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Thema: Ein Wunsch wird wahr: 2. und abschließender Teil  (Gelesen 1109 mal)

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Ich erwachte mit fürchterlichen Kopfschmerzen und dem unbestimmten Gefühl, dass ich nicht in meinem komfortablen  Bett mit den weichen Daunenkissen und der warmen Überdecke lag. Ich fror. War ich etwa im Schlaf aus meinem Bett gerollt, ohne es zu merken, und hatte  die Nacht auf dem harten Boden verbracht?
   Meine Augen blieben geschlossen. Konzentriert versuchte ich den Geräuschen zu lauschen, die mich  jeden morgen aus dem unbestimmten Dämmerzustand begleiteten, der irgendwo zwischen Schlaf und Wachsein lag: sanftes Vogelgezwitscher vor meinem Schlafzimmerfenster, den vertrauten Motorengeräuschen der vorbeifahrenden Fahrzeuge und dem Klingeln des Eiermanns, dessen Lieferwagen jeden Samstagmorgen pünktlich um halb zehn seine Runden  durch unser Viertel drehte.
   Ich nahm nichts davon wahr. Das einzige, was ich vernahm, war das entfernte Tröpfeln von Wasser und ein unbestimmtes Knistern, als raschele jemand im selben Raum mit dem Einwickelpapier von Süßigkeiten. Irgendwo in der Nähe quietschte eine rostige Tür und ich hörte Metall, das kreischend über anderes Metall schabte und dann Schritte. Sie kamen näher. Schritte, deren Wucht von den Wänden widerhallte und den steinernen Untergrund zum knirschen brachte, Schritte, die ich in meiner Wohnung eigentlich nicht hätte hören dürfen.
   “Steh auf, Dunmer!”
   Der Tritt traf mich vollkommen unvorbereitet. Ich versuchte zu schreien, als der Schmerz durch meinen Körper raste, doch die Rippen, welche der schwere eiserne Stiefel getroffen hatte, quetschten meine Lunge dermaßen ein, so dass nur ein gequältes Keuchen über meine Lippen kam. Ich war mit einmal hellwach.  Durch den Schleier aus Tränen, der meine Augen benetzte, erkannte ich einen steinernen Untergrund, auf dem eine dreckige und verlauste Schlafmatte lag. Der Ort, an dem ich mich befand, wurde nur dürftig  durch den Schein einer Fackel erhellt, die in der hinteren Ecke in einer Verankerung steckte und deren Knistern ich bereits mit geschlossenen Augen vernommen hatte. Das flackernde Licht der Fackel beschien massive  Steinquader, die roh und unfertig wirkten und über die der helle Widerschein von Feuchtigkeit glänzte, welche ihren Weg durch die notdürftig verputzten Zwischenräume fand.
   Das Verließ war nicht groß, doch es fand sich darin genügend Platz für einen ungeschlachten Tisch, der wie das misslungene Gesellenstück eines Stümpers von Tischler wirkte. Auf diesem standen ein einfacher Becher, ein Teller mit Sprüngen und ein Krug; alle aus demselben braunen irdenen Material. Auf der gegenüber liegenden Seite hingen rostige Ketten mit Handschellen von der Decke, die nicht gerade vertrauen erweckend aussahen. Langsam pendelten sie klirrend hin und her und kamen nur allmählich wieder zur Ruhe, nachdem sie von der massiven Gestalt, die sich in diesem Moment über mich beugte, in Bewegung gesetzt worden waren.
   Das Gesicht, das sich nun auf gleicher Augenhöhe wie meines befand, wenn auch auf horizontaler Ebene, war grobporig und ungepflegt. Unter dem eisernem Helm hingen einige fettige Strähnen pechschwarzen Haares mitten in das Gesicht hinein und bedeckten eines der tiefblauen Augen, die mit einem Ausdruck von Härte und herablassender Belustigung auf mir ruhten, fast vollständig. Neben dem schmallippigen Mund und den vereinzelten Bartstoppeln, die sich auf dem unteren Gesichtsteil verirrt zu haben schienen und zusammen noch nicht einmal den Anschein eines Schattens erwecken konnten, war das auffälligste Merkmal in diesem Gesicht die wulstigrote Narbe auf der linken Wange. Sie zog sich, unterhalb der Augenhöhle beginnend, über die gesamte linke Gesichtshälfte hinweg und endete nur knapp oberhalb des Mundes, wo sie  eine natürliche Verlängerung der Lippen zu bilden schien.
    “Was ist, Dunmer? Betrachtest du die Narbe?“ Der Atem des Mannes stank fürchterlich: nach Branntwein und den unbestimmbaren Überresten von mehreren Mahlzeiten, die unbehelligt zwischen den gelblichen Zähnen steckten und dort allmählich zu verrotten begannen. “Ja, schau nur, was du mir damals angetan hast, als du dich der Verhaftung widersetztest! Ich werde es nie vergessen,” zischte er leise und ein weiterer Tritt traf mich am Oberschenkel. “ Und du solltest es auch nicht, denn diese Narbe wird das letzte sein, das du siehst, bevor du vor das Angesicht von Akatosh trittst! Bete darum, dass er sich gnädiger erweisen wird, als ich es tue!”
   Ich zuckte zusammen, als er noch einmal näher kam, doch der erwartete Schmerz blieb aus. Boshaft grinsend wandte er sich von mir ab und knallte einen  Krug auf den Tisch, der mit frischem Wasser gefüllt war, das über den Rand hinwegschwappte und von dem trockenen Holz begierig aufgesogen wurde. Mit der rechten ergriff er einen hölzernen Schöpflöffel und klatschte aus einem dampfenden Kupferkessel eine undefinierbare Masse auf den Teller.
   “Frühstück…” höhnte er und warf einen Blick auf meine Gestalt. “Eine reine Verschwendung, wenn du mich fragst,” lachend verließ er die Zelle durch den halbovalen Ausgang, während die Gittertür hinter ihm scheppernd ins Schloss fiel. Ich hörte sein Lachen noch, nachdem er selbst schon längst aus meinem Blickfeld verschwunden war.
   Gierig stürzte ich mich auf den Teller und aß und trank. Ich wusste nicht, was ich da zu mir nahm, doch ich verspürte tief in meinem inneren einen beißenden und unbändigen Hunger, dem ich einfach nachgeben musste. Erst nachdem ich den letzten Klumpen Essbares vom Holztisch gekratzt und von den Fingern geleckt hatte, war ich wieder in der Lage, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
   Ich nahm mir einen Moment Zeit, um mich selbst näher zu betrachten, soweit es mir möglich war. Der Anblick, der sich mir bot, war nicht gerade ermutigend: ich sah einen abgemagerten Körper, der von einer zerfledderten Leinenhose, die sich nur mit Hilfe eines Strickes an Ort und Stelle  hielt, und einem leinenen Hemd bedeckt wurde, das auch schon bessere Tage gesehen hatte und grauenhaft juckte. Sowohl meine Hände als auch meine Füße steckten in metallenen Fesseln, die anscheinend bei Bedarf jederzeit an den Ketten des Verlieses befestigt werden konnten. Die Haut darunter war entzündet und geschwollen. Vorsichtig tasteten meine Hände den Oberkörper ab, an dem ich jede Rippe einzeln fühlen konnte, inklusive der zwei, die so unliebsame und schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Stiefel gemacht hatten. Mein Haar, das halblang über die Schulter hing, war schmutzig und struppig. Sie bedeckten nur teilweise die langen spitzen Ohren, die hinter ein paar geflochtenen Haarzöpfen hervorlugten. Ein Waldelf…
   Ich hatte die eiserne Rüstung, deren unzählige Beulen und Schrammen von den ungezählten Kämpfen ihres Trägers Zeugnis ablegten, fast sofort erkannt: sie gehörte zur Standardausrüstung einer kaiserlichen Wache und ich befand mich demnach anscheinend im tiefsten Verließ, das sich in der imperialen Hauptstadt Tamriels finden ließ. Mein Wunsch hatte sich erfüllt: Ich war in Cyrodiil! Nun, nicht gerade an dem Ort, wo ich mich gern aufgehalten hätte; da konnte ich mir wahrlich lauschigere Plätze vorstellen. Wehmut überkam mich, als ich die hintere Wand zum Fenster hochsah, wo die Sonne Tamriels durch die Gitterstäbe unbehelligt ihren Weg in meine Zelle fand und hinter denen die Freiheit begann, die für mich momentan unerreichbar war.
   Ich seufzte und wandte mich um.  Durch die Gitterstäbe meiner Zellentür konnte ich einen Blick in die gegenüberliegende Zelle werfen. Sie war leer und der Eingang geöffnet. Wie konnte das sein? Soweit ich mich erinnern konnte, saß doch zu Beginn ein anderer Gefangener in dieser Zelle, der einen nicht gerade mit freundlichen und aufmunternden Worten bedachte, sondern nur Worte dafür fand, was er mit meiner Freundin in Vvardenfell anstellen würde, sollte er demnächst rauskommen. War dies vielleicht ein völlig anderes Gefängnis? Was war mit dem Gefangenen geschehen? Ich musste es in Erfahrung bringen…
   “Wache!” Ich rüttelte wild an den angerosteten Stäben, bis man mir endlich Beachtung schenkte. Ein junger Mann in kaiserlicher Rüstung, etwas verschwitzt und ohne Helm erschien, fuhr sich durch sein kurzes weizenblondes Haar und warf mir einen genervten, doch nicht unfreundlichen Blick zu.
   “Was ist denn nun schon wieder?” fluchte er unwirsch.
   “Was ist mit dem  anderen Gefangenen passiert, dem, der mir gegenüber einsaß?”
   Die Wache grinste.
   “Hast du es denn noch nicht gehört? Der ist geflohen, zusammen mit Uriel Septim, unserem Kaiser, Akatosh sei seiner Seele gnädig! Du bist jetzt der einzige Gefangene hier, Valen Dreth!”
   Nein! Das konnte nicht wahr sein! Das durfte nicht wahr sein!
   Die Erkenntnis brach über mir herein wie das jüngste Gericht. Ich war nicht der Held, der dazu bestimmt war, die Welt Tamriels von der Bedrohung durch die Obliviontore zu befreien und den verschollenen letzten Nachkommen von Uriel Septim zu finden und zu seiner wahren Bestimmung zu führen. Nein, ich war der Gefangene von nebenan, der mit unflätigen Worten jeden beschimpfte, der es wagte, ihm zu nahe zu treten.
   “Ich werde nicht mehr lange hier sein,” fing ich an zu sprechen und es war, als fänden die Worte allein ihren Weg über meine Lippen.
   “Wie lange bist du schon hier, Valen? Neun Jahre? Träum weiter, du wirst hier noch sein, wenn ich schon lange meinen Ruhestand in Cheydinhal verbringe!”
   “Elf Jahre,” knirschte ich. “Es sind elf verdammte Jahre, die ich in diesem Loch schon stecke, doch nur noch einige Wochen und ich werde wieder in Freiheit sein. Hast du eine Freundin? Ist sie schön? Nun, wenn ich erst mal wieder auf freiem Fuß bin, werden deine Freundin und ich auf der Insel Summerset viel Spaß miteinander haben, während du kaiserliches Schwein auf irgend einem Schlachtfeld verottest! Und dann wird jeder in ganz Tamriel meinen Namen kennen: Valen Dreth! Valen Dreth! VALEN DRETH!”
   Ich lachte lauthals, bis die Wache kopfschüttelnd den Zellentrakt verließ. Ernüchtert setzte ich mich auf den steinernen Boden, wo ich nach einer kurzen grüblerischen Zeit in einen  dämmrigen Halbschlaf fiel, aus dem mich erst ein ungewohntes Geräusch wecken konnte. Es kam aus der gegenüberliegenden Zelle und einen Augenblick später, als sich meine Augen wieder an die bestehenden Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, erkannte ich auch den Grund für dieses Geräusch. Es war ein Mann, der durch eine Öffnung innerhalb der Zellenwand geschlichen kam. Er trug eine eng anliegende leichte Rüstung aus einem lederartigen Material, das mit vielen Schnallen und Riemen besetzt war. Eine dunkle Kappe bedeckte sein Haar und warf einen tiefen Schatten über das Gesicht, das so unerkannt blieb. Über seiner Schulter hing ein Köcher mit einigen Pfeilen. Den dazugehörigen eisernen Bogen hielt der Fremde  schussbereit in der Hand.  Geduckt näherte er sich meiner Zelle, wobei er sich vorsichtig nach beiden Seiten absicherte und sich dann vollends aufrichtete, nachdem er sicher sein konnte, dass im Moment keinerlei Gefahr drohte.
   Langsam warf der Fremde die Kappe zurück und zeigte mir sein Gesicht, das von einer Flut leuchtendroter Haare umrahmt wurde. Ich kannte es!
   “Amandil,” flüsterte ich.
   Unbeeindruckt davon, dass ich seinen Namen kannte, spannte der Waldelf seinen Bogen und flüsterte: “Sithis verlangt es!”
   Ich schloss die Augen und erwartete bebend den Pfeil, der von der Sehne schnellend im nächsten Augenblick den Weg in mein Herz finden würde, doch der Augenblick verstrich und ich lebte immer noch.
   Als ich die Augen  wieder öffnete, war mein gegenüber verschwunden, doch nur kurze Zeit darauf hörte ich seine leise Stimme, die mich aufforderte, von der Zellentür zurück zu treten. Ich tat, wie mir geheißen und hörte, wie Amandil die Tür mit einem Schlüssel öffnete. Dann stand er vor mir.
   “Nimm dies, du wirst es brauchen,” mit diesen Worten steckte er mir einige Heiltränke, zwei Dietriche und ein  Stück Pergament in die Hand. “Ich habe dir den Weg eingezeichnet, der durch die Kanalisation nach draußen führt! Bleibe im Dunkeln und achte auf die Wachen! Akatosh möge mit dir sein!”
   Er wandte sich ab. Ich griff nach seinem Arm.
   “Warum tust du das? Warum hast du mich nicht getötet?”
   Ein Lächeln huschte über seine sanften, fast femininen Gesichtszüge.
   “Ich verschonte dein Leben, weil es mir richtig erschien!” Er griff nach einem Dolch und bevor ich mich auch nur rühren konnte, glitt die Klinge über meinen Unterarm. Blut quoll aus dem tiefen Schnitt und glänzte im Widerschein der Fackel rotgolden auf der Schneide . Befriedigt betrachtete er das Ergebnis.
   “Eigentlich verlangt Sithis deinen Tod, doch ich denke, ich werde seine Gelüste  auch mit deinem Blut besänftigen können. Akatosh allein weiß, ob mir die Täuschung gelingt und welchen Preis ich dafür zu zahlen habe, sollte mein Schwindel auffliegen. Du solltest jetzt besser gehen, bevor eine Wache hier unten auftaucht!”
    Die Heiltränke an meine Brust pressend stolperte ich vorwärts und sah noch einmal zurück, wo ich Amandil in der Zelle, in der ich den Tod finden sollte, einen Zauber wirken sah. Kurz darauf zog er einen Körper, der meinem sehr ähnelte, tief ins innere der Zelle. Ohne mich ein weiteres mal umzusehen hastete ich durch die Zelle in den geheimen Gang und nahm den Weg, den auch schon  Kaiser Uriel Septim gegangen war. Schließlich, nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, stand ich endlich im Freien, die unendlichen Weiten der Wälder und Wiesen Cyrodiils vor mir. Die Sonne Tamriels schien  warm und freundlich in mein Gesicht. Ich war frei…



So, endlich fertig! Zwar später als angekündigt, aber fertig! Ich hoffe, man verzeiht mir die eine oder andere künstlerische Freiheit, die ich mir genommen habe... ;) freue mich natürlich wie immer über Kritik und Kommentare! Ran an die Tasten! :D
  23.04.2006, 22:19
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  • Reisender
    • Neuling
Ich fands wieder ganz lustig aber um ehrlich zu sein fand ich den ersten Teil besser.
  23.04.2006, 23:06
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  • Skelett-Magier
    • Untot
Zu schön, Valen Dreth ;)

Ist eine sehr schöne Geschichte geworden.

Aber das mit dem Mord hättest du noch besser bringen können, indem du dich vorher daran erinnerst, von wegen, war da nicht so ein q, wo man valen töten sollte ;)
Meine Signatur war 17 Pixel  :ugly: zu hoch, nach einer so langen Zeit...  oO :censored:
Aber was soll man machen :| nun bleibt mir nur noch eins, ich brauch ne neue ;), wer Vorschläge hat, PN an mich oder den Papst  :er-wars:.
Solange :wayne: :frieden:
  24.04.2006, 08:34
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