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Thema: [Vollendet] Remator [Vorgeschichte zu Sarfenon]  (Gelesen 27765 mal)

  • Skelett-Krieger
    • Untot
So, dass wars.
Hey, Selbstgespräche sind lustig ^^

Zitat
9. Die Ränke der Götter

Gott Zemoth saß auf seinem Marmorthron und betrachtete den vor Freude strahlenden Boten, der vor ihm und den anderen fünf Göttern kniete. Die Spitze von Amon-Xar, in der sie sich nun befanden, war ein runder Raum dessen Wände aus Arkaden bestanden, die hinaus auf einen schmalen Balkon führten.
„Dank eurer Hilfe, Gott Zemoth, konnte der große General Arkion das Heer der Schattenwesen zurückschlagen, nur wenige konnten zurück zu ihren Schiffen fliehen. Zerstenear selbst blieb unberührt.“
Die anderen Götter nickten erleichtert, sie hatten nicht an den Erfolg von Zemoths Plan geglaubt.
Als der in schweres Leder gekleidete Bote sich aus dem Raum entfernt hatte lehnte der alte Gott sich zufrieden zurück und lege die Spitzen seiner Finger aufeinander. Dunkelhand hatte es gewagt seinen Intellekt, seine Macht herauszufordern und hatte einen blutigen Preis für diese Dreistigkeit gezahlt.
„Nun, wie es aussieht hast du es geschafft.“
Kimara, die neben ihm saß, musterte ihn mit einem schmalen Lächeln.
Lorkan, der ganz außen an dem Halbkreis saß, verzog angewidert das Gesicht und stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf.
„Dies ist nur ein kleiner Sieg… Wir alle haben gespürt was letzte Nacht geschah. Dunkelhand hat dreizehn unglaublich mächtige Dämonen in die Welt gerufen und seinem Willen unterworfen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis er ihre Macht gegen uns richtet.“
Ein fast schon diebisch anmutendes Lächeln stahl sich auf die dünnen Lippen des alten Gottes, während er sich seinen schneeweißen Stoppelbart kraulte.
„Das ist der springende Punkt, verehrter Lorkan, Dunkelhand wird zweifellos die Konfrontation mit uns suchen, wird auf eine Gelegenheit warten einen von uns allein zu erwischen. Ich sage wir sollten sie ihm geben.“  
Links neben Lorkan saß der, wie immer, grimmig dreinblickende Selath und lachte nun verächtlich.
„Du willst dich diesem Kerl im Zweikampf stellen, nicht wahr? Der Mann war der beste Remator, den es je gab und jetzt verfügt er über uns unbekannte Macht, wie willst du ihn besiegen?“
Zornesröte stieg Zemoth ins Gesicht als er sich aus seinem marmornen Thron erhob und unruhig im Saal auf und ab ging.
„Dunkelhand ist und bleibt nur ein Verräter, er kann und wird einen Gott nicht im Zweikampf besiegen!“
Die Göttin Kimara stützte ihr Kinn, noch immer lächelnd, auf einer ihrer Hände auf und musterte Zemoth.
„Oh, ich bin mir sicher dass du ihn besiegen wirst. Ich schlage vor wir fünf gehen in der Zeit nach Norden, nach Zerstenear, Dunkelhand wird sicher nicht lockerlassen. Und wenn er seine neue Teufelei dort testen will werden wir dort sein und die Stadt mit aller Macht schützen.“
Barash, der sich bisher in Gedanken versunken zurückgehalten hatte, sah nun auf und musterte Kimara grimmigen Blickes.
„Warum gehst du davon aus dass wir siegen können? Was wenn Dunkelhand Lunte riecht und den Riss öffnet? Wir könnten soviel Energie nicht kanalisieren, nicht zu fünf.“
Zemoth stand unter einem der marmornen Torbögen und blickte hinaus auf das azurblaue Meer, das im Osten von Amon-Xar lag. Seine stahlblauen Augen schienen jedoch etwas Anderes zu sehen.
„Aldun Dunkelhand will herrschen, Kontrollieren. Er wird den Riss nicht öffnen und die Welt der Zerstörung preisgeben, nicht so lange wir ihn nicht unmittelbar bedrängen.“
Gott Barash nickte wortlos, offenbar war er mit dieser Erklärung zufrieden.
„Somit bleibt noch immer die Frage offen was genau Dunkelhand da erschaffen hat. Ich kann die Gegenwart der dreizehn großen Mächte nicht mehr spüren… Warum sollte er Dämonen rufen nur um sie gleich wieder zu verbannen?“
Lorkan saß mit gekrümmtem Rücken auf seinem Thorn und starrte angestrengt zu Boden während er diese Gedanken äußerte.
Imanal, der bisher ganz in Gedanken versunken auf seinem Thron gekauert hatte sah nun auf und suchte Blickkontakt zu den Anderen.
„Er hat sie sicher verraten! Aldun Dunkelhand ist doch nichts heilig, sicher hat er sie hierher gerufen indem er ihnen irgendetwas Wertvolles versprochen hat, nur um sie dann irgendwie zu bannen und zu unterwerfen!“
Eine beunruhigende Stille senkte sich über die Versammlung als die Götter die Wahrheit in den Worten Imanals erkannten.
Mit vor Zorn gerötetem Gesicht wandte Zemoth sich um machte mit der linken Hand eine tranchierende Geste.
„Ich werde diesen Mistkerl in der Luft zerreißen! Wie er in der natürlichen Ordnung herumpfuscht verdient die Höchststrafe! Allein er trägt die Schuld wenn uns diese Welt entgleitet!“
Kimaras bodenlos wirkende Augen richteten sich ruhig auf den zornigen Gott.
„Schuld setzt die Möglichkeit voraus eine Wahl gesehen zu haben. Aldun Ar’Aramesh liebte Ilemira, vielleicht fühlte er sich irgendwie verraten von ihr, du weißt wie kopflos Menschen handeln können.“
Der Blick, den Zemoth der dunkelhäutigen Göttin zuwarf hätte Steine sprengen können.
„Das ist Unfug! Woher hätte er denn wissen sollen dass Ilemira ihm etwas vormacht!? Aldun Dunkelhand ist nicht mehr als ein außer Kontrolle geratenes Werkzeug, das nun mit allen Mitteln beseitigt werden muss!“


10. Die Trümmer der Größe

Nervös verlagerte Kommandant Ezkash sein Gewicht von einem Fuß auf den Anderen und leckte sich über die ausgetrockneten Lippen.
So eben hatte der gescheiterte Feldherr der Volanur seinen Bericht über den Krieg im Osten beendet und blickte nun voller Angst in die unleserliche Miene seines Herrn. Neben Dunkelhands monströsem Thron lehnte ein sichelförmiger Säbel an der Wand.
Die Waffe beunruhigte Ezkash nur noch mehr, schon als er vor zwei Tagen wieder in den Ruinen Imethaels angekommen war hatte er Gerüchte über dieses Schwert gehört. Dunkelhand hatte wohl dreizehn von seiner Sorte erschaffen, dazu hatten hunderte Volanur ihr Leben lassen müssen…
„Verstehe ich dich richtig, Kommandant, als ihr euch der Stadtmauer genähert habt begannen diese… zu glühen?“
Ezkash nickte nur wortlos, er hatte sich selbst schon vor Tagen geschworen dem Tod aufrecht entgegenzutreten. In Erwartung grenzenloser Schmerzen blickte der Kommandant zu Boden und betrachtete seine schwarzen Panzerstiefel.
„Dann, als ihr noch näher kamt gingen die ersten Schlachtreihen in Flammen auf?“
Wieder konnte der Kommandant nur stumm nicken.
Er hatte schon zuvor gesehen wie seine Männer starben, aber dieser Tod… Er war so… unwürdig gewesen. Kein Krieger, schon gar nicht ein Volanur, hatte es verdient von schändlicher Magie vernichtet zu werden.
Dunkelhands Stimme war völlig tonlos als er sich in einer grazilen Geste vom Thron erhob und langsam zu seinem Feldherrn herab schritt.
„Ich vergebe euch diese Niederlage, Kommandant… Es war Schicksal, dass ihr nicht gesiegt habt wo ihr es eigentlich solltet. Aber grämt euch nicht, schon bald werden ich und zwölf weitere Krieger des dunklen Volkes hinausziehen um Furcht und Tod in den Herzen unserer Feinde zu säen!“
Überwältigt von dieser Art der Amnestie sank Ezkash auf die Knie und begann den Saum von Dunkelhands pechschwarzer Robe zu küssen.
Gnade war in den Diensten Aldun Dunkelhands ein rares Gut.
„Was plant ihr, Lord Dunkelhand? Bin ich würdig in eure glorreichen Pläne eingeweiht zu werden?“
Als der Kommandant aufsah durchlief ihn ein eiskalter Schauder, Dunkelhands schwefelfarbene Augen schienen ihn durchbohren zu wollen.
„Wir dreizehn Avashkarmar, die Schattenmeister, werden nach Süden aufbrechen, nach Amon-Xar. Dort werden wir die übrigen sechs Götter niederstrecken und den Turm erobern. Mit all dem Wissen, das dort verborgen sein muss werden wir diese Welt völlig neu gestalten!“
Tränen der Freude begannen in die blutroten Augen des Kommandanten zu steigen.
Eine völlig neue Ordnung…
Plötzlich war da ein leises Stimmchen in seinem Hinterkopf, leise und schwach, er hatte geglaubt es wäre längst verschwunden.
Ist es das wirklich was du willst? Dunkelhand ist besessen von seinem Willen das zu kontrollieren was nicht kontrolliert werden kann, er ist wahnsinnig!
Mit Mühe unterdrückte Ezkash die Stimme seines Gewissens und erhob sich wieder.
Es stand ihm nicht zu die Entscheidungen des Meisters in Frage zu stellen, nur ihm verdankte er seine neue Existenz!
„Du kannst nun gehen, Kommandant.“
Dunkelhand hatte sich von ihm abgewandt und stand nun vor einem der Fenster, blickte hinaus auf das verschneite Tal in dem einst Imethael gelegen hatte.

Nachdenklich ließ Aldun seinen Blick über die schneeweißen Umrisse der Ruinenstadt gleiten.
Der Schnee verdeckte alle Überreste des Vergangenen, bald schon würde er die Trümmer der alten Welt zu einer neuen Form geschliffen haben.
Aldun strich sich in Gedanken versunken über sein fahles Haar und wandte sich zu dem an der Wand lehnenden Schwert um.
„Und du bist der Meinung dass wir dreizehn Krieger ausreichen werden um die Götter zu töten? Sie sind außerordentlich stark und verschlagen obendrein.“
Ein seltsamer Laut stieg in der runden Kammer auf, wie von einem Wetzstein über den eine stumpfe Klinge gezogen wurde, erst nach einigen Momenten wurde deutlich, dass es sich um Worte handelte.
„Ja… Diese einfältigen Narren werden erwarten dass du dich an ihre Regeln hältst und den Krieg im Osten fortführst… Sie werden völlig überrascht sein.“
Wortlos nickend wandte Dunkelhand sich von dem sprechenden Schwert ab.
Zu seinem Bedauern hatte er nach der Schöpfung dieser dreizehn Waffen feststellen müssen dass jedes Wesen nur eine von ihnen führen konnte, berührte man eine war sie an ihren Träger gebunden bis dieser starb… Fentonar, sein Schwert, hatte sich in einer Reihe von Versuchen als eine der schwächsten großen Klingen erwiesen. Bedauerlich, aber nicht entscheidend.
Draußen begann es wieder zu schneien als Aldun wieder damit begann im Thronsaal auf und ab zu gehen, sein Gang hatte dabei etwas von einem Raubtier, das ungeduldig auf Beute wartet.


11. Die dreizehn Fürsten

Eisiger Wind peitschte über den mittlerweile vollends gefrorenen Talkessel von Imethael, schnitt in Fleisch und Stein um Kälte zu bringen.
Aldun saß mit gebeugtem Rücken auf seinem mächtigen Schlachtross, er hatte eine weite Kapuze übergezogen, aus der sein fahles Haar herabhing. Das Tier, auf dem der Herrscher der Volanur saß, hatte eine Schulterhöhe von fast zwei Schritt und war über und über mit stacheligen Plattenpanzern gerüstet. Es war ein ganz besonderes Pferd, seine Schnelligkeit, Stärke und Ausdauer waren durch dämonische Energien gesteigert worden.
„Wo sind sie?!“
Nur mit Mühe konnte Dunkelhand gegen das ohrenbetäubende Heulen des Windes ankämpfen und Kommandant Ezkash, der in diesem Moment aus dem Turm kam, diese Worte zurufen.
„Ich weiß es nicht, Lord Dunkelhand, ihre Gemächer sind leer!“
Leise fluchend schwang Aldun sich aus dem Sattel und stapfte durch den Schnee zu seinem Kommandanten herüber.
„Was soll das heißen? Wir sind mitten im tiefsten Winter, noch dazu in einem meilenlangen Talkessel, wo sollen sie schon hin sein?“
Der Heerführer der Volanur verbeugte sich untertänig.
„Es tut mir Leid, Lord Dunkelhand, aber wir haben bereits alles absuchen lassen, die anderen zwölf Avashkarmar sind verschwunden.“
Die schwefelfarbenen Augen Dunkelhands verengten sich zu zornigen Schlitzen, für einen Moment schien er versucht den gescheiterten General in zwei Teile zu reißen.
„Lasst mein Pferd wegbringen, Kommandant, ich werde mich selbst um diese Sache kümmern…“
Die Eingangshalle der schwarzen Zitadelle war ein rechteckiger Raum, gesäumt von zwei duzend Marmorsäulen. Seit der Entstehung des Risses hatte der, einst schneeweiße, Marmor eine gelbliche Färbung angenommen, was von den Feuerschalen im Raum noch verstärkt wurde.
Noch im Gehen sandte Dunkelhand seinen Geist aus, erfasste das ganze Gebäude, die Gewölbe darunter. Hunderte kleiner Lichtpunkte bewegten sich vor seinem inneren Auge umher: Alles Leben im Talkessel lag vor ihm ausgebreitet.
„Wo seid ihr verdammt?“
So erbost Alduns Worte auch geklungen hatten, so wusste der gelbliche Marmor doch keine Antwort. Die zwölf Krieger, die das Schlachtenglück hätten wänden sollen blieben verschwunden.
„Du hast die Schwerter vergessen, oh großer Meister.“
Überrascht blieb Aldun stehen und warf einen spöttischen Blick über die Schulter.
Wer hatte gesprochen?
„Hier unten Meister, ich, Fentonar.“
Zornig zog Aldun den nachtschwarzen Krummsäbel und hielt ihn sich senkrecht vors Gesicht, von Zeit zu Zeit schien eine schneeweiße Aura um die Klinge aufzuflammen.
„Was meinst du?“
Ein Kichern, das fast schon an ein Kreischen erinnerte, erklang aus dem metallischen Körper des Schwertes.
„Die zwölf anderen haben sich ihren Verstand ebenso bewahrt wie ich es tat, auch wenn ihr uns in eurer grenzenlosen Weisheit an weltliche Körper gebunden habt. Es scheint als wären eure… Schattenmeister… Nicht stark genug gewesen um sich dem Willen der anderen Erzdämonen zu widersetzen, ganz anders als ihr.“
Mit einem zornigen Brüllen fuhr Aldun herum und rammte das Schwert in eine nahe Marmorsäule, der gewaltige Pfeiler zersplitterte sofort in tausende kleiner Trümmer.
„Warum hast du das nicht früher gesagt!“
Dunkelhands Stimme bebte förmlich vor Hass, sein Plan, ja, seine ganze Kriegstaktik war so eben in sich zusammen gefallen!
Fentonars Antwort war ernüchternd logisch.
„Nun, ihr habt nicht gefragt, Meister.“
Mit lautem Krachen ballte Aldun seine dürren Finger zu Fäusten und hielt sie, sichtlich mit seinem Zorn ringend, an die Hüfte gepresst.
„Hör mir nun genau zu… Seelenspalter… Von nun an wirst du mir alles erzählen! Alles! Sollte ich dich je noch einmal dabei erwischen wie du diesem Befehl trotzt werde ich deinen Geist aufsplittern und ihn in zweitausend Nachttöpfen unterbringen! In dieser Welt bist du kein Erzdämon, du bist ein Werkzeug! MEIN Werkzeug! Habe ich mich deutlich ausgedrückt!?“
Für einen kurzen Moment senkte sich Stille über die Halle, alles, sogar Stein und Feuer, schienen gespannt auf die Antwort des gebunden Dämonenfürsten zu warten.
„Ja, Meister Dunkelhand.“
Zufrieden nickend riss Aldun die Klinge aus dem Trümmerberg und hielt sie sich noch einmal senkrecht vors Gesicht.
„Du kannst jetzt gehen, ich werde dich nicht mehr brauchen um dies zu Ende zu bringen!“
Lautlos verblasste der Krummsäbel in Alduns dürren Fingern, bis er schließlich verschwunden war.
Noch immer von sengendem Zorn erfüllt setzte Aldun den Weg in seinen Thronsaal fort.
Was sollte er nur tun? Allein war er bei weitem nicht stark genug es mit sechs Göttern aufzunehmen, zumal sie ihn mittlerweile sicherlich erwarteten!
Eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, Kommandant Ezkash wartete vor der massiven Tür, die zu Dunkelhands Thronsaal führte.
„Lord Dunkelhand, die Schattenpirscher berichteten mir so eben dass fünf der sechs Götter von Amon-Xar in Zerstenear eintrafen, einer von ihnen muss also in Amon-Xar geblieben sein.“
Wie angewurzelt blieb der, noch immer zornige, Aldun stehen und starrte seinen Kommandant völlig unverblümt an.
Dann begann er schallend zu lachen, es lag keine Erheiterung darin, viel mehr war es ein völlig freudloser Laut der Ironie.
„Da seht ihr das Wirken des Schicksals, Kommandant! Es ist meine Bestimmung zu herrschen! Ich werde sofort nach Amon-Xar aufbrechen und diesen… Gott… zu seinem Schöpfer schicken!“
Ein grimmiges Lächeln trat auf die blassen Lippen des Kommandanten als Aldun ihn passierte hatte und das Tor zum Thronsaal hinter sich schloss.
Vor Alduns Verstand stiegen Bilder auf, der weiße Turm von Amon-Xar, wie der Finger des Schöpfers ragte er in den wolkenlosen Himmel. Im Hintergrund sagen die Vögel des dichten Urwaldes…
Als Alduns Fuß aufkam traf er nicht auf massiven Stein sondern auf knirschenden Sand…


12. Spiele der Macht

Amon-Xar sah noch genau so aus wie Aldun es in Erinnerung hatte, der schneeweiße Turm war in drei, sich nach oben verjüngende, Abschnitte unterteilt. Wo die Segmente aufeinander trafen konnte Dunkelhand ausladende Arkaden und Balkone erkennen.
Wo der Turm von Imethael mehr wie ein Schloss gestaltet war so konnte Amon-Xar seinen Festungscharakter nicht völlig verbergen, die Außenwände waren glatt und hoch, ein Wassergraben schirmte den Turm vom Festland ab.
Aldun zog seine nachtschwarze Robe zurrecht und machte sich ausladenden Schrittes auf den Weg zum Haupttor des gewaltigen Bauwerks.
Das Tor selbst war über zehn Schritte hoch und bestand aus dem Selben, makellosen Marmor wie der Rest des Turmes, nur ein goldener Rahmen trennte es von der glatten Außenwand.
Als Aldun näher kam und über die schneeweiße Bogenbrücke schritt, die Festland und Turm verband, stellte er überrascht fest dass das Tor einen Spalt weit offen stand, gerade weit genug um einen einzelnen Mann passieren zu lassen.
Wurde er etwa erwartet?
Nein, dass konnte nicht sein…
Ohne zu zögern schritt Aldun vom gleißenden Sonnenlicht des südlichen Urwaldes in das unstete Zwielicht des Turmes. Statt einer prächtigen Halle, wie er es erwartet hatte, stand er in einem schier endlosen Gang. Alle paar Schritte gab es eine Fackel an der Wand und einen Erker mit einer gepolsterten Bank.
Zornig runzelte Dunkelhand die Stirn und machte eine wischende Bewegung.
Blendwerk! Man versuchte ihn mit so plumpen Mitteln zu täuschen!
Die Illusion des Ganges verflüchtigte sich wie eine Nebelbank im Wind, zum Vorschein kam die erwartete Eingangshalle.
Dreizehn Säulen, sie waren behauen um den gewaltigen Bäumen des Urwaldes zu ähneln, stützten den runden Saal, in seinem Zentrum gab es ein schlichtes Steinpodest an dem ein alter Mann, ganz in Weiß gekleidet lehnte.
Aldun fletschte zornig die Zähne, seine Stimme wurde zu einem hasserfüllten Knurren.
„Zemoth!“
Der greise Gott lächelte fast wehmütig und schritt, nahezu schlendernd, zu Dunkelhand herüber.
„Aldun Ar’Aramesh… Wie tief bist du doch gesunken? Allein musst du hierher kommen, ohne großes Heer, ohne deine Perversionen des Lebens… Und alles nur um einen alten Mann zu töten!?“
Bei den letzten Worten war Zemoth, auf halber Strecke zwischen Aldun und dem schlichten Podest, stehen geblieben und hatte die Arme in die Luft gehoben.
„Tief gesunken, wie?“
In Dunkelhands Stimme lagen unzählige Eindrücke, Hass, Zorn, Belustigung und auch ein wenig Trauer.
Die dunkle Robe des Schwarzmagiers wogte sanft als Aldun aufrechten Hauptes auf den Gott zuging und wie ein Raubtier einen Kreis um ihn lief während er sprach.
„Ich war es doch, der sieben von euch zu Fall brachte. Ich war es doch, der einen eurer ach so glorreichen weißen Türme fällte. Ich war es doch, der das Werk des Schöpfers selbst schändete.“
Zemoth hatte mittlerweile die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen nachdenklich geschlossen. Dunkelhand blieb hinter dem greisen Gott stehen und breitete seine Arme aus, während er sich langsam um die eigene Achse drehte um die Halle besser mustern zu können. Mittlerweile hatte sich seine Stimme zu einem euphorischen Kreischen gesteigert.
„Ich bin es doch, der nun in diesen heiligen Hallen steht und den Namen des Schöpfers verflucht! Wo ist er? Warum straft er mich nicht?“
Ein fast schon trauriges Lächeln stahl sich auf Zemoths dünne Lippen.
„Du hast es nie verstanden, oder? Der Schöpfer wird nicht kommen um dir Rede und Antwort zu stehen, egal wie sehr du dich abmühst sein Werk zu zerstören.“
Diese Worte ließen Aldun überrascht zusammenzucken.
„Hör auf zu reden, alter Mann… Ich bin gekommen um dein Henker zu sein, nicht um dich zu unterhalten.“
In einer fast schon galant anmutenden Geste stieß der Nemesis der Götter seine rechte Hand nach vorn und sandte eine pechschwarze Lanze aus Energie in Richtung des, noch immer ruhigen, Gottes.
„Hat dich der Schatten also neue Künste gelehrt, Remator?“
Überraschend agil tat Zemoth einen Schritt zur Seite, der Energiestrahl fraß sich nun fauchend in den schneeweißen Marmorboden. Aldun war nun, von dem Spott, der in Zemoths Worten gelegen hatte, völlig außer sich und begann wie wild nachtschwarze Blitze um sich zu werfen.
Wie ein Tänzer sprang der weißhaarige Gott, noch immer mit verschränkten Armen, zwischen den todbringenden Balken dunkler Energien hindurch.
„Halt still du alter Narr!“
Alduns Gesicht war eine Fratze des Hasses, seine Worte eine Mischung aus Verzweiflung und blanker Mordlust.
„Du hättest im Laufe der Zeit alles haben können was ein Mensch sich je erträumen könnte...“
Zemoths Stimme war nun nicht mehr spöttisch, sie war ruhig und hart, wie Stahl. Ohne größere Mühe bewegte er sich nun, zwischen den Energiestrahlen hindurch, auf den wütenden Aldun zu.
„… Aber du wolltest etwas dass kein Sterblicher je besitzen sollte: Die Liebe einer Göttin, noch dazu meiner Tochter! Und du hieltest es für gerecht dir zu nehmen was nicht dein war! Nun wirst du die Strafe für diese Torheit erhalten…“
Wie ein in die Enge getriebenes Rehkitz blickte der einst so stolze Aldun Dunkelhand sich hilfesuchend nach allen Seiten um. Blitzschnell warf er sich auf die Knie und presste seine knöchrigen Hände mit gespreizten Fingern auf den kühlen Marmorboden.
„Egal was du tust, Zemoth, diese Welt ist verloren!“
Ein wahnwitziges Lächeln zierte Alduns Gesicht als er aus seinen schwefelfarbenen Augen zu Gott Zemoth aufsah, dieser schüttelte nur mitleidig den Kopf.
„Nein… Keine Strafe… Es wird eine Erlösung für dich sein.“
Dunkelhands Grinsen wurde noch breiter als er so viel Dunkelheit in das Gestein des Turmes strömen ließ wie er konnte, nur noch am Rande der Ohnmacht hörte Aldun Zemoths lautes Fluchen und spürte einen scharfen Schmerz im Brustkorb.


13. Schlaf

Taumelnd kam Aldun zum Stehen und brach auf der Stelle zusammen. Alle Glieder von sich gestreckt lag der Herrscher der Volanur auf dem Boden seines Thronsaales und blickte ins Leere, pechschwarzes Blut sickerte unter seinem Leib hervor.
Dies war also das Ende…
Ob der Schöpfer ihm letztlich doch vergeben würde wenn er um Gnade bat?
Ein wehmütiges Lächeln trat auf Alduns bleiche Lippen.
Nein… Kein Flehen, kein Bitten…
Unter schier endlosen Schmerzen richtete Aldun sich auf und presste sich dabei eine seiner dürren Hände auf die Brust, sein etwa faustgroßes Loch klaffte dort, knapp unter seinem Herzen.
Einen Menschen hätte eine solche Wunde schon lang getötet… Aber er war mehr geworden…
Das spöttische Grinsen kehrte in sein Gesicht zurück als er an Amon-Xar dachte, der Turm war nun vom Schatten berührt worden, kein Licht würde mehr von ihm aus über den Süden strahlen.
Unter lautem Husten würgte Dunkelhand einen Schwall Blut hervor und verzog sein Gesicht schmerzerfüllt.
Er musste sich beeilen wenn er überleben wollte!
Da wurde auch schon das gewaltige Tor zum Thronsaal aufgeschlagen, drei Marshadar kamen hereingestürmt und sanken sogleich angsterfüllt auf die Knie.
Aldun bot einen wahrlich schauderhaften Anblick, sein fahles Haar hing ihm wild und wüst ins Gesicht, über und über war er mit seinem eigenen Blut bespritzt. Durch das Wirken von so viel dunkler Magie strahlten seine gelben Augen wie Leuchtfeuer.
„Meister Dunkelhand, was ist geschehen? Geht es euch gut?“
Ein verächtliches Grunzen stieg aus Alduns Brustkorb als der Mittlere der Hohepriester diese Frage stellte.
„Natürlich nicht, ich habe ein Loch in der Brust, wie du siehst!“
Mit einem brachialen Ruck riss Aldun seine Robe entzwei um den Marshadar das Loch zu zeigen, seine Ränder waren überraschend glatt, göttliche Magie war schärfer als jede Klinge.
„Das war einer der Götter… Heilt mich, sofort!“
Überrascht betrachteten die Volanurpriester das Loch, nur um dann wie ein Mann vorzustürmen und ihre eiskalten Hände auf Dunkelhands Brust zu legen. Eine Woge sengender Energien raste in den blassen Leib des Schwarzmagiers und erzeugte eine Explosion der Schmerzen.
Wenn man mit schwarzer Magie heilte war dies im Grunde keine Heilung sondern eine Neuverteilung der körpereigenen Stärke. Es kam also nichts hinzu, was ein allgemeines Gefühl der Schwäche erzeugte.
Mit einem leisen Seufzen sank Aldun vornüber in die Arme seiner Priester.
„Bringt mich… zum Thron… ich muss… nachdenken…“
Geschwind trugen die schwarz gekleideten Volanur ihren erschlafften Herrscher zu dem gewaltigen Stahlthron, wo dieser erschöpft in sich zusammensank.
Dunkelhands Blick glitt ins Leere, scheinbar lautlos bewegte er die Lippen.
„Aus den Scherben des Mondes geborgen, Rache zu nehmen, Tod zu sähen und Seelen zu ernten ward eine Klinge geborgen. Klinge aus Tod, Klinge aus Hass, Klinge geschmiedet um jene zu töten, die nicht sterben können…“
Die Marshadar zuckten überrascht zusammen als er sich plötzlich kerzengerade aufrichtete und diese Worte förmlich schrie.
„Das ist es!“
Noch immer völlig verwirrt wechselten die Hohepriester einige Blicke.
Sprach ihr Meister wirr?
„Was habt ihr, Lord Dunkelhand?“
In Alduns Blick loderte sein altes Feuer, obwohl er noch immer sichtbar erschöpft war.
„Diese Klinge, die geborgen werden wird! Damit ich etwas bergen kann muss ich es zunächst verlieren, verloren habe ich die zwölf Vol’Marshadar, somit werde ich also eine von ihnen wieder finden! In den Scherben des Mondes!“
Nun waren die Volanurpriester sichtlich beunruhigt, Aldun hatte ihnen nie von den Prophezeiungssteinen erzählt.
„Wollt ihr nun den Mond in Scherben schlagen, Lord Dunkelhand?“
Nicht ein Hauch der Belustigung lag in den Worten des Marshadars, der erschreckt zusammenzuckte als Aldun ihn scharf ansah.
„Nein. Ich habe nun eingesehen dass es falsch ist das Schicksal nötigen zu wollen, ich muss mich gedulden bis es sein Werk selbst verrichtet! Ihr werdet die Nordlande allein erobern müssen, ich werde mich aus dem Krieg zurückziehen.“
Panisch rissen die drei Priester ihre schwefelfarbenen Augen auf und starrten ihren Meister entgeistert an.
„Lord Dunkelhand, dass könnt ihr nicht tun! Was sind wir denn ohne euch?!“
Aber Aldun hörte schon nicht mehr zu, er hatte eine Karte vom Boden neben dem Thron aufgehoben und zeichnete dort ein kleines Kreuz ein.
„Hier, in den Bergen… Ja, dort ist es perfekt… Ich werde mir dort ein Refugium bauen, eine Höhle oder etwas in der Art… Folgt mir nicht dorthin! Weckt mich erst wenn der Mond in Scherben zerbrochen ist!“
Völlig sprachlos beobachteten die Hohepriester wie Aldun die Karte aufrollte und binnen eines Wimpernschlages aus dem Thronsaal verschwand.
Er war fort.
„Ist er… jetzt völlig wahnsinnig?“
Absolut gleichzeitig drehten sich die anderen beiden Marshadar zu dem um, der gesprochen hatte.
Skeptische Blicke wurden gewechselt.
Beide nickten stumm.
„Ich fürchte ja.“
  28.06.2006, 18:29
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  • Reisender
    • Neuling
Sollte Remator nicht 3 Abschnitte mit jeweils 13 Kapiteln lang sein? Ich hoffe doch es kommt noch ein Abschnitt ^^
Zum Text sag ich nur dass es mir sehr gut gefallen hat  :)
  29.06.2006, 18:15
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  • Skelett-Krieger
    • Untot
Na, einen dritten Akt wirds nicht geben, einfach weil mir nur noch die Niederlage der Marshadar gegen Arkion als Materie bleiben würde, etwas das mir zu wenig erscheint.

Ich versuche meine Akte immer so aufzubauen dass es in Kapitel 13 ein "Finale" gibt. Aldun, der sich mit Um'Agal vereinigt, Alduns Tod und Elmidras Aufstieg zu Mar'Ithael sind gute Beispiele dafür.

Das Finale dieses aktes ist der Kampf mit Zemoth, ein Ereigniss das ich eigens für Remator erfunden habe, es exestierten keine Andeutungen in Sarfenon, nun bliebe mir einfach kein gutes Finale mehr für einen dritten Akt.

Ich spiele übrigens derzeit mit dem Gedanken an eine Fortsetzung von Sarfenon, ich plane aber noch und kann noch nichts näheres sagen.
  29.06.2006, 18:26
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  • Fremdländer
    • Neuling
hier mal einer der vielen stummen Leser und Fans von Sarfenon.
Remator hat mir wirklich sehr gut gefallen und bietet die selbe, hohe Qualität wie Sarfenon.
Auf die Gefahr hin, dass das schon gesagt wurde: Die Geschichten sind Leinwandwürdig! Ganz großes Kino!

Auf einen Nachfolger von Sarfenon würde ich mich unheimlich freuen, auch wenn mir schleierhaft ist, was noch passieren könnte, nach dem Sieg des Mar'Ithaels. Aber deiner Fantasie traue ich eine schlüssige und würdige Fortsetzung völlig zu.

Allerdings hätte ich eine kleine Frage, über eine scheinbare kleine Ungereimtheit.

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist Alduns Vater der erste menschliche Diener der Dämonen der Zerstörung.
Wenn ich auch das richtig verstanden habe dann sind die 'Geister', die die Blutmagie ermöglichen und deren Namen ich peinlicherweise vergessen habe, die Seelen ehemaliger Diener der Zerstörung, die die Dämonen jedoch verraten haben (so wie Aldun sie nach seinem Tod verrät).

Wenn jedoch Alduns Vater der erste Diener der Dämonen ist, wie kann er sich der Blutmagie bedienen, wenn es doch quasi keinen geben kann, der vor ihm die Dämonen verraten hat?
Verzeih bitte, dass ich mir anmaße eine Ungereimtheit in dem wirklich sehr schlüssigen Geschichte ausgemacht zu haben.
Sicher nur ein Denkfehler meinerseits *schäm*

PS: was meint ihr, wird in Remator zu viel vorweggenommen um erst ihn und dann Sarfenon zu lesen? Wir haben es sicherlich alle andersherum gelesen und dafür ist es auch perfekt. Ich frag mich aber ob das auch andersrum funktioniert.

@Exterminas: ganz tolle Arbeit!
Warum sollte der Mensch im Rahmen seiner beschränkten, evolutionären Entwicklung geistige Kapazitäten entwickelt haben können, um komplexe temporale Paradoxien korrekt zu erfassen?
  29.06.2006, 21:00
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  • Reisender
    • Neuling
Mit der Story bin ich vollkommen zufrieden und ich wollte keinesfalls meckern. Was ich mir aber überlegt habe was man als 3. Abschnitt machen könnte wäre zum Beispiel die Rückehr von Aldun oder die Ausbildung von Ilemira oder wie er sie zu seiner Dienerin gemacht hat und und und.....
Du solltest alles zu einem Drehbuch umschreiben und zu Steven Spielberg gehen ^^
Die Story wäre nämlich wirklich leinwandwürdig  :D
  29.06.2006, 21:32
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  • Skelett-Krieger
    • Untot
Am Ende mal ein kleines Feedback von mir, ich finde das manche Sachen etwas zu kurz gekommen sind, denn hatte Aldun nicht eine Töchter mit  Ilemira gezeugt? Solche Details werden aber garnicht erwähnt, genau wie der Riss etwas dürftig beschrieben ist, wüsste ich nicht von Sarfenon um was es geht, stände ich dumm da.
Und die Handlung wird ab dem Zeitpunkt als Aldun den Riss öffnet auch zu vorhersehbar, wie TLB schon sagte sind Dinge wie dunkles Volk in Erdlöchern einfach zu ausgelutscht.
Alles im Allem ist es aber immer noch eine sehr sehr gute Geschichte, nur am Ende fehlt irgentwie der Tiefgang... Ich weiß auch nicht, wie man das mit Worten beschreiben soll, aber es fehlt einfach irgentwas...

Ich bin mal gespannt auf die Fortsetzung von Sarfenon, zwar sind die Götter am Ende ja alle tod, aber die Welt ist noch nicht erobert, was allerdings auch nicht mehr schwer sein dürfte, aber ich bin trotzallem gespannt.  :ugly:
Kommt auf die dunkle Seite der Macht! Wir haben Kekse!
  29.06.2006, 22:02
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  • http://antipapsti.de/


  • Fremdländer
    • Neuling
ein weiteres interessantes Thema ist sicher Al'Noctis Werdegang, bis er vom Orden des Lichts gefangen wird. Ich mag diesen Charakter und war traurig dass er in Sarfenon so schnell Alduns Klinge zum Opfer fiel.

Zitat
Und die Handlung wird ab dem Zeitpunkt als Aldun den Riss öffnet auch zu vorhersehbar, wie TLB schon sagte sind Dinge wie dunkles Volk in Erdlöchern einfach zu ausgelutscht.
Alles im Allem ist es aber immer noch eine sehr sehr gute Geschichte, nur am Ende fehlt irgentwie der Tiefgang... Ich weiß auch nicht, wie man das mit Worten beschreiben soll, aber es fehlt einfach irgentwas...

Ich mochte das Ende eigentlich völlig, auch die Volanur fand ich toll und auch ziemlich interessant.
Aber wenn der letzte Teil mehr Tiefgang benötigt, wäre es sicher nicht verkehrt Alduns Gewissen einen letzten Auftritt zu gewähren?
Sein Wandel kommt doch recht fix.

wenn ich an einen Nachfolger zu Sarfenon denke, fällt mir vor allem die Gestalt des Volanur-Kommandanten ein, der ja auch in Sarfenon leichtes Unbehagen über Alduns Tun zeigt.
Warum sollte der Mensch im Rahmen seiner beschränkten, evolutionären Entwicklung geistige Kapazitäten entwickelt haben können, um komplexe temporale Paradoxien korrekt zu erfassen?
  30.06.2006, 00:06
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@ Chemo

Aaalso.
Die Onarkash sind "Verräter am Schatten".
Die Welt von Sarfenon ist im Wesentlichen dreigeteilt.

Das Licht, den Tod und den Schatten.

Die "Personifizierung" des Lichtes ist der Schöpfer, seine "Handlanger" sind die Götter.

Die "Personifizierung" des Schattens wird (noch) nicht näher erwähnt, allerdings ist ihr Handlanger stets Mar'Ithael. Die dreizehn Dämonenfürsten stehen etwas abseits dieser Ordnung, sie sind eine Art Spaltprodukt, das beim Wirken der Götter entstand, sie sind nicht gleichzusetzen mit "dem Schatten"

Die Todgebundenen (Onarkash) sind aber Verräter am Schatten, im weitesten Sinne also an Mar'Ithael. Und wie durch Noxramars Geschichte schon angedeutet wird gab es eien Viezahl von Personen, die Mar'Ithael werden wollten.
Mehr darüber und über das Wesen der Göttlichkeit werdet ihr in der Fortsetzung erfahren können.

Alles in allem muss ich jedoch eingestehen dass ich Sarfenon selbst nochmals überarbeiten werde um solche und andere "Plot-Holes" glaubwürdiger heraus zu arbeiten.


@Lord Dagon

Die Tochter wird erwähnt, allerdings nur in einem Satz und sehr beiläufig, war glaube ich eines der letzten Kapitel des ersten Aktes. Dort meint Aldun dass sie, und Ilemiras unehelicher Sohn mit Al'Noctis, in den Osten geschickt wurden um dort versteckt aufzuwachsen. Aber das ist auch eines der Dinge an denne ich noch feilen werde.

Tiefgang habe ich versucht rein zu bringen durch die Zweifel, die Aldun immer wieder plagen und durch diesen Satz:

„Schuld setzt die Möglichkeit voraus
 eine Wahl gesehen zu haben.“

Die Götter betrachten Aldun als das pure Böse, dabei ist ihm dieser Weg mehr oder weniger von den Erzdämonen aufgezwungen worden, sie haben  die Wahrheit vor Alduns Augen verdreht.

Der Tiefgang kommt (wie in allen meinen Texten) nicht von irgendwelchen heldenhaften Taten oder epischen Gemetzeln sondern von den Fragen, die im Verstand des Lesers aufsteigen sollen. In diesem Fall ist das:

"Ist Aldun nach dem Verrat an den Sieben wirklich schon böse? Oder ging er nur eisern einen Weg weiter, den Andere ihm aufzwangen und verlor darüber den Verstand"


Aber alles in Allem freue ich mich sehr über euer Feedback.
  30.06.2006, 13:39
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ok, alle zweifel beseitigt - ich verneige mich vor dem author in tiefster demut :master:

die alten Mar'Ithael und deren Helfershelfer hatte ich als Onarkash gar nicht in Betracht gezogen, weil der Mar'Ithael ja offenkundig kein Diener der Dämonen ist und ich die Onarkash (wie Aldun) als Verräter an den Dämonen betrachtet habe. Das war insofern schon falsch, als das es ja gerade der Mar'Ithael ist der am Ende von Sarfenon den Onarkash die Absolution erteilt.

Die Dreiteiligkeit ist in Sarfenon wunderbar rübergekommen. Die Idee den Tod und den Schatten als getrennte und 'verfeindete' Parteien auftreten zu lassen ist übrigens absolut genial und auch völlig nachvollziehbar - eigentlich regelrecht revolutionär für Fantasy.

ich bin gespannt auf die fortsetzung!

[Edit] verdammt, die ist ja schon in arbeit! :eek:
na denn:  :ugl-jump:
Warum sollte der Mensch im Rahmen seiner beschränkten, evolutionären Entwicklung geistige Kapazitäten entwickelt haben können, um komplexe temporale Paradoxien korrekt zu erfassen?
  13.07.2006, 17:54
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So, derzeit überarbeite ich Remator, primär um den Text dann mal einem Verlag zukommen zu lassen. Aus diesem Grund werde ich die überarbeitete Version auch nicht ganz hier veröffentlichen. Aber als kleines Präsent gibt es hier mal die ersten, überarbeiteten Kapitel.

Ihr werdet feststellen dass der Text abgerundet und optisch voller wirkt. Es gibt nun kaum mehr zu kurz geratene Zeilen oder Sätze. Weiterhin kann man ein wenig mehr über Kommandant Ezkash erfahren. Oh, und jedes Kapitel wird nun eine Länge von 3-4 Seiten besitzen, was mein Ziel darstellte.

Viel Spass.

Zitat
Remator, Aufstieg der Dunkelheit

Erster Akt: Schöpfung


„Um eine vollkommene Gesellschaft zu erschaffen
 müssen wir alles unvollkommene entfernen.“
~ Aldun Ar’Aramesh

1. Jahre der Unschuld

Mit sanftem Flügelschlag schwebte der sonnengelbe Schmetterling von Blüte zu Blüte, die Abendsonne tauchte den Garten vor dem kleinen Landgut in ein mildes Licht. Jenseits der immergrünen Hecke des Areals lag das weite, weite Meer und schimmerte azurblau im Licht der untergehenden Sonne. Die Pflanzen des Gartens selbst reflektierten den Abendschein und hüllten die pollenschwangere Luft in einen milden Glanz.
Auf einer aus feinstem Marmor bestehenden Bank, im Schatten einer gewaltigen Eiche mit knorrigem Stamm und weit verzweigten Ästen saß eine Frau und blätterte in einem Buch. Ihr Haar war golden wie reifes Korn und übertraf sogar die prächtigsten Pflanzen des Gartens an Pracht. Die großen, runden Augen der jungen Frau waren strahlendblau wie das weite Meer am Horizont. Sie trug ein schlichtes Kleid aus weißer Seide, das am Kragen und an den Ärmeln reich mir Rüschen und Stickereien verziert war.
Nach einiger Zeit, der Schmetterling war inzwischen in dem tiefen Waldgebiet, das an den Garten grenzte, verschwunden, trat ein Mann aus dem kastenartigen Anwesen im Herz des Gartens auf die mit Granitplatten gepflasterte Terrasse. Das Anwesend und der Garten hätten gegensätzlicher nicht sein können, wo das Grünareal vor Pracht und Leben überzuquellen schien war das Gebäude schlicht, karg und aus nebelfarbenen Steinen erbaut.
Ebenso verhielt es sich mit dem Mann und der Frau.
Er war hoch gewachsen und athletisch, jedoch nicht muskulös, gekleidet war er in eng anliegenden, schwarzen Samt. Obwohl er einen wohlhabenden und vor allem gebildeten Eindruck machte war die Samtkleidung schlicht gehalten, sogar die Knöpfe bestanden aus dunklem Holz statt aus Gold oder Silber. Sein Gesicht war von beeindruckender Schönheit, jedoch nicht ohne eine gewisse Strenge, mit hohen Wangenknochen und einer hakenartigen Nase, braunes, kurz geschorenes Haar bedeckte seinen Kopf. Auch trug er eine silberne Brille mit kreisrunden Gläsern auf der Nase durch die seine braunen Augen den Garten argwöhnisch absuchten.
Raschen Schrittes und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen schritt er ein wenig steif anmutend den geschwungenen Kiesweg im Schatten der herbstlichen Bäume entlang.
Er beachtete die Pflanzen und all die lebende Pracht um sich herum nicht.
Vor der Bank mit der Frau blieb er schließlich stehen, musterte sie und räusperte sich. Es schien als wäre das Räuspern für diesen Mann ein wichtiger Teil des Gesprächs, fast wie eine inoffizielle Begrüßung.
Wobei ein Wort am allerwenigsten auf ihn zutraf: Inoffiziell
„Nun meine Liebe, was tust du den ganzen Tag hier draußen?“
Nicht der leiseste Anflug eines Lächelns war auf seinem hageren Gesicht zu erkennen als er diese Worte sprach und sich mit der Hand über sein kurz geschorenes Haar fuhr.
Mit einem leisen Seufzen schlug die Frau das Buch zu und blickte ihn aus ihren blauen Augen an, keine Freude, aber auch kein Groll lag in diesem Blick. Er erschien einfach nur leer.
Die junge Frau mochte gut zwanzig Jahre alt sein während er bereits auf die Vierzig zuging, was den Kontrast, der zwischen diesen beiden Menschen bestand, noch betonte.
„Nun, Lord Mevidar, ich lese.“, stellte sie mit sachlicher Stimme fest.
Der Lord legte den Kopf schief und zeigte eine Reihe makelloser Zähne, eine Geste, die nicht annähernd an ein Grinsen erinnerte dies wohl aber darstellen sollte. Statt zu erheitern wirkte das Grinsen des Lords wie ein Zähefletschen, ein Umstand, der ihm bekannt war.
„Das sehe ich. Du bist meine Frau, Cecilia, auch wenn es dir vielleicht nicht passt habe ich doch ein Abkommen mit deinem Vater getroffen, wie es Sitte ist. Du meidest mich, denke nicht dass mir das entgangen ist! Aber du bist nicht hier um zu lesen oder Zeit im Garten zu vertrödeln! Ab morgen wirst du das Haus nicht mehr verlassen bis du mir einen Erben geschenkt hast, immerhin sorge ich gut für dich, obwohl ich es nicht müsste!“
Cecilia musterte den Lord verächtlich, ihr war die Gegenwart des Mannes offensichtlich zuwider, und das ließ sie ihn deutlich sehen.  
„Wie der Lord wünscht. Es ist mir eine außerordentliche Ehre und ein Vergnügen das Vögelchen im goldenen Käfig des großen Balmanar Mevidar zu sein. Noch dazu seine Zuchtstute…“
Der drahtige Adlige holte in einer blitzschnellen Bewegung aus und verpasst ihr eine schallende Ohrfeige. Als wäre nichts weiter gewesen schob er sich danach in einer integeren Geste die Brille zurück, die ein wenig an seiner Nase herabgerutscht war.
„Hinein, sofort.“
Die Stimme des Mevidars war kalt und tonlos wie zuvor, kein Zorn war darin zu hören. Nicht einmal Anstrengung.
Cecilia hingegen hielt sich die Wange und nickte nur stumm bevor sie sich erhob und offensichtlich wütend ins Haus zurückeilte.
Lord Mevidar seufzte leise und nahm mit hängendem Rücken auf der Bank platz, leise murmelnd nahm er sich die Brille ab und rieb sich die Nasenwurzel.
Warum musste dieses Weib auch so eigensinnig sein?
Wann immer er ihr einen guten Ratschlag gab schaltete sie auf stur und zwang ihn rabiat zu werden… Alles was er von ihr verlangte war ihm einen Sohn zu gebären, war das denn zu viel verlangt im Austausch gegen all den Luxus, den er ihr gab?
Er erhob sich schließlich von der marmornen Sitzgelegenheit, zupfte seine schwarze Kleidung penibel zurrecht und schlenderte den Kiesweg entlang zur nördlichen Begrenzungsmauer des Gartens. Der Ozean umspülte wenige Meter entfernt die schroffen Felsen, die die Nordküste Imethaels bildeten. Es hatte ihn schon vor Jahren hierher in die Provinz verschlangen als er der Dekadenz der Metropole aus weißem Marmor überdrüssig geworden war.
Die Götter in ihrem Prachtbau und diese hochmütigen Rematoren, die sich aufführten als wären sie etwas Besseres…
Hier im nahezu unberührten Nordosten hatte er dieses Anwesen errichten lassen und die Tochter eines alten Geschäftspartners, Cecilia, geheiratet. Es war eine arrangierte Hochzeit gewesen, ein Umstand der Cecilia offensichtlich zuwider war, sie träumte noch Träume von Prinzen auf weißen Pferden…
Balmanar schnaubte verächtlich, dieses Mädchen sollte endlich damit aufhören aus der Realität zu fliehen und sich in Wünsche und Träume zu retten.
Und die Realität war er.  

Aldun summte leise während er durch den im Frühling aufblühenden Wald spazierte, hier und da über eine Wurzel sprang oder einem Schmetterling nachlief.
Er mochte den Wald, hier gab es so viele schöne Tiere, die Schmetterlinge waren nicht einmal die schönsten, ab und an konnte er ein Reh oder einen Hirsch sehen.
Der kleine Junge mochte etwa vier Jahre alt sein und trug schlichte Kleidung aus Leinen, an den Knien war sie bereits durchgescheuert, ein Umstand, den er den Wurzeln des Waldes zu verdanken hatte, denn oft gelang es ihm nicht darüber hinweg zuspringen. Sein Haar, das unordentlich in alle Richtungen abstand war zu kurzen Stoppeln geschoren und strohblond.
Das Gesicht des Kleinen war rundlich, seine Augen groß und blau wie die seiner Mutter.
Ab und an lachte er wenn einer der zahllosen Schmetterlinge, die den Wald bevölkerten, dicht vor ihm vorbei flog. Diese Wesen schienen keine Scheu und keine Angst vor ihm zu empfinden, oft flogen vier oder mehr in einem Wirbel um ihn herum.
Praktisch seit er laufen konnte spielte er im dichten Wald südlich des Anwesens, die Bäume hier waren alt und hoch, dennoch waren ihre Blätter lichtdurchlässig was etwa hüfthohen Farnbewuchs zuließ, der ein relativ weiches Polster gegen Stürze bildete.
Er mochte den Wald, hier musste er nicht lernen, keine Texte lesen und keine Zahlen berechnen sondern konnte einfach durch die Gegend spazieren.
Sein Vater war ein sehr strenger Mann und mochte es nicht wenn er im Wald spielen ging.
Aldun hatte das nie ganz verstanden, wie konnte man etwas so schönes nicht mögen?
Seine Mutter jedoch ermutigte ihn immer dazu hinaus zu gehen wenn er frei hatte, sie meinte dann immer dass er die Nähe zur Natur suchen sollte wann immer er die Zeit dazu hätte.
Die Nähe zur Natur. Auch das hatte der Junge nie verstanden, war die Natur nicht immer da, auch wenn man in einem Gebäude saß? Warum musste man ihre Nähe suchen?
„Sohn!“, der plötzliche Ruf seines Vaters ließ den Kleinen aus seinen Gedanken aufschrecken, was dazu führt dass er ins Stolpern kam und fast gefallen wäre.
Etwa zwanzig Meter entfernt bewegte sich die wie immer in Schwarz gekleidete Gestalt seines Vaters durch den Wald. Kaum ein Mensch wirkte hier so fehlt am Platz wie Lord Mevidar, sein steifes Auftreten und seine steinerne Mine schienen all die Schönheit Lügen zu strafen.
Lächelnd rief Aldun ihm zu und rannte lachend durch den Wald auf seinen Vater zu.
„Nun, wie oft habe ich dir gesagt dass du nicht in den Wald gehen sollst? Sieh dich doch nur an, du bist ganz dreckig.“
Verärgert über den Tadel blickte Aldun zu Boden und scharrte mit den Füßen im Moos.
„Mama sagt ich soll rausgehen, die Nähe zur Natur suchen…“
Der Junge hörte seinen Vater verächtlich grunzen, wie er es oft tat wenn von Mutter die Rede war. Schon verschränkte der Lord zornig die Arme hinter dem Rücken: Ein sicheres Indiz dafür dass ein weiterer belehrender Vortrag bevorstand.
„Deine Mutter ist eine Träumerin, Aldun. Sie versucht der Realität zu entfliehen indem sie sich anders vorstellt statt sie in ihre eigenen Hände zu nehmen und zu ändern! Aber dazu fehlte ihr wohl auch die Stärke, Träumer verändern die Welt nicht, Aldun, das tun die Mächtigen.“
Der hoch gewachsene Lord Mevidar beugte ein Knie und legte seinem Sohn ermutigend eine Hand auf die Schulter und suchte Blickkontakt.
„Du bist doch kein Träumer, oder? Du bist ein Gelehrter Aldun, Träumer bringen es nie zu etwas. Die Gelehrten hingegen können Einfluss auf die Mächtigen nehmen, denn Wissen ist nur eine weitere Spielart der Macht! Mit einer Feder kann jedes Schwert bezwungen werden, und mit Worten können Legionen und Reiche zu Fall gebracht werden.“
Aldun musste lächeln und fuhr sich mit dem Handrücken über die triefende Nase, was eine Schmutzspur in seinem Gesicht zurückließ.
„Ja, aber man sollte besser nicht mit den Legionen reden während sie mit gezogenen Schwertern auf einen zustürmen, oder?“
Ein Schmunzeln stahl sich auf die dünnen Lippen Lord Mevidars als er seinem Sohn ermutigend über die kurz geschorenen Haare strich und sich wieder erhob.
„Gehen wir ins Haus zurück, du musst noch viel lernen, Mathematik wäre heute an der Reihe…“, fuhr der Lord fort während er sich seine Kleidung zurechtzupfte und von einem Blatt befreite.
Ein erschöpftes Seufzen entwich der kleinen Brust Alduns.
„Muss das sein? Du weißt doch wie sehr ich all diese Zahlen hasse… Sie sind so… unnütz…“
Der blasse Lord nahm seinen Sohn bei der Hand und führte ihn gemächlichen Schrittes aus dem Wald.
„Zahlen sind wichtig. Wenn du die Zahlen beherrschst dann hast du einen starken Willen. Und mit einem starken Willen steht dir die Welt offen.“
In besonnenes Schweigen versunken nickte Aldun nur.

„Wer steht im Rang höher, ein Remator oder der Kommandant der Truppen?“
Lord Mevidar schritt langsam in dem mit dunklem Holz getäfelten Raum auf und ab. Karten bedeckten die Wände und unzählige Bücher waren zu schwankenden Türmen aufgestapelt. Das Geräusch seiner Schritte wurde von dem dicken Samtteppich, dessen Rot schon alt und verblichen wirkte, gedämpft. Auf dem wuchtigen Schreibtisch, ein Möbelstück aus dunklem Holz und mit Schnitzereien verziert,  den Alduns Vater als Arbeitsplatz zu benutzen pflegte, türmten sich unzählige Pergamentrollen und Bücher.
Er pflegte immer zu sagen dass nur ein Genie sein Ablagesystem durchschauen könnte, und das ein System in dem jeder jede Information fände unnütz sei.
Aldun hielt das für falsch, zwar sollte Wissen nicht jedem zugänglich sein, war es doch oft gefährlich, aber im Chaos seines Vaters verbarg sich wohl kaum ein echtes System.
Noch über die Frage nachdenkend begann der junge Aldun über die Tischkante zu streichen und die Blütenschnitzereien mit der Hand nachzufahren.
„Der Remator… Er steht direkt unter den Göttern und kann allen anderen Dienern des Lichts befehlen. Sein Wort ist das Wort der Götter, denn Rematoren sind weise und in den Gesetzen geschult. “
Mevidar nickte stumm und strich sich über sein kurzes Haar.
„Gut… Damit hätten wir die Politik für heute auch erledigt. Du kannst jetzt gehen.“
Aldun lächelt fröhlich und eilte kurzen Schrittes aus dem Raum während sein Vater sich wieder über die Dokumente auf dem Schreibtisch hermachte. Um genauer zu sein begann er eine kompliziert anmutende Tabelle gefüllt mit winzigen Zahlen zu studieren und murmelte dabei öfters vor sich hin.
Manchmal fragte der kleine Aldun sich ob sein Vater nicht zu viel arbeitete, vielleicht wäre er ja öfters fröhlich wenn er nicht den ganzen Tag mit Zahlen und Buchstaben zubringen würde und stattdessen mehr Schmetterlinge beobachten würde.
Der Kleine zuckte mit den Schultern.
Sein Vater würde schon wissen was richtig war und was nicht, immerhin wusste er so unheimlich viel.
Ja, Vater musste wirklich alles wissen.
Dicker, roter Teppich bedeckte auch den Boden des Ganges im Obergeschoss des Anwesens, allerdings wirkten die Farben hier noch lebendiger, nicht aus ausgebleicht wie im Zimmer des Lords.
Allerdings mochte Aldun das ganze Anwesen ohnehin nicht besonders, dass ganze dunkle Holz und die roten Polster machten ihm Angst wenn er des Nächtens auf die Toilette musste oder Durst hatte. Seine Mutter hatte ihm oft von Imethael, der großen Stadt im Westen erzählt. Dort bestanden die Straßen und alle Gebäude aus schneeweißem Marmor, nachts wurden die Straßen von Laternen erhellt, damit niemand Angst haben musste. Und über allem ragten die beiden Säulen der Zivilisation auf, wie Alduns Mutter sie genannt hatte. Der Turm in dem die sieben Götter lebten und ihre Anwesenheit dem ganzen Land verkündeten auf das kein Übel nach Imethael kam. Das zweite Gebäude war der Palast der Rematoren, das waren jene Männer und Frauen von denen sein Vater immer sprach. Sie waren großartige Kämpfer, die besten auf der ganzen Welt, und gleichzeitig waren sie Gelehrte. Jeder Remator musste Jahre damit verbringen zu lesen und zu lernen bevor man ihm auch nur ein Buttermesser in die Hand gab.
Aldun hätte fast vor Schreck geschrieen als vor ihm die Tür zum Schlafzimmer seiner Mutter aufschwang und ihn unsanft aus seinen Gedanken riss. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen trat Alduns Mutter heraus.
Sie musste einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein, aber jetzt waren ihre Augen blutunterlaufen und ihr blondes Haar zerzaust, die azurblauen Augen wirkten stumpf und abgekämpft.  
„Na mein Sonnenschein, wie geht es dir? Musstest du wieder irgendwelche langweiligen Sachen lernen? Nimm es deinem Vater nicht übel, er hält es für das Beste.“
Der kleine Aldun musterte seine Mutter verständnislos und legte dabei den Kopf schief.  
„Ich finde die Sachen gar nicht langweilig. Außerdem ist es Vater sehr wichtig, dass ich lerne. Wissen ist doch nichts Schlechtes. Mit Wissen kann man die Welt um sich herum verändern, sagt Vater.“, verkündete der kleine Junge voller Selbstsicherheit.
Seine Mutter betrachtete ihn nachdenklich und lehnte sich gegen den Türrahmen aus dunklem Holz. Ihre Miene wirkte nun amüsiert aber auch ein wenig verbittert.
„Weißt du, Wissen kann einem auch im Weg stehen, es versperrt einen den Blick auf die wesentlichen Dinge. Deinem Vater ist genau das passiert, in seiner Gier nach Wissen und Macht hat er verlernt wie man fühlt, er hat sogar verlernt wie man lebt.“
Als Aldun die Stirn runzelte seufzte seine Mutter nur erschöpft und ging in die Hocke um ihrem Sohn erschöpft übers Haupt zu streichen.
„Ach, dazu bist du wohl noch zu jung… Sei einfach vorsichtig beim Lernen, Wissen kann einen Menschen zerstören. Es versteinert die Seele, denn es gibt zu viele Dinge, die nicht dazu geschaffen wurden dass ein einfacher Mensch sie weiß.“  
Der Junge beachtete die Worte seiner Mutter nicht weiter und eilte aus dem Haus um im Wald zu spielen, längst hatte er gelernt dass sowohl sein Vater als auch seine Mutter manchmal einfach laut aussprachen was sie dachten und er das dann nicht zu beachten brauchte.

Aldun schlug die Augen auf und blinzelte mehrmals bis der Raum um ihn herum an Konturen gewann und die Schatten der Nacht in die Ecken und Nischen flohen.
Durch einen schmalen Spalt in den Vorhängen fiel ein Balken Mondlicht auf sein gewaltiges Himmelbett. Im Halbdunklen sahen die Seidenvorhänge und die Pfosten aus Ebenholz wie tote Gliedmaßen umhüllt von dünnen Leichenhemden aus.
Was hatte ihn geweckt? Draußen war alles ruhig, geträumt hatte er auch nicht.
Gähnend wühlte er sich aus den weißen Lakenbergen und tapste zum Fenster. Im Licht des Vollmondes regte sich nichts im ruhigen Garten, es war sogar völlig windstill.
Er war durstig…
Noch im Halbschlaf schlürfte der Kleine nun aus dem Zimmer hinaus in den Gang, der dicke Teppich dämpfte das Geräusch seiner Schritte als er in Richtung Treppe ging.  
Überrascht blickte er zur Tür des Arbeitszimmers seines Vaters, ein goldener Balken Licht fiel darunter hervor und wurde vom Teppich gestreut.
Gedämpfte Stimmen waren von jenseits der Tür zu hören, sie klangen zornig.
„Was soll all das? Warum holst du mich mitten in der Nacht aus dem Bett?“, sagte die Stimme von Alduns Mutter und klang dabei in höchstem Maße verärgert.
Ohne weiter nachzudenken schlich der Junge zur Tür, vorsichtig darauf bedacht keinen Laut zu verursachen oder gegen einen Ziergegenstand zu stolpern.
„Was das soll? Ich habe dich heute Abend mit Aldun gehört… Ich bin also blind für das Wesentliche, wie?“, die Stimme von Lord Mevidar klang noch viel kälter als sonst.
Mit vorsichtigen Bewegungen näherte Aldun sich dem Schlüsselloch und blickte hindurch.
Sein Vater saß hinter dem Schreibtisch und hatte die Spitzen seiner blassen Finger aneinander gepresst, so dass sie sich weiß färbten. Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben, auf dem Tisch stand eine seltsame, goldene Schale, die Aldun noch nie zuvor gesehen hatte, Kreise und seltsame Zeichen schmückten ihren Flachen Rand. Im Inneren war ein Stern umschlossen von einem Kreis eingraviert, der Stern hatte dreizehn Zacken, er war tiefer eingraviert als der Rest.
Alduns Mutter stand auf der anderen Seite des Tisches und hatte die Hände in ihrem Nachthemd zu Fäusten verkrampft, ihre Wangen waren vor Zorn gerötet.
„Ja, dass bist du Balmanar. Du hältst den Jungen von der Welt fern, verhinderst dass er lebt! Es ist genug wenn du dein Leben mit all diesen Büchern, Zahlen und Fakten verschwendest, ich werde nicht zulassen dass du das mit unserem Sohn auch tust!“
Die braunen Augen des Lords gewonnen hinter den runden Gläsern seiner Brille noch an Härte als er sich nachdenklich über das kurze Haar fuhr und seine Frau dabei nicht aus den Augen ließ.  
„Ich verschwende mein Leben also? All das was du hier siehst…“, sagte Lord Mevidar, machte eine ausladende Geste und erhob sich langsam aus dem gepolsterten Sessel.
„Habe ich mir mit meinem Verstand erarbeitet. Habe jeden überflügelt, der mir unterlegen war. Aldun hat großes Potenzial, größeres noch als ich. Er kann ein Remator werden, sein Wissensdurst ist schier unbegrenzt! Dir wäre es wohl lieber er würde ein einfacher Händler oder Goldschmied werden, was?“
Aldun sah wie seine Mutter nun dunkelrot anlief, so hatte er sie noch nie gesehen.
„So wie mein Vater, wie? Ein Mann der so töricht war seine Tochter an ein kaltes Monster zu verkaufen dem der Wille seine Sohnes egal ist.“, die Stimme von Cecilia Mevidar troff vor Zorn. Langsam, einem Raubtier gleich schritt Lord Mevidar auf seine Frau zu.
„Ein Monster, Cecilia, ein Monster? So siehst du mich also? Nach all diesen Jahren hast du nicht gelernt mich zu lieben?“
Blitzschnell schloss der Vater des jungen Aldun seine Hände um die sich nach Kräften wehrende Frau und drückte sie entgegen allen Widerstandes an sich.
„Ich liebe dich nicht Balmanar, und dass weißt du. Du hast mir mein Leben, meine Träume gestohlen.“
Mevidar nickte stumm und strich seiner Frau in einer fast liebevollen Geste übers Haar.
„Komm, meine liebe Cecilia, ich will dir etwas zeigen…“
Mit sanfter Gewalt führte er sie hinter den Schreibtisch und  deutete auf die Schale.
„Sieh hinein.“
Skeptisch tat die Mutter des jungen Aldun wie ihr geheißen war.
„Was im Namen…“, weiter kam Cecilia Mevidar nicht.
Der Lord ergriff einen wie ein Messer geformten, goldenen Brieföffner, der auf dem Schreibtisch lag und stach damit auf den Hinterkopf seiner Frau ein.
Aldun wollte schreien, war aber wie gelähmt, wieder und wieder stach Lord Mevidar auf den Hinterkopf der mittlerweile reglosen Frau ein.
Blut bedeckte seine ganze Kleidung, den Schreitisch und den verblichenen Teppich.
Plötzlich hielt der Lord in seinem Wahn inne, legte den Kopf schief und schien zu lauschen.
„Ja… Ich weiß… Ihr hattet Recht… Die Ganze Zeit über… Ich werde tun was ihr von mir fordert… Aber lasst Aldun am Leben.“
Die Schale auf dem Schreibtisch begann plötzlich in einem tiefen Ton zu vibrieren, all das Blut im Raum setzt sich wie von Geisterhand in Bewegung und floss träg in die Schale.
Die Lähmung wich aus den Gliedern des jungen Aldun und er taumelte benommen zurück.
Er musste weg von hier, in sein Zimmer zurück, sein Vater würde ihn sicher ebenfalls töten wenn er ihn beim Lauschen erwischte!



2. Im Namen des Schöpfers

Mit gerunzelter Stirn betrachtete die Göttin Ilemira das Sandbecken vor ihr.
Die Grube durchmaß etwa ein Duzend Schritte und war in den Boden des kuppelförmigen Raumes eingelassen, umfasst wurde das Becken von einer etwa fingerdicken Goldkante. In den schneeweißen Sand war eine Weltkarte gezeichnet, die nahezu jeden Fluss und jede Hügelkette detailliert zeigte. Zwei kleine Türme, aus feinstem Marmor geschnitzt, symbolisierten die beiden großen Städte dieser Welt, Imethael auf seiner Insel im Nordwesten und Amon-Xar an der Küste des weitläufigen Kontinentes im Südosten.
Hier im Norden herrschten sieben Götter, im Süden nur sechs.
Die Göttin war eine hoch gewachsene Frau, ihr schulterlanges Haar war dunkel wie die Mitternacht, ihre seidige Haut kupferfarben. Gekleidet war die schöne Göttin in eine schlichte Robe aus weißer Seide, die praktisch keine Haut zeigte. Ilemiras Gesichtszüge waren nicht übermäßig weich oder rund, viel mehr erschien ihr Gesicht stark ohne jedoch streng zu erscheinen. Ihre großen Augen hatten fast die Selbe Farbe wie die kupfern erscheinende Haut.
Doch nun schien große Sorge dieses makellosschöne Gesicht zu trüben.  
Im weißen Sand, östlich des Marmortürmchens von Imethael, an der Nordostküste der Insel, befand sich ein hässlicher, schwarzer Fleck. Das Ganze sah ein bisschen aus wie eine Distel.
Während Ilemira den Fleck so betrachtete kam ein älterer Mann in die Kammer geschritten.
Von ihm ging eine Aura unglaublicher Willensstärke aus, die sofort den ganzen Raum erfüllte und alles Andere in den Hintergrund drängte. Es musste jedem Beobachter sofort klar sein dass dieser Mann immer über den Dingen und allen Sterblichen stand. Er war ein Gott.
Das Haar des greisen Gottes war schneeweiß und kurz geschoren, er trug einen Vollbart aus ebenso weißem Haar, der sein faltiges Gesicht grimmig wirken ließ. Wie Fenster, die den Himmel eines kalten, klaren Wintertages zeigten strahlten seines Augen Ilemira an.
„Ist er noch immer da?“, fragte der Mann mit einer tiefen, brummenden Stimme und verschränkte die Arme hinterm Rücken. Eine Geste, die in keineswegs entspannter wirken ließ. Überhaupt schien dieser Gott, im Gegensatz zu Ilemira, ständig die ganze Umgebung nach Gefahren abzusuchen um sich im Notfall auf sie stürzen zu können.
„Ja, Vater. Was bedeutet dieses Geschwür? Ist es gefährlich?“
Gelassen betrachtete der greise Gott den Fleck, sein Blick verfinsterte sich und seine Miene würde grimmig. Er wirkte als blickte er voller Verachtung auf eine Küchenschabe herab.
„Nun, nicht unbedingt. Es könnte ein unbedeutender Zufall sein. Oder aber der Anfang von etwas großem. Früher oder später tritt die Verderbnis in jede Welt… Vielleicht ist unsere nun an der Reihe. Ich wäre beruhig wenn du dich mit dem Kommandanten der Garde dorthin begibst und den Fall untersuchst. Wir müssen jede Bedrohung im Keim ersticken.“
Ilemira nickte stumm und musterte ihren Vater aus den Augenwinkeln.
„Wie lange noch bis du wieder abreist?“, fragte die wunderschöne Göttin leise wobei ihr Tonfall etwas Wehmütiges bekommen hatte.
„Heute Abend werde ich zurückkehren, Amon-Xar braucht mich. Niemand soll sagen können dass Gott Zemoth seine Familie über seine Pflicht stellt.“
Ein trauriges Schmunzeln trat auf die vollen Lippen der Göttin als sie die Arme verschränkte.
„Wer würde es schon wagen zu behaupten dass Gott Zemoth seine Pflichten vernachlässigt? Aber wenigstens hab ich dann meine Ruhe vor den Avancen Imanals… Du solltest ihn nicht mehr mitbringen, er gibt nicht auf, egal wie deutlich ich ihm mein Desinteresse zeige.“
Der Gott lachte donnernd und klopfte seiner Tochter ermutigend auf die Schulter.
„Ach, sorge dich nicht, auch die Hartnäckigkeit eines Unsterblichen kennt ihre Grenzen. Er wird dich schon in Ruhe lassen. Irgendwann… Aber er ist nun mal hoffnungslos in dich verliebt, verachte ihn deshalb nicht. Versuch einfach weiter nett und höflich zu ihm zu sein.“
Ilemira nickte stumm und schloss ihre Arme um den muskulösen Brustkorb Zemoths.
„Ich werde dann gehen und mir diese „Verderbnis“ ansehen, wenngleich ich hoffe dass sich alles als schrecklicher Irrtum herausstellt. Möge der Schöpfer seine Hand über dich halten.“
Zemoth löste sich von seinem Kind und lächelte sie an.
„Und über dich, Tochter.“
Als der greise Gott den Raum verlassen hatte blieb seine Tochter noch einen Augenblick und eilte dann wie eine Windböe durch die Gänge des Palastes, wenn dies wirklich der Anfang der großen Verderbnis war so hatte sie keine Zeit zum Trödeln.
Genau genommen hatte dann niemand mehr sonderlich viel Zeit für gar nichts…
Der Schöpfer hatte seine Diener, die dreizehn Götter, gewarnt dass eines Tages das Böse seine Hand nach der Welt ausstrecken würde um sie zu berühren und zu korrumpieren. Mord, Chaos und Blut würden die heilige Ordnung und die Götter verschlingen wenn der Dunkelheit nicht rechtzeitig Einhalt geboten wurde. Zu diesem Zweck hatte er die Götter seine heilige Magie gelehrt. Mit dieser göttlichen Macht war unter anderem das Sandbecken hergestellt worden um als erstes Warnsignal vor negativen Einflüssen in der Welt zu dienen.
„Lasst Kommandant Ezkash einen Trupp seiner besten Reiter bereitmachen, wir werden nach Osten reiten. Ich führe das Kommando.“
In den Boden der marmornen Gänge des Turmes waren in regelmäßigen Abständen rote Steinkreise eingelassen, diese glommen nun scharlachrot auf.
Eine knackende Stimme erklang aus ihnen.
„Wie ihr wünscht, Göttin Ilemira.“
Die schöne Göttin schmunzelte amüsiert, dass Potenzial der Menschen war schier grenzenlos wenn man es in die richtigen Bahnen lenkte. Dinge wie dieses Kommunikationssystem waren nur durch die Weisheit der Rematoren entstanden, die hier in Imethael lebten.
Und Ilemira war sehr stolz auf die Rematoren, „ihre Zinnsoldaten“, wie Zemoth sie immer nannte. Schon vor einigen Jahrhunderten, als Ilemira den Orden ins Leben gerufen und die ersten Rematoren selbst ausgebildet hatte war ihr Vater skeptisch gewesen. Seiner Meinung nach sollten Menschen ihren Kopf nicht zum denken benutzen, er hielt sie nicht für sonderlich fähig. Aber hier im Norden, in Imethael, wo sieben der dreizehn Götter residierten konnte Ilemira glücklicherweise selbst entscheiden was sie tat und was nicht.
Das brachte sie auf eine Idee. Noch halb in Gedanken versunken berührte sie einen der Steinkreise und sprach mit klarer Stimme zu dem Soldaten, etliche Stockwerke entfernt.
„Beauftragt weiterhin den Rat der Rematoren über die Verderbnis zu forschen, ich möchte alle Informationen darüber bis zu meiner Rückkehr vorliegend haben.“
Ilemira verweilte kurz an der Brüstung des luftigen Ganges und blickte hinab auf die schneeweiße Stadt. Imethael erstreckte sich bis zu den Bergen am Horizont, von allen Seiten wurde es von den schroffen Felshängen geschützt. Nur ein schmaler Pass führte in den Talkessel. Die Straßen, Plätze und Alleen der Stadt waren in jeder Hinsicht vollkommen, rechte Winkel, Perfekte Kreise, sauberer Marmor. Hier oben im Gebirge war die Luft bereits sehr dünn, also gab es wohl keine Vögel, die im Stande waren die Stadt aus der Luft zu sehen. Dennoch wusste die jung aussehende Göttin dass die ganze Stadt ein symmetrisches Muster bildete, denn die Stadt sollte auch eine Zierde für die ganze Welt sein. Um dem Schöpfer zu huldigen hatten die Menschen all dies aus eigener Kraft erbaut.
Ilemira schmunzelte und strich sich eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem schönen Gesicht.
Ja, dass Potenzial der Menschen war wirklich grenzenlos wenn man ihnen die richtigen Anführer gab, die sie motivierten. Nicht zu letzt deshalb hatte sie damals den Orden der Rematoren gegründet, damit die Menschen untereinander Vorbilder hatten. Einen Gott verehrte man, man diente ihm. Aber niemand würde je auf die Idee kommen selbst einer zu werden oder ihm sonst irgendwie nachzueifern. Das wäre fast schon Ketzerei.
Sie fuhr aus ihren Gedanken auf als sie sich wieder an die reale Bedrohung erinnerte, die die Menschen, die Götter und all die schönen Dinge die sie geschaffen hatten bedrohte.
Zornig wandte Ilemira sich von der Brüstung ab und zog sich ihre gut sitzende Robe zurecht.
Es war völlig inakzeptabel diese Welt jetzt schon zu verlieren!

In befehlsgewohntem Ton gab Kommandant Ezkash Order die Pferde seiner besten Reiter bereitzumachen und die Männer zu holen. Obwohl die Kommandantur der Truppen Imethaels nun schon seit mehreren Jahren in seinen Händen lag war er noch immer nervös wenn einer der Götter die Anweisung gab einen Trupp zusammenzustellen.
Schließlich würde ein Gott sich nicht die Mühe machen auszurücken nur um ein paar harmlose Banditen zur Strecke zu bringen.
Auch der Kommandant selbst begann seine schwere, silberne Plattenrüstung anzulegen und blickte dabei nachdenklich aus dem Fenster seines kargen Zimmers, hinaus auf den Exerzierplatz der Garnison.
Weit jenseits der den Hof eingrenzenden Mauern ragte der Palast der Rematoren in den Himmel. Das Gebäude wirkte weniger wie ein Palast sondern viel mehr wie eine Festung. Die Außenmauern waren senkrecht und glatt, erst in einer Höhe von hundert Schritten gab es schmale Fenster. Oben endete der Palast in unzähligen großen und kleinen Türmen, die alle von einer gigantischen Kuppel überragt wurden, die im Licht der Sonne golden funkelte.
Ezkash hatte die Rematoren nie gemocht, zwar waren sie zu den normalen Gardisten und auch zu ihm immer höflich gewesen, dennoch empfand der Kommandant ihr Verhalten als herablassend und arrogant. Niemals sah man einen von ihnen in einer gewöhnlichen Taverne oder einfach nur allein auf der Straße gehen. Wann immer man sie in der Öffentlichkeit sah bildeten sie kleine, paradenartige Gruppen.
Ein echter Krieger sollte nicht in einer Parade aufmarschieren, fand Ezkash.
In einer nachdrücklichen Geste zog er sich seine Panzerhandschuhe über, nahm den polierten Helm unter den Arm und trat aus dem Zimmer, hinaus in den Hauptgang der Garnison.
Schon immer hatte er die Nähe zu seinen Männern gesucht und als man ihn schließlich zum Kommandanten ernannt hatte weigerte er sich einfach in den Turm der Sieben zu ziehen und blieb bei seinen Leuten wohnen. Es hatte damals einiges an bösem Blut deshalb gegeben, viele der Speichellecker und Beamten am Hof der Sieben sahen es nicht gern wenn jemand nicht nach ihren Regeln spielte.
Aber Regeln waren für einen Krieger ohnehin nebensächlich, ebenso wie Sieg oder Niederlage. Diese Dinge waren für die Fürsten und Beamten, die die Rechnung zu zahlen hatten oder die Truppen erst in den Kampf schickten entscheidend. Für einen Soldaten zählte nur das nackte Überleben und möglichst heil zurück nach Hause zu kommen.
Ruhig trat der Kommandant auf den Hof wo ihn bereits ein Stallbursche mit seinem schwer gepanzerten Schlachtross erwartete. Ohne zu zögern schwang Ezkash sich in den Sattel und zog seinen Helm über, die anderen Reiter waren bereits fertig zum Aufbruch und nickten ihm grüßend zu.
Obwohl es in Imethael eigentlich immer friedlich war stellten sie so etwas wie die Veteranen seiner Kavallerie dar. Vor sechs Jahren hatte ein übereifriger Lord eine Intrige gesponnen um den Rat der Rematoren zu zerschlagen, vier Ratsmitglieder fielen ihm zum Opfer bevor er und seine treusten Anhänger von der Insel und nach Süden, in den Urwald von Amon-Xar flohen. Gott Zemoth höchstpersönlich führte den Suchtrupp, den man von Imethael ausgesandt hatte um die Verräter zu finden an.
All diese Männer und er selbst waren in diesem Suchtrupp gewesen, hatten die farbenprächtige Hölle des Urwaldes überlebt und den Usurpator stellen. Dreizehn Männer kamen damals in Amon-Xar durch Fallen, Raubtiere und die Verräter selbst ums Leben. Er selbst hatte damals nur sein rechtes Auge verloren, über dem er heute eine Augenklappe trug. Niemals würde er das Gesicht des Mistkerls vergessen, der es ihm mit einem Dolch ausgestochen hatte, denn nur wenig später hatte er es samt Kopf abgehackt.
Der verräterische Lord und all seine Anhänger, die nicht im blutigen Gemetzel gestorben waren wurden in Imethael vor Gericht gestellt und verurteilt. Nur wenige Zeit später hatte man ihn dann zum Kommandanten ernannt, um „seine herausragenden Leistungen zu würdigen“, wie es in der Beamtensprache so schön hieß. Dabei hatte er damals praktisch keine Ahnung davon gehabt was es hieß Männer zu führen, er verstand sich nur aufs Töten.
„Kommandant, wir sind bereit aufzubrechen.“, sagte Deligorn, Ezkashs Bannerträger, der sein eigenes Schlachtross nun neben das seines Herrn gebracht hatte und grüßend die Hand hob. Als der Truppenführer seinen Blick durch die Reihen der Kavalleristen gleiten ließ kam ein gewisser Stolz in ihm auf. Diese Männer bildeten die Elite, im ganzen Reich gab es keine Besseren. Zweifellos würden sie die vor ihnen liegende Mission erfolgreich abschließen.
„Männer, ich möchte euch keine Illusionen machen. Die Göttin Ilemira selbst hat um unsere Hilfe gebeten, ihr alle wisst was das bedeutet! Niemals macht ein Gott sich die Mühe wegen einer Lappalie die Stadt zu verlassen und nie sind seine Handlungen nicht vom Schöpfer gesegnet. Aber ebenso wisst ihr dass jeder von euch sein Leben im Kampf lassen könnte, und dennoch steht ihr hier vor mir, ganz ohne Furcht. Für diesen Mut zolle ich euch meine Hochachtung.“, verkündete Ezkash mir ruhiger, von Stolz geprägter Stimme.
Kaum hatte ihr Kommandant geendet brachen die Männer in rauen Jubel aus und schlugen mit ihren Panzerhandschuhen gegen die Plattenrüstung ihrer Schlachtrösser um zu applaudieren. Wie ein Mann bezogen sie anschließend hinter dem Pferd ihres Anführers Aufstellung und folgten ihm in einer sauberen Zweierreihe aus dem Hof der Garnison.



  13.09.2006, 14:29
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2. Großer Wille

Die letzten Wochen waren sehr seltsam gewesen, seltsamer noch als sonst. Alduns Vater hatte sich zwar verhalten wie immer und hatte lediglich erwähnt dass Mutter auf Reisen sei…
„Stimmt etwas nicht, mein Sohn?“
Überrascht sah Aldun auf, sein Vater musste bemerkt haben wie er ins Leere starrte.
Der Unterricht fand nun im herbstlichen Garten, an einer marmornen Sitzecke, statt. Dies gehörte zu den seltsamen Dingen der letzten Tage, sein Vater ging eigentlich nie hinaus!
„Ach, nichts, Vater…“
Der sonst so strenge Lord lächelte fröhlich und begann wieder vor seinem Sohn auf und ab zu gehen. Das Licht der Abendsonne fiel über ihm durch das lichter werdende Blätterdach und ließ den ganzen Garten in einem blutroten Licht erstrahlen. Gelegentlich kam ein starker Wind auf und riss einige der Blätter mit sich, die dann wie ein Schwarm Vögel umherschwirrten. Auch die Tiere bereiteten sich auf den Herbst vor, so konnte man von Zeit zu Zeit ein kleines Eichhörnchen auf der Suche nach Nahrung durch das Laub huschen hören.  
„Weißt du mein Junge, vielleicht sollten wir von hier wegziehen… Zurück nach Imethael. Du bist bald sechs Jahre alt, genau das richtige Alter um beim Orden der Rematoren vorstellig zu werden.“, begann Lord Mevidar unvermittelt und blieb plötzlich lächelnd vor seinem Sohn stehen, die dürren Arme hatte er hinter dem Rücken verschränkt.
Aldun schluckte schwer, blinzelte mehrmals und fragte sich wie er am besten reagieren sollte.
Er musste überrascht wirken! So schnell er konnte riss er die Augen auf und starrte seinen Vater groß an. Immerhin war es wohl der Wunsch aller kleinen Jungen, ja, aller Menschen einmal die Stufen des weißen Palastes zu erklimmen und ein Remator zu werden.
„Remator? Ich? Aber… Aber Rematoren sind doch fast wie Götter, und ich bin nur ganz gewöhnlich… Ganz sicher würden sie mich nicht nehmen. Außerdem gefällt es mir hier.“
Der kleine Junge zuckte zusammen als sein Vater schnell wie ein Blitz herumfuhr und mit der flachen Hand auf den Steintisch schlug. Sein knochiger Rücken senkte sich auf und ab, da er wohl schwer atmete. Auch die Stimme Mevidars klang gepresst und verkrampft.
„Du bist nicht gewöhnlich, Aldun! Egal wer dir das sagt hör nicht auf ihn, denn er ist ein Narr! Es ist deine Bestimmung Großes zu tun, du wirst diese Welt verändern! Glaub mir, ich weiß es. Männer wie du, Aldun, eure Aufgabe ist es all die törichten Sturköpfe wie ein Sturmwind hinwegzufegen und die Welt zu revolutionieren! Du bist nicht gewöhnlich!“
Schulterzuckend nickte Aldun nur stumm und sah nachdenklich zu Boden.
Wenn sein Vater dieses Glimmen in den Augen hatte wagte er es nie zu widersprechen… Vielleicht würde er ihn ja auch töten? Als Mutter ihm widersprochen hatte musste sie sterben. Würde er vor seinem Sohn halt machen? Immerhin hielt er ihn ja für etwas Besonderes.
Wieder musste Aldun schwer schlucken und sah zögerlich wieder auf.
Er musst etwas unternehmen, von hier verschwinden… Oder Hilfe holen…
Der dumpfe Klang von Hörnern ließ den Kleinen aus seinen Gedanken aufschrecken.
Sein Vater, ebenfalls vom Klang der Hörner aufgeschreckt, war kreidebleich und starrte nach Süden, am Haus vorbei auf den gewundenen Pfad, der aus dem Wald zum Anwesen führte.
„Nein… Nicht schon so bald…“, murmelte der Lord heiser und völlig abwesend, schwankte dabei so stark dass er sich, wie in Trance, an dem wuchtigen Marmortisch abstützen musste.
„Aldun, ins Haus, geh in dein Zimmer! Verschließ die Tür! Ich komme und hole dich ab.“
Völlig verwirrte reckte der Kleine den Hals um zu sehen was seinen Vater so erschreckt hatte, eine Kolonne Reiter in silbernen Rüstungen und mit flatternden, violetten Umhängen kam den Weg hinauf. Angeführt wurden sie von einer Frau in einem weißen Gewand, die ebenfalls ein Schlachtross ritt. Am Horizont hinter den Reitern versank die Abendsonne im Wald und hüllte die Neuankömmlinge in einen blutroten Schein, als stünden sie in Flammen.
„Aldun, Geh! Schnell! Öffne auf keinen Fall die Türe, es sei denn ich gebiete es dir!“
Er zuckte zusammen als er das Gesicht seines Vaters erblickte, es war verzerrt zu einer Fratze blanken Hasses. In seinen zu schmalen Schlitzen verzogenen Augen schienen Flammen zu lodern. Die dürren Hände hatte Lord Mevidar zu Fäusten geballt und an die Seite gepresst.
So schnell wie ihn seine kleinen Füße trugen eilte Aldun durch den herbstlichen Garten, hinein ins Haus, die hölzernen Treppen hinauf, durch den Flur, zu seinem Zimmer.
Wie sein Vater es ihm befohlen hatte verriegelte er die Tür hinter sich und lehnte sich schwer atmend gegen das kühle Holz.

„Seid ihr Lord Balmanar Mevidar? Der Besitzer dieses Anwesens und der Ländereien?“
Ilemira musterte den dürren Kerl vor ihr abschätzend. Er trug schwarze Kleidung und eine Brille, die seinem ohnehin schon hageren Gesicht einen kaltherzigen Ausdruck verlieh.
Ja, dies war ihr Mann, sie konnte es förmlich riechen. Kälte ging von ihm aus wie der Gestank von einem Misthaufen. Ein solcher Mensch würde als erstes verdorben werden.
Mit einem Winken ihrer Hand gab sie den umstehenden Gardisten ein Zeichen.
Wortlos setzten sich die Männer in Bewegung und schlossen den Kreis um den mit gebeugtem Rücken dastehenden Mann. Obwohl ihn ein Wall aus Klingen und Stahl umgab war die Stimme des Lords trocken und rational, völlig ohne jegliche Emotionen.
„Das bin ich in der Tat… Nun, zu Mindest ist das wohl die Antwort, die ihr hören wollt.“
Jedes Haar auf Ilemiras Körper schien sich plötzlich aufzurichten, eine Woge durch Mark und Bein gehender Kälte brach über sie herein, als hätte man sie in einen eiskalten See geworfen.
 „Und ihr seid, Milady?“, fuhr der schlanke Lord fort, wobei seine Stimme kalt wie Eis war. Jede Silbe, die dieser Mann sprach war mit unzähligen, verborgenen Klingen bestückt.
Göttin Ilemira legte den Kopf schief und betrachtete ihn nachdenklich mit ihren kupfernen Augen. Äußerlich war ihrem schönen Gesicht keinerlei Arglist anzumerken.
Wenn er spielen wollte sollte er ein Spiel haben. Aber sie würde die Regeln machen.
„Ich bin Göttin Ilemira, Herrscherin von Imethael und Gesandte des Schöpfers.“
Ein stummes Lachen schüttelte den gebrechlich wirkenden Körper des Mannes, noch bevor Ilemira Anweisungen rufen konnte rief der Lord keifend und voller Hass weiter.
„Göttin? Herrscherin? Ihr erdreistet es euch nun schon euch als Herrscher zu bezeichnen?“
Ilemira erblasste und wurde dann von Zorn erfüllt als der Mann den Blick hob und sie ansah, aus seinen Augen strahlte ihr, gelb wie frischer Schwefel, die Verderbnis entgegen.
„Tötet ihn! Tötet ihn!“ rief sie fast schon kreischend wobei sie ihr Pferd aufsteigen ließ.
Schneller als es jeder Mensch vermocht hätte zog Lord Balmanar ein goldenes Messer aus seinem linken Ärmel, machte einen langen Satz nach rechts und erstach einen der Reiter mit schrecklicher Präzision durch den Seeschlitz des silbernen Plattenhelms.
Noch bevor die Anderen überhaupt hätten reagieren können riss der Mann das verwirrte Schlachtross herum, warf die Leiche ab und gab dem Pferd brutal die Sporen.
„Es geht zu Ende, Hure des Schöpfers. Mit euch törichten Narren wird das Ende beginnen!“, rief der wahnsinnige Lord geifernd über seine Schulter als er den Waldrand erreichte.
Ilemira beobachtete die ganze, bizarre Szenerie äußerlich unbeeindruckt während die Reiter in halsbrecherischem Tempo die Verfolgung aufnahmen und im dunklen Wald verschwanden.
Sie würden ihn nicht erwischen, dieser Mann war längst mehr als nur ein Mensch geworden.
Mit einem leisen Seufzen schwang sie sich aus dem Sattel und schritt nachdenklich über den gepflasterten Weg zum Anwesen, das im Abendlicht wie eine schlafende Bestie wirkte.
Dies war ein völliges Fiasko, der Mann war offensichtlich von der Verderbnis erfasst worden und würde jetzt andere Menschen und Tiere infizieren. Und sie hätte ihn aufhalten können wenn sie nur schneller gewesen wäre! Aber sie hatte sich wie ein Bauernmädchen überraschen lassen, als hätte sie vorher nicht gewusst was sie hier erwarten würde!
Nun konnte sie nur noch das Haus nach Hinweisen zu durchsuchen. Vielleicht fand sie ja Indizien, die ihr sagten wie weit die Verderbnis schon in die Welt gedrungen war.
Plötzlich blieb die Göttin wie angewurzelt in der prunkvollen Eingangshalle des Anwesens stehen und hob den Kopf, sah zu einem scheinbar wahllosen Punkt an der Decke.
Es lebte tatsächlich noch jemand im Haus, sie konnte ihn spüren. Und seine Angst.

Ängstlich wich Aldun vom Fenster zurück und stolperte dabei fast über die Kante des dicken Teppichs, auf dem sein Himmelbett stand. Der Atem des Jungen war flach und panisch.
Vater war geflohen und diese Reiter verfolgten ihn, ganz sicher würden sie ihn erwischen!
Und schlimmer noch, diese Frau, die sie angeführt hatte und vor der sein Vater so spektakulär geflohen war kam jetzt im Haus! Sicherlich würde sie auch ihn töten wollen!
Schutzsuchend blickte sich der Kleine um, suchte verzweifelt nach einem Versteck.
Der Kleiderschrank war zu klein und zu voll für ihn, unter dem Sofa war nicht genug Platz und wenn er sich im Bett versteckte würde sie ihn ganz sicher sehen… Aber unter dem Bett nicht! Niemand sah je unter dem Bett nach, dort gab es nur Staub und Dreck!
Aldun warf sich auf den Boden und kroch so schnell er konnte in die stickige Dunkelheit unter seinem monströs anmutenden Himmelbett wobei eine Woge Staub aufgewirbelt wurde.
Zufrieden lächelte der Kleine in die muffige Dunkelheit hinein, ja, hier würde die böse Frau ihn nicht finden. Und wenn sie erst gegangen war würde auch sein Vater zurückkehren.
Mit einem dumpfen Poltern fiel der Riegel, der die Tür verschlossen hatte, zu Boden. Die Schatten von zwei Füßen, die ins Zimmer traten, stiegen über den Riegel hinweg und verharrten regungslos im Zentrum des rechteckigen Schlafzimmers. Vor Angst wagte Aldun kaum Luft zu holen und krallte seine kleinen Finger in den dichten Teppich.
„Komm raus da… Ich weiß dass du dich unter dem Bett versteckst…“, rief die Stimme einer Frau, aus Richtung der Schatten. Die Frau klang mehr belustigt als blutrünstig. Dennoch hätte sich der Kleine vor Überraschung fast den Kopf am Bettgestellt gestoßen und laut geschrieen.
Noch vor Angst zitternd kroch Aldun unter dem Bett hervor, bemüht dabei nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten, was dem ganzen Akt etwas sehr Lächerliches verlieh.
Die Frau sah aus der Nähe gar nicht so böse aus, sie war sogar sehr schön. Aldun hatte bisher nicht viele Frauen kennen gelernt, aber er war sicher dass auch Andere diese hier als besonders schön bezeichnen würden. Ihre Augen sahen aus als wären sie aus Gold.
„Bist du der Sohn von Lord Mevidar, nicht wahr? Wie ist dein Name?“
Der Junge blickte verlegen auf seine Schuhe und antwortete nuschelnd, „Ja, ich bin der Sohn des Lords, den ihr in den Wald gejagt habt... Ich heiße Aldun. Und wer seid ihr?“
Zögerlich blickte er in das Gesicht der Fremden, ein breites Lächeln hatte sich dort ausgebreitet. Nun wirkte sie gar nicht mehr gefährlich, nur noch amüsiert.
„Aldun? Ein schöner Name. Er stammt aus der Sprache der Former und bedeutet „Großer Wille“ ich bin mir allerdings nicht sicher ob dein Vater das wusste.“
Irgendetwas sagte Aldun dass sein Vater es sehr wohl wusste… Er schien ja immer alles zu wissen und redete auch immer davon dass sein Sohn zu größerem bestimmt war…
„Mein Name ist Ilemira… Und ich freue mich dich zu treffen, Aldun. Allerdings muss ich dir leider sagen dass wir deinen Vater nicht verjagt haben, er ist geflohen. Ich fürchte er war… krank… Ja, sehr krank. Ich denke nicht dass er von selbst zurückkommen oder genesen wird.“
Nachdem sie sich vorgestellt hatte sank die schöne Göttin lächelnd in die Hocke, zu dem auf dem Boden sitzenden Aldun herab und sah sich nachdenklich im Zimmer um.
 „Sag mal, Aldun, wo ist deine Mutter? Ist sie verreist? Ich muss dringend mit ihr sprechen.“
Aldun schüttelte wortlos den Kopf und sah aus dem Fenster, was ihm einen besorgten Blick von Ilemira einbrachte, die sich mit besorgtem Gesichtsausdruck gegen das Bett lehnte.
„Sie ist tot, nicht wahr? Hat dein Vater sie umgebracht?“
Der kleine Junge nickte wieder stumm und wich dem Blick der Göttin weiterhin aus.
„Du hast es gesehen, oder? Das war sicher sehr schwer für dich…“
Nun bekam ihr Blick etwas Wehmütiges, als Aldun abermals wortlos nickte und sie ansah.
„Das ist schrecklich… Dein Vater ist wirklich krank, weißt du… Es gibt wohl keine Heilung mehr für ihn und wir können nichts tun um zu verhindern dass er andere infiziert…“
Um eine Antwort verlegen begann der kleine Aldun mit den Füssen zu scharren und Teppichflusen zu zählen. Er hatte ohnehin den Eindruck dass die letzten Worte mehr laut ausgesprochene Gedanken als Bestandteil eines Gesprächs gewesen waren.
„Würdest du gern mit mir kommen, Aldun? Dein Vater wird sich nicht mehr um dich kümmern können und hier bleiben kannst du auch nicht… In Imethael finden wir sicher eine nette Familie für dich, die dich aufnimmt und versorgt. Weißt du wo die weiße Stadt liegt?“
Mutig nickte Aldun, jetzt befanden sie sich auf einem ihm bekanntem Terrain: Geografie
„Ja, Göttin, ich weiß wo die Stadt liegt. Mein Vater wollte immer dass ich ein Remator werde und hat mich unterrichtet. Bevor du kamst wollte er auch mit mir in die Stadt gehen.“
Ilemira schmunzelte vergnügt und betrachtete Aldun nachdenklich aus ihren runden Augen.
„Woher willst du wissen dass ich die Göttin Ilemira bin? Ich habe es dir nicht gesagt.“
Verwirrt musste der kleine Junge blinzeln, welch seltsame Frage… Vielleicht wollte sie ihn ja prüfen, jeder wusste dass die Rematoren während ihrer Ausbildung oft von den Göttern getestet wurden und oft ohne das der betreffende Remator es überhaupt mitbekam.
„Nun ja, ihr habt gefragt ob meine Mutter verreist sei. Ihr wusstet also dass sie nicht im Haus ist. Ihr wusstet auch dass ich mich unter dem Bett verkrieche. Mein Vater sagte immer dass eine Sache nie zufällig sein kann wenn sie zu zufällig wäre. Und ich denke er hat Recht.“
Als Aldun nun in die goldenen Augen der schönen Göttin blickte sah er dort eine seltsame Mischung aus Bewunderung, Sorge und Angst, die ihn ein wenig beunruhigte.
„Großer Wille, fürwahr… Du hast Recht, und dein Vater war wohl ein kluger Mann bevor er… krank… wurde. Ich will sehen was sich bezüglich der Rematoren machen lässt. Noch bist du eigentlich zu jung um die erste Prüfung zum Remator abzulegen. Aber ich habe da… Beziehungen, wie du sicher weißt. Außerdem hast du ein sehr großes Potenzial“
Wieder nickte der kleine Junge wortlos, das waren alles Dinge, die er schon lange wusste.
Die Götter hatten die Möglichkeit Männer entgegen der Prüfungsergebnisse in den Orden der Rematoren zu berufen, allerdings hatten diese Mitglieder nur sehr wenig Einfluss im Rat.
„Dann sollten wir aufbrechen… Lass deine Sachen ruhig alle hier, wir können alles was du brauchst in der Stadt kaufen. Außerdem möchte ich nicht dass du dich hier, wie dein Vater, ansteckst. Wer weiß schon woher er sich diese schreckliche Krankheit geholt hat…“, verkündete Ilemira stolz, wobei die letzten Worte bereits zu bloßem Gemurmel verklangen.
Als sie den Haupteingang des Anwesens hinter sich ließen warf Aldun Mevidar einen letzten, gleichgültigen Blick auf das Haus in dem er geboren worden war und in dem er gelebt hatte.
Es sollte sehr lange dauern bis er an diesen Ort zurückkehren konnte, bis dahin sollten sich viele Dinge ändern, viel Blut sollte fließen und grenzenloser Schmerz sollte gesät werden…
  13.09.2006, 14:29
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