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Thema: Der Weg zur Grünen Insel  (Gelesen 1281 mal)

  • Skelett-Krieger
    • Untot
Dies ist eine Kurzgeschichte, die ich Anfang 2014 für einen Literaturwettbewerb geschrieben habe. Vorgabe war das Thema 'Irrlichter' und ein Maximum von 18.000 Anschlägen. Bei über 200 Bewerbern kam die Geschichte natürlich nicht unter die ersten 20 Plätze. Da ich keine Verwendung mehr dafür habe, habe ich kein Problem damit, sie hier zu verheizen. Ich wünsche gute Unterhaltung. Rückmeldungen sind natürlich immer gern gesehen.

Tipp: Zur besseren Lesbarkeit könnt ihr die Fensterbreite reduzieren, damit Absätze nicht auf eine einzelne Zeile gestreckt werden.



Der Weg zur Grünen Insel


Was für eine dreckige Stadt, voller Ruß und Siechtum. Sie verfinsterte selbst die Nacht. Der Qualm ihrer Schlote verhüllte Himmel und Sterne. Sowie alles andere, was er liebte. Kerri blickte angestrengt die Straße hinunter. Wartend, hoffend, bangend. Was, wenn sie seine Nachricht nicht erhalten hatte? Was, wenn sie nicht kam?

„Guten Abend.“ Die Stimme des Mannes riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Ein uniformierter Stadtdiener passierte ihn. Der Mann beachtete ihn nicht weiter und inspizierte die Brenndauer der Kryslaterne. Er öffnete ein kleines Fach und schob einen Kristall nach.

Kerri antwortete nicht. Wie zum Gruß hob er die Hand zur Krempe seines Huts und zog ihn tiefer in das Gesicht. Bemerkte der Mann seine Schuppen, würde er zweifellos anfangen, Fragen zu stellen. Vielleicht sogar einen Schutzmann rufen.

Glücklicherweise schöpfte der Bedienstete keinen Verdacht und setzte seinen Weg zur nächsten Lampe fort.

Kerri wartete, bis der Beamte außer Sichtweite war. Rasch zog er einen Dietrich und machte sich am Schloss der Laterne zu schaffen. Unverbrauchtes Krys war wertvoll. Doch vor allem war es entscheidend für ihr Vorhaben. Sein Geschick als Mechaniker zahlte sich jetzt aus. Nach nur wenigen Augenblicken hatte er das Fach geöffnet. Er entnahm den leuchtenden Kristall und ließ ihn in der Tasche seines Lodenmantels verschwinden. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Die Lampe war jetzt aus. Eine Rußfahne weniger in dieser Stadt.

Die Turmuhr in der Nähe schlug zwei Mal. Zügig machte er sich zu ihrem Treffpunkt am anderen Ende der Straße auf.

***

Er erreichte den mit Maschendraht umzäunten Stellplatz nur wenig später. Es war niemand in der Nähe. Nur in dem kleinen Wärterhäuschen brannte Licht. Kerri schlich sich an und warf ein Blick durch das Fenster. Der Mann lehnte schnarchend auf seinem Stuhl. Auf seiner Brust lag eine Zeitung. „KRIEG! PRÄSIDENT NAYANO VERWEIST SKERR DES LANDES“, prangte die Überschrift der Titelseite.

Der Wärter machte eine Bewegung, wie um eine Fliege zu verscheuchen. Kerri zog sich rasch in den Schutz der Dunkelheit zurück. Die Turmuhr schlug viertel nach zwei. Sein Magen zog sich zusammen. Angestrengt stierte er in die Dunkelheit der Straße.

Nur wenig später nahm er eine Bewegung wahr. Ein Schatten, der an Deutlichkeit zunahm. Er glaubte, ihren geschmeidigen Gang zu erkennen. Als sie eine Kryslaterne passierte, atmete er erleichtert auf. Es war Raya.

Über ihr Kleid war ein Tragetuch gewickelt, in dem ein Säugling lag. Phoë. Zum ersten Mal würde er sein Kind sehen. Die gegensätzlichen Gefühle verwirrten ihn. Stolz und Scham. Freude und Angst. Was, wenn er sie nicht mochte? Wenn sie hässlich oder entstellt war? Was, wenn sie ihn nicht akzeptierte? Er schob die Gedanken beiseite und erinnerte sich an die Worte seines Vaters. „Ein Skerr tut, was getan werden muss. Er denkt nicht darüber nach, was geschehen könnte.“

Als Raya ihn bemerkte, beschleunigte sie ihren Gang. Er lief ihr entgegen. Behutsam schlang er seine Arme um sie und drückte sie an sich.

„Raya! Geht es dir gut?“

Sie nickte nur und schaute zu ihm auf. In ihren Augen spiegelten sich Freude und Unsicherheit. Runde Pupillen warfen schwaches Licht zurück.

„Und Phoë?“ Er schaute nervös auf das Mädchen.

Raya löste sich von ihm und zog das Tuch aus dem Gesicht des schlafenden Kindes. Kerri betrachtete es aufmerksam. Die widersprüchlichen Gefühle versiegten. Es war, als ob eine Knospe in seinem Herzen aufging. Fell und Schuppen. Felen und Skerr. Wer hätte gedacht, dass diese Gegensätze in einem Kind vereint so schön sein konnten?

Er schluckte bewegt. „Sie ist ein Wunder!“

„Ja, das ist sie.“ Raya lehnte ihren Kopf an seine Schulter.  Sie schnurrte, während sie gemeinsam das Kind betrachteten.

Kerri riss sich gewaltsam vom Anblick seiner schlafenden Tochter los.

„Wir sollten keine Zeit verlieren. Die Schutzmänner patrouillieren überall.“

Sie nickte. „Wie sieht dein Plan aus?“

Er wies in Richtung des Stellplatzes. „Krysmobile. Der Wärter schlummert friedlich im Häuschen. Hab ein Auge auf ihn, während ich das Schloss knacke.“

„Hast du einen Kristall?“

Er zog den Krys aus der Manteltasche. „Kleinigkeit.“

Sie grinste und wandte sich um. Mit anmutigen Schritten hielt sie auf das Wärterhäuschen zu.

Kerri huschte im Schutz der Schatten zum Tor. Ein einfaches Vorhängeschloss, ein Kinderspiel. Sicherheitshalber blickte er sich noch einmal um. Die Luft war rein. Also hockte er sich hin und machte sich an die Arbeit.

Ausgerechnet in diesem Augenblick erwachte Phoë und begann zu quengeln. Raya entfernte sich schnell vom Wärterhäuschen. Sie huschte zu ihm und versuchte die Kleine durch Wiegen und sanfte Zusprache zu beruhigen.

Kerri unterbrach seine Arbeit und sah zu ihr auf. „Was ist mit ihr?“

„Hunger.“

„Wenn der Wärter aufwacht, sind wir geliefert.“

„Nun, dann konzentrierst du dich besser auf deine Arbeit, anstatt deine Tochter so vorwurfsvoll anzustarren.“

Kerri wandte sich wieder dem Schloss zu. „Du hast Recht, entschuldige.“

Aller Bemühungen Rayas zum Trotz begann Phoë laut zu weinen. Er beschleunigte seine Versuche, den Schließmechanismus zu knacken. Nur wenig später sprangen zeitgleich das Schloss und die Tür des Wärterhäuschens auf.

Hastig erhob sich Kerri und öffnete das Eisentor. Er packte Raya am Arm und zog sie mit sich auf den Stellplatz. Der uniformierte Felen entdeckte sie und hielt schwerfällig auf sie zu.

„He Sie! Was machen Sie da? Das ist Privatbesitz!“

Noch ehe der Wachmann das Tor erreichte, hatte Kerri seiner Geliebten auf den Bock eines Krysmobils geholfen. Mit einem Satz sprang er auf die Fahrerseite. Rasch kramte er den Kristall aus seiner Manteltasche hervor und führte ihn in die Zündvorrichtung ein.

Scheinwerfer flammten auf und strahlten den Wächter an, der gerade seine Pfeife an den Mund setzte. Ein schrilles Trällern durchdrang Rauchschwaden und hallte von dunklen Fassaden wider.

Mit aller Kraft zog Kerri den Anlasser. Zischend kam Leben in den Dampfmotor. Das Gefährt setzte sich in Bewegung. Mutig stellte der Wärter sich ihnen in den Weg. Doch nichts würde das schwere Ungetüm jetzt noch aufhalten. Rücksichtslos drehte Kerri das Ventil auf Anschlag. Das Krysmobil schoss vom Stellplatz zur Straße hinaus. In letzter Sekunde sprang der Wachmann zur Seite. Verzweifelt blies er wiederholt in die Pfeife. Zu spät. Kerri schlug bereits den Weg aus der Stadt ein.

***

Der Morgen war angebrochen, als Raya neben ihm erwachte. Sie hatte in der Nacht Phoë versorgt und war schließlich an seiner Schulter eingenickt. Er folgte ihrem Blick, als sie sich umsah, um sich zu orientieren.

Die Sonne vermochte nicht die Dunstglocke zu durchdringen, die über der Stadt hing. Als diffuser Fleck hing sie am grauen Himmel und tauchte alles in braunes Licht. Sie hatten die äußeren Bezirke erreicht. Qualmende Fabriken und heruntergekommene Häuser zogen an ihnen vorbei.

Ihre Blicke trafen sich und er lächelte ihr aufmunternd zu. „Guten Morgen, Samthand.“

Sie schmiegte sich schnurrend an ihn. „Guten Morgen.“

Wortlos steuerte er das Mobil aus der Stadt heraus. Trotz der unablässigen Auseinandersetzungen beider Nationen waren ihre Städte wie Geschwüre gewachsen. Neue Fabriken wurden aus dem Boden gestampft. Neue Arbeiter angesiedelt, um die Kriegsmaschinerie anzutreiben. Die Städte gingen beinahe nahtlos ineinander über. Es war nicht möglich, den Fängen der Schutzmänner zu entkommen. Nicht mit einem Krysmobil.

Raya schien ähnliche Überlegungen angestellt zu haben. Sie blickte ihn fragend an. „Nun, mein Kapitän, wohin geht die Reise?“

Kerri presste die Lippen aufeinander. Sein Plan würde ihr nicht gefallen.

„Zum Lufthafen, ein paar Kilometer von hier. Wir nehmen uns ein Luftschiff und fliehen nach Süden.“

Rayas Augen weiteten sich. „Ist nicht dein Ernst! Kerri, es ist eine Sache, ein Fahrzeug zu stehlen. Aber sich auf einen abgeriegelten Lufthafen zu schleichen …!“

„Wir schaffen das.“ Er versuchte seine Stimme so zuversichtlich wie möglich klingen zu lassen. „Oder hast du einen besseren Vorschlag?“

„Also gut, wir stehlen ein Luftschiff, und dann?“

„Lech'Saïd, die große Wüste im Süden. Dort gibt es genügend Orte, wo man sich verstecken kann.“

„Du willst deine Tochter in einer Wüste aufziehen?“

„Es gibt einige grüne Oasen dort. Wir suchen uns ein schönes Fleckchen und bauen uns eine Existenz auf. Nur ich, du und Phoë. Es ist der sicherste Ort für unser Kind.“

Raya blickte ihn nicht an und stierte mit ernster Miene voraus. Er folgte ihrem Blick und erschrak. Nur wenige hundert Meter vor ihnen standen Fahrzeuge quer auf der Fahrbahn. Links und Rechts davon warteten Schutzmänner.

Panik stieg in ihm auf. „Verdammter Mist!“

„Bleib ruhig. Fahr ran. Ich regle das.“

Kerri zog sich den Hut ins Gesicht und drosselte die Geschwindigkeit. Als sie die Sperre erreichten, stellte er den Dampfmotor ab.

Ein Schutzmann näherte sich der Beifahrerseite und tippte zum Gruß an seinen Helm. „Guten Tag, die Herrschaften. Die Papiere bitte.“

Raya zog ihre Ausweispapiere aus der Schürze und übergab sie  ihm. „Hier bitte, Herr Schutzmann. Ist etwas nicht in Ordnung?“

Der Polizist zwirbelte nachdenklich seine Schnurrhaare, während er die Papiere inspizierte. „Nur eine Routineüberprüfung, Fräulein … Frellis. Raya Frellis, die Tochter des Stadtrats?“ Er musterte sie erstaunt.

„Ganz recht!“

„Und Ihr Fahrer ist … ?“

Raya hob die Hand und machte eine abfällige Geste.

„Ach, der Echsenmann ist nur unser Diener, Virra. Er bringt mich zum Lufthafen. Ich habe dort ein wichtiges Treffen …“

Kerri wandte den Kopf und tippte an seine Hutkrempe. Seine andere Hand tastete sich langsam zum Anlasser vor.

„Ich verstehe. Allerdings sind Skerr seit Aufhebung des Friedensvertrags des Landes verwiesen. Das betrifft auch Bedienstete.“

„Oh? Wissen Sie, mein Vater kümmert sich um diese Dinge. Ich bin sicher, er wird die Sache bald abwickeln.“

Der Polizist nickte mit ernster Miene. „Richten Sie Ihrem Vater aus, er möge sich zügig darum kümmern. Er will sicher nicht … bei meinem Schnurrbart!“

Der Schutzmann starrte entsetzt an Rayas Oberkörper herab. Phoë war erwacht und hatte sich seiner Stimme zugewandt. Kerris Hand schloss sich fest um den Knauf des Anlassers. Der Mann wandte den Kopf zur Seite und schrie: „Ein Bastard! Die haben einen Bastard!“

Noch bevor die anderen Schutzmänner reagierten, zog Kerri am Anlasser und öffnete das Dampfventil. Er ließ das Mobil auf die Wiese vorpreschen. Schrille Pfeifen ertönten hinter seinem Rücken.

Raya blickte zurück. „Sie verfolgen uns! Und jetzt?“

Fieberhaft dachte Kerri nach. Die Schutzmänner würden jede Dienststelle auf ihrem Weg per Morsesignal warnen. Sie würden es niemals zum Lufthafen schaffen. Sein Plan war gescheitert.

Verzweifelt blickte er voraus. Unweit von ihnen ging die Wiese in ein Waldstück über. Ein grüner Fleck, der dem Raubbau noch nicht zum Opfer gefallen war. Er beschleunigte und hielt direkt darauf zu.

Der abschüssige Boden und das Holpern machten es unmöglich, die Kontrolle über das Gefährt zu behalten. Mit lautem Krachen prallte es gegen einen Baumstamm. Kerri zog den Kristall aus der Zündvorrichtung und sprang vom Bock. Er rannte zur anderen Seite. Die Schutzmänner stürmten die Wiese herab. Raya war vom Aufprall benommen. Phoë weinte an ihrer Brust. Kerri umschlang seine Geliebte und hob sie vom Bock herunter. Keuchend hastete er in den Wald hinein. Nach einigen Metern setzte er sie auf die Füße und zog sie hinter sich her.

***

Sie blieben erst stehen, als sie die Erschöpfung dazu zwang. Die Abenddämmerung war bereits angebrochen. Offenbar hatten sie ihre Verfolger abgehängt. Man sagte, wer den Wald betrat, kam nie mehr heraus. Doch Kerri bezweifelte, dass die Schutzmänner solche Gerüchte ernst nahmen. Vermutlich warteten sie auf Verstärkung und den Tagesanbruch.

Stumm saßen sie nebeneinander unter hohen Bäumen und sahen dem schwindenden Licht zu. Als die Dunkelheit zunahm, warf er den Krys vor sich auf den Boden und legte schützend seinen Arm um Raya.

Sie seufzte. „Ein schwacher Ersatz für ein Lagerfeuer.“

„Ich weiß.“

„Sie werden uns kriegen, Kerri.“

„Ich weiß, es tut mir leid.“

Sie legte ihm die Hand auf die Lippen. „Du hast getan, was du konntest.“

Er hob resigniert den Kopf und schaute zum Himmel. „Raya sieh doch, die Sterne!“

„Ja, die Luft hier ist deutlich besser als über der Stadt. Es ist lange her, dass ich … Kerri!“

Er riss sich vom Anblick des Sternenzelts los. Raya wies auf den Kristall, der selbst wie ein Stern zu funkeln begann. Immer stärker wurde sein Licht, bis er einer gleißenden Kugel glich, die sich sanft in die Luft erhob.

Kerri hielt den Atem an. „Ein Irrlicht!“

„Unsinn, so etwas gibt es doch nur in Märchen.“ Raya blickte ihn unsicher an. „Oder?“

„Ich weiß nicht. Mein Großvater war Bergmann. Jahrzehntelang baute er unter Tage Krys ab. Als ich klein war, erzählte er mir oft davon, wie in sternklaren Nächten geheimnisvolle Lichter aus dem Boden über der Mine aufstiegen.“

Sie beobachteten das Irrlicht. Es bewegte sich langsam von ihnen fort und blieb stehen. Dann kehrte es zurück und bewegte sich erneut davon.

„Raya, ich glaube es will, dass wir ihm folgen.“

„Folgen, wohin?“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.“

Sie schaute ihn unsicher an. Er stand auf und reichte ihr die Hand. „Besser ein Funken Hoffnung, als auf die Spürhunde zu warten.“

Sie griff zu und erhob sich. Hand in Hand folgten sie der Lichtkugel, die sie sirrend durch das Unterholz zu einem dunklen Tunneleingang führte.

Das Irrlicht verschwand darin und blieb stehen. Kerri und Raya blickten einander an. Sie nickte ihm zu und er stieg in den Tunnel hinab. Dann half er Raya und Phoë herunter.

Während die Lichtkugel sie weiter führte, erblickten sie ein wahres Geflecht aus Abzweigungen.

„Das scheint ein Labyrinth zu sein.“ Rayas Stimme klang besorgt. „Wir halten uns besser an das Licht, sonst sind wir verloren.“

Kerri schüttelte den Kopf. Ihm fiel auf, wie immer wieder kleinere Gänge in einen größeren mündeten. „Nein, kein Labyrinth. Mehr wie eine Wurzel, die zu einem Stamm führt.“

Kaum hatte er es ausgesprochen, traten sie in eine große Kammer hinaus. Reiche Ansammlungen von Kristallen ragten aus dem Boden. Ihr Licht erhellte die Höhle. Ihre Spitzen gaben weitere Irrlichter ab, die gemächlich nach oben stiegen.

Kerri hielt den Atem an. „Eine Krysmine!“

Raya blickte sich mit großen Augen um. „Was hat das alles zu bedeuten?“

Die sirrenden Lichtkugeln zogen einander an und umkreisten einander. Sie verdichteten sich zu einer Form, die zunehmend die Züge eines Wesens mit Kopf, Rumpf, Armen und Beinen annahm.

„Ihr wagt es, mein Reich zu besudeln?“ Die Stimme, weder Skerr noch Felen, weder männlich noch weiblich, dröhnte durch die Höhle.

Raya sah Kerri entsetzt an. Er ging demütig in die Knie und zog sie mit sich herunter.

„Verzeih unser Eindringen. Es war unbeabsichtigt. Wir folgten einem Irrlicht, das uns herführte …“

„Natürlich! Ich führte euch her, bevor die anderen euch finden konnten.“

„Die anderen?“

„Felen mit Fahrzeugen, Schusswaffen und all den furchtbaren Dingen, mit denen ihr euch einlasst. Sie sind direkt über uns. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.“

Raya blickte das leuchtende Wesen fragend an. „Wer bist du?“

„Die Felen nannten mich einst Yucari. Die Skerr kannten mich als Tel'Saad. Eure Völker lebten im Einklang mit mir. Doch diese Tage sind längst vergessen.“

„Du bist der große Geist der Natur!“ Raya verneigte sich ehrfürchtig.

„So ist es. Dies ist eines der letzten Refugien, die mir in dieser Welt geblieben sind. Doch nun wurde es überrannt von jenen, deren Herzen geschwärzt sind.“

Kerri sah auf und hob bittend die Hände. „Es tut uns Leid. Das war nicht unsere Absicht. Wir wollten nur …“

„Ihr versteht nicht! Seit Jahrhunderten nutzt ihr meine Kraft um Krieg gegeneinander zu führen. Die Pest, die zurückbleibt, wenn ihr meine Kraft zu euren Zwecken missbraucht, tötet Tier, Pflanze, Skerr und Felen gleichermaßen. Noch heute flehen mich von Siechtum Befallene um meine guten Gaben an. Aber auch sie verstehen nicht. Meine Gaben können nicht erbeten werden. Sie können nur wachsen. Doch in euren Städten ist nichts, worauf ich gedeihen kann. Und auch nicht in euren Herzen.“

Der Geist senkte seinen Kopf und betrachtete Raya. Leuchtende Kugeln bildeten einen Arm, der sich auf Phoë richtete.

„Aber ich sehe auch einen Hoffnungsschimmer. Wenn zwei verfeindete Völker ihren Hass überwinden und in Liebe zueinander finden können, wenn sie gemeinsam etwas Neues erschaffen können, dann gelingt ihnen eines Tages vielleicht dasselbe mit mir.“

Ein Irrlicht löste sich aus dem Finger des Geistes und näherte sich dem Kind. Raya blickte Kerri besorgt an. Er nickte ihr ermutigend zu. Die Lichtkugel näherte sich der schuppigen Stirn des Mädchens. Phoë quietschte vergnügt, als das Irrlicht verglühte und ein Mal in Form eines grünen Blattes zwischen ihren Augen zurückblieb.

„Ihr müsst jetzt gehen. Folgt meinem Licht. Es wird euch sicher zur Grünen Insel geleiten. Dem letzten Ort, an dem meine Macht ungebrochen ist.“

Ein weiteres Irrlicht löste sich aus der Hand und zog sirrend an ihnen vorbei. Vor einem der vielen Tunnel blieb es stehen.

Rasch setzten sich Raya und Kerri in Bewegung. Dort angekommen, wandte sich Kerri noch einmal um. „Wir sind dir sehr dankbar. Ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, deine Worte zu lehren, das schwöre ich.“

Der Geist nickte. „Geht nun, die Zeit drängt!“

Sie folgten dem Irrlicht, das sie von der Kammer weg führte. Als sie zur ersten von zahllosen Abzweigungen gelangten, ertönte ein ohrenbetäubender Krach. Der Boden erzitterte. Sand rieselte herab. Das Licht sank zu Boden und erlosch.

Raya hustete. „Was war das? Was ist passiert?“

Kerri spürte wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. „Diese Narren! Diese unsäglichen Narren! Sie haben die Höhle gesprengt!“

Raya begann zu schluchzen. „Oh nein! Und was jetzt?“

Er tastete sich zu ihr vor und drückte ihre Hand. „Wir müssen den Weg zur Grünen Insel allein finden. Wir wählen jeden Schritt mit bedacht und schauen nie mehr zurück.“
« Letzte Änderung: 19.09.2014, 03:31 von Hanrok »
"Maiq has heard the people of Skyrim are better looking than the people of Cyrodiil. Maiq has no opinion on the matter. All people are beautiful to him."
  19.09.2014, 03:18
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  • Zenturio
    • Legion
Wirklich sehr schön, gefällt mir gut.  :)

Interessantes Thema.
In life, I have no religion,
Beside, the heavy metal Gods!
  21.09.2014, 10:34
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  • Mitwisser
    • Dunkle Bruderschaft
Wenn die Khajiit mit dem Argonier ...
Man merkt die Inspiration durch TES, aber mir hat der größte Teil gefallen.
Nur der Schluss kam etwas zu kurz. Ich hatte das Gefühl, dass da was fehlt. Lag es an den maximal 18.000 Anschlägen?

Und Fadomai sagte: „Wenn Nirni ihre Kinder trägt, dann nimm eines davon und verwandle es.
Mach die schnellsten, klügsten und schönsten menschenähnlichen Wesen aus ihm und nenne sie Khajiit.“
  14.10.2014, 21:05
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  • Lehrling
    • Diebesgilde
Eine sehr schöne Geschichte, schade, dass ich sie erst jetzt gefunden habe  :)
Komm zum Werwolfforum! Wir spielen Werwölfe von Düsterwald online. Dich erwarten eine nette Community und viele spannende Runden.

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, nur bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher - Einstein
  14.10.2014, 21:34
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