das hier ist ein frei zugängliches Bad. Jeder von uns darf es benutzen, nicht nur du allein.“ Er kicherte leise und musterte sie amüsiert. „Davon einmal abgesehen bin ich ein Ruhigsteller. Es ist meine Aufgabe, ungehört zu bleiben. Und, wenn du mir diese Bemerkung gestattest, sieht es so aus, als könntest du durchaus etwas Gesellschaft vertragen.“

„Oh, tatsächlich?“, erwiderte Merowe giftig und presste ihre Beine so eng zusammen, wie nur möglich. „Und genau was, Trickler, hat dich darauf gebracht, dass es ausgerechnet deine Gesellschaft ist, die ich vertragen kann, hm? Verrat mir das!“

Trickler setzte sein strahlendstes Lächeln auf und erklärte mit einer Unschuldsmiene: „Du magst mich!“
Merowe biss sich auf die Zähne und streckte drohend einen Zeigefinger aus, sorgsam darauf achtend, dass ihr Arm noch immer ihre Brust bedeckte.

„Du täuscht dich. Du täuscht dich gewaltig. Ich werde jetzt gehen.“

„Gehen?“ Ihr Gegenüber blickte scheinbar verwundert drein. „Jetzt? Aber, liebste Schwester, deine Haare sind noch voller Schaum!“
Entnervt schloss Merowe ihre Augen und suchte nach einer passenden Erwiderung, doch dann entschied sie, es mit Taktik zu versuchen.

„Trickler… hör zu. Ich mag dich nicht. Ich mag keinen von euch. Ihr habt meine Flucht und meinen Plan vereitelt und wenn ich euch nicht helfe, zu bekommen, was ihr wollt, tötet ihr mich und alle, die mir je in meinem Leben etwas bedeutet haben. Du kannst nicht so ignorant sein und das nicht erkennen.“ Sie seufzte hilflos und schüttelte den Kopf. „Warum bist du hier, Trickler? Was willst du von mir?“

Der Kaiserliche sah sie verblüfft an.
„Du bist es, die irrt, Schwester“, sagte er ruhig und seine Stimme klang ehrlich. „Niemand hier wird dich töten. Du bist nun eine von uns. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem du sicherer wärest.“

„Ich bin…?! Beantworte einfach die Frage, Trickler. Okay?“, erwiderte Merowe ungeduldig und betonte dabei jede einzelne Silbe.

„Nun“, sagte der Ruhigsteller langsam und lächelte, nach Worten suchend. „Ich bin hier, weil ich… wie auch Morgana und Ra‘ Zadir, nicht damit gerechnet habe, innerhalb eines so kurzen Zeitraumes… einen derartig detaillierten Plan zu erhalten. Ich… ich frage mich, ob das, was du uns erzählt hast, wirklich möglich ist. Hast du das, was du vorhin gesagt hast, ernst gemeint?“

Forschend sah er sie an, seine Augen waren weder kalt noch bedrohlich. Doch Merowe witterte Lunte.
„Du fragst nicht für dich selbst, nicht wahr? Morgana schickt dich. Sie hat dich damit beauftragt, mich das zu fragen.“
„In der Tat, ja“, gab Trickler zu und blickte entschuldigend in ihre Augen. „Aber ich frage es mich auch selbst. Ist das, was du vorgibst zu können…“

„Ich kann es“, unterbrach Merowe ihn wütend. Trickler hob abwehrend die Hände.

„Aber wie, Schwester, wie? Wie, zum Beispiel, stellst du dir vor, in die Akademie der Winterfeste einzudringen ohne dabei Verdacht zu erregen?“

„Das habe ich bereits erklärt. Ich verkleide mich als ein Novize und…“

„Aber die Karten? Wie willst du sie finden? Wie willst du sie hinaus schmuggeln? Wie willst du verhindern, dass man sich nicht fragt, wo du plötzlich abgeblieben bist?“

Merowe sah langsam zur Seite. „Wie ich sehe, hattet ihr eine kleine Diskussion. Dann misstraust du mir? Du und Morgana und… und der Zuhörer? Ihr glaubt, ich belüge euch? Wieso sollte ich das tun?“ Wieder war da die Angst, Angst, dass Ra‘ Zadir wortbrüchig werden könnte.

„Oh nein, keineswegs!“, sagte Trickler schnell und lächelte entschuldigend. „Ganz im Gegenteil, Ra‘ Zadir ist äußerst beeindruckt von dir. Er ist überaus fasziniert von der Darlegung deiner Methoden, doch… auch er kann es sich einfach nicht vorstellen.“ Als Merowe schwieg, fügte er bittend hinzu: „Du könntest es wenigstens am Beispiel der Akademie erklären.“

Merowe seufzte und nickte schließlich. „Schön. Ich mach’s. Also, als erstes brauche ich einen Zweigling und…“
„Einen was?“, fragte Trickler dazwischen.

„Einen Zweig… einen Spriggan. Diese Dinger, die ausflippen, wenn man zu lange im Wald spazieren geht“, sagte Merowe langsam und dem Ruhigsteller ging ein Licht auf. „Am besten, eine Matrone, die sind etwas breiter gebaut und haben meine Statur. Den Spriggan muss man paralysieren, entweder mit Gift oder mit Magie, doch Gift ist in diesem Fall zuverlässiger.“

„Tatsächlich? Wie das?“

„Könntest du aufhören, mich zu unterbrechen?“, fragte Merowe gereizt und zog ihre Beine an.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Trickler lächelnd. „Gifte sind meine geheime Leidenschaft. Es interessiert mich nur, wie… nicht so wichtig.“
Merowe begriff.

„Es interessiert dich, wieso Gift Magie überlegen ist.“
Er nickte.
„Das ist meistens der Fall, wenn es sich um längere Zeiträume handelt. Gift lässt sich leichter dosieren und erfordert keine dauerhafte Konzentration des Magiers. Die magische Kraft wird nicht ständig in Anspruch genommen.“

„Faszinierend. Ich verstehe. Bitte, fahr fort.“

„Ich nehme eine Maske, die ich vorher selbst anfertige und verzaubere sie so, dass wer immer sie aufsetzt, mein Aussehen annimmt.“

„Das geht?“, fragte Trickler erstaunt und lehnte seinen Kopf vor. Merowe widerstand dem Drang, vor ihm zurückzuweichen.

„Ja, es geht. Es ist nicht von Dauer und ziemlich schwer zu konstruieren, aber möglich, wenn man die Kunst der Veränderung beherrscht.“

„Was du tust.“

„Was ich tue“, bestätigte Merowe nickend. „Im Grunde ist es nichts anderes als ein Umwandlungszauber, den man auf etwas Lebendes anwendet. Deshalb muss die Maske auch aus Holz sein, einer Materie also, die einmal gelebt hat. Dazu brauche ich einen großen Seelenstein, um sie entsprechend zu verzaubern. Die Maske setzte ich der Sprigganmatrone auf und habe so ein realgetreues Duplikat meiner selbst. Sie nimmt meine Gestalt an, weil ich diejenige bin, die den Zauber wirkt. Wichtig dabei ist, dass der Spriggan noch lebt, denn wenn er tot ist, dann wirkt der Zauber nicht. Es gibt Daedra-Artefakte, die ganz ähnliche Effekte haben. Nehmen wir zum Beispiel… ach, das führt jetzt zu weit. Jedenfalls, danach reise ich mit meinem hölzernen Begleiter zur Winterfeste, um mich als wissensdurstige Studentin anzumelden. Ich bleibe dort ein paar Tage lang, ich lerne die Bibliothek kennen, die unter Garantie auch eine Kartenabteilung haben wird und ich kann die Karten tagsüber einsehen. Himmel, wahrscheinlich kann ich die Originale sogar kopieren ohne dass irgendjemand Verdacht schöpft!“

„Schwer vorzustellen“, sagte Trickler zweifelnd und neigte den Kopf zur Seite. „Das Wissen der Akademie wird eifersüchtig vor der Außenwelt gehütet.“

Doch Merowe schüttelte den Kopf. „Magier sind in der Hinsicht alle gleich: Ihre eigene Eitelkeit blendet sie, was ihre Studenten anbelangt. Solange sie den Eindruck haben, dass sie etwas lernen, lassen sie sie frei gewähren. Sie glauben, dass der Ruhm, den ihre Schüler erlangen, auf sie selbst zurückfällt.“
Sie machte eine Pause und wischte sich über den Mund.
„Dann, nachdem ich alles eingesehen habe, platziere ich den Spriggan, den ich selbstverständlich in einer Truhe mit mir mitgeführt habe. Ich entwende die Kopien, ich schneide mir mit einem Messer in den Arm, um ein wenig Blut zu verschütten und platziere den Spriggan so, dass ihn am nächsten Morgen jemand findet. Durch das Paralysegift werden mich alle für tot halten und nach einer kurzen Trauerrede wir mein Doppelgänger auf dem akademieeigenen Friedhof beerdigt, ohne dass mich irgendjemand groß vermissen wird. Ende.“

Erwartungsvoll sah sie Trickler an, darauf hoffend, dass er endlich begreifen und wieder verschwinden würde.
„Ende“, wiederholte er schlicht und räusperte sich leise. „Das… das ist der Plan?“

„Ja“, sagte Merowe und äffte ihn nach. „Das ist der Plan.“

Trickler zog die Augenbrauen hoch und fuhr sich nachdenklich über den Kopf. „Das ist genial“, gab er zu und nickte anerkennend.

„Vielen Dank“, sagte Merowe abweisend. „Könntest du dich nun bitte umdrehen? Ich möchte mich gerne fertig waschen.“

„Dich wa… oh, ja, natürlich.“
Trickler tat, wie geheißen und wartete, bis Merowe, die sich in aller Eile die Haare entseifte, fertig war. Er drehte sich erst wieder zu ihr um, als sie in eines der Handtücher gehüllt ihre Haare auswrang und ihre Lederkluft zusammenknüllte.
„Merowe?“

Die Bretonin hatte sich bereits auf den Weg zurück in ihr Zimmer gemacht und wandte sich halb zu ihm um.
„Es… es ist schön, dich in unserer Zuflucht zu haben.“
Schnaubend schüttelte sie den Kopf und betrat die Stufen der Wendeltreppe.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  22.05.2014, 00:00
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Merowe schlief wie ein Stein. Ihr neues Bett war frei von Läusen und das Laken weich und sauber. Das heiße Wasser hatte ihren Muskelkater gelöst, der beim Reiten entstanden war und frische Kleidung lag in ihrem Schrank. Brot und Äpfel waren in ihrer Abwesenheit gegen einen Teller voller Obst ausgetauscht worden. Ihr Holzlöffel und die lederne Schreibmappe lagen im Regal, die Ledersäckchen fehlten ebenfalls. Es war mehr als offensichtlich, dass die Dunkle Bruderschaft sich um sie bemühte. Merowe kümmerte das wenig. Sie war müde und erschöpft und es dauerte nicht lange, bis der Schlaf sie übermannt hatte.

Am nächsten Morgen wachte sie stöhnend auf, eine traumlose Nacht lag hinter ihr. Verschlafen schlug sie ihre Decke zurück und rieb sich langsam die Augen. Es war schwer zu sagen, wie spät es war, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass sie länger geschlafen hatte, als es ihrer Gewohnheit entsprach. Tapsend stand sie auf und schlurfte zu ihrer Kommode herüber. Ihr Spiegelbild erwiderte missmutig ihren Blick. Vorsichtig betastete Merowe die schorfigen Stellen, die sich noch immer in ihrem Gesicht befanden. Sie verheilten langsamer, als sie sollten…

Seufzend öffnete sie ihren Schrank und zog sich ihre neuen Kleider an: schwarz gefärbte Baumwolle, ihrer Größe entsprechend, elegant geschnitten und geschmackvoll. Natürlich prangte das Wappen der Dunklen Bruderschaft darauf. Ihre Lederkluft lag zusammengeknüllt am Boden des Schrankes, lediglich die Stiefel waren seit ihrer Flucht unbeschadet geblieben. Merowe schlüpfte in sie hinein und trat trübselig auf den Flur.

RUMMS!
Ein schwarzes Etwas, groß und haarig, stürzte sich auf sie und schleuderte sie in ihr Zimmer zurück. Merowe landete mit Wucht auf dem Boden, ihr Kopf knallte auf die Steinfliesen und ließ einen sengenden Schmerz durch ihren Schädel fahren. Ein wütendes Knurren senkte sich bedrohlich auf sie herab, zwei Reihen messerscharfer weißer Zähne machten sich bereit, zuzubeißen. Erschrocken wich Merowe zurück und stieß mit dem Hinterkopf an ihr Bett, ihr Herz raste vor Angst.

Die Kreatur war fast anderthalb Mal so groß wie sie, fellbedeckte Muskeln drückten sie zu Boden und hinderten sie daran, sich aufzurichten. Orange Augen blickten zornig in die ihren, das Knurren wurde lauter und wandelte sich schließlich zu einem lauten Grollen. Ein Schwanz, lang und haarig, ragte steil in die Höhe.

Ein Werwolf, erkannte Merowe und hob abwehrend die Hände. Noch nie hatte sie ein solches Geschöpf gesehen, doch die Bücher, die sie über Lykanthropie gelesen hatte, sprachen alle dafür. Die lange, breite Schnauze hatte die Lefzen angezogen und besprühte sie mit warmen Speicheltropfen. Heißer, tierischer Atem schlug ihr entgegen, die weißen Zähne schnappten  drohend nach ihr und verfehlten sie nur knapp. Pranken, so groß, wie ihr Kopf, klemmten sie zwischen sich ein und der Schmerz, der alles durchdringende Schmerz wurde nur noch vom Schrecken darüber übertroffen, dass dieses Ding sie beißen könnte.

„Ruhig“, sagte sie leise und versuchte, den Werwolf von sich zu drücken. Selbstverständlich erfolglos. Es war kein überlegtes Handeln, der reine Instinkt hatte die Aufgaben ihres außer Gefecht gesetzten Verstandes übernommen und tat, was zu tun übrig blieb: verhandeln. Der Werwolf knurrte lauter, doch der Klang ihrer rauchigen Stimme schien ihm zu gefallen, denn sein Kopf wich zurück und er betrachtete sie eingehender.

„Ganz ruhig“, sagte Merowe wieder und hielt die Hände so, dass der Werwolf sie sehen konnte. „Ich bin kein Feind. Ich bin kein Eindringling. Sch… ist ja gut…“

Die Kreatur bellte, doch ließ es geschehen, dass Merowe sie am Hals berührte und vorsichtig über den Brustpelz strich. Die darunter verborgenen Muskeln waren beeindruckend, sie hoben und senkten sich wild bei jedem Atemzug.
„Ich bin Merowe“, stellte die Bretonin sich vor und streichelte den Werwolf sanft. „Merowe. Ich bin nicht dein Feind, hörst du? Es gibt keinen Grund, mich anzugreifen. Es ist alles gut…“

Das Knurren verstummte langsam und ging in ein Hecheln über, das noch mehr Speicheltropfen über ihr Gesicht verteilte, doch der Werwolf schien sie verstanden zu haben. Langsam, ganz langsam wich er zurück und gab ihren Körper frei. Vorsichtig, um ihn nicht zu reizen, machte Merowe Anstalten, sich aufzurichten, doch sofort legte er besitzergreifend eine Pranke auf ihr rechtes Bein. Sein Blick war unergründlich, doch wenn Merowe hätte raten müssen, hätte sie gesagt, dass er sie studierte.

Behutsam tastete sie nach der Beule an ihrem Hinterkopf und sog zischend die Luft ein, als sie sie gefunden hatte. Sie hielt dem Blick des Werwolfes stand, der wieder näher rückte und sie neugierig beschnüffelte. Merowe hielt ihm ihre Hände entgegen, die er mit seiner kalten Nase berührte, dann seine Zähne dagegen drückte und schließlich mehrmals mit der Zunge ableckte. Es klebte Blut an ihren Fingerspitzen. Dann ließ er sich auf alle Viere nieder, legte seinen gesamten vorderen Arm auf ihre Beine und wedelte schüchtern mit dem Schwanz.

„So ist es gut“, murmelte Merowe ungläubig und schluckte nervös, als der Werwolf ihren Schritt beschnupperte. Sein Schwanz wedelte schneller und er bellte erneut, dieses Mal freudig und aufgeregt. Noch einmal rückte er näher an sie heran, darauf achtend, dass er ihr keinerlei Fluchtmöglichkeit bot und leckte zunächst zurückhaltend, dann immer kräftiger über ihr Gesicht. Merowe kniff Lippen und Augen zusammen und ließ es schweigend über sich ergehen.
Als der Werwolf fertig war, strich sie ihm sanft über den Kopf und griff dann in seinen Nacken, den sie sorgsam kraulte. Entspannt schloss er seine Augen und legte sein Kinn auf ihrem Schoß ab.

„Okay… sehr schön. Siehst du? Du hast nichts vor mir zu befürchten. Ich bin nur Merowe. Mehr nicht.“
„Lorka?“, fragte plötzlich eine Stimme aus dem Flur und im nächsten Moment stand eine junge Orkfrau vor ihrer Tür. Merowe nickte ihr zu, als sie eintrat und ließ ihre Finger weiterhin über den Nacken fahren.
„Hallo“, sagte sie leise und versuchte, zu lächeln. „Gehört der hier zu dir?“
„Wohl eher sie“, sagte die Orkfrau langsam und staunte über den seltsamen Anblick. „Das ist Lorka. Sie ist meine Schwester.“
„Deine Schwester? Deine leibliche Schwester?“, fragte Merowe verblüfft und sah perplex auf den Werwolf hinab. Die Werwölfin, berichtigte sie sich.
„Meine Zwillingsschwester, um genau zu sein. Auch, wenn man es vermutlich gerade nicht sieht.“
„Ich verstehe. Und du bist…?“
„Ragna“, antwortete ihr Gegenüber und legte eine kräftige Hand auf den Rücken ihrer Schwester. Ragna war von forscher Gestalt, ihre Haut hatte die Farbe von grünen Oliven und die gleichen orangen Augen, die Lorka aufwies. Ihr Haar hatte sie seitlich abrasiert, nur in der Mitte hingen dicke Strähnen herunter und verliehen ihr ein kriegerisches Aussehen. Durchtrainierte Arme ragten aus einer pelzbesetzten Weste hervor, die mit gelben Raubtierzähnen zusammengehalten wurde.
„Ragna. Angenehm. Ich bin Merowe.“
 „Ja, das dachte ich mir schon. Ra‘ Zadir hat von deiner Ankunft gesprochen. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass du schon so früh hier eintreffen würdest… wie kommt es, das du keine Angst vor ihr hast?“ Sie meinte ihre Schwester, die sich laut bellend zu ihr umdrehte.
„Ehrlich gesagt, ich hatte Angst“, gab Merowe zu und zog ihre Finger zurück. „Sie stand vor meiner Tür und hat mich angefallen. Wahrscheinlich hat sie meinen Geruch nicht gekannt und dachte, ich sei ein Eindringling. Aber vielleicht bilde ich mir das auch ein.“
„Nein, durchaus nicht“, antwortete Ragna und zuckte mit den Schultern. „Auch, wenn sie es niemals zugeben würde, aber in dieser Gestalt nehmen die Urtriebe Überhand und lassen wenig Raum für logische Schlüsse. Es liegt an der Mondphase. Normalerweise schläft sie in diesem Zustand immer in unserem Zimmer, bis es vorbei ist.“ An Lorka gewandt fügte sie hinzu: „Komm, Schwester. Geben wir unserem neusten Mitglied ein wenig Freiraum, hm?“
Lorka knurrte ablehnend, doch Ragna packte sie im Nacken und zog kräftig an ihrem Fell. Sie schien geübt darin zu sein und Merowe vermutete, dass sie wohl die einzige Person war, die sich etwas Derartiges bei ihrer Schwester erlauben konnte. Lorka erhob sich widerstrebend und ließ sich von Ragna aus Merowes Zimmer führen, nicht jedoch, ohne ihr noch einmal über das Gesicht zu lecken. Merowe erhob sich zitternd und sah ihnen nach, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Erst dann erlaubte sie sich, heftig aufzuatmen und die Gefahr, in der sie sich eben befunden hatte, zu begreifen.

„Scheiße“, murmelte sie langsam und drückte sich mit den Armen hoch. „Verdammte, peinliche Scheiße…!“
Ihr Schädel dröhnte, als sie aufstand. Alles drehte sich. Mit stolpernden Schritten ging Merowe auf ihre Tür zu, ihre Beule pochte bei jedem Schritt. Sie schleppte sich den Gang hinunter, der zu den anderen Wohnbereichen und schließlich in die Halle mit den Übungspuppen führte. Schwarze Flecken, die überall dort auftauchen, wo sie hinschaute, verdeckten ihre Sicht. Ein paar Leute, in rotschwarze Lederkluften gehüllt, unterhielten sich leise über eine neue Wurftechnik und beachteten sie nicht weiter, als sie an ihnen vorbeiging. Mit zusammengebissenen Zähnen wankte Merowe über die Holzbrücke und durch einen weiteren Gang, bis sie schließlich die Haupthalle erreichte, in der sich Cicero, Nazir und Babette befanden.
„Schwester!“, rief das Vampirmädchen freudig und eilte auf sie zu. Cicero sah sie von der Seite an und spielte mit einem Dolch, den er immer wieder in die Luft warf und auffing. „Wie geht es dir? Wir haben gerade über dich gesprochen.“
„Nicht gut“, murmelte Merowe dumpf und setzte sich an einen der Tische. Nazir betrachtete sie kauend.
„Du riechst nach Blut“, bemerkte Babette und betastete ihren Kopf. „Ist alles in Ordnung?“
„Nein. Hab Kopfweh.“
„Wie ist das passiert?“, fragte das Vampirmädchen weiter und wühlte in einer kleinen Tasche herum, die von ihrem Gürtel herabhing.
„Bin hingefallen.“
Nazir grinste.
„Es scheint, unser neuster Zuwachs ist in der Tat eine Meisterin der Gewandtheit. Schier unglaublich, mit welchem Geschick sie den Tag bestreitet. Der Zuhörer, so scheint es, hat nicht übertrieben.“
Merowe warf ihm einen finsteren Blick zu und griff nach einem der Zinnbecher, um ihn kühlend an ihre Beule zu halten.
„Ich werde ein Schmerzmittel für dich auftreiben“, verkündete Babette freundlich und strich ihr tröstend über die Schulter. „Bin gleich wieder da.“
Sie huschte davon und ließ Merowe mit Nazir und Cicero allein. Der Rothwardone schmunzelte spöttisch und lehnte sich lässig zurück.

„Verrate mir, Archivarin: Wie genau bist du zu dieser überaus beeindruckenden Kriegsverletzung gekommen, hm? Hat sich ein Meuchelmörder in deinen Kammern versteckt und versucht, dich niederzuringen? Oder hast du, tapfer, wie du bist, einen Todeskampf mit einem Troll ausgefochten? Wie nur, wie ist es möglich, dass jemand wie du…?“
„Könntest du bitte die Klappe halten?! Bruder?“
Merowe sah ihn wütend an, Cicero kicherte und fing seinen Dolch auf.
„Fürwahr“, schnarrte er und ließ sich neben Merowe auf einen Stuhl gleiten, „muss es etwas ganz Außergewöhnliches gewesen sein, das es vermocht hat, eine derartig fähige Magierin wie dich niederzustrecken. Oh, armer, armer Cicero! Er kann nur davon träumen, eines Tages dieselbe, kolossale Macht zu besitzen, wie die große Merowe, die unser Zuhörer eigens für seine Zwecke rekrutiert hat.“

Er und Nazir lachten schallend, der Klang ihrer Stimmen dröhnte in Merowes Kopf.
Na großartig, dachte sie und kniff die Augen vor Schmerz zusammen. Eifersucht unter Assassinen. Kann der Tag noch besser werden?
Babette ließ zum Glück nicht lange auf sich warten und brachte drei kleine Flaschen, eine Salbe und ein sauberes Stück Leinenstoff mit.
„Lasst sie in Ruhe, ihr zwei“, sagte sie streng, was Nazir und Cicero nur erneut losprusten ließ. „Entschuldige die beiden“, sagte sie an Merowe gewandt. „Die sind leider immer so.“
„Nana, Babette, mein Mädchen“, lachte Nazir und sah dabei zu, wie sie Alkohol auf den Leinenstoff träufelte. „Du wirst doch das Wort nicht gegen deinen eigenen Sprecher erheben?“
„Ganz abgesehen vom ehrenwerten Bewahrer, der Tag und Nacht unsere heilige Matrone versorgt“, fügte Cicero stichelnd hinzu.
Babette seufzte kopfschüttelnd und reichte Merowe den Leinenstoff. „Hier, halt das drauf. Das wird die Wunde desinfizieren.“

Merowe tat wie geheißen und der Schmerz erreichte einen neuen Höhepunkt. Dennoch wusste sie, dass das Vampirmädchen recht hatte und presste den Leinenstoff fest auf die Beule. Es pochte und brannte, doch nach einer Weile wurde es erträglicher. Babette griff nach einem Becher und schüttete Tee aus einer Silberkanne hinein. Dann träufelte sie drei Tropfen aus der zweiten und zwei aus der dritten in den Becher und stellte ihn vor Merowe, die den Inhalt in einem Zug ausleerte.
„Danke“, keuchte sie leise und nahm den Leinenstoff herunter. Babette nickte freundlich und griff nach der Salbe, die sie Merowe behutsam auf die Wunde strich.
„Es wird bald besser werden“, sagte sie zuversichtlich und räumte die Flaschen wieder weg. „Vermutlich nur eine Platzwunde. Die verheilen schnell.“
Sie besah sich Merowes Gesicht kritisch, dann griff sie erneut zu der Salbe und rieb all die kleinen, verschorften Stellen ein, die die helle Haut bedeckten. Mit einem abschließenden Nicken verließ sie wieder den Saal, Nazir und Cicero einen mahnenden Blick zuwerfend.

Der Raum füllte sich langsam und nach und nach kamen immer mehr Assassinen und setzten sich an die Frühstückstische. Cicero entschuldigte sich unter einem Vorwand, kicherte verächtlich zu Merowe herüber und eilte die Treppe zur Eingangshalle hinauf. Merowe war froh, dass er endlich weg war. Neben ihr nahm ein junger Altmer Platz und sie dankte den Göttern, als er eine Unterhaltung mit Nazir anfing und so seine Aufmerksamkeit von ihr lenkte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sich verschiedene Brotsorten in kleinen Körben auf den Tischen befanden, neben Kannen von Milch, Tee und Apfelsaft. Marmeladen, Käse, Wurst und Pilze waren in Porzellanschalen angeordnet und in kleinen, bemalten Tontöpfchen befanden sich Zucker, Salz und Pfeffer. Merowe nahm sich noch mehr Tee und begann schweigend, ein Brot zu schmieren. Sie hatte nicht vor, es zu essen.

Babette kehrte zurück und setzte sich neben Nazir, in den Händen hielt sie einen Becher mit Blut. Aus ihrem Privatvorrat, wie sie Merowe versicherte, als sie ihren Blick bemerkte. Die Bretonin wollte es gar nicht wissen. Die Kopfschmerzen jedoch schwanden allmählich und nach der dritten Tasse Tee hatte sie das Gefühl, dass aus dem Tag doch noch etwas werden könnte.

Wer dann jedoch Platz neben ihr nahm, war niemand anderes als Ra‘ Zadir. Der elegante Khajiit trug an diesem Morgen ein langes, rotes Hemd, das mit einem goldenen Zwirn bestickt einen feuerspuckenden Drachen zeigte und eine waldgrüne Hose mit lächerlich weiten Schlägen. Merowe spürte, wie ihr Hals schlagartig trocken wurde und schnell goss sie sich noch einen Becher Tee ein, den sie schleunigst an den Mund setzte. Ra‘ Zadir schien davon nichts mitzubekommen.

„Ah, Ra‘ Zadir, mein Bruder“, rief Nazir in einem vollkommen anderen Ton, den er Merowe gegenüber angeschlagen hatte. „Fleißig, wie immer, nehme ich an?“
Der Khajiit lachte, seine dunkle Stimme verursachte Merowe eine Gänsehaut. Unauffällig betrachtete sie seine Tatzen, deren Sehnen selbst durch das Fell hindurch zu erkennen waren. Hastig erhob sie sich, doch seine klauenbewehrten Finger umschlossen unvermittelt ihr Handgelenk.
„Bitte, Merowe, bleib noch ein wenig. Ich möchte dir gern ein paar Fragen stellen.“
Merowe zitterte, als sie seine Worte hörte und ließ sich wieder auf ihren Stuhl zurücksinken. Nazir schmunzelte und steckte sich eine Dattel in den Mund. Merowe wünschte sich sehnlichst in ihr Zimmer zurück, ihretwegen mit zwei Werwölfen.

Ra‘ Zadir ließ sie los und suchte nach einem Anfang.
„Morgana hat mir gestern Abend von deinem Gespräch mit Trickler erzählt“, sagte er leise und drehte sich zu ihr. Merowe sagte nichts, sondern konzentrierte sich nur auf ihren Teller. „Ich… ich muss sagen, dass ich von solch einem Zauber noch nie etwas gehört habe“, gab er zu und nahm sich ein Stück Käse. Merowe schwieg weiterhin, seinen fordernden Blick auf sich spürend. Sie hatte das dringende Bedürfnis, zu husten. „Ich bin selbst nicht ganz unbewandert auf dem Gebiet der Magie. Wenn es dir nichts ausmachen würde“, fuhr Ra‘ Zadir fort, seine Stimme wurde eindringlicher und sie spürte, dass ihn ihr Schweigen verwirrte, „würde es mich freuen, wenn du mir diese Methode einmal vorführen könntest. Nur aus Neugier, versteht sich.“
Abwartend sah er sie an.
„Sicher“, flüsterte Merowe heiser und umklammerte mit beiden Händen ihren Becher. „Jederzeit.“
„Wie wäre es mit jetzt gleich?“, fragte Nazir feixend, der ihr Gespräch belauscht hatte. Merowe sah ihn erschrocken an.
„D-das braucht Zeit“, sagte sie hektisch und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht… ich muss erst eine Maske anfertigen… und ich brauche einen großen Seelenstein dazu. Es wird einen halben Tag dauern, um diese Dinge vorzubereiten. Mindestens“, fügte sie hilflos hinzu, als Nazir laut auflachte.
„Natürlich“, erwiderte er spöttisch und setzte seine Unterhaltung mit dem Altmer fort.
„Dann ist es dein Ernst?“, fragte Ra‘ Zadir aufgeregt. „Du… du kannst es machen?“
„Ja“, antwortete Merowe zögernd. „Ich kann. Aber ich muss die Maske meiner Gesichtsform anpassen. Oder der Gesichtsform desjenigen, der meine Gestalt annehmen soll. Es… es funktioniert in beide Richtungen.“
„Fantastisch!“, rief der Khajiit aus.
„Allerdings“, kommentierte Nazir.
„Es ist wahr“, murmelte Merowe leise und wünschte sich, sie hätte nichts gesagt. Babette sah sie mitleidig an.
„Nicht doch, meine Liebe, ich glaube dir“, sagte Ra‘ Zadir zuversichtlich und legte seine Tatze auf ihre Schulter. Erschrocken zuckte Merowe zusammen. „Es würde mich freuen, wenn du mir beide Varianten zeigen könntest. Was sagtest du noch gleich, brauchst du dafür?“
„Einen großen Seelenstein“, sagte Merowe mit ungewöhnlich hoher Stimme und wünschte sich, er würde die Tatze wegnehmen. „Pro Maske, versteht sich. Außerdem Holz und ein scharfes Messer und… und Sand. Außerdem natürlich jemanden, der…“
„Der die andere Gestalt annimmt. Natürlich. Könnte ich diese Person sein?“
Merowe schüttelte den Kopf. „N-nein, das… das geht leider nicht. Es muss jemand sein, der dieselben Gliedmaßen hat, wie ich.“

Ra‘ Zadir sah sie verwundert an, bevor er begriff. „Du meinst, weil ich einen Schwanz habe… ich verstehe.“
„Er kann nicht mit abgebildet werden.“, erklärte Merowe stockend und nahm noch einen Schluck Tee. „Der Zauber konzentriert sich zwar größtenteils auf das Gesicht, würde aber dennoch einen derartigen Unterschied nachzubilden versuchen. Es hat etwas mit dem Umriss der Person zu tun. Er wird erfasst, während der Hauptaspekt auf dem Gesicht liegt. Dadurch können Dinge wie Leberflecke oder Narben fehlen aber… der Schwanz würde wie eine Kerzenflamme flackern und jedem würde auffallen, dass etwas nicht stimmt. Es… wenn ich ein Argonier wäre… aber… aber auch umgekehrt würde es nicht funktionieren. Es gab Versuche in diese Richtung. Ich habe davon gelesen. Nicht zu empfehlen. Außerdem sollte die Person etwa meine Größe haben. Es könnte sonst sein, dass es wehtut, wenn…“
Sie machte eine unbestimmte Bewegung. Ra‘ Zadir nickte und dachte kurz nach.
„Würde es mit Morgana gehen?“, fragte er sanft.

Merowe rief sich die Statur der Dunmer in Erinnerung. „Ja, ich… ich denke schon. Allerdings ist sie schmaler als ich… jemand, der etwas stämmiger wäre, wäre besser geeignet. Der Zauber hält dann länger.“
„Wie wäre es mit Ragna und Lorka?“, schlug Babette vor. „Sie müssten deine Figur haben.“
„Eine hervorragende Idee!“, lobte Ra‘ Zadir, nicht ahnend das Merowe ihm ganz und gar nicht dabei zustimmte. „Ich werde sie gleich aufsuchen.“ Er drehte sich zu einem der anderen Tische um und rief einen jungen Mann zu sich. „Aventus!“
Der Mann stand auf und eilte zu ihnen herüber. „Zuhörer?“, fragte er demütig und neigte den Kopf zu einer Verbeugung.
„Aventus, sei so gut und besorge uns zwei große Seelensteine, ein Schnitzmesser, etwas Sand und ein großes Stück Holz.“
Aventus nickte und eilte ohne ein weiteres Wort davon. Ra‘ Zadir erhob sich und schlug feierlich die Tatzen zusammen. „Ich werde die Sachen in dein Zimmer liefern lassen, Merowe. Du solltest mitkommen und die Orkschwestern kennenlernen.“
„Ich kenne sie schon“, erwiderte die Bretonin betreten und sah verlegen auf ihren Teller hinab.
„Tatsächlich? Nun, umso besser. Ich werde sie gleich zu dir schicken.“
Erwartungsvoll ging er davon. Merowe stöhnte, als er weg war.
„Was ist los, Archivarin?“, spöttelte Nazir. „Zuviel versprochen, als du halten kannst?“
„Hör auf damit!“, beschwor ihn Babette.

„Warum?“, fragte er verächtlich und nickte in Merowes Richtung. „Eine derartige Magie ist unmöglich. Sie wird noch schnell genug merken, dass es kein leichtes Vergehen ist, den Zuhörer der Dunklen Bruderschaft zu belügen. Und ehe sie es sich versieht, ist sie tot.“
Merowe spürte, wie ihr schlecht wurde. Sie hatte nicht gelogen. Sie hatte diesen Zauber viele Male angewandt. Doch wenn es nicht klappte, wenn es dieses Mal nicht klappte… Konnte Nazir recht haben? Hatte nicht Trickler noch gestern behauptet, dass ihr keine Gefahr drohte? Unsicher erhob sie sich, das Zittern in ihren Fingern war unkontrollierbar geworden.

„Warte“, sagte der Altmer, der neben ihr gesessen hatte. „Lass mich dich begleiten.“
Merowe hielt kurz inne und betrachtete ihn flüchtig. Er hatte blondes, zurückgekämmtes Haar und trug eine schwarze Robe, die bis zu seinen Füßen reichte. Schulterzuckend erlaubte sie es ihm und verließ den Speisesaal, die Augen aller auf sich spürend.

„Ich bin Neofein“, stellte der Altmer sich vor und schüttelte ihre Hand. „Wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ich habe vorhin euer Gespräch mitbekommen und… nun ja, alle Sprecher reden darüber. Ich bin der Ruhigsteller und Ingrun. Du wirst sie noch kennenlernen“, fügte er hinzu, als er ihr fragendes Gesicht sah. „Nun, wir haben darüber diskutiert, Ingrun, Morgana und ich… und ich wollte dir nur sagen, dass ich diese Magie für durchführbar halte.“
„Danke“, sagte Merowe düster und musterte ihn genauer. Er war jünger als sie, vielleicht 24 und seine Stimme hatte einen hellen, aufrechten Klang.

„Kümmere dich nicht um Nazir“, fuhr Neofein fort. „Er tut das bei allen Neuen. Sein einziger Kommentar, als ich die Zuflucht zum ersten Mal betreten habe war: ‚Hey, seht nur: Endlich liefern sie das Abendessen lebendig!‘“
„Wirklich?“, fragte Merowe zweifelnd und merkte, dass sie sich ein wenig besser fühlte. „Ich habe nicht das Gefühl, das Nazir eine Ausnahme bildet. Gestern war er noch ganz nett. Vielleicht lag es daran, das Morgana dabei war.“
„Nun, Nazir ist ein Arschloch, wenn es um Neuankömmlinge geht“, gab Neofein zu und überquerte mit ihr die Holzbrücke. „Die meisten von uns genießen es, das Frischfleisch ein wenig aufzumischen, bevor es richtig losgeht. Das bedeutet nicht, dass man es sich gefallen lassen muss.“

„Ach ja?“ Merowe merkte, wie ihr Puls sich verlangsamte. „Warum erzählst du mir das alles?“
„Ich kann mich noch sehr gut an meine Anfangszeit zurückerinnern. Ich war damals 17 und, unter uns gesagt, ziemlich unbeholfen, was das Handwerk angeht.“ Das Morden, sagte sich Merowe in Gedanken. „Damals habe ich mir geschworen, es bei anderen besser zu machen, die den Weg in unsere Zuflucht finden.“
„Wie nett von dir.“

Neofein lachte. „Tja, man tut, was man kann. Dir jedenfalls viel Glück. Und lass dich nicht unterkriegen!“
Er bog in einen Seitengang ab und Merowe setzte ihren Weg in ihr Zimmer alleine fort. Als sie die Wohnquartiere erreichte, entdeckte sie Trickler, der gerade die Tür hinter sich schloss. Er wirkte sehr zufrieden mit sich.
„Guten Morgen, liebste Schwester!“, begrüßte er sie gut gelaunt und schloss die Schnalle seines Gürtels. „Was für ein herrlicher Tag, meinst du nicht auch?“

„Ehrlich gesagt, war ich noch nicht draußen“, gab Merowe zurück, die ahnte, woher seine Hochstimmung rührte. „Wenn du mich entschuldigst, ich werde erwartet.“
„Oh, ich entschuldige heute alles“, kicherte Trickler und zog sich seine Hose zurecht. Die Augen verdrehend ließ Merowe ihn hinter sich und betrat ihr Zimmer.
Alberner Kerl.

Sie trat vor den Spiegel und versuchte, sich ihren Hinterkopf zu besehen. Es klappte nur mäßig, doch die Schwellung ging zu ihrer großen Verwunderung bereits zurück und die Wunde war vollständig verschlossen. Das Pochen war ganz leise geworden und wummerte unauffällig im Hintergrund ihres Schädels. Offensichtlich war Babette recht bewandert, wenn es um Medikamente ging. Seufzend nahm Merowe sich eine große, rote Traube von ihrem Obstteller und schloss die Augen. Der Geschmack war köstlich. Sie fragte sich genüsslich kauend, wie es möglich war, derart tropische Früchte so hoch in den Norden zu transportieren, ohne dass sie dabei schlecht wurden. Sie nahm sich eine zweite und dritte Traube und ehe sie sich versah, hatte sie den ganzen Zweig leergefuttert. Danach fühlte sie sich besser. Es klopfte an ihrer Tür. Merowe öffnete.

„Ich habe die Sachen“, sagte ein rotwangiger Aventus, man konnte sehen, dass er sich beeilt hatte. Er hielt einen prall gefüllten Leinensack hoch, den Merowe entgegennahm und ging dann, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, davon. Verwundert sah sie ihm nach.

„Danke“, murmelte sie leise und packte die Sachen auf ihre Kommode. Ein scharfes Messer, wie sie es verlangt hatte, ein großer Holzblock, vermutlich Buche, in ein Ledersäckchen abgefüllter Sand und zwei durchdringend leuchtende Seelensteine, deren Innerstes regelmäßig zu pulsieren schien. Merowe nahm sie in die Hand und drehte sie im Licht der Öllampen: leuchtendes Blau und Violett, vermischt mit einem Hauch von Gold. Es war ein herrlicher und gefährlicher Anblick. Wer wusste schon, was die Seele, die darin gefangen war, erlebt hatte? Was sie gefühlt hatte? Wie sie gestorben war? Merowe legte sie in die Schublade. Seelensteine waren so unwahrscheinlich zerbrechlich.
Mit einer gewissen Ehrfurcht wandte sie sich dem Holzblock zu. Er war groß und massiv, die Rinde war bereits entfernt worden. Vermutlich hätte man ihn zu Brennholz verarbeitet, hätte Merowe ihn nicht verlangt. Obwohl diese Tätigkeit auch von einem Nichtmagier ausgeführt werden konnte, war bei der ganzen Angelegenheit das Schnitzen der wichtigste Schritt. Alles hing davon ab, dass die Maske perfekt auf dem Gesicht des Trägers saß. Nicht auszudenken, was passierte, würde sie verrutschen oder wehtun. Es konnte die gesamte Verwandlung zunichtemachen und so denjenigen, der jemand anderen zu täuschen beabsichtigte, in eine unangenehme Situation bringen. Merowe ließ den Holzklotz vor sich in der Luft schweben, besah ihn sich von allen Seiten und fand schließlich, was sie suchte: die Maserung. Ihre Hände tasteten die Ecken und Kanten ab, ließen das Holz herumwirbeln und wogen es prüfend. Es war massiv. Keine Astlöcher. Keine Würmer. Sie schätzte die ungefähre Mitte ab, berührte das Holz mit den Fingern und zog es dann, mit der Kraft ihrer Magie, mit einem Ruck auseinander. Es knackte laut. Merowe nahm die Hälften, stellte sie vorsichtig auf dem Boden ab und wischte sich keuchend über die Stirn. Wer behauptete, dass Magier keine Anstrengung kannten, bewies damit, nichts von Magie zu verstehen. Es erforderte ein hohes Maß an Konzentration und die körperliche Anstrengung, die erforderlich gewesen wäre, es ohne Magie zu vollbringen, war dennoch spürbar. Tatsächlich hatte Merowe, nachdem sie Urkunden gefälscht oder Siegel angefertigt hatte, oft Schmerzen in den Fingern gehabt. Sie griff nach dem Messer und fuhr prüfend mit dem Finger über die Klinge. Sie war äußerst scharf. Dann griff sie in den Beutel und ließ den feinen Sand durch ihre Finger gleiten. Er war genau richtig, um die Innen- und Außenseite der Masken glattzuschleifen, damit sie sich der Haut des Trägers perfekt anglichen. Die Voraussetzungen waren vollkommen. Nun musste sie nur noch mit der Arbeit anfangen.

Als hätte Ra‘ Zadir ihre Gedanken gehört, stand er plötzlich in ihrer Tür, begleitet von Ragna und einer weiteren Orkfrau, die ihr zum verwechseln ähnlich sah. Lorka wies die gleiche olivenfarbene Haut und Statur auf, hatte ihre Haare aber zu einem langen, filzsträhnigen Zopf nach hinten gebogen und trug weitaus weniger Kleidung als ihre Schwester. Während Ragna ihren Körper in Felle gehüllt hatte, trug Lorka lediglich ein schwarzes Unterhemd, das sich straff über ihre Brüste spannte und eine kurze Hose, die verwaschen und grau war. Es schien befremdlich, dass sie nun wieder zurückverwandelt war, war sie doch noch vor einer Stunde ein haariges, grollendes Biest gewesen. Merowe staunte über die vielen Narben, mit denen ihre Arme und Beine übersät waren. Langgezogene, gerade Furchen, wie von Krallen zogen sich über sämtliche Gliedmaßen und Merowe begriff, dass sie es vermutlich selbst gewesen war, die sich diese Verletzungen zugefügt hatte. Soweit sie wusste, war dies unter Lykanthropen nichts Ungewöhnliches. Doch es aus nächster Nähe zu sehen…

Ra‘ Zadir machte eine einladende Geste und beide Orkschwestern nahmen auf Merowes Bett Platz. Lorka musterte sie unverhohlen. Er schloss die Tür und drehte den im Türschloss befindlichen Schlüssel um. Merowe schauderte.
„So, da wären wir“, sagte Ra‘ Zadir lächelnd und faltete die Hände vor den Bauch. „Ragna hat mir erzählt, dass du den beiden heute Morgen begegnet bist… unter etwas… abnormen Bedingungen.“
„Ja, das… das ist wahr“, sagte Merowe schüchtern und sah zu Lorka herüber. Die Orkfrau zwinkerte ihr zu. Ihre Zähne glitzerten, wenn sie grinste.
„Ich habe den beiden erklärt, warum sie hier sind“, sagte Ra‘ Zadir und räusperte sich gewichtig. „Natürlich“, er schmunzelte, „haben sie mir kein Wort geglaubt. Wer von den beiden, denkst du, ist geeigneter für deine kleine… nennen wir es Demonstration?“

Der Khajiit sah sie gespannt an, sein Schwanz bewegte sich wie eine wilde Schlange und zuckte aufgeregt, als sie ihn ansah. Schnell schaute sie wieder weg und nahm die Orkschwestern in Augenschein. Es stimmte, dass beide ihre Statur hatten, allerdings lag das nicht daran, dass Merowe sonderlich muskulös gewesen wäre. Ihre Arbeit im Archiv und ihr Ansehen am Königshof hatten schlichtweg dafür gesorgt, dass sie das gute Essen sehr zu schätzen wusste. Beide hatten ihre Größe und keinerlei Gliedmaßen, die sie nicht auch gehabt hätte. Nur die Zähne…

„Bei der Verwandlung“, setzte Merowe an, „kann es sein, dass unsere Schneidezähne nicht miteinander übereinstimmen. Ihr seid Orks und habt stärker ausgeprägte… also, es ist gut möglich, dass es wehtun wird.“
Lorka schnaubte verächtlich und lehnte sich lässig zurück. Ihre kräftigen Beine baumelten gelangweilt vom Bett.
„Glaub mir, kleiner Raubfang“, sagte sie amüsiert, ihre Stimme hatte einen grollenden Unterton. „Wenn ich gelernt habe mit etwas umzugehen, dann sind es Schmerzen bei einer Verwandlung.“ Sie klatschte demonstrativ mit der flachen Hand auf ihre Narben. „Ich bin ein Werwolf.“

„Richtig“, sagte ihr gegenüber hastig und verfluchte sich selbst für so viel Taktlosigkeit. „Richtig, natürlich… ich hätte daran denken müssen. Gut, also…“ Merowe trat vor sie und besah sich ihre Gesichtszüge näher. Zwillinge. Was gab es da groß zu vergleichen? Lorkas Haare waren ihren eigenen ähnlicher, was bedeutete, dass es weniger jucken würde, würde Merowe sich in sie verwandeln. Das konnte von Vorteil sein… Sie hatte Ra‘ Zadir verschwiegen, dass ihre gesamte Haut brennen würde, würde sie versuchen, sich in ihn zu verwandeln, aus Angst, dass es ihn beleidigen könnte. Doch Fakt war, dass die Haare, die simuliert wurden, sich in viel zu kurzer Zeit ausbildeten, was dem Einstechen von tausend Nadeln auf eine Fingerkuppe gleichkam. Sie schaute den Hals entlang, der bei beiden Orks die gleichen Leberflecken aufwies und bat sie, ihre Hände hochzuhalten. Bei Ragna fehlten zwei Finger an der rechten Hand.

„Lorka“, sagte Merowe schließlich und wandte sich an Ra‘ Zadir. „Wir sollten es mit ihr versuchen.“
„Dann nur zu“, antwortete der Khajiit auffordernd. „Zeige uns, wie es funktioniert.“
Merowe nickte langsam und sah zu Lorka herüber.
„Ich werde dein Gesicht abbilden müssen. Ich…“
„Tu, was immer erforderlich ist“, sagte Lorka etwas teilnahmslos und kratzte sich am Hals.
Merowe seufzte und nickte erneut. Es war ihr unangenehm, derartig beobachtet zu werden. Nicht zu vergessen, dass Lorka sich noch vorhin von ihr hatte streicheln lassen. Einen Augenblick lang fragte sich Merowe, ob Lorka sich überhaupt daran erinnern konnte. Ob sie zwei verschiedene Persönlichkeiten in sich vereinte? Aber warum sollte sie dann Ragna neben sich dulden, wenn sie eine Werwölfin war? Sie hatte sich anstandslos von ihr wegführen lassen. Merowe schalt sich innerlich, dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um solche Fragen zu stellen. Sie musste sich konzentrieren!

Sie schloss angestrengt die Augen, ließ durch einen Telekinese-Zauber die eine Hälfte des Holzblocks und das kleine Sandsäckchen emporschweben. Der Sand rieselte wie von selbst aus dem Beutel heraus, bildete eine dichte Wolke und fing an, den halben Holzblock an den Rändern zu zersägen. Die feinen Körner waren genauer als jedes Werkzeug und würden Merowe dabei helfen, eine Grundform zu erstellen, die nach Abschluss nach Belieben verändert werden konnte. Ein feines Rauschen, wie von einem weit entfernten Bienenschwarm, erfüllte das Zimmer.

Merowe spielte mit dem Gedanken, dass sie den Sand sehr wohl nutzen konnte, um ihn in die Kehlen der Orks und des Khajiits fahren zu lassen, wo die feinen Körnchen Kehlkopf und Luftröhre einfach zwischen sich zerreiben würden. Die wenigsten, die die Telekinese beherrschten, waren sich darüber bewusst, was man alles mit ihr anstellen konnte, verfügte man auch nur über ein Fünkchen Fantasie. Stattdessen wurde die Kunst der Veränderung für Schaustückchen auf den Marktplatz und das Erschaffen von Gold aus Silber und von Silber aus Eisen verkannt. Wie viel mehr sich damit anstellen ließ… Doch Merowe war kein Mörder und andere Mörder umzubringen würde sie nicht von weiterer Schuld lossprechen. Dennoch, es war ein Gedanke, der sie auf befremdliche Weise tröstete, machte es sie doch weit weniger wehrlos, als manch einer der Assassinen annehmen mochte.

Merowe ging einen Schritt auf Lorka zu, die sich bereitwillig vorbeugte und ihr Gesicht von der Bretonin betasten ließ. Niemanden schien es zu stören, dass Sand und Holzblock nebenher ihre Arbeit erledigten, doch Merowe spürte, dass die drei ihre Verwunderung nur überspielten. Es war eine eher unkonventionelle Methode. Lorka hatte hohe, breite Wangenknochen, die ihr ein markantes, kantiges Aussehen verliehen. Ihre Ohren waren klein und rund, was sie als Halterung für die Maske unbrauchbar machte.

Dann eben Bänder…
Sie berührte Lorka am Kinn und drehte ihren Kopf nach rechts und nach links, die Orkfrau ließ es bereitwillig mit sich geschehen. Im Nacken entdeckte Merowe sechs eiserne Ringe, die durch die Haut gestochen und zu massiv waren, als dass es sich dabei um einfachen Schmuck handeln konnte.
„Was ist das?“, fragte Merowe vorsichtig und widerstand der Versuchung, über das Metall zu streichen.
„Ringe“, sagte Lorka grinsend und bleckte ihre Zähne. „Um mich anzubinden, wenn ich unartig bin.“
Merowe schluckte. Lorkas Grinsen wurde breiter. „Angst?“

„Ein wenig“, gab Merowe zu. „Aber die Ringe werden nicht mit abgebildet werden. Hat es sehr wehgetan, als man sie dir gestochen hat?“
„Nein.“
„Nun, dann sollte es keine Probleme geben.“ Hoffentlich. „Ich werde meine Finger jetzt auf dein Gesicht legen und versuchen, es so genau wie möglich in das Holz zu schnitzen. Bitte halte den Mund geschlossen, mach keine plötzlichen Bewegungen und öffne die Augen nicht.“
„Wie du willst“, gab Lorka zurück und knackte mit ihrem Kiefer. Ragna rückte zur Seite, damit Merowe in ihrer Mitte Platz nehmen konnte. Ra‘ Zadir trat näher heran und analysierte jede ihrer Bewegungen.
Merowe legte ihre Hände auf Lorkas Gesicht und ließ den Sand zurück in den Beutel gleiten. Ein Haufen von Sägemehl blieb auf dem Boden zurück.

„Schön. Ich werde jetzt beginnen.“
Sie ließ das Messer von der Kommode zu dem fertiggestellten Maskenrohling schweben, als plötzlich von Flur aus Lärm zu ihnen durchdrang. Überrascht sah Merowe auf, das Messer blieb auf der Stelle schweben und der Maskenrohling sank eine Armlänge. Ra‘ Zadir gab ein fauchendes Geräusch von sich und bedeutete Ragna mit einem Kopfnicken, nachzuschauen. Die Orkfrau erhob sich und schloss die Tür auf. Gespannt blickte Merowe ihr nach, nicht bemerkend, dass ihre Finger noch immer Lorkas Gesicht berührten. Angestrengt versuchte sie, sich auf die Stimmen zu konzentrieren. Sie glaubte, Cathrin zu erkennen. Es schepperte einige Male laut, dann waren aufgeregtes Schreien und sich rasch entfernende Schritte zu hören. Wenig später kehrte Ragna zurück, auf den Flur herrschte wieder vollkommene Stille.

„Ist erledigt.“
„Bleib draußen“, befahl Ra‘ Zadir. „Ich will nicht, dass wir gestört werden. Sag allen, denen du begegnest, dass, wer immer diesen Gang entlanggeht, sich später persönlich vor mir zu verantworten hat.“
„Auch Cicero?“, fragte Ragna skeptisch.
„Auch Cicero“, wiederholte Ra‘ Zadir bestätigend und schloss hinter ihr die Tür ab. Merowe wandte sich wieder Lorka zu.

„Auf ein Neues“, murmelte sie leise und schloss die Augen. Sie würde von nun an mit den Fingern sehen.
Die Messerspitze setzte im Holz an und wartete auf ihre Instruktionen. Merowe begann, Lorkas Stirn abzutasten. Die glatte, ebenmäßige Haut stellte keine große Herausforderung dar, lediglich ab der oberen Hälfte ging die Stirn weiter auseinander, als bei ihr selbst. Der Haarwuchs setzte bei Orks erst weiter oben ein, dafür fiel die Stirn aber sehr viel schmaler aus, Orks hatten völlig anders geformte Augenhöhlen, als Bretonen. Sie wiesen eine gewisse Verstärkung auf, was den Orks vermutlich ihren Ruf als Dickschädel eingebracht hatte. Doch es stimmte, dass es nahezu unmöglich war, einen Ork im Kampf auszuknocken. Merowe hoffte, dass die daraus resultierenden Kopfschmerzen nicht allzu schlimm ausfallen würden, denn machte sie bei ihrer Maske einen Fehler, so würde der Verwandlungszauber die Dinge, die sie beim Schnitzen vergessen hatte, versuchen, nachzubilden. Die Klinge schabte zwei handballenartige Rundungen aus dem Holz und Merowe tastete sich weiter hinab. Die Augen waren glatt und rund, größer, als ihre eigenen und die Augenbrauen schmal und ebenmäßig. Lorkas Schläfen wiesen ebenfalls nichts Ungewöhnliches auf. Merowe ging zu der Nasenwurzel über und…

…ließ Messer und Maske zu Boden sinken. Schwer atmend öffnete sie die Augen und legte die Finger in ihren Schoß.
„Was ist?“, fragte Ra‘ Zadir besorgt und blickte von ihr zur Maske und wieder zurück. „Stimmt etwas nicht?“
„Doch, alles gut…“, sagte Merowe und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich… ich brauche nur eine kurze Pause, das ist alles.“

Der Khajiit betrachtete sie nachdenklich. „Würde ein Glas Wasser helfen? Oder Apfelsaft?“
„Es geht mir gut“, beschwichtigte ihn Merowe erneut. „Nur eine Pause. Das ist alles, was ich brauche. Nur ein paar Augenblicke.“
Sie sog langsam die Luft ein und wartete. Es würde nicht lange dauern, bis sie weiter machen konnte. Lorka saß geduldig neben ihr, ihre Nase war breiter und ein wenig größer. Auch das würde keinerlei Hindernis darstellen. Ein derartiges Detail auf der Außenseite ihrer Maske hinzuzufügen war eine von Merowes leichtesten Übungen. Lediglich etwas wegzunehmen konnte zu Komplikationen führen.
„Ich habe eine Frage“, unterbrach Ra‘ Zadir ihre Gedanken. „Wenn du gestattest.“
„Selbstverständlich“, sagte Merowe achselzuckend und erlaubte Lorka, die Augen zu öffnen.
„Wäre es… wäre es möglich“, fragte der Khajiit zögernd und blickte auf die am Boden liegende Maske, „das man anstelle von Holz auch Leder nehmen könnte? Trickler sagte mir, dass das Kriterium für das Material sei, dass es einst gelebt haben müsste.“

„Das geht in der Tat“, sagte Merowe leise und schaute auf ihre Fingerkuppen. „Aber das Leder müsste genäht werden. Und ich bin eine miserable Näherin. Meine Handschuhe sprechen Bände darüber. Das Material ist zu weich, zu unbeständig, um die Gesichtszüge dauerhaft nachahmen zu können. Außerdem schwitzt man unter Leder schneller. Der Geruch wird irgendwann bestialisch. Aber ja, im Grunde stimmt es: Leder ist der bessere Katalysator. Es ist unserer eigenen Haut ähnlicher.“

Ra‘ Zadir nickte.
„Ich verstehe. Dankeschön. Fahr fort, wann immer du soweit bist.“
„Klar“, seufzte Merowe und rieb sich ihre Finger an der Hose, bevor sie mit ihrer Arbeit weitermachte. Maske und Klinge erhoben sich.

Es dauerte lange, bis sie den Rest fertiggestellt hatte. Lorkas Zähne bedurften speziellen Aushöhlungen und sie musste den dadurch bedingten Abstand der Lippen bedenken, damit die Maske nachher keine Schmerzen verursachte. Auch mussten Lorkas Augen auf der richtigen Höhe sein, sodass sie später etwas sehen konnte. Merowe griff mittels der Telekinese ein zweites Mal zum Sand und schliff etwaige Ecken und Kanten glatt. Splitter in der Haut oder in den Augen waren eine unangenehme Sache. Dann ließ sie die Maske zu sich in die Hände schweben.
„Hier“, sagte sie zu Lorka nach über drei Stunden mühevoller Arbeit und Unterbrechungen und hielt Lorka das Resultat hin. „Setz sie auf.“

Die Orkfrau tat wie geheißen und legte die Maske auf ihre Haut. Dann öffnete sie die Augen und sah Merowe an. „Sie passt perfekt“, sagte sie schlicht.
„Kannst du sprechen? Schreien? Kannst du blinzeln?“
„AAAAAA“, brüllte Lorka und Merowe zuckte erschrocken zurück. Sie blinzelte mehrmals mit beiden Augen gleichzeitig, dann abwechselnd und bewegte die Pupillen nach links und rechts. „Hihi, das ist lustig! AAAAAA!“
Merowe zuckte erneut und fasste sich ans Herz. Lorka feixte.
„Gut. Das geht also“, stellte Merowe fest. Sie nahm die Maske entgegen und betrachtete sie von allen Seiten. Ra‘ Zadir war ganz dicht bei ihr.

„Darf ich?“, fragte seine kehlige Stimme. Merowe reichte sie ihm.
„Hey, alles in Ordnung?“
Lorka sah sie schräg an, als Merowe sich gegen die Wand lehnte und erschöpft ins Leere starrte.
„Pause“, lautete die Antwort. „Nur kurz… Pause…“
Ra‘ Zadir betastete vorsichtig das Innenleben der Maske, man sah die Ehrfurcht in seinen Augen. „Erstaunlich“, sagte er laut und konnte sich nicht satt sehen. „Ganz erstaunlich. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Ich nehme an, dass du Galen auf ähnliche Weise aus Hochfels geschmuggelt hast.“
„Nee“, antwortete Merowe müde und sank aufs Bett. „Man muss es selbst machen. Der Zauber ist an einen selbst gebunden, von dort bezieht er seine Magie. Es hätte…“

Es hätte einen schwarzen Seelenstein benötigt, um es zu tun.
Merowe verbot sich, das zu sagen.
„…hätte meiner Anwesenheit bedurft. Und ich musste seine Spur verwischen.“
Das war nicht gelogen. Nicht vollständig. Tatsächlich war die Anwesenheit des Magiers, der den Zauber wirkte, eine Alternative, um den Zauber auch auf andere zu übertragen, doch die Illusion, die dabei entstand, kam nie an Perfektion der heran, die die Maske auf den Zaubernden ausübte. Dennoch hatte Merowe das Gefühl, dass Lorka sie plötzlich um einiges neugieriger anstarrte, als zuvor und das gefiel ihr überhaupt nicht. Ra‘ Zadir reichte ihr die Maske zurück.

„Ich bin gleich wieder da. Wartet hier auf mich“, sagte er knapp und verließ das Zimmer. Ermattet sah Merowe ihm nach.
„Du verschweigst etwas“, bemerkte Lorka, als er außer Hörweite war.
„Wie meinen?“
„Gerade eben. Du wolltest etwas sagen, hast es aber im letzten Moment nicht getan. Warum?“
„Es kam mir unmoralisch vor“, sagte Merowe langsam und stand vom Bett auf. Lorka packte sie am Hosenbund und zog sie wieder zurück.

„Hey!“, rief Merowe verärgert und ruderte mit den Armen. „Was soll der Unsinn?“ Lorka sah sie drohend an.
„Ich kann es riechen, wenn jemand lügt“, sagte sie leise und kniff ihre orangen Augen dabei zusammen. „Ich kann es riechen, wenn jemand etwas verheimlicht.“
„Ich habe nicht gelogen“, berichtigte Merowe sie und rutschte unbehaglich auf ihrer Matratze herum. „Ich habe… lediglich eine kleine Randinformation unterschlagen.“ Sie wich Lorkas Blick aus, die nicht einmal blinzelte, sondern sie weiterhin fest ansah. „Hör zu, es spielt keine Rolle, okay? Es ist für unsere Zwecke vollkommen irrelevant.“
Lorka schnaubte. Doch sie schien Merowe zu glauben.
„Versuch nicht noch einmal, etwas zu verheimlichen“, sagte sie leise und verschränkte die Arme vor der Brust.
Merowe nickte abwesend und blickte zur Seite. Dann konnte sie die Neugier nicht länger unterdrücken.

„Seit wann bist du ein Werwolf?“
„Was?“, fragte Lorka perplex.
„Seit wann bist du ein Werwolf?“, wiederholte Merowe und sah sie direkt an.
„Warum willst du das wissen?“ Lorkas Stimme klang misstrauisch.
„Ich bin noch nie einem Werwolf begegnet“, gestand die Bretonin und betrachtete die Orkfrau von oben bis unten. „Ist es wahr, dass du dich auf eigenen Wunsch hin verwandeln kannst? Ragna erwähnte etwas von Mondphasen, aber jetzt bist du wieder du selbst und noch heute Morgen…“

„Ich bin immer ich selbst“, sagte Lorka, doch es klang nicht beleidigt. „Ganz egal, ob ich Werwolf bin oder nicht. Ich wurde gebissen, als ich 16 Jahre alt war. Man hat mich und meine Schwester in eine andere Siedlung bringen wollen. Wir sollten beide denselben Häuptling heiraten und viele, neue Orks produzieren.“ Sie lachte verächtlich und kratzte sich am Hinterkopf. Merowes Interesse an ihr schien ihr zu gefallen. „Auf dem Weg dorthin haben uns Männer überfallen. Nords. Zwei von ihnen waren Werwölfe. Beide stürzten sich auf mich. Ragna und ich töteten alle, doch einem gelang es, mich zu beißen. Seitdem…“

Merowe nickte und besah sich die Narben an Lorkas Arm.
„Und die Mondphasen?“
„Sie spielen eine Rolle. Aber es stimmt, dass ich mich auch auf Wunsch verwandeln kann. Doch wenn ich zu lange damit warte, bricht meine zweite Natur irgendwann von selbst durch. Es ist nicht so, dass man sie einfach verdrängen und wegsperren kann.“
„Natürlich nicht. Ich verstehe. Ich nehme an, die Mondphasen rufen die zweite Natur hervor, wenn du längere Zeit vorher nicht zu einem Werwolf geworden bist?“
„So ungefähr“, bestätigte Lorka. „Es ist etwas komplizierter. Es hängt ebenfalls mit der Ernährung zusammen. Das Wolfsblut in mir verlangt gewisse… Dinge.“
„Blutiges Fleisch?“, fragte Merowe.
„Zum Beispiel. Aber nicht nur das. Ich brauche auch ein Rudel, mit dem ich jagen kann. Bis vor einigen Jahren war das Ragna. Dann hat uns die Dunkle Bruderschaft rekrutiert. Seitdem jage ich für Gold.“
Merowe schauderte. Lorka war eine Meuchelmörderin, was also erwartete sie?
„Was ist mit dir?“
„Was soll mit mir sein?“
„Wie bist du zur Dunklen Bruderschaft gekommen? Es heißt, Ra‘ Zadir hat Interesse an dir gezeigt. Ich kann nun verstehen, warum.“

Merowe verfluchte ihre Fähigkeiten und fragte sich, wie jemand außerhalb des Königshofes überhaupt davon erfahren konnte. Es dauerte nicht lange, bis sie Emily im Verdacht hatte. Doch sie würde sie niemals verraten. Nicht, nach dem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten. Nicht, bei allem, was sie voneinander wussten. Doch andererseits musste Emily wieder ihren Platz bei Hofe einnehmen. Vermutlich hatte sie versucht, zu verhandeln… und wie es aussah, war es ihr gelungen.

„Ich habe zwei Soldaten getötet, im Austausch für mich und die Leben derer, die mir nahe standen.“
„Soldaten? War es das erste Mal?“ Merowe nickte. Und hoffentlich das letzte Mal. „Ich fand meinen ersten Auftragsmord wahnsinnig aufregend“, fuhr Lorka fort und zog ihre Beine an. „Es war ein altes Pärchen in Bruma. Praktisch ein Geschenk.“
„Warum sollten sie umgebracht werden?“, wollte Merowe wissen. „Alte Pärchen scheinen nicht sonderlich bedrohlich zu sein.“
„Erbschaft. Ihr Tod war nur ein Glied in einer langen Kette. Und dabei waren sie so nett und zuvorkommend. Sie haben mir sogar ein Quartier für die Nacht angeboten.“
Fassungslos starrte Merowe Lorka an, doch die Orkfrau zuckte nur mit den Schultern. „Das gehört nun mal dazu, wenn man ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft ist“, sagte sie. „Es ist das, was wir tun.“
Merowe schüttelte den Kopf und wollte etwas erwidern, doch Ra‘ Zadir war zurückgekehrt und hatte einen kleinen Holzkasten bei sich. Er war voller dickbauchiger Flaschen und jede einzelne von ihnen war mit einer tiefblauen Flüssigkeit gefüllt.
„So“, rief er handlungsschwanger und setzte den Kasten auf der Kommode ab. „Machen wir weiter.“

Nachdem Merowe ihre magischen Kräfte mittels der Manatränke aufgefüllt hatte – sie hielt nicht viel von diesem Zeug, es führte häufig zu Schlaflosigkeit und in einigen Fällen machte es sogar abhängig – ging es weiter mit der Anfertigung der Masken. Während sie die Außenseite der ersten und die Innenseite der zweiten Maske konstruierte, leistete Ra‘ Zadir ihr und Lorka erneut Gesellschaft und war stets hocherfreut, wenn er bei einer Sache assistieren konnte. Merowes eigenes Gesicht abzubilden war etwas, worin sie bereits viel Übung hatte, weshalb sie nach weniger als einer Stunde fertig war. Nun musste sie nur noch auf der zweiten Maske Lorkas Gesichtszüge auf die äußere Hälfte bannen. Es dauerte zwei Stunden, bevor sie mit ihrer Arbeit zufrieden war und mehr als die Hälfte der bauchigen Flaschen waren danach leer. Das Ergebnis jedoch konnte sich sehen lassen.

„Wundervoll! Ganz wundervoll!“, rief Ra‘ Zadir aus und lächelte zufrieden. „Was geschieht jetzt?“
„Jetzt“, seufzte Merowe erschöpft und erhob sich schwankend, „gehen wir zum Arkanen Verzauberer. Wo war der noch gleich?“
„Folge mir“, forderte der Khajiit sie freundlich auf und ging gewichtigen Schrittes voran. Merowe holte die beiden Seelensteine aus ihrer Schublade, Lorka hatte die Masken unter den Arm geklemmt. Ra‘ Zadir führte sie in den Speisesaal zurück und die Treppe hinauf an den Ställen vorbei, hinter denen sich weitere Gänge befanden. Der zweite von ihnen führte in einen steinernen Raum, in dem sich an die Wand gelehnte Zauberstäbe, in Regalborten säuberlich angeordnete Seelensteine und der Arkane Verzauberer befanden, den Merowe benötigte. Suchend sah sie sich um. Es befand sich auch ein Spiegel im Raum. Sie schnitt ein kleines Stück Haar von Lorka ab, tat dasselbe bei sich selbst und legte die Haare auf die Gesichtshälften, ihre eigenen auf Lorkas und umgekehrt. Dann nahm sie einen der Seelensteine und legte ihn an das Holz. Die bunten Schlieren im kristallartigen Material wirbelten wild umher.

„Na schön“, murmelte Merowe und schloss die Augen. Sie spürte, wie die Magie des Seelensteins in ihren Fingerspitzen kribbelte. Mit einer fordernden Geste entriss sie der kristallenen Hülle ihren kostbaren Inhalt und wob ihn nach und nach auf die erste Maske. Dasselbe tat sie mit der zweiten, Ra‘ Zadir neben ihr sog achtungsvoll die Luft ein. Die  Masken wirbelten in einem blau-violetten Sturm umher, strahlten ein kräftiges goldenes Licht aus und sanken schließlich in ihre Hände hinab. Merowe atmete erleichtert auf. Sie war fertig. Es war getan.
Sie reichte Lorka ihr Exemplar. Die Orkfrau nahm sie und setzte sie auf.

„Verdammt!“, schrie sie und griff sich in den Nacken. „Was zum…“ Dann begriff sie. „Die Ringe…“
„Tut mir leid“, entschuldigte sich Merowe. „Du sagtest, dass es nicht wehgetan hätte.“

„Hat es ja auch nicht“, sagte Lorka schnell und trat vor den Spiegel. „Wahnsinn“, hauchte sie und betastete ihre hellhäutige Haut. Merowes hellhäutige Haut. Es war merkwürdig, sich selbst derartig staunend zu sehen, während man daneben stand. Vor allem in solch ungewohnter Kleidung „Ich sehe aus, wie du.“ Erwartungsvoll zog sie ihre Ärmel nach oben, doch die Narben, nun auf einer blassen Haut, waren noch immer da.
„Der Zauber konzentriert sich nur auf das Gesicht“, erklärte Merowe. „Details werden dabei nicht berücksichtigt. Zumindest, wenn es sich dabei nicht gerade um Gliedmaßen handelt. Es hängt mit der Struktur des Zaubernden zusammen und…“

„Was soll’s“, unterbrach Lorka sie und grinste gespannt. „Setz deine auf. Na los!“
Merowe tat, wie geheißen und legte das golden glänzende Holz auf ihr Gesicht. Ein irrer Schmerz erfüllte für einen Moment ihre Schneidezähne, dann war er weg und sie stand keuchend vor dem Spiegel.
„Fantastisch“, flüsterte Ra‘ Zadir und umrundete sie gespannt. „Das ist… absolut fantastisch.“

„Es fehlen noch Bänder“, sagte Merowe verlegen und nahm ihre Maske wieder ab. „Ich hatte vergessen, dass ich…“
Ra‘ Zadir winkte ab. „Das haben wir gleich.“ Er löste zwei der bunten Bänder, die um seinen Schwanz gewickelt waren, machte sie an den Masken fest und reichte sie Lorka und Merowe zurück. „Wie lang ist dieser Zauber von Dauer?“
„Das kommt darauf an, wie oft man die Maske aufsetzt. Normalerweise trägt man sie nur Personen gegenüber, die man täuschen will und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie die ganze Zeit zugegen sind. Vielleicht einen Tag“, antwortete Merowe. „Bei nicht dauerhafter Nutzung eher anderthalb.“

„Gut“, murmelte der Zuhörer und seine Augen verwandelten sich in verschlagene Schlitze. „Kommt mit. Ich will wissen, wie sehr es andere überzeugt.“
Sie folgten ihm zurück durch den Speisesaal und in den Gang vor der Übungshalle, in der sich Aventus, Neofein und Cathrin befanden. Die drei unterhielten sich lautstark über die Vorzüge von Armbrüsten.“
„Sehr schön“, flüsterte Ra‘ Zadir und nickte Lorka, verwandelt als Merowe, zu. „Du gehst hinein und fängst eine Unterhaltung an. Na los. Geh schon!“

Lorka tat, wie befohlen und betrat die Übungshalle. Als die anderen sie bemerkten, setzte die Unterhaltung aus und Cathrin fixierte sie hasserfüllt mit ihren Augen.
„Na, wenn das nicht die Archivarin aus Hochfels ist“, sagte sie langsam, ihre Stimme hatte einen drohenden Unterton. „Weißt du, mir hat dein kleines Kunststück mit der Nadel überhaupt nicht gefallen.“
„Mir schon“, wisperte Ra‘ Zadir der neben ihm wartenden Merowe zu und grinste.
Cathrin holte mit der Faust aus, zielte auf Lorkas verwandelten Bauch und fing sich einen brutalen Kniestoß ein, der sie umgehend zu Boden schickte.
„Bei Sithis“, rief Ra‘ Zadir aus und klatschte in die Tatzen. „Es hat funktioniert!“
Natürlich hat es das!

Lorka kehrte zu ihnen zurück, Neofein und Aventus staunten nicht schlecht, als sie plötzlich zwei Merowes vor sich hatten. „Das war lustig!“, verkündete Lorka feixend und deutete mit dem Daumen über ihre Schulter. „Darf ich die Maske behalten?“
Cathrin starrte verwirrt und wütend zu ihnen hinauf.
„Was… was soll das?“, fragte sie hilflos und kam wankend auf die Beine.
„Nur ein kleines Experiment, liebe Schwester, das ist alles“, gab Ra‘ Zadir zurück und zog Lorka und Merowe weiter in die Wohngemächer.

„Warum war die so sauer auf dich?“
„Ich hab ihr Tricklers Nadel in den Bauch gejagt, an dem Abend, als sie mich rekrutiert haben“, gab Merowe knapp zurück und blickte über die Schulter. „Ich glaube, ich habe mir gerade einen ganz gehörigen Feind eingehandelt.“
„Unsinn“, gab Ra‘ Zadir zurück und lachte. „Kommt! Ich will wissen, ob… ah, da ist sie ja.“
Er blieb vor einem großen Raum stehen, in dem sich unter vielen Merowe unbekannten Gesichtern auch Ragna befand. Die Bretonin ahnte, was er vorhatte.
„Na schön“, sagte er an sie gewandt. „Du weißt, was zu tun ist.“
„Hey, ich bin Merowe“, sagte Lorka, die noch immer die Maske trug. Einen Moment lang sah Ra‘ Zadir verwirrt aus, dann kicherte er. „Für einen Moment, Schwester… für einen Moment habe ich dir geglaubt.“
Merowe betrat den Schlafsaal und näherte sich der Gruppe. Ragna hörte schweigend zu, wie ein junger Argonier von seinem zurückliegenden Auftrag erzählte.

„… ich schwimme also unter der Schleuse hindurch, packe den Kerl – er ist wahrscheinlich doppelt so schwer, wie ich gewesen – und ziehe ihn zu mir ins Wasser. Er kämpft und strampelt, doch er hat keine Chance. Ich ziehe immer weiter an seinen Beinen, er versucht, mich zu erwischen, doch ich tauche weg und immer, wenn er nach oben schwimmt, ziehe ich ihn wieder ein kleines Stück runter.“
Die anderen lachten und nickten anerkennend.

„Dann“, setzte der Argonier seine Geschichte fort, „als es vorbei ist, lege ich ihn in eines der Boote und überschütte seine Leiche mit Schnaps. Ich übernachte in der Herberge und am nächsten Morgen rufen es die Spatzen von den Dächern: ‚Der Stadtrat hat sich zu Tode gesoffen! Der Stadtrat hat sich zu Tode gesoffen!‘“ Er äffte die Stimme eines kleinen Jungen nach und wedelte mit den Händen.
Alles johlte. Auch Ragna. Als die Orkfrau sie bemerkte, musterte sie sie prüfend und grinste. „Wo hast du die neuen Klamotten her?“

„Von Merowe“, sagte Merowe schlicht und versuchte, Lorkas Stimme zu imitieren.
Ragna kicherte. „Ich habe drei Leute, einschließlich Cicero Schläge androhen müssen, damit ihr drei eure Ruhe hattet. Hat alles geklappt?“

„Nö. Hat eine Panne mit dem Arkanen Dingsbums gegeben. Eine der Masken ist zersprungen. Ra‘ Zadir ist außer sich.“
Sie kicherten gemeinsam und hörten zu, wie der Argonier seine Geschichte beendete. Es war lange her, seit Merowe dieses Spiel zuletzt gespielt hatte.
„Komm, lass uns aufs Zimmer gehen. Ich hab immer noch Muskelkater von gestern.“
Merowe nickte und ließ Ragna vorangehen, die erschrocken zurückstolperte, als sie ihre Zwillingsschwester an der Tür warten sah.

„Bei Sithis! Wie… wie ist das möglich?“
Merowe nahm die Maske ab und verwandelte sich in sich selbst zurück. Ra‘ Zadir stand mit weit aufgerissenen Augen daneben und bewunderte Ragnas Reaktion. Es war, als schwebte er im siebten Himmel.
„Das“, sprach er, und seine Stimme klang dabei selig, „ist das Erstaunlichste, was ich seit Langem gesehen habe!“ Mit kräftigen Tatzen drückte er die verwirrte Merowe an sich und sah sie begeistert an. „Komm, Schwester!“, rief er strahlend und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Wir haben viel zu bereden!“
Der frühe Vogel kann mich mal!
  28.05.2014, 00:06
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Es dauerte lange, bis Merowe diese Nacht ins Bett kam. Ra‘ Zadir wollte alles von ihr über ihren Umwandlungszauber wissen, von den Anfängen, wer ihn erfunden, wie sie davon erfahren und bei welchen Gelegenheiten sie ihn bisher angewandt hatte. Er war nicht zu bremsen und während sie gemeinsam in seinen Gemächern saßen und er eine Frage nach der anderen stellte, kam auch noch Cicero vorbei und beäugte sie missgünstig. Wann immer er das Gefühl hatte, dass Ra‘ Zadir nicht hinsah, fuhr er sich mit dem Finger über den Hals und machte Andeutungen, deren Richtung Merowe nicht sonderlich gefiel. Immer wieder bat Ra‘ Zadir sie darum, die Maske aufzusetzen und studierte sie und das Abbild, das sie von Lorka erschaffen hatte, auf das genauste. Spielte die Hautfarbe eine Rolle? Würde er selbst seine Haare verlieren, wenn er sich in einen Argonier verwandelte? Waren solche Masken in Hochfels erhältlich? Wer wusste alles davon? Wer noch? Wer nicht? Wäre es möglich, auch andere Körperteile, als lediglich das Gesicht zu simulieren? Merowe schwirrte bald der Kopf und nur ihr Bemühen, Ra‘ Zadir bei Laune zu halten, sorgte dafür, dass sie nicht die Geduld mit ihm verlor. Es war spät nach Mitternacht, bevor sie vom Zuhörer entlassen und müde in ihr Zimmer wankte.

Am nächsten Morgen machte sie sich, nachdem sie die Schutzschicht auf ihrer Handinnenfläche erneuert hatte, auf den Weg in die Bäder und verbrachte viel Zeit damit, ihre Haare auf Vordermann zu bringen. Sie besaß keine Bürste und es dauerte, bis sie die Knoten, die sich seit ihrer Flucht gebildet hatten, entweder gelöst oder herausgeschnitten hatte. Einige andere Mitglieder der Dunklen Bruderschaft leisteten ihr Gesellschaft, beachteten sie aber nicht weiter, sondern unterhielten sich über Aufträge und Bezahlung.

Offensichtlich funktionierte ein Auftragsmord folgendermaßen: Nachdem das Schwarze Sakrament vom Auftraggeber vollzogen worden war, flüsterte die ominöse Mutter der Nacht es dem Zuhörer zu und dieser verteilte die Aufträge auf die einzelnen Assassinen. Die Dunkle Bruderschaft verdiente bei jedem Mord genau 1000 Septime, der Mörder allerdings erhielt nur einen Bruchteil davon. Der Rest landete in einer Art Gemeinschaftskasse, aus welcher Waffen, Rüstungen, Alchemiezutaten, Möbel, Reisekosten und sonstiges bezahlt wurden. Einen besonderen Anreiz bildeten offenbar die Boni. Fast jeder Auftragsmord war an eine Zusatzbedingung geknüpft, die bei Erfüllung eine zusätzliche Belohnung für den Mörder bereithielt. So hatte der Stadtrat, von dem man nun annahm, dass er sich zu Tode gesoffen hätte, dem Argonier, der übrigens Taleeza hieß, einen prunkvollen Gürtel eingebracht, dessen Edelsteine angeblich verzaubert waren. Taleeza zeigte ihn stolz, als die anderen ihn danach fragten. Tatsächlich wohnte den Edelsteinen – winzige Amethyste, die ein einfaches Muster bildeten – eine Verzauberung inne, doch Merowe sah auf den ersten Blick, dass der Gürtel selbst mehr wert war. Natürlich hütete sie sich, etwas zu sagen. Sie wollte Taleeza nicht seine gute Laune verderben.

Nachdem sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war und sich angekleidet hatte, beschloss sie, sich in Dämmerstern ein wenig umzusehen. Sie hatte bis auf drei Septime kein eigenes Gold und es war die Neugier und der Wunsch nach Ablenkung, der sie trieb. Zwar hatte sie eine ungefähre Ahnung, dass man es nicht gerne sah, wenn sie die Zuflucht ohne Abmeldung verließ, doch andererseits hatte man es ihr nicht verboten. Merowe war sich mittlerweile sicher, dass Ra‘ Zadir ihr alles verzeihen würde und ihre anfängliche Furcht vor ihm schwand mit jedem Mal. Sie schnappte sich ihren Wintermantel und ging zum Ausgang der Zuflucht. Es würde ein kalter Tag werden.

Die Tür öffnete sich von selbst, als sie sich ihr näherte und ein unheilvolles Flüstern zischte durch die Luft. Merowe blickte auf die offene See, es schneite dicke, weiße Flocken, die auf den sich bildenden Eisschollen feine Puderschichten hinterließen. Sofort spürte sie die Kälte durch ihre löchrigen Handschuhe hindurch und verbarg ihre Hände tief in den Taschen. Die Tür schloss sich hinter ihr, als sie hindurch geschritten war und wisperte leise: „Geh mit Sithis.“

„Sicher“, murmelte Merowe und wandte sich nach links. Es war bereits später Vormittag. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine plötzliche Bewegung wahr und als sie zum Wasser schaute, sah sie zu ihrem Erstaunen Ragna und Lorka, die zwischen den Schollen um die Wette schwammen. Das eiskalte Wasser schien den heißblütigen Orkfrauen nichts auszumachen, denn sie plantschten und lachten, als wäre es Hochsommer am Rumaresee. Bibbernd wandte Merowe sich ab, allein der Anblick ließ sie vor Kälte erschaudern.

Sie wanderte die Küste entlang und kletterte über ein paar unzugängliche Felsen, die vermutlich dafür verantwortlich waren, dass die meisten Leute sich von diesem Strand fernhielten. Danach war es nur noch ein kurzer Fußmarsch bis zur Straße, die direkt in die Stadt führte.

Dämmerstern war bei Tageslicht nicht viel anders, als bei Nacht. Die Straßen waren bevölkerter und die Schmieden in Betrieb, doch es war nur ein kleines Dorf verglichen mit Weißlauf oder Markath. Am Steg diskutierten mehrere Männer miteinander über eine Fischlieferung („Letztes Mal habe ich in einem der Köpfe einen Silberring gefunden!“ – „Was soll das heißen, hä?“ – „Das heißt, wenn ich dieses Mal wieder einen finde, erhöhe ich meine Gage!“) und vor dem Langhaus des Jarls hatten einige Händler ihre Stände aufgebaut. Merowe sog genüsslich die Luft ein. Es war schön, nach einem ganzen Tag unter der Erde wieder das Tageslicht sehen zu können. Die Sonne war zwar verdeckt und es schneite noch immer, doch das Licht ließ ihre Umgebung dennoch in schöneren Farben erstrahlen, als Welkyndsteine und Fackellicht.

Sie besah sich die feilgebotenen Waren: Exotische Weine aus dem Süden standen neben veredelten Malachitbarren und kleinen Töpfen, in denen Feuer- und Frostsalze lagerten. Äpfel und Birnen lagen neben Karotten und Fenchel, Kürbisse, größer als ein Pferdekopf, stapelten sich übereinander und zogen viele Kunden an. Daneben stellte ein Nord-Pärchen Haarspangen und Bürsten aus, neben allerlei Krimskrams, den man fürs Bad benötigte.
Merowe steuerte darauf zu und fragte nach den Preisen.

„Für die Haarbürste vier Septime“, sagte die Frau freundlich und deutete auf das entsprechende Exemplar. „Für die Spangen drei.“
„Was ist mit dieser Haarnadel?“, fragte Merowe und betrachtete die feinen Schnitzereien auf dem Holz.
„Sie kostet zwei Septime. Die mit dem Bronzekopf drei.“
„Und die Rasierklingen?“
„Die aus Eisen kosten 20 und die aus Stahl 25. Wir haben auch welche mit Malachitklinge für 70 Septime.“

Merowe nickte und wog die drei Münzen im Inneren ihrer Manteltasche. Wie es aussah, würde sie sich mit einer Haarnadel begnügen müssen.
„Meine Teuerste! Hier bist du!“, rief eine wohlbekannte Stimme und Merowe verdrehte genervt die Augen. Trickler stand hinter ihr und legte kameradschaftlich einen Arm um sie. „Ah, wir decken uns wohl gerade mit Zierrat für das Haupthaar ein, hm?“ Er deutete auf seine eigenen Haare und grinste. „Bei mir lässt sich damit leider nicht mehr viel anstellen. Jedoch, deine Haarpracht, meine Liebe…“ Er zupfte ihr an einer Haarsträhne und rieb sie zwischen seinen Fingern.

„Schön, dich zu sehen!“, unterbrach ihn Merowe knurrend und wandte sich zum Gehen. Trickler jedoch hielt sie fest und zog sie zum Stand zurück.
„Aber, aber, wohin des Weges? Möchtest du nicht etwas kaufen?“
Merowe seufzte und deutete schließlich auf die Haarnadel mit Bronzekopf, welche die Verkäuferin ihr lächelnd überreichte.
„So, zufrieden? Ich habe etwas gekauft.“
Trickler sah sie enttäuscht an und stemmte einen Arm in die Hüfte. „Das ist alles? Mehr willst du nicht? Was ist mit den Spangen und dem anderen Zeug? Sie sind wunderschön! Gefällt es dir nicht?“
Merowe verabschiedete sich und ging zu einem anderen Stand, ihre gute Laune verflüchtigte sich zusehends.
„Es gefällt mir“, gestand sie leise.
„Warum kaufst du dann nichts?“, fragte Trickler neugierig und blieb ihr dicht auf den Fersen.
„Ich habe kein Geld mehr.“
Trickler kicherte.
„Das ist der Grund? Aber, liebe, teure Schwester“, flüsterte er amüsiert und grinste sie an. „Ra‘ Zadir hat dir eine Summe von 7000 Septimen zur Verfügung gestellt.“
„Das hat er“, sagte Merowe missmutig und steckte mit der hölzernen Nadel ihre dunklen Haare hoch. „Doch dieses Gold ist für die Beschaffung der Karten bestimmt. Ich habe nicht vor, es für etwas anderes zu verwenden.“
„Ah, wir haben also keinen Hang zur Korruption, hm? Nun, wenn das so ist“, sagte Trickler gewichtig und packte sie an Arm und Schulter, „dann bestehe ich darauf, dass ich dir etwas kaufe.“
Merowe sah ihn entsetzt an.
„Was?! Nein! Das ist wirklich nicht notwendig! Trickler! Trickler, lass mich los!“

Sie zischte leise, damit niemand seinen Namen hörte, doch der Ruhigsteller zwang sie bereits zum Stand zurück und als Merowe sich wehrte, packte er ihren rechten Arm und verdrehte ihn auf den Rücken.
„Ich fürchte, ich muss darauf bestehen“, flüsterte er mit gespieltem Bedauern und grinste süffisant, als er ihr wütendes Gesicht sah. „Ich kann doch schließlich nicht zulassen, dass meine liebste Schwester arm wie ein Bettler über den Marktplatz läuft.“
„Lass mich los!“, forderte Merowe, als sie sich nur noch wenige Schritte vom Stand entfernt befanden. Sie dankte den Göttern, dass sie einen Handschuh trug. „Ich hab alles, was ich  brauche. Und hör auf, mich so zu nennen!“
Trickler schnalzte missbilligend mit der Zunge. Sie hasste es, wenn er das tat. „Liebste Schwester, wenn du wüsstest, wie hoch die Bezahlung war, die ich dafür erhielt, dich in die Zuflucht zu schaffen, dann würdest du fordern, dass ich dir den ganzen Stand kaufe!“

Merowe hatte das ungute Gefühl, dass er Recht hatte und so musste sie ertragen, dass Trickler sie zurück zu dem freundlichen Nordpärchen führte und ihr ohne dass sie es merkten, die Finger umknickte. Er bog sie in einen Winkel, der gerade so vor der Grenze zum Schmerz lag, doch Merowe wusste, dass es eine seiner leichtesten Übungen war, diese Grenze zu überschreiten.

„Guten Tag!“, begrüßte die Frau vom Stand sie grinsend, offenbar hielt sie Trickler für einen Freund. Merowe bemühte sich um ein Lächeln, um nicht aufzufallen und ruckte probehalber mit dem Arm. Tricklers Griff war fest wie ein Schraubstock.
„Hallo“, erwiderte die Bretonin mühsam und spürte, wie Trickler ihre Finger weiterbog. „Ich… ähm… ich hätte gerne… diese Haarbürste. Nein, nein, Moment! Diese hier.“

Trickler nickte zufrieden und der ausgeübte Schmerz ließ nach.
„Sehr gerne“, antwortete die Frau und griff nach dem teuer aussehenden Exemplar, das innen feine und außen grobe Borsten besaß und eine schöne Malerei auf der Rückseite hatte. Sie zeigte eine blaue Eule, die auf einem Zweig saß. „Sonst noch etwas?“
„Nein – ja!“ Der Schmerz schoss durch ihren ganzen Arm. Trickler kicherte amüsiert und schaute unschuldig über ihre Schulter. Merowe versuchte erneut, ihren Arm zu befreien, doch ohne Erfolg. „Ja, ich… die Klinge. Nein! Nicht doch die aus Silber!“
„Warum nicht?“, fragte Trickler und zog ihre Finger weiter an. „Sie sieht wundervoll aus. Ich finde, du solltest sie kaufen. Oder wie wäre es mit dieser hier, mit der Malachitschneide? Sieh mal! Sie hat sogar einen Knochengriff! Was kostet sie, gnädige Frau?“
„70 Septime“, antwortete die Verkäuferin und ein geschäftiges Leuchten trat in ihre Augen.
„70 Septime!“, rief Trickler glücklich aus und klopfte Merowe mit der freien Hand auf die Schulter. „Aber das ist doch fast geschenkt! Meinst du nicht auch, liebe Schwester?“
„Sicher doch!“, presse Merowe hervor, die kurz davor war, ihm ins Gesicht zu schlagen, doch der Schmerz hinderte sie wohlweißlich daran. Stattdessen ließ sie es geschehen, dass Trickler ihr neben der Haarbürste und der Rasierklinge auch noch ein kleines Etui mit verschiedenen Pfeilen und Scheren kaufte. Er ließ die Marktleute alles in eine kleine Schachtel packen und überreichte sie Merowe feierlich.
„Hier, liebste Schwester. Viel Spaß damit!“
Er drückte ihr die Schachtel in den freien Arm und bezahlte. Merowe bekam ein weiches Gefühl in den Knien, als Trickler dem Pärchen genau 100 Septime in die Hände zählte. Der Ruhigsteller bedankte sich freundlich und führte seine unfreiwillige Begleiterin weiter in das Dorf hinein. Merowe ließ sich wütend bugsieren, es beschämte sie, nicht so sehr, dass er sie gezwungen hatte, sein durchtriebenes Spiel mitzuspielen, sondern dass er sie so beschenkte.

Dennoch, es war schlichtweg nett von Trickler, dass er ihr die Sachen gekauft hatte und ohne dass sie es wollte, verzieh sie ihm schnell.
„Danke, Trickler“, murmelte sie leise und entwand ihm schließlich ihren Arm, was Trickler kommentarlos geschehen ließ. „Das…“
„Nicht der Rede wert!“, tat er ihren Dank ab und schlenderte mit ihr eine Häuserreihe entlang. Ihr Arm schmerzte noch immer ein wenig. „Um ehrlich zu sein, ich habe dich gesucht.“
„Warum das denn?“
„Ich wollte wissen, wie dein gestriger Tag verlaufen ist.“
Merowe erzählte ihm vom spottenden Nazir und Cicero, Ragna und Lorka, die ihr bei der Verwandlung assistiert hatten und Ra‘ Zadirs nicht enden wollendem Wissensdurst. Es amüsierte Trickler offenbar, dass Merowes erste Begegnung mit Lorka stattgefunden hatte, als diese ein Werwolf war und lachte laut, als sie ihm erzählte, dass das schwarze Biest ihr das Gesicht abgeleckt hatte wie ein Schoßhund.

„Die Vorstellung ist einfach zu köstlich! Normalerweise wagt es niemand, Lorka auch nur anzuschauen, wenn es keinen triftigen Grund dafür gibt“, verriet er ihr verschwörerisch und hakte sich in ihren Arm. „Und du… du streichelst sie einfach!“
Er brach erneut in Lachen aus. Merowe wusste nicht, ob sie mit einstimmen sollte. Irgendetwas in ihr mochte Lorka und spürte, dass diese Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie konnte es selbst nicht recht erklären.
„Tja, jedenfalls, es hat geklappt. Die Masken funktionieren einwandfrei. Ra‘ Zadir sagte mir, dass er persönlich losziehen und eine Sprigganmatrone besorgen will. Ich habe ihm erklärt, dass er sie lediglich betäuben darf.“
„Wie es scheint, waren seine Hoffnungen, was dich betrifft, gerechtfertigt.“
Merowe seufzte und nickte still.
„Wie habt ihr überhaupt von mir erfahren?“, fragte sie unsicher und sah zwei Frauen dabei zu, wie sie Feuerholz schlugen. Sie hatte sich diese Frage schon gestern gestellt. „Was hat euch darauf gebracht, mich zu rekrutieren?“
„Es war Ra’ Zadirs Idee. Er fing auf seinem Weg aus Hochfels einen Bretonen namens Torbas ab. Ursprünglich wollte er von ihm Galens Route erfahren, doch wie sich herausstellte, war Torbas mehr an seinem eigenen Leben als an Treue zu seinem rechtmäßigen Kronprinzen interessiert.“
Merowe schloss grauenerfüllt die Augen und sah Torbas vor sich, dieses kleine, miese, schleimige Wesen, dass sie und Galen verraten hatte. Und doch erleichterte es sie, dass nicht Emily es war, die sie an die Dunkle Bruderschaft ausgeliefert hatte.
„Er wusste zwar nicht, wo Galen sich aufhielt, kannte aber dessen Ziele und verriet Ra‘ Zadir, dass eine sehr umsichtige Archivarin seine Spuren verwischt und neu gelegt hatte. Tatsächlich war Ra‘ Zadir dieser falschen Fährte eine ganze Zeit gefolgt, bis er über Torbas gestolpert war. Danach änderte er seine Pläne.“
„Ich verstehe“, sagte Merowe gefasst. „Hat er Torbas getötet?“
„Nun, ja. Natürlich hat er das. Die Dunkle Bruderschaft mag keine losen Enden.“
„Wer mag die schon, hm?“, fragte Merowe sarkastisch und empfand eine böse Genugtuung darüber, dass Torbas seine gerechte Strafe erhalten hatte. Sie hatte ihn nie gemocht. Ein selbstherrlicher, schmieriger Kerl, der zu viele Kinder mit zu vielen Frauen gezeugt hatte. Doch Galen hatte ihm vertraut. Und so hatte sie es auch tun müssen.

Sie umrundeten das Dorf und kehrten zum Marktplatz zurück. Das Nordpärchen mit dem Stand winkte ihnen freundlich zu, als sie vorbeigingen. Trickler schlug einen Besuch in der Taverne vor, doch Merowe wollte sich nicht erneut von ihm einladen lassen. Erst, als er eine versteckte Nadel aus seiner Hose zückte und ihr erklärte, was er alles damit anstellen konnte, änderte sie ihre Meinung schlagartig und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in Den windigen Gipfel.

Drinnen war es sehr viel wärmer und sie fanden schnell ein freies Plätzchen. Trickler bestellte Met und etwas zu essen. Thoring und Karita, bei denen es sich offenbar um Vater und Tochter handelte, waren froh über etwas Kundschaft, die nicht vollkommen besoffen mit den Köpfen auf den Tischen lag. Ihr Essen ließ nicht lange auf sich warten: Rehfleisch in einer Sahnepilzsoße, die mit Rotwein angerührt worden war. Es roch köstlich und nachdem Trickler ihr versichert hatte, dass er sie vergiften würde, wenn sie nichts aß, ließ Merowe es sich schließlich schmecken.

„Bist du öfters hier?“, fragte sie nach einer Weile und sah einem betrunkenen Nord dabei zu, wie er sich unbeholfen erhob und stolpernd nach draußen stürzte, um sich laut röchelnd zu entleeren.
„Immer, wenn ich ein wenig Freizeit habe“, bestätigte er. „Als Ruhigsteller ist man nur seinem Sprecher unterstellt und Morgana hat zurzeit keine Aufträge für mich.“

„Aha“, machte Merowe tonlos und stellte sicher, dass ihnen niemand zuhörte. „Und was macht man sonst so, wenn man ein Meuchelmörder ist und nichts zu tun hat?“
„Nun, es gibt den Markt, aber den kennst du ja bereits. Manchmal gehe ich auch zum Jarl und schaue, ob ein lohnendes Kopfgeld ausgesetzt worden ist. Das ist ein netter Nebenverdienst. Und wenn die Zeit es erlaubt, reisen viele von uns nach Windhelm. Die Stadt ist größer und hat mehr zu bieten. Außerdem soll es dort ein neuartiges Bordell im Grauen Viertel geben. Sie verdienen, wie man hört, recht gut an uns.“
„Oh? Dann ist die Beziehung, die du mit Morgana hast, wohl eher etwas Ungewöhnliches?“
„Das könnte man so sehen“, antwortete Trickler verschmitzt und steckte sich ein Stück Kartoffel in den Mund. „Allerdings würde ich das nicht in ihrem Beisein erwähnen. Morgana duldet es nicht, wenn man über sie redet.“

Merowe nickte und nahm einen Schluck Met. Es passte nicht wirklich zu dem herrlich duftenden Rehragout, doch sie kannte die kulinarischen Vorlieben der Nords und verkniff sich jeden Kommentar.

„Warum nennst du sie eigentlich ‚Herrin‘?“, fragte sie dann und wischte sich über den Mund. „Ist sie nicht auch deine Schwester, als Kind von Sithis?“
Trickler lächelte verlegen und wurde kaum merklich rot. „Nun ja, ich… es stimmt, was du sagst. Aber es ist ein wenig komplizierter. Morgana ist keine Person, der man auf Augenhöhe begegnet.“
Merowe betrachtete ihn schweigend und wedelte ihm, nachdem er eine geschlagene Minute zu Boden gestarrt hatte, mit der Hand vor die Augen.
„Hallo? Noch jemand da?“
Er grinste.
„Ja. Entschuldige. Ich habe nur gerade an sie gedacht.“
„An Morgana?“
„An Morgana.“
„Deine Herrin?“
„Meine Herrin.“
„Trickler, kann es sein, dass du devot bist?“, fragte Merowe vorsichtig und sah ihn von der Seite an. Er schluckte nervös und nickte dann schüchtern.
„Ja… vielleicht bin ich das.“
„Und das funktioniert? Innerhalb der Bruderschaft, meine ich? Sehen die anderen nicht auf dich herab, wenn du sie so nennst?“
„Wieso sollten sie?“, erwiderte Trickler und prostete dem Wirt zu, der zu seinem Tresen zurückgekehrt war. „Ich bin ein Ruhigsteller. Die meisten wissen, dass ich sie jederzeit mit meinen Nadeln ans Bett fesseln kann, wann immer mir danach ist. Die einzigen, vor denen ich Rechenschaft ablegen muss, sind Morgana und der Zuhörer. Vor ihnen habe ich alle Freiheiten der Welt.“
„Und diese Freiheiten erlauben dir, dich hier mit mir zu treffen? Wird Morgana dadurch nicht eifersüchtig?“
Trickler schüttelte den Kopf.
„Ich genieße ihr vollstes Vertrauen. Davon abgesehen wird sie es gerne sehen, wenn ich unser kleines Projekt… betreue.“
Er grinste frech und Merowe ahnte, dass sie das besagte Projekt darstellte.
„Gibt es noch weitere Paare in der Dunklen Bruderschaft?“
„Nun, Ra‘ Zadir hatte einmal etwas mit Cicero… aber seit dem Vorfall vor 14 Jahren ist das wohl etwas auseinander gedriftet.“
Überrascht zog Merowe die Augenbraue hoch.
„Vorfall? Was für ein Vorfall?“

Trickler seufzte und bestellte eine zweite Runde. „Der Vorfall überhaupt“, sagte er düster. „Ra‘ Zadir bemühte sich damals, die Dunkle Bruderschaft wieder so aufzubauen, wie er sie kennengelernt hatte. Die damalige Leiterin, Astrid, hatte ihn an die kaiserliche Leibwache verraten und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Doch sie hatte noch andere mit in den Tod gerissen. Ein Argonier, die letzte Schattenschuppe, war auch unter den Opfern und mit ihr starb eine lange Tradition.“
„Was ist eine Schattenschuppe?“, fragte Merowe neugierig und stach ihre Gabel in das zarte Rehfleisch.
„Ein Orden von Meuchelmördern. Die Schattenschuppen sind seit jeher ein Teil der Dunklen Bruderschaft gewesen. Es handelt sich um Argonier, die dem Hofe des Königs von Argonien dienen und in der Dunklen Bruderschaft ausgebildet werden. Sie sind unter dem Zeichen des Schattens geboren und, wenn sie es darauf anlegen, nahezu unaufspürbar. Die Schattenschuppen sind ein Teil von uns, zugleich aber auch ein politisches Machtinstrument des argonischen Königs. Ohne sie war die Dunkle Bruderschaft nicht länger vollständig.“
„Also hat Ra‘ Zadir versucht, neue auszubilden?“
„Und er war erfolgreich“, bestätigte Trickler. „Doch es dauerte, bis die ersten von ihnen ihren Weg zu uns nach Dämmerstern fanden. Ra‘ Zadir reiste persönlich mit Cicero und Nazir nach Archon, wo er einem Unterhändler des Königs seine Vision unterbreitete. Es gab bereits vor Ra‘ Zadirs Eintritt in die Dunkle Bruderschaft Überlegungen in diese Richtung, doch es fehlte damals schichtweg an den nötigen Ressourcen und sämtliche Meuchelmörder aus unseren Reihen wurden verfolgt. Die damalige Zuhörerin Alisanne Dupre und ein weiteres Mitglied namens Rasha hatten dringlichere Sorgen, denn die Mutter der Nacht war in Gefahr und der Vorgänger des argonischen Königs fürchtete, dass die Schattenschuppen nicht vollständig unter seiner Kontrolle stehen könnten. Es heißt, er habe einen geheimen Plan gewittert, mit dem die Dunkle Bruderschaft ihn stürzen und zu diesem Zweck die Schattenschuppen missbrauchen könnte. Die Wahrheit ist jedoch, dass es niemals einen solchen Plan gegeben hat. Und tatsächlich war sein Nachfolger sofort einverstanden und lieferte Ra‘ Zadir zwei Jungen und zwei Mädchen, die als Assassinen bei uns ausgebildet werden sollten. Und sie blieben nicht die einzigen. Doch während ihres Aufenthalts in Schwarzmarsch verliebte Cicero sich in den Unterhändler und betrug Ra‘ Zadir.“ Trickler verzog mitfühlend die Lippen und seufzte schwer. „Damals ist zwischen den beiden etwas zerbrochen und Cicero versucht seither vergeblich, ihn um Verzeihung zu bitten.“

„Du meine Güte“, murmelte Merowe und nahm noch einen Schluck Met. „Nach 14 Jahren kann er Cicero einen kleinen Fehltritt noch immer nicht vergeben? Es gibt tausende Paare in der Welt, die über weitaus Schlimmeres hinwegsehen können.“
„Es ist nicht so, dass Ra‘ Zadir sein Vertrauen ohne Konsequenzen in andere setzt. Babette erzählte mir, dass sie einst sehr glücklich miteinander waren. Doch es brach ihm das Herz, als seine Liebe ihn mit jemand anderem betrog. Ra‘ Zadir ist großmütig, doch in der Liebe… in der Liebe ist er sehr viel verletzlicher, als so mancher es von sich behaupten kann.“

„Hm…“
Merowe wusste nicht, was sie sagen sollte. Es überraschte sie, was Trickler sagte. Ra‘ Zadir wirkte stets so gefasst, so beherrscht, so herzlich. Es war schwer vorzustellen, dass er mit gebrochenem Herzen einer alten Liebe nachtrauerte. Sie verstand nun Ciceros eifersüchtige Blicke ihr gegenüber, auch wenn sie völlig ungerechtfertigt waren.
„Hat Ra‘ Zadir je einen anderen Partner gehabt?“, fragte sie schließlich und schob ihren leeren Teller von sich.

„Nicht, soweit ich weiß. Aber er redet nicht wirklich darüber. Trotzdem, irgendwie scheint Ra‘ Zadir nicht der Typ dafür zu sein. Er ist ein Bücherwurm und reist oft in die Hauptstadt, um sich Konzerte anzuhören oder Theateraufführungen zu besuchen.“
„Dann empfindet er vielleicht noch etwas für Cicero.“
Trickler zuckte die Schultern. „Das kann sein. Doch es würde mich überraschen, würde er es jemals zugeben. Ra‘ Zadir ist wahnsinnig stolz.“ Sie schwiegen eine Weile und sahen Karita dabei zu, wie sie neues Holz nachlegte. „Was ist mit dir?“, fragte Trickler unvermittelt und steckte sich ein Fleischstück zwischen die Zähne.

„Was soll mit mir sein?“
„Nun, ich dachte, wenn wir schon einmal dabei sind, die aufregenden Liebesgeschichten von anderen aufzudecken, dann könnten wir auch ein wenig über dich plaudern.“ Er bewegte seine Finger und wackelte damit vor ihrem Gesicht herum. „Immerhin habe ich dir ja auch etwas über mich erzählt. Was gibt es Schmutziges und Geheimes über Merowe Fraymont zu erfahren?“
Merowe zuckte die Schultern und starrte in ihr leeres Trinkhorn. „Nicht viel, fürchte ich. Ich war nie der gesellige Typ.“
Trickler rückte näher und senkte verschwörerisch seine Stimme. „Aber sicherlich hast du ein paar skandalöse Bettgeschichten, die du mit mir, deinem lieben, dunklen Bruder teilen willst, nicht wahr?“ Er klimperte mit den Wimpern und bestellte beim Wirt eine neue Runde.
„Wein, bitte!“, sagte Merowe, als Thoring ihre Teller abräumte und rieb sich verlegen am Arm. „Na ja, es gab da eine…“ Sie seufzte und verstummte. Sie wollte lieber nicht darüber reden.
„Jaaa?“, fragte Trickler neugierig und überschlug seine Beine. „Was gab es?“
Merowe schüttelte den Kopf und schloss die Augen. „Ist nicht so wichtig.“
„Oh, bitte, bitte, bitte!“, rief Trickler flehend und legte die Hände aneinander. „Es gehört sich nicht, eine Geschichte anzufangen und sie nicht zu Ende zu bringen! Du kannst doch nicht ernsthaft behaupten, dass es nichts gibt, rein gar nichts, das sich nicht für einen dieser schmuddeligen Schundromane eignen würde.“

„Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen, Trickler.“
„Wirklich?“ Er verzog die Lippen. Dann begannen seine Augen zu leuchten. „Soll ich dir noch eine von meinen Geschichten erzählen?“
„Ich nehme an, du würdest es sowieso tun, ganz gleich, wie meine Antwort lautete“, gab Merowe trocken zurück und nahm dankbar das aufgefüllte Trinkhorn entgegen.
„Ah, ich sehe, du lernst, mich einzuschätzen“, lachte Trickler und legte einen Arm um sie. „Also… wo fange ich an?“
Frage dich lieber, wo du aufhörst, dachte Merowe und nahm einen Schluck Wein.
„Hm… wusstest du, dass Morgana es liebt, mich zu fesseln?“, fragte er heiter. Merowe prustete. „Sie tut es fast jedes Mal, wenn wir Sex haben. Sie hat ihren eigenen Raum, musst du wissen und für diesen Zweck extra Halterungen in die Wand einbauen lassen, die…“
„Trickler!“
„Ja?“, fragte der Ruhigsteller und tat, als überraschte ihn ihr Zwischenruf. „Also, wie ich gerade schon sagte, sie…“
„Ich will das überhaupt nicht wissen“, murmelte Merowe und massierte sich die Schläfen. „Und es geht mich auch überhaupt nichts an.“
„Och“, machte Trickler und leerte sein Horn in einem Zug. „Ich dachte schon, ich hätte endlich jemanden gefunden, mit dem ich über so etwas tratschen kann. Die meisten in der Zuflucht sind so unfassbar spießig, weißt du? Viel zu prüde, wenn du mich fragst. Aber du…“ Er tippte Merowe aufs Brustbein. „Du bist eine Bretonin aus Hochfels. Du warst die Archivarin eines der fünf Königshöfe. Sicherlich gibt es manches, was du mitbekommen hast und niemals preisgeben durftest. Ein paar kleine, liederliche Geschichten für den armen Trickler? Ungezügelte Orgien, um ein politisches Manöver des Gegners zu umgehen? Maßlose Affären im Zusammenhang mit Wein und Drogen? Geldgeschäfte, die die Öffentlichkeit empört aufschreien lassen würden, würde sie jemals davon erfahren?“
Merowe presste die Lippen zusammen und sah Trickler von der Seite an. Sie wünschte, dass sie hätte überlegen müssen, bis ihr eine derartige Geschichte einfiel. Doch sie kannte Dutzende von ihnen. Und jede einzelne würde Tricklers schmutzigen Fantasien mehr als dienlich sein.

„Es gab da einen Vorfall, in den ich… verwickelt war“, begann sie langsam und starrte auf die Schachtel, die Trickler ihr gekauft hatte. Sie schuldete ihm das. „Aber du darfst mit niemandem darüber reden, okay?“
„Selbstverständlich nicht“, sagte Trickler, legte sich seine Hand aufs Herz und hob die andere in die Luft. „Ich bin ein ausgebildeter Hofnarr! Ich weiß, wie man ein Geheimnis behütet.“
Merowe glaubte ihm kein Wort. Doch es war keine Geschichte, die sie selbst belastete.
„Schön, also… du kennst vermutlich das Sprichwort, dass die Bretonen die Politik erfunden haben.“
„Aber natürlich.“
„Wie dir bekannt sein dürfte, diente ich dem Königshaus von Gondastyr, bevor du und Morgana mich aufgegriffen habt. Das Königshaus Dunyval sollte Galens Mutter Endre eine Geisel schicken, um einen Pakt über ein bestimmtes Gebiet zu besiegeln. Dunyval hatte Land von Gondastyr erobert und erst nach zwei Jahren gelang es uns, sie wieder von dort zu vertreiben. Die Geisel also, eine junge Frau namens Evonna, wurde, lediglich begleitet von ihrer Zofe, vier unserer besten Ritter überantwortet, die sie aus dem Norden nach Camlorn bringen sollten.“
Trickler hing an ihren Lippen und hatte den Kopf auf seine Hände gestützt.

„Sie reisten per Kutsche, einem gigantischen, pompösen Exemplar, wie es nicht einmal der Kaiser besitzt. Evonna kam aus reichem Hause und es ist Brauch, dass Geiseln, obwohl ein Werkzeug für politische Sicherheit, den gleichen Luxus an anderem Hofe genießen können, wie zu Hause. Man hatte mich gebeten, Protokoll über ihre Ankunft zu führen und so saß ich ein paar Plätze entfernt von der Königin, vor mir Tinte und Papier und bereit, jedes noch so kleine Detail für die Nachwelt festzuhalten.“
Trickler beugte sich vor, um ja kein Wort zu verpassen und trank schlürfend.
„Doch was dann geschah…“ Merowe machte eine Kunstpause und beobachtete, wie Tricklers Augen sich weiteten, „verbot mir, auch nur einen Federstrich zu machen.“
„Was? Was?! Was ist passiert?“, fragte er begierig und verschüttete die Hälfte des Mets. Thoring warf ihm einen säuerlichen Blick zu.
„Die Kutsche kam an, doch von den Rittern fehlte jede Spur. Königin Endre hatte den gesamten Hof versammeln lassen, um die Gäste, wie sie sie nannte, zu empfangen. Zu einer solchen Zeremonie gehört, dass der Ranghöchste der Ritter diese ankündigte und ihnen die Kutschentür öffnet. Da niemand da war, nahm sich kurzerhand einer der Diener dieser Aufgabe an und als er die Klinke der Kutschentür herunterdrückte…“

Trickler berührte sie fast und seine Hand verkrampfte sich in der Tischkante.
„… waren alle vier Ritter darin, splitterfasernackt und knutschten miteinander, als gäbe es kein Morgen mehr.“
„Nein!“, rief Trickler aus und bestellte, als der Wirt ihren Tisch saubermachte, eine Schale mit Honignüssen und eine weitere Weinkanne.
„Doch“, antwortete Merowe.
„Wahnsinn!“, hauchte Trickler und rieb sich die Hände. „Was ist dann passiert?“
Merowe grinste, die Erinnerung an den Vorfall war taufrisch in ihrem Gedächtnis. „Nun, du kannst dir vorstellen, dass das Ganze für einen ziemlichen Skandal gesorgt hat. Wie sich herausstellte, war Evonnas Zofe eine fähige Alchemistin und kannte ein wirksames Rezept für einen Liebestrank, den sie den Rittern in ihr Wasser geschmuggelt hatte. Bei einer Rast warteten sie und Evonna ab, bis das Gebräu seine Wirkung entfaltete. Als die Ritter sich nicht länger beherrschen konnten und aufeinander stürzten, flohen sie und versuchten, Hochfels zu verlassen. Ihre Leibgarde zog sich in die Kutsche zurück und der Kutscher, taub und senil, fuhr weiter, ohne einen Unterschied zu merken.“
„Du meine Güte!“, murmelte Trickler und nickte anerkennend. „Wurden Evonna und ihre Zofe noch erwischt?“

„Ja, allerdings“, sagte Merowe bedauernd und nahm sich eine Honignuss. „Sie hatten keine Pferde und Königin Endre ist keinesfalls dafür bekannt, dass sie etwas unerledigt lässt. Die beiden wurden kurz vor der Grenze gefasst und nach Camlorn überführt und die Ritter verloren ihren Stand und mussten als einfache Soldaten in die Armee zurückkehren. Soweit ich weiß trafen sie sich danach aber noch manchmal.“
„Wie süß…“ Trickler nickte und faltete die Hände in den Schoß. „Kannst du mir noch eine Geschichte erzählen?“, platzte es dann aus ihm heraus und Merowe tat ihm den Gefallen.
Sie blieben noch eine Weile und unterhielten sich über Cicero, der Trickler vor vielen Jahren in den Künsten des Hofnarren ausgebildet hatte. Merowe überraschte das wenig, auch, wenn sie nichts davon gewusst hatte. Trickler und Cicero bewegten sich auf ähnliche Weise fort, ihr Gang hatte immer etwas Elegantes, Tanzendes. Und es war mehr als offensichtlich, dass beide eine Vorliebe für albernes Gekicher hatten. Trickler bezahlte und sie spazierten gemeinsam zur Zuflucht zurück.

„Was würde passieren, wenn du Morgana betrügen würdest?“, fragte Merowe, als sie den Strand entlanggingen und kickte einen Kiesel ins Wasser.
„Ich würde niemals…!“
„Wenn, Trickler! Wenn! Es ist eine theoretische Überlegung. Wenn du es tun würdest, wie würde Morgana reagieren?“
„Sie würde mir den Hintern versohlen!“, sagte er träumerisch und fing sich einen Rippenstoß ein. „Na gut, würde sie nicht. Vermutlich würde sie mich in Flammen aufgehen lassen.“
Es klang ernst.
„Ehrlich? Sie würde dich töten?“
„Rein rechtlich stünde ihr das zwar nicht zu, aber meine Herrin ist ziemlich besitzergreifend, was mich anbelangt. Was ich im Übrigen sehr niedlich finde.“
„Ja. Entzückend. Wer träumt nicht nachts davon, dass sein Partner ihn anzündet?!“
„Ich will damit nur sagen, dass es schön ist, von jemandem so sehr gewollt zu werden“, sagte Trickler und lächelte in sich hinein. Er war taktvoll genug, Merowe nicht nach ihrem Liebesleben zu fragen.

Ra‘ Zadir kehrte erst am späten Nachmittag in die Zuflucht zurück, als Merowe mit Trickler und ein paar anderen beim Abendbrot saß. Er war zu Pferd nach Süden gereist und hatte an einem Weiher eine Sprigganmatrone aufgespürt. Sie war, so erzählte er, von anderen Spriggans verteidigt worden und hatte zu allem Überfluss auch einen Bären auf ihn gehetzt, doch der Zuhörer war ohne einen Kratzer aus dem Kampf hervorgegangen.
„Eine erfrischende Abwechslung zu dem sonst zu ermüdenden Alltag eines Zuhörers“, wie er ihr versicherte.
Wie sich herausstellte, war er ein hervorragender Bogenschütze und lieferte Merowe das Waldgeschöpf zu den gewünschten Konditionen aus. Die Bretonin war sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Es war ein wundervoll gewachsenes Exemplar, die roten Blüten und die kräftigen Zweige, die haarähnliche Strukturen aufwiesen, zeigten keinerlei Hinweise auf Verfall oder Krankheit. Sie fertigte noch am selben Abend eine Maske an, die sie dem erstarrten hölzernen Gesicht anpasste und versah die Matrone alle sechs Stunden mit einer neuen Portion Gift, welches Trickler ihr eigens zubereitete. Dann ging sie noch ein letztes Mal mit Ra‘ Zadir den Plan durch und ließ sich von ihm eine aussortierte Robe geben, die ihr einigermaßen passte, außerdem einen weiteren großen Seelenstein. Merowe verstaute die Sprigganmatrone in einer großen Holzkiste, steckte ihr Schreibzeug in die Innentasche ihrer Robe und betrachtete sich prüfend im Spiegel.

„Du siehst überzeugend aus“, sagte Ra‘ Zadir lächelnd und nickte anerkennend.
„Ich hoffe es“, gab sie zweifelnd zurück und strich sich eine widerspenstige Strähne hinter das Ohr. „Denn wenn nicht, schlägt unser Plan fehl.“
„Er wird es nicht“, zeigte der Khajiit sich zuversichtlich. „Alles wird gut werden. Ich glaube an dich.“
„Vielen Dank“, sagte Merowe überrascht und verabschiedete sich. Sie würde viel Schlaf für den folgenden Tag brauchen.
Der frühe Vogel kann mich mal!
  02.06.2014, 13:03
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  • Bettler
    • Neuling
Hey, meine lieben Schwarzleser!

Da ich hier so gut wie keine Rückmeldung bekomme, was ich bei 300 Klicks ein wenig dreist finde, werde ich diese Geschichte nicht fortsetzen. Ihr könnt euch nämlich nicht vorstellen, wie bescheuert es sich anfühlt, immer so ins  Leere zu posten.

Liebe Grüße,

Scrima
Der frühe Vogel kann mich mal!
  12.06.2014, 08:22
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  • Mitwisser
    • Dunkle Bruderschaft
Eigentlich sehr schade, aber verständlich.
Ich gebe zu, Schattenblut 2 noch nicht mal angefangen zu haben, hatte es mir aber vorgemerkt, da ich deine erste Geschichte dazu noch in so guter Erinnerung habe. Leider lese ich gerade 4 größere Sachen parallel, da müssen neue noch warten.  ;)

Und Fadomai sagte: „Wenn Nirni ihre Kinder trägt, dann nimm eines davon und verwandle es.
Mach die schnellsten, klügsten und schönsten menschenähnlichen Wesen aus ihm und nenne sie Khajiit.“
  12.06.2014, 09:05
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