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Thema: Philosophie Abiturprüfung - Kants Erkenntnistheorie  (Gelesen 9879 mal)

  • Skelett-Magier
    • Untot
Das wird voraussichtlich mein letztes Thema in diesem Board, nach der Prüfung bin ich entgültig mit der Schule durch.

Unser Philosophielehrer hat uns, verglichen mit den anderen Klassen, ein relativ übersichtliches Themenspektrum für die mündliche Prüfung gegeben. Ideenlehre Platons, das Höhlengleichnis des selben. Der Psychische Apparat und die Traumarbeit nach Freud. Satres Auseinandersetzung mit dem Exitenzialismus sowie natürlich der Blick des Anderen. Camus Pest, sowie Der Mythos vom Sisyphos. Zu guter noch alles rund ums mythische Weltbild und frühe Anthropologie.

Nun denn. Dann wäre da noch Kant. Mit Abstand der Themebereich, den ich am wenigsten anwenden kann. Auf unserem "Erwartungshorizont" stehen Themen wie "Menschenbild der Klassik (empirisch - intelligibel), Erkenntnistheorie und der kategorische Imperativ.

Das Menschenbild geht ja ein wenig mit der Pflichtethik einher, also die Teilung in das Empirische, das Sinnliche, die Triebe, das Egoistische und so weiter und in das Intelligible, welches das altruistische Handeln bedeutet, frei von Trieben, also Verantwortung übernehmend und so weiter, um dem Menschen Gutes zu tun. Soweit so gut, brüchig habe ich das verstanden, wenngleich ich Schwierigkeiten habe, das z.B. auf Iphigenie auf Tauris anzuwenden.

Der Kategorische Imperativ ist leicht gelernt und irgendwie auch verständlich, wobei mir da auch der Hintergrund fehlt um es irgendwie einzuordnen oder anwenden zu können.

Mit größtem Abstand allerdings bereitet mir die Erkenntnistheorie Kants größte Probleme. Ich hab mir sogar eine "Kindererklärung" im Internet durchgelesen und war danach irgendwie nciht so viel schlauer. Kann mir die jemand erklären? :D
  29.06.2015, 17:01
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  • Söldner
    • Kriegergilde
Rate mal, wer 14 Punkte in seiner mündlichen Abiturprüfung Philosophie bekam, im ersten Teil Erkennthistheorie hatte und eventuell Philosophie auf Lehramt studieren möchte.
IT'S MY TIME TO SHINEEEEE!


Dir sind ja vermutlich die zwei gegenüberstehenden Philosophieschulen der Erkennthistheorie bekannt. Zum einen der Rationalismus (Erkenntnis beruht allein auf den angeborenen Disziplinen der Vernunft - Descartes, Platon, Spinoza) und zum anderen der Empirismus (Erkenntnis beruht allein auf Sinneserfahrungen - Locke, Berkeley, Hume), daher skippe ich das mal (bei Fragen - frag!).
Dem Herrn Kant ist es aber tatsächlich gelungen, diese beiden entgegengesetzten Erkenntnistheorien zu verbinden. Er sagte sowas wie, "Reines Denken ohne Anschauung bleibt leer, aber die Anschauung allein ist blind." (Zitate kommen bekanntlich immer gut in Prüfungen). Seine neue 'Transzendentale Erkenntnistheorie' hat er übrigens in seinem 1781 veröffentlichten Wekt "Kritik der reinen Vernunft" festgehalten, ganz so nebenbei.
Nach Kant müssen die Sinneseindrücke durch den Verstand geordnet werden. Voraussetzungen aller Erfahrungen sind Anschauungsformen, welche von der Erfahrung unabhängig sind, nämlich Raum und Zeit. Die Wahrnehmungen werden durch den Verstand nach Kategorien geordnet, das ist diese Synthese aus Empirismus und Rationalismus.
Es gibt folgende vier Kategorien:  1. Qualität (Beschaffenheit - Realität, Negation, Limitation)
                                               2. Quantität (Anzahl - Einheit, Vielheit, Allheit)
                                               3. Relation (mögliche Beziehungen zu anderen - Kausalität, Wechselwirkung)
                                               4. Modalität (wie etwas ist: möglich, zufällig, notwendig, überhaupt nicht)

In der Prüfung hatte ich folgendes Beispiel. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es logisch ist, aber da sich meine (doch recht strenge) Philosophielehrerin nicht beschwert hat, wird es wohl passen.
Nehmen wir mal Steine am Strand.

1. Qualität: Es gibt wohl eckige, eher felsenartige und abgeflachte, runde Steine
2. Quantität: Die liegen manchmal nur einzeln rum, es gibt aber auch komplette 'Steinstrände'? Du weißt was ich meine. Kroatien, oder so.
3. Relation: Runde Steine wurden durch das Wasser abgerundet, Steine liegen im Sand, etc.
4. Modalität: Wohl durchaus möglich? Hier bin ich mir unsicher.


Da gibts vielleicht noch ein paar Kantsche Fachbegriffe zu klären.

A priori sind die Anschauungsformen Raum und Zeit, welche unabhängig von der Erfahrung sind, jedoch gleichzeitig Voraussetzung für diese (=vor der Erfahrung).
A posteriori (=nach der Erfahrung) sind die Wahrnehmungen, welche von der Erfahrung abhängig sind.
Analytische Sätze sind rationalistisch und somit von Erfahrung unabhängig und allgemeingültig. Sie bringen keine neue Erkenntnis und werden deshalb als tautologisch bezeichnet ("Die Leiche ist tot" <- mein Favorit).
Synthetische Sätze hingegen sind Sätze und Urteile, welche sich aus der Erfahrung ergeben, daher empiristisch, aber auch subjektiv und somit nicht allgemeingültig ("Philosophieunterricht suckt hart").
Wissenschaftliche Erkenntnis muss laut Kant synthetisch und a priori sein = erkenntnisbringend aber unabhängig vom Individuum.

Kant hat mit seiner neuen, 'synthetischen' Erkenntnistheorie die Diskussion um Erkenntnis mehr oder weniger beendet, will ich meinen  :)
Das wird auch manchmal als Kants Kopernikanische Wende bezeichnet. Bisher hatte sich die Erkenntnis stets nach den Gegenständen gerichtet. Laut Kant richten sich die Gegenstände jedoch nach unserer Erkenntnis. Wir sind nicht in der Lage, die absolut objektive Realität ("das Ding an sich") zu erfassen, sondern lediglich eine verzerrte Erscheinung ("das Ding für uns"), welches der Mensch mittels Sinnen und Vernunft kreiert.

"Die Wirklichkeit bleibt dem Menschen verschlossen, es gibt keine 'wahre Erkenntnis'."

Bei Fragen oder Kritik stehe ich natürlich jeder Zeit zur Verfügung. Ansonsten wünsche ich dir viel Erfolg in der Prüfung!

Edit:
Klappbox
Meine größte Angst, dass jemand schneller getippt hat als ich, obwohl bei mir jetzt die Tastatur glüht, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zum Glück gibt es nicht viele, die 2 Uhr morgens Erkenntnistheorien im Internet erklären...
« Letzte Änderung: 30.06.2015, 01:58 von Heathen Heart »
De caligine clamavi ad te Lumine.
  30.06.2015, 01:55
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  • Skelett-Magier
    • Untot
Auch, wenn der Rat zu spät war, herzlichsten Dank. Auf jeden Fall war es sehr verständlich. Wenn man so will, ist es ja meine Schuld, weil ich mich zu spät gemeldet hab.

Wie das Schicksal es so wollte, kam tatsächlich Kant dran. Aber wenigstens mit Konzentration auf die Pflichtethik. Anderes Thema war Camus Kampf gegen das Absurde in Verbindung mit dem Mythos von Sisyphos und der Pest. Alles machbar, 13 Punkte insgesamt. Bin damit zufrieden.
  30.06.2015, 20:00
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  • Söldner
    • Kriegergilde
Na dann Glückwunsch zu deinem Ergebnis! :)
Mal so aus Interesse, aus welchem Bundesland kommst du? In Thüringen gehört Camus und das Absurde gar nicht zum Pflichtstoff. Das hatte ich nur mal zusätzlich in einem Vortrag zum Existentialismus.
De caligine clamavi ad te Lumine.
  01.07.2015, 12:03
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  • Skelett-Magier
    • Untot
Schleswig-Holstein.

Unser Lehrer ist etwas altbacken und arbeitet schon ca. 8 Jahre über seine Rente hinaus und ist diesbezüglich auch etwas eigen, was sein Lehrstoff angeht. Warum das durchgeht weiß ich aber auch nicht. :D
  01.07.2015, 14:27
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